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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XXXIV.

Nach diesem Abend vermied es Mr. Heathcliff für ein paar Tage, mit uns zu speisen; aber statt Hareton und Cathy hinauszuweisen, zog er es vor, sich selbst zu entfernen; eine Mahlzeit innerhalb vierundzwanzig Stunden schien genug zu sein für ihn.

Eines Nachts, als alles schon zu Bett war, hörte ich ihn die Treppe hinunter- und aus der vorderen Haustür hinausgehen. Ich hörte ihn nicht wieder eintreten, und am Morgen sah ich, daß er noch immer nicht zurückgekehrt war. Wir hatten damals April. Das Wetter war warm und mild, das Gras so grün, wie es nur im Frühlingsregen und in Frühlingssonne sein kann, und die beiden zwerghaften Äpfelbäume an der südlichen Mauer standen in voller Blüte. Nach dem Frühstück verlangte Catherine, daß ich einen Stuhl in den Garten nehmen und mich mit meiner Arbeit unter die Kiefern am Ende des Hauses setzen solle; und sie bat Hareton, der von seinem Unfall nun völlig genesen war, in ihrem kleinen Garten zu arbeiten, den man auf Josefs Klagen hin an diese Hausecke verlegt hatte. Ich genoß den wundervollen Frühlingsduft, das sanfte Himmelsblau, den Vogeljubel; da kam meine junge Herrin eilig angelaufen. Sie war zum Tor hinuntergegangen, um einige Himmelsschlüsselpflänzchen zu suchen, die sie in ihren Garten setzen wollte. Sie sah etwas verstört aus und sagte, Mr. Heathcliff sei wieder da.

»Was hat er gesagt?« fragte Hareton.

»Er sagte, ich solle ihm schleunigst aus den Augen gehen«, antwortete sie. »Aber sein Blick war so ganz anders wie sonst, daß ich einen Moment stehen blieb und ihn anstarrte.«

»Wie sah er aus?« forschte er.

»Ach, eigentlich strahlend und heiter. Nein, nicht eigentlich – sehr, sehr aufgeregt und wild und froh!« erwiderte sie.

»Diese Nachtspaziergänge sind ihm also ganz angenehm«, bemerkte ich, so gleichgültig als ich konnte. In Wahrheit war ich ebenso überrascht wie sie und begierig zu wissen, ob sie wahr gesprochen habe; denn den Herrn froh zu sehen – das war kein gewöhnlicher Anblick. Ich erfand einen Grund ins Haus zu gehen. Heathcliff stand in der offenen Tür. Er war bleich und zitterte; dennoch gewahrte ich deutlich ein frohes Glänzen in seinen Augen, das seinem ganzen Gesicht einen veränderten Ausdruck gab.

»Möchten Sie etwas frühstücken?« sagte ich. »Sie müssen hungrig sein, da Sie die ganze Nacht draußen waren!« Ich hoffte zu erfahren, wo er gewesen war, scheute mich aber, direkt zu fragen.

»Nein, ich habe keinen Hunger«, sagte er in einem Ton, als spotte er meiner Neugier.

Ich war verblüfft, und es erschien mir angebracht, ihm eine kleine Zurechtweisung zu erteilen.

»Ich halte es durchaus nicht für richtig, draußen herumzuwandern anstatt im Bett zu liegen«, bemerkte ich, »und bei so feuchter Witterung ist es geradezu unklug. Sie werden einen Schnupfen bekommen oder gar das Fieber; man sieht Ihnen schon jetzt so was an!«

»Was mich befallen hat, kann ich ertragen«, erwiderte er; »mit Entzücken sogar – vorausgesetzt, daß du mich allein läßt. Geh hinein und belästige mich nicht.«

Ich gehorchte; als ich an ihm vorbeiging, hörte ich sein Herz so schnell und heftig schlagen, wie bei einem erschreckten Kätzchen.

