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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XIV.

Sobald ich diesen Brief gelesen hatte, ging ich zum Herrn und teilte ihm mit, daß seine Schwester auf Sturmheid angekommen sei und mir einen Brief gesandt habe. Sie spreche darin ihr Bedauern aus für Mrs. Lintons Zustand und ihren brennenden Wunsch, den Bruder zu sehen; auch habe sie die Bitte, daß er ihr so bald als möglich durch mich ein Zeichen seiner Versöhnung senden möge.

»Verzeihung?« sagte Linton. »Ich habe ihr nichts zu verzeihen, Ellen. Du darfst, wenn du magst, heut nachmittag nach Sturmheid gehen und sagen, daß ich nicht »böse« sei, sondern betrübt, sie verloren zu haben, besonders da ich mir nicht denken kann, daß sie je glücklich würde. Daß aber ich hingehe und sie besuche, ist ganz ausgeschlossen. Wir sind für immer geschieden. Und sollte sie mir wirklich einen Gefallen tun wollen, so möge sie den Lump, den sie geheiratet hat, veranlassen, von hier fortzuziehen.«

»Und Sie wollen ihr nicht ein paar Zeilen schreiben, Herr?« fragte ich bittend.

»Nein«, antwortete er. »Es ist zwecklos. Meine Beziehungen zu Heathcliffs Familie sollen so gering sein, wie seine zu der meinen; sie sollen überhaupt nicht bestehen.«

Mr. Edgars kalte Zurückweisung wirkte auf mich sehr niederdrückend. Während des ganzes Weges nach Sturmheid sann ich darüber nach, wie ich seinen Worten in meinem Bericht etwas herzliches geben, und wie seine Weigerung, Isabella ein paar tröstende Zeilen zu schicken, gemildert werden könne.

Isabella schien mich schon lange zu erwarten. Ich sah sie durchs Fenster spähen, als ich den Gartenweg hinaufging, und ich nickte ihr zu; aber sie wich zurück, als fürchte sie, gesehen zu werden. Ich trat ohne Anklopfen ein. O welch ein trübes ungemütliches Bild bot die früher so wohnliche Diele! Ich muß bekennen, daß ich an Stelle der jungen Dame wenigstens den Herd gesäubert und die Tische abgestaubt haben würde. Sie aber war schon angesteckt vom vergiftenden Geist der Verwahrlosung, der hier herrschte. Ihr hübsches Gesicht war welk und grau, ihr Haar nicht gelockt; einige Strähnen hingen lüderlich herab, andere waren nachlässig um den Kopf geschlungen. Anscheinend hatte sie seit dem vorhergehenden Abend keine Toilette gemacht.

Hindley war nicht da. Heathcliff saß, in seinem Notizbuch blätternd, am Tisch. Als ich eintrat erhob er sich aber, fragte ganz freundlich nach meinem Befinden und bot mir einen Stuhl an. Er, Heathcliff, war von Menschen und Gegenständen hier im Raum der einzige, der anständig und gepflegt aussah. So sehr hatten die Umstände beide verwandelt, daß er einem Fremden sicher als geborener Kavalier und sein Weib als eine Schlange erschienen sein würde.

Sie kam eilig herbei, mich zu begrüßen, und hielt die Hand auf, um den erwarteten Brief in Empfang zu nehmen. Ich schüttelte den Kopf. Sie verstand aber dies Zeichen nicht, sondern folgte mir zu einem Wandbrett, wo ich meinen Hut niederlegte, und flüsterte mir zu, ich solle ihr gleich den mitgebrachten Brief aushändigen.

