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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 32
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XXX.

Einmal habe ich auf Sturmheid vorgesprochen, aber ich habe sie nicht zu sehen bekommen. Josef ließ mich nicht ins Haus, er hielt die Tür in der Hand, und ich konnte nicht an ihm vorbei. Mr. Heathcliff sei nicht da, meinte er. Zillah hat mir einiges von dem Leben dort erzählt, andernfalls wüßte ich kaum, wer noch am Leben und wer gestorben ist. Sie findet Catherine hochmütig und kann sie nicht leiden. Meine junge Herrin hatte gleich nach ihrer Ankunft einige Dienstleistungen von ihr erbeten, aber Heathcliff gebot ihr, sich um die Küchengeschäfte zu kümmern und seine Schwiegertochter sich selbst zu überlassen. Und Zillah gehorchte gern – sie ist ein beschränktes selbstsüchtiges Weib. Catherine dankte für diese Vernachlässigung mit Verachtung und schuf sich so noch einen neuen Feind im Hause. Vor sechs Wochen etwa – kurze Zeit vor Ihrem Eintreffen, Mr. Lockwood – hatte ich eine lange Unterredung mit Zillah, der ich zufällig draußen im Heidemoor begegnete. Und das ist, was sie mir erzählte:

»Das erste, was Mrs. Linton bei ihrer Ankunft in Sturmheid tat«, sagte sie, »war, ohne auch nur guten Abend zu sagen, hinaufzulaufen. Sie schloß sich in Lintons Zimmer ein und blieb dort bis zum Morgen. Dann, als der Herr und Earnshaw beim Frühstück saßen, betrat sie die Diele und fragte, ob man nach dem Arzt schicken könne, ihr Vetter sei sehr krank.«

»Wir wissen das«, antwortete Heathcliff, »aber sein Leben ist keinen Heller wert, und ich werde nicht einen Heller für ihn ausgeben.«

»Aber ich weiß nicht, was zu tun ist«, sagte sie, »und wenn keiner mir hilft, wird er sterben.«

»Hinaus mit dir«, schrie der Herr, »und laß mich nie mehr ein Wort über ihn hören! Keiner hier fragt, was mit ihm wird. Wenn es dich dazu treibt, so spiele Pflegerin, wenn nicht, so schließ ihn ein und geh fort.«

Nun begann sie mich um Hilfe anzugehen, aber ich sagte, ich hätte mit dem Plagegeist schon genug Arbeit gehabt. »Wir haben jeder unsere Pflichten«, sagte ich, »und Ihre Pflicht ist es, nach Linton zu sehen.«

Wie die beiden miteinander auskamen, weiß ich nicht. Ich glaube, er greinte und jammerte Tag und Nacht, und sie kam wenig zur Ruhe, das sah man an ihrem bleichen Gesicht und den müden Augen. Manchmal kam sie wie gehetzt in die Küche, und es schien, als wolle sie um Hilfe bitten. Aber ich war nicht gewillt, ungehorsam zu sein, denn das wäre mir übel bekommen, Mrs. Dean. Ein- oder zweimal öffnete ich nach dem Schlafengehen noch mal meine Stubentür, da sah ich, daß sie weinend auf den Treppenstufen saß; und ich schloß schnell wieder die Tür, weil ich fürchtete, gerührt zu werden. Sie tat mir damals wirklich leid, aber ich hatte keine Lust, meine Stelle zu verlieren.

Eines Nachts aber kam sie geradewegs zu mir ins Zimmer und entsetzte mich mit den Worten:

»Sagt Mr. Heathcliff, daß sein Sohn stirbt – diesmal ist's sicher so. Steht auf, sofort, und sagt es ihm.«

Nach dieser Rede verschwand sie wieder. Eine Viertelstunde lang lag ich und horchte und zitterte. Nichts rührte sich – das Haus lag still.

»Sie irrt sich«, sagte ich mir. »Er hat sich wieder erholt. Ich brauche keinen zu wecken.« Und ich nickte ein. Aber mein Schlaf wurde zum zweitenmal gestört – durch den schrillen Klang einer Glocke. Es war die einzige Klingel, die es im Hause gab, und die man Linton zur Verfügung gestellt hatte. Und der Herr rief, ich solle nachsehen, was es gäbe, und ihm sagen, daß er den Lärm kein zweites Mal hören wolle.