»Ja!« dachte ich bei mir selbst, »wir werden eine Krankheit bekommen. Ich kann mir nicht denken, was er getrieben haben mag.«

Diesen Mittag setzte er sich mit uns zu Tisch und bekam von mir einen so gehäuften Teller vorgesetzt, als beabsichtige er, tagelang zu fasten.

»Ich habe weder Schnupfen noch Fieber, Nelly«, bemerkte er, auf meine Ansprache am Morgen bezugnehmend, »und ich gedenke, mit diesem vollen Teller gründlich aufzuräumen.«

Er ergriff Messer und Gabel und wollte beginnen, als er diese Absicht plötzlich wieder vergaß. Er legte das Besteck auf den Tisch zurück, blickte angestrengt zum Fenster, erhob sich dann und ging hinaus. Während wir unser Mahl beendeten, sahen wir ihn im Garten auf und ab wandern, und Earnshaw sagte, er wolle gehen und ihn fragen, weshalb er nicht esse; er dachte, er habe ihn vielleicht irgendwie bekümmert.

»Nun, kommt er?« rief Catherine, als ihr Vetter zurückkehrte.

»Nein«, antwortete dieser, »aber er ist nicht bös; er scheint geradezu glücklich zu sein. Nur machte ich ihn ungeduldig, weil ich ihn zweimal anredete. Da hieß er mich fortgehen; zu dir solle ich gehen, sagte er, er begreife nicht, wie ich nach anderer Gesellschaft verlangen könne.«

Ich setzte seinen Teller ans Feuer. Und nach ein oder zwei Stunden trat er wieder ein, er war aber in keiner Weise ruhiger als zuvor. Die jungen Leute waren fort. Ich verhielt mich zunächst still und beobachtete ihn: derselbe unnatürliche – überirdische – Freudeglanz lag in seinen schwarzbeschatteten Augen, sein Gesicht war blutlos bleich, und hie und da zeigte er – wie in einem Lächeln – die Zähne. Sein Körper bebte, nicht wie einer vor Frostgefühl oder Schwäche bebt, sondern wie ein sfraffgespanntes Seil zittert – es war mehr ein Vibrieren als ein Zittern.

Ich will ihn fragen, was ihm fehlt, dachte ich, denn wer sollte es sonst? Und ich rief:

»Haben Sie irgend eine gute Nachricht erhalten, Mr. Heathcliff? Sie sehen so ungewöhnlich erfreut aus.«

»Woher sollten mir gute Nachrichten kommen?« sagte er. »Ich freue mich aufs Essen, weil ich Hunger habe, aber anscheinend soll ich nicht dazu kommen.«

»Ihr Essen steht hier«, erwiderte ich, »warum nehmen Sie es nicht?«

»Ich kann es jetzt nicht brauchen«, sagte er hastig. »Ich will bis zum Abend warten. Und, Nelly, ein für allemal: halte mir die zwei jungen Leute fern. Ich will von niemandem belästigt sein. Ich will diesen Raum hier für mich allein haben.«

»Haben Sie irgend eine neue Veranlassung für diese Verbannung der beiden?« fragte ich. »Weshalb sind Sie so sonderbar, Mr. Heathcliff? Wo waren Sie in vergangener Nacht? Ich fragte nicht aus purer Neugier, aber –«

»Du fragst ausschließlich aus purer Neugier«, unterbrach er mich lachend. »Doch, ich will dir Rede stehen. Letzte Nacht war ich auf der Schwelle der Hölle. Heut seh ich meinen Himmel vor Augen. Ich blicke hinein – er ist keine drei Schritte entfernt von mir. Und jetzt geh lieber. Sofern du nicht spionierst, wirst du nichts sehen oder hören, das dich erschrecken könnte.«

Ich reinigte den Herd, wischte den Tisch ab und verschwand – verblüffter noch als bisher.

