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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XXXI.

Gestern war ein klarer, ruhiger Frosttag. Ich begab mich, wie ich es mir vorgenommen hatte, nach Sturmheid. Meine Haushälterin bat mich, ein Briefchen von ihr an ihre junge Herrin zu befördern, und ich sträubte mich nicht, denn die würdige Frau war sich der Seltsamkeit ihres Anliegens durchaus nicht bewußt.

Das Haustor stand offen, aber das Gittertor war wie bei meinem letzten Besuch geschlossen. Ich klopfte, und Earnshaw kam vom Garten herüber. Er öffnete, und ich trat ein. Der Bursche ist außerordentlich hübsch und stattlich. Ich sah ihn mir diesmal genauer an. Er tut aber anscheinend sein möglichstes, um seine Vorzüge zu verbergen.

Ich fragte, ob Mr. Heathcliff zu Hause sei. Er antwortete, nein, aber er werde gegen Mittag zurück sein. Es war elf Uhr, ich gab meine Absicht kund, einzutreten und ihn zu erwarten. Daraufhin warf Earnshaw sofort sein Werkzeug hin und begleitete mich wie ein wachsamer Hund ins Haus.

Wir traten zusammen ein. Catherine war dabei, für das bevorstehende Mahl einen Salat zu bereiten; sie sah trübsinniger aus als damals, als ich sie zuerst gesehen hatte. Sie nahm keine Notiz von mir und fuhr in ihrer Beschäftigung fort – mit derselben Mißachtung der einfachsten Höflichkeitsformen, wie sie sie schon früher bezeigt hatte.

»Sie scheint nicht so liebenswürdig«, dachte ich, »als wie Mrs. Dean mich glauben machen möchte. Es ist wahr, sie ist eine Schönheit, aber kein Engel.«

Earnshaw gebot ihr, mit ihren Sachen in die Küche zu gehen. »Trag sie selber weg«, sagte sie und zog sich auf einen Stuhl ans Fenster zurück. Ich trat zu ihr, indem ich vorgab, ich wolle einen Blick in den Garten tun, aber ich benutzte die Gelegenheit, um Mrs. Deans Briefchen in ihren Schoß fallen zu lassen. Hareton hatte mein Manöver nicht bemerkt – sie aber fragte laut: »Was ist das?« Und sie warf das Briefchen zu Boden.

»Ein Schreiben von Ihrer alten Freundin, der Haushälterin auf Drosselkreuz«, antwortete ich, beschämt, sie könne denken, der Brief sei von mir. Nun wollte sie ihn wieder aufheben, aber Hareton war schneller. Er nahm ihn und steckte ihn in die Rocktasche. Mr. Heathcliff solle ihn zuerst sehen, sagte er. Daraufhin wandte Catherine sich schweigend ab, holte ihr Taschentuch hervor und begann zu weinen. Und ihr Vetter, der sich vergebens bemühte, seiner Weichherzigkeit Herr zu werden, zog den Brief wieder heraus und warf ihn ihr vor die Füße. Catherine raffte ihn auf und las ihn begierig. Dann blickte sie zum Fenster hinaus nach den Hügeln hinüber und murmelte:

»Wie gern würde ich dort mit Minny umherstreifen! Wie gern diese Hügel erklettern! O, ich bin müde!« Und sie lehnte sich in den Stuhl zurück und versank in Trauer; sie schien weder zu wissen noch danach zu fragen, ob wir sie beobachteten.

»Mrs. Heathcliff«, sagte ich nach einer Weile, »Sie wissen nicht, daß ich ein guter Bekannter von Ihnen bin? Ein so vertrauter Bekannter, daß es mir seltsam scheint, daß Sie sich mir gegenüber nicht aussprechen. Meine Haushälterin wird nie müde, von Ihnen zu sprechen, und sie wäre sehr enttäuscht, wenn ich ohne irgend welche Nachricht von oder über Sie heimkäme.«

Diese Worte verwunderten sie und sie fragte:

»Hat Ellen Sie gern?«

»Ja, sehr gern«, antwortete ich zögernd.

»Sie müssen ihr sagen«, fuhr sie fort, »daß ich ihr gern den Brief beantworten würde, aber ich habe kein Schreibmaterial – nicht einmal ein Buch, aus dem ich eine Seite herausreißen könnte.«

»Keine Bücher?« rief ich aus. »Wie bringen Sie es fertig, ohne Bücher zu leben?«

»Solange ich sie hatte, habe ich eifrig gelesen«, sagte Catherine. »Mr. Heathcliff aber liest niemals. Daher kam er auf den Einfall, meine Bücher zu vernichten. Ich habe schon seit Wochen nicht eines zu sehen bekommen. Nur einmal, Hareton, fand ich in deinem Zimmer eine Anzahl verborgen – Erzählungen und Gedichte: lauter alte Freunde. Ich brachte sie hierher, und du – du rissest sie mir fort, gierig wie eine Elster nach glitzerndem Tand – nur aus Raubgier! Was hast du davon? Sie haben für dich doch keinen Wert! Vielleicht war es dein Neid, der Mr. Heathcliff veranlaßte, mir sie zu entreißen?«

Earnshaw errötete tief und stammelte eine Erwiderung.

