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Der Sturm-Heidehof

Emely Brontë: Der Sturm-Heidehof - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorEmily Bronte
titleDer Sturm-Heidehof
publisherVerlag von Julius Zeitler
year1908
translatorGisela Etzel
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20130825
projectid854a6edb
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VIII.

An einem schönen Junimorgen wurde mein erster herziger kleiner Pflegling und der letzte Sproß des alten Geschlechtes der Earnshaw geboren. Wir waren in einem entfernten Feld beim Heuen, als das Mädchen, das uns das Frühstück hinauszubringen pflegte, eine Stunde früher als sonst herangelaufen kam – quer über die Wiese und den Feldweg herauf. Sie rief mich schon von weitem an.

»O, Ellen, so ein prächtiges Kind!« keuchte sie atemlos. »Der reizendste Junge von der Welt! Aber der Arzt sagt, die Frau muß sterben. Er sagt, sie sei schwindsüchtig. Ich hörte, wie er es dem Herrn sagte, und jetzt hat sie nichts mehr, was sie aufrecht hält, und sie wird noch vor dem Winter tot sein. Und du mußt gleich nach Hause kommen, Nelly. Du sollst es pflegen, es füttern mit Milch und Zucker und es Tag und Nacht bewachen. Ich wollte, ich wäre du, weil es ganz dir gehören wird, wenn die Frau erst nicht mehr da ist.«

»Geht es ihr denn so schlecht?«

»Ich glaube sehr; aber sie benimmt sich ganz tapfer«, antwortete das Mädchen. »Und sie spricht, als ob sie zu leben gedächte, bis es ein Mann geworden sei. Sie ist ganz außer sich vor Freude, es ist gar so reizend! Wenn ich sie wäre, ich würde ganz gewiß nicht sterben. Ich würde schon von seinem Anblick allein gesund werden – dem Doktor Kenneth zum Trotz. Frau Archer brachte das Goldchen zum Herrn ins Wohnzimmer hinunter, und sein Gesicht erhellte sich freudig. Da kommt der alte Rabe heran und krächzt:

»Earnshaw, es ist ein Segen, daß Ihre Frau noch so lange leben durfte, um Ihnen diesen Sohn zu hinterlassen. Als sie kam, gewann ich sofort die Überzeugung, daß wir sie nicht lange behalten würden; und jetzt muß ich Ihnen sagen: der Winter wird sie mit sich nehmen. Nun seien Sie vernünftig und jammern nicht zuviel. Es läßt sich nicht ändern. Und außerdem – Sie hätten klüger wählen sollen und nicht solch schwankes Rohr zur Liebsten nehmen.«

»Und was erwiderte der Herr?« fragte ich.

»Ich glaube, er fluchte; aber ich achtete nicht auf ihn, ich bemühte mich, einen Blick auf das Kindchen zu werfen.« Und sie begann von neuem, eine begeisterte Schilderung des Babys zu entwerfen.

Ich eilte begierig nach Hause, um es nun selbst gleichfalls zu bewundern; doch war ich um Hindleys willen sehr traurig. Er hatte in seinem Herzen nur Raum für zwei Idole: für seine Frau und sich selbst. Er liebte beide und betete das eine an, und ich konnte mir nicht vorstellen, wie er den Verlust ertragen würde.

Als wir nach Drosselkreuz kamen, erwartete er uns schon am Haustor, und beim Eintreten fragte ich ihn, wie es dem Kinde gehe.

»O Nelly, es kann schon beinahe herumlaufen«, antwortete er mit einem lieben Lächeln.

»Und die Herrin?« wagte ich zu fragen. »Der Doktor sagt, sie –«

»Zum Teufel mit dem Doktor!« unterbrach er mich zornrot. »Frances hat ganz recht: sie wird heute in acht Tagen ganz wohlauf sein. Gehst du hinauf zu ihr? Willst du ihr sagen, daß ich komme, wenn sie verspricht, nicht den Mund aufzutun. Ich bin von ihr gegangen, weil sie nicht still sein wollte; und sie muß – sage ihr, Mr. Kenneth sagt, sie müsse sich ganz ruhig verhalten.«

Ich richtete Mrs. Earnshaw die Botschaft aus. Sie schien in ausgelassener Stimmung zu sein und antwortete fröhlich:

»Ich habe kaum ein Wort gesprochen, Ellen, und da ist er schon zweimal weinend hinausgerannt. Also sage, ich verspreche, kein Wort zu reden, aber das soll mich nicht hindern, ihn auszulachen.«

Arme Seele! Bis kurz vor ihrem Tode behielt sie dies fröhliche Herz. Und ihr Mann behauptete eigensinnig, nein wütend, ihre Gesundheit bessere sich täglich. Als Kenneth ihn wissen ließ, daß bei dem vorgeschrittenen Stadium der Krankheit Medikamente zwecklos seien und er sich für ärztliche Hilfe keine weiteren Ausgaben mehr machen solle, entgegnete er:

»Ich weiß, Sie brauchen ihr nicht mehr zu helfen; sie ist wohl – sie braucht keinen Arzt mehr. Sie war niemals schwindsüchtig. Sie hatte Fieber, und das ist jetzt vorbei. Ihr Puls schlägt so regelmäßig wie der meine, und ihre Wangen sind kühl wie die meinigen.«

Seiner Frau sagte er dasselbe, und sie schien ihm zu glauben. Doch eines Nachts, als sie an seiner Schulter lehnte und sagte, sie denke morgen kräftig genug zu sein, um sich erheben zu können, bekam sie einen Hustenanfall – einen ganz leichten. Er richtete sie in seinen Armen auf, sie legte die Hände um seinen Nacken, ihr Gesicht erbleichte, und sie war tot.

Wie das Mädchen damals vorausgesehen hatte, fiel Hareton ganz in meine Hände. Mr. Earnshaw war, was das Kind anbelangte, beruhigt, da er es nie weinen hörte und es gesund sah. Er selbst aber verzweifelte ganz. Sein Kummer kannte kein mildes Klagen. Er weinte nicht und betete nicht, er fluchte und trotzte, verwünschte Gott und Menschen und überließ sich rücksichtsloser Verzweiflung. Die Dienerschaft ertrug sein bösartiges tyrannisches Wesen nicht lange; Josef und ich waren die einzigen, die bleiben wollten. Ich hatte nicht das Herz, meinen Posten zu verlassen, und überdies, Herr Lockwood, ich war seine Milchschwester und vergab ihm sein Benehmen leichter, als irgend eine Fremde getan haben würde. Josef aber blieb, um über Pächter und Knechte zu wachen, und weil es nun mal sein Beruf war, dort zu sein, wo es den Menschen Schlechtigkeiten vorzuwerfen gab.

Des Hausherrn üble Manieren und schlechter Umgang gaben für Catherine und Heathcliff ein schlimmes Beispiel ab. Sein Betragen gegen letzteren war genug, um aus einem Heiligen einen Teufel zu machen. Und in der Tat schien es damals, als sei der Bursche vom Teufel besessen. Es entzückte ihn, daß Hindley immer tiefer herabsank und immer gewalttätiger und mürrischer wurde. Ich kann gar rächt beschreiben, welch höllisches Haus wir hatten. Der Pfarrer kam nicht mehr, und schließlich kam überhaupt kein anständiger Mensch mehr zu uns, es sei denn, daß Edgar Linton Miß Cathy besuchte.

Mit fünfzehn Jahren war sie die Königin unter den schönen Mädchen unseres Kirchspiels, und dazu ein hochmütiges, starrköpfiges Geschöpf! Ich gebe zu: ich liebte sie nicht, nachdem sie den Kinderjahren entwachsen war, und ich ärgerte sie oft mit meinem Bemühen, ihre Arroganz zu bestrafen. Trotzdem empfand sie nie Abneigung gegen mich. Ihre Anhänglichkeit an ihre ersten Freunde war unerschütterlich. Selbst Heathcliff behielt ihre ganze Zuneigung, und dem jungen Linton wurde es trotz all seiner Vorzüge schwer, einen gleich tiefen Eindruck auf sie zu machen.

Er war mein letzter Herr; dort über dem Kamin hängt sein Bild. Früher hing auch das Bild seiner Frau dort; aber es ist entfernt worden; sonst hätten Sie wohl einen gewissen Eindruck von ihrer Persönlichkeit bekommen. Wollen Sie sein Bild betrachten? Können Sie es erkennen?

