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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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XII.

Miß Linton wandelte träumend durch Garten und Park, schweigsam und oft in Tränen. Ihr Bruder hockte über seinen Büchern, die er nicht las sondern ruhlos durchblätterte – stets in Erwartung, Catherine werde ihr Benehmen bereuen und um Verzeihung und Versöhnung nachsuchen. Catherine jedoch fastete halsstarrig, wahrscheinlich in der Voraussetzung, daß Edgar bei seinen einsamen Mahlzeiten sich in Sehnsucht verzehre, und daß nur ein gewisser Stolz ihn davon zurückhalte, zu ihr zu eilen und sich ihr zu Füßen zu werfen. Ich aber ging meinen häuslichen Geschäften nach, in der festen Überzeugung, daß es auf Drosselkreuz nur einen vernünftigen Menschen gebe, und der sei ich. Ich verschwendete keine Trostworte an das junge Fräulein noch Vorwürfe an Mrs. Linton. Ebensowenig schenkte ich den Seufzern meines Herrn irgendwelche Aufmerksamkeit. Ich hatte beschlossen, daß sie sich ohne mein Zutun finden sollten. Das ging freilich sehr langsam, aber ich freute mich doch, als ich so etwas wie eine Morgenröte der Versöhnung aufdämmern sah.

Am dritten Tage öffnete Mrs. Linton ihre Tür und verlangte frisches Trink- und Waschwasser und eine Schüssel Haferbrei, denn sie glaube, daß sie sterben werde. Diese letzte Bemerkung schien mir für Edgars Ohren bestimmt zu sein, und da ich ihr keinen Glauben schenkte, behielt ich sie für mich; doch brachte ich der Herrin etwas Tee und Gebäck. Sie aß und trank gierig und sank dann wieder händeringend in die Kissen zurück.

»Ich will sterben«, rief sie. »Niemand kümmert sich um mich. O, ich wollte, ich hätte nichts gegessen und getrunken.«

Ein Weilchen später flüsterte sie: »Nein, ich will nicht sterben, er würde sich darüber freuen – er liebt mich überhaupt nicht – er würde mich gar nicht vermissen.«

»Wünschen Sie noch irgend etwas, Mrs. Linton?« fragte ich, mit Mühe meine äußere Ruhe bewahrend, denn sie sah elend aus wie ein Schatten, und ihr aufgeregtes Wesen ängstigte mich.

»Was in aller Welt tut denn dieser gleichgültige Mensch?« gab sie zur Antwort, sich die dicken wirren Locken aus dem mageren Gesicht streichend. »Ist er überhaupt noch am Leben?«

»Sollten Sie Mr. Linton meinen«, entgegnete ich, »so wäre zu sagen, daß es ihm ganz gut geht. Seine Studien nehmen ihn allerdings fast zu sehr in Anspruch. Da er keine andere Unterhaltung hat, beschäftigt er sich unausgesetzt mit seinen Büchern.«

Ich hätte nicht so gesprochen, wenn ich ihren wahren Zustand gekannt hätte, aber ich konnte nun einmal das Gefühl nicht los werden, daß sie zum großen Teil schauspielerte.

»Mit seinen Büchern!« schrie sie bestürzt. »Und ich im Sterben! Ich auf der Schwelle des Grabes! Mein Gott! Weiß er, wie herunter ich bin?« fuhr sie fort, in einen gegenüberhängenden Spiegel starrend. »Ist das Catherine Linton? Er denkt, es sei eine Laune, ein schlechter Scherz – kannst du ihm nicht sagen, daß es schrecklicher Ernst ist?«

»Aber, Mrs. Linton«, antwortete ich, »der Herr hat keine Ahnung von Ihrem Zustand; er weiß gar nicht, daß Sie anscheinend Hungers sterben wollen.«

»Kannst du ihm nicht sagen, wie ernst es mir damit ist?« entgegnete sie. »So überzeuge ihn doch. Sage ihm deine eigene Meinung; sage, du seiest überzeugt, daß ich es tun werde.«

»Nein, das bin ich nicht, Mrs. Linton«, sagte ich zweifelnd. »Sie vergessen, daß Sie heut abend mit großem Appetit gegessen haben, und morgen werden Sie die guten Folgen spüren.«

