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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XXXII.

1802. – Diesen September war ich von einem Freund im Norden der Heidemoore zur Jagd geladen worden. Ich machte mich auf die Reise, die mich unerwarteterweise ganz in die Nähe von Gimmerton führte. Der Pferdejunge, der bei einem Gasthaus an der Landstraße meinen Gäulen einen Eimer Wasser zum Trinken bot, sagte, als ein mit frisch geernteten Eicheln hoch beladener Wagen vorüberfuhr:

»Der gehört nach Gimmerton! Die sind allemal drei Wochen später dran mit der Ernte als andre Leut.«

»Gimmerton?« wiederholte ich – mein Aufenthalt in jener Gegend war meinem Gedächtnis schon fast entschwunden. »Ah! Ich weiß. Wie weit ist es von hier?«

»So vierzehn Meilen über die Hügel; ein schlechter Weg.«

Ein plötzliches Verlangen faßte mich, Drosselkreuz wiederzusehen. Es war kaum Mittag, und ich meinte, ich könne statt in einem Gasthof auch unter meinem eignen Dach die Nacht verbringen. Außerdem konnte ich den folgenden Tag benutzen, um meine Geschäfte mit Mr. Heathcliff zu ordnen, und ersparte mir dadurch eine nochmalige Reise in diese Gegend. Ich gönnte den Pferden etwas Ruhe und beauftragte meinen Diener, sich den Weg zum Dorf genau beschreiben zu lassen. Und nach einer anstrengenden Fahrt von etwa drei Stunden erreichten wir das Dorf.

Ich ließ Wagen und Bedienung dort und wanderte allein ins Tal. Das graue Kirchlein erschien noch grauer, der Kirchhof noch einsamer als damals. Ich sah ein Heideschaf, das auf den Gräbern graste. Es war schönes, warmes Wetter, und ich genoß das wundervolle Panorama mit großem Entzücken. Wäre es August gewesen, ich glaube, ich hätte der Versuchung nicht widerstehen können, einen Monat in dieser wundervollen Abgeschiedenheit zu verbringen. Im Winter gibt es nichts trostloseres, im Sommer nichts erhaben herrlicheres als diese hügelumkränzten Täler und diese dichten sanften Heideteppiche.

Ich erreichte Drosselkreuz vor Sonnenuntergang und pochte um Einlaß. Die Leute schienen sich jedoch in das Rückgebäude zurückgezogen zu haben, denn es hörte mich niemand und aus dem Küchenschornstein kräuselte sich eine dünne blaue Rauchwelle empor. Ich ritt in den Hof. Ein kleines Mädchen saß strickend im Haustor, und ein altes Weib lehnte, gedankenvoll ein Pfeifchen schmauchend, daneben.

»Ist Mrs. Dean zu Haus?« fragte ich die Alte.

»Mrs. Dean? Nein!« antwortete sie. »Die wohnt nicht hier. Die ist auf Sturmheid drüben.«

»Sind Sie also die Hausverwalterin?« fuhr ich fort.

»Ja, das bin ich«, erwiderte sie.

»Also, ich bin Mr. Lockwood, der Herr. Habt Ihr wohl ein Zimmer für mich, das brauchbar ist? Ich will über Nacht hier bleiben.«

»Der Herr!« rief sie ganz erstaunt. »Ja, wer konnte denn das wissen! Ihr hättet Nachricht geben müssen, Euch anmelden müssen. Da ist gar kein anständiges Zimmer zu haben jetzt, alles ist feucht und verstaubt.«