Er verließ das Zimmer an diesem Nachmittag nicht mehr, und niemand störte seine Einsamkeit. Um acht Uhr hielt ich es für angebracht, ihm eine Kerze und sein Abendbrot zu bringen. Er lehnte am geöffneten Fenster, sah aber nicht hinaus. Sein Gesicht war ins unbestimmte Dunkel des Zimmers gerichtet. Das Feuer war zu Asche zusammengefallen, das Zimmer von der feuchten milden Abendluft erfüllt, und es war so still, daß man das Murmeln des Quellbachs drunten in Gimmerton vernehmen konnte. Ich begann die Fenster eines nach dem anderen zu schließen, bis ich an das seine kam.

»Soll ich dies Fenster auch schließen?« fragte ich, da er sich nicht rührte.

Das Licht meiner Kerze fiel voll auf seine Züge. O, Mr. Lockwood, ich kann gar nicht sagen, wie mich sein Anblick entsetzte! Diese tiefen schwarzen Augen! Dies gräßliche Lächeln, die gespenstisch bleiche Gesichtsfarbe! Ich meinte, einen fürchterlichen Dämon vor mir zu sehen, und vor Schreck hielt ich die Kerze schief, so daß sie an der Wand verlöschte.

»Ja, schließe es«, erwiderte er. »Warum hast du das Licht verlöscht? Geh und bring eine neue Kerze.«

Ich jagte in kindischem Entsetzen hinaus und sagte zu Josef:

»Der Herr wünscht, daß Ihr ihm ein Licht bringt und das Feuer wieder anmacht«. Denn ich wagte mich nicht wieder zu ihm hinein.

Josef füllte eine Kohlenschaufel mit Glut und ging; aber er kam gleich zurück und brachte auch Mr. Heathcliffs Abendessen unberührt in die Küche. Der Herr gehe zu Bett, sagte er, und wolle nichts mehr essen. Wir hörten ihn die Treppe hinaufgehen; er wandte sich nicht nach seinem Zimmer, sondern trat in das Gemach, in dem das Kutschbett stand. Wie ich früher schon sagte, hat dies Zimmer eine Fensteröffnung, die breit genug ist, um einen Menschen hindurchzulassen, und ich dachte sofort, er plane also wiederum einen nächtlichen Ausflug, den er aber diesmal vor uns geheimhalten wolle.

»Ist er ein Teufel oder ein Vampyr?« grübelte ich. Von solchen fleischgewordenen Dämonen hatte ich nämlich gelesen. Und ich setzte mich und dachte darüber nach, wie ich seine Kindheit gehütet hatte, den Jüngling heranwachsen sah – und ich vergegenwärtigte mir seinen ganzen Lebenslauf, soweit ich ihn kannte. Welch toller Unsinn war es doch, mich so vor ihm zu entsetzen. »Wo aber kam es denn her, das kleine schwarze Ding, das der gute alte Mann zu seinem Verderben, zum Unglück seiner Kinder sogar, mitleidig in sein Haus genommen hatte?« raunte der Verdacht, als ich langsam in Schlaf nickte. Und so, halb träumend, versuchte ich, mir ein Bild seiner Eltern zu entwerfen. Wieder dachte ich seinem ganzen Leben nach und dachte es zu Ende, malte mir seinen Tod, sein Begräbnis. Bei letzterem war es besonders ein Umstand, der mich sehr beschäftigte und kränkte: ich mußte für seinen Grabstein eine Inschrift ersinnen und unterhandelte darüber mit dem Totengräber. Da wir aber sein Alter nicht kannten, und da er keinen Vaternamen besaß, mußten wir uns mit dem einen Wort »Heathcliff« begnügen. Und so geschah es auch in Wahrheit. Wenn Sie auf den Kirchhof gehen und sein Grab besuchen würden, so könnten Sie sich davon überzeugen. Der Grabstein trägt nur diesen Namen und das Datum seines Todes.

