Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emely Brontë >

Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
Schließen

Navigation:

XXI.

An jenem Tage hatten wir schlimme Arbeit mit klein Cathy. Sie konnte das Aufstehen kaum erwarten, so begierig war sie, den Spielgenossen wiederzusehen. Als man ihr dann mitteilte, daß er uns wieder habe verlassen müssen, gab es viel Jammer und Tränen. Edgar selber mußte sie trösten, indem er ihr des Vetters baldige Rückkehr zusicherte. Er fügte jedoch hinzu: »wenn es mir möglich ist, ihn wieder zu bekommen«, und dafür war keine Aussicht vorhanden. Dies Versprechen befriedigte sie auch nur wenig; aber die Zeit tat das ihrige.

Gelegentlich, wenn ich der Haushälterin vom Sturmheidhof in Gimmerton begegnete, erkundigte ich mich, wie es dem jungen Herrn ginge und ob er sich einlebe; man sah ihn nämlich nie, er wurde dort ebenso von der Außenwelt abgeschlossen wie Catherine bei uns. Ich erfuhr von ihr, daß seine schwache Gesundheit sich nicht bessere und daß er ein rechter Plagegeist sei. Sie sagte, Mr. Heathcliff hasse ihn mehr und mehr, obschon er sich Mühe gebe, das zu verbergen. Lintons Stimme sei ihm unerträglich, und er könne kaum einige Minuten mit ihm im selben Zimmer sein. Die beiden wechselten nur wenig Worte miteinander. Linton lernte seine Aufgaben und verbrachte die Abende in einem kleinen Raum, den sie »Salon« nannten, oder er lag den ganzen Tag im Bett, denn er hatte fortwährend Husten oder Schnupfen oder Kopfweh oder Gliederschmerzen.

»Und nie in meinem Leben hab ich so ein zimperliches Wesen gesehen«, fügte die Frau hinzu. »Und wie er besorgt ist um sich, wie er jammert, wenn ich mal abends ein wenig spät das Fenster schließe! Als ob so ein Sommerlüftchen gleich tödlich sei! Und jetzt, mitten im Sommer, muß ich ihm ein Kaminfeuer machen, und Josefs Pfeifenrauch ist Gift, und er muß immer Süßigkeiten und Schleckereien haben und immer Milch, nichts als Milch. Und da sitzt er dann in seinen Pelzrock gewickelt beim Feuer, und auf dem Kaminsims muß immer Toast und irgend etwas zum Trinken bereitstehen. Und wenn Hareton aus Mitleid mal nach ihm sehen kommt – denn Hareton hat trotz seines derben Wesens ein gutes Herz – so gibt es sicher bald Streit, und sie gehen auseinander: der eine flucht, der andere weint. Ich glaube, unser Herr hätte nichts dagegen, daß Hareton den anderen zum Krüppel schlüge, wenn es nicht gerade sein Sohn wäre. Und ich bin sicher, er würde Linton an die Luft setzen, wenn er wüßte, was der für ein Wesen mit sich macht; aber er geht der Versuchung aus dem Wege, er betritt nie den Salon, und wenn er Linton draußen irgendwo bei seinem albernen Benehmen ertappt, so schickt er ihn sofort hinauf in sein Zimmer.«

Ich schloß aus diesem Bericht, daß der junge Heathcliff aus Mangel an Teilnahme und Fürsorge noch selbstsüchtiger und unliebenswürdiger geworden war, als dies früher der Fall war. Mein Interesse an ihm nahm sehr ab, trotzdem mich sein Schicksal betrübte und ich bedauerte, daß man ihn uns genommen hatte. Mr. Edgar ermunterte mich, weitere Erkundigungen einzuziehen. Ich glaube, er dachte viel an ihn. Einmal trug er mir auf, die Haushälterin zu fragen, ob er wohl manchmal ins Dorf ginge. Sie sagte, er sei nur zweimal dort gewesen, er habe seinen Vater zu Pferde begleitet, und beide Male habe er sich danach wie zerschlagen gefühlt und drei, vier Tage lang den Kranken gespielt. – Wenn ich mich recht erinnere, so verließ diese Haushälterin den Sturmheidhof etwa zwei Jahre nach Lintons Einzug, und ihre Nachfolgerin lebt jetzt noch dort; ich kenne sie aber nicht.

Auf Drosselkreuz ging das Leben seinen stillen, freundlichen Gang, bis Cathy sechzehn Jahr alt wurde. Ihr Geburtstag wurde nie festlich begangen, denn er war ja der Todestag meiner seligen Herrin. Linton verbrachte diesen Tag stets allein im Bibliothekzimmer und wanderte zur Dämmerzeit zum Gimmerton-Friedhof hinaus, wo er sich bis nach Mittemacht aufzuhalten pflegte. Catherine mußte daher selbst für ihre Erheiterung sorgen. Dieser zwanzigste März nun war ein prächtiger Frühlingstag, und nachdem ihr Vater sich zurückgezogen hatte, kam mein junges Fräulein hübsch gekleidet zu mir und verlangte, ich solle sie hinaus auf die Heide begleiten; Mr. Linton habe ihr den Spaziergang gestattet, wenn wir nicht zu weit gehen und nicht länger als eine Stunde ausbleiben wollten.

