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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XV.

Wieder eine Woche vergangen, die mich dem Frühling und der Gesundheit näher brachte. Ich habe nun in mehreren Sitzungen die ganze Geschichte meines Nachbarn erfahren. Ich werde den Bericht mit den eigenen Worten der Haushälterin, nur hie und da ein wenig gekürzt, wiedergeben. Sie erzählt recht gut, und ich würde ihren Stil kaum viel verbessern können.

Am Abend, sagte sie, dem Abend nach meinem Besuch auf Sturmheid, wußte ich so sicher als hätte ich ihn gesehen – daß Heathcliff in der Nähe sei. Und ich scheute mich hinauszugehen, weil ich seinen Brief noch in der Tasche trug. Ich hatte mir vorgenommen, ihn erst dann abzugeben, wenn mein Herr vom Hause abwesend sein würde, denn ich konnte ja nicht wissen, wie er auf Catherines Zustand wirken würde. Die Folge war, daß er erst nach Verlauf von drei Tagen in ihre Hände kam.

Der vierte Tag also war ein Sonntag, und ich ging zu Catherine hinauf, nachdem die anderen zum Kirchgang das Haus verlassen hatten. Nur ein Diener war zurückgeblieben. Wir pflegten während der Kirchzeit die Haustür verschlossen zu halten, doch diesmal war das Wetter so warm und sonnig, daß ich die Türflügel weit öffnete. Und um meinem Versprechen nachzukommen – denn ich wußte, wen dies Zeichen herbeilocken würde – sagte ich meinem Dienstgenossen, die Herrin verlange sehr nach ein paar Orangen, und er müsse ins Dorf laufen und welche holen; bezahlen würden wir sie am nächsten Tage. Er machte sich auf den Weg, und ich stieg hinauf.

Mrs. Linton saß in einem losen weißen Gewand, einen weißen Shawl um die Schultern, in der Nische des offenen Fensters, so wie immer. Ihr dickes langes Haar hatte man zu Beginn ihrer langwierigen Krankheit kurz abgeschnitten. Jetzt trug sie es schlicht aus der Stirn gekämmt, und es fiel in feinen natürlichen Locken über Schläfen und Nacken. Ihr Äußeres hatte sich – wie ich schon Heathcliff gesagt hatte – sehr verändert, aber wenn ihre Seele ruhig war, trug ihr Antlitz einen überirdischen Glanz. Die früher so flammenden Augen kannten jetzt nur Trauer und Sanftmut und beachteten kaum die Dinge der nahen Umgebung. Sie blickten weit darüberhin – hinüber in eine andere Welt. Die blasse Farbe ihres Gesichtes und der besondere Ausdruck, den ihr Geisteszustand ihm verlieh, steigerten das mitfühlende Interesse, das sie erweckte, zeichneten sie aber auch als eine dem Tode Verfallene.

Vor ihr auf dem Fensterbrett lag ein Buch, und der sanfte Wind spielte mit seinen Blättern. Linton hatte es vermutlich dahingelegt. Catherine versuchte nie, sich mit Lesen zu beschäftigen noch sonst irgend eine Zerstreuung vorzunehmen, und Edgar brachte manche Stunde mit der Bemühung hin, ihre Aufmerksamkeit für irgend einen Gegenstand zu erwecken, der sie früher sehr interessiert hatte. Wenn sie gelassener Stimmung war, ertrug sie seine Anstrengungen, deren Absicht ihr bewußt schien, geduldig, doch zeigte sie deren Nutzlosigkeit durch müdes Seufzen und machte ihn bald mit traurigen Küssen still. Zu anderen Zeiten wandte sie sich heftig ab und schlug die Hände vors Gesicht oder schob ihn ärgerlich fort. Dann ließ er sie allein, denn er wußte, daß ihr seine Gegenwart dann eine Last war.

Die Glocken der Gimmerton-Kapelle läuteten noch, und der volle melodische Sang des Baches klang aus dem Tal herauf. Seine Musik bot einen lieblichen Ersatz für das noch ferne Rauschen des Sommerlaubes, das hier im Park so stark war, daß es das Lied des Baches übertönte. In Sturmheid aber hörte man das Wassermurmeln stets, besonders laut nach anhaltendem Tauwetter oder einem tüchtigen Landregen. Und an Sturmheid dachte Catherine, während sie saß und lauschte; das fühlte ich.

