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Der Sternsteinhof

Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Anzengruber
titleDer Sternsteinhof
publisherHera Verlag
printrun5. Auflage
year1949
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080717
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9. Kapitel

Je näher der Fasching kam, desto nachdenklicher zeigte sich der Zwischenbüheler Wirt, endlich mußte sein besorgliches Wesen auch der Wirtin auffallen.

»Vater,« sagte sie, »ich merk' dir schon lang an, dir will was nit recht zusammengeh'n. Was hast denn?«

Seine Stirne bewölkte sich noch mehr . . . »Mutter,« seufzte er, »meine Ahnungen hab' ich.«

»Jesus! Es geht dir doch nit vor, daß eins von uns versterben sollt'?«

»Das verhüt' Gott! Nein, darauf hab' ich kein' Gedanken. Schaden fürcht' ich. Du weißt, af der letzt' Kirchweih is kein Glas zerschlagen worden, außer wie in Unachtsamkeit, was mer nachher bei der Zech mitangekreid't hat, kein Zaun haben's umgebrochen, kein' Sesselhaxen ausg'dreht, alles is glatt und schön sauber verlaufen.«

»Gott sei Dank, ja! 's wird dir doch nit leid sein, daß dösmal nit g'rauft word'n is?«

Der Wirt schüttelte bedenklich den Kopf. »Hast du's d'Jahr' her, die wir da af der Wirtschaft sitzen, nur einmal erlebt, daß 's ohne Rauferei ab'gangen wär'?«

»Dös nit, 's is jedmal g'rauft word'n.«

»No eben, so haben sie 's letzt' Mal a G'legenheit zum Austosen versäumt, und was nit rechtzeit' kommt, das kommt nachträglich nur ärger! Hitzt werd'n s' bei dö Fasching-Streitigkeiten 's Z'ruckverhaltene einbringen woll'n und dabei doppelt hausen, und wanns s' drüber mein ganz' Anwesen verwüsten, so is mer dös a schöner Nutzen!«

Schlimme Ahnungen haben vor guten die wenig empfehlende Eigenheit voraus, daß sie selten trügen.

Ein Gewitter braut wohl länger in der Luft, als einer denkt, der die Wolken rasch am Himmel heranziehen sieht. Wer weiß zu sagen, von welch' entfernten Mooren, Weihern, Seen und Flußstrecken es seine Kräfte an sich gesogen und mählich zurecht gemacht? Man spricht zwar oft noch bei klarem Himmel davon, daß ein Wetter kommen werde, man hat auf Vögel, Spinnen und Pflanzen achten gelernt, aber wenn es da ist, mit seinen rollenden Donnern und flammenden Blitzen, dann wirkt es doch, trotz aller Vorhersage, wie ein Unvorgesehenes. Es mag ungereimt klingen, aber nur zu oft hat sich, was in dieser Welt wie urplötzlich hereinbrach, langer Hand vorbereitet. Das gilt von blutigen Völkerschlachten wie von weniger erschütternden Wirtshaus-Keilereien.

 

Der Toni vom Sternsteinhof fühlte sich durch sein Verhältnis zu Helenen immer mehr gedrückt und gedemütigt. Nicht weil es ein heimliches war! Hätte ein solches, allein zwischen ihm und der Dirne bestanden, er würde sich's gerne eine gute Weile über gefallen lassen haben; aber daß sie jeden Verkehr mit ihm im Umgange mit einem anderen ableugnen und diesen durch freundliches Bezeigen bei gutem Glauben erhalten sollte, das schien ihm je länger, je schwerer zu verwinden.

Zwar lachte man in der Zinshofer'schen Hütte über den Eifer, mit welchem die Kleebinderin darauf drang, daß noch diesen Fasching alles richtig werde, als ob die Alte an ihres Sohnes Statt das Mädchen heiraten wollte, und man war um den Grund nicht verlegen, der einen Aufschub forderte und rechtfertigte, man brauchte nur das geringe Alter Helenens vorzuschützen, diese war ja wirklich erst siebzehn vorbei; aber das war schließlich doch nur aufgeschoben und nicht aufgehoben, und die Beziehungen des Herrgottlmachers zu der Dirne blieben nach wie vor dieselben. Toni drang immer ungestümer darauf, daß Helene, wenn sie ihm vertraute, ganz mit dem Muckerl brechen solle.

So oft das geschah, stellte sich die Dirne ganz ratlos dazu, meinte, das mache wohl schwere Ungelegenheit und erwecke leicht Verdacht; zuletzt wandte sie sich jedesmal an ihre Mutter mit der Frage, was zu tun sei. Die Antwort lautete auch jedesmal, Helene möge tun wie sie wolle, sie – die alte Zinshofer – hätte freilich darüber ihre eigenen Gedanken, und nun folgte irgendeine lehrreiche Vergleichung der beiden Bursche mit Bezug auf deren Bewerbung um die Tochter; da war einmal der Kleebinder Muckerl der Weißfisch im G'halter und der Toni vom Sternsteinhof der Goldfisch im fließenden Wasser, ein andermal der erste der Has' im Ranzen und der zweite eben ein solcher im weiten Feld', denn in diesem Teile ihrer Rede befleißigte sich die fürsorgliche Mutter einer steten Abwechslung, da sie einen erziehlichen Zweck vor Augen hatte und daher ihr Kind nicht durch Wiederholungen ermüden wollte.

