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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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I.

1801. – Ich bin soeben von einem Besuch bei meinem Hauswirt zurückgekehrt – dem einsamen und einzigen Nachbarn, mit dem ich zu tun haben werde. Wirklich, dies ist ein prächtiges Land! In ganz England, glaube ich, hätte ich keine andere Gegend gefunden, die so völlig dem Getriebe der Geselligkeit entrückt ist. Für den Misanthropen ein wahres Eden! Und Mr. Heathcliff und ich sind so recht ein passendes Paar, diese Einsamkeit miteinander zu teilen. Ein kapitaler Kerl! Wie argwöhnisch er die schwarzen Augen zusammenkniff, als ich bei ihm vorgeritten kam, und wie mißtrauisch er die Hände tiefer in die Jackentaschen bohrte, als ich meinen Namen nannte! Das gewann ihm gleich mein Herz, wovon er freilich nichts ahnen mochte.

»Mr. Heathcliff?« fragte ich.

Er nickte.

»Mr. Lockwood, Ihr neuer Mieter«, stellte ich mich vor. »Ich gebe mir die Ehre, mein Herr, Sie sobald als möglich nach meiner Ankunft aufzusuchen, um die Hoffnung auszusprechen, daß ich Sie in meinem beharrlichen Bemühen, Drosselkreuzhof als Wohnsitz zu erlangen, nicht etwa belästigt habe; ich hörte gestern, Sie hätten daran gedacht –«

»Drosselkreuzhof ist mein eigen«, unterbrach er mich ausweichend. »Würde niemandem erlauben, mich zu belästigen, soweit ich es verhindern könnte –. Treten Sie ein!«

Das »treten Sie ein« war mit zusammengepreßten Zähnen gemurmelt worden und drückte den Gedanken aus: »Geh zum Teufel!« Selbst das Tor, an dem er lehnte, ließ seinen Worten keine einladende Bewegung folgen. Und dieser Umstand, glaube ich, veranlaßte mich, der Aufforderung Folge zu leisten. Ich fühlte Interesse für einen Mann, der noch unzugänglicher zu sein schien, als ich selbst es war.

Als er sah, daß die Brust meines Pferdes sich gegen das Tor preßte, zog er eine Hand hervor und öffnete. Dann ging er mürrisch die Allee hinauf mir voran. Als wir den Hof betraten, rief er: »Josef, nimm Mr. Lockwoods Pferd und bring Wein herauf«.

Aha, da haben wir das gesamte Dienstpersonal, wie mir scheint, schloß ich aus diesem bündigen Auftrag. Kein Wunder, daß zwischen den Pflastersteinen Gras wächst, und daß nur das liebe Vieh für das Beschneiden der Hecken sorgt.

Josef war ein ältlicher, nein, ein alter Mann; sehr alt vielleicht, obschon stark und sehnig. »Gott helf uns!« murmelte er leise und sichtlich mißvergnügt, als er mir vom Pferde half. Dabei sah er mich mit so saurer Miene an, daß ich mitleidig vermutete, er bedürfe, um sein Mittagessen zu verdauen, tatsächlich göttlicher Hilfe und sein frommer Ausruf habe zu meiner unerwarteten Ankunft keine Beziehung.

Sturmheidhof heißt Mr. Heathcliffs Wohnort; der Name soll den atmosphärischen Tumult bezeichnen, dem dieser Ort bei stürmischem Wetter ausgesetzt ist. Reinen, stärkenden Luftzug müssen sie dort in der Tat haben. Man kann sich die Gewalt des um die Ecken des Gutshofs blasenden Nordwinds vorstellen, wenn man die schiefe, geduckte Haltung der paar verkümmerten Föhren, die hinter dem Hause stehen, betrachtet und die Reihe dürrer Dornbüsche, die alle ihre Glieder nach einer Richtung drehen, als erbettelten sie Almosen von der Sonne. Glücklicherweise hatte der Baumeister Voraussicht genug gehabt, ein festes Haus aufzurichten. Die schmalen Fenster sind tief in die Mauer eingelassen und die Hausecken sind mit gewaltigen Ecksteinen verteidigt. –

Ich blieb ein Weilchen auf der Schwelle stehen, um die reiche Ornamentik der Front, die besonders verschwenderisch das Haupttor umrahmte, zu betrachten. Über dem Portal entdeckte ich unter einer Menge zerbröckelnder Greife und schamloser kleiner Buben die Jahreszahl 1500 und den Namen Hareton Earnshaw. Ich hätte gern einige Fragen gestellt und den Eigentümer um eine kurze Geschichte des Ortes gebeten, aber seine Haltung an der Tür schien mein schleuniges Eintreten oder gänzliches Verschwinden zu erwarten, und ich hatte keine Lust, seine Laune zu verschlimmern – wenigstens nicht ehe ich das Hausinnere besichtigt hatte.