»Mr. Hareton möchte gewiß gern seine Kenntnisse erweitern«, kam ich ihm zu Hilfe. »Er ist nicht neidisch, sondern eifersüchtig auf Ihre Bildung. Er wird in ein paar Jahren ein gelehriger Schüler sein.«

»Und inzwischen soll ich zu einem Dummkopf werden«, antwortete Catherine. »Ja, ich höre ihn manchmal heimlich lesen, buchstabieren – und köstliche Fehler macht er! Ich habe dich auch gestern gehört, Hareton, und ich hörte, wie du fluchtest, weil du die Wörter nicht aussprechen konntest.«

Der junge Mann fand es ersichtlich zu gräßlich, wegen seiner Unwissenheit verlacht zu werden.

»Du solltest lieber den Mund halten«, antwortete er hitzig. Und er schritt hastig zur Tür. Ehe er aber die Schwelle übertreten hatte, begegnete ihm Mr. Heathcliff. Er legte ihm die Hand auf die Schulter und fragte:

»Was soll's, mein Junge?«

»Nichts, nichts«, sagte er und stürzte davon.

Heathcliff blickte ihm nach und seufzte.

»Sonderbar«, sagte er leise – er wußte nicht, daß ich hinter ihm stand – »wenn ich in seinem Gesicht die Züge des Vaters suche, finde ich sie, nur sie. Wie ähnlich er ihr ist! Ich kann seinen Anblick kaum ertragen.«

Er blickte zu Boden und trat trübsinnig ins Zimmer. Sein Gesicht trug einen, unruhigen, besorgten Ausdruck, den ich früher nicht bemerkt hatte. Er sah überhaupt angegriffen aus. Seine Schwiegertochter, die vom Fenster aus sein Kommen wahrgenommen hatte, flüchtete sogleich in die Küche. Ich blieb also allein mit ihm. »Ich freue mich, Mr. Lockwood, Sie wieder wohlauf zu sehen«, sagte er, meinen Gruß erwidernd. »Teilweise aus selbstsüchtigen Gründen. Ich würde in dieser Einsamkeit Ihren Verlust sehr vermissen. Ich habe mich mehr als einmal gewundert, was Sie hierhergeführt hat.«

»Eine bloße Laune, Herr«, war meine Antwort. »Wie eine Laune mich wieder wegblasen wird. Ich werde in nächster Woche nach London abreisen. Und ich muß Sie darauf aufmerksam machen, daß ich mich nicht in der Lage sehe, Drosselkreuz nach Ablauf des vereinbarten einen Jahres noch länger zu übernehmen. Ich glaube, ich könnte nicht wieder hier hausen.«

»O, wirklich; Sie sind Ihre Verbannung also überdrüssig?« sagte er. »Wenn Sie aber etwa gekommen sind, um einen Erlaß der Miete zu erwirken, so war Ihr Ausflug nutzlos: ich werde Sie keinesfalls von Ihren Verpflichtungen entbinden.«

»Ich bin durchaus nicht in dieser Absicht hergekommen«, rief ich, unangenehm berührt. »Wenn Sie wünschen, rechnen wir auf der Stelle ab«, und ich zog meine Brieftasche heraus.

»Nein, nein«, erwiderte er kühl. »Sollten Sie nicht mehr wiederkommen, so ist hier noch immer genug, um Ihre Schulden damit zu decken. Ich habe es nicht so eilig. Setzen Sie sich und essen Sie mit uns. Ein Gast, von dem eine Wiederholung seines Besuches nicht zu erwarten ist, kann auf guten Willkomm rechnen. Catherine, bring das Essen! Wo bist du?«

Catherine kam und brachte Messer und Gabeln.

»Du kannst in der Küche essen«, grollte er sie an, »und dort bleibst du, bis er gegangen ist.«

Sie gehorchte seinen Anordnungen sehr prompt.

Wir hielten ein ziemlich trübsinniges Mahl, Mr. Heathcliff, Hareton und ich. Ich verabschiedete mich dann und beabsichtigte, an der Küche vorbei zu gehen, um Catherine noch einmal zu sehen. Aber Hareton bekam Befehl, mein Pferd vorzuführen, und mein Wirt selber geleitete mich zur Tür; so konnte ich mein Vorhaben nicht ausführen.

»Wie trüb und öde ist das Leben dort im Hause!« dachte ich, als ich heimritt. »Wie romantisch wäre es gewesen – hätte es Mrs. Linton Heathcliff erscheinen müssen – wenn sie und ich uns ineinander verliebt hätten und in das flutende Leben der Großstadt geeilt wären!«

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