Die Morgendämmerung brachte mich wieder zur Vernunft. Ich erhob mich und ging in den Garten, sobald es hell genug war, um zu sehen, ob unter dem Fenster Fußtritte zu finden seien. Es waren keine da. Er ist also dageblieben, dachte ich, und wird heut wieder sein wie immer! Ich richtete das Frühstück für uns alle, wie ich das immer tat, und rief dann Hareton und Catherine. Ich wünschte, sie sollten diesmal allein frühstücken, der Herr sollte sich einmal ausschlafen. Die jungen Leute wollten im Garten unter den Bäumen sitzen, ich trug ihnen also das Mahl hinaus.

Bei meinem Wiedereintritt fand ich Mr. Heathcliff bereits unten. Er besprach mit Josef irgend eine geschäftliche Angelegenheit. Er sprach klar und sachlich und gab allerlei Anweisungen. Aber er wandte den Kopf fortwährend hin und her und hatte denselben exaltierten Ausdruck wie Tags zuvor. Als Josef das Zimmer verlassen hatte, setzte er sich an seinen gewohnten Platz am Tisch, und ich stellte eine Tasse Kaffee vor ihn hin. Er zog sie näher zu sich, stützte die Arme auf den Tisch und vertiefte sich in die Betrachtung der gegenüberliegenden Wand. Seine unruhigen Augen schienen dort eine bestimmte Stelle zu beobachten, und er tat das mit so leidenschaftlichem Interesse, daß er halbe Minuten lang das Atmen vergaß.

»Kommen Sie«, sagte ich, ihm das Brot zuschiebend. »Sie müssen essen und trinken.«

Er beachtete mich nicht – und doch lächelte er. Ich hätte ihn lieber Zähneknirschen als so lächeln gesehen.

»Mr. Heathcliff! Herr!« schrie ich, »um Himmelswillen, was starren Sie denn so an? Sie blicken ja, als sähen Sie eine Geistererscheinung.«

»Du darfst ja nicht so laut rufen«, erwiderte er. »Sieh dich um; sind wir allein?«

»Natürlich«, war meine Antwort; »natürlich sind wir allein.«

Trotzdem gehorchte ich ihm unwillkürlich. Er schob Tasse und Brot wieder beiseite und beugte sich über den Tisch, um besser zu sehen.

Jetzt sah ich, daß er nicht zur Wand blickte, sondern vielmehr auf irgend etwas, das kaum zwei Meter von ihm entfernt war. Was es auch sein mochte, es verursachte ihm offenbar sowohl unerhörte Freude wie namenlose Qual, das verriet der tief schmerzliche und doch verzückte Ausdruck seiner Mienen. Der Gegenstand seiner Betrachtung war nicht feststehend, denn seine Augen glitten unermüdlich hin und her; selbst wenn er mit mir sprach, sah er mich nicht an, sondern folgte mit den Blicken seinem Phantom. Ich erinnerte ihn wiederholt an sein unangebracht langes Fasten, ich ermahnte ihn, endlich etwas zu genießen. Wenn er jedoch nach der Tasse oder nach dem Brot greifen wollte, wenn er schon die Hand ausgestreckt hatte, so schlossen sich seine Finger, noch ehe sie etwas erfaßt hatten, und lagen müde auf dem Tisch – sie wußten nicht mehr, was ihre Absicht gewesen war.

Mit musterhafter Geduld versuchte ich stets von neuem, seine Aufmerksamkeit zu fesseln, bis er endlich ungeduldig wurde, aufstand und fragte, warum ich ihm nicht gestatte, die Mahlzeiten nach seinem eigenen Belieben zu halten. Ein andermal brauche ich nicht wartend dazusitzen, sagte er, sondern ich solle die Sachen hinstellen und mich entfernen. Nach diesen Worten verließ er das Haus, schlenderte langsam den Gartenweg hinunter und verschwand durch das Tor.

