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Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Der stoltze Melcher - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGrimmelshausen Werke II (Bibliothek der frühen Neuzeit Band 17)
authorHans Jacob Christoffel von Grimmelshausen
year1997
publisherDeutscher Klassiker Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-618-66470-2
titleDer stoltze Melcher
pages681-705
created20000922
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1672
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Grimmelshausen

Der stoltze Melcher

Sambt einer Besprecknuß
Von das
Frantzoß Krieg
Mit der
Holland.
Welches
Durch Veranlassung eines Saphoyers
der Fridens-satten- vnd gern-kriegenden teutschen Jugend
zum Meßkram verehret wird.

WElchem die vngewöhnliche grosse Hitz / die wir nechst verwiechene Kirschen Ernd in dem Hemispherio vnsers obern Rheinstroms überstanden keine Ungelegenheit gemacht / der mag damahl entweder unempfindlich: oder auff dem Tyrolischen Schneegebürg / wo nit gar in nova zembla gewesen seyn: es sey dann / daß er nicht in Teutschland: sonder irgendswo vnder der zona torrida geboren vnd erzogen worden / allwo er der Wärme von Jugend auff gewohnet; Mir zwar als einem gebornen Teutschen / der sich eben damahls noch zu hauß befande (wie ich dann ohne Ruhm zu melden die verstrichene Zeit meines Lebens ohne das so glückseelig gewesen / daß ich nicht weiter kommen / als sich die Nachbarschafft deß Bruck-Rheins vngefährlich erstreckt) ware sie die Warheit zubekennen / so beschwerlich / daß ich mich vnzähllich mahl vnder den Hauptmann Lentz vnderhalten lassen mußte.

Einsmahls commandirte mich dieser gewaltige Capitain von meinem vorgenommenen Spazierweg abzutretten / vnd ohnweit vnserm Dorff in einen lustigen Bosch (der in verwichenem langwürigen Krieg auffkommen war / vnd neben der Straß einen guten Acker mit seinem grünen überzug zur halben Wildnuß gemacht vnd noch Waldmässig überdunckelt) mich daselbsthin in das frische Gras vnder den Schatten niederzulegen; Jch gehorsambte / wie billich / weil es eben ein Ruhetag war / vnd lase Jnterim vor die lange weil den Hirnschleiffer / ob ich vielliecht das meinige also auff der Bernhaut ligend ohne fernere Mühe vnd Arbeit dardurch excolirn vnd auspolirn möchte / damit es schiene ob hätte ichs in meinem Eselskopff auch hin vnd wieder in der Welt herumb getragen / vnd allerhand Siebensachen / wie in ein Felleysen hinein gepackt / oder alles was ein weiser erfahrner Mann wissen soll / gleichsamb wie in ein Schreibtäfelein notirt / vnd also mit mancherley scientzen vnd Wissenschafften in der Frembde außgeziert.

Jn solchem eyfferigen Fleiß lag ich schier so lang auff einer Seite / biß das grüne Gras gantz gelb vnder mir wurde / ; Ich weiß selbst nicht mehr / ob ich darüber entschlieff oder nicht / so hertzentzuckent vnd sanfft thät mir meine Einbildung / daß ich zugleich ruhen vnd geschickt werden: zugleich faullentzen vnd stultiren köndte / ohnangesehen mir mein Hertz sagte / daß ich die Hände anders anlegen: ein Ding selbsten in der Frembd erfahren vnd alles mit meinen eignen Augen sehen müßte / so fern ich anders eine eigentliche vnd rechtschaffene Wissenschafft haben vnd erlangen wolte; Und diese innerliche Einsprechung erweckte sehr nahe bey mir / eine Begierde / ja schier einen vesten Vorsatz / eine weite Reiß in die ferne zu wagen / als warzu sich täglich Gelegenheiten anbotten / eine solche vermittelst deß Kriegs-Wesens ohne sonderbare Unkösten zu vollbringen. Jch kam in solchen Gedancken gantz auß mir selber / vnd blieb doch selber da; Jch wußte nicht / wie gemelt / ob ich schlieff oder wachte? das aber so mich wieder zu mir selbsten brachte / vnd auß meinem Schlaff oder der Entzuckung erweckte / war ein Gespräch dreyer vnderschiedlicher Kerls so die Straß her kamen / vnd ihr Geplauder miteinander hatten: der eine war ein Saphoyer / der ander ein frembder Handwercks-Gesell der Sprach nach im Gebürg das Helvetiam vnd Jtalia scheidet / gebürtig / vnd der dritte mein Landsmann / vnd zwar eines reichen Baurn vngerathener Sohn / der Stoltz Melcher genannt / welchen sein Vatter verwichene Weyhnachten / vmb besser mores zu lehrnen / zum Nabar Lorentzen vor einen Knecht verdingt gehabt / auß welchem Dienste er aber entsprungen vnd sich in Krieg begeben; Alle drey zogen nicht feyrtäglich auff / ob es gleich wie oben gedacht / eben Feyrtag war / vnd über diß marschirte noch darzu der letzt ernandte gar matt vnd ellend an einem Stecken daher.

Es stunde gerad am Bosch darinn ich lag / zwischen mir vnd dem Weeg den sie herhuncken / ein Baum voller madiger Kirschen / denen theils vor fäule bereits herunder zufallen begundten / vnder demselben præsentirte ihnen der schatten ein bequemme Ruhestatt: der Saphoyer legte sich zwar am ersten wiewol er noch unangesehen seines alters der frischeste vnder ihnen war / an statt das walt GOtt / sagte er / als er die Augen übersich hub / vnd die halb faule Kirschen / deren jede mit einem oder zweyen lebendigen Würmlein gespickt war / auff dem Baum sahe / holl das Teuffel die Frantzos Krieg? hier iß besser Landen vor die arm Bettelman / als der Holland vor das Frantzos prave Soldat?

