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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XIII.

Zwei Monate blieben die Flüchtlinge fort. In diesen zwei Monaten kämpfte Mrs. Linton mit einer schweren Gehirnentzündung. Keine Mutter hätte ihr Einziges zärtlicher pflegen können, als Edgar sein Weib umhegte. Tag und Nacht wachte er und ertrug geduldig all die Launen, die ein zerrütteter Verstand und reizbare Nerven zu ersinnen vermögen. Kenneth hatte gelegentlich einmal darauf hingewiesen, daß seine Mühe ihm nur stets neue Sorge bringen werde, denn was der Tod ihm vielleicht gnädig lassen werde, sei sicherlich nicht mehr als eine traurige Ruine. Dennoch war Edgars Freude und Dankbarkeit grenzenlos, als Catherines Leben außer Gefahr erklärt wurde. Stunde um Stunde saß er auch fernerhin an ihrem Lager und beobachtete die allmähliche Rückkehr ihrer Kräfte und nährte die Hoffnung, daß auch ihr Geist sich in normale Bahnen zurückfinden und daß sie bald wieder ganz die alte Catherine sein werde.

Anfang März verließ Catherine zum erstenmal ihr Krankenzimmer. Mr. Linton hatte ihr am Morgen eine Handvoll goldgelber Krokusse aufs Kissen gelegt: Als sie erwachte, hing ihr Auge, das lange nicht in Freude erglüht war, entzückt an den Blüten, und sie raffte sie eifrig zusammen.

»Dies sind auf Sturmheid die ersten Blumen!« rief sie innig. »Sie zeigen mir sanften Tauwind und linden Sonnenschein und Schneeschmelze. Edgar, ist heut nicht Südwind, und ist der Schnee nicht fast vergangen?«

»Bei uns ist aller Schnee schon fort, Liebling«, antwortete er. »Und auf dem ganzen weiten Heideland sehe ich nur zwei weiße Flecke schimmern. Der Himmel ist blau, und die Lerchen singen, und die Bäche sind alle übervoll. Voriges Jahr um diese Zeit, Catherine, war ich voll Verlangen, dich endlich unter meinem Dach zu haben – jetzt wollte ich, du wärest ein oder zwei Meilen droben auf den Höhen. Die Luft weht so sanft, ich fühle, daß sie dir Genesung bringen müßte.«

»Ich werde nur noch einmal dort hinkommen«, sagte die Kranke. »Und da wirst du von mir gehen, und ich werde für immer dort zurückbleiben. Nächstes Frühjahr wirst du dich wieder sehnen, mich unter deinem Dach zu haben, und du wirst zurückblicken und denken, daß du heut glücklich warst.«

Linton überschüttete sie mit den zärtlichsten Liebkosungen und versuchte, sie mit innigen Worten aufzumuntern. Doch sie blickte abwesend auf die Blumen, und ihre Augen füllten sich mit immer neuen Tränen, die sie hilflos herabrollen ließ.

Wir wußten, daß es ihr tatsächlich besser ging, und kamen daher zu der Ansicht, daß das lange Gebundensein an diesen einen Raum viel Schuld trage an ihrer Verzagtheit, und daß ein Wechsel des Zimmers ihre Stimmung heben würde. Der Herr gab mir den Auftrag, in dem lange unbenutzt gewesenen Wohnzimmer ein gemütliches Feuer zu machen und ans Fenster, in die Sonne, einen Armstuhl zu rücken. Und dann führte er sie hinunter, und sie saß lange Zeit still da und genoß die fröhliche Wärme und erfrischte sich an ihrer neuen Umgebung, denn hier war alles frei von jenem Trübsinn, der im Krankenzimmer auf allen Gegenständen lastete.