Die Stunden krochen langsam, angstvoll, dahin. Ein neuer Abend kam. Erst spät begab ich mich zur Ruhe, und auch dann konnte ich nicht schlafen. Er kam erst nach Mittemacht zurück, und statt hinaufzugehen auf sein Zimmer, ging er unten ins Wohnzimmer. Ich horchte, warf mich hin und her, und schließlich zog ich mich an und ging hinunter. Es war zu qualvoll, im Bett zu liegen und mir das Hirn zu zermartern.

Ich hörte ihn rastlos auf und ab gehen; ab und zu stieß er einen tiefen Seufzer aus – es klang wie grollendes Stöhnen. Auch einzelne Worte vernahm ich, verstand aber nur den Namen Catherine, verbunden mit Lauten der Liebkosung oder des Schmerzes. Er sprach wie mit einem lebendigen Menschen: leise und ernst und mit seelenvoller Innigkeit. Ich hatte nicht den Mut, einfach hineinzugehen zu ihm; aber ich hätte ihn gern aus seinen Träumen gerissen. Ich verfiel daher darauf, das Küchenfeuer wieder anzufachen, stöberte in der Asche herum und scharrte die glühenden Kohlen zu einem Haufen zusammen. Das lockte ihn früher heraus, als ich erwartet hatte. Er öffnete die Tür und sagte:

»Nelly, komm her – ist es schon Morgen? Komm herein mit dem Licht.«

»Es schlägt gerade vier«, antwortete ich. »Sie brauchen ein Licht, um hinaufzugehen? Sie können sich hier am Feuer eine Kerze anzünden.«

»Nein, ich will nicht hinaufgehen«, sagte er. »Komm herein und mach hier ein Feuer und bring das Zimmer in Ordnung.«

»Ich muß zunächst die Kohlen in Glut bringen«, erwiderte ich und holte einen Blasebalg.

Er ging indessen hin und her, als wolle er sich zerstreuen, ermuntern. Seine schweren Seufzer folgten einander so rasch, wie es das Atemholen notwendig machte.

»Wenn es Tag ist, muß zum Notar geschickt werden«, sagte er. »Ich habe in Betreff meines Testamentes einiges mit ihm zu besprechen und möchte das tun, solange ich mich noch zwingen kann, an dergleichen zu denken. Ich habe mein Testament noch nicht gemacht und kann zu keiner Entscheidung kommen. Ich wollte, ich könnte mein Hab und Gut von der Erde verschwinden lassen.«

»Sie sollten nicht so reden, Mr. Heathcliff', fiel ich ein. »Sie werden noch viel Zeit haben, manches, nein viel Unrecht zu bereuen. Ich hätte nie erwartet, daß Ihre Nerven in Unordnung geraten könnten, sie scheinen aber momentan sehr angegriffen zu sein, und das ganz durch Ihr eigenes Verschulden. Die Art und Weise, wie Sie diese letzten drei Tage verbracht haben könnte einen Titan umwerfen. Genießen Sie etwas und ruhen Sie sich aus. Blicken Sie in den Spiegel, und Sie werden sehen, wie nötig beides Ihnen ist. Ihre Wangen sind hohl, Ihre Augen blutunterlaufen, wie bei jemandem, der vor Hunger und Schlaflosigkeit nahe daran ist, zusammenzubrechen.«

»Es ist nicht meine Schuld«, erwiderte er, »daß ich weder essen noch schlafen kann. Sobald es mir möglich ist, will ich beides tun. Aber ebensogut könntest du einem Mann, der mit den Wogen ringt, schon um Armeslänge dem Ufer nahe ist, Ruhe gebieten! Zuerst muß ich ans Ufer kommen, dann will ich ruhen. Und was das Bereuen anbetrifft: ich bereue nichts. Ich bin zu glücklich – und dennoch nicht glücklich genug. Das Entzücken meiner Seele tötet meinen Leib, aber es findet kein Genüge.«