»Wenn ich nur wüßte, daß er daran sterben würde, so würde ich mich sofort umbringen!« fiel sie ein. »Seit drei Nächten habe ich kein Auge geschlossen. Und was für Qualen habe ich gelitten! Nelly, ich sehe jetzt, daß du mich nicht gern hast. Sonderbar! Ich meinte immer, obgleich sie alle einander hassen und verachten, könnten sie doch nicht anders als mich lieben. Und dabei sind sie in wenig Stunden alle zu Feinden geworden. Wenigstens alle hier im Hause sind Feinde. Wie traurig, umgeben von ihren steinernen Gesichtern in den Tod zu gehen! Isabella wird zu feig sein, mein Zimmer zu betreten, und entsetzt und angewidert mich fliehen. Und Edgar wird ernst, das Ende erwartend, an meinem Lager stehen und wird beten und Gott dafür danken, daß er seinem Hause wieder Frieden gebracht. Und dann wird er zu seinen Büchern zurückkehren. Was in aller Welt hat er mit Büchern zu schaffen, wenn ich im Sterben liege?«

Sie konnte den Gedanken von Edgars philosophischer Resignation, den ich ihr vorgeredet hatte, nicht ertragen. Sie warf sich unruhig hin und her und wurde so wild, daß sie das Kopfkissen mit den Zähnen zerfetzte. Dann sprang sie aus dem Bett und verlangte, ich solle das Fenster öffnen. Es war mitten im Winter, ein heftiger Nordost blies, und ich gehorchte ihr daher nicht. Die seltsamen Zuckungen ihres Gesichtes und der rasche Wechsel ihrer Stimmungen entsetzten mich ungeheuer. Ihre frühere Krankheit fiel mir ein und die Instruktion des Arztes, ihr ja keinen Ärger zu bereiten. Vor einer Minute noch war sie wie toll gewesen, und jetzt lag sie in meinen Arm zurückgesunken und hörte nicht auf meine Worte, sondern zog aus den Löchern im Kissen die Federchen heraus und ordnete sie auf der Bettdecke in kleine Häufchen. Ihr Geist weilte fern. Sie betrachtete jede einzelne Feder und nannte den Vogel, dem sie zugehörte. Mich schauderte.

»Lassen Sie doch das kindische Spiel«, rief ich, ihr das Kissen entwindend, aus dem sie jetzt die Federn mit vollen Händen herausholte. »Legen Sie sich nieder und beruhigen Sie sich. Sie phantasieren. Welch eine Menge! Die Daunen fliegen herum wie Schneeflocken.«

»Ich phantasiere nicht«, sagte sie. »Ich weiß im Gegenteil ganz genau, daß es Nacht ist. Und auf dem Tisch brennen zwei Kerzen und der schwarze Schrank schimmert in ihrem Glanz wie Jet.«

»Der schwarze Schrank? Wo ist der?« fragte ich. »Sie reden im Schlaf.«

»Dort an der Wand, wo er immer steht«, antwortete sie. »Er sieht wirklich sehr merkwürdig aus – ich sehe ein Gesicht in ihm.«

»Es ist ja gar kein Schrank im Zimmer und war nie einer da«, sagte ich, mich wieder hinsetzend, und schob den Bettvorhang beiseite, um sie besser beobachten zu können.

»Siehst du nicht das Gesicht?« fragte sie, starr in den Spiegel blickend.

Und was ich auch sagte – es war mir nicht möglich, sie davon zu überzeugen, daß es ein Spiegel sei und sie ihr eigenes Bild sehe. Ich stand also auf und verhängte den Spiegel mit einem Tuch.

»Es ist ja doch noch dahinter!« beharrte sie angstvoll. »Und es hat sich bewegt. Wer mag es nur sein? Wenn es nur nicht nachher, wenn du fort bist, wieder zum Vorschein kommt! O, Nelly, das Zimmer ist behext! Ich fürchte mich gräßlich davor, allein zu sein.«

Ich nahm ihre Hand und bat sie, sich zu beruhigen. Wilde Schauer schüttelten sie und ihr Blick hing gebannt an dem verhängten Spiegel.