Helene saß dann auch wie eingeschüchtert und, wenn sie nach einer kleinen Weile wieder aufblickte, begann sie leise den Burschen zu fragen, ob er denn noch keine Gelegenheit gefunden habe, mit seinem Vater zu reden, wann sich wohl eine dazu schicken werde, und ob er sich wohl schon beiläufig ausgedacht habe, wie er die Sache vorbringen möchte.

Darauf wischte der Bursche mit dem Ärmel über die Stirne und entgegnete ebenso leise: Gelegenheit habe er wohl noch keine gefunden, wisse auch nicht zu sagen, wann sich eine solche schicken werde, hätt' sich auch nicht ausgedacht, wie er die Sache angehen wolle, da er ja nicht wissen könne, was der Vater reden würde; 's müsse da eben ein Wort das andere geben!

»Siehst,« schmollte dann die Dirne, »du förderst für dein Teil gar nichts, denkst nit 'mal d'rauf, und von mir verlangst nicht nur, daß ich für das meine aufkomm', sondern sogar darüber tu'. Ich sollt 'n Kleebinder Muckerl aufgeben und dürft' mich, gäb's d'rüber unter'n Leuten ein Gemunkel, doch nit gleich frei zu dir bekennen! Gelt, nein? Und wenn ich zu dir sagen möcht': Mach' du jetzt vor allen Leuten mich ihm streitig! Du getrauest dich's auch nit. G'wiß nit! Sollt'st also wohl ein Einseh'n hab'n.«

Da heuchelte er ein solches, weil er sich nicht anders zu helfen wußte.

Wenn der Toni zugegen war, saß die alte Zinshofer an dem Tische vor dem Lichte, so daß ihr breiter Schatten die Stube verdunkelte und einer, der etwa zufällig zum Fenster hereinsah, nichts zu unterscheiden vermochte. Beide Türen waren versperrt; sollte jemand an die vordere pochen, so konnte der Bursche zur rückwärtigen hinausschlüpfen; wurde es an dieser laut, so stand ihm die nach der Straße offen; wenn er so, Hand in Hand mit der Dirne, auf der großen Gewandtruhe in der Ecke saß und ihm der Gedanke kam, daß er einmal vor dem Herrgottlmacher, der Einlaß verlange, flüchten müßte, und die Hand, die er eben Finger zwischen Finger umspannte, der des Schluckers das gleiche Spiel nicht sollte wehren können, da war ihm, als ginge der alte Kasten unter ihm an und senge ihm Kleider und Glieder.

Unleidlich wurde es ihm mehr und mehr in der Hütte, aber unleidlicher schien es ihm fern zu bleiben, und so kam er immer wieder.

Der Fasching war mittlerweile ganz nahe herangerückt. In der Woche, welche dem Sonntage vorauf ging, an dem im Zwischenbüheler Wirtshause die Geigen zum ersten Tanz' erklingen sollten, fragte der Toni die Helen', ob sie mit dem Muckerl hingehen werde.

»Er hat mich dazu aufg'fordert,« war die Antwort, »ich könnt' nit gut ausweichen.«

»Ich werd' auch hinkommen,« sagte der Bursche.

»Ist recht,« sagte die Dirn'.

»Getraust dich wohl auch paarmal mit mir herumz'tanzen?«

»Getrauen?« Sie hob trotzig den Kopf. »Ich denk' nit mal d'ran, daß ich mir damit was getrau'! So weit halt' ich mich noch mein's Willens Herr, daß ich tanz' mit wem und wie oft mir beliebt, ohne viel z'fragen!«

»Ist recht,« sagte diesmal der Bursche.

Sonnabend aber sagte der Sternsteinhofbauer zu Toni: »Morgen is in Schwenkdorf drüben beim G'meind'wirt ein Ball, der Käsbiermartel will, daß wir dabei sein sollen; nun hab' ich bei so was nix mehr z'suchen. Zuschau'n langweilt mich, ich bleib' heim, fahr du allein hin.«

»Dös is doch nit billig, Vater,« lachte Toni, »du bleibst heim, weil d' d'Langweil fürcht'st, und ich sollt' hin obwohl ich zun voraus weiß, daß ich mich auch nit unterhalt'.«

»Wär nit übel, ein jung' Blut wie du!«

»Ich bleibet auch lieber heim.«

»Das geht nit an. Mein'm Wegbleiben fragt niemand nach, aber dein's würd' mer mir verübeln, denn af dich is 's eigentlich abg'seh'n; der Käsbiermartel will, daß du mit seiner Dirn tanz'st. 's sollt' dir a Ehr' sein! Sie sieht dich nit ungern, scheint's.«

