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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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IX.

Mr. Hindley trat, Verwünschungen ausstoßend, ein und erwischte mich bei dem Bemühen, seinen Sohn im Küchenschrank in Sicherheit zu bringen. Hareton war von grauenhafter Angst besessen sowohl vor seines Vaters wildbestienhafter Zärtlichkeit als auch vor seinem wahnsinnigen Zorn; denn einerseits lief er Gefahr, zu Tode gedrückt und geküßt, und andererseits ins Feuer geworfen oder an die Wand geschleudert zu werden. So verhielt sich der arme kleine Kerl mäuschenstill – wohin ich ihn auch stecken mochte.

»Da! Endlich hab ich ihn entdeckt!« schrie Hindley, mich wie einen Hund im Nacken ergreifend und zurückschleudernd. »Himmel und Hölle! Ihr habt euch verschworen, das Kind zu morden! Jetzt weiß ich, warum er vor mir verborgen gehalten wird. Doch, Nelly, mit Satans Hilfe werde ich dich jetzt das Tranchiermesser schlucken lassen. Du brauchst nicht zu lachen; ich habe soeben Kenneth kopfüber ins Rappenmoor gestopft; und ob's ein oder zwei sind, ist auch egal – und ich muß von euch Diebsgesindel einen umbringen, eher habe ich keine Ruhe!«

»Aber ich mag das Tranchiermesser nicht, Mr. Hindley«, antwortete ich; »man hat heut Heringe damit geschnitten. Ich möchte lieber erschossen werden, wenn Sie so gut sein wollen.«

»Du möchtest lieber verflucht werden, Kanaille, und das sollst du auch!« sagt© er. »Kein Gesetz in England kann einen Menschen hindern, in seinem Haus auf Ordnung zu halten, und in meinem geht es drunter und drüber! Öffne den Mund!«

Er hielt das Messer in der Hand und schob dessen Spitze zwischen meine Zähne. Doch ich war seinen Streichen gegenüber nicht sehr ängstlich. Ich spuckte aus und beteuerte, es schmecke schauderhaft – ich würde es auf keinen Fall schlucken.

»O«, sagte er, mich freigebend, »ich sehe, dieser infame kleine Lump ist nicht Hareton. Verzeih, Nelly! Denn wenn das Hareton ist, so verdiente er, bei lebendigem Leibe gevierteilt zu werden, weil er, statt zu meiner Begrüßung herbeizueilen, kreischt, als wäre ich ein Menschenfresser. Entartetes Fund, komm her! Ich will dich lehren, einem gutherzigen verblendeten Vater zu trotzen! – Nun, meinst du nicht, der Junge würde bei weitem hübscher sein, wenn er gestutzte Ohren hätte? Es macht einen Hund rassiger, und ich liebe was Rassiges – gib mir die Schere – so was Rassiges und Hübsches. Und dann: ist es nicht höllische Ziererei, teuflische Eitelkeit, in unsere Ohren verliebt zu sein? Wir sind auch ohne sie eselhaft genug. Still, Kind, still! Na ja also, mein Herzchen! Still, wisch die Augen aus! Immer munter! Küsse mich! Was? Er will nicht? Küsse mich, Hareton! Verfluchter Bengel, wirst du mich küssen! Bei Gott, als ob ich so ein Scheusal großziehen möchte! So wahr ich lebe, ich breche dem Bengel den Hals!«

Der arme Hareton schrie und wand sieh in den Armen des Vaters und verdoppelte sein gellendes Geheul, als Hindley ihn die Treppen hinauftrug und über das Geländer hob. Ich rief, er werde das Kind noch wahnsinnig machen vor Angst und lief zu Hilfe. Als ich ihn erreichte, beugte sich Hindley über das Geländer und horchte hinunter, völlig vergessend, daß er sein Kind, in den Armen hielt »Wer ist das?« fragte er, da sich drunten Schritte vernehmen ließen. Ich blickte ebenfalls hinunter, um Heathcliff, dessen Schritt ich erkannt hatte, ein Zeichen zu geben, sich fernzuhalten – doch im Moment, da mein Auge sich von Hareton abwandte, gab dieser sich einen plötzlichen Ruck, der ihn dem nachlässigen Griff Hindleys entwand, und fiel hinab.

Wir hatten kaum einen Schrei des Entsetzens ausgestoßen, als wir auch schon sahen, daß der kleine Kerl keinen Schaden genommen hatte. Heathcliff hatte nämlich den Treppenfuß gerade im kritischen Moment erreicht und fing – einem natürlichen Impulse folgend – den Herabfallenden auf und stellte ihn auf die Füße. Dann blickte er hoch, um den Urheber des Unfalles zu suchen. Ein Geizhals, der sein Lotterielos für fünf Mark verkauft und am folgenden Tage entdeckt, daß er bei dem Handel fünfzigtausend Mark verloren hat, könnte in seinen Mienen nicht deutlicher sein Entsetzen verraten, als Heathcliff, da er droben das Antlitz Mr. Earnshaws erkannte. Klarer als Worte es vermocht hätten, drückten seine Züge die heftigste Qual darüber aus, daß er die Gelegenheit zur Rache mit eigenen Händen aufgehalten hatte. Ich kann wohl sagen: wäre es dunkel gewesen, er würde versucht haben, den Fehler wieder gut zu machen, er würde Hareton auf den Treppenstufen zerschmettert haben; aber wir hatten sein Rettungswerk mit angesehen, und ich flog augenblicklich hinunter und preßte meinen geliebten Pflegling ans Herz. Hindley kam langsamer nach, ernüchtert und beschämt.