»Es ist niemand hier«, erklärte ich. »Sie haben im Spiegel Ihr eigenes Bild gesehen, Mrs. Linton. Vor einem Weilchen wußten Sie das noch ganz gut.«

»Mein eigenes Bild!« ächzte sie. »Und die Uhr schlägt zwölf! So ist es also wahr! Das ist schrecklich!«

Ihre Finger krampften sich in die Bettdecke und sie barg den Kopf in den Kissen. Ich versuchte, zur Tür zu schleichen, um ihren Mann zu rufen. Aber ein schriller Schrei rief mich zurück – das Tuch war vom Spiegel herabgeglitten.

»Was ist denn? Was ist denn nur?« rief ich. »Wachen Sie auf! Das ist der Spiegel, Mrs. Linton, und Sie sehen darin Ihr eigenes Bild, und hier bin auch ich, an Ihrer Seite.«

Verwirrt und zitternd klammerte sie sich an mich. Das Entsetzen wich allmählich aus ihren Zügen.

»Ach du, Nelly!« seufzte sie. »Ich dachte, ich sei zu Hause. Ich meinte, ich läge in meinem Zimmer auf Sturmheid. Und weil ich so schwach bin, verwirrten sich meine Gedanken, und da schrie ich auf. Sei nicht bös und bleib bei mir. Ich fürchte mich vor dem Schlafen. Meine Träume ängstigen mich so.«

»Ein tiefer Schlaf wäre Ihnen sicher sehr gut«, antwortete ich. »Hoffentlich werden diese Leiden Sie nun von weiteren Hungerversuchen abbringen.«

»O, wenn ich nur in meinem Bett im alten Hause wäre«, fuhr sie klagend fort. »Ach, der köstliche Wind, der dort durch die Föhren braust. Laß mich ihn fühlen – er kommt geradewegs von der Heide! Laß mich ihn atmen, einmal tief einatmen!«

Um ihr Ruhe zu schaffen, öffnete ich einen Augenblick das Fenster. Ein kalter Luftzug fuhr durchs Zimmer. Ich trat wieder an ihr Bett. Sie lag nun still, das Gesicht in Tränen gebadet. Die Schwäche des Körpers hatte die Kraft des Geistes völlig gebrochen. Unsere feurige Catherine war nun nichts anderes als ein greinendes Kind.

»Wie lang ist es her, daß ich mich hier eingeschlossen habe?« fragte sie plötzlich.

»Das geschah am Montag Abend«, antwortete ich, »und jetzt ist Donnerstag Nacht oder vielmehr Freitag Morgen.«

»Wie, derselben Woche?« rief sie. »Nur so kurze Zeit?«

»Lang genug, um nur von kaltem Wasser und übler Laune zu leben«, bemerkte ich.