Gegen Abend schien sie sehr erschöpft, dennoch konnte kein Bitten sie bewegen, in das gehaßte Zimmer zurückzukehren, und ich mußte ihr auf dem Sofa ein Lager richten, bis ein anderes Zimmer für sie vorbereitet sein würde. Um ihr das ermüdende Treppensteigen zu ersparen, wählten wir diesen Raum hier aus. Er liegt nahe am Wohnzimmer, und sie war bald kräftig genug, auf Edgars Arm gestützt, von einem ins andere zu gehen.

Ach, ich glaubte damals selbst, sie werde ganz gesunden. So zärtlich gepflegt wie sie war! Und wir hatten doppelt Grund, das zu wünschen, denn von ihrem Leben hing auch ein anderes Dasein ab. Wir hofften nämlich, daß in Kürze Mr. Linton durch die Geburt eines Erben erfreut und sein Besitztum der Habgier eines Fremden entrissen werden würde.

Ich muß nachholen, daß Isabella etwa sechs Wochen nach ihrer Abreise ihrem Bruder eine kurze Mitteilung schickte, in der sie ihm ihre Heirat mit Heathcliff anzeigte. Dies Schreiben schien auf den ersten Blick kalt und dürftig, doch hatte es noch ein Postskriptum, das in seltsam hastigen Zügen mit Bleistift hingeworfen war. Sie bat um freundliches Gedenken und um Vergebung für ihren Schritt, sie habe ihn damals aus innerem Drang tun müssen, und nun lasse er sich, aus zwingenden Gründen, nicht mehr rückgängig machen.

Soviel ich weiß, antwortete Linton ihr nicht. Doch bekam ich vierzehn Tage später einen langen Brief von ihr, den ich – da er von einer Braut kam, die kaum den Honigmond hinter sich hatte – sehr merkwürdig fand. Ich will ihn vorlesen, denn ich habe ihn mir aufgehoben, weil alles, was von lieben Toten herrührt, Wert besitzt für unser Herz.

Liebe Ellen, beginnt er.

Ich kam gestern Nacht nach Sturmheid und hörte da, daß Catherine sehr krank gewesen und noch immer ist. Vermutlich darf ich ihr nicht schreiben, und auch mein Bruder ist anscheinend zu böse oder zu gekränkt, um zu beantworten, was ich ihm sende. Dennoch muß ich jemandem schreiben, und der einzige Mensch, der mir dafür bleibt, bist Du.

Gib Edgar zu verstehen, daß ich nach seinem treuen Wesen mich unendlich sehne, daß mein Herz nach Drosselkreuz zurückkehrte, als ich kaum vierundzwanzig Stunden fort war, und daß es jetzt dort weilt – voll von innigen Gefühlen für ihn und Catherine! Aber ich kann meinem Herzen nicht folgen (diese Worte sind unterstrichen), sie brauchen mich also nicht zu erwarten, doch mögen sie immerhin nach Gründen suchen – an heißem Willen und herzlicher Liebe fehlt es mir nicht.

Was ich jetzt noch schreibe, ist nur für dich allein bestimmt. Ich möchte Dir zwei Fragen stellen. Die erste ist die: Wie machtest Du es möglich, als Du hier lebtest, Dein Herz gut und mitfühlend zu bewahren? Ich kann nicht ein Gefühl entdecken, das mich mit diesen Menschen hier verbände.

Die zweite Frage ist mir besonders wichtig. Es ist diese: Ist Mr. Heathcliff ein Mann – ein Mensch? Und wenn er es ist, ist er verrückt? Und wenn er es nicht ist, ist er ein Teufel? Ich beschwöre Dich, mir, wenn Du kannst, zu sagen, welch einem Geschöpf ich mich da überliefert habe – d. h. sage es, wenn Du mich besuchen kommst, und Du mußt bald kommen, Ellen! Schreibe nicht, sondern komm und bring mir etwas von Edgar.