»Es ist deine Schuld, Ellen«, sagte er; »er hätte mir nicht unter die Augen kommen dürfen, du hättest ihn fernhalten müssen. Ist er irgendwie verletzt?«

»Verletzt?« schrie ich zornig. »Wenn er nicht tot ist, so wird er zumindest eine Gehirnerschütterung davongetragen haben, er wird ein Idiot werden! O, mich wundert, daß seine Mutter nicht aus dem Grabe steigt, um zu sehen, wie Sie mit ihm umgehen. Sie sind schlimmer als ein Heide – Ihr eigen Fleisch und Blut so zu mißhandeln!«

Er griff nach dem Kinde, das, nun es sich in meinen Armen wußte, jämmerlich schluchzte. Bei der ersten Berührung seines Vaters schrie es jedoch wieder gellend auf und wand sich, als ob es Krämpfe habe.

»Sie sollen ihn in Ruhe lassen!« fuhr ich fort. »Er haßt Sie – alle hassen Sie! Das ist die Wahrheit. Was für ein Familienleben Sie haben, verdanken Sie Ihrem jämmerlichen lasterhaften Zustand.«

»Das soll noch viel besser werden, Nelly«, lachte der Unglückliche, seine Strenge wiedergewinnend. »Für jetzt troll dich mit ihm. Und du, Heathcliff, hüte dich, pack dich! Ich will nichts von dir hören und sehen. Ich mag dich heut nicht umbringen – es sei denn, daß es mir einfallen sollte, das Haus anzuzünden; aber das kommt ganz auf meine Laune an.«

Während er so sprach, nahm er eine große Flasche Branntwein vom Büffet und goß sich ein Trinkglas voll.

»Trinken Sie nicht!« bat ich. »Mr. Hindley, lassen Sie sich warnen. Wenn Sie schon kein Mitleid mit sich selbst haben, so erbarmen Sie sich wenigstens Ihres unglücklichen Knaben.«

»Jeder andere kann ihm nützlicher sein als ich«, antwortete er.

»Erbarmen Sie sich Ihrer eigenen Seele!« sagte ich und versuchte, ihm das Glas zu entwinden.

»Im Gegenteil, ich werde große Freude daran haben, sie ins Verderben zu schicken, zur Strafe für ihren Schöpfer!« rief der Lästerer. »Dies auf ihre gründliche Verdammnis!«

Er trank den Sprit und befahl uns ungeduldig, fortzugehen, und schloß an diesen Befehl eine Reihe gräßlicher, nicht wiederzugebender Verwünschungen.

»Es ist ein Jammer, daß er sich mit seinem Saufen nicht umzubringen vermag«, bemerkte Heathcliff, als sich die Tür hinter uns geschlossen hatte. »Er tut ja sein Äußerstes, aber seine Konstitution bietet ihm Trotz. Mr. Kenneth sagt, er wette seinen Gaul, daß Hindley jeden Mann diesseits von Gimmerton überleben und als weißhaariger Sünder ins Grab steigen werde – es sei denn, daß ein außerhalb menschlicher Berechnung liegender Glücksfall einträfe.«

Ich ging in die Küche und setzte mich dort nieder, um mein Pflegekindchen in Schlaf zu wiegen. Heathcliff wandte sich – wie ich vermutete – hinüber zum Stall. Wie sich jedoch nachher herausstellte, hatte er die Küche gar nicht verlassen, sondern sich auf der anderen Seite des Herdes auf eine Bank an der Mauer niedergelegt.

Ich schaukelte Hareton auf den Knieen und summte ein Liedchen dazu, als Miß Cathy, die den Lärm auf ihrem Zimmer vernommen hatte, den Kopf hereinsteckte und flüsterte:

»Bist du allein, Nelly?«

»Ja, Miß«, antwortete ich.

Sie trat ein und kam auf mich zu. Ich sah auf, in der Annahme, daß sie etwas zu sagen habe. Der Ausdruck ihres Gesichtes schien verwirrt und ängstlich. Ihre Lippen waren halb geöffnet, als wolle sie sprechen, und sie holte tief Atem. Aber statt zu sprechen, seufzte sie nur. Ich summte mein Lied weiter, denn ich hatte ihr ungezogenes Wesen noch nicht vergessen.

»Wo ist Heathcliff?« fragte sie, mich unterbrechend.

»Im Stall bei seiner Arbeit«, war meine Antwort.

Er widersprach mir nicht; vielleicht war er eingeschlummert. Es entstand wieder eine lange Pause, während der ich von Catherines Wangen ein paar Tropfen auf die Fliesen fallen sah. Schämt sie sich ihres Betragens? fragte ich mich. Das wäre etwas neues. Doch mag sie nur sehen, wie sie es wieder gut macht – ich werde ihr nicht helfen! Aber nein, was nicht ihre eigenen Angelegenheiten betraf, bekümmerte sie wenig. »Ach, liebe Nelly!« rief sie endlich, »ich bin sehr unglücklich!«

»Traurig«, bemerkte ich. »Sie sind schwer zufriedenzustellen. So viel Freunde und so wenig Sorgen, und doch können Sie sich nicht zufrieden geben?«

»Nelly, willst du mir ein Geheimnis bewahren?« fuhr sie fort, kniete an meiner Seite nieder und sah mich mit einem Blick an, der alle Mißstimmung, und sollte man auch das größte Recht dazu haben, austilgen mußte.

»Ist es der Aufbewahrung wert?« fragte ich entgegenkommender.