Sie warf die Pfeife weg und schob ins Haus. Das kleine Mädchen und ich folgten ihr. Ich sah bald, daß ihr Bericht den Tatsachen entsprach, und daß ich überdies durch mein unwillkommenes Erscheinen die Alte ganz kopflos gemacht hatte. Ich hieß sie also sich beruhigen; ich würde einen Spaziergang machen, sagte ich ihr, und inzwischen müsse sie in einem einigermaßen wohnlichen Raum einen Winkel herrichten, in dem ich zu Nacht speisen könne, und auch ein Schlafzimmer müsse sie vorbereiten. Kein Kehren und Abstäuben, das bäte ich mir aus – nur ein gutes Feuer und saubere Wäsche! Sie war unglaublich konfus, ich machte mich daher sofort wieder davon, in der Hoffnung, sie werde ohne meine bedrückende Gegenwart schon mit dem Auftrag fertig werden. Sturmheid sollte das Ziel meines Ausflugs sein. Als ich den Hof durchschritt, fiel mir noch etwas ein. Ich kehrte um:

»Alles wohl auf Sturmheid?« fragte ich das Weib.

»Was weiß ich!« antwortete sie und eilte mit einer Schaufel glühender Kohlen weiter.

Ich hatte fragen wollen, weshalb Mrs. Dean Drosselkreuz verlassen hatte, aber es war unmöglich, in so kritischer Stunde der Alten eine brauchbare Antwort zu entlocken. Ich wandte mich also ab und machte mich auf den Weg. Ich wanderte langsam dahin, hinter mir flammte ein prächtiger Sonnenuntergang, vor mir hob sich der Mond in mildem Glanz. Ehe ich auf Sturmheid ankam, zeigte der westliche Himmel nur mehr ein glanzlos gelbes Licht, aber der strahlende Mond machte jedes Steinchen auf meinem Weg erkennbar.

Am Tor angekommen, brauchte ich weder zu pochen noch hinüberzuklettern – es gab dem Druck meiner Hand nach. Das ist ein Fortschritt, dachte ich. Und ich bemerkte mit Hilfe meiner Nase noch einen weiteren: ein Duft wie von vielen blühenden Blumen wehte aus den Reihen der Obstbäume zu mir herüber.

Türen und Fenster standen auf, und trotzdem – ein Merkmal aller Kohlendistrikte – flammten aus dem Schornstein rote Feuerfünkchen und erzählten von einem mächtigen behaglichen Kaminfeuer. Wohl war es draußen noch sommerlich warm, aber das Behagen, das so ein Kaminfeuer verbreitet, macht uns die vermehrte Hitze geduldig ertragen. Auf Sturmheid sind überdies die Räumlichkeiten so groß, daß die Inwohner genügend Raum haben, sich der unmittelbaren Einwirkung des Feuers zu entziehen. Dementsprechend bemerkte ich auch nahe am Fenster zwei Menschen und hörte sie reden. Ich sah und lauschte, voll Neugier und Neid.

»Falsch!« sagte eine Stimme, zart wie ein Silberglöckchen. »Zum drittenmal, du Dummkopf! Ich sage dir's aber nicht noch einmal. Besinne dich, oder ich zupfe dich am Haar.«

»Gib mir erst einen Kuß!« antwortete eine tiefe sanfte Stimme.

»Nein; erst mußt du es noch einmal lesen, und ohne Fehler.«

Der männliche Sprecher begann zu lesen. Er war ein gut gekleideter junger Mann und saß, ein Buch vor sich, am Tisch. Sein schönes Gesicht glühte vor Freude, und seine Augen wanderten ungeduldig von dem Buch zu einer schmalen weißen Hand, die auf seiner Schulter ruhte. Und jedesmal, wenn er ein solches Zeichen von Unaufmerksamkeit verriet, versetzte die Hand ihm einen leichten Schlag auf die Wange. Diese Hand gehörte einem jungen Weib, das hinter ihm stand und sich dann und wann zu ihm neigte. Ihre hellen, schimmernden Locken mischten sich dann mit seinem dichten braunen Haar. Und ihr Gesicht – glücklicherweise konnte er ihr Gesicht nicht sehen, anderenfalls wäre er gewiß nicht so folgsam bei der Arbeit geblieben. Ich aber sah es, und ich biß mich in die Lippe beim Gedanken, daß mir die Möglichkeit gegeben gewesen war, diese Schönheit für mich zu erringen, statt sie nur anzustarren.