»So eile dich, Ellen!« rief sie. »Ich weiß schon, wo wir hingehen wollen – zu den Birkhühnern. Ich will nachsehen, ob sie schon am Nestbauen sind.«

»Das muß schon ziemlich weit sein von hier«, entgegnete ich, »die Birkhühner brüten tief drinnen im Moor.«

»Nein, nein«, sagte sie. »Ich bin mit Papa schon einmal fast dort gewesen.«

Ich nahm meinen Hut und machte mich auf den Weg. Sie tollte vor mir her und lief zurück zu mir und wieder in großen Sätzen davon – wie ein junger Windhund. Zuerst gefiel es mir ganz gut, dem Singen der Lerchen nah und fern zu lauschen und den wundervollen warmen Sonnenschein zu genießen; und ich erfreute mich an der strahlenden Munterkeit meines Lieblings: ihre goldenen Locken flogen, ihre Wangen blühten so zart und duftig wie Wildrosen, und ihre Augen leuchteten in wolkenlosem Glück. Sie war ein fröhliches Geschöpf in jenen Frühlingstagen, ein wahrer Engel. Schade, daß sie sich nicht zu begnügen wußte.

»Nun«, sagte ich, »wo sind Ihre Birkhühner, Miß Cathy? Wir sollten sie jetzt längst erreicht haben; das Parkgitter von Drosselkreuz liegt ein gut Stück hinter uns.«

»O, ein bißchen weiter noch – nur ein bißchen weiter, Ellen«, gab sie stets zu Antwort. »Du mußt noch den Hügel da erklettern, und ehe du auf der anderen Seite wieder unten angekommen bist, werde ich die Vögel aufgescheucht haben.«

Da waren aber so viele Hügel zu erklettern, daß ich schließlich müde wurde und ihr Halt gebot. Ich rief nach ihr, da sie mir weit vorauf war. Aber sie hörte nicht oder wollte nicht hören und sprang unbekümmert weiter, und ich mußte folgen. Schließlich verschwand sie in einer Niederung, und als ich ihrer wieder ansichtig wurde, war sie dem Sturmheidhof um zwei Meilen näher als ihrem eigenen Heim. Und ich sah, daß sie von zwei Personen angehalten wurde, und war überzeugt, daß einer davon Mr. Heathcliff selber war.

Cathy war beim Plündern der Nester oder wenigstens beim Aufscheuchen der Birkhühner ertappt worden. Das Heideland hier war Heathcliffs Grund und Boden, und er machte dem Wilddieb Vorhaltungen.

»Ich habe keine gefunden und keine genommen«, sagte sie, als ich hinzutrat, und hielt zum Beweis die leeren Hände hin. »Ich wollte sie gar nicht fortnehmen, aber Papa sagte mir, daß sie hier droben haufenweise leben, und ich wollte mir ihre Eier ansehen.«

Heathcliff sah mich mit boshaftem Lächeln an und fragte, wer »Papa« sei.

»Mr. Linton auf Drosselkreuz«, erwiderte sie. »Ich dachte mir wohl, daß Sie mich nicht kannten, denn sonst hätten Sie nicht so zu mir gesprochen.«

»Sie meinen also, Papa sei hochgeachtet und respektiert, wie?« sagte er sarkastisch.

»Und wer sind Sie?« forschte Catherine, den Sprecher neugierig betrachtend. »Den jungen Mann da habe ich schon früher gesehen. Ist er Ihr Sohn?«

Sie wies auf Hareton, der in diesen zwei Jahren nur an Größe und Stärke zugenommen zu haben schien; er blickte noch ebenso abweisend und blöde drein wie sonst.

»Miß Cathy«, fiel ich ein, »wir sind jetzt statt einer Stunde schon drei Stunden fort. Wir müssen wirklich heimkehren.«

»Nein, der Mann ist nicht mein Sohn«, antwortete Heathcliff, mich beiseite schiebend. »Aber ich habe einen, und Sie haben ihn auch schon früher gesehen; und obgleich Ihre Begleiterin Eile hat, meine ich, es wäre Ihnen beiden besser, ein wenig zu ruhen. Sie brauchen nur hier um den Heidehügel herumzugehen, und Sie sind vor meinem Hause. Sie werden sich ausruhen und um so rascher heimgehen können.«

Ich flüsterte Catherine zu, daß sie dem Vorschlag keineswegs folgen dürfe, eine Annahme sei ganz und gar ausgeschlossen.

»Warum?« fragte sie laut. »Ich bin müde vom Laufen, und der Boden ist feucht; ich kann mich hier nicht hinsetzen. Komm, Ellen. Übrigens sagt er auch, ich hätte seinen Sohn schon gesehen; ich denke, er irrt sich, aber ich weiß, wo er wohnt: in dem Landhaus, in dem ich damals gewesen bin, als ich von Penistone Crags zurückkam – nicht wahr?«

»Ganz richtig. Komm, Nelly, halt den Mund – es wird ein rechter Spaß für sie sein, bei uns hereinzuschauen. Hareton, geh mit dem Mädel voran. Du sollst bei mir bleiben, Nelly.«

»Nein, sie wird keinesfalls dorthin gehen«, schrie ich und suchte mich von seinem festen Griff loszumachen. Aber sie war schon fast an der Hausschwelle, so begierig lief sie vorwärts. Ihr Begleiter bezeigte keine Lust, weiter neben ihr her zu trotten, er drückte sich beiseite und verschwand hinterm Hügel.

»Sie tun sehr unrecht, Mr. Heathcliff', sagte ich. »Sie haben sicherlich nichts gutes vor. Und sie wird dort Linton sehen, und sowie wir zu Hause sind, wird alles haarklein meinem Herrn berichtet werden, und ich bekomme Vorwürfe.«

»Ich will, daß sie Linton sieht«, antwortete er. »Er ist gerade in diesen Tagen etwas wohler, er sieht nicht oft so aus, daß man ihn zeigen kann. Wir werden sie schon überreden, die Sache geheim zu halten – was ist also dabei?«

»Wenn ihr Vater herausbekommt, daß ich ihr gestatte, Ihr Haus zu betreten, wird er einen bitteren Haß auf mich bekommen. Und ich bin überzeugt, daß Sie sie nur darum einladen, weil Sie etwas böses im Sinne haben«, erwiderte ich.

