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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XXII.

Der Spätsommer nahte seinem Ende. Es war nach Michaelis, aber die Ernte war spät in diesem Jahr, und einige unserer Felder waren noch nicht eingebracht. Mr. Linton und seine Tochter wanderten häufig hinaus zu den Schnittern. Als die letzten Ähren eingefahren wurden, blieben sie bis zum Abend draußen, und da es kalt und feucht geworden war, erkältete sich mein Herr schwer. Auch die Lungen wurden ergriffen, und er mußte den ganzen Winter über im Hause bleiben.

Die arme Cathy, der man ihre kleine Romanze genommen hatte, war seitdem viel ernster, fast traurig. Ihr Vater bestand darauf, daß sie weniger lese und mehr spazieren gehe. Er konnte sie nicht begleiten, ich hielt es daher für meine Pflicht, ihn soviel als möglich zu ersetzen. Ein nutzloses Bemühen, denn ich konnte mich von der Last meiner täglichen Arbeiten kaum zwei oder drei Stunden frei machen, um ihren Schritten zu folgen, und außerdem war meine Gesellschaft ersichtlich weniger erwünscht als seine.

Eines Nachmittags – es war Ende Oktober oder Anfang November, wo es in Gras und Pfaden von welken, feuchten Blättern raschelte und der kalte blaue Himmel von dunkelgrauen Regenwolken halb verhangen war – ersuchte ich meine kleine Herrin von einem Ausgang abzustehen, da es Regen geben werde. Sie lehnte es ab, und ich nahm widerstrebend den Mantel um und griff nach dem Regenschirm, um sie auf einer Streife zum Ende des Parkes zu begleiten. Es war dies ein Spaziergang, den sie stets wählte, wenn sie niedergeschlagen war – und das war sie immer, sobald es Mr. Edgar schlechter ging. Er klagte allerdings nie, aber er war an solchen Tagen außergewöhnlich schweigsam und melancholisch.

Sie schritt traurig einher. Da gab es kein Springen und Rennen mehr, trotzdem der kühle Wind eigentlich dazu herausforderte. Und wenn ich sie von der Seite anblickte, so gewahrte ich oft, daß sie mit der Hand über die Wangen wischte. Ich blickte mich suchend um; vielleicht fand sich irgend etwas, um ihre Gedanken zu zerstreuen. An einer Seite des Weges erhob sich eine hohe Böschung, auf der Haselsträucher und verkrüppelte Eichen ein unsicheres Leben führten. Der lockere Boden bot den Wurzeln keinen Halt, und heftige Winde hatten die Eichen fast wagerecht umgelegt. Im Sommer war es Miß Catherines Entzücken gewesen, auf diesen Bäumen herumzuklettern und in den Zweigen zu sitzen, die sich zwanzig Fuß über dem Boden wiegten. Von Mittag bis Abend lag sie droben in ihrer luftigen Wiege und sang sich die alten Kinderlieder vor, die ich sie gelehrt hatte, oder beobachtete die Vögel, die ihre Brut auffütterten oder im Fliegen unterrichteten, oder sie saß mit geschlossenen Augen eng zusammengeduckt und träumte, glücklicher als Worte sagen können.

»Sehen Sie nur, Miß!« rief ich, unter das Wurzelwerk eines krummen Baumes deutend. »Noch ist es nicht Winter. Dort blüht noch ein kleines Blümchen. Wollen Sie es pflücken, um es Papa zu zeigen?«

Cathy starrte lange Zeit auf die einsame zitternde Blüte und sagte endlich:

»Nein, ich mag es nicht anrühren. Es sieht traurig aus, nicht, Ellen?«

»Ja«, bemerkte ich, »fast so betrübt und erfroren wie Sie selber. Sie sind sehr bleich und abgehärmt. Kommen Sie, wir wollen ein wenig rennen!«

»Nein«, antwortete sie und schlenderte weiter. Ab und zu blieb sie stehen und sah tiefsinnig auf ein Häuflein welkes Gras oder ein Stückchen Moos oder einen Pilz, der grell im welken Laube stand; und dann und wann fuhr sie mit der Hand über ihr abgewendetes Gesicht.

»Catherine, Liebling, warum weinen Sie?« fragte ich und legte den Arm um sie. »Sie dürfen nicht weinen, weil Papa erkältet ist; seien Sie dankbar, daß es nichts schlimmeres ist.«

Jetzt hielt sie die Tränen nicht länger zurück; sie schluchzte laut.