»Ja, und es quält mich, und ich muß es heraussagen. Ich möchte wissen, was ich tun soll. Heut hat mich Edgar Linton gebeten, seine Frau zu werden, und ich habe ihm Antwort gegeben. Nun, ehe ich verrate, ob es eine Zu- oder Absage war, sag du mir, was es hätte sein sollen.«

»In der Tat, Miß Catherine, wie kann ich das wissen?« entgegnete ich. »Gewiß, wenn ich bedenke, welches Schauspiel Sie ihm heut Nachmittag gegeben haben, kann ich wohl sagen, daß es ratsam wäre, ihn abzuweisen, denn da er nach diesem Auftritt die Frage an Sie richtete, so muß er entweder hoffnungslos dumm oder gefährlich tollkühn sein.«

»Wenn du so sprichst, werde ich dir nichts mehr sagen«, erwiderte sie gekränkt und stand auf. »Ich habe seinen Antrag angenommen, Nelly. Nun schnell, sag ob ich recht getan habe!«

»Sie haben ihn angenommen; was sollen wir also noch über die Sache verhandeln? Sie haben Ihr Wort verpfändet und können es nicht zurücknehmen.«

»Aber sag, ob ich es nicht hätte tun sollen – sag!« rief sie gereizt und runzelte die Stirn.

»Ehe man diese Frage richtig beantworten kann, sind gar viele Dinge zu bedenken«, sagte ich gewichtig. »Zuerst und vor allem: lieben Sie Mr. Edgar?«

»Natürlich«, gab sie zur Antwort.

Dann legte ich ihr folgende Fragen vor – für ein Mädchen von zweiundzwanzig waren sie nicht unverständig.

»Warum lieben Sie ihn, Miß Cathy?«

»Unsinn! Ich liebe ihn – das genügt.«

»Keineswegs. Sie müssen sagen, warum?«

»Also, weil er hübsch ist, und weil es angenehm ist, mit ihm umzugehn.«

»Schlimm!«

»Und weil er jung ist und fröhlich.«

»Noch immer schlimm.«

»Und weil er mich liebt«

»Tut nichts zur Sache.«

»Und er wird reich sein, und ich möchte gern einmal die reichste Frau in unserer Gegend sein, und ich werde stolz sein, solch einen Mann zu haben.«

»Schlimmer als schlimm! Und nun sagen Sie, wie Sie ihn lieben.«

»So wie jedermann liebt – du bist dumm, Nelly.«

»Durchaus nicht – Antwort!«

»Ich liebe den Boden unter seinen Füßen und die Luft über seinem Haupte und alles, was er berührt, und jedes Wort, das er sagt. Ich liebe all seine Blicke und all sein Tun und ihn selbst über alles ganz und gar. Also nun!«

»Und warum?«

»Nein; du verulkst mich, das ist schlecht von dir! Es ist kein Scherz für mich!« sagte die junge Dame und wandte sich vom Feuer ab.

»Ich bin weit entfernt davon, zu scherzen, Miß Catherine«, erwiderte ich. »Sie lieben Mr. Edgar, weil er jung ist und hübsch und fröhlich und reich und Sie liebt. Das letzte allerdings gilt nichts; Sie würden ihn voraussichtlich auch ohne das geliebt haben; und wäre nur das Geld vorhanden, und er besäße die vier vorher genannten Vorzüge nicht, so würden Sie ihn nicht lieben.«

»Nein, gewißlich nicht. Ich würde ihn nur bedauern – vielleicht hassen, wenn er häßlich und ein Tölpel wäre.«

»Aber es gibt noch mehr hübsche und reiche junge Männer in der Welt, hübschere vielleicht und reichere als ihn. Was hindert Sie, diese zu lieben?«

»Wenn es welche gibt, so sind sie unsichtbar für mich; ich habe noch keinen anderen als Edgar gesehen.«

»Das kann noch kommen; und er wird nicht immer hübsch sein und jung und wird nicht immer reich sein.«

»Er ist es jetzt, und ich habe nur mit der Gegenwart zu tun. Ich wollte, du sprächest vernünftig.«

»Gut; das erledigt die Sache. Wenn Sie nur mit der Gegenwart zu tun haben, so heiraten Sie Mr. Linton.«

»Ich brauche nicht deine Erlaubnis dazu – ich werde ihn heiraten. Und doch – du hast mir nicht gesagt, ob ich recht daran tue.«

»Vollkommen recht; falls Leute recht daran tun, nur für die Gegenwart zu heiraten. Und jetzt lassen Sie hören, worüber Sie unglücklich sind. Ihr Bruder wird erfreut sein; die alten Herrschaften werden, denke ich, nichts dagegen haben; Sie werden sich aus einem ungeordneten ungemütlichen Hause in ein achtungswertes, wohlhabendes Heim retten; und Sie lieben Edgar und Edgar liebt Sie. Alles ist klar und selbstverständlich: wo ist das Hindernis?«

»Hier und hier!« erwiderte Catherine, mit der einen Hand an die Stirn und mit der anderen an die Brust fassend. »Meine Seele, mein Herz ist überzeugt davon, daß ich verkehrt handle.«

»Das ist sehr seltsam. Ich verstehe es nicht.«

»Es ist mein Geheimnis. Doch wenn du mich nicht auslachen willst, will ich es dir auseinandersetzen. Ich kann das nicht klar ausdrücken, aber ich will dich fühlen lassen, was ich fühle.«

Sie setzte sich wieder zu mir. Ihr Gesicht wurde ernst, fast traurig, und ihre zusammengepreßten Hände bebten.

»Nelly, träumst du nie sonderbare Träume?« sagte sie nach einigen Minuten tiefen Nachdenkens.

»Ja, ab und zu«, antwortete ich.