Mrs. Dean hob die Kerze, und ich erblickte ein sanftes Gesicht, das außerordentliche Ähnlichkeit mit der jungen Dame vom Sturmheidhof aufwies, aber liebenswürdigeren und gedankenvolleren Ausdruck trug. Es bot einen entzückenden Anblick. Langes, lichtes Haar lockte sich leicht um die Schläfen, die Augen waren groß und ernst, das ganze Gesicht fast zu anmutig. Ich wunderte mich nicht, daß Catherine Earnshaw um dieses Mannes willen ihren ersten Freund hatte vergessen können.

»Ein sehr sympathisches Bildnis«, bemerkte ich zur Haushälterin. »Ist es ähnlich?«

»Ja«, antwortete sie, »aber er sah besser aus, wenn er lebhaft war; dies hier ist sein gewöhnlicher Ausdruck. Er bedurfte, um fröhlich zu sein, meist der Anregung anderer.«

Nach jenen fünf Wochen, die Catherine bei den Lintons verlebt hatte, blieb sie mit ihnen in engen Beziehungen; sie hatte in dieser Gesellschaft keine Gelegenheit, sich von ihrer ruppigen Seite zu zeigen, und besaß Einsicht genug, sich dort, wo man ihr so überaus aufmerksam entgegenkam, ihrer Unarten zu schämen, und so gewann sie sich durch ihre schlaue, erfinderische Liebenswürdigkeit die Zuneigung der alten Herrschaften, Isabellas Bewunderung und Edgars Herz und Seele, ohne daß sie eigentlich die Absicht hatte, durch ihr doppeltes Spiel irgend jemanden zu betrügen. Dort, wo Heathcliff als ein »gemeiner Raufbold« bezeichnet wurde, achtete sie darauf, sich nicht nach seiner Manier aufzuführen; zu Hause aber hatte sie wenig Verlangen, ein anständiges Betragen zu zeigen, das nur verlacht worden wäre, und ihre wilde Natur zu zähmen, wenn es ihr doch kein Lob einbrachte.

Mr. Edgar fand selten Mut, den Sturmheidhof offen zu besuchen. Er hatte Angst vor Heathcliff und fürchtete, ihm zu begegnen. Dennoch sah man seine Besuche gern. Der Herr selbst vermied ihm gegenüber seine Unfreundlichkeit, und wenn er nicht liebenswürdig Sein konnte, hielt er sich fern, denn er wußte, weshalb der Jüngling kam. Catherine waren Edgars Besuche, wie ich glaube, unangenehm. Sie war nicht durchtrieben, kannte keine Koketterie und hatte offenbar keine Freude daran, daß ihre beiden Freunde zusammentrafen. Denn wenn Heathcliff im Beisein Lintons seiner Verachtung für denselben Ausdruck gab, konnte sie dem nicht halb so zustimmen, wie in dessen Abwesenheit, und wenn Linton dann seinen Widerwillen vor Heathcliff bekundete, so durfte sie das nicht gleichgültig hinnehmen, da das wiederum ihren alten Spielgenossen verletzt hätte.

Ich habe viel gelacht über ihre Verlegenheiten und heimlichen Nöte, die sie vergebens vor meinem Spott zu verbergen suchte. Das klingt wohl boshaft, aber sie war so stolz – es war wirklich unmöglich, mit ihren Bedrängnissen Mitleid zu haben, solange sie nicht demütiger sein lernte. Doch schließlich kam sie und beichtete mir, denn sie hatte sonst keine Seele, die sie hätte um Rat fragen können.