»Das gilt mir gleich! Mir g'fallt die gar nit!«

»Auf's G'fallen oder Nitg'fallen hin, laß' ich dir noch lang' Zeit; aber das sag' ich dir frei offen, unter uns Vätern is 's b'schlossene Sach', daß s' dir nit ausbleibt, und hast du s' erst, wirst dich schon d'rein schicken. G'hört ein'm eine einmal unweigerlich zu, dann verunehrt mer s' nit selber und g'winnt ihr, wohl oder übel, gute Seiten ab.«

»Das erlebst niemal, daß ich dir die nimm!«

»Bub'! – Das will ich hitzt nit von dir g'hört haben, denn ich hab' dich nit darnach g'fragt, denk' auch nit d'ran, daß ich's jemal tu! Du fahrst morgen nach Schwenkdorf h'nüber, dabei bleibt's!«

Da sich der Alte bei diesen Worten erhob, so fuhr auch Toni vom Sitze empor und faßte mit der Rechten nach seines Vaters Arm.

»Kein Wort weiter,« grollte der Bauer. »Sorg' du, daß ich über dein Betragen kein' Klag' hör'. Damit is ausg'redt!«

Er ging aus der Stube. Der Bursche sank in den Stuhl zurück und saß lange, den Kopf auf beide Hände gestützt. Plötzlich stand er auf und blickte wild nach der Türe, die sich hinter dem Abgegangenen geschlossen hatte. »Allz'herrisch is närrisch!« murrte er. »B'schließ' du nur anderer Sach' und verweiger' ein'm d'Einred', gut! Aber, so wahr ich da steh', ich komm' dir zuvor und setz' 's Meine in's Werk und stoß' dir und dein'm Käsbiermartel d'Köpf z'samm', daß s' euch brummen. Ich weiß, wann ich dir mit Fertigem komm', dann heißt d' mich wohl selber reden und wann d' dich dösmal ein für alle Mal ausg'schrien hast, so find't sich all's Weitere. Ich kenn' dich doch nit erst seit heut', mich aber sollst noch kennen lernen!«

Und der Gedanke, wie er das »Fertige« auch fertig brächte, hielt den Burschen die halbe Nacht wach.

 

Der Wirt von Zwischenbühel hatte seine Betten abgeschlagen und samt Schränken und anderem Hausrat nach dem Bodenraum schaffen lassen. Seine Wohnstube war als Schanklokal eingerichtet und das frühere, mit sauber gescheuerter Diele und Tannenreisiggehängen an den Wänden, zum Tanzsaal geworden. Alle Türen im Hause waren ausgehoben, so daß man, ohne eine Türschwelle zu drücken, aus und ein laufen konnte, ebenso die Fenster des Tanzlokals, obgleich durch selbe eine prickelnde Luft hereinstrich; diese und die Leute werden ja nach ein paar Tänzen warm werden.

Diese »Tänze« im Fasching waren sonst immer friedlich verlaufen, es geschah wohl, daß zwei aneinander gerieten und nach einiger unzarter Behandlung der Schwächere den Gescheiteren machte, der nachgab; in solchen Fällen nahm der Wirt die Effekten des Nachgiebigen an sich, setzte ihm vor der Schwelle den Hut auf, drückte ihm die Pfeife in die Hand und munterte ihn auf, »sich nichts daraus zu machen, bald wieder zu kommen, denn heut' wär's nit wie alle Tag'.«

Drohten mehrere in Streit zu geraten, so legte er sich dazwischen, versöhnte, wo es anging, – ein gutes Werk, das sofort seine Zinsen trug, denn die erneuerte Freundschaft wurde mit frischgefüllten Krügen bekräftigt, ging dies aber nicht an, so entschlug er sich bescheiden jedes Schiedsrichteramtes und warf in edler Unparteilichkeit die Hauptschreier vor die Türe.

Fasching über war mit den Leuten besser auszukommen, da waren die Zwischenbüheler eben unter sich, kein fremdes Gesicht darunter; die Auswärtigen hatten ja in ihrem Ort selbst Tanzunterhaltung. Mit der Kirchweih war's ein anderes, da gab es für den gleichen Tag oft auf Meilen in der Runde keine so vielversprechende Lustbarkeit; was Wunder, wenn sich auch von meilenweit Gäste dazu einfanden? Die führten meist, – unversehens oder wohl auch absichtlich, – Unfug und Streit herbei. Daß die vorjährige Kirchweih so glimpflich abgelaufen war, dafür dankte die Zwischenbüheler Wirtin dem lieben Gott und schrieb es insonders den harten Zeiten zu, die den Leuten den Übermut benähmen. Daß von diesem ersten bis zum letzten, alle diesjährigen Bälle den vorangegangenen auf ein Haar gleichen würden, das war ihre Überzeugung; und das sagte sie auch ihrem Manne und fand es gar für albern, wie er ein's da mit seinen Ahnungen erschrecken möge.