Die Aufgabe war, nicht ohne einige Fehler, zu Ende gebracht. Der Schüler beanspruchte eine Belohnung und erhielt wenigstens fünf Küsse, die er großmütig zurückgab. Dann kamen die beiden zur Tür, und aus ihrem Gespräch schloß ich, daß sie herauskommen und einen Gang in die Heide machen wollten. Ich vermutete auch, dies Paar werde keineswegs Freude haben bei meinem Anblick, und ich schlich ums Haus, um von der Küche aus einzutreten; ich fühlte mich in meiner Überflüssigkeit sehr niedergeschlagen. Auch hier, bei der Küche, stand die Tür weit auf und davor saß, nähend und singend, meine alte Freundin Nelly Dean. Sie wurde oft von groben höhnischen Worten unterbrochen, die eine nichts weniger als melodische Stimme dazwischen warf.

»Et is 'n Schmach, dei' unheilige Lierer mit anheere ze misse!« sagte die mir bekannte krächzende Stimme. »Su ball eich die heilig Schrift uffmache, kimmst dau mit deine Satanshymne dazwische! Dau bist en Neistnutz, en ganzer Neistnutz, un sie aach. Un der arm Borsch ist verlöre zwischen Eich. Armer Bub!« fügte er knurrend hinzu. »Er is verhext, et is nit anners miehlig. O Herr, richte sie, denn uff Erden is weder Gesetz noch Gerechtigkät!«

»Nein, sonst säßen wir wohl längst im Fegefeuer«, gab die Sängerin zurück. »Doch still, alter Mann, lies deine Bibel wie ein Christ und kümmere dich nicht um mich. Jetzt kommt ›Fee Annars Hochzeitstag‹ – ein schönes Lied – ein Tanzlied.«

Mrs. Dean wollte beginnen, als ich nähertrat. Sie erkannte mich sofort, sprang auf die Füße und rief:

»Mein Himmel, Mr. Lockwood! Wie können Sie so ohne weiteres daherkommen! Auf Drosselkreuz ist alles abgesperrt. Sie hätten sich anmelden sollen!«

»Ich habe für die Zeit meines Dortseins schon für Unterkunft gesorgt«, antwortete ich. »Ich fahre morgen wieder fort. Und wie kommen Sie denn hierher, Mrs. Dean? Sagen Sie mir lieber das!«

»Zillah ging, und da wünschte Mr. Heathcliff mein Kommen. Das geschah sehr bald nach Ihrer Abreise; ich sollte bis zu Ihrer Rückkehr hier bleiben. Aber bitte, treten Sie ein. Kommen Sie heut abend von Gimmerton?«

»Von Drosselkreuz«, erwiderte ich. »Und während man dort meine Zimmer herrichtet, möchte ich mit Ihrem Herrn meine Geschäfte erledigen. Denn ich glaube nicht, daß ich so bald wieder Gelegenheit dazu hätte.«

»Was für ein Geschäft, Herr?« fragte Nelly, mich in die Diele führend. »Er ist soeben ausgegangen und wird nicht so bald wiederkommen.«

»Wegen der Miete«, antwortete ich.

»O, das müssen Sie mit Mrs. Heathcliff abmachen«, bemerkte sie; »oder besser noch mit mir. Sie hat noch nicht gelernt, ihre Geschäfte selbst zu führen, und ich handle für sie.«

Ich sah sie verwundert an.

»Ah! Sie haben noch nicht gehört, daß Heathcliff tot ist?« sagte sie.