»Ach, es waren viele, viele Stunden«, sagte sie zweifelnd. »Es muß länger her sein. Kaum, daß ich die Tür verriegelt hatte, überkam mich schwarze Nacht, und ich fiel zu Boden. Ehe ich mich so weit erholt hatte, daß ich wieder hören und sehen konnte, begann schon der Morgen zu grauen, und die ganze Zeit über, Nelly, war es ein Gedanke gewesen, der mich verfolgt hatte, bis ich für meinen Verstand zu fürchten begann. Ich lag auf dem Boden, mit dem Kopf dicht neben dem Tischbein, meine Augen hingen an dem grauen Viereck des Fensters, und ich hatte die Vorstellung, daß ich daheim in dem alten eichenen Kutschbett eingeschlossen läge. Und mein Herz war schwer von irgend einem großen Kummer, auf den ich mich durchaus nicht besinnen konnte. Ich quälte mich ab, um zu ergründen, was mich so bedrücken könne, und – seltsam – die ganzen letzten sieben Jahre meines Lebens schienen ausgelöscht. Ich war ein Kind. Man hatte unlängst meinen Vater begraben, und mein Kummer entsprang der Trennung, die Hindley zwischen mir und Heathcliff angeordnet hatte. Ich lag zum erstenmal allein im Zimmer und erwachte nach einer tränenvollen Nacht und einem quälenden Morgenschlummer und hob die Hand, um die Wagentür zu öffnen. Ich faßte die Tischplatte! Ich tastete auf der Tischdecke entlang – und endlich war mein Gedächtnis wieder klar. Ich weinte verzweiflungsvoll über das letzte Ereignis. Ich kann nicht sagen, warum ich mich so tief unglücklich fühlte. Krankhafte Überreizung mußte die Ursache sein. Oder der Kummer meiner Kindheit lastete auf mir. Mit zwölf Jahren trennte man mich von der Heimat und von Heathcliff, der bis dahin all meine Welt gewesen war, und gab mich unvermittelt in die Obhut der alten Mrs. Linton, der Frau eines Fremden! O, du kannst dir nicht denken, welche Qualen ich in dieser Nacht gelitten habe. Und wenn du auch den Kopf schüttelst, Nelly, du hast doch geholfen, mich zu vernichten. Du hättest mit Edgar sprechen sollen und hättest ihm raten sollen, mich in Frieden zu lassen. O, ich glühe! Ich. wollte, ich wäre droben auf den Hügeln von Sturmheid! Ich wollte, ich wäre wieder ein Mädel, verwildert und wetterhart und frei und könnte über Kränkungen lachen, statt darüber rasend zu werden. Warum bin ich so verändert? Warum können ein paar Worte mich so aufregen? Ach, wäre ich nur einmal wieder in der Heide auf den Hügeln drüben – ich würde mich gewiß wiederfinden! Mach noch einmal das Fenster auf; weit! Laß es auf! Schnell, warum rührst du dich nicht?«

»Weil ich Ihnen nicht den Tod geben möchte«, entgegnete ich.

»Du meinst, du willst mir keine Möglichkeit zum Leben geben!« sagte sie trotzig. »Nun, noch bin ich nicht hilflos; ich werde es selbst öffnen!«

Und sie glitt aus dem Bett, ehe ich sie daran hindern konnte, wankte quer durchs Zimmer, riß das Fenster auf und lehnte sich hinaus. Die eisige Luft schnitt wie mit Messern in ihre Haut. Ich bat sie, das Fenster zu schließen und suchte sie von dort fortzudrängen. Aber ihr Wahnsinnszustand – denn daß sie wahnsinnig sei, bewies mir ihr seltsames Benehmen nur zu deutlich – verlieh ihr übermenschliche Kraft.

Es war eine mondlose Nacht und alles lag in dunstigem Dunkel. Nicht ein Lichtchen schimmerte, dennoch behauptete sie, die Lichter von Sturmheid erkennen zu können.

»Sieh!« rief sie lebhaft, »dort in meinem Zimmer brennt Licht, und draußen vorm Fenster wehen die Bäume. Und in Josefs Bodenkammer ist auch Licht. Josef ist heut Nacht lange auf, nicht wahr? Er wartet, daß ich heimkomme, damit er die Tore schließen kann. Er wird noch eine Zeitlang warten müssen, denn es ist eine schlimme Reise dorthin, und man tut sie nur mit gebrochenem Herzen. Und man muß über den Kirchhof wandern. Wir haben uns oft dorthin geschlichen und seine Geister gerufen und einander angefeuert, uns auf die Gräber zu stellen. Wenn ich dich aber jetzt dort rufe, Heathcliff, wirst du es wagen, zu kommen? Wenn du kommst, so lasse ich dich nicht mehr fort. Ich mag nicht allein dort liegen! Und ob sie mich auch zwölf Fuß tief eingraben, und wenn sie auch die ganze Kirche mit in die Grube stürzen würden, um mich darunter zu begraben – ich würde doch nicht ruhen, bis ich dich bei mir hätte. Nie und nimmer würde ich ruhen!«

Sie schwieg und lächelte seltsam und fuhr dann fort: »Er bedenkt sich – er möchte lieber, daß ich zu ihm hinüberkäme. Gut denn! So finde du einen anderen Weg – am Kirchhof vorbei.«

Da ich sah, daß es erfolglos war, gegen ihren Wahnwitz anzukämpfen, wollte ich sie wenigstens mit irgend einer Decke gegen die Nachtkälte schützen. Doch wie sollte ich das machen? Ich durfte sie am offenen Fenster nicht allein lassen.