Nun sollst Du hören, wie ich in meinem neuen Heim – als solches muß ich Sturmheid wohl betrachten – empfangen worden bin. Wenn ich so nichtige Dinge, wie das gänzliche Fehlen äußerer Bequemlichkeiten erwähne, so geschieht das nur, um mich ein wenig von schlimmerem abzulenken. Ich würde lachen und tanzen, wenn ich mir sagen dürfte, daß dies mein ganzes Unglück ausmache und alles andere ein unwirklicher Traum sei.

Die Sonne ging hinter Drosselkreuz unter, als wir durchs Heidemoor ritten; daran erkannte ich, daß es gegen sechs Uhr sein müsse. Wir hielten an, weil mein Begleiter ganz in Betrachtung eures Parks und Gartens und wohl auch des Hauses sich verlor. Er brauchte dazu gut eine halbe Stunde, es war also schon dunkel, als wir endlich in dem gepflasterten Hofraum des Landhauses abstiegen und Dein Dienstgenosse Josef heraustrat, um uns beim Schein einer Kerze zu empfangen. Er tat das mit nicht zu unterschätzender Höflichkeit: er hob seine Fackel, leuchtete mir ins Gesicht, schielte mich boshaft an und wandte sich geringschätzig ab. Dann nahm er die zwei Pferde und führte sie in den Stall, kam aber zurück, um umständlich das Tor zu schließen.

Heathcliff blieb draußen bei dem Alten und ich trat in die Küche – ein schmutziges liederliches Loch! Ich muß annehmen, Du würdest sie nicht wieder erkennen. Neben dem Herd stand ein derbes bäurisches Kind in verwahrloster Kleidung. Es hatte um den Mund und in den Augen etwas, das mich an Catherine erinnerte. Das ist Edgars Neffe, überlegte ich – in gewisser Hinsicht also auch meiner. Ich muß ihm die Hand geben und – ja – ich muß ihm auch einen Kuß geben. Es ist ratsam, gleich zu Beginn ein gutes Einvernehmen herzustellen.

Ich trat auf ihn zu und faßte nach seiner dicken Faust und sagte: »Wie geht es dir, lieber Junge?«

Er antwortete in einem Jargon, den ich nicht verstand.

»Wollen wir nicht Freunde sein, Hareton?« lautete meine nächste Anknüpfung.

Eine arge Verwünschung und die Drohung, Greif, den Hund, auf mich zu hetzen, belohnte meine Ausdauer.

»Heh, Greif, Kerl!« rief der kleine Satan und lockte einen jungen Bullhund von seinem Lager in der Ecke. »Nun, wirst du jetzt losziehen?« fragte er selbstbewußt

Da ich mich nicht dem Hund ausliefern wollte, gehorchte ich und schritt über die Schwelle zurück, um zu warten, bis die anderen hereinkommen würden. Mr. Heathcliff war nirgends zu sehen, und Josef, dem ich in den Stall gefolgt war und den ich bat, mich hineinzubegleiten, starrte mich verwundert an, brummte was vor sich hin, rümpfte schließlich die Nase und antwortete:

»Hot jemols en Christemensch su wat gehoort? – Wie sull eich verstohn, wat Ehr Eich do zesammeschwätzt.«

»Ich sage, ich wünsche, daß Ihr mich hineinbegleitet ins Haus«, schrie ich, empört über sein grobes Wesen.

»Eich nit! Eich hon wat annerst ze dhun«, antwortete er und fuhr in seiner Arbeit fort, betrachtete aber dabei mein Kleid und mein Gesicht mit überlegener Verachtung. Ersteres war allerdings viel zu fein für diesen Ort, letzteres jedoch so bekümmert, als er es nur wünschen mochte.

Ich durchquerte den Hof und kam durch einen Torweg an eine andere Tür und klopfte dort an, in der Hoffnung, daß sich ein höflicherer Mensch zeigen werde. Nach kurzer Pause wurde geöffnet. Ein hoher hagerer Mann stand in der Tür. Auch seine Kleidung war mehr als verwahrlost. Um sein Gesicht hing ein Wald ergrauender Haare. Und auch dieses Menschen Augen glichen in ihrer irren Schönheit denen Catherines.

