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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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Vorwort

Ellis Bells künstlerische Persönlichkeit ist eng mit ihrer Heimaterde – mit dem Rahmen, den das Leben ihrer Jugend gab – verknüpft und mit den Ereignissen, die diese Jugend füllten – und ihr Leben war kaum mehr als eine Jugend. Ich will daher von ihrer Jugend sprechen, damit man ihr Dichten verstehen lerne.

Ellis Bell – oder sagen wir besser Emily Bronte, denn dies war des Mädchens wahrer Name, wurde 1817 oder 1818 als Tochter eines Geistlichen, des Reverend Patrick Bronte, in Thornton bei Bradford (Nord-England) geboren. Als sie etwa im dritten Lebensjahre stand, siedelte ihr Vater nach Haworth über, und kurze Zeit danach starb ihre Mutter. Die sechs Kinder – fünf Mädchen und ein Knabe – waren nun ganz sich selbst überlassen – in dem einsamen Pfarrhaus zur Seite des Kirchhofs, hinter dem sich kahl, in endlosen Hügelwellen, die stumme Heide breitete. Der kränkliche Pfarrer war reizbar und grüblerisch und exzentrisch in Denken und Tun. Auch die Dienerschaft war alt: bizarre, grobe, mürrische Menschen; sie schienen wie eine Personifikation der sie umgebenden Natur: seltsam, kraftvoll und schweigend. Die Kinder hatten nur einander, keins hatte einen gleichaltrigen Gefährten, und die kleinen Seelen, die nach Freude, nach Ereignis suchten, schufen sich eine ideale Welt. Ihre unerzogene Phantasie, aus dem Blute des Vaters geboren, vom Wesen der Heimaterde genährt, erbaute diese Welt in bunter Schaurigkeit und bevölkerte sie mit grimmen Gestalten, gierigen Unholden.

Das begabteste der Kinder Charlotte (nachmalige Verfasserin des bekannten Romans »Jane Eyre, die Waise von Lowood«), war Führerin bei diesem Spiel. Mit dreizehn Jahren verstand sie es meisterhaft, wunderliche Geschichten zu ersinnen; die anderen lauschten und taten es ihr nach. Sie glaubten an diese ihre sonderbare Welt, sie wurde ihnen wirklich – und blieb ihnen wirklich. Die zwei Meisterromane »Jane Eyre« (Currer Bell) und »Wuthering Heights« (Ellis Bell) tragen beide an dieser Last des Ungewöhnlichen und Grausigen.

Dies Gedankenspinnen, Bildermalen, in das die Kinder ihre ganze Energie legten, das ihnen lieber und naturgemäßer war als Tanz und lauter Jubel, gab ihnen allen etwas gemeinsames. Ihre Seelen glichen einander, wie später ihre Schicksale einander glichen. War es, weil sie alle den Keim desselben Leidens in sich trugen – eines Leidens, dem so viele auserlesene Menschen zum Opfer fallen, daß man fragen möchte: ist nicht dies körperliche Siechtum vielleicht für eine gewisse Erhabenheit des Geistes, für ein besonders subtiles Fühlen, extatisches Glühen, die Vorbedingung?

Das Leben griff ein in die enge Gemeinsamkeit der Geschwister – und bald darauf der Tod. Die beiden ältesten Mädchen, Elisabeth und Mary, wurden aus dem Hause getan, in eine Pension. Die Schwindsucht raffte beide im folgenden Jahr dahin. Charlotte und Emily, die den älteren Schwestern ins Institut gefolgt waren, wurden nun wieder nach haus gerufen. Und von neuem lebten die Mädchen ihren Träumen, zu denen sich mit den Jahren ein starker Wissensdrang gesellte. Wie unheimlich und fremd diesen Heidekindern übrigens das Institutsleben, der Zwang, erschienen ist, beweist »Die Waise von Lowood«, in der Charlotte ihre Eindrücke aus jener Zeit wiedergibt. 1842 zogen Charlotte und Emily nach Brüssel, um die französische Sprache zu erlernen. Nach zwei Jahren kehrten sie wieder heim. Sie fanden hier neues Elend. Der Bruder, Patrik, hatte sich dem Trunk ergeben. Und vier Jahre lang mußten die Mädchen täglich mit ansehen, wie ein reiches Leben gegen sich selber wütete, wie der begabte Bruder in Schmutz und Schwäche unterging.