In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und Mr. Linton trat ein. Er begab sich soeben erst aus dem Bibliothekzimmer hinauf, um schlafen zu gehen, da hörte er unsere Reden und trat ein, um nachzusehen, was das zu bedeuten habe.

»0, Herr!« schrie ich, noch ehe er Zeit hatte, einen Laut der Verwunderung auszustoßen, »meine arme Herrin ist krank, und ich kann nicht mit ihr fertig werden! Bitte kommen Sie herein und reden Sie ihr zu, ins Bett zu gehen. Lassen Sie Ihren Zorn begraben sein, denn man muß ihr ihren Willen lassen.«

»Catherine krank?« sagte er, zu uns eilend. »Mach das Fenster zu, Ellen! Catherine, warum – –«

Er schwieg. Catherines verhärmtes Aussehen und verwirrtes Wesen benahm ihm die Sprache, und seine Blicke schweiften in grenzenlosem Erstaunen von ihr zu mir.

»Sie hat die ganze Zeit fast nichts gegessen und nie geklagt«, fuhr ich in meinem Bericht fort. »Sie hat bis heut abend keinen von uns zu sich eingelassen, darum konnten wir Ihnen auch über ihren Zustand keine Mitteilung machen, da wir ja selbst darüber nichts wußten. Aber es hat wohl nicht viel zu bedeuten.«

Ich fühlte, daß meine Entschuldigungen recht unzulänglich waren. Der Herr runzelte die Stirn. »Es ist nichts, Ellen Dean, wie?« sagte er streng. »Du sollst mir noch Rechenschaft darüber geben, warum du mich so in Unkenntnis gelassen hast.« Und er nahm sein Weib in die Arme und betrachtete sie mit Besorgnis.

Zuerst schien sie ihn nicht zu erkennen. Doch ihre Augen blickten nicht mehr gebannt in die Nacht, sondern waren auf ihn gerichtet, und nach und nach erkannte sie ihn auch.

»Ah, du bist also gekommen, Edgar Linton?« sagte sie lebhaft. »Ich glaube, wir werden einander jetzt viel zu klagen haben, aber nichts kann mich mehr zurückhalten von meiner Heimstätte dort drunten, meinem Ruheplatz, der mich aufnehmen wird, noch ehe der Sommer kommt Dort unten liegt er. Beachte es wohl: nicht bei den Lintons unterm Kirchendach, sondern unter Gottes freiem Himmel. Und du mußt nun wählen, ob du zu ihnen gehen oder an meine Seite kommen willst.«

»Catherine, was hast du getan?« begann der Herr. »Bin ich dir denn gar nichts mehr? Liebst du jenen Schurken Heath ...«

»Still!« schrie Mrs. Linton. »Nennst du noch einmal diesen Namen, so ende ich alles durch einen Sprung aus dem Fenster. Nur meinen Leib hältst du, Edgar Linton, aber meine Seele wirst du niemals bändigen – die tanzt dort auf den Hügeln. Ich brauche dich nicht mehr. Kehre zurück zu deinen Büchern. Ich bin froh, daß du in ihnen einen Trost besitzest, denn was du an mir hattest, ist alles dahin.« »Ihr Geist geht irre, Herr!« fiel ich ein. »Sie hat den ganzen Abend sinnloses Zeug geredet. Wir dürfen sie nicht wieder erzürnen, dann wird sie sich gewiß bald erholen.«

»Ich verlange keine Ratschläge von dir«, entgegnete Mr. Linton. »Du kanntest den Charakter deiner Herrin, und du ermutigtest mich, sie zu quälen. Mir von ihrem Zustand während dieser drei Tage keine Mitteilung zu machen! Das war herzlos! Monatelanges Krankenlager hätte sie nicht so herunterbringen können.«

Ich begann mich zu verteidigen, denn es schien mir zu arg, für ihre boshaften Launen verantwortlich gemacht zu werden.