Ein Schritt brachte uns – nicht etwa in den Flur, sondern geradewegs in das Wohnzimmer, das hier meistens »Diele« genannt wird. Es dient für gewöhnlich sowohl als Küche wie als Wohnraum. Aber im Sturmheidhof hatte die Küche sich wohl in einen anderen Teil des Hauses zurückziehen müssen, denn ich vernahm tief aus dem Inneren Stimmengeplapper und das Klirren von Küchengerät; auch bemerkte ich hier am großen Herd keine Spuren des Kochens, Bratens oder Backens, und an den Wänden hingen keine kupfernen Pfannen und blechernen Siebe. Eine Wand allerdings erstrahlte in prächtigen Lichtreflexen; hier türmte sich auf einem riesigen eichenen Büfett Reihe über Reihe ungeheurer zinnerner Schüsseln, zwischen denen silberne Kannen und Becher standen, bis zur Decke empor. Diese war nie getüncht gewesen: ihre ganze Balkenstruktur lag nackt vor den forschenden Blicken ausgebreitet, ausgenommen dort, wo ein mit Haferbroten und Schweineschinken hoch beladenes Hängebrett sie verbarg. Über dem Kamin hingen mehrere ordinäre alte Flinten und einige Reiterpistolen; auf dem Kaminsims standen als einziger Schmuck drei buntbemalte Blechbüchsen. Den Fußboden bildeten glatte weiße Steinfliesen. Die einfachen hochlehnigen Stühle waren grün gestrichen. Ein oder zwei schwarze Lehnsessel verbargen sich im Schatten. In einem Bogen unter dem Büfett lag eine riesige rehfarbene Pointer-Hündin, umringt von einer Schar quiekender Jungen. Und andere Hunde dehnten sich auf anderen Lagerplätzen.

Der Raum und seine Einrichtung hatte durchaus nichts Auffallendes, nur hätte er einem schlichten Bauern von steifer Haltung und stählernen Gliedmaßen, der in Kniehosen und Stulpenstiefeln seiner Arbeit nachgeht, gehören sollen. Solch einen Bauern, behäbig im Armstuhl sitzend, den schäumenden Bierkrug vor sich auf dem runden Tisch, kann man zwischen den Heidhügeln im Umkreis von fünf, sechs Meilen überall finden, wenn man nur rechtzeitig nach Tisch aufbricht. Mr. Heathcliff aber steht in zu seltsamem Kontrast zu seiner Behausung und Lebensweise. Er ist dem Äußeren nach ein schwarzer Zigeuner, nach Kleidung und Manieren ein Edelmann; das heißt, ein Edelmann wie die anderen Gutsbesitzer auch: ziemlich ungepflegt vielleicht, auch ziemlich mürrisch, und doch infolge seiner aufrechten und wohlgebildeten Figur nicht übel wirkend. Möglich, daß manche Leute ihn etwas dummstolz finden, mir sagt eine innere Stimme, daß er das nicht ist. Ich fühle vielmehr instinktiv: seine Zurückhaltung entspringt einem Widerwillen gegen auffällige Gefühlsäußerungen – gegen gegenseitige Freundlichkeitsbezeigungen. Gewiß wird auch er lieben und hassen, aber im geheimen; würde man ihn jedoch wiederlieben oder -hassen, so würde er das wahrscheinlich als Impertinenz betrachten.

Nein, ich gehe doch zu weit. Ich bedenke ihn zu freigebig mit meinen eigenen Attributen. Wenn Mr. Heathcliff sich einer oberflächlichen Bekanntschaft gegenüber reserviert verhält, so mag er ganz andere Gründe dafür haben, als ich im gleichen Falle haben würde. Mein Charakter ist, wie ich hoffe, ziemlich einzigartig. Meine liebe Mutter pflegte zu sagen, ich würde nie ein behagliches Heim haben; und erst letzten Sommer bewies ich mich eines solchen vollkommen unwürdig.

Während ich am Meeresstrande einen sonnigen Monat genoß, brachte mich der Zufall in die Gesellschaft eines berückenden Geschöpfes: in meinen Augen eine Göttin – solange sie mich beachtete. Ich sprach meine Liebe niemals aus; dennoch – wenn Blicke reden können, so würden die meinigen selbst einem Idioten verraten haben, daß ich bis über die Ohren verliebt sei. Sie verstand mich schließlich und blickte Antwort: den denkbar süßesten aller Blicke. Und was tat ich? Ich bekenne es schamvoll: ich zog mich frostig in mich selbst zurück, wie eine Schnecke, – mehr und mehr nach jedem Augenaufschlag; bis endlich die arme Unschuld ihren eigenen Sinnen nicht mehr traute und, über ihren vermeintlichen Irrtum ganz niedergeschmettert und verwirrt, ihre Mutter überredete, das Feld zu räumen. Dies mein seltsames Benehmen brachte mich in den Ruf überlegter Herzlosigkeit; wie unverdient, weiß allein ich zu beurteilen. –

Ich setzte mich in der Nähe des Herdes auf einen Stuhl, demjenigen gerade gegenüber, dem sich mein Hauswirt zuwandte, und wollte eine Gesprächspause durch den Versuch, die Hundemutter zu streicheln, ausfüllen; sie hatte ihre Kinderstube verlassen und schlich mit gekräuselter Oberlippe und fletschenden Zähnen hinten um meine Beine herum. Meine Liebkosung veranlaßte sie zu einem langen Knurren.