In diesen Jahren des Schmerzes schlossen die drei Schwestern – Anne, die jüngste, war im Hause geblieben – sich eng aneinander. Jede entdeckte nun das schöne Talent der anderen, sie lasen einander vor, was sie im stillen geschrieben hatten und beschlossen, gemeinsam einen Band Verse zu veröffentlichen, ihre Autorschaft jedoch zunächst unter den Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell zu verbergen. Sie führten diese Absicht aus. Das Buch wurde aber wenig beachtet. Dieser Mißerfolg gab den Schwestern nur neuen Ehrgeiz. Jede von ihnen machte sich an eine Prosaarbeit: Emily (jetzt also Ellis Bell) schrieb »Wuthering Heights«, Acton den Roman »Agnes Grey« und Currer verfaßte eine Novelle »The Professor«, für die sie aber zunächst keinen Verleger fand. Sie ließ sich nicht entmutigen und schrieb nun eine längere Erzählung: »Jane Eyre, die Waise von Lowood«, die sofort akzeptiert und gedruckt wurde und ihren Siegeszug durch die Welt antrat, ehe noch die Romane der beiden Schwestern veröffentlicht waren. Als diese dann nachfolgten, konnten sie neben der »Jane Eyre« nicht mehr bestehen; man hielt beide Arbeiten für Jugendwerke Currer Bells, und meinte, der Autor scheue sich, sie mit seinem wahren Namen zu zeichnen. Diesen Irrtum berichtete Currer in einer »biographical notice«, die sie einem im Herbst 1850 erschienenen Neudruck der »Wuthering Heights« voransetzte. Ellis sollte diese Neu-Herausgabe ihres einzigen Romans nicht mehr erleben: sie starb am 19. Dezember 1848 an dem Familienübel der Brontës, der Schwindsucht. Die jüngere Schwester, Anne, folgte ihr im Frühjahr 1849. So blieb es die Aufgabe Charlottes, der einzigen Überlebenden, den Irrtum zu klären und den Schwestern zu ihrem Recht zu verhelfen. Sie tat das mit liebevollem Herzen und schrieb auch ein Vorwort zu den »Wuthering Heights«, in dem sie diesen Roman wohl hoch einschätzt, aber nicht in vollem Umfange zu würdigen weiß. Wer wußte das damals überhaupt? Das prächtige Werk, diese grandiose Mischung von Romantik und Naturalismus, kam damals viel zu früh. Man war nicht reif für die Wahrheiten dieses Buches – und nannte sie daher Unwahrheiten, das Buch selbst »eine literarische Kuriosität«. Man anerkannte die naturechte Schilderung der wilden Landschaften Nord-Englands, aber die Menschen, die Ellis Bell in diese Landschaft setzte, nannte man »phantastische Riesengeschöpfe, düster und teuflisch in ihrer übertriebenen Bosheit«.

So schrieb man noch in den siebziger Jahren. Doch welch eine Wandlung im Geiste von damals zu heute! Wir von heute wissen, es ist ein Buch voll lebendiger Wahrheiten! Die »dämonische« Gestalt eines Heathcliff ist keineswegs unnatürlich. Es gibt und gab wohl stets Menschen von solch suggestiver Gewalt wie dieser Heathcliff, von so geheimnisvollem Lebenswandel und so immenser Willenskraft. Und es gibt Menschen, die zehnmal weiter gehen in ihrer Lust am Bösen, als dieser Mann, dessen leiderschütterte Seele ihn zwang, mit Energie und Bosheit ein ganzes Geschlecht zu vernichten. Und die anderen Gestalten dieses Romans sind so blutecht, teilweise so »typisch«, daß über sie nichts gesagt zu werden braucht. Sie alle sind Menschen, wie sie in der düsteren Natur Nord-Englands notwendig erwachsen mußten. Es sind Menschen ihrer Heimaterde, die Ellis Bell da schildert, und jener Heathcliff, der die anderen so düster überragt, – er ist die gestaltgewordene Tücke des unheimlichen Heidemoors, das riesenhaft und stumm und finster seiner Opfer lauert.

Zum Schluß ihres Vorworts findet Charlotte schöne, charakteristische Worte für das so feine Werk der Schwester, das von uns Heutigen weit über »Die Waise von Lowood« gestellt werden muß. Und diese schönen Worte mögen auch hier den Schluß bilden:

»Wuthering Heights« erwuchs in wilder, unwirtlicher Werkstatt – auf Heimatboden. Der Bildner fand auf einsamem Moorland einen mächtigen Granitfelsen. Er betrachtete ihn und sah, daß man aus diesem Felsen ein wildes, dunkles, finsteres Haupt herausentwickeln könne, eine Gestalt, die jedenfalls ein Großes haben werde – Macht! Er schuf mit grobem Meißel und nach keinem anderen Modell als seinen Traumvisionen. Mit Zeit und Fleiß bekam der Felsen Menschenähnlichkeit; und da steht er nun: ragend, dunkel und drohend – halb Fels, halb Menschenbild: dies dämonisch-schrecklich, jener reizvoll schön, denn seine Farbe ist von sanftem Grau, und weiches Heidemoos bekleidet ihn, und Heidekraut mit rosigen Glöckchen und balsamischen Düften blüht vertrauensvoll zu Füßen dieses Riesen.

Gisela Etzel

Der Sturmheidhof

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