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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XVIII.

Die zwölf Jahre, fuhr Mrs. Dean fort, die dieser trüben Zeit folgten, waren die glücklichsten meines Lebens. Meine größten Sorgen damals waren die, die mir aus den verschiedenen Krankheiten meiner kleinen Herrin erwuchsen, Krankheiten, die eben alle Kinder – ob reich oder arm – durchmachen müssen. Im übrigen wuchs und gedieh sie nach den ersten sechs Monaten prächtig und konnte gehen und auf ihre Weise sprechen, noch ehe das Heidekraut auf ihrer Mutter Grab zum zweiten Male blühte. Sie war das sieghafteste kleine Ding, das jemals Sonne in ein einsames Haus gebracht. Ihr Gesicht war das einer wirklichen Schönheit: sie hatte die prachtvollen dunklen Augen der Earnshaws, aber die helle Haut und zarten Züge und gelben Locken der Lintons. Ihr Geist war lebhaft, aber nicht derb oder zügellos, und sie war durch ein empfindsames Herz ausgezeichnet, das, wo es liebte, zu Überschwang geneigt war.

Die Fähigkeit zu intensiver Zuneigung erinnerte mich an ihre Mutter. Dennoch glich sie ihr nicht; denn sie konnte sanft und mild sein wie ein Täubchen, und sie hatte eine gütige Stimme und einen nachdenklichen Ausdruck. Ihr Zorn war nie rasend, ihre Liebe nie flammend, sondern tief und zärtlich. Dennoch muß gesagt werden, daß sie Fehler hatte, die ihren guten Gaben die Wage hielten. Ein Hang zu kecken Reden plagte sie und ein trotziger Eigenwille, wie ihn verzogene Kinder – mögen sie gutherzig oder übelwollend sein – stets haben. Wenn einer der Leute sie ärgerte, so hieß es gleich: »Ich werde es Papa sagen!« Und wenn der ihr auch nur mit einem Blick einen Vorwurf machte, so schien es ihr fast das Herz zu brechen. Ich glaube nicht, daß er ihr jemals ein strenges Wort gab. Er nahm ihre Erziehung ganz und gar selbst in die Hand und machte sich eine Freude daraus. Wißbegier und schnelle Fassungsgabe machten sie allerdings zu einem gelehrigen Schüler. Sie lernte erstaunlich schnell und eifrig und belohnte seinen Unterricht aufs beste.

Bis zu ihrem dreizehnten Jahre war sie nicht einmal ohne Begleitung über die Grenzen des Parks hinausgekommen. Mr. Linton nahm sie bei seltenen Gelegenheiten ein oder zwei Meilen mit hinaus, aber er vertraute keinem anderen das Amt des Begleiters. Gimmerton war ihr ein Wort, mit dem sie keinen Begriff verband, und die Kapelle war das einzige Gebäude, das sie gesehen oder betreten hatte – ihr eigenes Heim natürlich ausgenommen. Sturmheidhof und Mr. Heathcliff existierten für sie nicht. Sie war nicht viel mehr als eine Gefangene und dennoch anscheinend vollkommen glücklich. Doch manchmal, wenn sie aus dem Fenster ihres Stübchens in die Gegend schaute, fragte sie:

»Ellen, wie lange wird es noch dauern, bis ich auf diese Berge dort steigen kann? Was mag drüben auf der anderen Seite wohl liegen – das Meer?«

»Nein, Miß Cathy«, antwortete ich, »wieder Berge.«

»Und wie sehen die goldenen Felsmassen dort aus, wenn man ganz nah davor steht?« –

Der steile Abhang von Penistone Crags zog ganz besonders ihre Aufmerksamkeit auf sich; besonders wenn die untergehende Sonne die kahlen Gipfel vergoldete und das ganze Land rundum in Schatten lag. Ich erklärte ihr, daß diese Goldberge nur Steine seien, in deren Klüften kaum Erde genug sei, um einen krummen Baum zu nähren.

»Und warum sind sie so voll Glanz, wenn es hier bei uns schon lange Abend ist?« fuhr sie fort.