»Ich auch. Ich habe schon Träume geträumt, die nie mehr von mir gegangen sind, und die meine Gedanken ganz verwandelten. Sie haben mein ganzes Sein durchdrungen, so wie Wasser und Wein sich mengen, und haben mein Gemüt ganz verändert. Und einen dieser Träume will ich dir also berichten, doch hüte dich, darüber zu lächeln.«

»Erzählen Sie nicht, Miß Catherine!« rief ich. »Wir sind elend genug, ohne Geister heraufzubeschwören und uns an Visionen zu entsetzen. Kommen Sie! Seien Sie wieder die alte Catherine! Seien Sie fröhlich! Sehen Sie den kleinen Hareton. Er träumt nichts betrübendes. Wie süß er lächelt im Schlaf.«

»Ja; und wie süß sein einsamer Vater da drüben flucht. Du hast ihn gekannt, als er noch grad so ein Pausback war, wie jetzt sein Sohn hier – und grad so unschuldig. – Doch Nelly, du mußt mich anhören. Ich habe nicht viel zu sagen, und es drückt mir das Herz ab.«

»Ich will nichts hören, ich will nicht!« wiederholte ich heftig.

Ich war damals, was Träume anbelangt, sehr abergläubisch, und ich bin es noch heute. Und Catherine hatte an jenem Tag einen seltsamen schweren Blick, der mich fürchten ließ, daß ich in ihrem Bericht irgend etwas Prophetisches erblicken, vielleicht eine schreckliche Katastrophe voraussehen würde. Sie war erzürnt, aber sie bestand nicht mehr auf ihrem Willen. Sie sprach von etwas anderem:

»Wenn ich im Himmel wäre, Nelly, ich würde ungeheuer unglücklich sein.«

»Weil Sie dafür noch nicht reif sind«, antwortete ich. »Alle Sünder würden sich unglücklich fühlen im Himmel.«

»Aber es ist nicht deswegen. Ich habe mal geträumt, daß ich dort sei.«

»Ich sage Ihnen, ich will nichts von Ihren Träumen hören, Miß Catherine! Ich werde schlafen gehen«, unterbrach ich sie wieder.

Sie lachte und hielt mich fest.

»Ich wollte ja nur sagen«, rief sie, »daß es mir dort im Himmel nicht heimatlich vorkam und daß mir fast das Herz brach vor Sehnsucht, wieder auf Erden zu sein. Und die Engel waren so zornig über mich, daß sie mich hinunterwarfen, mitten auf die Heide hinunter, auf die Höhe von Sturmheid; und da erwachte ich, schluchzend vor Freude. – So, besser kann ich dir mein Geheimnis nicht erklären. Ich habe keine größere Veranlassung, Edgar Linton zu heiraten, als ich Veranlassung hätte, mich nach dem Himmel zu sehnen. Und wenn nicht jener Wüterich da drüben Heathcliff so ganz zerstört hätte, so würde ich an den Anderen gar nicht gedacht haben. Jetzt würde es mich herabwürdigen, Heathcliff zu heiraten, und darum soll er nie wissen, wie sehr ich ihn liebe – ihn liebe, nicht weil er hübsch ist, Nelly, sondern weil er mehr mein Ich ist, als ich selber es bin. Woraus auch unsere Seelen geschaffen sein mögen: seine und meine Seele gleichen sich völlig; und Lintons Seele ist so anders, wie ein Mondstrahl anders ist als ein Blitz, oder Frost anders als Feuer.«

Noch ehe sie zu Ende geredet hatte, bemerkte ich Heathcliffs Anwesenheit. Ich vernahm ein leichtes Geräusch, hob den Kopf und sah ihn von der Bank hinterm Herd aufstehen und davonschleichen. Er hatte alles mit angehört, und als Catherine sagte, daß es sie herabwürdigen würde, ihn zu heiraten, ging er hinaus. Da sie auf der Erde saß, hinderte sie die Rücklehne der Bank seine Gegenwart oder sein Hinausgehen zu bemerken. Ich aber fuhr auf und hieß sie schweigen.

»Warum?« fragte sie, besorgt umherblickend.

»Josef kommt«, antwortete ich, da ich gerade das Rollen der Karrenräder hörte. »Und Heathcliff wird mit ihm kommen. Ich bin nicht sicher, ob er nicht eben hier an der Tür gewesen ist.«

»O, an der Tür hat er mich nicht verstehen können!« sagte sie. »Gib mir Hareton, während du das Abendessen richtest, und wenn es fertig ist, so laß mich mit euch essen. Ich möchte mein Gewissen beruhigen und mich überzeugen, daß Heathcliff von diesen Dingen keine Kenntnis hat. Aber er weiß ja nicht, was das ist: lieben!«

»Ich sehe keinen Grund dafür, daß er das nicht ebensogut wissen sollte, als Sie«, gab ich zurück; »und wenn seine Wahl auf Sie gefallen ist, Miß Cathy, so wird er der unglücklichste Mensch von der Welt. Denn, wenn Sie Mrs. Linton werden, verliert er Freundin und Liebe und alles. Haben Sie schon darüber nachgedacht, wie Sie die Trennung ertragen werden, und wie er es ertragen wird, ganz verlassen zu sein? Denn, Miß Catherine –«

»Er ganz verlassen? Wir getrennt?« rief sie fast aufgebracht. »Wer wird uns trennen, bitte? Dem soll es schlecht bekommen! Nicht so lange ich lebe, Ellen, wird das geschehen, um keinen Preis der Welt! Jeder Linton auf der ganzen Erde mag dahinfahren, ehe ich bereit wäre, Heathcliff aufzugeben. Nein, das ist es nicht, was ich gewollt, das nicht! Ich würde nicht Mrs. Linton werden, wenn dieser Preis verlangt würde. Er wird mir ebensoviel sein als bisher – all sein Leben lang. Edgar muß seine Antipathie ablegen und ihn zum mindesten dulden. Und das wird er auch, wenn er meine wahren Gefühle für ihn kennen lernt. Ich sehe jetzt, Nelly, du hältst mich für ein recht selbstsüchtiges Geschöpf; aber hast du nie bedacht, daß, wenn ich Heathcliff heiraten würde, wir beide Bettler wären, wohingegen, wenn ich Linton heirate, ich Heathcliff helfen kann, in die Höhe zu kommen und der Tyrannei meines Bruders zu entfliehen?«