»Was tun Sie hier?« fragte er grob. »Wer sind Sie?«

»Mein Mädchenname ist Isabella Linton«, entgegnete ich. »Ich bin seit kurzem mit Mr. Heathcliff verheiratet, und er hat mich hierhergeführt – mit Ihrer Erlaubnis, wie ich vermute.«

»Also ist er zurückgekommen?« fragte er, und seine Augen glühten wie die eines hungrigen Wolfes.

»Ja. Wir sind eben jetzt gekommen«, sagte ich. »Aber er hat mich an der Küchentür stehen lassen, und als ich eintreten wollte, spielte Ihr kleiner Sohn den Wächter und jagte mich mit Hilfe einer Bulldogge hinaus.«

»Gut, daß der höllische Unhold sein Wort gehalten hat!« grollte mein Gegenüber und spähte in das Dunkel hinter mir. Da er aber Heathcliff nicht entdecken konnte, brach er in wilde Verwünschungen aus: er wolle es dem Satan schon heimzahlen, falls er ihn betrogen haben sollte.

Ich bereute diesen zweiten Versuch, Einlaß zu finden, gemacht zu haben und hatte große Lust, mich heimlich wieder fortzuschleichen, doch ehe ich diese Absicht ausführen konnte, hieß er mich eintreten und schloß hinter mir die Tür und verriegelte sie.

Die einzige Beleuchtung des riesigen Raumes bestritt ein großes Kaminfeuer. Der Fußboden lag dick voll Staub, und die einst so strahlenden Zinnkrüge, an denen einst meine entzückten Kinderblicke hingen, standen blind im Dunkel, glanzlos und staubig. Ich fragte, ob ich das Mädchen rufen und mich zu Bett führen lassen könne. Mr. Earnshaw würdigte mich keiner Antwort. Er ging auf und ab, die Hände in den Taschen, und hatte meine Anwesenheit ganz vergessen. Seine Versunkenheit war so tief, sein ganzes Gebaren so abweisend, daß ich es scheute, ihn nochmals zu stören.

Du wirst es begreiflich finden, Ellen, daß ich mich an diesem ungastlichen Herd sehr unbehaglich und furchtbar einsam fühlte, besonders wenn ich daran dachte, daß kaum vier Meilen von hier mein entzückendes Heim lag, das die einzigen Menschen barg, die mir nahe sind auf Erden. Und diese vier Meilen trennten uns ebenso sicher, als läge der Ozean zwischen uns. Ich konnte sie nicht überbrücken. Wohin muß ich mich wenden, um Trost zu suchen? fragte ich mich. Und – hüte Dich, es Edgar oder Catherine zu sagen – über alle kleinen Sorgen erhob sich riesengroß diese eine – Verzweiflung, niemanden zu finden, der mein Verbündeter sein wollte oder konnte gegen Heathcliff. Ich hatte mich auf Sturmheid gefreut, weil ich hier nicht mehr allein sein würde mit ihm, aber er kannte die Leute, zu denen er mich brachte, und wußte, daß er von ihnen keine Einmischung in seine Angelegenheiten zu fürchten haben würde.

Ich saß und dachte, eine schmerzlich lange Zeit. Die Uhr schlug acht und neun, und noch immer ging mein Stubengenosse auf und ab, den Kopf auf die Brust geneigt und vollkommen schweigsam, nur daß ihm hie und da ein Brummen oder ein zorniger Ausruf entfuhr. Ich lauschte, ob ich nicht eine weibliche Stimme irgendwo im Hause vernahm, und sank dann wieder in trübe Ahnungen, die schließlich in Tränen und Seufzern laut wurden. Ich hatte mich meinem Kummer ganz unbewußt überlassen und erschrak daher, als plötzlich Earnshaw mir gegenüber stillstand und mich mit neu erwachtem Erstaunen anstarrte. Ich machte mir seine Aufmerksamkeit zunutze und rief:

»Ich bin müde von der Reise und möchte schlafen gehen! Wo ist das Hausmädchen? Führen Sie mich zu ihr, da sie nicht zu mir zu kommen scheint.«

»Wir haben kein Hausmädchen«, antwortete er, »Sie müssen sich selbst bedienen.«

»Wo also muß ich schlafen?« schluchzte ich, von Unglück und Müdigkeit so niedergedrückt, daß ich mich nicht mehr beherrschen konnte.

»Josef mag Ihnen Heathcliffs Zimmer zeigen«, sagte er und öffnete umständlich die Tür.

Ich wollte hinausschlüpfen, aber er hielt mich plötzlich zurück und fügte in geheimnisvollem Ton hinzu:

»Schließen Sie aber Ihre Tür gut ab und verriegeln Sie sie. Sie dürfen das ja nicht vergessen.«

»Gut«, sagte ich. »Aber weshalb, Mr. Earnshaw?« Denn es war nicht nach meinem Geschmack, mich mit Heathcliff einzuschließen.

»Sehn Sie her!« erwiderte er und zog aus der Brusttasche eine seltsam konstruierte Pistole, an deren Lauf ein Messer mit zwei Klingen befestigt war. »Das ist eine große Verlockung für einen verzweifelten Menschen, nicht wahr? Ich kann nicht wiederstehen, jeden Abend mit dieser Waffe hinaufzugehen und seine Tür zu untersuchen. Finde ich sie nur einmal offen, so ist es um ihn geschehn. Ich tue das regelmäßig jeden Abend, selbst wenn ich noch vor einer Minute mir hundert Gründe nannte, die mich davon abhalten sollten.«

Ich betrachtete die Waffe. Ein gräßlicher Gedanke kam mir: wie mächtig wäre ich, besäße ich solche Waffe! Ich nahm das Ding aus seiner Hand und strich über die Klinge. Der Ausdruck meines Gesichtes schien ihn zu frappieren. Es war nicht Furcht, was mich erfüllte, es war Habgier! Er riß mir neidisch die Pistole fort, schloß das Messer und sagte:

»Meinethalben können Sie ihn warnen und für ihn wachen! Doch die Gefahr, die ihm droht, scheint Sie wenig zu schrecken.«

»Was hat Heathcliff Ihnen getan?« fragte ich. »Aus welchem Grunde hassen Sie ihn so sehr? Wäre es nicht das klügste, ihn aus dem Hause zu weisen?«

»Nein!« donnerte Earnshaw. »Sollte er den Versuch machen, mich zu verlassen, so ist er ein toter Mann. Bestärken Sie ihn in dieser Absicht, so sind Sie sein Mörder! Soll ich alles verloren haben und nicht einmal Rache dafür nehmen können? Soll Hareton ein Bettler sein? O verflucht! Ich will mein Geld zurückerobern und seins dazu! Und auch sein Blut soll mir werden. Und seine Seele mag sich der Teufel holen!«

Ellen, Du hast mir schon manches von Deinem früheren Dienstherrn berichtet. Er ist sicherlich auf dem besten Wege, verrückt zu werden. Wenigstens in letzter Nacht war er toll! Es grauste mich in seiner Nähe, und ich dachte an die Grobheit des mürrischen Knechtes als an etwas bei weitem angenehmeres zurück.

Earnshaw begann wieder auf und ab zu gehen, und ich öffnete die Tür und flüchtete in die Küche.