»O, es wird etwas schlimmeres sein«, sagte sie. »Und was soll ich tun, wenn Papa von mir geht – und du – und ich allein in der Welt bin? Ich kann deine Worte nicht vergessen, Ellen. Immer tönen Sie mir im Ohr. Wie anders das Leben sein wird, wenn Papa tot ist und du tot bist, wie öde und traurig!«

»Niemand kann wissen, ob Sie nicht vor uns sterben werden«, erwiderte ich. »Es ist unrecht, übles vorauszusehen. Ich hoffe, daß noch Jahre und Jahre vergehen, ehe einer von uns fort muß. Der Herr ist jung, und ich bin kräftig und kaum fünfundvierzig. Und angenommen, Mr. Linton würde über sechzig Jahre alt, so hätte er noch länger zu leben, als Sie bis jetzt Jahre zählen, Miß. Und ist es nicht albern, um etwas zu trauern, das erst in zwanzig Jahren eintritt? Sie brauchen nur hübsch für Ihren Vater zu sorgen und ihn zu erheitern, indem Sie selber fröhlich sind. Beachten Sie wohl, Cathy! eines könnte ihn wohl umbringen: wenn Sie trotzig und unverständig wären und an den Sohn jenes Mannes, der froh wäre, Ihren Vater im Grabe zu sehen, eine dumme eingebildete Zuneigung verschwendeten, und wenn Sie über die Trennung, die er anzuordnen für gut befand, bekümmert sein wollten.«

»Nichts auf Erden bekümmert mich außer Papas Krankheit«, antwortete sie. »Alles andere ist mir nichts im Vergleich mit ihm. Und ich will nie – nie – o, nie, solange ich bei Sinnen bin, etwas tun oder sagen, was ihn erzürnen könnte. Ich liebe ihn mehr als mich selber, Ellen, und ich weiß das daher: ich bete jede Nacht, daß ich ihn überleben möge; denn lieber will ich unglücklich sein, als daß er es sein soll. Das beweist, daß ich ihn mehr liebe als mich selbst.«

»Gute Worte«, antwortete ich. »Aber sie müssen erst durch die Tat bewiesen werden. Vergessen Sie also nie diese Worte, die Sie in Stunden der Angst gesprochen.«

Wir gingen weiter und kamen an eine Tür, die hinaus auf die Straße führte; und meine junge Herrin, die wieder fröhlicher wurde, kletterte hinauf und setzte sich oben auf die Mauer. Sie langte nach ein paar Zweigen des wilden Rosenstrauchs, der draußen stand und der noch rote Hagebutten trug. Da entfiel ihr der Hut, und da die Tür verschlossen war, kletterte sie drüben hinunter, um ihn zu holen. Ich ermahnte sie, recht vorsichtig zu sein, damit sie nicht falle; und sie entschwand meinen Blicken. Das Zurückklettern aber war nicht so leichte Arbeit: die Steine waren glatt und fest zusammenzementiert, und die Ruten des Rosenstrauchs konnten keinen Halt geben. Ich hatte das vorher nicht bedacht, und nun hörte ich Cathy lachen und ausrufen:

»Ellen, du wirst den Schlüssel holen müssen, oder ich muß um die Mauer herum bis zum Torwärter laufen. Die Steine sind so glatt, ich kann nicht hinaufkommen.«

»Bleiben Sie da, wo Sie sind«, antwortete ich. »Ich habe meinen Schlüsselbund bei mir. Vielleicht kann ich das Schloß öffnen. Wenn nicht, so gehe ich zurück.«

Catherine tanzte draußen vor dem Tore auf und ab, während ich der Reihe nach alle großen Schlüssel probierte. Keiner paßte. Ich hieß Cathy also warten und wollte gerade davoneilen, als mich ein näherkommendes Geräusch aufhielt. Es war der Hufschlag eines Pferdes. Cathy hielt mit Tanzen inne.

»Wer kommt da?« flüsterte ich.

»Ich wollte, Ellen, du könntest die Tür öffnen!« flüsterte sie ängstlich zurück.

»Ho, Miß Linton!« rief eine tiefe Stimme – die Stimme des Reiters. »Ich freue mich, Sie zu sehen. Ich möchte Sie um eine Erklärung bitten, also bleiben Sie noch ein wenig.«

»Ich werde nicht mit Ihnen sprechen, Mr. Heathcliff«, antwortete Catherine. »Papa sagt, Sie sind ein schlechter Mensch und Sie hassen ihn und mich; und Ellen sagt es auch.«

»Das hat mit meiner Frage nichts zu tun«, sagte Heathcliff – denn er war es. »Ich hasse doch wohl nicht meinen Sohn; und was ich Sie fragen will, betrifft nur ihn. Ja, Sie haben alle Ursache, zu erröten. Pflegten Sie nicht vor zwei, drei Monaten etwa ihm Briefe zu schreiben, die Verliebte zu spielen, wie? Sie verdienten alle beide Prügel dafür! Sie besonders, die ältere – und gefühllosere, wie sich herausstellt. Ich besitze Ihre Briefe, und wenn Sie mir vorwitzige Antworten geben, so werde ich Ihrem Vater diese Briefe zuschicken. Ich nehme an, Sie wurden des Spieles müde und gaben es auf, wie? Schön – Sie haben Linton in den Pfuhl der Verzweiflung gestürzt. Er meinte es sehr ernst mit der Liebe. So wahr ich lebe, er stirbt vor Sehnsucht nach Ihnen. Ihr Wankelmut bricht ihm das Herz – nicht bildlich, sondern tatsächlich! Trotzdem Hareton ihn nun seit sechs Wochen verspottet und ich mit strengeren Maßregeln versuchte, ihn von seiner Idiotie zu heilen, trotzdem wird er von Tag zu Tag elender. Und wenn Sie ihn nicht retten, so wird er den Sommer nicht mehr erleben.«