Mein Nachbar Landsmann sahe so bleich vnd außgemärgelt drein / daß ich nicht ersinnen kondte / ob er vor Kranckheit: vor Hunger: vor Mattigkeit oder wegen allzu grosser Außmärglung sich nicht niederlegen kondte oder mochte; dann ich wußte noch nicht wo ihn der Schuh truckte / noch daß er von allen diesen vier Quälungen zugleich angefochten wurde: Der Handwercks-Kerl aber sagte zu ihm: Nun Bruder? du hast vorlängst vnd also auch ererst vor einer kurtzen weil so einen grossen hauffen guts dings von den Reichthumben deiner Eltern / die in diesem Dorff wohn sollen / auffgeschnitten / warumb gehn wir dann nicht vollends hinein / vns bey Jhnen / wie du vertröstung gegeben / zu erquicken? Ach Bruder / antwortet der stoltze Melcher / Jch schäme mich in Warheit vor mich vnd meine Eltern selbst / in diesem meinem erbärmlichen Zustand / gleichsamb wie ein ellender Gutleuthmann in das Dorff zugehen: vornehmlich aber auch / weil ich mir vorgesetzt vnd bey meiner Abreiß mit jedermann betrohenlich verabscheidet / in dasselbige zu meiner Wiederkunfft als ein ansehenlicher Edelmann zu reitten / vnd darin als ein Herr zu herrschen; Derowegen mein Bruder bitte ich dich / thue doch so viel an mir vnd gehe hinein / frage nach deß Schultzen Clausen Görgen Hansen / dann derselb ist mein Vatter / vnd sage zu meiner Mutter doch daß es bey leib der Vatter nicht höret / ihr Melcher sey da: Sag ihr auch sie solle her kommen / vnd mir mein alt Wüllen: wie auch ein weiß Hembd sambt meinen alltäglichen Hosen vnd ein par Strümpff mitbringen / Jch weiß sie wird gleich mit dir lauffen / wann sie anderst nicht auch vor mich ein Pferdt oder gar einen Karch mitnimbt: Wann ich mich dann anderst angethan hab / so wollen wir mit ihr heimb / vnd da will ich dir halten / was ich dir schon vor 20. Meilen versprochen.

Der Handwercks-Kerl nahm diese Commission zuverrichten auff sich / vnd zottelt damit dem Dorff zu: Jch zwar gedachte / gehe nur hin / du wirst willkommen seyn / wie ein Saw in eines Juden Hauß / vnd so wenig richten als der Hagel in den Stupflen: Sintemahl die Bäurin meines Landsmanns Mutter die abfaimung von aller bösen Weibern gifftigen Mäulern vnder ihrer Nasen stehn: vnd seyt sich ihr Sohn vnderhalten lassen / wol tausendmahl geschworen hatte / der Ritt solt sie schütten / wann sie ihr Melcher den losen Vogel ihr Lebtag mehr vnder ihre Augen kommen lassen wolte; doch fande ich mich betrogen / dann die Affen-Liebe deß Mütterlichen Hertzens vnd die Freud über die vnversehene Widerkunfft deß verlohrnen Sohns machte vor diß mahl die schärpffe ihres gewöhnlichen styli vmb etwas stumpff / also daß der Abgesandte nicht so eyterbissig empfangen wurde als ich mir wol eingebildet / ob zwar ich auch nicht glauben kan / daß er eben auch so gar ein angenehms vnd köstlich Bottenbrodt gekriegt haben wird.

Jnterim enthielt mich an meinem heimlichen Ort noch verborgen / vnd dort der Mutter Ankunfft / sie möchte nun gleich zu Pferd / zu Fuß oder zu Karch kommen / zuerwarten / vnd mit was für Ceremonien sie ihren Sohn empfahen wurde / zuvernehmen; mir einbildend gleich wie sie seyt er hinweg gezogen / ihm wol tausend guter Mütterlicher Seegen nachgesprochen / von der Gattung welche wieder niederzureissen pflegen was der Vätterliche aufferbauet / also würde es auch anjetzo schlechte bezeugung Mütterlicher affection setzen: der Savoyer aber stiege nach den Kirschen / welche wieder den gemeinen Lauff der Natur anfingen zufaulen / nach dem sie zuvor lebendig worden: Mein Landsmann aber kroch mehr als er gieng zunechst bey mich in eine Hecke / hockte nieder vnd liesse mich wahrnehmen / daß er nicht nur allein s. h. ein schlechte oder gemeines Gerümpel der schnellen Katarnia im Bauch: sonder gar eine gefährliche Dysenteriam am Hals hatte; Hoho / gedachte ich / Kerl? haben dich die seltzame vnd gefährliche Läuffe vnserer Zeit auff diese weiß züchtigen / demühtigen / vnd zurecht bringen müssen? nun wirstu das stetige Spielen vnd Sauffen in den Würtshäusern: das Nächtliche Kälbergeschrey vnd Jöhlen auff der Gassen: dein gewönliches Rauffen vnd Schlagen auff dem Kegel- vnd Tantzplatz einmahl vnderwegen lassen / vnd andern ehrlichen Leuthen weder mehr in die Gärten vnd Güter: solche zubestehlen vnd ruinirn: noch in ihre Häuser steigen / ihre Mägd vnd Töchtern zu verführen vnd zu schänden; Nun wirstu weder Vatter / Mutter noch Freunde mehr trillen / bochen / trutzen noch betrohen / dich vnderhalten zulassen: Dann mich dunckt dein Lust zum Krieg sey gebüßt: dein vnleitsammer Vbermuht sey vergangen: dein flegelhaffte Hoffart sey verschwunden: dein boßhafftiger Muhtwill sey gedämpfft / vnd dein ausgelassene Viehische Geilheit sey erloschen; Jn Summa du wirst in Holland so geschmeidig gemacht worden seyn / als wann du gar zu Ambsterdam im Zuchthauß gewesen wärest? welche ansehenliche angestandene Beuthe dir eben so nöhtig gewesen ist / als vmb wie viel besser die gantze Zeit deines Lebens vnd vielliecht auch nach dem Tod / sie dir bekommen wird / als wann du 1 000. Ducaten oder wol mehr erobert vnd mit dir heimbgebracht hättest; Diß vnd dergleichen waren meine Gedancken biß die Mutter mit dem abgeschickten Handwercks-Kerl vnd ihrer bey sich habenden Tochter / so die begehrte Kleyder trug / angestochen kam / von welcher ich nicht sagen kan / ob sie am mehristen erfrewt oder betrübt: erzürnt oder wol content gewesen; Ach / sagt sie / da sie ihn erblickte / du heilloser Vogel / was machstu mir vor Creutz vnd Hertzenleyd? Warumb hab ich dich nicht im ersten Bad ertränckt? Es were kein wunder wann ich dich gleich da ligen: vnd hinder den Hecken wie einen Hund verrecken liesse; du leichtfertiger Dieb vnd du Schelm / hab ich dirs nicht immer zuvor gesagt / du werdest so schön wieder heimb geritten kommen / wann du anders draussen keinen Graben füllest? daß dich der Donner vnd der Hagel / etc. vnd mit dem lieffe sie auff ihn zu / meines darvorhaltens ihm in die Haar zufallen / vnd ihm etliche Ohrfeigen mitzutheilen / darvon sie aber von ihrer Tochter vnd dem Handwercks-Kerl abgehalten wurde.