Heathcliff erriet den Zweck ihrer Manöver und sagte: »Wenn du, wie es ohne Zweifel der Fall ist, irgend etwas für Isabella hast, Nelly, so gib es ihr. Du brauchst kein Geheimnis daraus zu machen; wir haben keine Geheimnisse voreinander.«

»O, ich habe nichts«, entgegnete ich, da ich es für das beste hielt, gleich die Wahrheit zu sagen. »Herr Linton sagte mir, seiner Schwester mitzuteilen, daß sie gegenwärtig weder einen Brief noch einen Besuch von ihm erwarten solle. Er sendet Grüße und gute Wünsche, gnädige Frau, und seine Verzeihung für den Kummer, den Sie ihm bereitet haben. Aber er meint, daß seit der Zeit zwischen seinem Haus und diesem Haus hier keine Beziehungen mehr beständen – und das solle auch fernerhin so bleiben.«

Mrs. Heathcliffs Lippen bebten leise, als sie zu ihrem Fensterplatz zurückkehrte Ihr Mann trat zu mir und begann Fragen betreffs Catherine zu stellen. Ich sagte ihm über ihre Krankheit so viel, als ich für angebracht hielt, doch er entlockte mir durch ein geschicktes Kreuzverhör fast alles, was mit dem Beginn derselben in Beziehung stand. Ich sagte, sie trage an allem selbst Schuld, und schloß mit der Hoffnung, daß Heathcliff Mr. Lintons Beispiel folgen und eine fernere Einmischung in seine Familie vermeiden werde.

»Mrs. Linton ist nun endlich auf dem Wege der Besserung«, sagte ich. »Sie wird nie wieder das sein, was sie war, aber ihr Leben ist gerettet Und wenn Sie wirklich etwas für sie fühlen, so werden Sie es vermeiden, ihren Weg nochmals zu kreuzen, ja, Sie werden ganz aus dieser Gegend fortziehen. Dieser Schritt braucht Ihnen nicht schwer zu fallen, denn ich muß Ihnen sagen, daß Catherine Linton sich ebenso sehr von Ihrer früheren Freundin Catherine Earnshaw unterscheidet, wie diese junge Dame hier sich von mir unterscheidet. Ihr Äußeres ist sehr verändert, ihr Charakter noch viel mehr. Und jener, dessen Leben an das ihre gebunden ist, wird seine Zuneigung nur mehr aus der Erinnerung an das, was sie einst war, schöpfen können; nicht Liebe kann ihn mehr fesseln – nur Menschenfreundlichkeit und Pflichtgefühl!«

»Das ist möglich«, bemerkte Heathcliff, indem er sich Mühe gab, ruhig zu erscheinen, »das ist schon möglich, daß dein Herr hier nichts weiter empfindet als Menschenfreundlichkeit und Pflichtgefühl. Doch bildest du dir ein, ich werde Catherine seinem ›Pflichtgefühl‹ und seiner ›Menschlichkeit‹ überlassen? Wie kannst, wie darfst du meine Gefühle für Catherine mit seinen vergleichen? Ehe du von hier fortgehst, muß ich dein Versprechen haben, daß du mir eine Unterredung mit ihr verschaffen wirst. Übrigens, ob du zustimmst oder nicht: ich will und werde sie sehen! Nun, was sagst du?«

»Ich sage, Mr. Heathcliff«, erwiderte ich, »Sie müssen das nicht tun! Ich gebe meine Hilfe nicht dazu her. Noch ein solches Zusammentreffen zwischen Ihnen und Mr. Linton – und Catherine würde sterben!«

»Wenn du mir beistehst, würde solch ein Zusammentreffen vermieden werden«, fuhr er fort. »Und sollte er ihr nochmals Kummer machen, sollte er nochmals Ursache auch nur einer einzigen Sorge für sie sein – nun, ich denke, dann bin ich berechtigt, das äußerste zu tun! Ich wollte, du könntest mir sagen, ob Catherine unter seinem Verlust sehr leiden würde. Nur Furcht für sie hält mich zurück, ihn aus der Welt zu schaffen. Und daran kannst du den Unterschied zwischen seinem und meinem Fühlen erkennen: wäre er an meiner und ich an seiner Stelle gewesen – ich würde keine Hand gegen ihn erhoben haben, obgleich ich ihn hasse, wie nur je ein Mensch hassen kann! Und ob du auch ungläubig dreinblickst: ich würde ihn nie von ihr verbannt haben, solange sie seine Gegenwart wünschte. Im Augenblick, da ihr Interesse für ihn endete, würde ich ihm das Herz ausgerissen, sein Blut getrunken haben! Aber bis dahin – wenn du mir nicht glaubst, so kennst du mich eben nicht – bis dahin würde ich lieber tausend Tode gestorben sein, als daß ich ihm auch nur ein einziges Haar gekrümmt hätte!«