»Ich kannte den Charakter Mrs. Lintons als eigenwillig und tyrannisch«, schrie ich. »Aber ich wußte nicht, daß ich, um es ihr und Ihnen recht zu machen, Heathcliff gegenüber ein Auge zudrücken müsse. Ich habe die Pflicht einer gewissenhaften Dienerin erfüllt, indem ich Sie von den Vorgängen unterrichtete – und da habe ich ja nun auch den Lohn einer treuen Dienerin. Nun, ein andermal werde ich vorsichtiger sein. Ein andermal mögen Sie selbst auf Ihrer Hut sein vor schlimmen Ereignissen.«

»Solltest du noch einmal mit deinen Klatschereien zu mir kommen, so wirst du aus meinem Dienst entlassen, Ellen Dean«, antwortete er.

»Sie möchten also lieber über gewisse Dinge ganz hinwegsehen, Mr. Linton?« fragte ich. »Heathcliff hat Ihre Erlaubnis, dem jungen Fräulein zudringlich nachzusteigen und in Ihrer Abwesenheit hier einzudringen, um die Herrin gegen Sie aufzuwiegeln?«

Trotz ihrer Geistesverwirrung hatte Catherine unser Gespräch verstanden.

»Ah, Nelly hat den Angeber gespielt!« rief sie zornig. »Nelly ist mein hinterlistiger Feind; ich habe es ja gewußt! Laß mich los, und ich will sie zwingen, kniefällig um Vergebung zu winseln!«

Die Wut des Wahnsinns flammte aus ihren Augen. Sie wand sich verzweifelt, um sich aus Lintons Armen zu befreien.

Ich fühlte keine Veranlassung, das weitere abzuwarten, beschloß vielmehr, mich nach ärztlicher Hilfe umzusehen, woran mein Herr gar nicht zu denken schien. Und so verließ ich das Zimmer.

Ich durchschritt den Garten und näherte mich dem Torweg, als ich an einem mir bekannten Haken in der Mauer etwas Weißes hängen sah, das wild zappelte. Ich blieb stehen, um das Ding zu betrachten, und erkannte zu meinem Entsetzen Miß Isabellas Hündchen Fanny, das man an einem Taschentuch aufgeknüpft hatte, und das nahe daran war, zu ersticken. Ich befreite das Tierchen und setzte es in den Garten nieder. Am Abend war es noch seiner Herrin, als diese schlafen ging, hinauf in ihr Zimmer gefolgt, und es war mir unverständlich, wie es dort wieder herausgekommen und wer es so mißhandelt haben konnte. Da schien es mir, als hörte ich das ferne Galoppieren von Pferden, aber mein Kopf war so voll von den letzten Ereignissen, daß ich diesem Umstand keine Beachtung schenkte; doch war es jedenfalls seltsam, daß um zwei Uhr morgens ein Reiter in diese Gegend kam.

Als ich bei Mr. Kenneth eintraf, verließ er gerade das Haus, um einen Patienten im Dorf zu besuchen, mein Bericht von Catherine Lintons Erkrankung veranlaßte ihn jedoch, sofort mit mir zu kommen.

»Nelly Dean«, sagte er, »ich kann nur annehmen, daß hierfür eine besondere Ursache vorliegt. Was geht auf Drosselkreuz vor? Man munkelt hier seltsame Dinge. Ein starkes mutiges Weib wie Catherine wird nicht so krank ohne ernste Veranlassung – und solche Leute dürfen auch nicht krank werden. Es ist sehr schwer, sie durch ein Fieber und dergleichen durchzubringen. Wie kam es denn?«

»Der Herr wird Ihnen das nähere mitteilen«, antwortete ich. »Sie kennen ja den heftigen Charakter der Earnshaws, und Mrs. Linton überbietet darin noch die anderen. Soviel will ich ihnen sagen. Es begann mit einem Streit, und in einem leidenschaftlichen Wutanfall bekam sie so was wie eine Ohnmacht. Wenigstens sagte sie es. Sie lief in höchster Erregung fort und schloß sich ein. Dann verweigerte sie tagelang jede Nahrung, und jetzt fällt sie abwechselnd in Raserei und Traumzustand. Sie ist wohl bei Bewußtsein, doch voll von sonderbaren Gedanken und Vorstellungen.«

»Wird Mr. Linton es schwer nehmen?« fragte Kenneth.