»Mein Plan ist so ehrenhaft als möglich; ich will ihn dir offenbaren«, sagte er. »Die beiden sollen sich ineinander verlieben und sich heiraten. Ich handle großmütig an deinem Herrn. Wenn seine Tochter meinen Wünschen nachkommt, so wird sie, die so gut wie nichts zu erwarten hat, mit Linton gemeinsam das Erbe antreten.«

»Wenn Linton sterben sollte«, antwortete ich, »so würde Catherine die Erbin sein.«

»Nein, das würde sie nicht«, sagte er. »Das Testament hat keine Klausel, um das zu ermöglichen; sein Besitztum würde an mich fallen. Um jedoch einen Disput zu vermeiden: ich wünsche die Vereinigung der beiden und bin entschlossen, sie durchzusetzen.«

»Und ich bin entschlossen, daß sie nie wieder mit mir in die Nähe Ihres Hauses kommen soll«, gab ich zurück, als wir das Tor erreichten, wo Miß Catherine uns erwartete.

Heathcliff befahl mir zu schweigen und führte uns den Weg hinauf ans Haustor, das er einladend öffnete. Mein junges Fräulein sah nachdenklich zu ihm auf; sie wußte wohl nicht recht, was sie von ihm denken sollte. Er aber lächelte, wenn er ihrem Blick begegnete, und gab seiner Stimme einen sanften Klang, wenn er mit ihr sprach. Und ich war töricht genug, mir einzubilden, das Andenken an ihre Mutter werde ihn verhindern, ihr etwas kränkendes zuzufügen. Linton stand auf der Diele beim Feuer. Er war draußen im Freien gewesen, denn er hatte die Mütze auf dem Kopfe, und er rief nach Josef, damit er ihm trockene Schuhe bringe. Er war groß für sein Alter – es fehlten ihm noch einige Monate an sechzehn. Seine Züge waren auch jetzt noch hübsch und sein Auge und seine Farbe frischer als früher; aber das mußte wohl dem momentanen Einfluß der stärkenden Luft und wärmenden Sonne zugeschrieben werden.

»Nun, wer ist das?« fragte Mr. Heathcliff, sich an Cathy wendend.

»Ihr Sohn?« sagte sie, nachdem sie zweifelnd von einem zum anderen geblickt hatte.

»Ja, ja«, antwortete er. »Aber haben Sie ihn denn nicht früher gesehen? Denken Sie nach. Ah! Sie haben ein kurzes Gedächtnis. Linton, erinnerst du dich nicht deiner Kousine? Du hast mich oft genug gequält um ein Wiedersehen mit ihr.«

»Was, Linton!« schrie Cathy freudig überrascht. »Ist das der kleine Linton? Er ist größer als ich! Bist du Linton?« Der Jüngling trat näher und gab sich zu erkennen. Sie küßte ihn innig, und sie betrachteten einander verwundert. Catherine war schon stattlich groß; sie hatte eine volle und dennoch biegsame Gestalt. Das ganze entzückende Mädchen strahlte in Gesundheit und Lebenslust. Lintons Blicke und Bewegungen waren sehr träge, seine Haltung schlapp und müde, aber er hatte eine gewisse Anmut, die diese Mängel milderte und ihm etwas Sympathisches gab. Nachdem Cathy ihm noch einmal um den Hals gefallen war, trat sie zu seinem Vater, der an der offenen Tür stand und so tat, als blicke er hinaus in die Heide. In Wahrheit hatte er die Kinder sehr aufmerksam beobachtet.

»Und Sie sind also mein Onkel!« rief sie und hob die Arme zu ihm auf. »Ich habe gleich gedacht, daß ich Sie gern haben könnte, trotzdem Sie zuerst bös waren. Warum kommen Sie nie mit Linton nach Drosselkreuz? So nahe beieinander haben wir all die Jahre gewohnt und uns nicht gesehen – wie merkwürdig! Weshalb nicht?«

»Ich bin vor deiner Geburt ein- oder zweimal zu oft auf Drosselkreuz gewesen«, entgegnete er. »Da – verflucht! Wenn du Küsse zu verschwenden hast, so gib sie Linton; ich weiß sie nicht zu würdigen.«

»Böse Ellen!« rief Catherine, mir an den Hals fliegend. »Böse, böse Ellen! Wie konntest du mich nicht hierhergehen lassen wollen? Aber ich werde von jetzt ab jeden Morgen hierherkommen. Darf ich, Onkel? Und manchmal werde ich Papa mitbringen. Wirst du dich nicht freuen, uns zu sehen?«

»Natürlich!« erwiderte der Onkel, mühsam eine Grimasse unterdrückend. »Doch höre«, fuhr er fort, »da ich gerade daran denke, will ich dir reinen Wein einschenken. Mr. Linton hat ein Vorurteil gegen mich. Wir haben uns einmal miteinander gezankt, sehr ernstlich gezankt. Und wenn du ihm davon sprichst, herkommen zu wollen, so wird er dir's ganz gewiß verbieten. Darum sage ihm nichts davon, es sei denn, daß du keinen Wert darauf legst, deinen Vetter wiederzusehen. Komm, wann du magst, aber sprich nicht darüber.«

»Warum habt ihr euch gestritten?« fragte Catherine niedergeschlagen.

