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Der stumme Prophet

Joseph Roth: Der stumme Prophet - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorJoseph Roth
titleDer stumme Prophet
publisherKiepenheuer & Witsch
isbn3462024698
year1995
firstpub
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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In der Silvesternacht von 1926 auf 1927 saß ich mit einigen Freunden und Bekannten in Moskau im Zimmer Numero neun des Hotels Bolschaja Moskowskaja. Für einige der Anwesenden war diese private Art, den Silvester zu feiern, die einzig mögliche. Ihre Gesinnung hätte ihnen zwar gestattet, eine festliche Stimmung in der Öffentlichkeit zu demonstrieren. Aber sie hatten Rücksichten zu nehmen und Rücksichten zu fürchten. Sie konnten sich weder unter die Ausländer mischen noch unter die einheimischen Bürger, und obwohl der und jener unter ihnen seiner Idee zuliebe schon oft und lange als Beobachter fungiert hatte, hütete er sich doch mit Recht, selbst der Gegenstand einer Beobachtung zu werden.

In meinem Zimmer schwebte der bekannte Zigarettendunst, den man aus den Romanen der russischen Literatur kennen dürfte. Ich öffnete abwechselnd die kleine Luke am Fenster – das ganze zu öffnen, hätten mir meine Gäste verwehrt – und bald die Tür, die in den Korridor führte und durch die Geräusche von Musik, Stimmen, Gläsern, Schritten, Gesang hereinkamen.

»Wißt ihr«, sagte Grodzki, ein ukrainischer Pole, der für die Tscheka lange in Tokio gearbeitet hatte und der mir menschlich nahegekommen war, als er mit dem Auftrag anrückte, Berichte über mich zu verfassen, und ich ihm sofort sagte, daß ich mich seiner Tätigkeit in Japan noch erinnere, »wißt ihr«, fragte Grodzki, »wer vor drei Jahren in diesem Zimmer hier, Numero neun, gewohnt hat?« Ein paar blickten ihn fragend an. Er kostete ein paar Sekunden die Stille aus. Er hatte, wie viele Menschen, die im Geheimdienst verwendet werden, den Ehrgeiz, nicht nur etwas zu wissen, sondern auch etwas länger zu wissen als die andern. »Kargan«, sagte er nach einer Weile. »Ah, der!« rief der Journalist B., dessen orthodoxe Gesinnung bekannt war. »Warum so verächtlich?« sagte Grodzki. »Weil wir wahrscheinlich schon mehrere seinesgleichen in diesem Zimmer Numero neun beherbergt haben dürften«, erwiderte B. mit einem Blick auf mich.

Die andern mischten sich ein. Fast jeder glaubte, Kargan gekannt zu haben, und fast jeder äußerte über ihn ein mehr oder weniger abfälliges Urteil. Man kennt die Bezeichnungen, die eine orthodoxe Theorie für Revolutionäre mit intellektueller Vergangenheit geschaffen hat, und ich erspare es mir, die Meinungen der einzelnen in ihrem Wortlaut wiederzugeben. »Anarchist«, rief der eine, »sentimentaler Rebell«, der andere, »intellektueller Individualist«, der dritte.

Es ist möglich, daß ich damals den Anlaß, Kargan zu verteidigen, überschätzt habe. Jedenfalls schien es mir, obwohl ich ihn um jene Zeit nicht ohne Grund in Paris vermutete, auf eine wirklich unerklärliche Weise, daß er mein Gast sei und daß ich die Pflicht hätte, ihn zu beschützen. Vielleicht hatte mich die Mitteilung Grodzkis, daß Kargan vor Jahren in diesem meinem Zimmer gewohnt hatte, zu einer langen Verteidigungsrede veranlaßt. Es war eigentlich keine Rede. Es war eine Geschichte. Es war der Versuch einer Biographie. Von allen Anwesenden kannte ich neben Grodzki, den der Beruf verpflichtete, alle zu kennen, den Angegriffenen am besten. Ich begann zu erzählen, von Grodzki unterstützt, und wir wurden beide in dieser Nacht nicht fertig. Ich erzählte noch die nächste Nacht und die drittnächste. Aber in der drittnächsten verschwanden alle Zuhörer bis auf zwei. Es waren die einzigen ohne Amt und ohne Angst, die Wahrheit zu hören.

Es erschien mir infolgedessen notwendig, meiner Erzählung ein weiteres Echo zu geben, als meine Stimme es vermochte. Ich entschloß mich aufzuschreiben, was ich erzählt hatte.

Kargans Leben steht hier in der gleichen Reihenfolge niedergeschrieben, wie es damals erzählt worden ist. Die Zwischenrufe der Zuhörer, ihre Bewegungen, ihre Scherze, ihre Fragen sind ausgelassen. Unterblieben sind ferner jene Ereignisse, mit Absicht verschwiegen sind einige Merkmale, die zu einer Identifizierung Kargans führen könnten und dem natürlichen Trieb des Lesers, in der geschilderten Person eine bestimmte, existierende historische Persönlichkeit wiederzuerkennen, zu Hilfe kommen würden. Die Lebensgeschichte Kargans hatte ebensowenig eine aktuelle Tendenz wie irgendeine andere. Sie ist nicht ein illustrierendes Beispiel für eine politische Anschauung – und höchstens eines für die alte und ewige Wahrheit, daß der einzelne immer unterliegt.

Ob Friedrich Kargan endgültig der Vergessenheit anheimzufallen bestimmt ist?

Nachrichten zufolge, die einige seiner Freunde auf sicheren Umwegen vor einigen Wochen von ihm erhalten haben wollen, soll er entschlossen sein, den zivilisierten Teil der Welt nicht mehr freiwillig aufzusuchen. Und also ist es möglich, daß er einmal in der leeren Einsamkeit versinken wird, unbemerkt und spurlos, wie ein sterbender Stern in einer schweigsamen und verhüllten Nacht. Dann würde sein Ende unbekannt bleiben, wie es bis jetzt seine ersten Anfänge waren.

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