Solches nun war der Anfang ihrer ersten Sermon die sie thät; das Mittel war etwas gelinder / vnd / als jhr Sohn seine Lumpen auß: Vnd hingegen die kleider die sie mitgebracht / wider anzog / so / das sie beobachten könde / wie mager / ellend vnd jämmerlich er am Leib außsahe (massen er gantz verdorben / vom Fleisch kommen vnd erbärmlich abgefallen war) beschlosse sie auß Mütterlichen Mittleyden das Endt daran mit weinen; Tochter vnd Sohn stimbten mit an / welches zusammen die artlichste Harmonia einer miserablen Music abgab; der Vatter / welcher seines Sohns Ankunfft erfahren / kam mit einem starcken baculo herzu geloffen / ohnzweiffel des vorhabens / den tact vff seines Sohns Buckelorium zuführen / so er aber vnderwegen liesse / beydes weil ihn der Mürbe Pült dawret / vnd dan das jhm die Mutter gar vernünfftig vnd bescheidenlich zusprach; dan sie sagte zu jhm mit betrohenlichen minen, du alter Narr / was wilstu machen? Sihestu dan nicht das der arme Teüffel albereit geschlagen genug ist? Uber das kan ich schwerlich Glauben / das der verlohrne Sohn im H. Evangelio zu seiner Widerheimkunfft bey seinem Vatter beweglicher Wort fürgebracht / jhn zur Barmhertzigkeit / verzeih- vnd wider auffnemmung zuerbitten / als hier mein Landtsman gethan! Warumb solte er dan den Tropffen geschlagen haben? Doch sagte er zu jhm / er solte sich in aller hundert tausenten Namen wider hin scheren wo er herkommen wäre; schwur jhm auch hoch vnd thewr / das er nimmermehr über seine Thürschwel kommen solte / wan er gleich versichert wär / das er draussen wie ein Vieh sterben müste; ich bin / henckte er ferner dran / die Tage meines lebens keinem Krieger hold gewesen / vnd du leichtfertiger Schelm hast dich dessen ohngeacht / Gott geb wie getrewlich ich dich auch darvon abgewarnet / dannoch mitten vnder jhre Diebszunfft: Vnd was das allerärgeste ist / vnder die Welsche begeben / dein aigen Teütsch Vatterland bekriegen: Seine fridliche Rhue zerstören: Seine Freyheit vndertrucken: Seine Jnwohner rurinirn: Seine Stätte vmbzukehren: Die Dörffer verbrennen: Die Bauren plüngern: vnd in summa summarum so vil an dir ist / alles Vnheil anstellen: Vnd das gantze Teütsche Geblüth mit sambt seiner prostirirarum in ewige Servigut stürtzen zuhelffen; Schau nun du ehrlicher Vogel / wie jetzt deine Leichtfertigkeit so schön belohnt wird? O wie recht! Warumb werden doch nicht alle deines gleichen böße Buben solcher gestalt abgefertigt? Aber höre / du hast durch deinen Vngehorsamb vffgehöret mein Kindt zu sein / darumb bin ich auch nit mehr verbunden / mich gegen dir als ein Vatter zuerzeigen; ich hab allzeit wol gedacht / dirs auch so wol als deine Mutter / offt zuvor gesagt / du werdest mir wider so herrlich nach Hauß kommen vnd an Statt viles Gelts vnd eines gewaltigen Gauls / darauff du das gantze Dorff praviren wolltest / nur eine vnzahlbare Mänge Leüse vnd einen stecken heimbringen / zur Anzeigung / das deine Leichtfertigkeit verdienet hab / dich alle Tage wie einen Tanzberen zuprüglen; aber gehe hin / du hast dich der vätterlichen zucht einmahl entbrochen / darumb will ich mich deiner auch kein haar mehr annemmen / hastu dir wol gebetthet / so magstu auch wol ligen.

Auff disen gegebenen Sentenz befahl er auch seinem Weib / dan sie so lieb jhr ein fridsame Ehe wäre / sich heimpacken vnd den ohngerathenen Galgenschlüngel ligen lassen solte; Aber der Handtwercksgesell sagte zu jhm: Vatter jhr seyt gar zu hart / ein solche Grausambkeit deren jhr eüch gegen ewerm Sohn anmasset / ist niemahl von einigem Vatter erhöret worden; ist er gleich einmahl gefallen / so wird er sich doch künfftig besseren / vnd durch wol verhalten wider einbringen was er etwan gesündigt haben möchte; Sein voriger Unverstand ist nun mehr mit seinem Schaden corrigirt: er ist jetzt genug gewizigt; Vnd sein übersehen / ist / wie jhr selbst sehet / überflüssig genug gestrafft worden; Derohalben nembt jhn nur immerhin wider zu gnaden an / vnd macht nit auß übel ärger / sonder glaubt mir sicherlich das er sich hinfort besser als jemahls verhalten werde gedenckt: er ist gleichwol ewer Fleisch vnd Blut / etc. Mein Nachbar fiele jhm in die Rede vnd sagte: halt du das Maul / was gehets dich an was ich mit ihm mache? Ohne die Schand / ohne den spott / vnd ohne das Creutz das man von eüch vngerathenen Schelmen hat / muß man sorgen das jhr einem noch darzu das Hauß / ja das gantze Dorff mit ewern mitgebrachten Kranckheiten anstecken möchtet: Wan ich Meister wär / so wolte ich nit allein eüch alle drey: sonder auch alle ewers gleichen Schlüngel / die den jenigen im Krieg dienen / so vnsere Fridens Ruhe zerstören: Vnd der Teütschen Freyheit nachstellen wollen / als Mainaydig-mässige Verräther jhres Vatterlandts an den lichten Galgen hencken lassen.