Ich richtete nun Catherines Botschaft aus. Er fluchte und kam mit einer brennenden Kerze heraus und ging zu ihrem Zimmer. Ich folgte. Mrs. Heathcliff saß neben dem Bett, die Hände ums Knie gefaltet. Ihr Schwiegervater ging hin, leuchtete Linton ins Gesicht, betrachtete und befühlte ihn. Dann wandte er sich zu ihr.

»Nun – Catherine«, sagte er, »wie fühlst du dich?«

Sie blieb stumm.

»Wie fühlst du dich, Catherine?« wiederholte er.

»Er ist gerettet, und ich bin frei«, antwortete sie. »Ich sollte mich erleichtert fühlen – aber«, fuhr sie mit schlecht verhehlter Bitterkeit fort, »Ihr habt mich solange ganz allein mit dem Tod ringen lassen, daß ich nichts fühle, nichts sehe als Tod! Ich fühle den Tod!«

Und sie sah auch so aus. Ich gab ihr etwas Wein. Hareton und Joseph, die auch erwacht waren und uns sprechen gehört hatten, traten nun ein. Josef war sicherlich froh über das Ereignis, Hareton schien bestürzt. Aber er war ganz in Catherines Anblick versunken und dachte vielleicht gar nicht an Linton. Der Herr schickte ihn gleich wieder hinaus. Dann ließ er den Leichnam von Josef in dessen Kammer schaffen, befahl mir, die meinige aufzusuchen, und Mrs. Heathcliff blieb allein.

Am Morgen schickte er mich mit der Mitteilung zu ihr, daß sie zum Frühstück hinunterkommen solle. Sie hatte sich ausgekleidet und schien sich hinlegen zu wollen. Sie sagte, sie sei krank, was mich nicht wunderte. Ich benachrichtigte Mr. Heathcliff, und er antwortete:

»Gut, mag sie bis nach dem Begräbnis Ruhe haben; und geh ab und zu hinauf, um ihr das Nötige zu bringen. Sobald sie wohler scheint, sage es mir.« –

Cathy blieb, nach Zillahs Aussage, vierzehn Tage in ihrem Zimmer.

Einmal ging Heathcliff hinauf zu ihr, um ihr Lintons Testament zu zeigen. Er hatte all seine – und ihre – bewegliche Habe seinem Vater vermacht. Der arme Junge war in der Woche ihrer Abwesenheit, damals als ihr Vater starb, zu diesem Akt getrieben worden. Über die Liegenschaften konnte er, da er minderjährig war, nicht verfügen. Jedenfalls aber beanspruchte und behielt Mr. Heathcliff dieselben im Namen seiner Schwiegertochter. Und Catherine, die ohne Geld und ohne Freunde ist, kann ihm nicht wehren.

»An einem Sonntag nachmittag endlich«, so sagte Zillah, »kam sie hinunter auf die Diele. Mittags, als ich ihr das Essen brachte, hatte sie ausgerufen, sie könne es nicht mehr aushalten vor Kälte. Da sagte ich ihr, daß der Herr nach Drosselkreuz gehen werde, und Hareton und ich würden nichts dagegen haben, wenn sie hinunterkäme. Sobald sie Heathcliff abreiten hörte, erschien sie also, ganz in Schwarz; die gelben Locken hatte sie glatt hinter die Ohren zurückgekämmt, wie eine Nonne.

»Josef und ich gehen des Sonntags zur Kirche; Josef war schon fort«, berichtete sie weiter, »aber ich hielt es für richtiger, das Haus zu hüten. Es ist immer gut, wenn man so junge Leute im Auge behält, und Hareton hat – trotz seiner Schüchternheit – kein sehr gesittetes Betragen. Ich ließ ihn wissen, daß seine Cousine wahrscheinlich bei uns erscheinen werde und daß sie gewohnt sei, den Feiertag geheiligt zu sehen, er täte also gut, sein Flintenputzen solange zu unterlassen. Er wurde rot und besah sich seine Hände und seinen Anzug. Öl und Schießpulver waren im Augenblick beiseite geräumt. Ich sah, er beabsichtigte, ihr Gesellschaft zu leisten, und ich sah ferner, daß er repräsentabel erscheinen wollte. Ich lachte also und bot ihm meine Hilfe an und scherzte über seine Verwirrung. Er wurde wütend und fluchte.

