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William Shakespeare: Der Sturm - Kapitel 6
Quellenangabe
typecomedy
booktitleBibliothek ausländischer Klassiker in deutscher Übertragung - Shakespeare (Sturm)
authorWilliam Shakespeare
translatorFranz Dingelstedt
year1866
publisherVerlag des Bibliographischen Instituts
addressHildburghausen
titleDer Sturm
pages93
created20130707
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Vierter Aufzug.


Erste Scene.

Vor Prospero's Zelle.

Prospero. Ferdinand. Miranda.

Prospero. Hab' ich zu hart dich heimgesucht, so macht es
Der Lohn, den du empfängst, schon wieder gut.
Ich gebe dir ein Stück von meinem Leben,
Ja das, wofür ich lebe. Einmal noch
Biet' ich sie deiner Hand. All deine Plage
War eine Probe deiner Liebe nur;
Du hast die Probe wunderbar bestanden,
Und hier, vor Gottes Angesicht, bestät'ge
Ich dir mein reich Geschenk. O Ferdinand,
Du mußt nicht lächeln, wenn ich mit ihr prahle;
Du selbst wirst finden, daß sie jedes Lob
Weit übertrifft und lahm dahinten läßt.

Ferdinand. Ich glaub' es, gegen ein Orakel selbst.

Prospero. Von mir geschenkt, und von dir selbst erworben,
Empfang' denn meine Tochter. Aber wenn
Du ihren jungfräulichen Gürtel lösest,
Bevor die heiligen Gebräuche alle
Der Hochzeitsfeier fromm verrichtet worden,
So wird der Himmel nicht mit Segensthau
Den Bund besprengen, sondern euer Bett
Mit dürrem Haß, hohläugigem Verdruß
Und Zwietracht, wie mit Unkraut, das ihr haßt,
Bestreuen. Darum hüte dich, bis euch
Die Fackel Hymens strahlt.

Ferdinand.                                 So wahr ich hoffe
Auf stille Tage, auf Nachkommenschaft
Und langes Leben, solcher Liebe voll
Wie jetzt, gelob' ich, daß Versuchung nie,
Nicht durch die lockendste Gelegenheit
Von Ort und Zeit, die mir ein Teufel böte,
In Wollust meine Ehre schmelzen wird,
Nichts soll die Feier jenes Tages trüben,
An dem mir das Gespann des Phöbus langsam,
Die Nacht gefesselt scheinen wird.

Prospero.                                               Wohlan,
So setz' dich zu ihr! Koset! Sie ist dein!
He, Ariel, mein vielgeschäft'ger Diener!

(Ariel tritt ein.)

Ariel. Was will mein mächt'ger Meister? Ich bin da.

Prospero. Du hast mit deinen niederen Genossen
Eu'r letztes Werk wohl ausgeführt. Ich brauche
Zu einem gleichen Dienst noch eure Hülfe.
Bring denn die ganze Schaar sofort zur Stelle;
Ich leih' dir Macht dazu; heiß' sie, sich sputen.
Ich muß die Augen dieses jungen Paars
Mit einem Schauspiel meiner Kunst ergötzen;
Ich hab's versprochen, und sie warten drauf.

Ariel. Sogleich?

Prospero.           Gewiß, in einem Augenblick.

Ariel.
        Eh du zählest! eins, zwei, drei,
        Athem holst zu raschem Schrei,
        Trippeln sie geschwind herbei,
        Treiben ihre Narrethei,
        Daß der Meister zufrieden sei!

Prospero. Ich bin's, mein zarter Ariel. Naht nicht eher,
Als du mich rufen hörst.

Ariel.                                     Wohl, ich verstehe. (Ab.)

Prospero (zu Ferdinand).
Sieh, daß du Wort hältst. Laß nicht deinem Triebe
Den Zügel schießen. Auch die stärksten Eide
Sind Stroh, der Glut des Blutes gegenüber.
Gieb ihr nicht nach, sonst gute Nacht, Gelübde!

Ferdinand. Ich steh' für mich. Der jungfräuliche Schnee,
Der kalt und weiß an meiner Brust hier ruht,
Beschwichtigt meine inn're Glut.

Prospero.                                             Wohlan,
So komm, mein Ariel, bring deiner Geister
Zu viel eh'r, als zu wenig, lauter hübsche.
Ihr, schweigt, seid Auge ganz und gar, nicht Zunge.

(Sanfte Musik.)

Maskenspiel.

Iris. Ceres. Juno. Nymphen. Schnitter.

