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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XXV.

Das alles geschah im vorigen Winter, Herr, sagte Mrs. Dean. Damals dachte ich noch nicht, daß ich zwölf Monate später einen Fremden mit diesen Geschichten unterhalten würde. Doch wer weiß, wie lange Sie noch ein Fremder sein werden? Sie sind zu jung, um immer am Einsamsein Genüge zu finden. Und ich bilde mir ein, keiner könne Catherine Linton sehen, ohne sich in sie zu verlieben. Sie lächeln; aber weshalb leuchten denn Ihre Blicke so, wenn ich von ihr spreche? Und weshalb haben Sie mich gebeten, ihr Bild hier bei Ihnen aufzuhängen? Und weshalb –

»Halt, gute Frau!« rief ich. »Es wäre ganz gut möglich, daß ich sie lieben könnte; aber würde sie mich lieben? Ich bezweifle es zu sehr, um meine Ruhe an diese Möglichkeit zu wagen. Und dann – mein Heim ist nicht hier. Ich gehöre der Welt, dem geschäftigen Leben an, und zu ihm muß ich zurückkehren. Fahren Sie fort. Gehorchte Catherine der Anordnung des Vaters?«

O ja, fuhr Mrs. Dean fort. Ihre Liebe zu ihm war noch immer das stärkste Gefühl in ihrem Herzen. Und er hatte ohne Zorn gesprochen. Er sprach wie einer, der seinen Schatz von Gefahren und Feinden umringt zurücklassen muß, und der weiß, daß die Erinnerung an seine Worte der einzige Schutz ist, den er noch geben kann. Ein paar Tage später sagte er mir:

»Ich wollte, Ellen, mein Neffe würde schreiben oder kommen. Sage mir ehrlich, was du von ihm hältst: hat er sich zum Guten verändert, oder ist wenigstens Aussicht vorhanden, daß er als Mann stark und verständig sein wird?«

»Er ist sehr zart, Herr«, antwortete ich. »Und er sieht nicht aus, als würde er alt werden. Aber dies kann ich sagen: er gleicht gar nicht seinem Vater. Und wenn Miß Catherine das Unglück haben sollte, ihn zu heiraten, so wird sie ihn stets überwachen können. Nun, Herr, Sie haben Zeit genug, ihm näher zu treten und ihn zu beobachten. Es sind noch über vier Jahre bis zu seiner Volljährigkeit.«

Edgar seufzte. Er trat ans Fenster und sah in die Ferne, zum Kirchhof hinüber. Es war ein nebliger Nachmittag, und die Februarsonne schien nur matt; dennoch konnten wir die zwei Fichten, die den Eingang bewachten, deutlich erkennen.

»Ich habe oft herbeigewünscht«, sagte er, »was nun nahe ist; und jetzt wehre ich mich dagegen und fürchte es. Ellen! Ich bin sehr glücklich gewesen mit meiner kleinen Cathy. In dunklen Wintern und hellen Sommern war sie an meiner Seite – eine blühende Lebenshoffnung! Aber ich war ebenso glücklich, wenn ich dort einsam zwischen den Gräbern wandelte oder an langen Juniabenden auf dem grünen Hügel vor ihrer Mutter Grab lag und mich nach der Zeit sehnte, da man mich neben sie betten würde. Was kann ich tun für Cathy? Wie kann ich sie trösten? Ich würde nichts danach fragen, daß Linton Heathcliffs Sohn ist, wenn ich wüßte, daß er ihr meinen Verlust ersetzen könnte. Es sollte mich auch nicht bekümmern, wenn Heathcliff sein Ziel erreichte und mich triumphierend meines letzten Glücks beraubte! Doch sollte Linton ihrer unwert sein – ein Spielzeug nur in seines Vaters Händen – ich könnte sie ihm nicht anvertrauen! Meinen Liebling! Lieber würde ich sie Gott hingeben, lieber sie vor mir ins Grab betten mögen!«

»Vertrauen Sie sie Gott an und dem Leben«, antwortete ich. »Und sollten wir Sie verlieren – was er verhüten möge – so will ich bis ans Ende ihr Freund und Ratgeber sein. Miß Catherine ist ein gutes Mädchen, und Menschen, die ihre Pflicht tun, werden stets ihren Lohn finden.«

