Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emely Brontë >

Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
Schließen

Navigation:

XXXIII.

Am folgenden Morgen – am Montag also – lernte ich schnell begreifen, daß meine Schutzbefohlene sich nicht mehr an meine Seite fesseln ließ. Earnshaw konnte noch nicht seinen Arbeiten nachgehen und hantierte statt dessen im Garten herum. Als Cathy ihn entdeckte, stürzte sie eilig hinunter. Als ich sie dann später zum Frühstück rief, gewahrte ich, daß sie ihn überredet hatte, von einem ziemlich großen Beet die Johannis- und Stachelbeersträucher auszuheben, und daß sie nun dabei waren, von Drosselkreuz herübergeschmuggelte Blumen einzusetzen.

Ich war entsetzt über die Verwüstung, die sie in kaum einer halben Stunde angerichtet hatten. Die schwarzen Johannisbeersträucher hütete Josef wie seinen Augapfel, er würde untröstlich sein.

»Ah! das wird alles dem Herrn gezeigt werden«, rief ich. »Wie konnten Sie sich ein solches Verfügungsrecht über den Garten anmaßen? Wir werden ein schönes Unwetter zu überstehen haben.«

Wir alle nahmen unsere Mahlzeiten mit Mr. Heathcliff ein. Catherine pflegte dann an meiner Seite zu sitzen, heut aber rückte sie näher zu Hareton, und ich sah sofort, daß sie aus ihrer neugebackenen Freundschaft ebensowenig ein Hehl machen werde wie früher aus ihrer Feindschaft.

»Hüten Sie sich nur, allzuviel mit Ihrem Vetter zu schwatzen«, flüsterte ich ihr zu, als wir das Zimmer betraten. »Mr. Heathcliff würde sich sicherlich darüber ärgern und vielleicht sehr wütend werden.«

»Ich werde wie ein Mäuschen sein«, antwortete sie.

In der nächsten Minute war sie dicht zu Hareton gerückt und streute die abgerissenen Köpfchen einer Handvoll Schlüsselblumen in seinen Suppennapf.

Er wagte nicht ein Wort zu sagen, er wagte kaum sie anzusehen, und sie fuhr mit ihren Spaßen fort; zweimal war er nahe daran, in Lachen auszubrechen. Ich runzelte die Stirn, was sie veranlaßte, zum Herrn hinüberzublicken. Aber sein Geist weilte bei anderen, fernen Dingen, und sie wurde einen Augenblick still und musterte ihn mit tiefem Ernst. Bald aber begann sie wieder mit ihren Neckereien, und schließlich lachte Hareton leise auf. Mr. Heathcliff schrak zusammen, sein Blick überflog uns musternd. Catherine begegnete demselben mit ihrem gewohnten Ausdruck von Trotz und geheimer Angst, den er verabscheute.

»Es ist gut, daß du so weit fort bist von mir!« rief er aus. »Bist du vom Teufel besessen, daß du es wagst, mich so niederträchtig anzustarren? Nieder mit den Augen! Und erinnere mich nicht noch einmal an deine Gegenwart. Ich dachte, das Lachen hätte ich dir abgewöhnt.«

» Ich habe gelacht«, murmelte Hareton.

»Was sagst du?« fragte der Herr.

Da erschien Josef in der Tür. Sein Mund zuckte, seine kleinen Augen funkelten. Ich sah sofort, daß er die an seinen geliebten Sträuchern begangene Untat entdeckt hatte. Und er begann:

»Eich muß mei Lohn honn, eich muß gehn! Eich war gärn blieb, wo eich jetz schun sechzig Johr gedient honn, un eich daacht', eich schließ mei heilige Biecher in die Speicherkammer in un all mei bische Eigentum und sie sulle die Kich' for sich allän honn, um des liewen Friedens wille. Et is schwer, meine Platz am Feier uffzegäwe, awer eich daacht', dat kinnt eich dhun. Awer jetz – sie hot mer meine Gaarde weggenumm, ausertrahn! Ehr megt wühl de ›Spaß‹ entschullige, un dat werd't Ehr aach – eich bin su wat nit gewohnt, un en alder Mann kann sich an so neie Dinge nit gewiehne. Liewer will eich mei Brot uff der Strooß suche – als Stäänklopper!«