Uber Anhörung diser Wort / wurde der Handtwercks Kerl gantz blaich vmb den Schnabel: Glaube auch / wan er seinen schwachen Leibs Kräfften getrawet: oder meinen Nachbarn anderswo als so nahe beim Dorff gehabt / das er ein gänglin mit jhm gewagt hette. Er antwortet jhm / ich sehe wol das ich Vrsach hab euch vor einen groben unverständigen Knollfincken zuhalten: Jch habe bey ewerem Sohn so vil gethan / biß ich jhn wider hieher gebracht hab / das ich jhm / wan er gleich mein leiblicher Bruder gewest / auch nit mehr hette thun können: Wie er dan selbst bekennen: vnd diser Welsche bezeügen wird / das er ohne meine geleiste hilff vorlängst sterben vnd verderben müssen: Weßwegen ich dan vil einen andern Danck als disen verdient zuhaben verhofft / läst eüch nun ewere plochheintzische Grobheit solches nit erkennen / so last mich im übrigen als einen ehrlichen Kerl vngeschändet: Jch werde eüch / wan jhr je vber trewlichs abwarnen in ewerem Sohn ewer aigen Nest besudlen: Vnd nicht thun wolt / was einem Vatter zukombt / im geringsten keinen Eintrag thun. Komb Clade, sagte er zum Saphoyer / der nunmehr wider vom Kirschbaum gestigen war / wir wollen weiters / ich habe die Prüh von disem groben vnerkandtlichen vnd vndanckbaren Bauren.

Es war / wie oben im Anfang gemeldet worden / eben ein Ruh: Vnd dannenhero zugleich ein spatzier Tag: Vnd eben deßwegen gienge vnser Juncker mit dem Pfarrer in selbiger gegent im Felde vor die lange weil herumber / die hörten meinen Nachbarn den Handtwercks Kerl also überlauth antworten / wie dan selbige Leüth ein groß geschrey zu machen pflegen: Ja / ja / jhr Gesellen / jhr köndt eüch dessen wol rühmen / wan jhr einander in eweren Nöthen beygestanden vnd etwas guts gethan habt / aber das köndt jhr wol verschweigen / ja jhr gedenckt nit einmahl daran / daß ihr zuvor einander auch verführt: Vnd da eüch ewer vnbändiger Mutwill noch ritte / in den Krieg gebracht vnd in solche Noth gesteckt habt / vffhäncken solt man eüch / vnd wenig mitleyden mit euch haben / als mit einem Dieb / der auß Mangel vnd eüßerster Armuth gestolen.

Als der Juncker vnd Pfarrherr diß geschrey höreten vnd die wort verstunden / gleichwol aber nit ersinnen konden / was für: Vnd mit wen mein Nachbar händel haben möchte / den sie wol an der stimme erkannten / eyleten sie hinzu: der Juncker fragte was News? Vnd da er von allem informirt worden / sagte er zum stoltzen Melcher: Ha / ha! du ehrlicher Gesell! bistu auch wider da? Wie dunckt dich / wann ich dich jetzt ein Wochen oder vier in den Thurn setzen: vnd nur mit Wasser vnd Brodt abspeisen liesse? Ach! antwortet vnser Melcher / Ach! Ewer Gestrenckheit vergeben mir nur noch dißmahl vmb GOttes willen; Ach gedenckt / daß ich wegen meines hiebevorn Muthwillens vnd begangener vnbesonnener Thorheit allbereit ja so genugsamb gebüßt hab / daß ich schier die Haut nicht mehr schleppen kan / vnd daß mirs tausendmahl erträglicher gefallen wäre / wann ich / seyt ich in den Krieg gezogen bin / biß jetzt im Thurn ligen: vnd gleichsamb nur mit Wasser vnd Brodt oder Trübsal (wie vnser Herr Pfarherr als gepredigt / daß man mir thun sollen) verlieb hätt nehmen müssen: dann Ew: Gestr: behertzigen doch nur / Jch kriegte dort / wo ich vmb meine Leichtfertigkeit daß ich mich vnderhalten lassen / gestrafft wurde / offt in 4. Wochen nicht halber genug Brodt zu essen / vnd in einem gantzen viertel Jahr keinen eintzigen gesunden Trunck frisch Wasser / vnd hatte gleichwol keine Ruhe / deren ich noch im Thurn genossen hätte / sondern mußte Tag vnd Nacht schantzen / wachen / marschirn / stürmen / scharmützirn vnd / unangesehen solcher armseeligen Außmärglung gleichsamb all Augenblick entweder vom Feind oder von meinen eigen Officirern selbsten ja gar von deß Henckers Hand eines vnversehenen gewaltsamen Tods gewärtig seyn / welchen man doch den Armen vmb Leib vnd Leben gefangen sitzenden zuvor anzukünden pflegt: Wolte ich mir solches nun nicht zur Straff dienen lassen / so taugt mirs doch zur Warnung / künfftig mein Leben besser anzustellen / dann jetzt weiß ich den Underschied zwischen dem Leben der Soldaten im Krieg vnd der Burgers-Leuthe in dem Frieden. Jehnsen vnleidenliche Schärpffe übertrifft die härtiste Gefäncknuß vnd Tods-Straffen / deren man sich in den Friedens-Zeiten wieder die frevelhaffte Ubelthäter bedienet; dieses aber ist gegen jenem wie ein Paradeiß zurechnen / warinn man vnder seinem Weinstock vnd Feigenbaum sicher wohnen vnd seiner Gesundheit pflegen kan; jenes ist allerdings eine gewisse Höll / darin man auff vnzahlbare weiß vnd weg gequälet: vnd wegen stätiger vor Augen schwebender gefahr mit Forcht deß Tods gepeinigt wird; es sey dann daß ihm einer wegen der unerträglichen Bürde vnd der Marter abzukommen / verzweifelter weiß den Tod selbst winsche; diß dargegen aber ist bey nahe ein sicherer Himmel / darinnen man sich noch leidenlicher zur Gesundheit dienenden Leibsbemühung (die mit grossem Unrecht Arbeit genennt wird) mit angenehmer Ruhe wiederumb ergötzet / vnd mit Speiß vnd Tranck erquicket: Jetzt weiß ich / Gestr: Juncker / waß ich zuvor nicht wußte noch in den Schulen erstudirn konde / mir aber bißhero so hoch zuwissen vonnöthen gewesen; Ohnversucht schmäckt nicht: hätte ich ehe gewißt was ich nunmehr erfahren / so hätte ich mich nimmermehr durch meine Torheit so weit verleiten lassen; vnd diese meine wenige Wissenschafft vnd Erfahrung wird künfftig nicht allein mir taugen mich selbst in den Schrancken der ehrbaren gebühr zuenthalten / sonder ich werde auch andere vngerathene muhtwillige Bursch vnd böse Buben zur besserung zu weisen vnd sie vor dem gefährlichen Welschen Soldaten Handwerck dergestalt zu warnen wissen / daß sie solches schneller als die Pest fliehen sollen / gleich wie sie hingegen ihre Lockvögel haben / die sie in Krieg reitzen vnd damit zugleich in Hunger vnd Kranckheit: ja in allen Jammer / in alle Arbeitseeligkeit / in alles vnbeschreiblichs Ellend stürtzen / vnd sie beydes vmb Leib vnd Seel bringen: Ja ich getraute mir allbereit zehen Werbern / die zum allerbesten auffschneiden könden vnd Gelts genug hätten / nur mit wenig Worten solchen Widerstand zuthun / daß sie auß tausenden in den Krieg lusterenden Kerlen keinen entzogen kriegen solten; Deßwegen Hochedler Herr / Gn: Juncker / bitte ich / erbarmt euch über mich! vnd verleihet mir auch zugleich Jhres hochvermögenden orths ein gut Wort bey meinem erzürnten Vatter / daß er mich wieder in sein Hauß auffnehme / Jch verspreche hingegen Jhme mehr nutzen zuschaffen als seine zween Knecht / vnd mich auch gegen Ew: Gestr: selbsten so gehorsamb vnd getrew zu erzeigen / als einer auß allen jhren Underthanen immer thun mag.