Josef stand über den Herd gebeugt und lugte in einen großen Kessel, der über den Flammen schaukelte. Eine hölzerne Schüssel mit Hafergrütze stand auf den Steinen daneben. Der Inhalt des Kessels begann zu kochen, und Josef tauchte die Hand in die Schüssel mit Grütze. Da ich vermutete, daß dies die Abendmahlzeit war, die er da vorbereitete, und da ich hungrig war, beschloß ich, daß dies frugale Mahl wenigstens genießbar sein sollte. Ich riß also die Schüssel an mich und rief heftig:

»Ich will die Suppe machen!«

Dann legte ich Hut und Reitkleid ab.

»Mr. Earnshaw«, fuhr ich fort, »gebot mir, mich selbst zu bedienen. Gut, das werde ich. Denn wenn ich hier die Dame spielen wollte, müßte ich wohl verhungern.«

»Großer Gott!« murmelte er, indem er sich setzte und mit den flachen Händen seine Beine rieb. »Wann do wierer e Neier befehle sull – grad wann m'r sich an zwä Häre gewiehnt hot ... Nä, wann jetz noch e Fraa iwer meich gesetz wäre sull, dann is 't Zeit, meich devun ze mache. Eich hätt 't nit for miehlig gehall, dä Dag ze erläwe, wo eich dat alt Haus verlasse mißt – awer wie eich glaawe, is 'r jetz noh.«

Ich schenkte diesen Klagen keine Beachtung. Ich ging eilig ans Werk, seufzend im Gedenken einer Zeit, da dies Kochen mir Spaß gemacht haben würde, doch bemüht, die Erinnerung daran auszulöschen. Es quälte mich, an vergangenes Glück zu denken, und je größer die Gefahr war, mich in Gedanken an jene Zeit zu verlieren, desto rascher kreiste der Quirl und desto schneller fielen die Händevoll Mehl ins Wasser.

Josef beobachtete meine Art zu kochen mit wachsendem Mißtrauen.

»Hareton«, rief er, »dau wirst dei Supp heit nit esse. Do sin Klumpe drin su dick wie 'n Faust. Do schun wierer! Eich dhät an Eirer Stell Schissel un alles eninnschitte. Ritsch ratsch, et is 'n Glick, dat de Bodem nit erausgeriehrt wore is.«

Es war in der Tat ein übler Brei, den ich da in die Näpfe goß; ich gebe es zu. Vier Näpfe wurden voll, und ein Krug Milch wurde aus dem Keller geholt, den Hareton ergriff. Er begann eifrig zu trinken und ließ dabei die Milch aus seinem Mund wieder in den Krug zurückfließen. Ich protestierte und verlangte, daß ihm sein Teil Milch in einen Topf gegossen werde, indem ich versicherte, daß ich ein so verschmutztes Getränk nicht genießen könne. Der alte Grobian spielte nun den Beleidigten. Er betonte wiederholt, daß das Kind ganz gewiß gleichberechtigt mit mir sei; er begreife nicht, wie ich dazu komme, so mißgünstig zu sein. Inzwischen trank das Kind in derselben Weise weiter und betrachtete mich dabei mit lauernden Blicken.

»Ich werde mein Abendbrot in einem anderen Zimmer zu mir nehmen«, sagte ich. »Habt ihr keinen Raum, den ihr Wohnzimmer nennt?«

»Wohnzimmer!« echote er grinsend, »Wohnzimmer! – Nä, mir honn kä Wuhnzimmer. Wann Eich unser Gesellschaft nit paßt, dann kinnt 'r zum Här gehn; un wann 'r de Här nit wollt, dann mißt 'r ze uns kumme.«

»So werde ich hinaufgehen«, antwortete ich. »Zeigt mir ein Zimmer.«

Ich setzte meinen Suppennapf auf ein Tablett und ging selbst, mir andere Milch zu holen. Mit vielem Brummen erhob sich der Kerl und ging mir voran. Wir stiegen zu den Bodenkammern hinauf.