»Und doch machen Sie sich kein Gewissen daraus«, fiel ich ein, »alle Hoffnung auf ihre gänzliche Wiederherstellung zu zerstören, indem Sie sich in ihr Gedächtnis eindrängen – jetzt, wo sie Sie beinahe vergessen hat – und sie in neue peinvolle Verwirrung stürzen wollen.«

»Du meinst, sie habe mich fast vergessen?« sagte er. »O Nelly! Du weißt, das hat sie nicht! Du weißt so gut wie ich, daß auf jeden Gedanken, den sie für Linton hat, tausend Gedanken kommen, die sie mir schenkt! Ich war ein Narr, auch nur einen Augenblick anzunehmen, daß ihr Edgar Lintons Neigung mehr wert sei, als die meine. Und liebte er auch mit aller Kraft seines kümmerlichen Seins, so könnte er doch in achtzig Jahren nicht soviel Liebe geben, als ich in einem Tag! Und Catherines Herz ist tief wie meines. Ebensowenig wie der Schweinetrog den Ozean fassen kann, ebensowenig kann Lintons Liebe ihr großes glühendes Herz erfassen. Pah! Er ist ihr kaum um einen Grad lieber als ihr Hund oder ihr Pferd! Es ist nicht in ihm, so geliebt zu werden wie ich. Wie kann sie in ihm etwas lieben, was er nicht hat?«

»Catherine und Edgar haben einander so lieb, wie zwei Menschen nur irgend können!« rief Isabella lebhaft dazwischen. »Niemand hat ein Recht, in dieser Weise von ihnen zu sprechen, und ich werde nicht dazu schweigen, daß mein Bruder verhöhnt wird.«

»Dein Bruder ist ja wohl auch in dich recht vernarrt?« bemerkte Heathcliff trocken. »Und doch schickte er dich gleichmütig in die Welt hinaus.«

»Er weiß nicht, was ich leide«, entgegnete sie. »Das habe ich ihm nicht mitgeteilt.«

»So hast du ihm also doch etwas mitgeteilt! Du hast ihm geschrieben, wie?«

»Ich schrieb ihm, daß ich geheiratet hätte – du hast den Zettel gesehen.«

»Und sonst nichts?«

»Nein.«

»Mein junges Fräulein sieht in ihrem neuen Stand recht elend aus«, bemerkte ich. »Ich glaube, man schenkt ihr zu wenig Liebe.«

»Sie schenkt sich selbst zu wenig Liebe«, sagte Heathcliff. »Sie wird liederlich und unsauber – eine rechte Schlampe! Sie ist es ungewöhnlich früh überdrüssig geworden, mir zu gefallen! Du wirst es kaum glauben, aber sogar an unserem Hochzeitstag weinte sie, weil sie nach Hause wollte. Immerhin – da sie nicht übertrieben sauber ist, wird sie um so besser in dies Haus passen, und ich werde dafür Sorge tragen, daß sie nicht ihre Undankbarkeit so weit treibt, mir davonzulaufen.«

»Nun, Herr«, entgegnete ich, »Sie müssen doch wohl zugeben, daß Mrs. Heathcliff gewohnt ist, daß man für sie sorgt und sie bedient. Sie müssen ihr ein Mädchen geben, das Ordnung hält in ihren Sachen, und Sie müssen sie gut behandeln. Wie Sie auch über Mr. Edgar denken mögen, so können Sie doch nicht leugnen, daß sie treue Zuneigung zu empfinden vermag, sonst hätte sie doch nicht den Wohlstand und die Behaglichkeit und die lieben Freunde ihres früheren Heims aufgegeben, um sich in solch einer Wildnis hier zufrieden zu fühlen.«