Iris. Ceres, du gütige, dein reiches Feld,
Mit Weizen, Gerste, Haber, Korn bestellt, –
Die Hügel, drauf die Schafe weiden gehn,
Die Wiesen, wo sie unter Hürden stehn, –
Die Gräben und die Zäun' um Ackers Rand,
Geschmückt mit Blumen durch des Frühlings Hand,
Zu keuscher Nymphen Kranz, – den Birkenhain,
Wo der verlaßne Liebende allein
Zu wandeln liebt, – den wohlbeschnittnen Wein,
Den Strand der See von Sand und Felsgestein, –
Verlasse sie; des Himmels Königin,
Der ich ein siebenfarbner Bote bin,
Sagt dir durch mich den höchsten Willen an!
Du sollst allhier auf diesem Rasenplan
Ein Fest begehn. Schon fliegen Juno's Pfauen;
Komm, Ceres, laß uns deine Spiele schauen!

Ceres. Heil, siebenfarb'ge Botin, die du stets
Dem Willen Juno's dienest als Gesetz,
Von deinen Saffranschwingen Honigthau
Herniederträufft auf meine Blumenau
Und bunt bemalst mit deines Bogens Farben
Die nackten Hügel und das Feld voll Garben,
Als Schärpe meiner stolzen Erde; sprich,
Warum entbietet Jovis Gattin mich?

Iris. Um Zeugin eines Hochzeitsfests zu sein
Und ein Geschenk dem holden Paar zu weihn.

Ceres. Sag, Himmelsbogen, denn du weißt es schon,
Kommt Venus auch hierher mit ihrem Sohn?
Seit sie den Plan, den listigen, ersonnen,
Wodurch die Unterwelt mein Kind gewonnen,
Verschwor ich's, wiederum zu thun zu haben
Mit ihr und ihrem blinden, bösen Knaben.

Iris. Sie kommen nicht; ich sah im Taubenwagen
Sie beide durch die Luft nach Paphos jagen.
Zwar wollten sie, durch argen Zaubers Tücken,
Den Jüngling und die Jungfrau hier berücken,
Die Keuschheit und Enthaltsamkeit geschworen,
Bis sie vermählt. Doch war die Müh' verloren.
Drauf kehrte Mars' Geliebte um in Eile,
Ihr eigensinn'ger Sohn zerbrach die Pfeile,
Und schwur, er will hinfort nur Spatzen treffen,
Und alle Welt als Gassenbube äffen.

Ceres. Kommt da nicht unsre Königin geschritten?
Ich kenne sie an ihren stolzen Tritten.

Juno. Gruß meiner güt'gen Schwester; steh' mir bei,
Dies Paar zu segnen, daß es glücklich sei.

Lied.

Juno.
        Ehre, Reichthum, Ehesegen
        Blüh' und wachs' auf euren Wegen;
        Jede Stunde sei Genuß euch!
        So bringt Juno ihren Gruß euch!

Ceres.
        Erd' und Ernte sei'n euch gnädig,
        Scheun' und Boden niemals ledig,
        Reben hoch voll Trauben steigend,
        Korn vor goldner Last sich neigend,
        Frühling sei schon angefangen,
        Wenn der Herbst noch kaum vergangen,
        Ewig segne Ueberfluß euch:
        So bringt Ceres ihren Gruß euch!

Ferdinand. Dies ist ein herrlich Schauspiel und bezaubernd
Harmonisch. Darf ich die Erscheinungen
Für Geister halten?

Prospero.                       Geister, die mein Wort
Aus ihrem Reich berief, um darzustellen
Was mir beliebt.

Ferdinand.             Hier laßt mich immer weilen.
Solch wunderkräft'ger Vater, solch ein Weib
Machen dies Eiland mir zum Paradies.

(Juno und Ceres sprechen leise mit einander und entsenden Iris mit einer Botschaft.)

Prospero. Still, Lieber! Juno spricht mit Ceres leise;
Es giebt noch mehr zu sehn. Seid stumm und horcht,
Sonst löst sich unser Zauber.

Iris.
        Najaden, die in krummen Bächen wohnen,
        Stets klaren Auges unter schilfnen Kronen,
        Verlasset das gewundne Bett! Erscheint
        Allhier, wo Juno's Botschaft euch vereint;
        Ihr keuschen Nymphen, helfet uns zur Stund'
        Zu feiern einer treuen Liebe Bund.
                (Eine Schaar Nymphen erscheint.)
        Gebräunte Schnitter, müde vom August,
        Kommt aus den Feldern her zu Spiel und Lust,
        Macht Feiertag und führt im Abendglanz
        Die frischen Nymphen dort zum Erntetanz.