»Do is 'n Zimmer«, sagte er, eine kreischende Brettertür aufreißend. »Gut genug for de Supp drin ze leffele. Do is 'n Sack Koorn in der Eck, do – scheen propper; wann Ehr awer bang seid, Eier großartig Seidekläd dreckig ze mache, dann leht Eier Schnuppduch uwe druff.«

Das »Zimmer« war eine Art Rumpelkammer, die scharf nach Malz und Korn roch. Mehrere volle Säcke waren an den Wänden aufeinandergetürmt

»Wie?« rief ich dem Alten ärgerlich ins Gesicht, »das ist kein Ort zum Schlafen. Ich wünsche mein Schlafzimmer zu sehen!«

»Schlafzimmer«, äffte er mir höhnisch nach. »Ehr sullt alle Schlofzimmer siehn, die do sinn. – Hie is meinet.«

Er zeigte in die zweite Dachkammer, die sich von der ersten nur dadurch unterschied, daß sie an den Wänden kahler war und ein großes niederes Bett mit einem indigoblauen Polster enthielt.

»Was will ich denn mit Eurem!« gab ich zurück. »Ich denke, Mr. Heathcliff wohnt nicht unterm Dach? – wie?«

»O! Ehr wullt alsu dat vum Här Heathcliff', schrie er, als höre er da etwas gänzlich Unerwartetes. »Hätt 'r dat nit gleich sahn kinne? Do hätt 'r mir all die Arwät gespart. Dat is nämlich änt, wat 'r nit siehn kennt Er hält et immer verschloß, un kä annerer als er selwer kann et jemols beträte.«

»Ihr habt ein schönes Haus, Josef!« konnte ich mich nicht enthalten zu bemerken. »Und sehr freundliche Insassen. Und ich glaube, es war verrückt von mir gehandelt, daß ich mein Geschick mit dem euren verband. Doch das gehört jetzt nicht hierher. Aber es muß doch noch andere Zimmer geben. Ums Himmelswillen seid schnell und laßt mich irgendwo zur Ruhe kommen!«

Er erwiderte nichts auf diese Beschwörung. Er kroch die Holzstiege wieder hinunter und machte vor einem Gemach halt, das mir infolge der Güte seiner Einrichtung als das beste im Hause erschien. Hier war ein Teppich, sogar ein guter, doch war das Muster durch Staub verwischt; die Tapete an der Wand hing in Fetzen herunter; eine schöne eiserne Bettstatt war mit karminroten Vorhängen von kostbarem Stoff versehen, die aber augenscheinlich schlecht behandelt worden waren: die Fransen waren aus den Ringen gerissen und hingen in Bogen herab, und der Eisendraht, der die Vorhänge tragen sollte, war auf einer Seite vollständig verbogen, so daß der Behang auf dem Boden schleifte. Die Stühle waren auch beschädigt, manche sogar außerordentlich, und tiefe Schnitte und Risse entstellten die Holztäfelung der Wände. Ich bemühte mich, mir Mut zu machen und von dem Raum Besitz zu ergreifen, als mein närrischer Führer verkündete: »Dat hie is dem Här seinet.«

Mein Abendbrot war nun kalt geworden, mein Appetit vergangen und meine Geduld erschöpft. Ich bestand darauf, augenblicklich einen Ruheplatz zu bekommen.

»Wo dann zum Deiwel!« fuhr mich der fromme Alte an. »Ehr hott jetz alles gesiehn bis uff dem Hareton sein' Stub'. Im ganze Haus gitt et kä Loch meh, wo mer sich hinläge kinnt!«

Ich war so zornig, ich schleuderte mein Tablett mit allem, was darauf war, zu Boden, setzte mich auf den Treppenabsatz, verbarg das Gesicht in den Händen und weinte.