Der Frühling nahte dem Sommer, doch meines Herrn Gesundheit wollte sich nicht kräftigen, trotzdem er die Spaziergänge mit seiner Tochter durch Feld und Heide wieder aufgenommen hatte. Cathy freilich war dies allein schon ein Zeichen der Besserung, denn die Luft rötete seine Wangen und gab seinen Augen Glanz. An ihrem siebzehnten Geburtstag besuchte er nicht den Kirchhof; es regnete, und ich bemerkte:

»Bei diesem Wetter, Herr, gehen Sie sicherlich nicht hinaus?«

Er antwortete:

»Nein, ich werde es dies Jahr noch ein wenig hinausschieben.«

Er schrieb wieder an Linton und sprach ihm seinen innigen Wunsch aus, ihn zu sehen. Und, wäre der Kranke präsentabel gewesen – ich bin überzeugt, sein Vater hätte ihm den Besuch gestattet. So jedoch schickte er eine offenbar diktierte Antwort, daß Mr. Heathcliff ihm verbiete, nach Drosselkreuz zu kommen, das freundliche Gedenken seines Onkels erfreue ihn aber sehr, und er hoffe, daß er ihm gelegentlich draußen in der Heide begegnen und ihn persönlich bitten könne, ihm den Verkehr mit seiner Cousine wieder zu gestatten.

»Ich verlange nicht«, schrieb er, »daß sie mich hier im Hause besucht, aber soll ich sie nie wiedersehen, weil mein Vater mir verbietet, sie in ihrem Heim aufzusuchen, und du ihr das meine verbietest? Lieber Onkel! Sende mir morgen ein paar Zeilen, mit der Erlaubnis, euch irgendwo außerhalb Drosselkreuz zu treffen. Ich bin gewiß, du würdest dich schnell davon überzeugen, daß meines Vaters Charakter nicht der meinige ist: er versichert, ich sei mehr dein Neffe als sein Sohn. Und obgleich ich Fehler habe, die mich Catherines nicht wert erweisen, so hat sie dieselben doch entschuldigt. Du fragst nach meiner Gesundheit? Es geht mir besser, aber da ich ganz einsam bin, nur umgeben von denen, die mich nie leiden mochten und nie leiden werden – wie kann ich fröhlich und wohl sein?«

Obschon Edgar Mitleid hatte mit dem Jungen, so wollte er ihm doch seinen Wunsch nicht erfüllen: weil er selbst Catherine nicht begleiten konnte. Aber er gestattete ihm, ab und zu zu schreiben, und gab ihm in Briefen Rat und Trost. Linton fügte sich; doch hätte sein Vater nicht ein wachsames Auge auf diesen Briefwechsel gehabt, so hätte er wohl bald mit Klagen und Lamentieren alles verdorben. So aber durfte er nicht von dem reden, was seine Gedanken am meisten beschäftigte, sondern mußte das grausame Geschick anklagen, das ihn von seiner Freundin und Angebeteten trennte; und er bat immer wieder um eine Zusammenkunft.

Cathy war ihm eine machtvolle Verbündete; und schließlich erreichten sie von meinem Herrn die Erlaubnis, etwa einmal wöchentlich einen gemeinsamen Ritt oder Spaziergang unter meiner Aufsicht machen zu dürfen – draußen auf der Heide, nahe bei Drosselkreuz. Denn im Juni noch war Cathys Vater leidend und hinfällig. Obgleich er jährlich einen Teil seines Einkommens für Cathys Zukunft beiseite gelegt hatte, so hatte er doch den begreiflichen Wunsch, daß das Haus ihrer Ahnen ihr nicht verloren gehen möge, und er sah die einzige Möglichkeit hierzu in einer Vereinigung mit Linton, seinem Erben. Er hatte ja keine Ahnung, daß dieser fast ebenso nahe dem Grabe war, als er selbst sich fühlte – und auch kein anderer ahnte das: kein Arzt kam nach Sturmheid, und keiner von uns erblickte je den jungen Heathcliff. Sogar ich begann anzunehmen, meine Ahnung habe mich getäuscht, und er müsse sich tatsächlich erholt haben, da er von Reiten und Wandern sprach und so ernsthaft seinem Ziel zustrebte. Konnte ich mir denn einen Vater vorstellen, der sein sterbendes Kind mit Drohungen zu einer Lebensenergie aufpeitschte, die dem Tode trotzen sollte – so lange, bis seine schwarzen Pläne erfüllt waren?

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