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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XXVIII.

Am Nachmittag des fünften Tages näherten sich andere Schritte, und diesmal trat die Person ins Zimmer. Es war Zillah.

»Lieber Gott, Mrs. Dean!« rief sie aus. »In Gimmerton heißt es, Sie seien im Moor ertrunken, und Ihr kleines Fräulein auch. Hat mein Herr Sie herausgezogen?«

»Ihr Herr ist ein Schurke!« antwortete ich. »Doch er wird sich zu verantworten haben. Es wird alles aufgedeckt werden!«

»Was meinen Sie damit?« fragte Zillah. »Man erzählt das im Dorf. Und als ich vorhin nach Haus kam, fragte ich Hareton, ob er etwas davon wisse; der Herr stand auch dabei, und er sagte: »Jetzt jedenfalls sind sie wieder heraus aus dem Moor. Nelly Dean ist in deinem Zimmer, Zillah; du magst hinaufgehen und ihr sagen, sich davon zu machen. Sie soll gleich nach Drosselkreuz laufen und kann von mir ausrichten, daß ihre junge Herrin rechtzeitig folgen werde, um dem Begräbnis beizuwohnen!«

»Mr. Edgar ist tot?« ächzte ich. »O! Zillah, Zillah!«

»Nein, nein!« antwortete sie. »Er ist nicht tot. Dr. Kenneth meint, er könne noch einen Tag am Leben bleiben. Ich traf ihn unterwegs und fragte ihn.«

Ich hörte nicht mehr auf sie, sondern eilte hinunter. Als ich die Diele betrat, blickte ich mich nach Catherine um. Der Raum war voll Sonne, und die Haustür stand weit offen; niemand war zu sehen. Während ich überlegte, ob ich mich davonmachen oder lieber erst nach Catherine suchen solle, vernahm ich von der Herdstelle her ein schwaches Husten. Linton lag auf den Steinen; er sog an einer Zuckerstange und verfolgte meine Bewegungen mit apathischen Blicken. »Wo ist Miß Catherine?« fragte ich streng. Er beachtete meine Worte nicht.

»Ist sie fort?« sagte ich.

»Nein«, antwortete er; »sie ist oben. Sie hat hier zu bleiben. Wir lassen sie nicht fort.«

»Ihr laßt sie nicht, du Idiot!« rief ich. »Führe mich sofort zu ihr, oder du sollst etwas erleben!«

»Papa würde Sie schwer bestrafen, wenn Sie das versuchen wollten«, antwortete er. »Catherine ist meine Frau, und es ist schmachvoll, daß sie von mir fort will. Papa sagt, sie haßt mich und wartet, daß ich sterbe, damit sie mein Geld bekommt. Aber sie soll es nicht haben; und sie soll nicht nach Haus gehen! Niemals! Sie soll nur weinen und krank sein, so viel sie mag!«

Er schloß die Augen und beschäftigte sich wieder mit seinem Zuckerzeug.

»Master Heathcliff«, begann ich wieder, »haben Sie vergessen, wie gut Catherine zu Ihnen war? Wie sie Ihnen Bücher brachte und Lieder sang und viele Male durch Schnee und Wind hergeeilt kam, um Sie zu sehen? Damals fühlten Sie, daß sie viel, viel zu gut zu Ihnen war, und nun glauben Sie die Lügen, die Ihr Vater Ihnen auftischt, trotzdem Sie wissen, daß er Sie beide verabscheut? Und Sie helfen ihm gegen Catherine? Welch schnöde Undankbarkeit!«

»Ich kann es nicht aushalten bei ihr«, antwortete er ärgerlich. »Sie weint, das kann ich nicht ertragen. Und sie hört nicht auf, auch nicht wenn ich ihr drohe, Papa zu rufen. Einmal tat ich das, und er drohte, sie zu erdrosseln, wenn sie nicht ruhig wäre. Aber sowie er das Zimmer verlassen hatte, fing sie wieder an und weinte und stöhnte die ganze Nacht, trotzdem ich schrie vor Wut, daß ich nicht schlafen konnte.«

»Ist Mr. Heathcliff draußen?« fragte ich, da ich sah, daß der elende Bursche kein Mitgefühl hatte für Cathys Seelenpein.