»Rächt su, rächt su!« rief Josef. »Loßt nor de Här iwer dat kaputten Gescherr stolpere, do wäre mer wat erläwe. Eich misch meich nit eninn. Ehr sullt uff Weihnachte faste dofor, dat Ehr die gude Gottesgäbe su erumschmeißt in Eirer schändliche Raserei! No, lang werd's nit dauere. Määnt Ehr, de Heathcliff dhät so Maniere dulle? Eich winscht' nor, er dhät Eich bei dem Streich hie erwische! Wann der Eich dobei erwische dhät –!«

Scheltend ging er hinunter in seine schmutzige Höhle und nahm die Kerze mit. Ich blieb im Dunkeln zurück. Ich hatte nun Zeit, über mein albernes Benehmen nachzudenken, und ich kam zu der Einsicht, daß ich meinen Stolz demütigen und mein heftiges Wesen zügeln müsse; ich entschloß mich daher, die Folgen meines Zornausbruches beiseite zu räumen. Ein unerwarteter Helfer erschien mir in Greif, den ich ja von Drosselkreuz her gut kannte: er hatte dort seine Kindheit verlebt und war von meinem Vater an Mr. Hindley verschenkt worden. Ich glaube, er erkannte mich wieder. Er schob mir zum Gruß seine Nase ins Gesicht und machte sich dann daran, die Suppe zu verschlingen, während ich von Stufe zu Stufe kroch und die Topfscherben auflas. Die Milchflecken auf dem Geländer trocknete ich mit meinem Taschentuch. Unsere Arbeit war kaum getan, als ich Earnshaws Tritte im Hausflur vernahm. Mein Helfer kniff den Schwanz ein und drückte sich an die Wand; ich verbarg mich in der nächsten Türnische. Die Bemühung des Hundes, seinem Herrn aus dem Weg zu gehen, war erfolglos, wie ich aus einem geräuschvollen Stolpern und einem langen kläglichen Aufheulen erriet. Ich hatte mehr Glück. Er ging vorbei an mir, betrat sein Zimmer und schloß die Türe. Gleich hinterher kam Josef mit Hareton herauf, um diesen zu Bett zu bringen. Ich hatte in Haretons Zimmer Schutz gesucht, wo der Alte mich nun fand.

»Jetz is wuhl Platz genug in der Kich for Eich un Eiren Stulz«, sagte er. »Se is leer. Ehr kinnt se ganz for Eich allän honn. Nor er, de immer in beeser Gesellschaft der Dritt' is, werd dobei sinn!«

Diese Mitteilung machte ich mir erfreut zunutze, und kaum hatte ich mich neben dem Feuer in einen Stuhl geworfen, als ich einnickte und bald fest schlief. Mein Schlummer war tief und süß, leider aber viel zu schnell zu Ende. Mr. Heathcliff weckte mich. Er trat ein und fragte mich in seiner lieben Art, was ich da mache? Ich erklärte ihm den Grund meines späten Aufbleibens – nämlich, daß er den Schlüssel zu unserem Zimmer in der Tasche habe. Das Wörtchen »unser« brachte schreckliches Ärgernis. Er schwur, sein Zimmer sei nicht das meine und werde es nie sein, und er würde – doch ich will nicht seine Reden wiederholen noch sein übles Benehmen schildern. Er ist erfinderisch und rastlos darin, meinen Abscheu gegen ihn zu wecken. Ich staune manchmal über ihn so sehr, daß ich meine Furcht darüber vergesse. Dennoch, ich versichere dich, könnte weder ein Tiger noch eine giftige Schlange ein ähnliches Entsetzen in mir wecken. Er sprach mir von Catherines Krankheit und beschuldigte meinen Bruder der Veranlassung dazu und schwur, daß ich so lange als Stellvertreter meines Bruders leiden müsse, bis er ihn selbst erwischen werde.

Wie hasse ich ihn! – Ich bin sehr unglücklich – ich war eine Närrin! Hüte Dich, das mindeste von dem, was ich Dir hier sage, irgendwem auf Drosselkreuz zu verraten. Ich werde Dich täglich erwarten – enttäusche mich nicht!

Isabella.

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