»Ich sehe wohl, Mrs. Dean«, fuhr Zillah fort, »Sie halten die junge Dame für zu fein für Hareton, und Sie mögen recht haben. Aber ich gebe zu, ich hätte gern ihren Stolz etwas gedemütigt. Und was helfen ihr nun ihre Kenntnisse und ihre Geziertheit? Sie ist so arm wie Sie oder ich: ärmer noch; denn Sie sparen, und auch ich lege hie und da etwas beiseite.«

Hareton ließ sich Zillahs Hilfe gefallen, und sie schmeichelte ihn in gute Laune. Als daher Catherine erschien, hatte er ihre früheren Kränkungen vergessen und suchte sich möglichst angenehm zu machen.

»Sie kam herein«, berichtete Zillah, »so kalt wie ein Eiszapfen und so hochnäsig wie eine Prinzessin. Ich stand auf und bot ihr meinen Platz im Armstuhl an. Sie rümpfte aber nur die Nase. Earnshaw erhob sich ebenfalls und bat sie, ans Feuer zu kommen, sie müsse ja halb erfroren sein.

»Ich bin seit einem Monat und länger halb erfroren«, sagte sie höhnisch.

Und sie nahm sich einen Stuhl und setzte sich in angemessene Entfernung von uns beiden. Als sie warm geworden war, blickte sie sich um und bemerkte oben auf dem Büfett einige Bücher. Sie sprang auf und langte nach den Büchern. Aber sie standen zu hoch. Ihr Vetter fand schließlich Mut, ihr zu helfen: sie hielt ihr Kleid auf, und er füllte von den Büchern hinein, was ihm gerade in die Hand kam.

Das war ein großer Fortschritt für den Burschen. Sie sagte ihm keinen Dank, aber er fühlte sich schon beglückt, daß sie seine Hilfe angenommen hatte, und wagte es, hinter ihr zu stehen, als sie die Bände prüfend durchblätterte. Und er ließ sich nicht vertreiben, trotzdem sie jedesmal, wenn er sich über das Buch beugte, hastig und herausfordernd weiterblätterte. Schließlich begnügte er sich, weiter zurückzutreten und auf sie anstatt ins Buch zu blicken. Sie beachtete ihn nicht. Er vertiefte sich mehr und mehr in den Anblick ihrer dicken seidigen Locken; ihr Gesicht konnte er nicht sehen – und sie nicht das seine. Und ohne weiter zu überlegen, halb unbewußt wohl, streckte er die Hand aus und streichelte eine Locke – so sanft, als sei es ein kleiner Vogel. Hätte er ihr ein Messer in den Nacken gerannt, so hätte sie nicht entsetzter auffahren können.

»Geh fort, augenblicklich! Wie darfst du mich anfassen? Warum stehst du noch da?« schrie sie voll Abscheu. »Ich kann dich nicht ausstehen! Wenn du mir noch einmal nahe kommst, gehe ich wieder hinauf!«

Mr. Hareton blickte so dumm drein als nur möglich. Er setzte sich ans Feuer und verhielt sich ganz still. Sie blätterte noch eine halbe Stunde in den Büchern und zog sich dann auf ihr Zimmer zurück. Aber der Frost setzte ein und zwang sie, ihren Hochmut abzulegen und sich in unsere Gesellschaft zu begeben. Ich habe mich aber vor weiterer Verhöhnung meines Mitgefühls in acht genommen. Ich war gerade so hölzern wie sie, und sie hat niemanden hier bei uns, der ihr Freund ist, und sie verdient es nicht anders. Sie weist jede Annäherung zurück, sie schnappt sogar nach dem Herrn, und je mehr weh man ihr tut, desto giftiger wird sie.«

Zuerst, als ich diesen Bericht von Zillah vernommen hatte, beabsichtigte ich, meine Stellung aufzugeben, ein Häuschen zu erwerben und Catherine zu veranlassen, bei mir zu leben; aber Mr. Heathcliff hätte das nie zugegeben, und ich kann gegenwärtig keinen Ausweg sehen, es sei denn, sie würde noch einmal heiraten, und das zu bewerkstelligen liegt nicht in meiner Macht.«

So schloß Mrs. Deans Erzählung. – Trotz der gegenteiligen Prophezeiung des Arztes erhole ich mich schnell. Es ist zwar erst die zweite Woche im Januar, aber dennoch beabsichtige ich, in ein oder zwei Tagen nach Sturmheid hinüberzureiten und meinen Hauswirt zu benachrichtigen, daß ich die nächsten sechs Monate in London zuzubringen gedenke. Und wenn er mag, so soll er sich für den nächsten Winter einen neuen Mieter suchen. Ich möchte um keinen Preis einen zweiten Winter hier verbringen.

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