Mr. Hindley war eines Nachmittags von Hause fortgegangen, und Heathcliff beschloß daher, sich einen freien Tag zu machen. Er war damals etwa sechzehn Jahre alt; er hatte keine unsympathischen Gesichtszüge, war auch nicht unintelligent, doch hatte er sowohl im Äußeren als im Wesen viel Abweisendes. Vor allem hatte er ganz seine frühere gute Erziehung eingebüßt: fortgesetzte harte Arbeit von früh bis in die Nacht hatte allen Wissensdrang bei ihm ausgelöscht und alle seine frühere Liebe zu Büchern und Kenntnissen. Das Überlegenheitsgefühl, das er in der Kindheit besessen, und das durch des alten Earnshaws Vorliebe für ihn noch gesteigert worden war, war dahin. Er hatte lange versucht, sich von Catherine belehren zu lassen, gab es aber bald mit tiefem, schweigendem Bedauern auf. Er sah ein, daß es zwecklos sei, eine Höhe zu erklimmen, von der er doch infolge seiner dienenden Stellung wieder herabstürzen würde. Seine äußere Erscheinung hielt Schritt mit seinem geistigen Niedergang: er nahm eine schlaffe Haltung an und einen trägen Blick; sein ohnehin verschlossenes Wesen wurde unglaublich schroff und mürrisch, und er hatte sichtlich Freude daran, von den paar Menschen, die er kannte, verabscheut statt geliebt und geachtet zu werden.

Catherine und er waren in seinen freien Stunden noch immer unzertrennliche Gefährten. Aber er hatte es aufgegeben, seine Liebe zu ihr in Worten zu äußern und entzog sich ärgerlich ihren kindlichen Zärtlichkeiten, als sei er sich bewußt, daß sie ihre Zuneigung an einen Unwürdigen verschwende.

An jenem Nachmittag also kam er auf die Diele, um mitzuteilen, daß er heut nicht mehr zu arbeiten gedenke. Miß Cathy hatte ein Empfangskleid an, und ich war damit beschäftigt, seinen Faltenwurf zu ordnen. Sie hatte nicht damit gerechnet, daß es ihm einfallen werde, sich von der Arbeit zu drücken; sie hatte vielmehr angenommen, sie werde ganz allein im Hause sein und hatte daher Mr. Edgar von der Abwesenheit ihres Bruders Mitteilung zukommen lassen und bereitete sich nun zu seinem Empfang vor.

»Cathy, hast du heut etwas vor?« fragte Heathcliff. »Gehst du fort?«

»Nein, es regnet«, antwortete sie.

»Warum hast du denn dann dies Seidenkleid an?« sagte er. »Ich hoffe, es kommt kein Besuch?«

»Nicht daß ich wüßte«, stotterte sie, »aber du solltest jetzt draußen im Feld sein, Heathcliff. Es ist eine Stunde nach Tisch. Ich dachte, du wärest längst fort?«

»Hindley befreit uns nicht oft von seiner verfluchten Gegenwart«, bemerkte der Knabe. »Ich werde heut nicht mehr arbeiten; ich werde bei dir bleiben.«

»O – aber Josef wird es erzählen«, mutmaßte sie; »du solltest doch lieber gehen!«

»Josef ist in den Kalkgruben drüben bei Pennistow Crag; das hält ihn bis Abend auf, und er wird also gar nichts merken.«

Und Heathcliff trat ans Feuer und setzte sich. Catherines Blick verfinsterte sich; sie überlegte. »Isabella und Edgar Linton sprachen davon, heut Nachmittag zu kommen«, sagte sie dann. »Da es regnet, erwarte ich sie eigentlich nicht. Wenn sie nun aber doch kommen sollten, so würdest du dich unnützerweise Unannehmlichkeiten aussetzen.«

»So soll Ellen ihnen sagen, du seiest verhindert, Cathy«, meinte er hartnäckig. »Setz mich doch nicht um dieser läppischen dummen Dinger willen vor die Tür! Wirklich, ich könnte mich manchmal beklagen, daß sie – aber ich werde es nicht tun – –«

»Daß sie was?« rief Catherine verwirrt. »O, Nelly!« schrie sie dann auf, »du hast meine ganzen Locken ausgekämmt! Hör auf! Laß mich in Ruh! – Worüber könntest du dich beklagen, Heathcliff?«

»Nichts – nur betrachte dir mal den Kalender dort.« Er zeigte auf ein gerahmtes Blatt, das beim Fenster an der Wand hing, und fuhr fort: »Die Kreuze sind für die Abende, die du mit den Lintons verbracht hast, die Punkte für jene, die du mir geschenkt. Siehst du es nun? Ich habe jeden Tag angemerkt.«

»Ja; wie albern! Als ob ich mich daran kehrte!« erwiderte Catherine verdrießlich. »Was hat das für einen Sinn?«

»Es soll dir zeigen, daß ich mich daran kehre!« sagte Heathcliff.