»Weil sie viel, viel höher sind als wir hier«, antwortete ich. »Sie könnten sie niemals ersteigen; sie sind zu hoch und steil. Im Winter ist der Frost dort droben, lange bevor er zu uns kommt, und tief im Sommer habe ich in der schwarzen Höhle dort an der Nordostseite noch Schnee gefunden.«

»O, du bist droben gewesen!« schrie sie entzückt. »Dann kann ich auch hin, wenn ich erwachsen bin. Ist Papa dort gewesen, Ellen?«

»Papa wird Ihnen sagen, Miß«, antwortete ich eilig, »daß die Berge einen Besuch durchaus nicht lohnen. Die Heide, die Sie mit ihm durchstreifen, ist viel schöner, und der Drosselkreuzpark ist der herrlichste Platz in der Welt.«

»Aber ich kenne den Park, und die Berge kenne ich nicht«, sprach sie zu sich selbst. »Und ich würde entsetzlich gern von der höchsten Spitze dort oben rundum blicken. Mein kleiner Pony Minny soll mich später mal hinauftragen.«

Eine der Mägde, die von der »Feenhöhle« dort in den Bergen erzählte, verdrehte ihr ganz den Kopf. Sie hatte nur noch den einen Wunsch, ihren Plan durchzusetzen. Sie quälte Mr. Linton darum, und er sagte ihr die Reise zu, wenn sie älter geworden sei. Aber Miß Catherine berechnete ihr Alter nach Monaten, und »bin ich noch nicht alt genug für Penistone Crags?« war eine Frage, die sie beständig im Munde führte. Der Weg dorthin wand sich nahe an Sturmheidhof vorbei. Edgar hatte nicht den Mut, sich dorthin zu wagen. So bekam sie ebenso beständig die Antwort: »Nicht jetzt, Liebling, nicht jetzt.«

Ich sagte schon, Mrs. Heathcliff lebte, nachdem sie ihren Mann verlassen hatte, noch über zwölf Jahre. Die Familie der Lintons war von zarter Konstitution. Sowohl ihr als Edgar mangelte die robuste Gesundheit, die sonst die Bewohner dieser Gegend hier auszeichnet. An welcher Krankheit sie gestorben ist, weiß ich nicht genau. Ich nehme an, sie starben beide am derselben Sache: einer Art Fieber, das langsam einsetzte, aber unheilbar war und schließlich mit rasender Schnelligkeit die Lebenskraft aufzehrte.

Sie schrieb an ihren Bruder, um ihm das voraussichtliche Ende ihres viermonatigen Leidens mitzuteilen und ersuchte ihn, wenn möglich, zu ihr zu kommen; denn sie habe vieles zu ordnen und wolle von ihm Abschied nehmen und den kleinen Linton sicher in seine Arme legen. Sie hoffte, daß Linton bei ihrem Bruder bleiben könne, so wie man ihn ihr gelassen hatte. Sie redete sich ein, sein Vater habe schwerlich Lust, die Last seiner Erziehung auf sich zu laden. Mein Herr zögerte nicht einen Augenblick, ihrer Bitte Folge zu leisten. So sehr er davor zurückscheute, anderen Einladungen zu folgen, so sehr eilte er, diesem Ruf zu gehorchen. Er befahl Catherine für die Zeit seiner Abwesenheit meiner besonderen Wachsamkeit und gab strengsten Auftrag, daß sie den Park nicht verlassen dürfe, selbst nicht unter meinem Schutz. Daß sie sich ohne Begleitung hinauswagen könne, kam ihm gar nicht in den Sinn.

Er war drei Wochen fort. Die ersten zwei Tage saß meine Schutzbefohlene in der Bibliothek im Winkel; sie war so bekümmert, daß sie weder lesen noch spielen mochte. Solange sie so ruhig war, machte sie mir wenig Mühe, aber dieser Stille folgte eine Zeit ungeduldiger jammernder Langeweile. Und da ich zu beschäftigt und auch schon zu alt war, um zu ihrer Unterhaltung mit ihr herumzuspringen, kam ich auf ein Mittel, ihr Abwechslung zu schaffen, ohne selbst dabei beteiligt sein zu müssen. Ich schickte sie auf Streifen durch den ausgedehnten Park – bald zu Fuß, bald auf dem Pony, und hörte, wenn sie hineinkam, geduldig den Bericht ihrer erlebten und erträumten Abenteuer an.

