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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XX.

Um zu vermeiden, daß diese Drohung sich bewahrheite, beauftragte mich Mr. Linton, den Knaben frühzeitig in sein neues Heim zu geleiten, auf Cathys Pony. Und ferner sagte er:

»Da wir nun auf sein Geschick keinen Einfluß mehr haben werden, so darfst du meiner Tochter nicht sagen, wohin er gegangen ist. Sie kann nun doch keinen Umgang mehr mit ihm haben, und daher ist es besser, daß sie nicht weiß, in wie erreichbarer Nähe er lebt, denn dann würde sie ihn auf Sturmheid besuchen wollen. Sage ihr nur, sein Vater habe unerwartet nach ihm geschickt, und er sei genötigt gewesen, uns zu verlassen.«

Linton war sehr unwillig, um fünf Uhr aus dem Bett geholt zu werden, und erstaunt, als er vernahm, er müsse sich für eine Fortsetzung der Reise herrichten. Ich suchte ihm die Sache angenehm darzustellen, indem ich ihm berichtete, daß er einige Zeit bei seinem Vater, Mr. Heathcliff, zubringen solle. Dieser möchte ihn so gerne sehen, daß er das Wiedersehen nicht aufschieben wolle, bis der Sohn sich von seiner bisherigen Reise erholt habe.

»Mein Vater!« schrie er in höchstem Erstaunen. »Mama hat mir nie gesagt, daß ich einen Vater habe! Wo lebt er? Ich möchte lieber beim Onkel bleiben.«

»Er lebt in geringer Entfernung von Drosselkreuz«, erwiderte ich; »grad dort hinter den Hügeln. Nicht so weit, daß Sie nicht, wenn Sie etwas wohler sind, herüberkommen könnten zu uns. Und Sie sollten sich freuen, nach Hause zu kommen und ihn zu sehen. Sie müssen versuchen, ihn so lieb zu haben, wie Sie Ihre Mutter hatten, und dann wird er Sie auch lieb haben.«

»Aber warum habe ich nicht früher schon von ihm gehört?« fragte Linton. »Warum lebten Mama und er nicht zusammen wie andere Eltern?«

»Er hatte Geschäfte, die ihn im Norden festhielten«, antwortete ich, »und der Gesundheitszustand Ihrer Mutter bedingte einen Aufenthalt im Süden.«

»Und warum hat Mama mir nicht von ihm erzählt?« beharrte das Kind. »Vom Onkel hat sie oft gesprochen, und ich mußte ihn schon lange lieb haben. Wie kann ich Papa lieben? Ich kenne ihn nicht.«

»O, alle Kinder lieben ihre Eltern«, sagte ich. »Ihre Mutter glaubte vielleicht, wenn sie von ihm spreche, so würden Sie Sehnsucht nach ihm bekommen. Wir müssen uns beeilen. Ein früher Ritt an einem so prächtigen Morgen ist einem Stündchen Schlaf doch weit vorzuziehen.«

»Wird sie mit uns gehen?« fragte er. »Das kleine Mädchen, das ich gestern hier gesehen habe?«

»Nicht jetzt«, erwiderte ich.

»Aber Onkel?« fuhr er fort.

»Nein, ich werde Sie begleiten«, sagte ich.

Linton sank auf das Kissen zurück und verfiel in trübes Nachsinnen.

»Nein, ich werde nicht ohne Onkel gehen«, rief er schließlich. »Ich weiß ja nicht, wohin Sie mich bringen wollen.«

Ich versuchte ihm klar zu machen, wie unartig es sei, daß er sich weigere, seinen Vater aufzusuchen; er widerstand aber trotzdem jeder Bemühung, ihn anzukleiden, und ich mußte den Beistand meines Herrn nachsuchen, um ihn aus dem Bett zu treiben.

Endlich war ich mit dem armen Jungen unterwegs, nachdem man ihm die Versicherung gegeben hatte, daß seine Abwesenheit nur kurz sein solle, und daß Mr. Edgar und Cathy ihn besuchen würden. Unterwegs mußte ich ihm noch eine Menge ebenso unwahrer Zusicherungen machen.