»Da ist ein Brief für Sie, Mrs. Linton«, sagte ich, ihn vorsichtig in ihre Hand schiebend. »Sie müssen ihn sogleich lesen, denn er bedingt eine Antwort. Soll ich ihn öffnen?«

»Ja« sagte sie, ohne hinzublicken.

Ich öffnete ihn – er war sehr kurz.

»So«, fuhr ich fort. »Jetzt lesen Sie ihn.«

Sie hob die Hand und ließ ihn fallen. Ich legte ihn auf ihren Schoß zurück und stand abwartend. Da sie sich aber nicht rührte, fragte ich schließlich: »Soll ich ihn vorlesen, Mrs. Linton? Er ist von Mr. Heathcliff.«

Sie schrak zusammen, sah mich verstört an und versuchte ersichtlich, ihre Gedanken zu ordnen. Sie nahm den Brief und blickte ernsthaft hinein. Sie schien zu lesen. Als sie zur Unterschrift kam, seufzte sie. Dennoch entdeckte ich, daß sie den Inhalt nicht begriffen hatte, denn als ich ihre Antwort hören wollte, zeigte sie nur auf den Namen und sah mich traurig und begierig an.

»Er wünscht Sie zu sehen«, sagte ich. »Er ist jetzt im Garten und wartet, welche Antwort ich ihm bringe.«

Während ich noch sprach, sah ich durchs geöffnete Fenster, daß einer der großen Hunde, der drunten im sonnigen Grase lag, die Ohren spitzte, als wolle er bellen. Doch die Ohren legten sich wieder zurück, und der Hund gab durch Schwanzwedeln zu erkennen, daß jemand komme, den er nicht als Fremden betrachte. Mrs. Linton beugte sich vor und lauschte atemlos. Einen Augenblick später erklangen im Hausflur Schritte. Die offene Tür war für Heathcliff eine zu große Versuchung gewesen – er hatte nicht widerstehen können.

Mit steigender Erwartung spähte Catherine zur Tür ihres Zimmers. Er fand sich nicht gleich zurecht, da gab sie mir ein Zeichen, ihm den Weg zu weisen. Doch ehe ich das Zimmer durchquert hatte, öffnete er die Tür. Mit zwei Schritten war er an ihrer Seite und nahm sie wild in die Arme.

Er sagte lange Zeit kein Wort, hielt sie nur innig fest und überschüttete sie mit Küssen, von denen er in diesem Augenblick wohl mehr verschenkte als in seinem ganzen bisherigen Leben zusammengenommen. Aber meine Herrin hatte ihn zuerst geküßt, und ich sah deutlich, daß er sich wehrte, sie anzublicken, denn er vermochte nicht, seine große Pein zu verbergen. Dieselbe Überzeugung, die uns alle gebannt hielt, hatte bei ihrem Anblick auch ihn erfaßt: hier gab es keine Hoffnung mehr, hier grüßte schon mit bleichem Lächeln der Tod.

»O Cathy! O mein Leben! Wie soll ich es tragen?« war das erste, was er sagte, in einem Ton, der seine Verzweiflung nicht zu verbergen suchte. Und dann sank sein Blick in ihre Augen – mit so inniger Ausdauer, daß ich vermeinte, er müsse in Tränen schmelzen; aber sein Auge blieb trocken, brennend in Angst.

Catherine lehnte sich in ihren Stuhl zurück und runzelte die Stirn. Ihre Stimmung schwenkte so häufig um wie eine Wetterfahne.

»Du und Edgar«, sagte sie, »habt mein Herz gebrochen, Heathcliff! Und da kommt ihr nun beide zu mir und klagt und wollt mein Mitleid, das ich euch nicht geben kann! Du hast mir Tod gegeben – und aus dieser Tat anscheinend Lebenskraft getrunken. Wie stark du bist, wie hoch und trotzig! Wieviele Jahre gedenkst du noch zu leben, wenn ich gegangen bin?«

Heathcliff war vor ihr hingekniet und hielt sie umfaßt. Er wollte sich erheben – doch sie packte wild sein Haar und hielt ihn nieder.

»Ich wollte«, fuhr sie bitter fort, »ich könnte dich halten, bis wir beide tot wären; und wenn du littest daran, so sollte es mich nicht kümmern. Ich frage nicht nach deinen Kümmernissen. Warum solltest du nicht leiden, da ich auch leide?! Wirst du mich wohl vergessen? Wirst du glücklich sein, wenn ich in der Erde bin? Wirst du vielleicht in zwanzig Jahren sagen: Dies ist das Grab von Catherine Earnshaw. Ich liebte sie einmal und war unglücklich, sie zu verlieren. Das ist vorbei. Ich habe viele andere geliebt seitdem. Meine Kinder sind meinem Herzen näher als sie es war, und im Sterben werde ich darüber, daß ich zu ihr gehe, keine Freude haben; ich werde traurig sein, die Kinder verlassen zu müssen. Wirst du so sagen, Heathcliff?«

»Willst du mich solange foltern, bis ich so wahnsinnig bin wie du?« schrie er zähneknirschend und schüttelte ihre Hände gewaltsam ab.