»Mit dem Gelde Ihres Gatten, Miß Catherine?« fragte ich. »Sie werden ihn nicht so gefügig finden, als Sie annehmen, und – obschon ich nicht richten darf – ich finde, dies ist bis jetzt der übelste Grund, den Sie dafür, die Frau des jungen Linton zu werden, angegeben haben.«

»Nicht der übelste, sondern der beste«, entgegnete sie. »Die anderen betrafen die Befriedigung meiner Wünsche, dieser aber ist zum Heile des Einen, der meine Gefühle für Edgar und mich selbst in sich vereinigt. Ich kann es nicht so ausdrücken, aber sicherlich hast du und hat jedermann die Überzeugung, daß es außer diesem Leben noch ein anderes gibt. Was wäre der Zweck meines Daseins, wenn ich ganz in mir selbst erschöpft wäre? Meine großen Kümmernisse in diesem Leben waren Heathcliffs Kümmernisse, und ich habe alle seine Leiden von Anfang an gesehen und mitgefühlt. Mein großer Lebensgedanke – das ist er. Wenn alles andere vergehen würde, und er bliebe, so würde ich noch immer fortfahren, zu sein; und wenn alles andere bestehen bliebe, und nur er würde vernichtet, so würde das ganze Weltall mir Feind werden. Ich würde kein Teil mehr sein davon. – Meine Liebe zu Linton ist wie das Laub im Walde: die Zeit wird sie verändern, ich weiß es wohl, so wie der Winter die Bäume verändert. Meine Liebe zu Heathcliff gleicht den unterirdischen ewigen Felsmassen: sie sind keine Quelle großen Entzückens, aber sie sind notwendig. Nelly, ich bin Heathcliff! Er ist immer, immer in meinen Gedanken, in meinem ganzen Sein; nicht als ein Freudgefühl, ebensowenig wie ich mir selbst eine Freude bin, aber als mein eigenstes Wesen. Darum sprich nicht wieder von unserer Trennung – sie ist undurchführbar, und –«

Sie hielt inne und verbarg ihr Gesicht in den Falten meines Kleides; aber ich schob sie mit Gewalt fort. Ich war ihrer Verrücktheit überdrüssig.

»Ich kann keinen Sinn in Ihrem Unsinn finden, Miß«, sagte ich; »ich gewinne nur die Überzeugung, daß Sie sich nicht der Pflichten bewußt sind, die Sie durch eine Ehe auf sich nehmen, oder aber: daß Sie ein böses unmoralisches Mädchen sind. Darum behelligen Sie mich mit keinen weiteren Geheimnissen; ich verspreche nicht, daß ich sie halte.«

»Doch dieses wirst du bewahren?« fragte sie besorgt.

»Nein, das will ich nicht versprechen«, entgegnete ich.

Sie wollte noch weiter in mich dringen, aber Josefs Eintritt machte unserem Gespräch ein Ende. Catherine setzte sich in eine Ecke und nahm den schlafenden Hareton auf den Schoß, während ich das Abendbrot bereitete. Als es fertig war, stritten Josef und ich, wer von uns beiden Mr. Hindley etwas zu essen bringen solle; und wir zankten uns so lange, bis die Speise schließlich kalt war. Dann faßten wir den Entschluß, zu warten, bis er selbst danach verlangen werde, denn wenn er längere Zeit allein gewesen war, fürchteten wir uns sehr, in seine Nähe zu kommen.

»Un wiesu is dann der anner Lump noch nit vum Feld rinkumme? Wo treibt 'r sich erum? Werd faulenze!« sagte der alte Mann, sich suchend nach Heathcliff umblickend.

»Ich werde ihn rufen«, antwortete ich. »Er ist gewiß im Stall.«

Ich ging und rief, bekam aber keine Antwort. Als ich zurückkam, flüsterte ich Catherine zu, daß ich überzeugt sei, er habe ein gut Teil von dem vernommen, was sie mir anvertraut habe, und ich berichtete, wie ich ihn aus der Küche schleichen sah, gerade als sie von dem schlechten Benehmen ihres Bruders ihm gegenüber sprach.

Sie sprang entsetzt auf, warf Hareton auf den Herd nieder und lief davon, um ihren Freund selbst zu suchen. Sie blieb so lange aus, daß Josef vorschlug, nicht länger auf sie zu warten. Er meinte listig, die beiden blieben nur deshalb fort, um das lange Abendgebet zu vermeiden. Sie seien »su verdorwe, dat m'r nor 't allerschlächtst vun 'en annehme kann«. Und er verlängerte um ihretwillen das übliche – eine Viertelstunde währende – Gebet um ein beträchtliches und würde nach dem Essen noch ein zweites gesprochen haben, wäre nicht seine junge Herrin mit dem energischen Befehl über ihn hergefallen, den Weg hinabzulaufen und Heathcliff zu suchen und nicht eher heimzukommen, als bis er ihn gefunden habe.