»Heathcliff tot?« rief ich erstaunt. »Seit wann?«

»Seit drei Monaten. Aber setzen Sie sich und geben Sie mir Ihren Hut, und ich will Ihnen alles erzählen. Halt! Sie haben noch nichts zu essen gehabt, nicht wahr?«

»Ich brauche nichts. Ich habe mir daheim Essen bestellt. So, setzen Sie sich auch. Ich hätte mir seinen Tod nie träumen lassen! Erzählen Sie, wie es kam. Sie sagen, Sie erwarten sie nicht so bald zurück – die jungen Leute?«

»Ja – ich muß sie jeden Abend wegen ihres langen Ausbleibens schelten; aber sie fragen nichts danach. Trinken Sie wenigstens einen Becher von unserem alten Ale. Das wird Ihnen gut tun: Sie scheinen müde zu sein.«

Sie eilte fort, und ich hörte Josef fragen, »ob et nit en hiemelschreiender Schkandal wär, dat se in ehrem Alter noch Verehrer hätt. Un for die de Keller vum Här ze plündere! Et war en Schand, dat ruhig mit anzesiehn.«

Sie hielt sich nicht mit einer Entgegnung auf, sondern kam sofort wieder, beladen mit einem schäumenden Silberkrug, dessen Inhalt ich mit wahrem Behagen leerte. Und dann erzählte sie mir den Rest von Heathcliffs Lebenslauf. Er hatte, wie sie sagte, ein »komisches Ende«.

»Etwa vierzehn Tage, nachdem Sie fortgereist waren, wurde ich nach Sturmheid berufen«, sagte sie. »Und ich folgte willig – Catherines wegen. Mein erstes Widersehen mit ihr bekümmerte und erschreckte mich; sie hatte sich seit unserer Trennung so sehr verändert. Mr. Heathcliff nannte mir nicht die Gründe, die ihn veranlaßt hatten, mich her zu beordern; er sagte nur, er brauche mich, und er sei es müde, Catherine beständig sehen zu müssen: ich solle das kleine Wohnzimmerchen Lintons für mich einrichten und Catherine dort behalten. Es sei genug, wenn er sie ein-, zweimal am Tag sehen müsse. Sie schien über diese Wendung der Dinge erfreut; und nach und nach schmuggelte ich von Drosselkreuz eine große Anzahl Bücher und andere Gegenstände ein, die früher ihr Entzücken gewesen waren. Unser Behagen währte nicht lange. Catherine, zuerst sehr zufrieden, wurde nach kurzer Zeit reizbar und unruhig. Um nur eins zu erwähnen: man hatte ihr verboten, die Grenzen des Gartens zu überschreiten, und es quälte sie gräßlich, als der Frühling kam, auf diesen engen Raum beschränkt zu sein. Und noch etwas: meine Pflichten im Haushalt bedingten, daß ich sie häufig allein lassen mußte, und sie klagte über Einsamkeit. Sie zog es vor, in der Küche mit Josef herumzustreiten, statt ruhig in ihrer Zurückgezogenheit zu bleiben. Ich kümmerte mich nicht um diese Gefechte. Aber auch Hareton war oft genötigt, die Küche aufzusuchen, z. B. wenn der Herr allein sein wollte. Anfänglich ging sie davon, wenn er kam, oder half mir schweigend bei meiner Arbeit und vermied es, ihn anzureden, und er war so mürrisch und schweigsam als nur denkbar. Bald aber änderte sie ihr Betragen und ließ ihn nie in Ruhe. Sie sprach ihn an, bewies ihm seine Dummheit und Faulheit, sagte, sie könne nicht begreifen, wie er ein so beschränktes Leben ertragen könne – wie er es fertig bringe, einen ganzen Abend schläfrig ins Feuer zu starren.

»Er ist ganz wie ein Hund, nicht wahr, Ellen?« sagte sie einmal, »oder wie ein Gaul? Er tut seine Arbeit, ißt und trinkt und schläft beständig. Was für eine langweilige Seele muß er haben! Hast du schon mal geträumt, Hareton?«

Dann sah sie hin zu ihm, aber er öffnete weder den Mund, noch sah er sie an.