»Also, du Idiot!« fiel Heathcliff ein, »mach's kurz! Was hast du für Kummer? Ich menge mich nicht in deine Streitereien mit Nelly; meinethalben kann sie dich ins Ofenloch stecken!«

»Et is nit Nelly! Nä, iewer die dhät eich nit schwätze – su schlimm se aach is. Gottlob! die kann känem meh de Kopp verdrehn, die is niemols su hibsch gewes'. Do, die niererträchtig Prinzessin is et, die unsen Borsch behext hot, bis er – nä – et bricht mer dat Herz! Er hot alles vergeß, wat eich for ihn gedhon honn, un geht un reißt mer en ganz Reih' vun de scheenste Stachelbeerstraicher eraus!« Und hier brach er in ein hilfloses Jammern aus, so sehr hatte Earnshaws Undankbarkeit ihn verletzt.

»Ist der Kerl betrunken?« fragte Mr. Heathcliff. »Hareton, bist du es, den er anklagt?«

»Ich habe so zwei, drei Büsche, herausgenommen«, sagte der junge Mann, »aber ich werde sie wieder einsetzen.«

»Und weshalb hast du das getan?« fragte der Herr.

Catherine mischte sich ein.

»Wir wollten gerade dort ein paar Blumen hinpflanzen«, rief sie. »Es ist meine Schuld, denn ich hatte ihn darum gebeten.«

»Und wer zum Teufel gab dir Erlaubnis, irgend etwas hier anzurühren, he?« fragte ihr Schwiegervater höchst erstaunt. »Und wer gebot dir, ihr zu gehorchen?« wandte er sich an Hareton.

Letzterer war sprachlos; seine Cousine antwortete:

»Sie sollten wegen dieses Fleckchens Erde wirklich nicht so viel Worte machen, da Sie mir doch all mein Land weggenommen haben!«

»Dein Land, unverschämtes Ding? Du hast nie Land besessen«, sagte Heathcliff.

»Und mein Geld«, fuhr sie fort, während sie seinen zornigen Blick erwiderte.

»Still!« rief er. »Geh aus dem Zimmer!«

»Und Haretons Land und sein Geld«, trumpfte sie auf. »Hareton und ich sind jetzt Freunde, und ich werde ihm alles erzählen, was ich von Ihrem Vergehen weiß!«

Der Herr schien einen Augenblick bestürzt. Er wurde bleich und erhob sich; aus seinen Blicken flammte ein wilder Haß.

»Wenn Sie mich schlagen, wird Hareton Sie schlagen«, sagte sie; »also setzen Sie sich lieber wieder hin.«

»Wenn Hareton dich nicht sofort hinauswirft, so werde ich ihn zur Hölle befördern«, donnerte Heathcliff. »Verfluchte Hexe! Meintest du, du könntest ihn aufbringen gegen mich? Weg mit ihr! Hörst du nicht? Wirf sie in die Küche! Ellen Dean, ich bringe sie um, wenn du sie mir noch mal vor die Augen kommen läßt!«

Hareton versuchte flüsternd Catherine zum Hinausgehen zu bewegen.

»Weg mit ihr, reiß sie nieder!« rief Heathcliff, sinnlos vor Wut. »Willst du noch Reden halten?« Und er näherte sich ihr.

»Er wird Ihnen nicht mehr gehorchen, Sie Bösewicht«, sagte Catherine, »und er wird Sie bald ebenso verachten wie ich.«

»Still, still!« flüsterte der junge Mann vorwurfsvoll. »Ich mag solche Worte nicht hören. Gib Ruh.«

»Aber du wirst nicht dulden, daß er mich schlägt?« schrie sie.

»So komm«, sagte er ernst.

Es war zu spät. Heathcliff hatte sie gepackt.