»Er hielt mich nicht für würdig, seine Schwester zu heiraten«, antwortete Heathcliff, »und war betrübt, als ich sie doch bekam. Sein Stolz war verletzt, und er wird das nie vergessen.«

»Das ist unrecht!« sagte das junge Mädchen. »Ich will es ihm gelegentlich sagen. Aber Linton und ich haben keinen Teil an eurem Streit. Ich kann also nicht herkommen, aber er muß nach Drosselkreuz kommen.«

»Das ist zu weit für mich«, brummte der Jüngling. »Vier Meilen zu gehen – das würde mein Tod sein. Nein, Catherine, komm du lieber zu uns; nicht jeden Morgen, aber ein- oder zweimal in der Woche.«

Der Vater warf auf den Sohn einen Blick voll bitterer Verachtung.

»Ich fürchte, Nelly, meine Mühe wird umsonst sein«, raunte er mir zu. »Catherine wird bald heraushaben, was für eine elende Kreatur er ist, und wird ihn zum Teufel jagen. Ja, wenn es Hareton wäre! – Weißt du, daß ich wohl zwanzigmal des Tages denke,– wie schön es wäre, wenn ich Hareton zum Sohn hätte statt dieses jammervollen Burschen dort? Wäre Hareton nicht der Sohn seines Vaters – ich hätte ihn heben können. Aber vor ihrer Liebe ist er wohl sicher. Wenn der erbärmliche Wicht da sich aber nicht bald zu einem anständigen Menschen herausmacht, so werde ich doch noch Hareton den Vorzug geben, ich werde sie gegeneinander austauschen. Zum Henker mit diesem Weichling! Er kümmert sich nur um seine nassen Füße und hat nicht einen Blick für sie. – Linton!«

»Ja, Vater?« antwortete der Knabe.

»Hast du deiner Cousine nichts zu zeigen, nicht einmal ein Kaninchen oder ein Wieselnest? Geh in den Garten mit ihr, ehe du die Schuhe wechselst; und geh in den Stall und zeige ihr dein Pferd.

»Möchtest du nicht lieber hier sitzen bleiben?« fragte Linton die Cousine in einem Ton, der seinen Widerwillen, sich vom Fleck zu rühren, deutlich genug kundgab.

»Ich weiß nicht«, antwortete sie mit einem sehnsüchtigen Blick nach der Tür.

Er blieb aber sitzen und rückte nur näher ans Feuer. Heathcliff ging in die Küche und von da in den Hof und rief nach Hareton. Dieser antwortete, und Heathcliff brachte ihn mit herein. Der junge Mann schien sich gewaschen zu haben, denn seine Wangen glänzten und sein Haar war naß.

»O, Onkel, du wirst es mir sagen«, rief Miß Cathy. »Dieser Mensch ist doch nicht mein Vetter, nicht wahr?«

»Doch«, erwiderte er, »der Neffe deiner Mutter. Magst du ihn nicht?«

Catherine wußte nicht, was sie sagen sollte.

»Ist er nicht ein hübscher Junge?« fuhr er fort.

Das unhöfliche kleine Ding stellte sich auf die Zehen und flüsterte Heathcliff etwas ins Ohr. Er lachte; Hareton wurde rot. Ich sah, daß er sehr empfindlich war gegen eine geringschätzige Behandlung, er wußte offenbar, daß er recht ungebildet war. Sein Herr oder Beschützer aber sagte:

»Du bist der Bevorzugte unter uns, Hareton! Sie sagt, du seiest – was war es? Nun, irgend etwas sehr schmeichelhaftes. Also geh und zeige ihr Hof und Garten. Und nimm dich zusammen, daß du keine schlechten Manieren zeigst! Du darfst keine rohen Worte gebrauchen; auch darfst du nicht die junge Dame heimlich anstarren und, wenn sie mit dir spricht, den Kopf abwenden; und sprich langsam und deutlich und nimm die Hände aus den Taschen. Also marsch und unterhalte sie so gut als irgend möglich!«

Er beobachtete die beiden durchs Fenster. Earnshaw hatte das Gesicht soviel als möglich von seiner Begleiterin abgewendet. Catherine blickte ihn ziemlich unzufrieden von der Seite an. Dann sah sie aufmerksam um sich und summte ein Liedchen.

»So, ich habe ihm die Zunge gebunden«, bemerkte Heathcliff. »Er wird die ganze Zeit nicht den Mund auftun. Nelly, habe ich in seinem Alter je so dumm drein geblickt wie er?«

»Schlimmer«, sagte ich, »denn Sie waren dabei noch mürrisch.«

»Er macht mir Freude«, fuhr Heathcliff versonnen fort »Er hat meine Erwartungen erfüllt. Wenn er ein geborener Dummkopf wäre, würde es mir nicht halb so viel Spaß machen. Aber er ist kein Dummkopf, und ich kann nachfühlen, was er empfindet, denn ich war selbst einmal in seiner Lage. Ich weiß zum Beispiel genau, was er momentan leidet; das ist aber nur der Beginn von dem, was er überhaupt leiden soll. Und er wird sich nie aus dieser Unwissenheit und Roheit herausarbeiten können. Ich habe ihn schneller und tiefer geduckt, als sein Schuft von Vater mich; denn er ist stolz auf seine Dummheit Ich habe ihn gelehrt, Bildung und gute Erziehung für albern zu halten. Ja, Hindley kann stolz sein auf seinen Sohn, fast so stolz, wie ich auf meinen bin. Allerdings ist da ein kleiner Unterschied: der eine ist Gold, das man zum Pflasterstein herabwürdigte, der andere ist Zinn, das man putzt und hütet wie wertvolles Silber. Der eine war ungeheuer begabt und ist jetzt mehr als beschränkt, der andere ist eine armselige hohle Nuß – zu gar nichts nütze. Immerhin werde ich das Verdienst haben, das menschenmöglichste aus ihm gemacht zu haben. Das beste aber ist, daß Hareton mich verteufelt gern hat! Darin habe ich Hindley völlig geschlagen, das mußt du zugeben, Nelly. Wenn der tote Hallunke aus dem Grabe steigen könnte, um mir die ungerechte Behandlung seines Sprößlings vorzuwerfen, so würde ich den Spaß erleben, daß besagter Sprößling ihn mit derben Streichen zurück ins Grab treiben würde, weil er seinen einzigen Freund in der Welt nicht ungestraft schmähen ließe.«