»Vielleicht träumt er jetzt gerade«, fuhr sie fort. »Er zuckte mit den Achseln, so wie Juno das im Schlaf tut. Frage ihn, Ellen.«

»Mr. Hareton wird den Herrn bitten, Sie hinaufzuschicken, wenn Sie sich nicht zu benehmen wissen!« sagte ich. Er hatte nicht nur die Schultern gezuckt, sondern auch die Faust geballt, als wolle er zuhauen.

»Ich weiß, weshalb Hareton niemals spricht, wenn ich in der Küche bin«, sagte sie ein andermal. »Er fürchtet, daß ich ihn auslache. Ellen, was meinst du? Einmal fing er an, lesen zu lernen, und weil ich ihn auslachte, gab er es auf und verbrannte die Bücher. War er nicht ein Narr?«

»Waren Sie nicht recht ungezogen?« sagte ich.

»Vielleicht war ich es«, fuhr sie fort. »Aber wie konnte ich erwarten, daß er so dumm sein würde. Hareton, wenn ich dir jetzt ein Buch geben würde, würdest du es nehmen? Ich werde es versuchen.«

Sie legte eines, das sie gerade durchblättert hatte, auf seine Hand. Er schleuderte es fort und grollte, wenn sie nicht aufhöre, werde er ihr den Hals brechen.

»Gut, ich lege es hier hin«, sagte sie, »ins Tischschubfach, und ich gehe jetzt schlafen.«

Dann flüsterte sie mir zu, acht zu geben, ob er es sich hole, und verschwand. Aber das fiel ihm gar nicht ein, und ich sagte es ihr am anderen Morgen. Ich sah, sie war über seine Gleichgültigkeit betrübt. Es belastete ihr Gewissen, daß sie ihn abgeschreckt hatte, sich weiterzubilden. Aber ihr erfinderischer Geist war eifrig tätig, das wieder gut zu machen. Wenn ich in der Küche zu tun hatte, so brachte sie irgend ein unterhaltsames Buch und las es mir vor. Wenn Hareton da war, so hörte sie jedesmal an einer interessanten Stelle auf und ließ das Buch dann liegen. Das tat sie wiederholt, aber er war so störrisch wie ein Esel, und statt nach ihrem Köder zu schnappen, saß er bei Josef und schmauchte. Und da saßen sie wie Automaten, an jeder Seite des Feuers einer.

Eines schönen Abends war Hareton auf die Jagd gegangen, und Catherine gähnte und seufzte und quälte mich, ihr was zu erzählen, und lief in Hof und Garten hinaus, sowie ich nur anfing. Und schließlich weinte sie und sagte, sie habe das Leben satt, ihr Leben sei vollständig überflüssig.

Mr. Heathcliff, der mehr und mehr die Einsamkeit suchte, hatte Earnshaw fast ganz aus den vorderen Räumen verbannt. Im März hatte letzterer einen Jagdunfall, der ihn für einige Tage ans Haus fesselte. Er war also gezwungen, still beim Feuer zu sitzen. Das gefiel Catherine; jedenfalls mied sie ihr Stübchen droben mehr als je, und sie überredete mich, mir in der Küche Arbeit zu suchen, damit sie mich begleiten könne.

Am Ostermontag ging Josef nach Gimmerton, und am Nachmittag war ich damit beschäftigt, in der Küche Wäsche aufzuhängen. Earnshaw saß, finster wie immer, beim Kamin, und meine kleine Herrin zeichnete Figuren auf die Fensterscheiben. Auf eine Bemerkung von mir, daß es nicht länger angängig sei, mir das Licht zu versperren, zog sie sich ans Feuer zurück. Ich widmete ihren Unternehmungen wenig Aufmerksamkeit, aber jetzt hörte ich sie sagen:

»Ich habe mir ausgedacht, Hareton, daß ich möchte – daß ich froh wäre – daß ich dich jetzt gern zu meinem Vetter haben möchte, wenn du nicht so bös zu mir wärest, so grob.«

Hareton gab keine Antwort.