»Sie gab das auf, weil sie verblendet war«, antwortete er. »Sie sah in mir einen romantischen Helden und erwartete von meiner ritterlichen Ergebenheit zahllose Aufmerksamkeiten und Zärtlichkeiten. Ich kann sie kaum als vernunftbegabtes Wesen anerkennen, so verrannt war sie in ihre Idee. Sie dichtete mir die von ihr gewünschten Eigenschaften an und handelte unter dem falschen Eindruck, den sie sich von mir gemacht hatte. Jetzt endlich fängt sie an, mich zu kennen. Ich sehe nicht mehr das dumme Lächeln und die albernen Grimassen, die mich so ekeln, und endlich scheint sie nun zu begreifen, daß sie mir über alle Maßen widerwärtig ist. Ihr Scharfblick, mit dem sie endlich entdeckte, daß ich sie nicht liebe, ist bewunderungswürdig. Ich dachte schon, keine Erfahrung könne ihr das beibringen! Und doch hat sie es mühsam erlernt; denn heut morgen verkündete sie – und das war ein Zeichen unerhörter Intelligenz – daß ich es wirklich noch so weit bringen werde, daß sie mich hasse. Eine wahre Herkulesarbeit habe ich mit ihr, ich versichere dich! Ich werde froh sein, wenn sie vollbracht sein wird. Kann ich deiner Beteurung glauben, Isabella? Wirst du nicht, wenn ich dich einen halben Tag allein gelassen habe, seufzend und schmeichelnd wieder zu mir kriechen? Glaube mir, Nelly, daß ich dir hier die Wahrheit aufdecke, das hilft meinem Werk ein Stückchen voran – es verwundet ihre Eitelkeit empfindlich! Aber ihr sollt es erfahren, daß die Verliebtheit ganz auf einer Seite war; ich habe ihr nie so etwas ähnliches vorgelogen. Sie kann mich nicht beschuldigen, ihr auch nur ein klein wenig Zartsinn vorgetäuscht zu haben. Das erste, was ich tat, als wir Drosselkreuz damals verließen, war, daß ich ihren kleinen Hund aufknüpfte. Aber keine Brutalität widerte sie an. Ich vermute, sie hat eine angeborene Bewunderung dafür, solange nur ihre eigene werte Person verschont bleibt. Ich bitte dich, Nelly, war es nicht das denkbar Absurdeste, die wahre Idiotie, daß dies jammervolle, hündische, schwachsinnige Geschöpf träumte, ich könne sie lieben?! Sage deinem Herrn, Nelly, daß ich in meinem ganzen Leben keinem so niedrigen Wesen begegnet bin wie ihr. Selbst der Name Linton ist zu gut für sie. Sie hält alles aus, was ich ihr antue; jede Beleidigung, jede Folter! Sie erschöpft meine Erfindungsgabe – ich habe keine Qualen mehr für sie! Doch sage ihm auch, er möge sein brüderliches Herz beruhigen: ich halte mich streng in den Grenzen des Gesetzes. Ich habe bis jetzt nicht das geringste getan, das ihr ein Recht gäbe, die Trennung zu verlangen. Und was mehr ist, sie würde dem keinen Dank wissen, der uns trennen wollte. Sie kann gehen, wenn sie es wünscht; denn ihre Gegenwart ist mir so widerwärtig, daß es mir eine Wohltat wäre, wenn ich sie nicht mehr zu foltern brauchte!«

»Mr. Heathcliff«, sagte ich, »das ist die Sprache eines Tollhäuslers! Ihre Gattin ist jedenfalls überzeugt, daß Sie wahnsinnig sind, und aus diesem Grunde hat sie mit Ihnen Geduld gehabt. Doch wird sie jetzt zweifellos von der Erlaubnis zu gehen Gebrauch machen.«