Der Wirt lächelte und nickte in freudig eingestehender Beschämung dazu, zum Reden hatte er keine Zeit. Der Tag hatte sich gut angelassen und schien ebenso enden zu wollen. Stunde um Stunde war in lärmender Lustigkeit, ohne das geringste Anzeichen einer beginnenden Entzweiung verstrichen. Eifernde hatten sich durch ein Scherzwort begütigen, Aufbegehrerische auf die Stühle, die sie schon hinter sich gestoßen hatten, wieder zurückziehen lassen.

Schon begann eine friedliche Auslese der schwächeren, aber trotzdem und vielleicht eben darum nicht ungefährlichen Elemente der Gesellschaft; manch' einer, der »mühselig und überladen« war, taumelte durch den Flur nach dem Garten, stöhnte zu den Sternen auf und wies dem Monde ein gleich fahles Gesicht, oder schlug nach wenigen Schritten zu Boden, blieb auf der mütterlichen Erde liegen und deckte sich mit dem ewigen Himmel zu.

Wie hätte es den Wirt von Zwischenbühel, der heute ein paar Arme zu wenig hatte, gaudiert, wenn er den von Schwenkdorf hätte sehen können, der viere zu viel hatte; zwei, die ihm am Leibe angewachsen waren und die er, um kein Aufsehen zu machen, in anscheinender Gleichmütigkeit in den Hosentaschen vergrub, und zwei geistige, die er in heller Verzweiflung über dem Haupte rang, so daß ihm vorkam, als ob ihn darüber wirklich die Schulterblätter schmerzten. Es konnte aber auch nicht mit rechten Dingen zugehen! Da sprangen Knechte und Mägde, Kleinhäusler-Buben und Dirnen auf dem Tanzboden herum, von den reichen Bauerssöhnen aber ließ sich auch nicht einer blicken, und die Töchter der 'häbigsten Anwes'ner, Käsbiermartels Sali obenan, saßen gekränkt und gelangweilt neben den scheltenden Angehörigen.

Es hatte sich aber ganz ohne Hexerei so gefügt.

Der Toni vom Sternsteinhof war beizeiten auf dem einspännigen Steyrerwägelchen vom Hause weggefahren. Als er Zwischenbühel außer Sicht hatte, begann er auf das Pferd loszupeitschen.

»Krampen, elendiger, greif aus!« schrie er. »Gelt, zum Tanz sollst mich schleppen, kupplerische Schindmähr'n? D'rum stünd' dir ein scharf's Traberl nit an, weil d' meinst, 's hätt kein' so Eil' und wir träfen noch all'weil frühzeitig g'nug hin! Dö Mucken laß' dir vergeh'n! Sorg' nit, du sollst noch heut' ein Übrig's vom Tanz haben, daß dir die Zungen h'raushängt. Hiö!«

Hier, wie oft anderswo, war es ein wahrer Segen für die Reputation des Menschen, daß sich das Tier weder auf dessen Rede noch auf dessen Handlungsweise verstand. Die arme braune Stute ahnte also gar nicht, daß ihr eine Leidenschaft für's Tanzen zugemutet wurde; von dem Geschrei hinter ihr und den Peitschenhieben aber fühlte sie sich bedeutet, daß es sich um's Laufen handle, und das tat sie denn rechtschaffen.

In Schwenkdorf gab es mehrere reiche Bauern, deren Söhnen hatte sich der Toni als Kamerad angeschlossen, und wenn er unter ihnen saß, ließen sie ihn gern als »Ersten« gelten, war er abwesend, so folgten sie der Leitung und den Eingebungen des Tollsten und Geschwänkigsten, und dafür galt der Müller-Simerl; auf dessen Mitwirkung zählte der Toni. Nahe bei Schwendorf lenkte er von der Straße ab und fuhr, hinter dem Orte, in leichtem Trott nach der Mühle.

Er traf den Simerl daheim und machte ihm den Vorschlag, den heurigen Fasching mit einem »kapitalen Stückel einzuweihen«, wobei sie zwei Fliegen mit einer Klappe schlügen; nämlich keiner von ihnen, was ein rechter Bub sei, sollte auf den Schwenkdorfer Tanzboden gehen, sondern mit ihm fahren, in's Zwischenbüheler Wirtshaus einfallen und den Buben die Dirnen wegnehmen. Fix h'nein! Den Ärger hüben und drüben! Und würd' das ein Aufsehen machen! Z'Schwenkdorf und z'Zwischenbühel und weiter in der ganzen Gegend gäb' 's 'n Leuten für's liebe, lange Jahr z'reden!

Der Gedanke war zu schön, um unausgeführt zu bleiben. Simerl und Toni liefen Gehöft aus und Gehöft ein, um Teilnehmer zu werben, und als die Musikanten im Schwenkdorfer Wirtshause zu trompeten begannen, als wollten sie – wie der Simerl meinte – das Dach vom Haus' weg gegen 'n Himmel blasen, stand im Hofe der Mühle eine Schar junger Bursche, untereinander mit verhaltenem Lächeln flüsternd, und mancher fühlte sich ganz angenehm beklommen vor Aufregung über die Heimlichkeit, Schelmerei, Rauflust und Dirnverschreckung, die alle da so hübsch in einem mit unterliefen.