»Hareton, Hareton, Hareton! Hörst du?« rief sie. »Mach, daß du fortkommst!« grollte er.

»Gib mir die Pfeife«, sagte sie, streckte die Hand aus und nahm sie ihm vom Mund.

Ehe er versuchen konnte, sie zurückzureißen, war sie zerbrochen und ins Feuer geworfen. Er fluchte und griff nach einer anderen.

»Halt!« rief sie, »erst mußt du mich hören. Und ich kann nicht reden, wenn diese Wolken mir ins Gesicht schlagen.«

»Scher dich zum Teufel!« schrie er wütend. »Laß mich in Ruhe!«

»Nein«, sagte sie. »Ich weiß nicht, was ich machen soll, damit du mit mir sprichst. Wenn ich sage, du bist dumm, so meine ich damit nichts weiter; ich meine nicht, daß ich dich verachte. Komm, Hareton, du bist mein Vetter und sollst mich beachten.«

»Ich habe nichts zu schaffen mit dir und deinem anmaßenden Stolz und deinen verfluchten Kniffen!« antwortete er. »Ich will lieber mit Leib und Seele zur Hölle fahren, als auch nur noch einmal nach dir hinschielen. Geh mir aus dem Weg, augenblicklich!«

Catherine zog sich an den Fensterplatz zurück und versuchte ein Liedchen zu summen, um die aufsteigenden Tränen hinunterzuwürgen.

»Sie sollten Freundschaft schließen mit Ihrer Cousine, Mr. Hareton«, sagte ich, »da sie doch ihre Ungezogenheit bereut. Es würde Ihnen sehr gut tun, es würde sie zu einem ganz anderen Menschen machen, wenn Sie Freundschaft hielten mit ihr.«

»Freundschaft!« schrie er. »Wenn sie mich haßt und mich nicht für wert hält, ihre Schuhe zu putzen. Nein, und wenn es mir sonst was einbrächte, ich möchte nicht noch einmal verlacht und verhöhnt werden.«

»Nicht ich hasse dich, du bist es, der mich haßt!« weinte Cathy, ihren Kummer nicht länger beherrschend. »Du hassest mich ebenso wie Mr. Heathcliff – und mehr noch.

»Du bist ein frecher Lügner«, begann Earnshaw. »Weshalb habe ich ihn denn bös gemacht, weil ich deine Partei ergriff?«

»Ich wußte nicht, daß du meine Partei ergriffen hast«, antwortete sie, ihre Augen trocknend. »Und ich war elend und bitter gegen alle. Aber jetzt danke ich dir und bitte dich um Verzeihung. Was kann ich noch tun?«

Sie ging hin zu ihm und bot ihm die Hand. Er errötete tief und grollte wie eine Donnerwolke und hielt seine Faust fest geschlossen und den Blick zu Boden geheftet. Catherine muß instinktiv erraten haben, daß es nur unüberwindlicher Trotz war und nicht Widerwille, der ihn beherrschte, denn nach kurzer Unentschlossenheit neigte sie sich zu ihm und drückte auf seine Wange einen sanften Kuß. Der kleine Schelm meinte, ich hätte das nicht gesehen, und zog sich still zum Fensterplatz zurück. Ich schüttelte vorwurfsvoll den Kopf, und sie errötete und flüsterte:

»Was hätte ich tun sollen, Ellen? Er wollte mir nicht die Hand geben und mich nicht ansehen. Ich muß ihm irgendwie zeigen, daß ich ihn gern habe – daß ich Freundschaft schließen möchte.«

Ob der Kuß Hareton gefallen hatte, kann ich nicht sagen. Er hütete sich sorgfältig, sein Gesicht sehen zu lassen.