Die beiden boten ein seltsames, beängstigendes Bild. Ich begriff jetzt Catherines Worte, die sie mir vor Jahren einmal gesagt, daß der Himmel ihr keine Heimat sein könne. Ihr Gesicht mit den wachsbleichen Wangen trug jetzt den Ausdruck wilder Rachsucht, ihre Lippen waren blutleer, und ihre Augen sprühten, und in den gekrampften Fingern hielt sie einen Haufen von Heathcliffs dunklem Haar, den sie ihm ausgerissen hatte. Er hatte sich aufgerichtet und faßte ihren Arm. Gewiß war der Druck seiner Finger nur zart gewesen, dennoch sah ich, als er die Hand zurückzog, in der farblosen Haut ihres Armes vier tiefe bläuliche Abdrücke.

»Bist du denn des Teufels«, fuhr er roh fort, »in solcher Weise mit mir zu sprechen, wenn du am Sterben bist? Bedenkst du denn, daß alle diese Worte eingegraben sind in meinem Gedächtnis, und wenn du von mir gegangen bist, sich tiefer und tiefer einfressen – für immer lastend? Du weißt, daß du lügst, wenn du sagst, ich hätte dich getötet, und du weißt, Catherine, daß ich dich ebensowenig vergessen kann, wie ich vergessen könnte, daß ich lebe. Ist es deiner höllischen Selbstsucht nicht genug zu wissen, daß während du in Frieden ruhst, ich brennen werde in allen Martern der Hölle?!«

»Ich werde nicht in Frieden ruhn«, flüsterte Catherine. Eine große Schwäche überfiel sie, ihre Brust bebte unter den heftigen Schlägen ihres Herzens, die man zu sehen und zu hören meinte. Der Anfall ging vorüber, und sie sprach gütiger weiter:

»Ich wünsche für dich nicht schlimmere Martern als ich leide, Heathcliff. Ich habe nur den einen Wunsch, niemals von dir getrennt zu sein! Und sollte eins meiner Worte dich doch peinigen, so denke daran, daß ich tief drunten in ärgerer Pein mich machtlos winde und – vergib mir. Komm her, knie wieder hin! Du tatest mir nie in deinem Leben Böses, und dein Zorn wäre mir sicherlich schwerer zu tragen, als dir meine harten Worte. Willst du nicht kommen? O bitte!«

Heathcliff lehnte sich von hinten über ihren Stuhl, doch nicht so weit, daß sie sein Gesicht sehen konnte, das aschfahl war vor Bewegung. Sie hob den Kopf und suchte seine Augen, da wandte er sich brüsk ab und schritt zum Kamin, wo er schweigend stehen blieb, den Rücken uns zugekehrt.

Mrs. Lintons Blick folgte ihm angstvoll. Jeder Moment weckte in ihr ein neues Empfinden. Nach einem langen Blick auf ihn drehte sie sich zu mir um und sagte im Tonfall tiefster Verstimmung:

»O Nelly, du siehst es, er kennt keine Nachgiebigkeit, nicht einmal jetzt, wo seine Güte mich von der Schwelle des Todes zurückrufen könnte. So ist seine Liebe! – Das ist nicht mein Heathcliff. Den meinen liebe ich, und ihn werde ich mit mir nehmen! Er ist in meiner Seele. Nur eins beschwert mich noch: daß meine Seele noch nicht frei ist, daß sie noch so gebunden ist an ihr verwüstetes Gefängnis. Ach wäre ich schon in jene ferne, strahlende Welt entflohen und gehörte ihr für ewig an, statt daß ich mich aus gebrochenem Herzen noch nach ihr sehnen muß, deren Pracht ich nur durch Tränen sehen kann. Ach Nelly, du denkst wohl, du seiest ein besserer Mensch als ich – und glücklicher, weil du bei voller Gesundheit bist; du hast Mitleid mit mir. Das wird bald anders sein. Ich werde mit euch Mitleid haben. Ich werde unermeßlich weit von euch – hoch erhaben über euch sein. – – Es sollte mich wundern, wenn er nicht mit mir ginge!« sprach sie wie zu sich selbst weiter. »Ich dachte, er würde es so wollen. – Heathcliff, lieber Heathcliff! Du solltest jetzt nicht trotzig sein. Komm, komm zu mir, Heathcliff!«