Heathcliff lachte bei diesem Gedanken. Ich antwortete nicht, da ich sah, daß er es nicht erwartete. Linton, der zu entfernt von uns saß, als daß er das Gesagte hätte hören können, wurde unruhig. Wahrscheinlich bereute er, daß er aus Angst vor Ermüdung sich Catherines Gesellschaft beraubt hatte. Sein Vater bemerkte die forschenden Blicke, die er nach dem Fenster warf, und sah, daß seine Hand unentschlossen nach der Mütze griff.

»Steh auf, du Faulenzer!« rief er mit geheuchelter Freundlichkeit. »Geh, hole sie ein! Sie sind gerade an der Ecke beim Bienenhaus.«

Linton raffte sich auf und schob zur Tür. Sie stand offen, und als er hinaustrat, hörte ich, wie Cathy ihren unzugänglichen Begleiter fragte, was die Inschrift über der Haustür bedeute. Hareton starrte hinauf und kratzte sich verlegen den Kopf – ganz wie ein Bauerntölpel.

»'s ist irgend 'ne verfluchte Schreiberei«, antwortete er. »Ich kann's nicht lesen.«

»Nicht lesen?« schrie Katherine. »Ich kann es lesen; es ist englisch. Aber ich möchte wissen, warum das da oben steht.«

Linton kicherte – es war das erste Zeichen von Fröhlichkeit, das ich an ihm bemerkte.

»Er kennt die Buchstaben nicht, er kann nicht lesen«, sagte er zu seiner Cousine. »Kannst du das glauben, daß es so einen Dummkopf gibt?«

»Es ist wohl nicht alles in Ordnung mit ihm?« fragte Cathy ernsthaft. »Er ist gewiß einfältig? Ich habe ihn zweimal nach etwas gefragt, und jedesmal sah er so dumm drein, als habe er mich nicht verstanden. Und ich kann ihn nicht verstehen, das ist gewiß!«

Linton lachte wieder und sah höhnisch auf Hareton, der in diesem Augenblick jedenfalls nicht ganz begriff, was vorging.

»Nichts weiter als Faulheit ist es, wie, Earnshaw?« sagte er. »Meine Cousine denkt, du seist ein Idiot Da hast du nun die Folgen von deiner Verachtung für Lernen und Lesen.«

»Was hat es denn für 'nen Zweck, zum Teufel?« grollte Hareton, der seinem täglichen Gefährten gegenüber die Sprache wiederfand. Er wollte noch mehr sagen, aber die beiden Kinder brachen in fröhliches Lachen aus. Mein kleines Fräulein schien entzückt, daß seine groben Manieren ihr zur Erheiterung dienen konnten.

»Was zum Teufel hat der Spruch wohl für 'nen Zweck?« äffte Linton nach. »Papa hat dir verboten, schlimme Worte im Munde zu führen, aber du weißt überhaupt keine anständigen. Versuche doch, ein Gentleman zu sein, versuch es doch!«

»Wenn du ein Junge wärst und nicht so ein jämmerliches Mädel, ich würde dich in Grund und Boden schmettern, du Memme, du Bohnenstange du!« gab der zornige Bursch zurück. Scham und Wut stiegen ihm zu Kopf, denn er merkte, daß man ihn beleidigt hatte, und wußte doch nicht, wie er die Kränkung heimzahlen sollte.

Mr. Heathcliff, der gleich mir das Gespräch mit angehört hatte, lächelte, als er Hareton fortgehen sah. Aber er warf dem jungen Pärchen, das schwatzend im Torweg stehen blieb, einen Blick tiefster Verachtung zu. Und auch ich empfand jetzt kein Mitleid mit Linton, sondern entschuldigte sogar bis zu einem gewissen Grade, daß sein Vater ihn kurz hielt.

Wir blieben bis zum Nachmittag; Miß Cathy konnte sich nicht früher losreißen. Glücklicherweise hatte mein Herr sein Arbeitszimmer gar nicht verlassen und von unserem langen Ausbleiben keine Kenntnis erhalten. Auf dem Heimweg hätte ich gern meine Schutzbefohlene über den Charakter der Leute, von denen wir kamen, aufgeklärt, aber sie hatte es sich in den Kopf gesetzt, ich sei voreingenommen gegen jene.

»Aha!« rief sie, »du nimmst Papas Partei, Ellen. Ich weiß, du bist parteiisch, sonst hättest du mir nicht jahrelang vorgeredet, Linton lebe sehr weit von hier. Ich bin wirklich furchtbar böse auf dich; ich bin nur auch so vergnügt, darum kann ich es nicht zeigen. Aber du darfst nichts gegen meinen Onkel sagen. Bedenke, er ist mein Onkel! Und ich werde Papa dafür schelten, daß er Streit mit ihm gehabt hat.«

Und so trieb sie es solange, bis ich davon absah, sie von ihrem Irrtum zu überzeugen. Diesen Abend erwähnte sie nichts von ihrem Besuch, da sie Mr. Linton nicht zu sehen bekam. Am anderen Tag aber kam alles heraus – zu meinem großen Kummer. Und dennoch fühlte ich mich dadurch erleichtert: ich hoffte, der Herr sei besser als ich geeignet, seine Tochter zu warnen und zurückzuhalten. Aber er war zu zaghaft, um befriedigende Gründe für seinen Wunsch, daß sie alle Beziehungen mit dem Sturmheidhof meiden solle, anzuführen; und Catherine verlangte triftige Gründe für jede Anordnung, die ihrem verwöhnten Willen Zügel anlegen wollte.