Der alte Müller, Simerl's Vater, half selbst mit, das Steyrerwägelchen in den Schuppen zu schieben und Toni's braune Stute an den schweren Leiterwagen zu spannen; seine Triefäuglein glänzten vor Bosheit, und das Kinn seines zahnlosen Kiefers wackelte vor Lachen. »Unterhalt's eng gut, ös Sakra,« kreischte er, als der Wagen davonfuhr. »Lustig, nur lustig heut',« nickte er, dem Gefährt nachsehend, »morgen bringt schon der ein' und der andere a blutig's Köpferl heim.« Diese Voraussicht schien übrigens den Alten nicht im mindesten zu beunruhigen, denn er hüpfte dabei lachend empor, als wollte er mit seinen dürren Beinen einen Rundsprung versuchen; als ihm dieser mißlungen war, schloß er das Tor und schlich in das Haus.

Von den Burschen, auf deren Beteiligung gerechnet worden war, fehlte auch nicht einer; der »lautern« Unterhaltung halber, nahm man auch noch ein paar bekannte Söffer und Raufer mit, denen freie Zeche in Aussicht stand, und so hatten sich fünfzehn junge Leute zu einer Dummheit und mehrerem Unfug zusammengefunden. Hätte der Toni für etwas Vernünftiges und Rechtes Genossen geworben, so hätte er wohl keines Leiterwagens bedurft, um sie an Ort und Stelle zu fördern.

Eine gute Strecke ließ er das Pferd im Schritt gehen, dann griff er zur Peitsche, und polternd flog der Wagen dahin. Ohne Rast, über Stock und Stein ging es. Das war der Tanz, welchen Toni der braunen Stute verheißen hatte.

Über dem Musikgedröhne und Tanzgestampfe hätten die Zwischenbüheler das Heranrasseln des Wagens wohl überhören können, aber das grelle Gejauchze, mit dem die Ankömmlinge ihr Ziel begrüßten, schlug durch allen andern Lärm durch, der Reigen löste sich, die Leute drängten an die Fenster, die Musik verstummte, der Wirt stand erschreckt, er kraute sich in den Haaren und als er sich besann und, um draußen nachzusehen, zur Türe stürzte, ward er von den Hereinstürmenden unsanft bei Seite geschleudert.

»Grüß Gott mitsam', Vetter und Mahm!« schrie Toni. »Da sein wir auch, jetzt kann's erst lustig werden. Aufg'spielt Musikanten!« Er warf den Spielleuten eine Banknote zu, und die geigten und bliesen sofort d'rauf los.

Die Zwischenbüheler vermochten ihrer Überraschung nicht gleich Herr zu werden, die Dirnen ließen sich unter verlegenem Lachen zum Tanz aufziehen, und die Bursche dachten nicht daran, es zu verhindern.

Der Toni hatte Helene von der Seite Muckerls weggeholt. »Komm',« sagte er zu ihr. »Erlaubst 's schon,« murrte er gegen ihn.

»Um Gottes willen, Toni,« flüsterte die Dirne unter dem Tanze, erschreckt ihn anstarrend, »was soll's geben? Ich dacht', du kämst allein. Wozu hast du die Wildling' mitgebracht?«

»Frag' nit. Wirst's ja seh'n,« raunte er. »Hast mir ja schon mehr als einmal vorg'worfen, ich getrauet mich nit, dich ihm streitig z'machen.«

Sie stand plötzlich stille und versuchte, ihn an der Hand zurück zu halten. »Hast mit dein'm Vadern g'redt?«

»Weiter!« Er riß sie herum. »Kein Wörtel noch.«

»Aber, Toni –!«

»Sorg' nit! Wie's bisher g'wes'n, ertrag' ich's nimmer länger. Was ich tu', verantwort' ich. Verstehst? Ich!«

»Was willst tun?«

»Tanz'! Schnatter nit! Erfahrst's schon!«

Die Klarinettetöne verstiegen sich just wie Lerchentriller zu ganz unglaublichen Höhen, da rumpelte der neidische Baß dazwischen und brach mit ein paar dröhnenden »Schrumm, schrumm« das Ganze plötzlich ab.

Erhitzt traten die Paare auseinander.

Die Schwenkdorfer drängten vom Tanzboden nach der Schankstube. Toni leitete Helene an der Hand hinüber und ließ sie an seiner Seite niedersetzen. Noch etliche Dirnen folgten über eifriges Zureden den Schwenkdorfern nach, es waren das solche, die sich von ihrem Liebsten vernachlässigt fühlten oder beleidigt glaubten und ihm nun am Arme eines andern Burschen spöttisch zublinzten: Das hast d' davon, so g'schieht dir, weil ich mit mir nit spaßen laß'!

Die Schwenkdorfer ließen sich nicht spotten, und der Wirt mußte herbeitragen, was gut und teuer.