»Ich will und muß sofort mit ihm sprechen, noch ehe ich schlafen gehe«, sagte sie. »Und das Tor ist auf. Er ist irgendwo außer Hörweite, denn er hat nicht geantwortet, trotzdem ich oben bei den Hürden so laut nach ihm rief, als ich nur konnte.«

Josef widersetzte sich zuerst. Sie meinte es jedoch so ernst, daß sie keinen Widerspruch duldete, und endlich nahm er seinen Hut und ging murrend davon. Inzwischen wanderte Catherine im Flur auf und ab und rief:

»Ich möchte wissen, wo er ist – wo er sein kann! Was habe ich denn gesagt, Nelly? Ich habe alles vergessen. War er bös über meine schlechte Laune heut nachmittag? Himmel! Sag mir, mit welchen Worten ich ihn gekränkt habe. Ich wollte, er käme nun. O, ich wollte, er käme!«

»Welch ein Lärm um nichts!« rief ich, obschon auch ich mich unbehaglich fühlte. »Welch eine Nichtigkeit bekümmert Sie! Daß Heathcliff etwa einen Mondspaziergang aufs Moor hinaus gemacht hat oder gar, zu faul, um auf unser Rufen Antwort zu geben, in einem Heuhaufen liegt, ist doch kein Grund zu solcher Aufregung. Ich wette, er treibt sich irgendwo im Feld herum. Passen Sie auf, ob ich ihn nicht auftreibe.«

Ich ging hinaus, um meine Suche wieder aufzunehmen. Sie war erfolglos wie auch Josefs Nachforschung.

»Der Borsch werd schlimmer un schlimmer!« sagte dieser zurückkommend. »Er hot de Stalldhür sperrangelwät uffstehn lasse, un Frääles Pony hot'n Haufen Korn nierertrampelt un is quer dorch niewer uff de Wies gelaaf. Hiemelsakra, de Här werd morje des Deiwels sin; un recht hot 'r! Bei dene liererliche Kreature muß änem jo de Geduld ausgehn – jo, de Geduld ausgehn. Awer er is nit schold. Ehr seid't ganz allän! Ehr macht 'n noch ganz verdreht!«

»Hast du Heathcliff gefunden, du Esel?« unterbrach ihn Catherine. »Hast du nach ihm gesucht, wie ich es dir aufgetragen habe?«

»Eich sollt liewer noh dem Gaul siehn«, antwortete er. »Dat war gescheider. Awer eich kann in su 'ner Naacht, die su schwarz is als wie en Schoornstän, kä Gaul un kä Mensch suche gehn. Un der Heathcliff is nit de Borsch, de uf mei Peife heere dhut – viellächt is 'r nit su verstockt, wann Ehr 'n rufe dhut.«

Es war in der Tat für einen Sommerabend außerordentlich finster. Die schwarzen Wolken drohten ein Gewitter zu bringen, und ich riet, es sei am besten abzuwarten, der Regen werde ihn schon heimtreiben. Doch Catherine blieb ruhelos. Hin und her schritt sie, rastlos, vom Gartentor zur Haustür, in einer Aufregung, die kein Ausruhen duldete, und postierte sich schließlich an die Mauer, nahe am Weg. Dort blieb sie, ungeachtet meiner Vorwürfe und des grollenden Donners und der großen Tropfen, die auf sie niederklatschten. Ab und zu rief sie nach Heathcliff und horchte dann, und endlich brach sie in Tränen aus. Sie konnte Hareton – überhaupt jedes Kind – in leidenschaftlichem, ausdauerndem Schluchzen weit übertrumpfen.

Gegen Mitternacht, als wir noch wachten, kam der Sturm in voller Wut über die Hügel gerast. Ein wilder Wind tobte, gewaltige Donner krachten, und hin und wieder spaltete der Blitz irgend einen Baum im Garten. Ein riesiger Ast stürzte quer aufs Dach des Hauses nieder und zerschlug einen Teil des Rauchfangschlotes und sandte Steingeröll und Wolken von Ruß ins Küchenfeuer herab. Wir glaubten, ein Donnerkeil sei zwischen uns gefahren; und Josef sank in die Kniee und beschwor den Herrn, der Patriarchen Noah und Lot zu gedenken, und so wie damals die Ungerechten zu vernichten, aber der Gerechten zu schonen. Auch ich hatte ein Empfinden, als werde Gericht gehalten über uns. Der Jonas, meinte ich, sei Mr. Earnshaw, und ich rüttelte an seiner Türklinke, um mich zu vergewissern, daß er noch unter den Lebenden weile. Das bewies er deutlich genug mit Worten, die Josef veranlaßten, noch lauter darum zu flehen, daß eine weite Kluft geschaffen werden möge zwischen Heiligen gleich ihm selber und Sündern gleich seinem Herrn.

Doch der Sturm raste weiter, über die Höhen davon, und hatte uns alle unverletzt gelassen, ausgenommen Cathy, die sich geweigert hatte, im Hause Schutz zu suchen, und völlig durchnäßt worden war. Sie kam jetzt herein und legte sich, triefend wie sie war, auf die Ofenbank, drehte das Gesicht zur Wand und verbarg es in den Händen.

»Nun, Miß!« rief ich, ihre Schulter berührend, »sind Sie willens, sich den Tod zu holen? Wissen Sie, wieviel Uhr es ist? Gleich Mitternacht! Kommen Sie ins Bett Was hat es für einen Sinn, noch länger auf den dummen Jungen zu warten. Er wird nach Gimmerton gelaufen sein und wird nun dort übernachten; denn er kann nicht annehmen, daß wir ihn zu so später Stunde noch erwarten; oder höchstens vermutet er, daß Mr. Hindley noch wach sein würde, und sich das Tor vom Herrn öffnen zu lassen, vermeidet er natürlich lieber.«

»Nä, nä, er is nit in Gimmerton«, sagte Josef. »Et sull mich wunnern, wenn er nit in 'ner Moorgrub leit Die Heimsuchung hot ehrn Sinn, un Ehr mißt noh em gucke gehn, Frääle, jetz seid Ehr dran. Dem Hiemel sei Dank! Alles wend't sich zum Guden, su wie et beschloß is, un um 't Unkraut auszutilge! Ehr wißt jo, wat de Heilig Schrift säht.«

Und er begann Bibeltexte herzusagen, uns auf die Kapitel und Strophen aufmerksam machend, wo sie zu finden seien.