Zum Pfarrer aber sagte er / Ew: Ehrw: lassen doch auch ihres theils nichts erwinden / Sie führen nur meinem Vatter zu Gemüht vnd behertzigen es auch selbsten / daß vns Unser Heyland das Exempel vom verlohrnen Sohn keiner andern Ursach halben vorgestellt / als daß wir demselbigen / als seiner Lehr gemäß / ebenmässig nachfolgen sollen; Der Pfarrer antwortet / du hast schon dem verlohrnen Sohn nachgefolgt / ob aber dein Vatter auch jenem nachfolgen: vnd was er dir vor ein Mahl zubereiten lassen wird / stehet zuerwarten.

Hierauff sagte der Juncker zum Pfarrer / dieser Paß scheinet einmahl wol gestimbt zuseyn / dan er gehet zimlich nider? aber zum Melcher sagte Er / deine Wort sein gut / wann nur die Werck auch folgten / du hast deinem guten alten Vatter schon manchen Possen gespielt / so / daß ich nicht Ursach hab mich zuverwundern / wann er dich gleich in diesen deinen Nöthen verläßt: er hat dich von Jugend auff zu der Schulen vnd den studiis gehalten / vnd schwere Unkösten auff dich verwendet / vmb dich über herkommen ja über sich selbsten in einen höhern ansehenlichen Ehrenstand zuerheben; was hat er aber damit außgericht? diß? Er mußte deine übermachte Schulden zahlen vnd dich mit Spott vnd Schand wider zu sich nach Hauß nehmen / allwo er beydes dich ein Handwerck lernen: oder das Baurenwerck treiben zulassen gantz ungeschickt vnd verderbt zu seyn befande; Er thät dich darauff zu deinem besten vnd zwar mit meinem gut befinden / weil er dich in seinem eignen Hauß nit mehr gedulden konde / zu dem arbeitsamben vnd fleissigen Baurn Lorentzen / welcher den Ruhm hat / daß seine wolerzogene Kinder der Jugend im gantzen Land vor ein Spiegel vnd Muster / wie sie sich halten solten / mit grossem Nutz vorgestellt werden könden; Aber sihe! du hast bey demselben so wol das Vätterliche süsse: als das leidenliche Joch dieses berühmbten Manns abgeworfen / vnd dich selbst auß lauter Muthwill zu höchster ärgernuß der übrigen Söhne vnd Knecht meiner Underthanen / in den Krieg begeben / vnd also in die Blüht deines Unglücks gestürtzet; was vermeinestu wol / was deinem Vatter an dir noch ferner zuthun übrig sey? Man sagt zwar gebrannte Kinder förchten das Feur / aber ich sorge! ich sorge! wann dich ins künfftig bey geniessung der genüge von deines Vattern Fridensbrodt der Haber wider sticht / du möchtest das gemeine Sprichwort wahr machen / da man sagt / Da der Kranck wider genaß / je ärger er was; das ist / du dörfftest wol ein ärgerer Maußkopff werden / als du jemahl einer gewesen bist; Jedoch dem sey wie ihm wolle / wann ich einen versicherten Bürgen wegen deiner Besserung hätte / so wolte ich bey deinen Eltern / etc.

Nix / nix / nix / fiele mein Nachbar dem Juncker in die Rede / in meinem Hause will ich ihn in Ewigkeit nit mehr haben? er soll mir die Schwöll nit mehr betretten / will es lieber ausgraben vnd dem Vulcano auffopfern / es wird mich auch keine Obrigkeit darzu zwingen / daß ich ihn wieder annehmen müsse; Sacht / sacht / antwortet ihm der Juncker / du wirst auch nicht ewig leben / noch ihm nach deinem Tod dein Hauß verbieten können / als welches du selbst raumen vnd einem andern überlassen must / warzu er alsdann als dein Sohn vnd nechster Erb den ersten Anspruch hat; er ist so wol mein Underthan als du / wird er nun die versprochene Besserung im Werck verspühren lassen / so ist ihm von mir sein übersehen schon vergeben / wo nit / so werden wir Zeit genug übrig haben / ihn widerumb vor all Teuffel weg zu jagen / Jndessen mustu ihm auch verzeihen / vnd dich so wol als ich mit Hoffnung der besserung trösten; vnd Mutter / sagt er zur Bäurin / die dort stund vnd mit ihrer Tochter noch flennet / was sprecht ihr darzu? was soll ich machen Juncker? antwortet sie / er ist mein Kind.