Der Sommer prangte in voller Blüte, und sie fand solchen Geschmack an diesen einsamen Streifzügen, daß sie oft vom Frühstück bis zum Abendtee draußen blieb. Und des Abends erzählte sie dann ihre phantastischen Geschichten. Ich fürchtete nicht, daß sie ausbrechen würde, denn die Tore waren für gewöhnlich verschlossen, und ich meinte, selbst wenn sie offen ständen, würde sie sich schwerlich allein hinauswagen. Unglücklicherweise bewies sich mein Vertrauen als unangebracht. Catherine kam eines Morgens um acht Uhr zu mir und sagte, heute sei sie ein arabischer Handelsmann, der mit seiner Karawane die Wüste durchkreuze, und ich müsse ihr für sich und die Tiere reichlich Proviant mitgeben. Sie habe ein Pferd und drei Kamele; die drei letzteren wurden von einem großen Hofhund und zwei Pointern gestellt. Ich brachte einen ansehnlichen Vorrat an Leckerbissen zusammen und packte sie in einen Korb, den wir an einer Seite des Sattels befestigten. Und sie sprang aufs Pferd, so heiter wie eine Elfe. Gegen die Julisonne schützte sie ein breitkrämpiger Hut und ein Gazeschleier, und sie trottete mit fröhlichem Jubel davon; für meine Ermahnung, nicht zu galoppieren und rechtzeitig heimzukehren, hatte ihr Übermut nur ein Lachen.

Das unartige Ding kam zur Teezeit nicht heim. Einer der Reisenden, der Hofhund, der ein alter Kerl war und seine Bequemlichkeit liebte, kehrte zurück. Doch weder Catherine, noch das Pony, noch die zwei Pointer waren irgendwo sichtbar. Ich schickte Leute nach ihr aus, diesen Pfad hinab und jenen Weg hinauf, und ging schließlich selbst auf die Suche. Ich stieß auf einen Arbeiter, der bei einer Anpflanzung an der Grenzhecke arbeitete, und fragte diesen, ob er unser junges Fräulein gesehen habe.

»Am Morgen habe ich sie gesehen«, erwiderte er. »Sie ließ sich von mir eine Haselgerte schneiden und jagte dann ihren Gaul dort über die Hecke und galoppierte davon.«

Sie können sich denken, was ich bei dieser Mitteilung empfand. Sofort kam es mir in den Sinn, daß sie sich nach Penistone Crags auf den Weg gemacht haben müsse. »Was wird mit ihr geschehen?« seufzte ich, als ich durch ein Loch hinausschlüpfte, mit dessen Ausbesserung der Mann gerade beschäftigt war. Ich ging sogleich den Hochweg hinauf. Ich schritt aus wie ein Wettläufer, Meile um Meile, bis eine Wendung mir den Sturmheidhof in Sicht brachte. Doch fern und nah war keine Catherine zu entdecken. Die Crags liegen etwa anderthalb Meilen hinter Mr. Heathcliffs Besitzung, und diese ist vier Meilen von Drosselkreuz entfernt, so begann ich zu fürchten, es werde Nacht werden, ehe ich auf sie stoßen würde. »Und was dann, wenn sie beim Umherklettern in den Felsen ausgeglitten und abgestürzt ist«, dachte ich, »und tot ist oder mit gebrochenen Gliedern irgendwo hilflos liegt?« Meine Vermutung war wahrhaft qualvoll; darum empfand ich zunächst etwas wie Erlösung, als ich, dem Gutshof zueilend, unter einem Fenster einen der Pointer liegen sah. Sein Kopf war aufgeschwollen, und sein Ohr blutete. Ich öffnete das Tor und rannte zur Haustür, wo ich wild um Einlaß klopfte. Eine Frau, die ich kannte und die früher in Gimmerton wohnte, antwortete. Sie war seit dem Tode Mr. Earnshaws hier in Dienst.