»Wie können Sie es wagen, das arme Kind so frech anzulügen!« rief ich von drinnen. »Bitte, entfernen Sie sich! Wie können Sie so unerhörte Lügen auftischen! Miß Cathy, ich werde mit einem Stein das Schloß zerschmettern. Glauben Sie nicht, was er sagt. Sie müssen ja fühlen, daß es unmöglich ist, daß einer aus Liebe zu einem Unbekannten stirbt.«

»Ich wußte nicht, daß hier Lauscher sind«, murmelte der Schuft. »Werte Mrs. Dean, ich habe Sie gern, Ihre Doppelzüngigkeit aber habe ich höchst ungern«, fügte er laut hinzu. »Wie konnten Sie so unverschämt lügen und dem ›armen Kinde‹ einreden, daß ich es hasse! Und wie konnten Sie Schreckgeschichten erfinden, um sie von meiner Schwelle fernzuhalten, he? Catherine Linton (wie ich den Namen liebe), mein liebes Mädel, ich werde eine ganze Woche lang von Hause fern sein. Gehen Sie und sehen Sie nach, ob ich nicht wahrgesprochen habe. Bitte, seien Sie gut! Ich schwöre Ihnen bei meinem Seelenheil, Linton siecht in den Tod, und niemand kann ihn retten, – nur Sie!«

Das Schloß gab nach, und ich trat hinaus.

»Ich schwöre es, Linton stirbt«, wiederholte Heathcliff, mich scharf fixierend. »Und Gram und Unglück beschleunigen seinen Tod. Nelly, wenn du sie nicht hingehen lassen willst, so geh du selbst. Ich werde erst heute in einer Woche zurückkehren; und ich denke, selbst dein Herr würde kaum etwas dagegen haben, daß sie ihrem kranken Vetter einen Besuch abstattet«

»Kommen Sie herein«, sagte ich, Catherine beim Arm ziehend, denn sie zögerte, so eifrig forschte sie im Antlitz des Sprechers nach seiner wahren Gesinnung; aber sein Gesicht war starr und verriet nichts von seinem wahren Empfinden.

Er ritt dicht an sie heran, beugte sich nieder und sagte:

»Miß Catherine, ich gestehe Ihnen, daß ich wenig Geduld mit Linton habe; und Josef und Hareton haben noch weniger. Er dürstet nach Güte ebenso wie nach Liebe. Und ein gutes Wort von Ihnen wäre das beste Heilmittel. Beachten Sie nicht Mrs. Deans grausame Warnung, sondern seien Sie großmütig und versuchen Sie es, ihn zu sehen. Er träumt Tag und Nacht von Ihnen, und man kann ihn nicht davon überzeugen, daß Sie ihn nicht hassen – da Sie ja weder schreiben noch kommen.«

Ich schloß die Tür und rollte als Halt einen schweren Stein davor. Dann öffnete ich den Regenschirm, zog meinen Schützling an mich und eilte mit ihm heim, denn der Regen tropfte schon durchs kahle Gezweig der Bäume. Ich erriet instinktiv, daß Catherines Herz jetzt doppelt beschwert war. Ihre Züge waren so bekümmert, sie schienen gar nicht ihr, der sonst so heiteren, anzugehören. Ich sah deutlich, daß sie von dem, was sie soeben gehört hatte, jedes Wort glaubte.

Als wir zu Hause ankamen, hatte sich der Herr schon zurückgezogen. Cathy schlich sich zu ihm, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen. Er war eingeschlafen. Sie kam wieder zu mir und bat mich, mit ihr noch ein wenig im Bibliothekzimmer zu sitzen. Wir tranken gemeinsam unseren Tee, und später legte sie sich auf ein Ruhebett und bat mich still zu sein: sie wolle schlafen. Ich nahm ein Buch und gab vor, zu lesen. Sobald sie mich abgelenkt glaubte, begann sie wieder vor sich hin zu weinen. Da es sie zu erleichtern schien, ließ ich sie eine Zeitlang gewähren. Dann aber machte ich ihr Vorhaltungen und widerlegte eingehend alles, was Mr. Heathcliff betreffs seines Sohnes geäußert hatte. Ach! er hatte ganz erreicht, was er wollte.

»Du magst recht haben, Ellen«, entgegnete sie; »aber ich werde nicht eher Ruhe haben, als bis ich Gewißheit habe. Und ich muß Linton sagen, daß es nicht meine Schuld ist, wenn ich nicht schreibe, und ihm versichern, daß ich ganz unverändert bin.«

Was halfen mein Zorn und mein Widerspruch? An diesem Abend gingen wir böse auseinander. Aber der andere Tag sah mich auf dem Wege zum Sturmheidhof – zur Seite meiner jungen eigensinnigen Herrin, die schweigend ihr Pferd antrieb. Ich konnte sie nicht länger bekümmert sehen und bleich und mit schweren rotgeweinten Augen. So gab ich nach – in der schwachen Hoffnung, daß Linton selber bei unserem Empfang beweisen möge, wie wenig der Bericht Heathcliffs den Tatsachen entsprach.

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