Also wurde durch vnderhandlung deß Junckern der Fried zwischen den Eltern vnd dem Sohn wider gemacht / hingegen fing der Pfarrer eine stattliche Predig an darauff er doch im wenigsten nichts studirt hatte / in welcher Er dem Melcher alle Laster vorwarff / die jetzt bey der Jugend deß gemeinen Manns im schwang gehen; Er traff ihn auch so richtig vnd gewiß (sintemahl er denselbigen bey nahe allen mit einandern zugethan vnd ergeben gewesen) daß ich schier glauben mußte / was das gemeine Volck von den Predigern zusagen pflegt / nemlich daß sie alsdann von den Cantzlen auff die Leute zu stümpfen gewohnt wären / wann sie auß mangel genugsamen studirens sonst nichts erbaulichers vorzubringen wissen: Er sagte / daß auff ein solches Leben / wie der stoltz Melcher eins geführt / anderst nichts als eine solche straff folgen könde / davon er allbereit den anfang gekostet: mithin geriethe er zugleich auff die Obrigkeiten vnd Eltern / auff welche er gewaltig zu schmählen wußte / weil sie die Jugend nit besser beobachteten vnd im zaum hielten: seines theils / sagte er / köndte er bey weitem nicht so vil ausrichten als dise / wann er gleich täglich Kinderlehr vnd scharpffe Predigten hielte / vnd in denselbigen sich vornemlich beflisse / seinen Pfarrkindern die Christliche Sittenlehr mit einzupflantzen / dann entweder käme niemand ihn zuhören / oder er wurde mit Ungedult gehöret / oder sein Vorbringen vnd Underrichtung gehe zu einem Ohr hinein vnd zu dem andern wider hinauß!

Weiln aber der Juncker sich damahls nicht gefaßt gemacht: oder meines bedunckens sonst einen schlechten Lust hatte / Predig zuhören / sagte Er zum Saphoyer den Er vor einen Frantzosen ansahe / was Neues Frantzmann? warumb bistu von deinem König ausgerissen? der antwort / holl das Teuffel die Frantzoß Krieg / bin ich vor mich Savoyart / was gehet mir das König von Franckreich an? hab ich in Ammerich schon lang der Hollander gedien / etc. Dieweilen sich aber / als der Welsche so anfing zu reden / die gantze anwesende Compagnie movirte / allgemach nach dem Dorff zugehen / vnd ich gedachte / es würde da was Neues zuvernehmen seyn / Als triebe mich der Vorwitz auß meinem verborgenen Lager / vmb auch parte an dessen fernern relation zuhaben; der erzehlte / aber so Welsch / hoch: vnd nider-Teutsch vndereinander / daß man ihn schier nicht verstehn konde (darumben ichs dan hier auch hoch-teutsch gebe) daß er zu Emerich vnder der Holländischen Guarnison gewesen / bey dessen Einnehmung ihn deß Königs Person vor einen seiner Underthanen gehalten / vnd / wie allen andern gebornen Frantzosen widerfahren / auffhencken lassen wollen: als der König aber verstanden / daß er von Geburt kein Frantzoß sonder ein Savoyer sey / wäre er zwar dem Strick entronnen / habe aber vnder den Teutschen eine Musquet nehmen: vnd seythero bey denselben gleichsamb Roß-Arbeit verrichten müssen: so / daß ihn offt gerewet / daß er sich nicht alsbalden vor einen Frantzosen habe auffknüpffen lassen / als welches im besser dann eine solche ellende Verzögerung seines armseeligen Lebens bekommen wäre: dann man muß wissen / sagte Er / daß die Teutsche zugleich den Frantzosen für Vorfechter: für Schantzkörb vnd lebendige Faschinen dienen müssen / sie durch ihre Beschirmung in den gefährlichen Scharmützeln zubedecken / die erste Hitz deß Feinds außzustehn vnd denselben in die Flucht zuwenden / in den Bestürmungen aber die Gräben außzufüllen: Er beschriebe die attaquirungen der fortificirten Oerter so vermessen vnd frevelbar / daß es mich an die Risen ermahnete / die vor alten Zeiten den Göttern ihren Himmel abstürmen wolten; Und sagte ferners / daß er vor sein Person von seinen kindlichen Tagen an im Krieg gewesen / vnd ohne Rhum zumelden / manche hitzige occasion überstanden / hätte aber niemahln gesehen / daß man wider alles hiebevorigen vorsichtigen Kriegshelden Manier vnd löblichen Gebrauch der Soldaten Blut vnd Leben so gering geachtet / vnd sie so unsinniger weise genöthigt / gleichsamb vnüberwindliche Befestigungen so gar ohne allen Vortheil vnd bey hellem lichten Tag zu erstürmen / Jm übrigen wißte man wol / daß man den Stiffkindern nit so grosse stücker Brodt zugeben pflegte als den selbst erbornen; so seye ohne daß das auffhängen gangbarlicher vnd geber als der Monatsold: Jn summa / sagte Er / es scheinet als wann die Teutsche mit fleiß darzu erkaufft worden wären / sie durch Feur vnd Wasser / Hunger vnd Kranckheit: durch eigner vnd deß Feinds Waffen / ja gar in den Lufft an den Bäumen durch der Hencker Hände auffzuopffern / damit nachgehends ihr Vatterland selbsten / das sich seiner jungen kriegerischen Mannschafft entblössen: vnd solche auff die Fleischbanck lieffern lassen / seinen Feinden desto ehender zum Raub würde; Er brachte noch viel auff dergleichen schrot vor / vnd beschloß entlich mit den Worten seines anfangs / nemblich holl das Teuffel die Frantzoß Krieg / welches er auch wol 30 mahl widerholete.