»Ach«, sagte sie, »Ihr kommt Euer kleines Fräulein suchen! Seid ohne Sorge. Sie ist hier und ganz wohlauf. Aber ich bin froh, daß Ihr's seid und nicht der Herr.« »Er ist also nicht zu Hause, wie?« keuchte ich, atemlos vom schnellen Lauf und von der Aufregung.

»Nein, nein«, antwortete sie. »Beide sind sie fort, er und Josef, und ich denke, sie kommen nicht so bald zurück. Tretet ein und ruht Euch ein wenig aus.«

Ich ging ins Haus und erblickte mein verirrtes Schäflein. Sie saß in einem kleinen Stuhl, in dem auch ihre Mutter als Kind gesessen hatte, und schaukelte sich. Ihr Hut hing an der Wand, und sie schien sich völlig zu Haus zu fühlen. Sie war in denkbar fröhlichster Stimmung, lachte und schwatzte zu Hareton – jetzt ein großer starker Bursch von achtzehn Jahren –, der sie mit grenzenloser Verwunderung anstarrte und augenscheinlich recht wenig von den Fragen und Bemerkungen verstand, die sie unermüdlich von sich gab.

»Nun, Miß!« rief ich aus, meine Freude unter einer bösen Miene verbergend. »Dies ist Ihr letzter Ritt, solange Papa fort: ist. Ich werde Ihnen keinen Schritt mehr trauen, Sie böses unfolgsames Mädchen!«

»Aha, Ellen!« schrie sie lustig, sprang auf und lief auf mich zu. »Heut abend hab ich eine ganz besonders schöne Geschichte zu erzählen. Und da hast du mich also entdeckt! Bist du je in deinem Leben schon mal hier gewesen?«

»Setzen Sie Ihren Hut auf, und dann nach Hause, sofort!« sagte ich. »Ich bin schrecklich betrübt über Sie, Miß Cathy. Sie haben außerordentlich Unrecht getan! Da hilft kein Jammern und Weinen. Das macht die Sorge nicht wieder gut, die ich hatte, als ich die ganze Gegend nach Ihnen absuchte. Wenn ich denke, wie Mr. Linton mich beschwor, Sie nicht hinauszulassen, und da stehlen Sie sich so davon! Das beweist, daß Sie ein schlauer, kleiner Fuchs sind, und niemand wird mehr ein Vertrauen in Sie setzen.« »Was hab ich denn getan«, schluchzte sie, augenblicklich verletzt. »Papa hat mir nichts anbefohlen; er wird mich nicht ausschelten, Ellen, er ist nie bös, so wie du!«

»Kommen Sie, kommen Sie!« wiederholte ich. »Ich will die Schleife binden. Nun machen Sie keine Szene! – O, pfui! Dreizehn Jahre alt und solch ein Baby!«

Diese Äußerung machte ich, weil sie den Hut vom Kopfe stieß und in eine Ecke hinter das Ofenrohr flüchtete, wo ich sie schwer erwischen konnte.

»Nein«, sagte die Magd, »seid nicht hart zu dem lieben Mädel, Mrs. Dean. Wir veranlaßten sie, zu bleiben. Sie wäre schon längst fortgeritten, denn sie glaubte, daß Ihr unruhig sein würdet. Hareton bot ihr an, sie zu begleiten, und ich meinte, das sei gut Es ist ein rauher Weg da über die Hügel.«

Hareton stand während dieses Gesprächs mit den Händen in den Taschen stumm da und schien über meine Einmischung recht mißvergnügt, doch war er viel zu tölpelhaft, um selbst etwas zu sagen.