Nachdem ich das eigensinnige Mädchen vergebens gebeten hatte, aufzustehen und ihre nassen Kleider abzulegen, ließ ich ihn predigen und sie frieren und machte mich mit klein Hareton, den das Unwetter nicht zu wecken vermocht hatte, ins Bett. Ich hörte noch ein Weilchen Josefs schläfrige Stimme, dann erkannte ich seinen faulen Schritt auf der Leiter, und dann fiel ich in Schlaf. –

Ich kam am anderen Morgen etwas später als sonst hinunter und sah beim Licht, das spärlich durch die Fensterladen drang, Miß Catherine noch immer beim Herd sitzen. Die Wohnstubentür stand halb offen, Hindley war herausgekommen und lehnte niedergeschlagen und müde am Küchenherd.

»Was fehlt dir, Cathy?« sagte er gerade als ich eintrat »Du siehst elend aus wie ein ersoffener Hund. Warum bist du so blaß und kalt, Kind?«

»Ich bin vom Regen naß geworden und friere, das ist alles«, antwortete sie.

»Ungehorsam ist sie!« rief ich, da ich den Herrn so nüchtern und verständig sah. »Der Regen gestern Abend hat sie bis auf die Haut durchnäßt, und da hat sie nun die ganze Nacht hier aufgesessen, und ich konnte sie nicht dazu bewegen, sich schlafen zu legen.«

Mr. Earnshaw starrte uns verwundert an. »Die Nacht durch«, wiederholte er. »Was hielt sie wach? Angst vor dem Gewitter sicherlich nicht, das ist ja schon seit vielen Stunden abgezogen.«

Keiner von uns hatte Lust, ihn von Heathcliffs Fortsein in Kenntnis zu setzen, solange es noch möglich war, diese Tatsache vor ihm zu verbergen. Ich sagte also, ich wisse nicht, wieso sie darauf versessen gewesen sei, die Nacht zu durchwachen, und sie sagte gar nichts.

Der Morgen war frisch und kühl. Ich öffnete die Fensterladen, und sofort füllte sich der Raum mit süßen Wohlgerüchen aus dem Garten. Catherine aber rief übellaunig: »Ellen, schließe das Fenster. Ich erfriere ja!« Ihre Zähne schlugen aufeinander und sie rückte näher an die fast erloschene Glut.

»Sie ist krank«, sagte Hindley, ihre Hand ergreifend. »Das wird auch der Grund sein, weshalb sie nicht schlafen mochte. Verflucht! Ich will nichts mehr mit Krankheit zu tun haben! Weshalb bist du in den Regen gelaufen?«

»Dene Bue nohrenne, wie immer«, krächzte Josef, der sich unser Schweigen zunutze machte, um mit seinen Anschuldigungen herauszuplatzen. »So eich an Eirer Stell war, Här, dhät eich dene allesamt de Dhür vor de Nas zuschlahn. Su oft als Ehr nor emol de Rücke gekehrt hott, kimmt de Linton wie en Katz angeschlich. Un Frääle Nelly, dat is en nett Früchtche. Die wäß et immer auszekunnschafte, wann Ehr häm kummt, un wann Ehr zur äne Dhür erinkummt, macht er sich durch die anner devun. Un dann geht die jung Dam aach ehrersäts uf't Kurmache aus. Dat is en scheen Benehme, noh zwelf Uhr in de Naacht mit dem elende faule Zigeinerborsch, dem Heathcliff, im Feld erumzestreiche. Die denke, eich war blind. Awer dat bin eich nit. – Eich hon de jung Linton kumme un gehn gesiehn, un deich (er wandte sich an mich), du Dhunitgut, du liererlich Person, hon eich uffspringe un in die Wohnstub stürze gesiehn, suwie mer nor de Hufschlag vum Här sei'm Gaul gehört hot.«

»Ruhe, du Giftschlange!« schrie Catherine. »Behalte deine Unverschämtheiten für dich! Edgar Linton kam gestern aus Zufall, Hindley, und ich war es, die ihn fortschickte, weil ich wußte, daß du ihm nicht gern begegnet wärest – in dem Zustand, in dem du dich gestern befandest.«

»Du lügst sicherlich, Cathy«, antwortete ihr Bruder, »du bist ein ganz verwünschter Racker. Doch lassen wir Linton jetzt beiseit! Sag, warst du letzte Nacht mit Heathcliff zusammen? Sprich die Wahrheit jetzt! Du brauchst nicht zu denken, daß ihm deshalb etwas zu leid geschehen könnte. Zwar hasse ich ihn gründlich, aber er hat mir kürzlich einen Gefallen erwiesen; es würde mir daher das Gewissen bedrücken, wenn ich ihm den Hals bräche. Ich will ihn also heut gleich an die Arbeit schicken, daß er mir aus den Augen ist. Aber ihr anderen, nehmt euch in acht! Ich werde euch um so schärfer auf die Finger sehen!«

»Ich habe Heathcliff letzte Nacht überhaupt nicht gesehen«, entgegnete Catherine bitterlich schluchzend. »Und wenn du ihn hinauswirfst, werde ich mit ihm gehn. Aber vielleicht – vielleicht wirst du keine Gelegenheit mehr haben dazu – vielleicht ist er schon fort« Hier brach sie in zügelloses Weinen aus, und der Rest ihrer Worte blieb unverstanden.