Der Handwerckskerl / welcher vnder den Schweitzern bey der Königl: Frantzösischen Armee gedienet hatte / war noch viel ungehaltener über die Frantzosen als der Saphoyer: dieser erzehlte sein vnd deß Melchers außgestanden Ellend dem Bauren vnd seinem Weib so erbärmlich / daß der Vatter wie harthertzig vnd verboßt er auch auff seinen Sohn gewesen war / nunmehr gantz anderst gesinnet wurde vnd mit wainen sein Mitleyden bezeugen müßte; Ja / sagt er der gemelte Schweitzerische Handwercksgesell / nimmermehr werden meine Herren dem König in Franckreich einigen Mann mehr schicken (ich gedachte / ja lieber mein Narr / wann die Pistolleten nit wären so wolte ichs gern glauben) so tyrannisch vnd wider allen hiebevorigen Kriegsgebrauch vnd vnsere wolhergebrachte Freyheit ist wan mit vns vmbgangen! Es seynd bey nahe so viel Bäum mit vnserer Nation Cörpern beziert worden als mit Frantzösischen / ohnangesehen dieser an übel disciplinirter Mannschafft weit ein grösser Heer / als vnsere Zahl ist gewesen; O was für ein grosser Underscheid befindet sich zwischen diesem vnd andern vorigen Kriegen? gleich wie man noch einen grössern zwischen den Soldaten vnd denen so im Friden leben / zusehen / ehe ich mich sonderlich vnder die Frantzoßen widerumb vnderhalten lassen wolte vnd wan man mir gleich 100. Ducaten auff die Hand: Vnd alle Monat 20. Reichsthaller zum Monat Sold geben würde / ich wolte eher arbeiten das mir die Schwarte kracht / das mir die Händ so hart als Horn würden vnd das Blut zu den Näglen herauß gieng; es sey dan das ich mein aigen Vatterland beschüzen helffen müste / welches besorglich noch wol einmahl wider die Frantzoßen vonnöthen sein dörffte / da wolte ich als dann auch vmbsonst / das meinig thun / vnd mit dem was ich bey ihnen gelehrnet / das Lehr Gelt dermassen bezahlen vnd ihnen widerumb einträncken helffen / was ihr übermut an vns verübet / das es eine Lust vnd Frewd seyn solte; Man sagt / sie leben zum Theil nit wie Christen / ich aber sage sie kriegen nicht wie Christen / als welche der Christen Blut vnd Leben so wenig achten / den ihrigen seind sie vil grausamer als ihren Feinden erschrecklich / will Man aber ihren entblösten Gewehren enttrinnen / damit sie die ihrige durch selbst eigne Nidermetzlung zuverrichtung vnmöglicher Dinge zwingen / so muß man sich ihrem unsinnigen Vorsatz gemäß accommodirn / vnd an Verrichtung solcher Sachen stehen / da man tausentmahl ehender das Leben einbüst als den Vorgesetzten intent zuerreichen Hoffnung haben darff / hat man aber das Glück / das man in der gleichen Occasione das Leben darvon bringt / so hat solches so Tags so Nachts einen mühseeligen Kampff mit dem Hunger außzustehen / warzu noch ein anders / nemblich sonst allerhand Kriegs Arbeit kombt / ist dan irgents einer der sich mit weniger Speyse betragen: oder mit Roßfleisch behelffen vnd alles überwinden kan / so muß er doch täglich gewärtig sein / das er von andern durch Kranckheit angesteckt vnd also seinen Todten Cammeraten zugesellet werde / also das vnder hunderten kaum einer widerumb heimkombt / er nemme dann den Abscheid vnder die Füsse / so aber gleichfalls mit Gefahr eines schmächlichen Todts gewagt werden muß / kombt aber der eine oder der ander übrig verbliebene darvon / so wirt er / ob gleich seine Glider noch gerad wären / seine gute Natur / wann er gleich wie der Strauß das Eysen het verdawen können / dannoch dergestalt geschwächt vnd verderbt haben / das ihm der Krieg biß ins Grab nachgehen wirt / vnd was das aller ärgste ist / so hat kein gemeiner Soldat / wann er gleich der aller dapfferste von der Welt wäre / vnd eines Generals Stell meritirte / sich keiner Befürderung zugetrösten / dann es gibt so einen Hauffen junger Frantzösischer Edelleüthe / das kein wolverdienter vor ihnen zukommen kan. Da doch bey andern mancher vmb seiner Befürderung willen dienet.

Nach diser Erzehlung zog er ein hart Stückli grob geschrotten Brodt / darunder sich die Kleyen noch befand / auß dem Sack / diß / sagte er / muste wans wol hergieng bey so grossen Travallien vnser Trost vnd die einzige Auffenthaltung vnsers ellenden Lebens sein / vnd dessen noch darzu bey weitem nit halber genug! Ohnangesehen die Einwohner des Landts selbst so darbey geborn / aufferzogen vnd darzu gewöhnet worden / solches ohne genugsambe Convoy von Butter / Käß / Speck vnd dergleichen nit geniessen können.

Mein Nachbar bat ihn vmb ein Stücklin / selbiges hinfort seinem Melcher alle Tag neben der Morgensupp an Statt eines Schaw-Essens vorzustellen / damit er sich darbey (zuverhütung künfftig besorgender mutwilligen Vnbesonnenheit / die ihn villeich bey guten Tägen wider anstossen möchte) des vnderscheidts zwischen der Frantzösischen Kriegs Tractamenten vnd seiner vätterlichen Kuche / täglich erinneren könde / welches ihm der Schweizer dann auch gern mittheilete.

Vnser Juncker vnd Pfarrer hatten in dessen auch ihren Discurs über den Frantzösischen vnd Holländischen Krieg / über haubt vnd mit einem Wort darvon zureden / sagte der Juncker / so ists gewiß / daß sich nicht finden wirt / das jemahls die Teütsche anders als durch Teütsche überwunden werden können / das wissen die Frantzosen / vnd derowegen sehen wir auß des Saphoyers vnd Schweitzers Relation das sie zu vnsern zeiten vmb vnser Gelt das wir beydes vmb Frantzösische Wahren vnd mit ohnnötigen kostbaren Raiß Kösten in Franckreich hinein vernarren / vnsere junge Manschafft: Und hernach vmb derselbigen Tapfferkeit / Mühe / Arbeit / Blut vnd Leben so wol die grosse Stätte als die Victorien im Feld von den Niderteütschen erkauffen / werden auch mit solcher mode vns da vnd dort zuzwacken / nit auffhören / wann wir die Augen nit besser auffthun biß sie vns endtlich nach vnd nach gar vmb vnser Freyheit: vmb Haab vnd Gut: ja vmb alles was Teütschland groß vnd Rhumreich macht gebracht haben werden.