»Wie lange soll ich warten?« fuhr ich fort, ohne die Fürbitte der Frau zu beachten. »In zehn Minuten ist es dunkel. Wo ist Ihr Pferd, Miß Cathy? Und wo ist Phönix? Wenn Sie sich nicht beeilen, so überlasse ich Sie einfach Ihrem Schicksal. Also bequemen Sie sich!«

»Das Pony ist im Hof«, erwiderte sie, »und Phönix ist dort drüben eingeschlossen. Er ist gebissen – und ebenso Charlie. Ich wollte dir gerade alles davon erzählen, aber du bist schlechter Laune und verdienst nicht, es zu hören.«

Ich hob ihren Hut auf und ging auf sie zu, um ihn ihr wieder aufzusetzen. Aber da sie sah, daß die anderen ihre Partei ergriffen, so lief sie davon und jagte durchs Zimmer und wie eine Maus über, unter und hinter die Möbel, während ich ihr nachsprang und vergebens versuchte, sie einzufangen. Hareton und die Frau lachten, und sie stimmte mit ein und wurde immer dreister, bis ich in großer Verstimmung ausrief:

»Na, Miß Cathy, wenn Sie wüßten, wessen Haus das hier ist, so wären Sie froh genug, so schnell als möglich hinauszukommen.«

»Es ist doch Ihres Vaters Haus, nicht wahr?« wandte sie sich an Hareton.

»Nein«, erwiderte er, zu Boden blickend und tief errötend.

Er konnte es nicht ertragen, wenn ihre Augen, die übrigens ganz den seinen glichen, ihn anblickten.

»Wessen denn – Eures Herrn?« fragte sie.

Er errötete von neuem, murmelte einen Fluch und wandte sich ab.

»Wer ist sein Herr?« fuhr der kleine Plagegeist, zu mir gewendet, fort. »Er sprach doch von ›unserem Haus‹ und ›unsere Leute‹. Ich dachte, er sei der Sohn des Eigentümers. Und er hat auch nicht ein einziges Mal ›Miß‹ gesagt; und das hätte er doch tun müssen, wenn er ein Dienstbote ist, nicht wahr?«

Haretons Antlitz verfinsterte sich bei dieser kindischen Sprache wie ein Gewitterhimmel. Ich packte die Fragestellerin und schüttelte sie tüchtig und hatte sie endlich so weit hergerichtet, daß wir fortgehen konnten.

»So, jetzt holt mein Pferd!« wandte sie sich an ihren Vetter. Sie behandelte ihn nicht anders wie die Stallburschen auf Drosselkreuz. »Und Ihr könnt mit mir kommen. Ich möchte sehen, wo im Moor der Koboldjäger haust, und möchte hören, was Ihr von den Elfen wißt, Ihr müßt mir das alles erzählen. Aber beeilt Euch! Nun, holt mein Pferd, sag ich!«

»Du kannst zur Hölle fahren, ehe ich deinen Knecht spiele!« grollte der junge Mann.

»Ich kann was?!« fragte Catherine überrascht.

»Zur Hölle fahren! Du launische Hex!« antwortete er.

»Da, Miß Cathy! Sie sehen, Sie sind in schöne Gesellschaft geraten«, fiel ich ein. »Eine feine Sprache einer jungen Dame gegenüber! Bitte, streiten Sie nicht mit ihm. Kommen Sie, wir wollen selbst Minny suchen gehen und uns davonmachen.«

»Aber Ellen«, schrie sie, starr vor Staunen. »Wie darf er so zu mir sprechen? Muß man ihn nicht zwingen, zu tun, was ich ihm sage? Du elender Kerl, ich werde Papa erzählen, was du gesagt hast. – Da hast du es!«

Hareton schien diese Drohung nicht zu fürchten. Da traten ihr vor Entrüstung Tränen in die Augen. »Also dann bringt Ihr das Pony«, rief sie der Frau zu, »und laßt im Augenblick meine Hunde frei!«

»Ruhe, Ruhe, Miß!« antwortete die Angeredete. »Höflichkeit wird Ihnen nichts schaden. Wenn Mr. Hareton da auch nicht des Herren Sohn ist, so ist er doch Ihr Vetter, und ich bin nicht hier angestellt worden, um Sie zu bedienen.«

»Er mein Vetter!« schrie Cathy mit höhnischem Lachen.