In ihrem Eifer erhob sie sich und stützte sich auf die Armlehne ihres Sessels. Auf diesen ernst-innigen Anruf hin wandte er sich zu ihr. Er schien geradezu vernichtet. Seine weit offenen nassen Augen leuchteten dunkel hinüber in die ihren; seine Brust hob und senkte sich wild. Einen Augenblick standen sie so – und dann hielten sie sich in einer Umarmung, die, wie ich meinte, den schwachen Lebensatem meiner Herrin ersticken mußte. Ich sah nicht mehr zwei Menschen, sondern nur das Hell und Dunkel ihrer Kleidung zusammenschmelzen. Sie sanken in einen Lehnstuhl, und ich trat eilig näher, weil ich fürchtete, Catherine sei leblos. Da fletschte er die Zähne gegen mich und schäumte wie ein toller Hund und preßte sie mit gieriger Eifersucht fester an sich. Ich sah, er hätte jetzt keine menschliche Sprache verstanden; so trat ich still beiseite und hielt in großer Ratlosigkeit den Mund.

Eine Bewegung Catherines befreite mich ein wenig. Sie hob den Arm, um ihn um seinen Hals zu legen und ihre Wange an seine zu pressen. Und er küßte sie mit trunkener, verlorener Gier. Dann, nach einer Weile, sagte er:

»Jetzt lehrst du mich, wie grausam du gewesen bist – grausam und falsch! Warum verwarfst du mich?

Warum betrogst du dein eigenes Herz, Cathy? Ich habe kein Wort des Trostes für dich. Du hast dir dein Schicksal selbst geschmiedet – du hast dich selbst getötet! Und unsere Tränen und Küsse jetzt – sie richten dich, sie vernichten, verdammen dich! Du liebtest mich, mich – welches Recht hattest du dann, mich zu verlassen? Welches Recht, antworte mir! Um des armseligen Traumes willen, den du Linton gabst? Weil Elend und Erniedrigung und Tod und alles, was Gott und Teufel verhängen konnten, uns nicht zu trennen vermochten, so tatest du, du selbst, es aus eigenem freien Willen! Nicht ich habe dein Herz gebrochen – du tatest es – und brachst dabei auch das meine. Um so schlimmer für mich, daß ich gesund und stark bin! Mag ich denn leben? Was für ein Leben wird das sein, wenn du – o Gott, würdest du noch leben wollen, wenn deine Seele tot wäre?«

»Sei still, sei still!« schluchzte Catherine. »Wenn ich unrecht getan habe, so sterbe ich nun dafür. Auch du hast schlimm gehandelt; du bist davongelaufen, fort von mir! Ich habe es dir verziehen! Du mußt auch mir vergeben!«

»Es ist schwer, zu vergeben«, antwortete er, »wenn man in diese zerstörten Augen sieht und diese zerbrechlichen Hände fühlt. Küsse mich, und laß mich nicht deine Augen sehn. Ich vergebe dir, was du mir angetan hast, denn meinen Mörder kann ich lieben – aber deinen – wie könnte ich das?«

Sie schwiegen; Kopf lag an Kopf. Sie weinten beide.

Inzwischen wuchs mein Unbehagen, denn der Nachmittag neigte sich seinem Ende zu. Der Mann, den ich fortgeschickt hatte, kehrte zurück, und ich konnte beim Schein der das Tal füllenden Abendsonne aus dem Portal der Gimmerton-Kapelle eine dunkle Masse – die Kirchgänger – herausquellen sehen.

»Der Gottesdienst ist vorüber«, verkündete ich. »Der Herr wird in einer halben Stunde hier sein.«

Heathcliff murmelte eine Verwünschung und zog Catherine näher an sich. Sie rührte sich nicht.

Nicht lange darauf kam die Dienerschaft den Gartenpfad herauf und wandte sich den Wirtschaftsgebäuden zu. Mr. Linton war nicht weit hinter ihnen. Er öffnete sich selbst das Gartentor und schlenderte langsam näher; er ergötzte sich wohl an dem lieblichen Nachmittag, der so sanft atmete, als sei es Sommer.