»Hüte dich, Ellen!« antwortete Isabella mit zornfunkelnden Augen. »Du darfst nicht einem seiner Worte trauen. Er ist ein lügnerischer Satan! Ein Ungeheuer – kein Mensch! Es ist nicht das erstemal, daß er sagt, ich könne gehen. Ich habe auch schon den Versuch dazu gemacht, aber ich darf ihn nicht wiederholen. Nun versprich mir, Ellen, daß du nicht ein Wort seiner schamlosen Reden meinem Bruder oder Catherine berichten willst. Was er auch vorgeben mag – sein Wunsch ist nur der, Edgar zur Verzweiflung zu bringen. Er sagt, er habe mich geheiratet, um Macht über ihn zu gewinnen; und er soll seinen Zweck nicht erreichen – eher sterbe ich! Ich hoffe nur eins und bete darum: daß er seine teuflische Schlauheit vergißt und mich umbringt! Die einzige Freude, die mir noch werden kann, ist, entweder selbst zu sterben oder ihn tot zu sehen!«

»So – das dürfte vorläufig genug sein!« sagte Heathcliff. »Solltest du mal vor Gericht geladen werden, Nelly, so erinnere dich ihrer Worte. Sie ist bald so weit, wie ich sie haben will. Nein, Isabella, du bist jetzt nicht fähig, dein eigner Hüter zu sein, und ich, als dein rechtmäßiger Beschützer, muß dich in meiner Obhut behalten, so widerwärtig diese Pflicht auch ist. Geh hinauf! Ich habe mit Ellen Dean unter vier Augen zu sprechen. – Du gehst ja falsch; hinauf! sage ich dir! Zum Teufel, Kind, dies ist der Weg hinauf!«

Er packte sie und warf sie aus dem Zimmer und murmelte, als er zurückkam: »Ich habe kein Mitleid mit diesen Würmern! Je mehr sie sich krümmen, um so mehr lechze ich danach, sie zu zertreten! – Es ist wie ein moralisches Zahnen: je größere Schmerzen es mir verursacht, um so heftiger wird meine Beißwut.«

»Haben Sie je in ihrem Leben so etwas wie Mitleid gefühlt?« fragte ich, meinen Hut aufsetzend.

»Nimm das wieder ab!« sagte er, auf den Hut deutend. »Du gehst noch nicht. Komm her, Nelly! Ich muß dich entweder überreden oder zwingen, mir dazu behilflich zu sein, Catherine zu sprechen – und das ohne Verzug. Ich schwöre, daß ich nichts böses beabsichtige. Ich wünsche nicht, irgend eine Störung zu verursachen, oder Mr. Linton zu reizen. Ich möchte nur von ihr selbst hören, wie sie sich fühlt und warum sie krank ist, und möchte sie fragen, ob ich irgend etwas für sie tun kann. Letzte Nacht war ich sechs Stunden im Garten von Drosselkreuz, und ich werde auch heute hingehen. Und jede Nacht werde ich dort sein und jeden Tag, bis ich eine Gelegenheit finde, ins Haus zu dringen. Sollte Edgar Linton mir begegnen, so werde ich ihn niederhauen, damit er solange genug hat, als ich dort zu tun haben werde. Sollten seine Leute sich mir entgegenstellen, so werde ich sie mit diesen Pistolen abschrecken. Aber würde es nicht besser sein, ich käme weder mit ihnen noch mit ihrem Herrn in Berührung? Und du könntest das so leicht verhindern. Ich würde dich von meinem Kommen benachrichtigen, und sobald sie dann allein ist, könntest du mich zu ihr führen und Wache halten, bis ich wieder fort bin – und hättest dabei noch ein gutes Gewissen, denn du würdest schlimmes Unglück verhüten.«

Ich wehrte mich dagegen, im Hause meines Dienstherrn diese schändliche Rolle zu spielen, und machte auch die Grausamkeit und Selbstsucht geltend, mit der er beabsichtige, rein zu seinem Behagen die Ruhe Mrs. Lintons zu stören.