Mitten im Gelärme schrie Toni, auf Helene zeigend, seinen Kameraden zu: »Bub'n! das wird meine Bäu'rin!« Die Bursche schmunzelten und sahen sich dabei mit zwinkernden Augen pfiffig an, die paar Zwischenbüheler Dirnen am Tische lachten laut auf.

»Lacht nit,« erboste sich Toni. Er legte seine Linke mit ausgespreiteten Fingern auf das rechte Bein Helenens. »Die wird meine Bäu'rin!«

Nun lachten die Bursche. Die Dirnen sahen sich achselzuckend an.

»Laß's gut sein,« sagte Toni zu dem Mädchen, das darüber ganz verblüfft dreinsah, »heut' über's Jahr lachen s' nimmer.«

Während es in der Schankstube »hoch« herging, hatten sich im Tanzlokale die Zwischenbüheler grollend in eine Ecke zusammengedrängt.

»Das geht nit an!« sagte ein stämmiger Bursche, der alle um eine volle Kopflänge überragte. »Kein zweit's Mal dürfen wir die Sakkermenter nimmer zun Tanz antreten lassen, sonst wär's g'fehlt; nachher stunden wir bis in d'Fruh da h'rum wie denen ihnere Narren und 'n Menschern zum Spott! Fackeln wir nit lang! Dö werd'n mer doch noch meistern können? Geh'n wir über sie! Dö soll'n schneller draußt sein, wie's h'reinkommen sein!«

»Fangen wir was an mit sö!« murmelten ein paar Eifrige.

»Nix leichter wie dös,« fuhr der Stämmige fort, »geht's jeder, dem sein' Dirn' sich hitzt d'rüben traktiern laßt, und schafft's ihr 's Herüberkommen.«

Die Betreffenden murrten: Die Dirnen könnten in drei Teuxels Namen bleiben, wo sie wären, es lag' keinem mehr etwas an der Seinen.

»Ös Löllappen,« schrie der Aufhetzer, »freilich liegt an keiner nix, aber das können wir uns Zwischenbüheler Bub'n doch nit nachsagen lassen, daß da im eigenen Ort nit wir die Herren wären, sondern dö von Schwenkdorf! Geh', Kleebinder Muckerl, du bist kein' so Letfeigen, und dir kann an deiner Dirn schon was lieg'n, Biet' s' umhi! Wir stehen schon zu dir!«

Dieser Auftrag kam dem Muckerl sehr gelegen. Das in ihn gesetzte Vertrauen und der zugesagte Beistand hoben seinen Mut. Er war gekränkt und gereizt durch die rücksichtslose Weise, mit der ihn Helene verlassen hatte und allein stehen ließ, unbekümmert darum, wie ihm dies gefallen oder nicht gefallen mochte. Er wollte einmal öffentlich sein Recht auf die Dirne behaupten und diese zwingen, es selbst anzuerkennen, denn die Hochnäsigkeit, mit der sie ihn bisher unter vier Augen behandelte, scheute sie sich wohl hier vor den Leuten zu zeigen. Mag sie nachher ein paar Tage trutzen, aber auch wissen, daß er nicht der Bursche sei, der sich just alles gefallen ließe; das macht ihm Ehr' und lehrt sie nachgeben.

Er trat also in die Schankstube und sagte: »Gleich geht der Tanz wieder los.«

Ein Schwenkdorf er sagte über die Achsel weg: »Danken schön für's Ansagen. Braucht's nit z'fürchten, daß wir wegbleiben.«

»Um euch is kein' Frag'. Bleibt's, wo's wollt's. Helen'!«

Sie sah nach ihm und tat ganz unbefangen.

»Komm her!«

»Nit schlecht,« lachte der Toni. »Du halt'st s' wohl für ein' Pummerl, der laufen müßt, wenn du ›schön herein da‹ sagst?«

»Mit dir red' ich nit, Sternsteinhoferbub,« sagte Muckerl, »Helen', komm mit mir h'raus, sag' ich!«

»Ja, wenn du so ein g'strengen Herrn hast,« höhnte Toni gegen das Mädchen, »dann heb' dich nur lüftig und eil'!«

Helene saß zornrot, sie streckte die gefalteten Hände in den Schoß und zog die Beine unter den Stuhl.

»Du siehst, sie will nit,« fuhr Toni, zu Muckerl gewendet, fort, »geh' dir also a andere suchen, uns is nit um dein' G'sellschaft.«

»Ich geh' nit ohne ihr.«

»Hüblinger«, schrie der Toni einem vierschrötigen Burschen zu, »mir scheint, der find't nimmer die Tür', weis' ihm 'n Weg.«

Der breitschultrige, baumlange Bursche trat auf Muckerl zu und gab ihm einen leichten Stoß, der den kleinen Herrgottlmacher gleichwohl wanken machte. »Geh', sei g'scheit,« sagte er zu ihm, »mach' fort, bist ja unnötig.«

»Nein,« knirschte Muckerl.