(Eine Schaar Schnitter tritt auf, festlich gekleidet, und vereinigt sich mit den Nymphen zu einem anmuthigen Tanz. Gegen Ende desselben fährt Prospero plötzlich auf, wonach die Erscheinungen unter dumpfem und verworrenem Lärm langsam verschwinden.)

Prospero (bei Seite).
Vergaß ich doch den Anschlag gegen mich
Von Caliban und seinen Spießgesellen;
Und die Minute der Vollführung ist
Beinah erschienen. (Zu den Geistern:)
                                  Gut; hört auf! Nichts mehr!

Ferdinand. Dein Vater ist gewaltig aufgeregt
Und sehr ergriffen.

Miranda.                       Niemals sah ich ihn
Bis heute so vor Aerger außer sich.

Prospero. Du siehst mich an, mein Sohn, besorgt und ängstlich;
Sei gutes Muthes. Unser Schauspiel ist
Zu Ende. Diese Spieler waren Geister;
Sie schwanden hin in Luft, in leichte Luft.
Gleich einem wesenlosen Scheingebilde,
Wird einst der Bau von wolkenhohen Thürmen,
Von prächtigen Palästen, hehren Tempeln,
Der große Erdball selbst sammt den Bewohnern
Zu Grunde gehn, und wie von meinem Zauber,
So bleibt von ihnen, wenn sie hingeschwunden,
Nicht eine Spur. Wir sind aus gleichem Stoff
Gemacht wie Träume. Unser kurzes Leben
Umgiebt der Schlaf. – Ich bin erregt; es fiebert
Mein altes Hirn, ich bitte, hab' Geduld,
Und stoß' dich nicht an meine Schwäche. Geht
In meine Zelle, wenn ihr wollt, und ruht;
Ich will ein Weilchen auf und nieder wandeln,
Mich zu beruhigen.

Miranda. Ferdinand.   Ich wünsch' euch Frieden. (Beide ab.)

Prospero. Komm wie der Blitz! – Ich dank' euch. – Ariel, komm!

Ariel. Ich folge deinen Winken. Was befiehlst du?

Prospero. Wir müssen gegen Caliban uns rüsten.

Ariel. Ja, mein Gebieter. Als ich Ceres spielte,
Wollt' ich dich mahnen. Doch ich fürchtete,
Dich aufzubringen.

Prospero. Sag noch einmal, wo ließest du die Schelme?

Ariel. Sie waren, Meister, glühendroth vom Trunk,
Und so verwegen, daß sie in die Luft,
Weil sie sie anblies, hieben und den Boden,
Der ihre Füße küßte, traten. Doch
Sie hielten fest an ihrem Plan. Ich rührte
Die Trommel; da, gleich ungerittnen Füllen,
Erhoben sie die Ohren, machten Augen
Und rissen ihre Nüstern auf, als ob
Sie röchen die Musik. Sie folgten mir,
Wie dem Gebrüll der Kuh das Kalb, durch Dornen,
Durch scharfe Disteln, Ginster und Gesträuch,
Die ihre nackten Beine arg zerrissen.
Zuletzt verließ ich hinter eurer Zelle
Im grünen Sumpfe sie, bis an die Ohren
Drin watend und die Füße überstunken
Von fauler Jauche.

Prospero.                   Gut gemacht, mein Geist!
Bleib' noch ein Weilchen unsichtbar. Geh, hole
Aus meiner Zelle drin den Kleidertrödel,
Den Köder, um die Diebe abzufangen.

Ariel. Ich gehe. (Ab.)

Prospero.         Ein geborner Teufel ist's,
An dem Erziehung nichts verbessern kann,
Und alle Müh', die ich mir menschlich gab,
Verloren ist, ganz und durchaus verloren.
So wie sein Körper garst'ger wird durch's Alter,
Verhärtet auch sein Geist sich mit den Jahren,
Ich will sie alle plagen, bis sie brüllen.
        (Ariel kommt zurück, mit Flitterstaat beladen.)
Häng's hier auf diese Leine! Laß uns lauschen!

(Prospero und Ariel verbergen sich. Caliban, Stephano, Trinculo treten auf, ganz naß.)

Caliban. Tritt sacht auf, daß der blinde Maulwurf nicht
Uns gehen hört; wir sind vor seiner Zelle.