»So, jetzt machst du, daß du hinauskommst, elender Halunke!« sagte er zu Earnshaw. »Diesmal hat sie mich in einem Moment gereizt, da ich es nicht vertragen konnte. Sie soll mir büßen dafür!«

Er griff mit der Hand in ihr dickes Haar. Hareton versuchte sie zu befreien und bat um Schonung für sie. Heathcliffs schwarze Augen loderten; es schien, als wolle er Catherine in Stücke reißen, und ich wollte gerade zu Hilfe eilen, als sich plötzlich seine Finger lösten. Seine Hand sank herab, und er starrte ihr mit unheimlichem Ausdruck ins Gesicht. Dann strich er mit der Hand über die Augen, als wolle er sich sammeln, und schließlich wandte er sich wieder zu ihr und sagte mit erzwungener Ruhe: »Du mußt vermeiden, mich in Zorn zu bringen, denn sonst werde ich dich sicher einmal umbringen. Jetzt geh und begnüge dich damit, deine Unverschämtheiten Mrs. Dean anzuvertrauen. Wenn ich Hareton Earnshaw dabei erwische, daß er deine Reden anhört, so werde ich ihn aus dem Hause jagen! Deine Zuneigung wird ihn also zum Bettler machen. Nelly, geh jetzt hinaus mit ihr; geht alle hinaus! Sofort!«

Meine junge Herrin war froh, so leicht davon gekommen zu sein, und ließ sich willig hinausführen; Earnshaw folgte, und Mr. Heathcliff hatte das Zimmer bis mittags ganz für sich allein. Ich hatte Catherine geraten, in ihrem Zimmer zu essen, aber sowie er ihren leeren Stuhl gewahrte, trug er mir auf, sie zu holen. Er sprach mit keinem von uns, aß sehr wenig und ging sofort nach Tisch ins Freie, mit dem Bemerken, daß er bis zum Abend ausbleiben werde.

Die beiden neuen Freunde machten es sich für die Stunden seiner Abwesenheit auf der Diele behaglich. Zunächst aber hörte ich, wie Hareton seiner Cousine energisch Schweigen gebot, als sie begann, ihm Heathcliffs schmähliches Verhalten gegen seinen Vater aufzudecken. Er wolle kein Wort gegen Heathcliff hören, und wenn er der Teufel selber wäre, so würde er dennoch zu ihm stehen. Catherine ärgerte sich darüber, schließlich aber begriff sie, daß Earnshaw Heathcliffs Ehre wie die eigene hütete, daß enge Bande, von der Gewohnheit geknüpft, die beiden aneinanderfesselte und daß es grausam wäre, sie lockern zu wollen.

Nach diesem Zwischenfall gaben sie sich wieder ganz ihrer Lieblingsbeschäftigung am Lehren und Lernen hin. Ich setzte mich zu ihnen und hatte meine stille Freude an ihrem glühenden Eifer. Sie waren mir ja beide wie eigene Kinder gewesen, und ich war stolz auf beide; denn Haretons ehrliche, hingebende Natur, seine natürliche Intelligenz überwanden wunderbar schnell alle Hindernisse, alle Unwissenheit, die ihn noch von Catherine trennte. Die Freude belebte seine Züge und gab ihnen einen edlen klugen Ausdruck. Ich konnte kaum glauben, daß dies derselbe Mensch war, den ich damals hier sah, als mein kleines Fräulein ihren Karawanenzug in die Berge unternommen hatte und auf Sturmheid eingekehrt war.

Während ich solchen Gedanken nachhing und die beiden lasen und schwatzten, kam die Dämmerung, und der Herr kehrte zurück. Er trat ganz unerwartet ein und überraschte uns alle drei, noch ehe wir den Blick zu ihm erhoben hatten. Nun, dachte ich, wo gibt es einen lieblicheren, harmloseren Anblick; es wäre schändlich, wenn er sie schelten würde. Das rote Licht des Feuers glühte auf ihren schönen Gesichtern und belebte ihre Züge. Sie blickten froh wie Kinder; denn obgleich er dreiundzwanzig und sie achtzehn war, so hatten beide so viel neues zu fühlen und zu lernen, daß keins von ihnen die steife Würde der Erwachsenen zeigte.