Die reine Luft, der Heuduft, die helle Sonne und der sanfte Trab von Minny, dem Pony, nahmen ihm dann bald seine Verzagtheit. Er begann mit fröhlicherem Interesse Fragen zu stellen nach seinem neuen Heim und dessen Bewohnern.

»Ist Sturmheidhof ein ebenso schöner Platz als Drosselkreuz?« forschte er, als er bei einer Biegung nochmals zurückblickte.

»Es liegt nicht so in alten Bäumen verborgen«, antwortete ich, »und es ist nicht ganz so groß, aber Sie können rundum weit ins Land schauen, und die Luft dort ist Ihnen zuträglicher, sie ist frischer und trockener. Sie werden vielleicht im Anfang das Haus alt und düster finden, trotzdem es ein ansehnlicher Bau ist, der zweitschönste in der Umgegend. Und Sie werden so schöne Streifzüge durch Moor und Heide machen. Hareton Earnshaw – das ist Miß Cathys anderer Vetter und somit in gewisser Beziehung auch der Ihre – wird Ihnen all die reizenden Stellen zeigen. Und bei schönem Wetter können Sie ein Buch mit hinaus nehmen und in grünem Moosversteck lesen. Und hie und da mag wohl auch Ihr Onkel Sie zu einem Spaziergang treffen; er geht häufig aufs Moor hinaus.«

»Und wie sieht mein Vater aus?« fragte er. »Ist er so jung und hübsch wie Onkel?«

»Er ist ebenso jung«, sagte ich. »Aber er hat schwarzes Haar und dunkle Augen und sieht ernster aus, und er ist größer und kräftiger. Er wird Ihnen vielleicht zunächst nicht ganz so sanft und freundlich vorkommen, denn das ist nicht seine Art. Dennoch, beachten Sie, was ich sage, dennoch seien Sie frei und fröhlich zu ihm, und naturgemäß wird er Sie lieber haben als irgend ein Onkel, weil Sie sein eigen sind.«

»Schwarzes Haar und schwarze Augen!« sann Linton. »Ich kann ihn mir nicht vorstellen. Da bin ich ihm also gar nicht ähnlich, wie?«

»Nicht sehr«, antwortete ich; nicht die Spur, dachte ich, als ich mit Bedauern das weiße Gesicht und die schmale Stirn des Knaben betrachtete und seine großen matten Augen. Es waren die Augen seiner Mutter, nur daß sie – wenn sie nicht gerade in krankhafter Reizbarkeit aufflackerten – nicht den geringsten Funken ihrer schimmernden Lebhaftigkeit aufwiesen.

»Wie sonderbar, daß er nie gekommen sein sollte, Mama und mich zu besuchen!« murmelte er. »Hat er mich überhaupt schon gesehen? Das kann höchstens gewesen sein, als ich noch ein Baby war. Ich weiß aber auch absolut gar nichts von ihm!«

»Nun, Herr Linton«, sagte ich, »dreihundert Meilen sind ein weiter Raum, und zehn Jahre erscheinen einem erwachsenen Menschen nicht so lang als vielleicht Ihnen. Es ist wahrscheinlich, daß Mr. Heathcliff Sommer nach Sommer diese Reise beabsichtigte, aber nie eine passende Gelegenheit fand. Und nun ist es zu spät. Plagen Sie ihn nicht mit Fragen darüber; das würde ihn unnütz belästigen.«

Für den Rest des Weges war der Knabe vollauf mit seinen Gedanken beschäftigt, und schließlich hielten wir am Gartentor des Landhauses. Ich beobachtete ihn, um den Eindruck zu sehen, den der Ort auf ihn machte. Er prüfte die Ornamentik der Hausfront und die niederen Fenster, die vereinzelten Stachelbeersträucher und krummen Fichten mit trüber Aufmerksamkeit und schüttelte dann den Kopf. Seinem Empfinden mißfiel das Äußere seines neuen Wohnorts ganz und gar. Doch er war vernünftig genug, sich vorläufig nicht zu beklagen: vielleicht war innen etwas zu finden, das die äußere Dürftigkeit aufwog.

Ehe er abstieg, ging ich und öffnete die Haustür. Es war halb sieben. Die Familie hatte soeben das Frühstück eingenommen. Die Magd räumte den Tisch ab. Josef stand neben dem Stuhl seines Herrn und berichtete irgend etwas von einem lahmen Gaul. Hareton bereitete sich zu einem Gang ins Heu.