»Ja, in der Tat«, entgegnete die Frau.

»O, Ellen, verbiete ihnen, so etwas zu sagen«, flehte sie bestürzt. »Papa ist nach London gereist, um meinen Vetter zu holen; mein Vetter ist ein wohlerzogener Edelmann. Der dort mein –«, sie hielt inne und brach in Tränen aus, außer sich über die Zumutung, daß so ein Bauerntölpel verwandt mit ihr sein könne.

»Still, still!« flüsterte ich. »Man kann mehr als einen Vetter haben, und einer gleicht nicht dem anderen. Dennoch braucht deshalb keiner dem anderen nachzustehen, Miß Cathy, man muß nur, falls sie unangenehm und bösartig sind, ihre Gesellschaft meiden.«

»Nein, nein! Er ist niemals mein Vetter, Ellen!« schluchzte sie von neuem und stürzte sich, Rettung suchend, in meine Arme.

Ich war sehr ärgerlich über die Enthüllungen, die beide, sie und die Magd, einander gemacht hatten; denn ich zweifelte nicht, daß des kleinen Lintons bevorstehende Ankunft nun unfehlbar Heathcliff zu Ohren kommen werde, und wußte andererseits, daß Catherines erste Frage beim Anblick ihres Vaters sich auf Hareton beziehen werde.

Dieser, der sich von seinem Zorn, für einen Dienstboten gehalten zu werden, erholt hatte, schien von ihrem Kummer gerührt. Er holte das Pony und brachte dann aus dem Hundestall einen winzigen kleinen Terrier herbei, den er zum Trost in ihre Arme legte. Sie hielt mit Weinen inne, betrachtete ihn mit einem Blick voll Abscheu und Entsetzen und brach in neue Tränen aus.

Ich konnte mich eines Lächelns über ihre Antipathie gegen den armen Jungen nicht erwehren. Er war ein wohlgewachsener kräftiger Jüngling, stark und gesund und mit einem hübschen Gesicht; doch seine Kleidung war abgerissen und schmutzig, da er tägliche harte Arbeit verrichten mußte und selbst seine freie Zeit nicht besser auszunutzen wußte, als in Moor und Heide den Kaninchen und anderem Getier nachzuspüren. Dennoch glaubte ich aus seinen Zügen auf eine bessere, stärkere Seele schließen zu können, als sein Vater sie je besaß. Mr. Heathcliff schien ihn körperlich nicht mißhandelt zu haben, wahrscheinlich weil des Knaben furchtloser Charakter nicht dazu herausforderte. Er hatte nicht jene Eigenschaften, die Heathcliff zum Äußersten reizen konnten, nämlich Scheu und Argwohn, und so hatte er dem Knaben nichts schlimmeres anzutun gewußt, als ihn zum Dummkopf zu machen. Man hatte ihn weder lesen noch schreiben gelehrt, ihm keine Rüpelhaftigkeit untersagt, keine Tugenden gezeigt und ihn nicht einen Schritt vor dem Laster behütet. Und auch Josef hatte wohl viel zu seiner Vernachlässigung beigetragen, indem er schon das Kind – weil es das Haupt der alten Familie war – verhätschelte und seinem Eigensinn schmeichelte. So wie der Alte seinerzeit Catherine Earnshaw und Heathcliff bei Hindley schlecht machte und ihrem schlimmen Wesen die Schuld für des letzteren Trunksucht beimaß, so legte er jetzt die ganze Last für Haretons Fehler auf die Schultern Heathcliffs, des Usurpators. Er ließ den Jungen fluchen, soviel er wollte, und untersagte ihm keine Roheit. Es war für Josef ersichtlich eine Befriedigung, zu sehen, wie es mit ihm abwärts ging. Er hatte durchaus nichts dagegen, daß er beiseite gedrängt und ins Elend gestürzt wurde, und daß seine Seele ins ewige Verderben sank, denn, so sagte er sich: Heathcliff wird dafür zur Rechenschaft gezogen! Auf seine Hände komme Haretons Blut. Und in diesem Gedanken lag ein großer Trost. Josef hatte in dem Knaben einen tiefen Stolz geweckt auf seinen alten Namen. Er hätte, wenn er nur den Mut gefunden hätte, zwischen ihm und dem jetzigen Besitzer von Sturmheid gern wütenden Haß gesät. Aber seine abergläubische Furcht vor diesem Manne war grenzenlos und hielt ihn in Bann. Er wagte seinem Empfinden nur in geheimen Drohungen Luft zu machen.