»Schwer? Das Herz würde ihm brechen, wenn etwas schlimmes geschehen würde«, entgegnete ich. »Erschrecken Sie ihn nicht mehr als nötig.«

»Nun, ich sagte ihm ja, er solle sich vorsehen«, erwiderte mein Begleiter. »Und er muß die Folgen tragen. Warum mißachtete er meine Warnung! Hat er sich nicht in letzter Zeit mit Mr. Heathcliff befreundet?«

»Heathcliff kommt öfters nach Drosselkreuz«, antwortete ich. »Doch mehr, weil er ein Jugendfreund der Frau ist, als weil er und Linton Gefallen aneinander gefunden hätten. Augenblicklich ist ihm das Haus verboten infolge seiner Bemühungen um Miß Linton.«

»Und sie, Miß Linton? Ist sie abweisend gegen ihn?« war die nächste Frage des Arztes.

»Sie hat mich nicht ins Vertrauen gezogen«, erwiderte ich, denn es schien mir nicht gut, auf diese Frage einzugehen.

»Ja, ja, sie ist eine Schlaue«, bemerkte er, den Kopf wiegend. »Sie fragt keinen um Rat, aber sie macht recht bedenkliche Streiche Ich weiß von zuverlässiger Seite, daß in letzter Nacht – und was für einer Nacht – Heathcliff und sie im Garten hinter eurem Hause herumspazierten. Zwei Stunden waren sie beisammen, und er suchte sie zu überreden, mit ihm sein Pferd zu besteigen und sich entführen zu lassen. Sie konnte sich nicht entschließen, aber sie gab ihm ihr Wort, bei nächster Gelegenheit bereit zu sein. Mr. Linton müßte gewarnt werden, denn da ist etwas schlimmes im Spiele.«

Diese Mitteilung machte mich sehr besorgt Ich ließ Kenneth zurück und lief spornstreichs nach Haus. Der kleine Hund heulte noch im Garten. Ich ließ ihn frei, aber anstatt sich dem Hause zuzuwenden, lief er hin und her, schnüffelte im Grase und wäre auf die Straße hinausgestürzt, hätte ich ihn nicht ergriffen und mit mir ins Haus genommen.

Ich ging hinauf in Isabellas Zimmer. Mein Verdacht bestätigte sich: es war leer. Wäre ich ein paar Stunden früher gekommen, so hätte Mrs. Lintons Krankheit sie vielleicht von ihrem voreiligen Schritt zurückgehalten. Was aber konnte jetzt noch getan werden? Wohl war eine schwache Möglichkeit vorhanden, die Flüchtlinge durch Verfolgung einzuholen. Ich jedoch konnte sie nicht verfolgen, und ebensowenig durfte ich das Haus alarmieren. Da war es das beste, dem Herrn, den sein Schmerz um Catherine ganz beherrschte und der einen zweiten Kummer nicht hätte tragen können, die Sache vorläufig zu verheimlichen. Ich sah keinen anderen Weg, als den Mund zu halten und abzuwarten, wie die Dinge sich entwickeln würden. Und da Kenneth inzwischen eingetroffen, ging ich hinein, ihn anzumelden.

Catherine lag in unruhigem Schlummer. Ihr Gatte saß an ihrem Lager und beobachtete besorgt jeden Schatten, der über ihre schmerzlich ausdrucksvollen Züge glitt.

Der Arzt ließ sich den Fall eingehend schildern, besichtigte die Kranke und meinte hoffnungsvoll, daß die Sache noch glücklich verlaufen könne, wenn wir es verständen, für vollständige und dauernde Ruhe zu sorgen.

Mir sagte er später unter vier Augen, daß die Gefahr hier nicht so sehr in Tod als in unheilbarer Geistesstörung zu suchen sei.