»Jetzt ist er hier!« rief ich. »Um Himmelswillen, eilen Sie hinunter! Auf der Vordertreppe werden Sie niemandem begegnen! Machen Sie schnell und halten Sie sich hinter den Bäumen, bis er glücklich im Haus ist.«

»Ich muß gehen, Cathy«, sagte Heathcliff und wollte sich erheben. »Aber ich werde dich wiedersehen, ehe du schlafen gehst! Ich werde mich keine zehn Schritt von deinem Fenster entfernen.«

»Du mußt nicht gehen«, antwortete sie, ihn so festhaltend, als ihre Kräfte es erlaubten. »Du sollst nicht gehen, sage ich dir!«

»Für eine Stunde nur«, bat er eindringlich.

»Nicht für eine Minute!« erwiderte sie.

»Ich muß! Linton wird sofort hier oben sein«, sagte er besorgt.

Er wollte ihre Finger, die seinen Arm umklammert hielten, gewaltsam lösen. Sie gab nicht nach. Sie atmete hastig; aus ihrem Gesicht sprach eine wahnsinnige Entschlossenheit.

»Nein!« schrie sie auf. »O geh nicht, geh nicht! Es ist das letzte Mal. Edgar wird uns nichts tun! Heathcliff, ich werde sterben! Ich werde sterben!«

»Verflucht, da ist er!« rief Heathcliff, in den Stuhl zurücksinkend. »Still, still, mein Lieb! Still, still, Catherine! Ich bleibe ja. Und wenn er mich jetzt niederschießen würde, so würde ich sterben mit einem Dank auf den Lippen.«

Und da lagen sie wieder fest aneinandergepreßt. Ich hörte meinen Herrn die Treppe heraufsteigen. Kalter Schweiß trat mir auf die Stirn.

»Wollen Sie denn den Wünschen einer Rasenden Gehör schenken?« sagte ich aufgebracht. »Sie weiß nicht, was sie sagt. Wollen Sie sich und uns ins Unglück stürzen, weil sie nicht Vernunft genug besitzt, sich selbst zu helfen? Stehen Sie auf! Sie könnten augenblicklich frei sein, wenn Sie ernstlich wollten! Dies ist die satanischste Tat, die Sie je getan haben. Wir sind alle ruiniert: der Herr, die Frau und ich!«

Ich brach fassungslos in Weinen aus. Mr. Linton hatte wohl meine angstvolle Stimme gehört – er beschleunigte seine Schritte. Inmitten meiner Aufregung bemerkte ich zu meiner großen Erleichterung, daß Catherines Arme herabgesunken waren und ihr Kopf kraftlos zur Seite hing. Sie ist ohnmächtig oder tot, dachte ich; um so besser. Es ist besser, daß sie stirbt, als daß sie noch länger ihrer Umgebung zu Last und Qual wird.

Edgar sprang auf seinen ungebetenen Gast los, bleich vor Erstaunen und Zorn. Was er zu tun beabsichtigte, weiß ich nicht, denn der andere schnitt ihm sofort alle Demonstrationen ab, indem er ihm die leblose Gestalt in die Anne legte.

»Hier!« sagte er. »Falls Sie kein Unmensch sind, so helfen Sie ihr zunächst – dann sollen Sie mit mir sprechen.«

Er trat ins Wohnzimmer und setzte sich. Mr. Linton rief mich herbei, und mit vieler Mühe und nachdem wir die verschiedensten Mittel angewendet hatten, gelang es endlich, Catherine ins Leben zurückzurufen. Aber sie war völlig verwirrt: sie seufzte und stöhnte und erkannte niemanden.

In seiner Angst um sie hatte Edgar ihren verhaßten Freund ganz vergessen. Ich jedoch nicht. Sobald sich die Gelegenheit bot, eilte ich ins Wohnzimmer und beschwor ihn fortzugehen, indem ich versicherte, daß es Catherine besser gehe, und daß er am Morgen von mir hören solle, wie sie die Nacht verbracht habe.

»Ich will mich nicht weigern, das Haus zu verlassen«, sagte er, »aber ich werde im Garten bleiben. Doch daß du dein Versprechen hältst, Nelly! Ich werde unter jenen Lärchen warten. Komm bestimmt, sonst werde ich hier einen zweiten Besuch abstatten, ob nun Linton da ist oder nicht.«

Er warf einen schnellen Blick durch die halboffene Tür ins Nebenzimmer, und da er sah, daß Catherine tatsächlich aus ihrer Ohnmacht erwacht war, befreite er das Haus von seiner unglückbringenden Gegenwart.

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