Sie blickten gleichzeitig auf und zu Mr. Heathcliff hinüber. Sie haben vielleicht nicht bemerkt, Mr. Lockwood, daß ihre Augen einander vollkommen gleichen, es sind Catherine Earnshaws Augen. Die junge Catherine hat weiter keine Ähnlichkeit mit ihr, ausgenommen die breite Stirn und einen gewissen Schwung der Nasenflügel, der ihrem Gesicht etwas unbewußt hochmütiges gibt. Bei Hareton geht die Ähnlichkeit viel weiter; sie ist ganz außerordentlich, in jenem Augenblick aber war sie geradezu überraschend, denn sein Geist war jetzt geweckt und seine Sinne glühten. Ich glaube, diese Ähnlichkeit entwaffnete Mr. Heathcliff. Er schritt eilig, gedankenvoll auf die beiden zu. Plötzlich aber erwachte er, nahm dem jungen Mann das Buch aus der Hand, betrachtete die aufgeschlagene Seite und gab es ihm dann zurück. Catherine machte er ein Zeichen, sich zu entfernen. Sie gehorchte, und ihr Freund folgte ihr; auch ich wollte gehen, aber er gebot mir, sitzen zu bleiben.

»Welch ein armseliger Schluß das nun ist, wie?« bemerkte er, »daß meine wütenden Anstrengungen so enden müssen! Ich finde Mittel und Wege, die beiden Geschlechter zu zerstören, ich arbeite wie Herkules, und wenn alles geordnet ist, alles in meiner Macht ist, so kann ich den Willen nicht mehr finden, nicht mehr die Kraft aufbringen, auch nur einen Ziegel vom Dach ihrer Häuser zu nehmen. Jetzt wäre es an der Zeit, mich an den Nachkommen meiner alten Feinde zu rächen, ich könnte es tun, und niemand könnte mich hindern. Doch was für einen Zweck hat es? Es liegt mir nichts daran, zuzuhauen, ich mag nicht einmal die Hand erheben! Ich habe die Fähigkeit verloren, mein Zerstörungswerk zu genießen und weshalb soll ich etwas tun, das mir keine Freude macht?«

»Nelly, es geht etwas Seltsames vor. Schon stehe ich im Schatten dieses Ereignisses. Mein tägliches Leben ist mir so gleichgültig, daß ich fast Essen und Trinken vergesse. Diese zwei, die eben aus dem Zimmer gingen, sind das einzige, was noch eine klare materielle Erscheinung für mich hat. Und ihr Anblick schmerzt mich, schmerzt mich oft tödlich. Von ihr will ich nicht reden, ich mag nicht an sie denken, und ich wollte wirklich, sie wäre mir aus den Augen. Sein Anblick bewegt mich in anderer Weise, und doch, auch ihn möchte ich am liebsten nie mehr sehen!« Er versuchte zu lächeln. »Wenn ich dir die tausend Ideen schildern könnte, die quälenden Gedanken, die er weckt, so würdest du das begreifen. Doch, Nelly, du wirst verschwiegen sein, und meine Seele ist solch eine Ewigkeit zum Schweigen verdammt gewesen – sie fühlt sich versucht, sich einem anderen zu eröffnen.«

»Eben, vor fünf Minuten, erschien mir Hareton wie die Personifikation meiner Jugend, nicht wie ein menschliches Wesen. Mein Empfinden zu ihm war so vielfältig ... Zunächst war es seine erschreckende Ähnlichkeit mit Catherine. Doch das berührt mich vielleicht am wenigsten. Denn was erinnerte mich nicht an sie? Ich kann nicht zu Boden schauen, ohne dort ihre Züge vor Augen zu sehen. In jeder Wolke, in jedem Baum finde ich sie; des Nachts ist sie überall im Dunkel und bei Tag erscheint sie mir wie ein Blitz in allen Menschen und Dingen. Die dümmsten, stupidesten Gesichter von Männern und Frauen – meine eigenen Züge sogar – zeigen mir Ähnlichkeit mit ihr. Die ganze Welt ist wie ein Gedächtnisbuch, ein fürchterliches Buch, das mir von ihrem Dasein spricht, und davon, daß ich sie verloren habe! Haretons Anblick war das Gespenst meiner unsterblichen Liebe, meiner verzweifelten Bemühungen, mir Recht zu verschaffen, meiner Erniedrigung, meines Stolzes, meines Glücklichseins und meiner Sehnsucht –