»Halloh, Nelly!« sagte Mr. Heathcliff, als er mich erblickte. »Ich fürchtete schon, ich müsse zu euch kommen und meine Habe selber holen. Du hast sie also hergebracht, ja? So laß uns sehen, was wir damit anfangen können.«

Er stand auf und schritt zur Tür. Hareton und Josef folgten in gaffender Neugier. Der arme Linton ließ einen erschreckten Blick über die drei Gesichter gleiten.

Heathcliff starrte seinen Sohn so lange an, bis dieser vor Verwirrung blutrot war und zitterte. Dann lachte er höhnisch auf.

»Gott, was für eine Schönheit! Was ein liebliches reizendes Dingchen!« rief er. »Man hat ihn gewiß mit Schnecken und saurer Milch aufgezogen, wie, Nelly? O verflucht! Das ist schlimmer als ich dachte – und der Teufel weiß, ich war nicht optimistisch!«

Ich hieß den erschreckten Knaben absteigen und eintreten. Er hatte nicht begriffen, was die Worte des Vaters bedeuteten und ob sie sich überhaupt auf ihn bezogen hatten; er war wohl nicht einmal sicher, ob dieser grimmige grinsende Fremde sein Vater sei. Aber er klammerte sich an mich mit wachsendem Grauen. Und als Mr. Heathcliff sich auf einen Stuhl niederließ und ihn zu sich rief, barg er das Gesicht an meiner Schulter und weinte.

»Still, still!« sagte Heathcliff, streckte den Arm aus und zog den Knaben zu sich heran. Er faßte ihn am Kinn und sah ihm ins Gesicht. »Keinen solchen Unsinn! Wir beabsichtigen nicht, dir wehe zu tun, Linton – das ist doch dein Name? Du bist ganz und gar deiner Mutter Kind! Wo aber ist mein Teil an dir, piependes Küken?«

Er nahm dem Kind die Mütze ab und strich die dicken gelben Locken zurück, befühlte seine dünnen Arme und schmalen Finger. Linton hörte auf zu weinen und hob die blauen Augen, um nun seinerseits den anderen zu prüfen.

»Kennst du mich?« fragte Heathcliff, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Gliedmaßen alle gleich schwach und zerbrechlich waren.

»Nein«, sagte Linton mit einem angstvollen Blick.

»Du hast aber von mir gehört?«

»Nein«, erwiderte er nochmals.

»Nein? Welch eine Schande, daß deine Mutter nie daran dachte, deine kindlichen Gefühle zu mir zu wecken. Du bist also mein Sohn, will ich dir sagen. Und deine Mutter war ein niederträchtiges Frauenzimmer, daß sie dich in Unkenntnis darüber ließ, welcher Art dein Vater sei. Nun, heule nicht und faß Mut! Du brauchst nicht so rot zu werden. Es ist allerdings immerhin etwas, zu sehen, daß du nicht weißes Blut hast. Sei ein guter Junge, und ich werde dir nichts tun. Nelly, wenn du müde bist, magst du dich ausruhen, wenn nicht, so geh wieder nach Haus. Ich kann mir denken, daß du dem Wicht dort auf Drosselkreuz haarklein berichten wirst, was du hier hörst und siehst; und hier der Junge wird sich nicht beruhigen, solange du so um ihn herumschwänzelst.«

»Gut«, erwiderte ich, »ich hoffe, Mr. Heathcliff, Sie werden freundlich zu dem Knaben sein, oder Sie werden ihn nicht lange behalten; und er ist das einzige Wesen, das Sie noch auf der Welt besitzen, denken Sie daran!«