Hindley fiel mit schändlichen Schmähreden über sie her und befahl ihr, sofort auf ihr Zimmer zu gehen, andernfalls er ihr besseren Grund zum Weinen geben werde. Es gelang mir, sie zum Gehorsam zu bewegen, und ich werde nie vergessen, welch eine Szene sie aufführte, als wir ihr Zimmer erreichten. Mich faßte Entsetzen. Ich glaubte, sie sei wahnsinnig geworden und bat Josef, nach dem Doktor zu laufen. Sie delirierte.

Sobald Mr. Kenneth ihrer ansichtig wurde, bezeichnete er sie als gefährlich krank: sie hatte Fieber. Er trug mir auf, ihr als einzige Nahrung Molken und Haferschleim zu reichen, und darauf acht zu geben, daß sie sich nicht die Treppe hinunter oder zum Fenster hinausstürze. Und dann ging er wieder, denn in einem Kirchspiel, in dem die Höfe zwei bis drei Meilen voneinander entfernt liegen, gab es genug zu tun für ihn.

Obschon ich nicht behaupten kann, daß ich eine sanfte Pflegerin abgab, und obschon Josef und der Herr sich geradezu unfreundlich gegen die Kranke betrugen und diese selbst so eigenwillig und launisch war, wie ein Patient nur irgend sein kann, überstand sie die Sache dennoch. Die alte Mrs. Linton kam einige Male nach der Kranken sehen und schalt uns alle und befehligte uns alle. Sie bestand auch darauf, Catherine, als diese sich auf dem Wege der Besserung befand, zu sich zu nehmen, worüber wir recht froh waren. Doch die arme Frau mußte ihre Güte schwer büßen; sie und ihr Gatte bekamen beide das Fieber und starben innerhalb wenig Tagen.

Unsere junge Herrin kehrte zu uns zurück – launischer und leidenschaftlicher und hochmütiger denn je. Von Heathcliff hatte man seit jenem Gewitterabend nichts mehr gehört und gesehen. Eines Tages, als Cathy mich ganz besonders gequält hatte, warf ich ihr vor, daß sie an seinem Verschwinden die Schuld trage, was, wie sie selbst recht gut wußte, tatsächlich der Fall war. Doch von nun ab sprach sie kein Wort mehr zu mir und brach für Monate alle Beziehungen zu mir. Auch Josef fiel in Acht und Bann: er konnte den Mund nicht halten und kanzelte sie noch immer so ab, als sei sie das kleine Kind von früher; sie aber betrachtete sich als Dame und als unsere Herrin und meinte, ihre letzte schwere Krankheit habe ihr ein Recht auf rücksichtsvolle Behandlung verschafft; denn der Doktor hatte damals gesagt, man müsse sie künftighin schonen und ihr stets ihren Willen lassen. So erschien es ihr geradezu als Mordversuch, wenn irgendwer es wagte, sie zurechtzuweisen. Mr. Earnshaw und seinen Zechkumpanen hielt sie sich fern, und ihr Bruder gestattete ihr, alles zu tun, was ihr beliebte, und vermied es, sie zu reizen. Er war jetzt beinahe zu tolerant gegen ihre Launen; nicht aus Zuneigung etwa, vielmehr aus Berechnung. Er wünschte sehr, daß die Familie durch Catherines Heirat mit einem Linton zu Ansehen gelange. Und im übrigen war er's zufrieden, daß sie ihm aus dem Wege ging und uns als ihre Sklaven behandelte.

Edgar Linton aber war, wie so viele vor und nach ihm, betört! Und er hielt sich für den Glücklichsten aller Sterblichen an dem Tag, da er Catherine zur Gimmerton-Kapelle führte – drei Jahre nach seines Vaters Tod.

Ich wurde nun, ganz gegen meine Neigung, gezwungen, den Sturmheidhof zu verlassen und die junge Frau ins neue Heim zu begleiten. Klein Hareton war jetzt fast fünf Jahr alt, und ich hatte soeben begonnen, ihn schreiben zu lehren. Wir hatten ein schweres Scheiden; aber Catherines Tränen waren mächtiger als die unseren. Zuerst hatte ich mich ja geweigert, fortzuziehen, aber als sie fand, daß ihre Bitten mich nicht rührten, ging sie klagend zu ihrem Mann und zu ihrem Bruder. Ersterer bot mir ein hohes Gehalt an, letzterer befahl mir, mich davonzumachen: er brauche kein Frauenzimmer im Hause, sagte er, nun keine Herrin mehr da sei. Und was Hareton betreffe, so solle ihn nun der Pfarrer in die Hand nehmen. Und so blieb mir nichts übrig, als zu gehorchen. Dem Herrn sagte ich, er schicke nur darum alle anständigen Leute aus dem Hause, um sich noch zügelloser ins Elend zu rennen. Ich küßte Hareton zum Lebewohl – und seit damals ist er mir ein Fremder geworden. Und – so seltsam es mir vorkommt – oft muß ich denken, daß er vollständig vergessen hat, wer Ellen Dean gewesen ist, und daß er ihr einmal über alles in der Welt lieb war, und sie ihm! –

 

Als die Haushälterin an diesem Punkt ihrer Erzählung angelangt war, fiel ihr Blick auf die Uhr über dem Kamin. Sie war bestürzt, daß die Zeiger schon auf halb eins wiesen und wollte nicht eine Sekunde mehr bleiben. Und, in Wahrheit, es war auch mir lieb, die Fortsetzung ihres Berichtes aufgeschoben zu sehen. Und jetzt, da sie zur Ruhe gegangen ist und ich noch ein oder zwei Stunden verträumt habe, werde auch ich mich niederlegen, obgleich es mir schwer fällt, meinen Platz hier zu verlassen, so ermattet fühle ich mich.

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