Aber es ist Wahnsinn, dir von solchen Gedanken zu sprechen. Ich wollte dir nur zu verstehen geben, daß seine Gegenwart keinen Segen bedeutet für mich, eher eine Steigerung meiner ewigen Qualen. Und so kommt es, daß ich wenig acht habe auf die beiden und kein Interesse mehr habe, sie zu beobachten.«

Sein Benehmen, seine Worte erschreckten mich, obgleich er mir weder als ein Sterbender noch als ein Wahnsinniger erschien. Er war ganz gesund und kräftig, sein Geist allerdings hatte sich schon in seiner Kindheit mit trüben seltsamen Dingen beschäftigt und sich abenteuerlichen Träumereien hingegeben. Für seine verstorbene Angebetete hatte er entschieden eine Monomanie, aber im übrigen waren seine Sinne so klar wie meine.

»Sie fühlen sich nicht krank, wie?« fragte ich.

»Nein, Nelly, gar nicht«, entgegnete er.

»Sie haben auch keine Angst vorm Tode?« fuhr ich fort.

»Angst? Nein!« antwortete er. »Ich habe weder Angst vor dem Tod noch ein Hoffen darauf, noch überhaupt eine Vorahnung seines Kommens. Weshalb auch? Bei meiner kräftigen Konstitution und mäßigen Lebensweise und gefahrlosen Beschäftigung, sollte ich – und werde wohl auch – auf Erden weilen, bis ich kein schwarzes Haar mehr auf dem Kopfe habe. Und doch kann ich so nicht weiterleben. Ich muß mich aufrütteln, damit ich das Atmen nicht vergesse – ja, fast muß ich mein Herz daran erinnern, daß es das Schlagen nicht vergißt! Es ist wie das gewaltsame Zurückdrängen eines kräftigen Quellstrahls: zu jeder Handlung, zum allerselbstverständlichsten Tun muß ich mich zwingen; zum Hören und Sehen muß ich mich zwingen, denn mein ganzes Sein ist nur dem einen Gedanken hingegeben, der mir die Welt bedeutet! Ich habe nur einen Wunsch, und mein ganzes Ich, all meine Fähigkeiten lechzen seiner Erfüllung entgegen. Sie haben so lange und so ausschließlich danach gelechzt, daß ich gewiß bin: sie wird kommen – und bald – denn diese Sehnsucht hat mein Dasein zerstört. Die Erwartung hat mich aufgezehrt. – Dies Bekenntnis, Nelly, hat mich nicht freier gemacht; nein, es hat mich nicht erleichtert. Aber es gibt dir vielleicht eine Erklärung für die seltsamen Stimmungen, die du bei mir gewahrst. O Gott! Es ist ein langer Kampf, ich wollte, er wäre zu Ende!«

Er begann auf- und abzugehen und sprach dabei ganz gräßliche Dinge vor sich hin, bis ich geneigt war anzunehmen, daß Gewissensbisse sein Herz in eine Hölle verwandelt hatten. Wie würde das enden? Wenn er auch bisher seinen Geisteszustand zu verbergen gewußt, so sah ich doch, daß er wahr gesprochen hatte, daß ein inneres Feuer ihn verzehrte. Aber keine Seele hätte ihm etwas angemerkt. Auch Ihnen ist das nicht aufgefallen, als Sie ihn damals sahen, Mr. Lockwood, und zu jener Zeit, von der ich hier spreche, war er ganz derselbe wie damals; nur suchte er noch mehr nach Einsamkeit und war in Gegenwart der anderen vielleicht noch lakonischer als sonst.

 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.