»Sie täten besser, den Hund in Ruh zu lassen«, grollte Mr. Heathcliff gleichzeitig, indem er dem Tier einen Fußtritt versetzte. »Sie ist nicht gewöhnt, verhätschelt zu werden. Ist kein Schoßhündchen.« Dann wandte er sich einer Seitentür zu und rief wieder: »Josef!«

Josef antwortete aus den Tiefen des Kellers mit unverständlichem Gemurmel, kam aber nicht herauf. So tauchte sein Herr zu ihm hinunter und ließ mich mit der rauflustigen Hündin und einem Paar grimmiger zottiger Schäferhunde allein, die gemeinsam alle meine Bewegungen mißtrauisch überwachten. Ich hatte nicht Lust, die Bekanntschaft ihrer Raubtiergebisse zu machen, und saß daher still. Da ich aber annahm, daß sie mimische Beleidigungen nicht bemerken würden, begann ich unglücklicherweise dem Trio Fratzen zu schneiden, und irgend ein Ausdruck meines Gesichtes irritierte Madame derart, daß sie plötzlich in Wut ausbrach und auf meine Kniee sprang. Ich schleuderte sie ab und beeilte mich, den Tisch zwischen uns zu rücken. Dies Vorgehen brachte die ganze Bande auf die Beine: ein halb Dutzend vierfüßiger Feinde, jeder Größe und jeden Alters, sprang aus verborgenen Winkeln in die Mitte des Raumes. Meine Absätze und Rockschöße bildeten ihre Angriffspunkte. Die größeren Streiter wehrte ich, so gut ich konnte, mit dem Schüreisen ab, doch war ich gezwungen, laut um den Beistand eines der Hausbewohner zu rufen, damit der Friede wieder hergestellt werde.

Mr. Heathcliff und sein Diener erstiegen die Kellertreppe mit empörender Langsamkeit. Ich glaube nicht, daß sie es um eine Sekunde eiliger hatten als sonst, obwohl im Wohnzimmer ein wahrer Sturm tobte. Glücklicherweise war ein Wesen aus der Küchenregion schneller: eine resolute Person mit hochgeschürztem Kleid, nackten Armen und feuergeröteten Backen stürzte, eine Bratpfanne schwingend, in unsere Mitte und machte von dieser Waffe und ihrer Zunge so ausgiebigen Gebrauch, daß der Aufruhr wie mit einem Zauberschlag sich legte, und nur sie zurückblieb, hochatmend wie das Meer im Sturm. Da betrat ihr Herr die Szene.

»Was zum Teufel ist denn hier los?« fragte er, mich in einer Weise fixierend, die ich nach dieser ungastlichen Behandlung nur schlecht vertragen konnte.

»Ja zum Teufel, was wohl!« brummte ich. »Ihre Bestien sind ja wie besessen, Herr; Sie könnten einen Fremden ebensogut mit einer Brut von Tigern allein lassen!«

»Um Leute, die keine Gegenstände anfassen, kümmern sie sich nicht«, bemerkte er, stellte die Flasche vor mich hin und rückte den Tisch wieder an seinen Platz. »Es ist gut, daß die Hunde wachsam sind. – Ein Glas Wein gefällig?«

»Nein, danke.«

»Doch nicht etwa gebissen, wie?«

»Wenn ich es wäre, so würde es dem Beißer übel ergangen sein.«

Heathcliffs Antlitz erheiterte sich zu einem Grinsen.

»Nun, nun«, sagte er, »Sie sind aufgeregt, Mr. Lockwood. Hier, trinken Sie ein Glas Wein. Gäste sind in diesem Haus so außerordentlich selten, daß ich und meine Hunde, wie ich gern zugebe, sie kaum zu empfangen verstehen. Ihr Wohl, Herr!«

Ich verneigte mich und tat ihm Bescheid, denn ich begann einzusehen, daß es albern sein würde, wegen des schlechten Betragens von ein paar Kötern verdrießlich zu sein. Außerdem war ich nicht geneigt, den alten Gesellen auf meine Kosten noch weiter zu amüsieren. Er – wahrscheinlich einsichtsvoll erkennend, wie unklug es sei, einen guten Mieter zu kränken – mäßigte etwas seine lakonische Art und kam auf eine Sache zu sprechen, die, wie er meinte, von Interesse für mich wäre. Er brachte das Gespräch auf die Vor- und Nachteile meines gegenwärtigen Aufenthaltsortes. Er behandelte dies Thema sehr gewandt, und ehe ich heimkehrte, fühlte ich mich ermutigt genug, für morgen einen zweiten Besuch zu planen. Er selbst wünschte offenbar keineswegs, nochmals durch mich belästigt zu werden; ich werde dessenungeachtet hingehen. Es ist erstaunlich, wie gesellig ich mir vorkomme im Vergleich zu ihm.

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