»Na, sei nit dumm, Büberl,« sagte gutmütig der Hüblinger. »Wirst doch nit woll'n, daß ich dir was mit auf'n Weg gib? Könnt'st z'schwer d'ran z'tragen haben.«

Da Muckerl in das laute Gelächter der Schwenkdorfer auch etliche Zwischenbüheler einstimmen hörte, so geriet er vor Wut außer sich und führte nach der Brust seines Gegners einen Faustschlag. Der Hüblinger sah ganz verdutzt darein, als er sich für seine gute Meinung so übel gelohnt fand, und holte eben mit der Rechten sehr sachte, fast fürsorglich aus, da stürzte der Toni dazwischen.

»Den laßt's mir,« schrie er, »das is mein Mann!«

Nach kurzem Ringen ward der Kleebinder Muckerl in eine Ecke geschleudert und schlug dort so wuchtig mit dem Rücken gegen eine scharfe Tischkante, daß er, laut aufstöhnend, zusammenbrach.

Da kam durch die Türe ein irdenes Weinkrüglein geflogen, das offenbar nach dem Kopfe des Toni gezielt, aber zu hoch angetragen war, es schmetterte gegen das Kinn Hüblingers, der stand starr, aber nur einen Augenblick, dann fuhr er, wie toll, aus der Stube; das hatten die Zwischenbüheler vorausgesehen, sie stoben auseinander, und einer, der sich außen knapp an die Mauer drückte, stellte dem Verfolger ein Bein, so daß der mit großem Gepolter hinfiel, und nun versuchten sie ihn an den Armen und beim Schopfe nach dem Tanzboden hinüberzuziehen. Hüblinger, dem sofort die Vermutung aufdämmerte, daß es ihm, wenn er heraußen bliebe, wohl weniger »verschlüge«, als wenn ihn seine Gegner hineinbekämen, begann aus Leibeskräften zu schreien: »Helft's, helft's, helft's mer doch, Leuteln!«

Auf das eilten die Schwenkdorfer herbei und faßten ihn an den Füßen und zogen ihn daran zurück. Es begann ein erbittertes Hin- und Hergezerre. Bald war der Hüblinger mit Kopf und Armen im Tanzlokal, bald mit den Beinen, so lang sie waren, in der Schankstube, immer aber mit dem Rumpf in dem Flur. Mit einmal boten die Zwischenbüheler ihrerseits alle Gewalt auf, und als sie vom anderen Ende her auch den äußersten Kraftaufwand verspürten, ließen sie lachend los, die Schwenkdorfer prallten zurück und schleiften, bis in die Mitte der Stube taumelnd, den Geretteten nach sich, dessen Gesicht dabei die Diele fegte, bis sie ihn schwer auf selbe niederplumpsen ließen.

Der Riese blieb eine Weile auf beiden Ellbogen und Knien mit nachdenklich gesenktem Haupte liegen und überlegte den Fall, der so ganz sein eigener war, dann raffte er sich empor, bedeutete, daß er für diesmal genug habe und die andern ihre Sache ohne ihn ausmachen könnten; wankte in eine Ecke und blieb dort, den Kopf zwischen den Händen, sitzen.

Die andern wollten eben daran gehen und seinem freundlichen Rate folgend, die Sache ohne ihn zum Austrag bringen, als der Wirt herbeigeeilt kam.

»Hansl! Hansl!« zeterte er.

Aber der Rabensohn meldete sich mit keinem Laut, er hatte sich vor das Haus geschlichen und war den geängstigten Dirnen, die zu den Fenstern hinaus flüchteten, beim Heraussteigen behilflich.

Ohne auf den Ungeratenen zu warten, stürzte sich der Wirt mitten unter seine aufgeregten Gäste. »Ausg'halten!« befahl er. »Das sag' ich eng', Bub'n, g'rauft wird da nit bei mir!«

»Meng' dich nit ein,« schrie man ihm entgegen.

Mit autoritativer Gebärde streckte der Wirt gegen einen der Schreier den Arm aus, da ward er aber gleichzeitig von einem Dutzend angefaßt und flog aus der Stube, daß der Türstock schütterte und der Kalk von der Wand blätterte. Er kam nicht wieder zum Vorschein, überließ es den Gästen sich selbst zu bedienen und wünschte aus ergrimmter Seele Tiefen, daß keiner dabei zu kurz kommen möge.

Indes waren die Zwischenbüheler und die Schwenkdorfer aneinander geraten; aber bald schämten sie sich, daß sie wie die Bestien des Waldes sich mit den Zähnen und Klauen, Pranken und Hufen anfallen sollten, das Gefühl menschlicher Würde erwachte und rüttelte auch die Erfindungsgabe auf; Schwache, die auf eine Ausgleichung der Kräfte bedacht waren, Starke, deren Arme an den zurückweichenden Feigling nimmer zu reichen vermochten, begannen Stuhlbeine auszudrehen und nach beweglichen Gegenständen zu suchen, die, nach festen Zielpunkten geschleudert, sich oft sehr nützlich erwiesen. Nicht lange, so arbeitete man nur mit künstlich verlängerten Armen und mit Wirkungen in die Ferne.