»Er ist im Hof«, entgegnete er, »und spricht mit Doktor Kenneth. Onkel wird nun sterben, sagt der Doktor. Ich bin froh, denn ich werde dann Herr auf Drosselkreuz. Catherine sprach immer von ihrem Haus. Es ist nicht ihres! Es ist meines! Papa sagt, alles was sie hat, ist mein. All ihre schönen Bücher sind mein, und ihre Vögel und Minny. Alles das wollte sie mir schenken, falls ich sie freilassen würde. Aber ich habe ihr gesagt, daß sie gar nichts hat zum Verschenken, denn alles, alles ist mein! Und da weinte sie und nahm ein kleines Bildchen, das sie an einer Kette am Halse trug und sagte, das wolle sie mir geben. Zwei Bildchen waren es, in einem goldenen Medaillon: ihre Mutter und mein Onkel als sie jung waren. Das geschah gestern, und ich sagte, auch diese Bilder seien mein und versuchte, sie ihr fortzunehmen. Aber das mißgünstige Ding stieß mich fort und tat mir weh. Ich schrie auf – sie hörte Papa kommen, da zerbrach sie das Medaillon und gab mir die eine Hälfte mit dem Bild ihrer Mutter; das andere Stück wollte sie verstecken, aber Papa trat ein und fragte, was los sei, und ich erzählte ihm die Sache. Er nahm mir mein Bildchen fort und befahl ihr, das andere mir zu geben. Sie weigerte sich und er – er schlug sie nieder und riß das Bild von der Kette ab und zertrat es.«

»Und freute es Sie, daß sie geschlagen wurde?« fragte ich, denn ich wollte ihn zum Weiterreden veranlassen. »O ja – sie verdiente Strafe, weil sie mich gestoßen hatte. Aber als Papa gegangen war, rief sie mich ans Fenster und zeigte mir, wie der Schlag ihr im Mund das Wangenfleisch zerrissen hatte und wie es blutete. Und dann hob sie die Scherben des Medaillons und Bildchens auf und setzte sich mit dem Gesicht zur Wand, und seitdem hat sie kein Wort mehr gesprochen, und manchmal denke ich, daß sie vor Schmerz nicht reden kann. Es ist sehr rücksichtslos von ihr, fortwährend zu weinen, und sie sieht so bleich und wild aus, ich fürchte mich vor ihr.«

»Und Sie können den Schlüssel zu Catherines Zimmer finden, wenn Sie wollen?« fragte ich.

»Ja, wenn ich oben bin«, antwortete er. »Aber ich kann jetzt nicht hinaufgehen.«

»In welchem Zimmer liegt er?« fragte ich.

»O«, schrie er, »das werde ich Ihnen nicht sagen! Es ist unser Geheimnis. Niemand, weder Hareton noch Zillah, wissen es. Da! Nun bin ich vom Sprechen ganz müde geworden – gehen Sie, gehen Sie!« Und er legte den Kopf auf den Arm und schloß die Augen.

Ich hielt es für das beste fortzugehen, ohne Mr. Heathcliff zu begegnen, und von Drosselkreuz Hilfe zu holen zu Catherines Befreiung. Als ich dort ankam, war das Erstaunen meiner Dienstgenossen sehr groß und größer noch die Freude, daß unsere junge Herrin heil und lebendig sei. Wie verändert fand ich Mr. Edgar! Er lag vollständig teilnahmlos und wartete auf den Tod. Sehr jung sah er aus. Er war nun neununddreißig Jahre alt, man hätte ihn aber für zehn Jahre jünger schätzen können. Seine Gedanken waren bei Catherine, denn er flüsterte ihren Namen. Ich berührte seine Hand und sprach.