»Papa«, hatte sie am Morgen zu ihm gesagt, »rate, wen ich gestern beim Spaziergang gesehen habe. Ah, Papa, du bist erschrocken! Siehst du, das kommt, weil du unrecht tatest. Ich traf – doch hör zu, ich bin hinter deine Schliche gekommen; und auch Ellen, die immer so mitleidig tat, wenn ich über Lintons langes Ausbleiben unglücklich war, war mit dir im Bunde.«

Und sie berichtete getreulich ihr ganzes Abenteuer. Und mein Herr sagte nichts, bis sie geendet hatte, trotzdem er mir mehr als einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. Dann zog er sie an sich und fragte, ob sie wisse, weshalb er Lintons nahe Nachbarschaft vor ihr verborgen gehalten habe. Ob sie denn denken könne, daß es geschehen sei, um ihr ein harmloses Vergnügen vorzuenthalten?

»Du tatest es, weil du Mr. Heathcliff nicht leiden magst«, antwortete sie.

»Du meinst also, deine Gefühle gingen mir weniger nahe als meine eigenen, Cathy?« sagte er. »Nein, es geschah nicht, weil ich Mr. Heathcliff nicht leiden mochte, sondern weil er mich haßte. Und er ist ein ganz teuflischer Mann, der eine wahre Wonne darin findet, denjenigen, die er haßt, Schaden zuzufügen und sie zugrunde zu richten, wenn es ihm irgendwie möglich ist. Ich wußte, daß du nicht mit deinem Vetter verkehren konntest, ohne auch mit ihm, seinem Vater, in Berührung zu kommen, und ich wußte, daß er dich um meinetwillen verabscheuen würde. Es geschah also zu deinem eigenen Besten und aus keinem anderen Grunde, wenn ich Maßregeln ergriff, um dein Wiedersehen mit Linton zu verhindern. Ich hatte vor, dir gelegentlich Mitteilung davon zu machen, wenn du erst etwas älter wärest, und ich bedauere nun, das hinausgeschoben zu haben.«

»Aber Mr. Heathcliff war sehr herzlich, Papa«, bemerkte Catherine, keineswegs überzeugt; »und er hatte nichts gegen mein Wiedersehen mit Linton. Er sagte, ich könne ihn besuchen kommen, wann ich wolle, nur dürfe ich dir nichts davon sagen, da du Streit mit ihm gehabt habest und es ihm nicht vergeben könnest, daß er Tante Isabella geheiratet habe. Und du willst es auch nicht. Du bist derjenige, der unrecht tut. Er hat wenigstens nichts dagegen, daß wir Freunde sind – Linton und ich. Du aber willst selbst das nicht dulden.«

Mein Herr erzählte ihr nun, wie Heathcliff sich gegen Isabella aufgeführt hatte, und auf welche Weise der Sturmheidhof in seinen Besitz gelangt sei. Er konnte es aber nicht ertragen, bei diesem Thema zu verweilen, denn obschon er sich darüber nicht äußerte, so fühlte er doch noch dasselbe Entsetzen vor seinem alten Feind wie damals nach Mrs. Lintons Tode. »Sie könnte noch am Leben sein, wenn er nicht gewesen wäre!« war seine ständige Reflexion, und in seinen Augen war Heathcliff ein Mörder.

»Du siehst nun, Liebling«, schloß Mr. Edgar seine Rede, »weshalb ich wünsche, daß du sein Haus und seine Familie meidest. Also kehre zu deinen bisherigen Beschäftigungen und Freuden zurück und vergiß das gestrige Erlebnis.«

Catherine küßte den Vater und saß für ein paar Stunden still über ihren Büchern, wie gewöhnlich. Danach ging sie mit ihm in die Felder, und der ganze Tag verging in gewohnter Weise. Des Abends aber, als sie sich in ihr Zimmer zurückgezogen hatte und ich zu ihr ging, um ihr beim Auskleiden behilflich zu sein, fand ich sie weinend vor ihrem Bett knieen.

»O pfui, wie kindisch!« rief ich. »Wenn Sie wahren Kummer kennen würden, so würden Sie sich schämen, wegen dieses kleinen Verbots eine Träne zu vergießen. Sie haben noch keinen Schatten wirkliches Leid erfahren, Miß Catherine. Stellen Sie sich einmal vor, der Herr und ich, wir wären tot und Sie ständen allein in der Welt, wie würden Sie dann fühlen? Vergleichen Sie den heutigen Fall mit solch einem Leid und seien Sie dankbar für die Freude, die Sie haben, anstatt neue zu begehren.«

»Ich weine nicht um mich, Ellen«, antwortete sie, »ich weine um ihn. Er denkt mich morgen wiederzusehen, und er wird so enttäuscht sein; er wird auf mich warten, und ich werde nicht kommen!«

»Unsinn!« sagte ich. »Glauben Sie, er habe an Sie ebensoviel gedacht, wie Sie an ihn? Hat er nicht Hareton zur Gesellschaft? Unter Hunderten würde kaum einer weinen, eine Cousine zu verlieren, die er zweimal einen halben Tag lang gesehen hat. Linton wird den Zusammenhang erraten und Ihnen nicht weiter nachtrauern.«

»Darf ich ihm nicht wenigstens schreiben, weshalb ich nicht kommen kann?« fragte sie sich erhebend. »Und ihm diese Bücher schicken, die ich ihm zu leihen versprochen habe? Seine Bücher sind längst nicht so interessant wie meine, und er bat mich sehr darum. Darf ich, Ellen?«

»Nein, keinesfalls! Keinesfalls!« erwiderte ich mit Nachdruck. »Dann würde er Ihnen antworten, und die Sache würde nie ein Ende nehmen. Nein, Miß Catherine, die Beziehungen müssen vollständig abgebrochen werden. So wünscht es Papa, und ich werde dafür sorgen, daß sein Wunsch befolgt wird.«

»Aber wie kann denn ein ganz kleines Briefchen – « fing sie wieder an und machte ein flehendes Gesicht.