»Das geringste Ereignis regt sie schmerzlich auf«, sagte ich, »ich bin überzeugt, sie würde den Schreck nicht überleben. Geben Sie Ihr Verlangen auf, Herr, sonst wäre ich genötigt, meinen Herrn von Ihren Plänen in Kenntnis zu setzen. Und er wird Maßregeln zu ergreifen wissen, sich und sein Haus vor solch unerwünschtem Eindringling zu schützen.«

»In diesem Falle werde ich Maßregeln ergreifen, mich vor dir zu schützen, Weib!« donnerte Heathcliff. »Du wirst vor morgen früh Sturmheid nicht verlassen. Deine Behauptung, Catherine könne ein Wiedersehen mit mir nicht ertragen, ist albernes Geschwätz, und sie zu überrumpeln beabsichtige ich gar nicht. – Du mußt sie vorbereiten. Frage sie, ob ich kommen darf. Du sagst, sie nenne nie meinen Namen, und er werde ihr gegenüber nie erwähnt. Zu wem soll sie von mir sprechen, wenn mein Name im Hause verboten ist? Sie muß ja denken, ihr seid alle Spione ihres Mannes. O, ich bin überzeugt, sie ist wie in der Hölle, da bei euch! Gerade ihr Schweigen zeigt mir, was sie fühlt. Du sagst, sie sei unruhig und ängstlich – ist das ein Beweis für Herzensruhe? Du sagst, ihr Geist sei gestört. Wie zum Teufel ist das denn anders möglich in ihrer schrecklichen Abgeschlossenheit? Und dieser fade Lumpenkerl, der sie aus Pflichtgefühl und Menschlichkeit, aus Mitleid und Nächstenliebe pflegt! Er könnte ebensogut eine Eiche in einen Blumentopf pflanzen und erwarten, daß sie zur Frucht gedeihe, als erwarten, daß aus dem Boden seiner schalen Fürsorge ihr neue Lebenskraft sprießen könne! – Laß uns sofort einig werden: willst du hier bleiben und soll ich mir meinen Weg zu Catherine über Linton und seine Leute erkämpfen? Oder willst du mein Freund sein wie bisher und tun, was ich verlange? Entscheide! Denn ich habe keine Ursache, noch eine Minute zu zögern, falls du bei deiner Böswilligkeit beharren solltest.«

Nun, Mr. Lockwood, ich weinte und ich beschwor ihn und wies ihn wohl fünfzigmal ab; aber nach vielem hin und her zwang er mich zu einem Vergleich. Ich erklärte mich bereit, meiner Herrin einen Brief von ihm zuzutragen und ihn – falls sie damit einverstanden wäre – von Lintons nächster Abwesenheit zu verständigen. Dann sollte er kommen und sich den Weg zu ihr suchen. Ich würde nicht da sein, und auch die anderen Leute sollten fern gehalten werden. War es recht oder unrecht? Ich fürchte, es war unrecht, doch ich hatte keine Wahl. Ich glaubte, durch meine Einwilligung neues Unheil zu verhüten, und ferner, daß die Sache auf Catherines Geisteszustand vielleicht einen günstigen Einfluß haben werde. Trotzdem war ich auf dem Heimweg noch trauriger als auf dem Herweg; und es dauerte lange, ehe ich mich entschließen konnte, das Schreiben in Mrs. Lintons Hände zu legen...

Doch da kommt Kenneth. Ich will hinuntergehen und ihm sagen, wieviel besser es Ihnen geht. Meine Erzählung ist langweilig und soll lieber dazu dienen, einen anderen Morgen zu kürzen.

Langwierig und traurig, dachte ich, als die gute Frau hinunterging, um den Arzt zu empfangen – und nicht gerade von der Art, wie ich sie mir zur Unterhaltung gewünscht haben würde. Aber das macht nichts. Ich will aus Mrs. Deans bitteren Kräutern eine heilsame Medizin brauen. Und zunächst will ich mich vor Catherine Heathcliffs berückenden Augen hüten. Ich wäre in einer seltsamen und unbehaglichen Situation, wenn ich mein Herz an dieses junge Weib hinge, die sich voraussichtlich als eine zweite Auflage der Mutter entpuppen wird.

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