Stephano. Ungeheuer, dein Geist, den du für einen guten Geist ausgiebst, hat uns nicht viel besser als ein Irrwisch an der Nase herumgeführt.

Trinculo. Ungeheuer, hier stinkt's nach lauter Pferdeharn, was meine Nase höchst unwillig vermerkt.

Stephano. Meine auch. Hör', Ungeheuer, wenn du in Ungnade bei mir fielest . . . .

Trinculo. So wär's um dich geschehen, Ungeheuer.

Caliban. Mein gnäd'ger Herr, erhalt' mir deine Gunst,
Und sei geduldig; denn der Preis, den ich
Dir liefre, wiegt dies Ungemach wohl auf.
Sprich leis, hier ist's noch still wie Mitternacht.

Trinculo. Schon recht; aber unsre Flaschen in dem Sumpf zu verlieren . . . .

Stephano. Das ist nicht blos Schmach und Schande, sondern ein ungeheurer Verlust.

Trinculo. Mir viel schlimmer, als mein Naßwerden. Und doch hat dies dein unschädlicher Geist gethan, Ungeheuer.

Stephano. Ich hole meine Flasche wieder, und wenn ich bis über die Ohren hineingerathe.

Caliban. Sei still, mein König, bitte. Siehst du hier
Der Zelle Eingang? Ohne Lärm tritt ein,
Vollbring' die gute Missethat, die dich
Zum Herrn der Insel macht auf immerdar
Und Caliban zu deinem treuen Sklaven.

Stephano. Gieb mir die Hand. Ich fange an blutige Gedanken zu hegen.

Trinculo. O König Stephano, o Herr, o würd'ger Stephano! Sieh her, welch eine Kleiderkammer dies für dich ist!

Caliban. Hanswurst, laß liegen! Das ist nichts als Trödel.

Trinculo. Oho, Ungeheuer, wir wissen auch, was auf den Trödelmarkt gehört. O König Stephano!

Stephano. Nimm das Gewand herunter, Trinculo. Bei dieser Rechten, das Gewand will ich haben.

Trinculo. Euer Gnaden soll es haben.

Caliban.Die Wassersucht ersäufe diesen Narren!
Was denkt ihr nur, an Lumpen so zu hängen?
Laßt liegen und vollbringt zuerst den Mord!
Sobald er aufwacht, peinigt er uns gräulich
Am ganzen Leibe und verhext uns seltsam.

Stephano. Schweig still, Ungeheuer. Frau Linie, ist dies Wamms nicht mein? Nun ist das Wamms unter der Linie. Nun, Wamms, wirst du Haare lassen und alsbald ein kahles Wamms werden.

Trinculo. Nimm, nimm. Wir stehlen wie am Schnürchen, wenn es euer Gnaden beliebt.

Stephano. Ich danke für deinen Witz. Hier ist ein Gewand dafür. Witz soll nicht unbelohnt bleiben, so lange ich König in diesem Lande bin. »Am Schnürchen stehlen«, ist ein höchst witziger Einfall. Da hast du noch ein Gewand dafür,

Trinculo. Auf, Ungeheuer, streich etwas Vogelleim auf deine Klauen, und fort mit dem ganzen Rest.

Caliban. Will nichts davon; denn wir verlieren Zeit
Und werden in Baumgänse oder Affen
Mit häßlich niedrer Stirn verwandelt werden.

Stephano. Ungeheuer, greif' zu. Hilf dies wegschleppen, dahin, wo mein Weinfaß liegt, oder ich jage dich weg aus meinem Königreich. Rasch, trage dies!

Trinculo. Und das!

Stephano. Und jenes noch!

(Jagdlärm. Eine Menge Geister erscheinen in Gestalt von Hunden und jagen sie umher, gehetzt von Prospero und Ariel.)

Prospero. Ho, Bergmann, ho!

Ariel. Da läuft es, Nimrod! Nimrod, krieg's!

Prospero. Diana, faß, Diana! Sultan, faß!
        (Caliban, Stephano, Trinculo werden hinausgehetzt.)
Heiß meine Geister ihre Knochen packen
Und zwicken, ihre Sehnen ziehn im Krampf
Und sie gefleckt am ganzen Leibe beißen
Wie wilde Katz' und Pardel.

Ariel.                                           Hör' sie brüllen!

Prospero. Laß sie nur weidlich hetzen. Diese Stunde
Giebt alle Feinde mir in meine Macht.
Bald endet unsre Arbeit. Du wirst frei,
Frei wie ein Vogel in der Luft. Ein Weilchen
Gehorche noch und diene! (Ab.)

 


 

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