»Still!« unterbrach ich sie. »Nichts mehr von kleinen Briefchen. Gehen Sie ins Bett.«

Sie warf mir einen so bösen Blick zu, daß ich ohne Gutenachtkuß fortging. Ich deckte sie zu und schloß die Tür hinter mir und fühlte mich sehr mißgestimmt. Ich bereute aber doch, ihr keinen Kuß gegeben zu haben, und trat daher leise wieder ins Zimmer. Und o! da stand Cathy am Tisch, vor ihr lag ein Stückchen weißes Papier, und in der Hand hielt sie einen Bleistift, den sie bei meinem Wiedereintritt schuldbewußt zu verbergen suchte.

»Sie werden niemanden finden, der Ihnen den Zettel befördert, Catherine«, sagte ich. »Und jetzt werde ich Ihnen die Kerze fortnehmen.«

Als ich das Licht löschte, gab sie mir einen Schlag auf die Hand und sagte zornig: »Pfui, du böse Nelly!« Ich ging nun hinaus, und sie schob hinter mir den Riegel vor die Tür und überließ sich zügellos ihrer Mißstimmung. Der Brief wurde dennoch geschrieben und durch einen Buben aus dem Dorf, der von uns Milch holte, an seinen Bestimmungsort gebracht. Das erfuhr ich jedoch erst später.

Wochen vergingen, und Catherine fand ihre gute Laune wieder. Aber sie fand ein merkwürdiges Gefallen daran, sich heimlich davonzuschleichen und sich in einsame Winkel zurückzuziehen. Sie hatte fast stets irgend ein Buch vor sich, und wenn ich zufällig in ihre Nähe kam, so erschrak sie und suchte das Buch zu verstecken, und zwischen den Blättern sah ich allerlei Zettel herausgucken. Des Morgens kam sie auffallend früh herunter und trieb sich in der Nähe der Küche herum, als warte sie auf irgend etwas. Und in einem Schrank des Bibliothekzimmers hatte sie ein kleines Schubfach, in dem sie stundenlang herumkramte und dessen Schlüssel sie sorgfältig abzog, wenn sie anderer Beschäftigung nachging.

Eines Tages, als sie dies Fach wieder einmal besichtigte, entdeckte ich, daß der Tand, die Bänder und Spitzen, mit denen es früher angefüllt gewesen, durch lauter Papierbogen ersetzt worden waren. Meine Neugier und mein Argwohn waren geweckt. Ich beschloß, mir ihre geheimnisvollen Schätze einmal näher anzusehen. Des Abends also, als mein Herr und sie schlafen gegangen waren, suchte und fand ich an meinem Schlüsselbund einen Schlüssel, der zu dem bewußten Fach paßte. Ich öffnete es, schüttete den ganzen Inhalt in meine Schürze und ging in mein Zimmer hinauf, um alles in Ruhe zu untersuchen. Trotzdem ich ahnte, daß mein Verdacht sich hier bestätigen werde, war ich doch überrascht, daß dies viele Papier von Linton Heathcliff stammte: er mußte fast täglich geschrieben haben. Es waren Antworten auf Zuschriften Catherines. Die ersten dieser Briefe waren unbeholfen und kurz, später erweiterten sie sich jedoch zu wortreichen Liebesbriefen, die – wie das jugendliche Alter des Schreibers es bedingte – recht albern waren, aber dennoch hier und da eine Note trugen, die aus erfahrenerer Quelle zu kommen schien. Einige fielen mir durch ihre seltsame Zusammensetzung von Glut und Plattheit geradezu auf. Ob sie Catherine gefielen, weiß ich nicht, mir erschienen sie als sehr wertloses Zeug. Nachdem ich eine genügende Anzahl durchgesehen hatte, band ich sie in ein Taschentuch und legte sie beiseite. Das leere Fach schloß ich wieder ab.

Am folgenden Morgen kam meine junge Herrin wie üblich schon frühzeitig herunter und betrat die Küche. Ich sah sie beim Eintreffen eines kleinen Jungen zur Tür treten, und während das Milchmädchen dem Knaben seine Milchkanne vollgoß, steckte Cathy ihm etwas in die Tasche und nahm etwas anderes heraus. Ich durchquerte den Garten und fing draußen den Boten ab; er verteidigte tapfer sein anvertrautes Gut, und unser Kampf war so heftig, daß wir die Milch verschütteten. Aber es gelang mir, ihm die Epistel zu entreißen. Ich drohte ihm mit empfindlicher Strafe, falls er nicht schleunigst nach Hause laufe. Dann öffnete ich den Brief und überlas Miß Cathys verliebtes Machwerk. Es war schlichter und gewandter verfaßt als Lintons Schreibereien: es war sehr hübsch und sehr naiv. Ich schüttelte den Kopf und ging ins Haus zurück.