Der Pfarrer andwortet ihm / wir Teütsche solten es machen wie der König in Franckreich / welcher alle Frantzosen auffknüpffen liesse / die er vnder dem Gegentheil wider ihn diennent erdappte; diß läst sich / sagte der Juncker / noch zur zeit schwerlich practicirn, ist auch vil zu rigorose gehandlet / zu dem ist es mit dem grossen Teütschland vnd dessen vnderschidlichen Ständen / deren jeder Theil seine absonderliche Freyheit hat / vnd mit einem absoluten König weit ein anders; allein köndte man wol dem stoltzen Franckreich / welches nunmehr nach Beherrschung der gantzen Welt trachtet / die Sennadern seiner Stärcke / das ist seiner Goltgrub dardurch es alles ins Werck zusetzen vnderstehet / verstopfen vnd die Flügel beschneiden / das es nimmermehr so hoch zufliegen gedencken dörffte / so fern man nur eine politische Klugheit brauchen wolte / weßwegen Newlich einer / so sich Wassenberg genennet / sich weitläufftig vernemmen lassen.

Hierauff sagte der Pfarrer / er hielte disen Frantzösischen Krieg mit den Holländern vor eine absonderliche Göttliche Straffe / die Herren Holländer wären halt bey ihrem grossen Glück vnd überflüssigen Reichthumben gar zu hochmütig worden / so das sie Keinem Potentaten nichts mehr nachgeben / ja auch sich deren etliche in den Jndien von den wilden Völckern gleichsamb anbetten vnd Göttliche Ehr anthun lassen / so nie von keinen Christen erhört worden / welchen abscheulichen Grewel billich dem Aller-Christlichsten König abzustraffen gebürt / weßwegen ihnen dann Gott denselben vielleicht über die Haube geschickt; Er könde zwar schwerlich glauben / daß ein theil das ander gäntzlich überwinden würde / halte aber darvor / sie würden einander dermassen abmatten vnd demütigen daß jene sich endlich mit treibung deß Kauffhandels: dieser aber mit alleiniger Beherschung seines Franckreichs benügen lassen müßte; durch welchen Krieg dann auch der einen vnd andern Kriegenden: wie auch der außwärdigen Nationen Vnkraut / daß sich da vnd dort vnder der tugendliebenden Jugend befände / zugleich außgejettet: vnd was Vatter vnd Mutter nicht folgte / oder sonst dem Hencker entloffen / mit gestrafft: oder wenigst gezüchtiget würde / Wie man an vnserm stoltzen Melcher vor Augen sehe / vnd von vielen so todt blieben vnd erhenckt worden / genugsambe Nachricht habe.

Mithin kamen wir in das Dorff / warinn sich der Melcher schämbte / als wann man ihn an das Halseysen stellen oder gar mit Ruthen hätte ausstreichen wollen / vornemblich weil sich die Leuthe in grosser mänge gesamblet hatten / auff dessen vernommene Ankunfft auch seinen Einzug zusehen / der gute Held mußte sich gewaltig foppen lassen; etliche sagten man solte ihn hinfort nicht mehr den stoltzen sonder den demütigen Melcher nennen / ein anderer sagte / als er ihn bey seiner Abreiß gefragt / wohin Melcher? da hätte er gar trutzig geantwortet / in HOLLAND; er wißte wann man ihn jetzt fragte / woher? so wurde er gar kleinlautbar sagen / auß Hooland / ja freylich kombt er auß Holland sagt der dritte / dann ich glaube daß nicht allein sein Seckel: sonder auch sein Eingewaid vnd Gebein so hohl sey / daß man nit so viel Schmaltz vnd Marck darinn finden könde / nur einer krancken Mauß im Kindbeth den Nabel damit zu schmieren / der vierdte verwundert sich über sein Pferdt / mit welchem er zu seiner Wiederkunfft zu pravirn gebocht / weil es höltzen war vnd nur ein Bein hatte; der fünffte sagte / wann er in Holland nichts anders als Läuß vnd einen magern Leib hat holen wollen / so hätte er besser gethan er wäre in einen vollen zu Heimland blieben: Jn summa jeder wußte ihn auff eine sonderbare arth außzuhönen / warüber endlich die Mutter so vngedultig wurde / daß sie sagte / sie solten ihn alle Mit einander s. h. im hindern lecken biß er wieder fett würde / er selbst aber gieng so still vnd gedultig dahin / wie ein armer Sünder / daß er mich von Hertzen daurete.

Mein Nachbar war so gütig worden / das er seines Sohns Cammeraden sambt mir (weil ich etwann seines Sohns Schulgesell: vnd bißhero sein selbst guter Nachbar gewesen) mit sich nach Hauß nahm / vnd satt essen vnd trincken auffstellte / allwo es sich etwas lächerliche setzte / wann es nur ehebevor einem andern Tropffen nicht an Hals gangen wäre / dann der Saphoyer wurde von einem Würtz-Krämer der alle Woch einmahl mit seiner Wahr in vnserm Dorff haussirte / erkandt vnd besprochen / der fragte ihn vnder andern / Ech! Bruder Cladi / wo ist Bruder Entonnier? Jener antwortet / Bruder Entonnir ist gehang! darauff sagte dieser / iß Bruder Entonnir gehang! an die Galg? Ne / antwortet jener / an der Erlebaum; Ha / beschlosse der ander / das iß prave!

Jch aber liesse mir diese Geschichte eine Warnung seyn vnd wurde durch eines andern überstandene Noth vnd Gefahr so witzig / daß ich meine Gedancken änderte / die ich gefaßt hatte vermittelst deß Kriegs auch etwas in der Frembde zu erfahren; Du wilst / dachte ich / dich noch länger mit deinem Hirnschleiffer behelffen / vnd keines frembden Guts begehren / sondern den Holländern das ihrig lassen; Wer weiß die teutsche Frantzosen möchten einmahl wider ihr Vatterland zu kriegen genöthiget: vnd alsdann das scharpffe Vrtheil so der Pfarrer vnd dein Nachbar über sie gefällt / an ihnen vollzogen werden; Es schickt sich ein Ding wunderlich! aber weit von dannen ist gut vorn Schuß.