Ich will nicht behaupten, über das Leben damals auf Sturmheid genau unterrichtet zu sein. Ich spreche nur vom Hörensagen, denn selber etwas zu sehen hatte ich wenig Gelegenheit. Die Dörfler versicherten, Heathcliff sei sehr genau in Geldsachen und ein harter Gutsherr gegen seine Pächter. Doch das Haus selbst hatte unter weiblicher Leitung seine frühere Behaglichkeit wiedergewonnen, und Schwelgereien, wie sie zu Hindleys Zeiten üblich waren, kamen nicht mehr vor. Der Herr war zu mürrisch, um irgendwelchen Anschluß – sei er gut oder böse – zu suchen, und so ist er noch heute.

Jedoch, ich komme in meiner Erzählung schlecht voran. Miß Cathy wies den kleinen Friedensanwalt, den Terrier, zurück und verlangte nach ihren eigenen Hunden Charlie und Phönix. Sie kamen hinkend und ließen die Köpfe hängen; und wir machten uns auf den Heimweg, alle beide höchst unruhig und bedrückt.

Ich konnte aus meinem kleinen Fräulein nicht herausbringen, wie sie den Tag verbracht hatte, nur soviel, daß, wie ich schon angenommen hatte, das Ziel ihrer Wanderung Penistone Crags war. Und sie war ohne Unfall oder Abenteuer beim Tor von Sturmheid angekommen, als zufällig Hareton, gefolgt von ein paar Hunden, heraustrat. Die Tiere fielen Catherines Gefolge an, und es gab eine tüchtige Schlacht, ehe es ihren Herren gelang, sie auseinanderzubringen. Das gab eine Anknüpfung. Catherine berichtete Hareton, wer sie sei und wohin sie reise, und bat ihn, ihr den Weg zu zeigen und sie zu begleiten. Er erzählte von den Geheimnissen der Feenhöhle und vielen anderen sonderbaren Plätzen. Doch da ich in Ungnade war, wurde mir keine Beschreibung der interessanten Dinge, die sie sah, zu teil. Immerhin konnte ich dem Bericht entnehmen, daß ihr Führer bei ihr in Gunst gestanden hatte, bis sie dadurch, daß sie ihn für einen Dienstboten hielt, sein Gefühl verletzte und Heathcliffs Haushälterin Catherines Stolz beleidigte, indem sie Hareton als ihren Vetter bezeichnete. Dann hatte seine dreiste Sprache ihr Herz erbittert. Sie, für die alle Welt auf Drosselkreuz nur Namen wie »Liebling«, »Herzchen«, »Prinzeßchen« und »Engel« hatte, wurde von einem Fremden so unerhört beleidigt. Sie konnte das nicht begreifen, und ich hatte harte Arbeit, von ihr das Versprechen zu erhalten, daß sie diesen Kummer nicht ihrem Vater berichte. Ich erklärte ihr, wie er einen Widerwillen gegen alle Bewohner von Sturmheid habe, und wie sehr es ihn betrüben würde, zu erfahren, daß sie dort gewesen sei. Besonders aber betonte ich die Tatsache, daß, wenn sie ihm meine Mißachtung seiner strengen Anordnung entdecke, er vielleicht so zornig werden könne, mich aus seinen Diensten zu entlassen. Und diese Aussicht konnte Catherine nicht ertragen; sie gab mir ihr Wort, zu schweigen, und sie hielt es. Sie war eben – trotz allem – ein herziges kleines Ding.

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