»Catherine wird kommen, lieber Herr!« sagte ich leise; »sie lebt und ist gesund und wird, wie ich hoffe, noch heut hier eintreffen.«

Er wurde aufmerksam, richtete sich halb auf, blickte sich begierig im Zimmer um und sank ohnmächtig zurück. Sobald er sich erholt hatte, berichtete ich von unserem Besuch auf Sturmheid und unserer Gefangenschaft dort. Ich sagte, Heathcliff habe mich gezwungen, hineinzugehen – was nicht ganz der Wahrheit entsprach. Über Linton sagte ich so wenig nachteiliges als nur möglich und beschrieb auch nicht das ganze brutale Benehmen seines Vaters, denn ich wollte das überströmende Leid meines Herrn nicht noch vermehren.

Er erriet, daß einer von Heathcliffs Plänen dahin ging, sein Geld und seine Liegenschaften für seinen Sohn Linton zu sichern – vielmehr: sich selbst diese Dinge anzueignen. Weshalb aber der andere nicht warten könne, bis er gestorben sei, war meinem Herrn rätselhaft – er wußte ja nicht, wie bald nach ihm sein Neffe hingehen werde. Jedenfalls empfand er, daß er sein Testament noch ändern müsse: anstatt Catherine ihr Vermögen zur Verfügung zu stellen, beschloß er, dieses einem Kurator zu übergeben, der es für sie und ihre etwaigen Kinder verwalten solle. Infolge dieser Maßregel konnte es, falls der junge Linton sterben sollte, nicht an Mr. Heathcliff fallen.

Auf seinen Wunsch hin schickte ich einen der Leute zum Notar, und vier andere sandte ich, mit tauglichen Waffen versehen, nach Sturmheid, um meine junge Herrin ihrem Kerkermeister zu entreißen. Beide Botschaften wurden sehr spät abgesandt. Der einzelne Dienstknecht kehrte zuerst zurück. Er sagte, Mr. Green, der Notar, sei zunächst nicht daheim gewesen, er habe zwei Stunden auf ihn warten müssen; und dann habe Mr. Green ihm gesagt, er habe eine kleine Sache im Dorf zu erledigen, er könne nicht vorm anderen Morgen in Drosselkreuz eintreffen. Die vier Knechte kamen ebenso unverrichteter Sache zurück. Catherine sei krank, habe man ihnen gesagt, zu krank, um ihr Zimmer verlassen zu können, und Heathcliff gestattete ihnen nicht, sie zu sehen. Ich schalt die dummen Kerle gehörig aus, weil sie diesen Schwindel geglaubt hatten. Ich beschloß, am anderen Morgen mit einem ganzen Heer von Leuten nach Sturmheid zu ziehen und es, falls die Gefangene nicht freiwillig ausgeliefert werden sollte, einfach zu stürmen. Ihr Vater soll sie sehen, darauf gab ich mir mein Wort – und wenn dieser Satan auf seiner eignen Schwelle niedergemacht werden müßte!

Glücklicherweise blieb mir diese Mühe erspart. Als ich in der Morgenfrühe – es mochte drei Uhr sein – mit einem Krug Wasser durch den Hausgang schritt, erschreckte mich ein energischer Schlag gegen das Haustor. »O, es ist Green«, sagte ich, mich sammelnd – »nur Green«, und ich ging weiter, in der Absicht, irgend jemand anders zum Öffnen zu schicken. Aber das Klopfen wiederholte sich – nicht laut und dennoch gebieterisch. Ich setzte den Krug auf den Kaminsims und eilte zur Tür. Der Mond schien hell draußen. Es war nicht der Notar. Meine einzige liebe kleine Herrin fiel mir um den Hals und schluchzte:

»Ellen! Ellen! Ist Papa am Leben?«

»Ja!« rief ich. »Ja, mein Engel! Gott sei Dank, daß Sie wieder lebendig bei uns sind!«

Sie wollte, atemlos wie sie war, hinauf in Mr. Lintons Zimmer laufen. Aber ich veranlaßte sie, sich erst niederzusetzen, und ließ sie etwas Wasser trinken und wusch ihr blasses Gesichtchen und rieb ihre Wangen mit meiner Schürze rot. Dann sagte ich, ich wolle zunächst ihre Ankunft verkünden und beschwor sie, zu sagen, daß sie glücklich sei mit dem jungen Heathcliff. Sie stutzte, aber sie erfaßte schnell, weshalb ich ihr zu dieser Lüge riet, und versprach mir, nicht klagen zu wollen.