»Und soll ich denn etwa immer bei dir hocken?« fragte sie ärgerlich. »Was hab ich davon? Was sprichst du denn mit mir? Du könntest stumm sein oder ein Baby – so wenig verstehst du es, mich zu unterhalten!«

»Du hast mir noch nie gesagt, Cathy, daß ich dir nicht gesprächig genug sei oder daß dir meine Gesellschaft unangenehm wäre!« rief Heathcliff aufgebracht

»Es ist überhaupt keine Gesellschaft, wenn einer nichts weiß und nichts redet«, murmelte sie.

Ihr Kamerad stand auf, aber er hatte keine Zeit, seine weiteren Gefühle auszusprechen, denn man hörte das Galoppieren eines Pferdes auf den Steinen der Gartenallee; dann pochte es an die Tür, und der junge Linton trat ein. Sein Gesicht strahlte vor Entzücken über die unerwartete Botschaft, die er erhalten hatte.

Zweifellos fiel Catherine der Gegensatz zwischen ihren beiden Freunden auf, jetzt, wo der eine eintrat und der andere hinausging. Es war etwa so, wie wenn man aus einem düsteren, unwirtlichen Lande kommend ein fruchtbares, sonniges Tal betritt. Schon allein Stimme und Gruß der beiden waren einander so entgegengesetzt, wie nur denkbar. Linton hatte eine süße, sanfte Sprechweise und setzte seine Worte so, wie Sie es tun, Mr. Lockwood. Das klingt weniger hart als wir hier sprechen.

»Ich bin doch hoffentlich nicht zu früh gekommen?« sagte er mit einem Blick auf mich. Ich hatte mich daran gemacht, die Schubfächer einer entfernt stehenden Kommode aufzuräumen.

»Nein«, erwiderte Catherine. »Nelly, was tust du dort?«

»Meine Arbeit, Miß«, entgegnete ich. Mr. Hindley hatte mir Auftrag gegeben, bei allen privaten Besuchen Lintons stets als Dritte zugegen zu sein.

Catherine trat zu mir und flüsterte zornig: »Mach dich mit deinem Staublappen davon! Wenn Besuch da ist, schickt es sich nicht, daß die Dienstboten im Zimmer herumwirtschaften!«

»Es ist grad heut eine gute Gelegenheit, da der Herr fort ist«, antwortete ich laut. »Er haßt es, wenn ich in seinem Beisein die Fächer aufräume. Mr. Edgar wird mich gewiß entschuldigen.«

»Ich hasse es, wenn du in meiner Gegenwart aufräumst«, rief die junge Dame hoheitsvoll, ehe ihr Gast Zeit hatte, etwas zu sagen. Sie hatte seit dem kleinen Zwist mit Heathcliff ihre Ruhe noch nicht wiedergewonnen.

»Das tut mir leid, Miß Catherine!« war meine Antwort; und ich fuhr fleißig in meiner Arbeit fort.

Sie – in der Annahme, daß Edgar sie nicht sehen könne – riß mir das Tuch aus der Hand und kniff mich voll Bosheit in den Arm.

Ich sagte schon, ich liebte sie nicht und suchte im Gegenteil dann und wann ihre Hoffart zu dämpfen, und außerdem hatte sie mir sehr weh getan. Ich sprang also auf und rief: »O, Miß, das ist ein nichtswürdiger Streich! Sie haben kein Recht, mich zu kneifen, und ich lasse mir das nicht gefallen!«

»Ich habe dich nicht angerührt, du lügenhafte Kreatur!« schrie sie, während ihre Finger sich krümmten, um noch einmal zuzupacken, und ihr Gesicht sich flammend rötete. Sie konnte sich niemals bezähmen.

»So? Was ist denn dann das hier?« gab ich zurück und zeigte den purpurroten Fleck auf meinem Arm.

Sie stampfte mit dem Fuß auf und dann – von ihrem bösen Dämon getrieben, – gab sie mir eine Ohrfeige, einen gewaltigen Schlag, der mir die Tränen in die Augen trieb.

»Catherine, Lieb! Catherine!« legte sich Linton ins Mittel, den die Lüge und der Wutanfall seiner Angebeteten sehr erschreckt hatten.