Ich ging an diesem Morgen nicht mehr zu Bett, und auch Mr. Linton legte sich nicht zur Ruhe. Selbst die Dienerschaft erwachte früher als gewöhnlich, ging mit vorsichtigen Schritten durchs Haus und flüsterte an allen Ecken und Enden. Alle Welt war auf und tätig, nur Miß Isabella fehlte, und man begann aufmerksam zu werden und wunderte sich, weshalb sie so lange schlief. Auch ihr Bruder fragte nach ihr und schien sie ungeduldig zu erwarten. Ich zitterte davor, daß er mir auftragen könne, sie zu rufen. Da kam eine der Mägde, die schon früh morgens einen Gang nach Gimmerton zu machen gehabt hatte, atemlos die Treppe heraufgelaufen und stürzte ohne Überlegung schreiend ins Zimmer:

»O Gott o Gott! Was werden wir noch alles erleben! Herr, Herr, unser junges Fräulein –«

»Schrei doch nicht so!« rief ich, zornig über ihr rücksichtsloses Gebaren.

»Sprich leiser, Mary. Was ist los?« sagte Mr. Linton. »Was fehlt dem jungen Fräulein?«

»Fort ist sie, fort! Der Heathcliff ist durchgebrannt mit ihr!« stieß das Mädchen hervor.

»Das ist nicht wahr!« rief Linton aufstehend. »Das kann gar nicht sein. Wer hat dir nur das in den Kopf gesetzt? Ellen Dean, geh und hole sie. Das ist ja undenkbar.«

Während er sprach, führte er das Mädchen zur Tür und wiederholte dann nochmals seine Frage, wie sie zu dieser ungeheuerlichen Behauptung komme.

»Ja, ich traf unterwegs einen Burschen, der hier die Milch holt«, stammelte sie, »und der meinte, wir hätten wohl eine schöne Sorge und Unrast jetzt hier auf Drosselkreuz. Ich dachte, er meine das wegen der Krankheit der Frau, und ich sagte ja. Und dann sprach er weiter. ›Ich kann mir denken, ihr habt gleich die Verfolgung aufgenommen?‹ Ich starrte ihn an. Er sah, daß ich ihn nicht verstand, und da erzählte er, wie kurz nach Mittemacht draußen beim Schmied, zwei Meilen hinter Gimmerton, ein Herr und eine Dame vorgeritten wären, um ein Pferd beschlagen zu lassen. Und wie des Schmieds Tochter heimlich aufgestanden sei und durchs Fenster gespäht habe, um sich die Leute anzusehen. Und da hat sie die beiden sofort erkannt. Der Mann war Heathcliff, und als Bezahlung drückte er ihrem Vater ein Goldstück in die Hand. Die Dame hatte ein Tuch vor dem Gesicht, aber sie ließ sich ein Glas Wasser bringen, und während sie trank, fiel das Tuch zurück, und das Mädchen erkannte ganz deutlich Miß Isabella. Heathcliff hielt die Zügel von beiden Pferden, als sie wieder abritten, und sie ritten nicht zum Dorf zurück, sondern weiter fort und so schnell, als die schlechten Wege es erlaubten. Und das Mädchen erzählte seine Beobachtung heut morgen in ganz Gimmerton herum.«

Gehorsam lief ich und blickte in Isabellas Zimmer. Ich wußte im voraus, daß alles, was die Magd gesagt, seine Richtigkeit hatte.

Als ich zurückkehrte, hatte Mr. Linton seinen Platz am Bett wieder eingenommen. Er hob den Blick, las in meinen Mienen den Sachverhalt und senkte die Augen wieder, ohne ein Wort zu äußern.

»Sollen wir versuchen, sie einzuholen und zurückzubringen?« fragte ich. »Wie sollen wir das machen?«

»Sie ging aus eigenem Antrieb«, antwortete der Herr. »Sie hatte das Recht zu gehen, wenn es ihr gefiel. Laß mich in Frieden mit ihr. Sie ist von nun an nicht mehr meine Schwester – nicht etwa, weil ich sie verleugne, sondern weil sie mich verleugnet hat«

Und das waren seine letzten Worte in dieser Sache. Er beauftragte mich noch, ihr, sobald ich ihren neuen Wohnort erfahren würde, alle Sachen, die sie hier zurückgelassen habe, zuzusenden – und dann wurde Isabellas nicht mehr Erwähnung getan.

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