Catherine nahm nun ein hübsches Buch, packte es säuberlich in weißes Papier und schrieb oben darauf: »An Mr. Hareton Earnshaw«. Dann bat sie mich, das Geschenk dem Adressaten zu überbringen.

»Und sag ihm, wenn er es annimmt, so komme ich und zeige ihm, wie er lesen lernen kann«, sagte sie. »Und wenn er es zurückweist, so gehe ich hinauf und werde ihn nie wieder anreden.«

Ich brachte ihm das Buch und richtete die Botschaft aus. Er öffnete nicht die Hand, daher legte ich ihm das Päckchen auf die Knie. Er warf es nicht hinunter. Ich kehrte zu meiner Arbeit zurück. Catherine stützte die Arme auf den Tisch und sah vor sich hin, bis sie das Rascheln des Papiers hörte: Hareton löste den Umschlag. Da stahl sie sich an seine Seite und setzte sich zu ihm. Er zitterte, und sein Gesicht glühte. All seine Grobheit hatte ihn verlassen, er konnte anfänglich nicht einmal Mut finden, ihren fragenden Blick und ihre geflüsterte Bitte zu beantworten.

»Hareton, sag, daß du mir verzeihst, bitte! Du kannst mich so glücklich machen, wenn du es sagst.«

Er murmelte etwas Unverständliches.

»Und du willst mein Freund sein?« fügte Catherine fragend hinzu.

»Nein. Du würdest dich meiner nur schämen, und ich kann das nicht ertragen.«

»So willst du nicht mein Freund sein?« sagte sie mit honigsüßem Lächeln und schmiegte sich dicht an ihn.

Ich hörte keine verständliche Unterhaltung mehr, doch als ich wieder mal hinsah, gewahrte ich zwei so strahlende Gesichter über das Buch gebeugt, daß ich nicht zweifelte, die bisherigen Feinde seien geschworene Freunde geworden.

Das Buch, das sie betrachteten, war voll unterhaltender Bilder, und diese, sowie die innige Nähe, die einer vom anderen spürte, hielt sie regungslos beisammen, bis Josef heimkam. Der arme Mann war einfach entgeistert, als er Catherine mit Hareton auf einer Bank sitzen sah, daß ihre Hand auf seiner Schulter ruhte, und daß er diese Keckheit freundlich duldete. Es ging ihm so nahe, daß er an diesem Abend kein Wort darüber sagen konnte. Seine Bewegung verriet sich nur in tiefen Seufzern, mit denen er seine große Bibel holte und feierlich aufschlug. Endlich aber suchte er doch Hareton aufzujagen. Er holte eine Anzahl Banknoten hervor und sagte:

»Breng dat dem Här, Borsch, un bleib do. Eich geh enuff uff mei eigen Stub! Die Höhl hie is nit meh anstännig for uns; mer misse uns devunmache un en anner suche.«

»Kommen Sie, Catherine«, sagte ich, »auch wir müssen uns davonmachen. Meine Arbeit ist getan.«

»Es ist noch nicht acht Uhr!« antwortete sie, zögernd aufstehend. »Hareton, ich lege das Buch auf den Kaminsims, und morgen bringe ich noch ein paar andere.«

»Jed Buch, dat Ehr hie erumschmeißt, wär eich dem Här brenge, un et sullt' meich wunnere, wann Ehr dann noch emol änt wiererfinne dhät«, sagte Josef.

Cathy erwiderte, für jedes Buch, das er fortnähme, werde sie ihm das gleiche tun, dann lächelte sie Hareton zu und ging singend hinaus.

Die Freundschaft gedieh zusehends, obgleich sie noch manchen kleinen Stoß erfuhr. Earnshaw war nicht leicht zu regieren, und meine junge Herrin war kein Muster an Geduld. Da aber beide denselben Wunsch hegten, so brachten sie es doch schließlich dahin, ihr Ziel zu erreichen.

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