»Geh hinaus, Ellen!« wiederholte sie, an allen Gliedern bebend.

Der kleine Hareton, der mir überall hin folgte und neben mir auf dem Boden gesessen hatte, begann, als er meine Tränen sah, mitzuweinen. »Böse Tante Cathy«, schluchzte er, was nun natürlich ihre Wut auf sein unschuldiges Haupt herniederlenkte. Sie packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn so lange, bis das arme Kind halb ohnmächtig war und Edgar ihre Hände festhielt.

Sofort hatte sie ihm eine Hand entwunden, und der erstaunte junge Mann fühlte einen Schlag auf seiner Wange brennen, den er nicht als Scherz betrachten konnte.

Er zog sich verwirrt zurück. Ich nahm Hareton auf den Arm und ging mit ihm hinaus in die Küche, ließ aber die Tür hinter mir offen, denn ich war begierig zu sehen, wie die Sache enden würde. Der beleidigte Gast griff bleich und mit bebenden Lippen nach seinem Hut.

»So ist's recht!« sagte ich zu mir selbst. »Sei gewarnt und geh! Nun hast du mal ihren wahren Charakter gesehen.«

»Wo gehst du hin?« fragte Catherine, zur Tür tretend.

Er wich zur Seite und versuchte an ihr vorbei zu kommen.

»Du sollst nicht gehn!« rief sie mit großer Bestimmtheit.

»Ich muß und werde gehn!« entgegnete er leise.

»Nein!« trotzte sie und ergriff die Türklinke. »Nicht jetzt, Edgar Linton; setz dich! Du sollst mich nicht in solcher Mißstimmung verlassen. Ich würde die ganze Nacht elend sein, und ich mag nicht um dich elend sein.«

»Kann ich bleiben, nachdem du mich geschlagen hast?« fragte Linton.

Catherine blieb stumm.

»Du hast mich entsetzt; ich schäme mich deiner«, fuhr er fort, »ich werde nicht wieder herkommen.«

Ihre Augen wurden feucht, ihre Lider zuckten.

»Und du sagtest eine wissentliche Unwahrheit!« sagte er.

»Nein nicht!« rief sie. »Ich tat nichts wissentlich! Gut, geh, wenn du willst – troll dich! Und jetzt werde ich weinen – werde ich mich krank weinen!«

Sie sank an einem Stuhl nieder und brach in bittere Tränen aus. Edgar beharrte bei seinem Entschluß – bis er den Hof erreicht hatte; da zögerte er. Ich beschloß, ihn anzufeuern.

»Miß ist gräßlich eigensinnig«, rief ich hinaus, »sie ist schlimmer als ein verzogenes Kind. Sie sollten lieber heimreiten, sonst wird sie noch krank werden – nur um uns zu quälen.«

Der weichherzige Junge blickte durchs Fenster zu ihr hinein. Er hatte ebensoviel Kraft sich zu entfernen, wie eine Katze Kraft hat, eine halbgetötete Maus zu verlassen. Ach, dachte ich, bei dem ist nichts zu retten! Er ist gefangen, sein Schicksal ruft ihn.

Und so war es. Er wandte sich plötzlich, eilte wieder ins Haus, ins Zimmer und schloß die Tür hinter sich; und als ich ein Weilchen später hineinging, tun sie zu benachrichtigen, daß Earnshaw schwer betrunken nach Hause gekommen sei und sicherlich seinen Rauschzorn auf uns entladen werde, sah ich, daß der Streit sie einander nur näher gebracht hatte; sie hatten die Maske der Freundschaft abgeworfen und sich zu Liebenden bekannt.

Die Mitteilung von Mr. Hindleys Ankunft trieb Linton schleunig aufs Pferd und Catherine auf ihr Zimmer. Ich aber beeilte mich, den kleinen Hareton in Sicherheit zu bringen und aus der Vogelflinte des Herrn die Ladung zu entfernen. Er liebte es, in der Trunkenheit mit dem Gewehr zu spielen – eine Gefahr für alle, die irgendwie seine Aufmerksamkeit auf sich lenkten. Ich war daher darauf geraten, das Gewehr zu entladen, damit kein Unglück geschehe, falls er es wirklich einmal abdrücken sollte.

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