»Glücklich, Herr?« rief ich. »Ein seltsames Glück! Wenn Sie mich anhören wollten, ohne böse zu werden, könnte ich Ihnen wohl einen Rat zu wahrem Glücklichsein geben.«

»Welchen Rat?« fragte er. »Sprich nur.«

»Sie wissen selbst, Mr. Heathcliff«, sagte ich, »daß Sie seit Ihrem dreizehnten Lebensjahr ein selbstsüchtiges, unchristliches Leben geführt haben. Würde es Sie verletzen, wenn man – nach einem Geistlichen schickte – der Sie wieder mit den Worten der Bibel vertraut machen und Ihnen zeigen würde, wie weit Sie vom rechten Wege abgeirrt sind, und wie fern Sie dem himmlischen Glücke sind, es sei denn, daß Sie vor Ihrem Tode sich völlig änderten?«

»Ich bin dir eher dankbar, Nelly, als böse«, sagte er, »denn du erinnerst mich daran, wie ich begraben sein möchte. Ich will des abends zum Kirchhof getragen werden. Du und Hareton, ihr mögt mit mir gehen, wenn ihr wollt. Und achte wohl darauf, daß der Totengräber meinen Anordnungen in bezug auf die beiden Särge nachkommt. Ein Priester braucht nicht zu kommen; überhaupt brauchen keine Reden gehalten zu werden. – Ich sage dir, ich habe meinen Himmel fast erreicht; und der Himmel der anderen ist mir ganz wertlos und gleichgültig.«

»Und angenommen, Sie würden so weiterfasten und sich damit umbringen und man würde sich weigern, Sie in geweihte Erde zu betten?« sagte ich, von seiner Gottlosigkeit entsetzt. »Wie würde Ihnen das gefallen?«

»Das werden sie nicht tun«, erwiderte er. »Und wenn sie es täten, mußt du mich heimlich wieder ausgraben und an den gewünschten Ort bringen lassen. Und wenn du das nicht tust, so wirst du es an dir selbst erfahren, daß die Toten nicht umkommen können!«

Sobald er die anderen Hausbewohner kommen hörte, zog er sich in sein Zimmer zurück, und ich atmete freier. Am Nachmittag aber, als Josef und Hareton draußen an der Arbeit waren, kam er mit flackernden Augen zu mir in. die Küche und bat mich, mich zu ihm ins Wohnzimmer zu setzen: er brauche einen Menschen um sich. Ich weigerte mich, sagte ihm offen, daß sein seltsames Benehmen mich erschrecke und daß ich weder Nerven noch Lust hätte, ganz allein mit ihm zu sein.

»Ich glaube, du hältst mich für den Teufel selber«, sagte er mit bösem Lachen. Dann wandte er sich an Catherine, die sich hinter meinem Rücken zu verbergen suchte: »Willst du kommen, Kücken? Ich werde dir nichts tun. Nein, dir habe ich mich schlimmer als ein Teufel bewiesen. Nun, eine weiß ich, die mich nicht flieht! Bei Gott, sie ist unbarmherzig! O, verflucht! Es ist mehr, als Fleisch und Blut ertragen kann – mehr als selbst ich ertragen kann.«

Er verlangte nun nicht mehr nach Gesellschaft Bei Dunkelwerden ging er auf sein Zimmer. Die ganze Nacht durch hörten wir ihn grollen und murren. Hareton wollte zu ihm gehen, aber ich bat ihn, Mr. Kenneth zu holen, damit dieser nach ihm sehe. Als er kam und ich um Einlaß bat und die Tür öffnen wollte; fand ich sie verschlossen, und Heathcliff sagte, wir sollten uns zum Teufel scheren, es gehe ihm besser und er wolle allein gelassen sein. So ging der Arzt also wieder fort