Ich konnte es nicht ertragen, das Wiedersehen zu beobachten. Ich blieb eine Viertelstunde hinter der geschlossenen Tür und wagte mich auch dann kaum ans Krankenlager. Aber alles war feierlich friedevoll. Catherines Verzweiflung schwieg ebenso wie ihres Vaters Entzücken. Sie hielt ihn ruhig in den Armen, und er heftete seine großen Augen auf ihr Antlitz, Augen, die in Seligkeit zu wachsen schienen.

Er hatte einen gesegneten Tod, Mr. Lockwood. Er starb so: er küßte ihre Wangen und flüsterte:

»Ich gehe zu ihr – und du geliebtes Kind, sollst zu uns kommen!« Und er rührte sich nicht mehr und sprach nicht mehr. Nur seine Augen hingen strahlend, verzückt an ihrem Antlitz, bis sein Puls stillstand und seine Seele entschwebte. Keiner konnte die genaue Minute seines Todes angeben, so ganz ohne Kampf verschied er.

Hatte Catherine keine Tränen mehr, oder war ihr Schmerz so wuchtig, daß er sich nicht lösen konnte? Sie saß trockenen Auges bis Sonnenaufgang, sie saß bis mittag und würde noch länger in dumpfem Sinnen gesessen haben, aber ich führte sie gewaltsam fort und brachte sie zur Ruhe. Mittags kam der Notar, nachdem er sich in Sturmheid Instruktionen geholt hatte. Er hatte sich Mr. Heathcliff verkauft, das war der Grund gewesen, weshalb er dem Rufe meines Herrn nicht sofort gefolgt war. Glücklicherweise hatte den letzteren nach der Ankunft seiner Tochter kein Gedanke an irdische Dinge mehr gestört.

Mr. Green machte sich selbst daran, alles zu ordnen. Er sagte allen Dienstleuten – ausgenommen mir – daß sie entlassen seien. Er würde seine Autorität so weit getrieben haben, zu verhindern, daß Edgar Linton neben seinem Weib beerdigt werde. Da war jedoch das Testament, das anders bestimmte, und gegen das er nichts machen konnte. Das Begräbnis wurde sehr beschleunigt. Catherine, jetzt Mrs. Linton Heathcliff, hatte Erlaubnis, auf Drosselkreuz zu bleiben, bis ihr Vater hinausgetragen sei.

Sie erzählte mir, daß ihre peinvolle Angst schließlich Linton bewogen habe, ihre Befreiung zu wagen. Sie hörte die Leute, die ich geschickt hatte, drunten reden, und sie vernahm Heathcliffs Antwort. Das brachte sie zur Verzweiflung. Linton, der bald, nachdem ich gegangen, in sein kleines Wohnzimmer verbannt worden war, wurde so in Schrecken gejagt, daß er den Schlüssel holte, ehe sein Vater wieder vom Gartentor zurückgekehrt war. Er war so schlau, das Schloß auf- und wieder zuzuschließen – ohne es wirklich zu schließen. Und als er schlafen gehen sollte, bat er bei Hareton nächtigen zu können. Es wurde ihm ausnahmsweise erlaubt. Catherine stahl sich vor Tagesanbruch fort. Die Haustüren durfte sie nicht zu öffnen wagen, sonst hätten die Hunde Alarm geschlagen. Sie untersuchte die Fenster in den unbewohnten Zimmern. Und als sie glücklicherweise auch dasjenige ihrer Mutter betrat, konnte sie von dort aus durchs geöffnete Fenster in den Fichtenbaum klettern und zu Boden steigen.

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