»Ich werde sehr freundlich zu ihm sein, du kannst unbesorgt sein«, sagte er lachend. »Nur darf kein anderer gut zu ihm sein. Ich bin eifersüchtig auf seine Zuneigung. Und um mit der Freundlichkeit den Anfang zu machen: Josef, bring dem Jungen etwas zum Frühstück! Hareton, du verdammtes Kalb, geh an deine Arbeit! Ja, Nelly«, fügte er hinzu, als die anderen gegangen waren, »mein Sohn wird voraussichtlich Eigentümer eures Gutes, und ich wünsche nicht, daß er stirbt, ehe ich gewiß bin, sein Nachfolger zu sein. Außerdem: er ist mein, und ich brauche den Triumph, meinen Abkömmling als Herrn auf ihren Besitzungen zu sehen; zu sehen, wie mein Sohn ihre Kinder dingt, damit sie die Felder ihres Vaters gegen Lohn beackern. Das ist der einzige Gedanke, der mir den Knirps da erträglich macht. Ich verabscheue ihn um seiner selbst willen und hasse ihn wegen der Erinnerungen, die er wachruft! Doch dieser eine Gedanke genügt. Er ist so sicher bei mir wie bei euch und soll ebenso sorgsam gepflegt werden, wie dein Herr sein eigenes Kind hegt. Ich habe droben ein hübsch eingerichtetes Zimmer für ihn, ich habe auch einen Lehrer berufen, der dreimal wöchentlich kommen soll, und der drei Meilen von hier wohnt. Ich habe Hareton befohlen, ihm zu gehorchen, und tatsächlich habe ich alles in Hinsicht darauf angeordnet, daß man in ihm den Edelmann sehe, der über seine Gefährten emporragt. Ich bedaure allerdings, daß er diese Mühe so wenig verdient. Wenn ich irgend etwas auf Erden gewünscht habe, so war es dies, ihn so zu finden, daß ich stolz auf ihn sein könne, und ich bin bitter enttäuscht über den wehleidigen winselnden Wicht!«

Während dieser Rede trat Josef wieder ein. Er trug einen Napf mit Milchsuppe und stellte ihn vor Linton hin. Der rührte in dem Zeug herum und erklärte mit einem Ausdruck des Ekels, er könne es nicht essen.

Ich sah, der alte Diener verachtete das Kind ebenso wie sein Herr, obschon er genötigt war, seine Gefühle zurückzuhalten, denn Heathcliff duldete nicht, daß seine Untergebenen sich unehrerbietig zeigten.

»Ehr kennt 't nit esse?« wiederholte er, Linton nahe ins Gesicht sehend und scheu die Stimme dämpfend. »Awer de Här Hareton hot neist annerst gegess', su lang als 'r klän wor. Un wat for ihn gut genug wor, dat iß aach for Eich gut genug – man eich.«

»Ich werde es nicht essen!« antwortete Linton schnippisch. »Fort damit!«

Josef riß die Schüssel wütend an sich und brachte sie uns.

»Iß do wat nit in Ordnung mit de Supp?« fragte er, sie Heathcliff unter die Nase haltend.

»Weshalb soll sie nicht in Ordnung sein?« sagte er.

»Jo, dä verzärtelt Borsch do säht, er kinnt se nit esse. Awer eich sahn, se iß gut. Sei Mudder wor grad su, mer ware ehr suzesahn ze dreckig, um for ehr Brot dat Koorn ze säe.«

»Erwähne mir nicht seine Mutter«, sagte der Herr ärgerlich. »Bring ihm etwas, das er essen kann, und damit gut. Was pflegt er denn zu essen, Nelly?«

Ich meinte, vermutlich gekochte Milch und Tee; und der Knecht bekam Auftrag, dies zu bereiten. Nun, dachte ich bei mir, die Selbstsucht seines Vaters sichert ihm anscheinend eine gute Pflege. Er sieht, daß er von zarter Gesundheit ist und daß man Geduld haben muß mit ihm. Ich werde Mr. Edgar trösten können, wenn ich ihm mitteile, welche Wendung Heathcliffs Launen genommen haben.

Da ich keinen Grund finden konnte, um noch länger zu verweilen, schlüpfte ich hinaus, während Linton beschäftigt war, die freundliche Zudringlichkeit eines Schäferhundes schüchtern zurückzuweisen. Aber er war doch viel zu mißtrauisch, als daß man ihn hätte betrügen können. Als ich die Tür schloß, hörte ich einen Schrei und den gellenden Angstruf:

»Geh nicht fort! Ich will nicht hier bleiben! Ich will nicht hier bleiben!«

Dann drehte sich der Schlüssel im Schloß. Sie ließen das Kind nicht heraus. Ich bestieg Minny und ritt nach Hause – und so wurde der kleine Linton uns genommen.

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