Der folgende Abend war sehr naß. Es goß die Nacht über in Strömen. Als ich morgens meine Runde ums Haus machte, gewahrte ich, daß des Herrn Fenster weit offen stand und daß der Regen voll ins Zimmer peitschte. Er kann nicht im Bett sein, dachte ich, diese Schauer würden ihn ganz durchnässen. Entweder ist er schon aufgestanden oder überhaupt gar nicht mehr im Zimmer. Ich will mutig sein und nachsehen.«

Nachdem es mir gelungen war, die verschlossene Tür mit einem meiner Schlüssel zu öffnen, eilte ich, den Kutschenschlag zu öffnen, denn das Zimmer war leer. Ich riß ihn auf und spähte in das Wagenbett. Da lag Mr. Heathcliff – lang auf dem Rücken. Seine Augen blickten so hart und streng; ich fuhr zusammen. Und dann schien er zu lächeln. Ich konnte ihn nicht für tot halten, aber sein Gesicht, sein Hals waren vom Regen bespült. Die Leintücher trieften, und er rührte sich nicht. Die Fensterscheibe, die hin und her schwang, hatte seine Hand zerkratzt. Aus den Wunden sickerte kein Blut, und als ich die Hand berührte, konnte ich nicht länger zweifeln: er war steif und tot!

Ich schloß das Fenster. Ich kämmte ihm das lange Haar aus der Stirn. Ich versuchte, seine Augen zu schließen, wenn möglich den Blicken der anderen das gräßliche Frohlocken dieser dämonischen Augen zu verbergen. Sie gehorchten meinen Bemühungen nicht; sie schienen mich zu verhöhnen, zu grinsen. Und seine geöffneten Lippen und spitzen weißen Zähne grinsten ebenfalls. Wieder ergriff mich ein Anfall von Feigheit. Ich rief nach Josef. Er schlurfte herauf und schimpfte, weigerte sich aber, ihn anzurühren. Der alte Sünder grinste auch – vor höhnischer Befriedigung. Er sah aus, als wolle er vor Freude einen Bocksprung machen. Aber er besann sich schnell, fiel auf die Kniee, hob die Hände und dankte dem Himmel, daß der rechtmäßige Gutsherr und dessen ehrwürdiges Geschlecht wieder in seine Rechte eingesetzt sei.

Das schreckliche Ereignis schmetterte mich ganz nieder, doch der arme Hareton, dem von Heathcliff am übelsten mitgespielt worden war, war der einzige, der wirklich litt. Er saß, bitterlich weinend, die ganze Nacht bei der Leiche, preßte die steife Hand, küßte das sarkastische, grausame Antlitz, vor dem jeder andere zurückschrak, und klagte in aufrichtigem Leid eines edelmütigen Herzens.

Mr. Kenneth war in Verlegenheit, welche Todesursache er angeben solle. Ich verbarg die Tatsache, daß der Tote vier Tage lang nichts zu sich genommen hatte; ich fürchtete, es könne zu Ungelegenheiten führen. Und dann – ich bin überzeugt, daß er nicht absichtlich fastete, ich hielt dies vielmehr für die Folge seiner merkwürdigen Krankheit, nicht für die Ursache.

Wir begruben ihn ganz nach seinem Wunsch – zum Entsetzen aller Nachbarn. Earnshaw und ich, der Totengräber und sechs Sargträger bildeten das Geleit. Die sechs Männer gingen, nachdem sie den Sarg in die Grube gelassen hatten. Wir blieben, bis diese geschlossen war. Hareton weinte heiß und stach grüne Rasenstücke ab, die er sorgsam auf die braune weiche Erde legte. Jetzt ist das Grab so sanft und grün wie die anderen beiden daneben, und ich hoffe, sein Insasse schläft ebenso friedlich. Die Landbevölkerung aber schwört, daß er » umgeht«. Es gibt Leute, die ihn nahe der Kirche und auf der Heide und sogar hier im Hause gesehen haben wollen. Dummes Geschwätz, werden Sie sagen, und so sage auch ich. Dennoch versichert der alte Mann, der da beim Feuer hockt, daß er aus Heathcliffs Fenster in jeder Regennacht zweie herauslugen sieht. Und mir selbst begegnete vor etwa einem Monat etwas Seltsames. Es war an einem dunklen gewitterschwülen Abend; ich befand mich auf dem Weg nach Drosselkreuz. Als ich hinter den Hügeln hervorkam, traf ich auf einen kleinen Jungen, der ein Schaf und zwei kleine Lämmchen bei sich hatte. Er weinte schrecklich, und ich nahm an, die Lämmchen seien störrisch und wollten nicht heimgehen.