Da es regnerisch war, konnte Catherine nicht draußen herumtollen. Nach Beendigung des Vormittagsunterrichtes nahm sie daher zu ihrem geliebten Geheimfach ihre Zuflucht. Ihr Vater saß lesend am Tisch. Ich hatte mich daran gemacht, die Zugschnüre einer der Gardinen, die sich verwirrt hatten, wieder zu ordnen. Ich hatte absichtlich diese Beschäftigung gewählt, um Cathy beobachten zu können. Ein Vogel, der zum Neste heimkehrt und statt der zirpenden Brut nur tote Leere findet, könnte in seinem angstvollen Rufen und Umherflattern keine tiefere Verzweiflung bekunden, als sie mit ihrem einzigen »o!« und der Enttäuschung, die sich auf ihrem eben noch so heiteren Gesicht malte.

»Was gibt's, Liebling? Hast du dir weh getan?« sagte Linton.

»Nein, Papa –« ächzte sie. »Ellen, Ellen! komm hinauf mit mir – ich bin krank!«

Ich gehorchte und begleitete sie hinaus.

»O, Ellen! Du hast sie genommen«, rief sie, als wir in ihrem Zimmer angekommen waren, und brach in die Kniee. »O, gib sie mir, und ich will es nie, nie wieder tun! Sag es nicht Papa. Du hast es ihm noch nicht gesagt, Ellen? O, sag, daß du es nicht getan hast! Ich habe sehr unrecht getan, aber ich will es gewiß nicht wieder tun!«

Mit strenger Miene hieß ich sie aufstehen.

»So, Miß Catherine!« rief ich aus, »Sie haben es ja schon hübsch weit gebracht, wie es scheint. Ein schöner Haufen Unsinn, den Sie da in Ihren Freistunden studieren. Was wird der Herr wohl dazu sagen, wenn ich ihm das Zeug vorlege, wie? Noch habe ich es nicht gezeigt, aber Sie brauchen sich nicht einzubilden, daß ich ihm Ihr lächerliches Geheimnis vorenthalten werde. O pfui! Und Sie haben noch dazu den Anfang gemacht mit dem Gekritzel; er würde sicherlich gar nicht daran gedacht haben.«

»Das hab ich nicht getan! Das hab ich nicht getan!« schluchzte Cathy herzbrechend. »Ich habe nie daran gedacht ihn zu lieben, bis –«

» Lieben!« schrie ich so hohnvoll als es mir nur möglich war. »Lieben! Hat man je so etwas gehört! Mit demselben Recht könnte ich behaupten, den Müller zu lieben, der einmal im Jahr unser Korn kaufen kommt. Eine schöne Liebe das! Alles in allem haben Sie Linton zweimal im Leben gesehen – vier Stunden etwa im ganzen! Da, hier habe ich das kindische Zeug. Ich gehe jetzt damit in die Bibliothek, und wir wollen sehen, was Ihr Vater zu dieser › Liebe‹ sagt.«

Sie wollte mir die kostbaren Episteln entreißen, aber ich hielt sie hoch über meinen Kopf. Und dann begann sie mich zu beschwören, sie lieber zu verbrennen – nur zeigen, zeigen solle ich sie nicht. Und da ich wirklich ebenso geneigt war zu lachen als zu schelten – ich hielt alles für kindische Einbildung – so gab ich schließlich etwas nach und fragte:

»Wenn ich damit einverstanden wäre, sie zu verbrennen, würden Sie mir aufrichtig versprechen, keine Briefe mehr zu schreiben noch in Empfang zu nehmen, ebensowenig ein Buch (denn, wie ich sehe, haben Sie ihm auch Bücher geschickt), auch keine Haarlocken oder Ringe oder Spielsachen?«

»Wir schicken uns keine Spielsachen!« rief Catherine in verletztem Stolz.

»Dann also nichts anderes, absolut nichts, mein Fräulein«, sagte ich. »Also entscheiden Sie!«

»Ich verspreche es, Ellen!« rief sie, mich am Kleide festhaltend. »O, wirf sie ins Feuer, bitte, bitte!«

Als ich dann aber mit dem Feuerhaken die Glut aufschüren wollte, schien ihr das Opfer doch zu schmerzlich. Sie bettelte heiß, ihr ein oder zwei Briefe zurückzugeben.

»Ein oder zwei, Ellen, um Lintons Willen!«

Ich öffnete das Taschentuch und ließ die Zettel einen nach dem anderen ins Feuer fallen, und die Flamme kräuselte zum Schornstein hinauf.

»Ich muß einen für mich haben, du grausame Kreatur!« schrie sie, die Hand ins Feuer streckend, und zog mit übel zugerichteten Fingern ein paar halbverkohlte Fetzen heraus.

»Schön, schön – und ich werde einige behalten, um sie Papa vorzulegen!« antwortete ich, den Rest ins Bündel zurückschüttelnd und mich zur Türe wendend.

Sie ließ die geschwärzten Stücke wieder ins Feuer fallen und bewog mich, die Opferung zu vollenden. Es war bald getan. Ich schürte die Asche auf und begrub alles unter einer Schaufel Kohlen. Sie zog sich stumm und tief beleidigt in ihr Schlafzimmer zurück. Ich stieg hinunter, um meinem Herrn zu sagen, daß der Übelkeitsanfall meines kleinen Fräuleins fast behoben sei, daß ich es aber für das beste hielt, sie eine Weile in Ruhe zu lassen. Sie wollte nicht Mittag essen, aber sie erschien zum Tee, bleich und mit rotgeränderten Augen und seltsam würdevoll und milde.

Am anderen Morgen beantwortete ich den letzten Brief Lintons mit einem Zettel, der die Worte enthielt: »Herr Heathcliff wird ersucht, kein Schreiben mehr an Miß Linton zu senden, da sie keines mehr empfangen wird.« Und von da ab kam der kleine Junge mit leeren Taschen.

 << Kapitel 22  Kapitel 24 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.