»Was fehlt dir, kleiner Mann?« fragte ich.

»Da ist der Heathcliff und eine Frau, da drunten«, schluchzte er. »Ich habe so Angst, an ihnen vorbeizugehen.«

Ich sah nichts; aber weder die Schafe noch er wollten vorwärts. Ich führte ihn also auf einen anderen Weg. Wahrscheinlich waren ihm bei seinem einsamen Gang übers Moor all die abenteuerlichen Geschichten eingefallen, die unter den Bauern über Heathcliff geschwatzt werden. Dennoch – ich liebe es seitdem nicht, im Dunkeln draußen zu sein, und ich liebe es nicht, hier in diesem düsteren Haus allein zu sein. Ich werde froh sein, wenn wir wieder nach Drosselkreuz übersiedeln.«

»So; wird die Familie auf den Drosselkreuzhof ziehen?« fragte ich.

»Ja«, erwiderte Mrs. Dean, »sobald sie geheiratet haben, und die Trauung wird am Neujahrstag stattfinden.«

»Und wer wird dann hier wohnen?«

»Josef wird das Haus verwalten, und man wird ihm einen Buben zur Hilfe geben. Sie werden in der Küche hausen, und die anderen Räume wird man abschließen.«

»Zur gefälligen Benutzung der Gespenster«, bemerkte ich.

»Nein, Mr. Lockwood«, sagte Nelly, kopfschüttelnd, »ich glaube, die Toten ruhen in Frieden. Aber es ist nicht recht, leichtfertig über solche Dinge zu reden.«

In diesem Augenblick hörten wir das Gartentor zuschlagen; die Spaziergänger kamen zurück.

»Die fürchten sich vor nichts«, sagte ich, als ich sie vom Fenster aus herankommen sah. »Ich glaube, sie würden Satan mitsamt all seinen Legionen trotzen, wenn sie nur beisammen sind.«

Als sie auf die Türschwelle traten und stehen blieben, um noch einen letzten Blick auf den Mond zu werfen – oder richtiger: um einander noch einmal ins Auge zu sehen – fühlte ich von neuem ein Verlangen, ihnen auszuweichen. Ich drückte Mrs. Dean ein Geldstück in die Hand und eilte, ihrer gekränkten Vorwürfe nicht achtend, hinaus. Und so wäre Josef wohl in seinem Glauben über den leichten Charakter seiner Dienstgenossin durch meine Flucht bestärkt worden, hätte nicht der süße Klang eines Silberstücks zu seinen Füßen ihn davon überzeugt, daß ich ein edler Mensch sei.

Auf dem Heimweg besuchte ich den Kirchhof. Ich suchte und fand bald die drei Grabsteine am Rand der Heide: der mittelste grau und halb im Heidekraut begraben. Auch an Edgar Lintons Hügel krochen schon Gras und Kraut hinauf; Heathcliffs lag fast noch kahl.

Ich stand und betrachtete diese Gräber lange Zeit. Kleine Motten flatterten von Glockenblume zu Heideblüte, ein sanfter Wind hauchte durchs Gras – es schien mir unfaßbar, daß die Schläfer, die hier in so gesegnet stiller Erde ruhten, rastlos, schlummerlos sein sollten.

 

Ende.

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