Dumpfes Gestampfe und Geschiebe, einzelne Flüche und Aufschreie begleiteten den Vorgang, die Bursche vermieden alles überflüssige Getobe und Gelärme und führten den Kampf mit einer Art von Verbissenheit. Die eine wie die andere Partei sah zwei Fälle für möglich an, die Verwirklichung des einen galt es anzustreben, die des andern zu verhindern, aber das hielt jede für ausgemacht, zum Schlusse mußten die Zwischenbüheler das Haus behaupten und die Schwenkdorfer draußen liegen oder umgekehrt; doch daran dachte keine von beiden, daß es noch ein Drittes gäbe, das unversehens eintreten könne, und dieses Ungeahnte ward mittelbar durch zwei Bursche herbeigeführt, die bewegliche Gründe hatten, sich aus dem Schlachtgewühl zurückzuziehen.

Der eine war der überlange Zwischenbüheler, dem ein äußerst unangenehmes Schmerzgefühl die noch unangenehmere Vermutung entdeckte, man habe ihm linksseits alle Rippen eingeschlagen. Er lehnte bleich und schwitzend an der Mauer, jammerte und flennte wie ein Kind, was ihn aber nicht hinderte, sobald sich ihm in dem allgemeinen Gebalge der Rücken eines Schwenkdorfers nahe schob, unter Tränen auf denselben loszudreschen, daß der Betroffene schreiend sich wegwand, dabei unterbrach er für keinen Augenblick seine Schmerzausbrüche und heulte ohne Aufhören in gellend hohen Tönen: »Ös Rauberg'sindel! Ös Mörderbande! Was wird mein' Mutter dazu sag'n? Ös Schinderknecht'! . . .«

Der kindliche Zug – die Bedachtnahme auf seine Mutter – würde ihm alle Ehre gemacht haben, wenn man nicht gewußt hätte, daß er der armen Alten, die nah' auf einem Bauernhofe in harter Arbeit verkümmerte und verkrümmte, seit Jahren nicht nachfragte; es wäre vielleicht lohnend für Physiologen und Psycho-Physiker nachzuforschen, inwiefern wohl solch' ein plötzliches Wiedererwachen der Kindesliebe mit einer leichteren oder schwereren körperlichen Verletzung im Zusammenhange steht.

Während der Lange heulte, wütete ein kurzer, stämmiger Schwenkdorfer, dem man einen Krug allerdings sehr unpassend und unsanft auf das Nasenbein gesetzt hatte, Stube aus und Stube ein, brüllte die bindendsten Schwüre, daß er »alles zusamm'hauen« werde und, wo er auf einen Gegenstand traf, der zu Splitter oder Scherben gemacht werden konnte, da erfüllte er auch als Christ seinen Eid.

Die Wirkung blieb nicht aus, mag man sie nun durch Hinweise auf den menschlichen Nachahmungstrieb, auf das Zusammenstimmen der Nervenstränge vieler mit denen eines einzelnen, welche den Grundton eines Überreizes angeben und festhalten, oder durch eine Kombination dieser beiden Annahmen zu ergründen versuchen, sicher ist, daß das, was sich nun ereignete, seit alther beobachtet wurde und zu den Sprichwörtern: »Böses Beispiel verdirbt gute Sitten«, »Ein Narr macht zehn« und ähnlichen Anlaß gab. Die Raufer, die sich bisher in Ausbrüchen des Schimpfes und Zornes, der Lust über anderer Leid und des Leides über anderer Lust so zurückhaltend bezeigt hatten, wurden infolge des langgezogenen Geheuls und des brüllenden Gefluches, unter dem Holzwerk zerkrachte und Geschirr zerbarst, immer aufgeregter und lauter, bis zuletzt das Haus dröhnte von wüstem, weithinhallendem Lärm. Der war zwar nicht darnach, die Toten zu erwecken, aber jene, die draußen im Wirtshausgarten in seliger Selbstvergessenheit lagen, rief er wieder in's Bewußtsein. Es waren ihrer fünf. Sie setzten sich auf, rieben sich die Augen und lauschten; ein Lächeln verklärte ihre Gesichter, und sie versuchten es, wenn sie auch etwas stier dazu sahen, einander verständnisinnige Blicke zuzuwerfen, plötzlich aber verfinsterten sich ihre Züge, es erfüllte sie mit bitterem Groll, sich von einer solchen Ergötzlichkeit ausgeschlossen zu finden.

Mit einem Ruck rafften sie sich vom Boden auf, brachen Zaunpfähle aus, schlugen mit einer Mistharke und einer Gartenhaue so lange gegen die Steine an der Kellertüre, bis ihnen die Stiele in den Händen blieben, und so bewehrt schritten sie in das Haus.

Ihr Eintritt in die Stube wurde gar nicht beachtet. Sie sprachen kein Wort, es schien ihnen das auch ganz überflüssig, in der Sache sahen sie ganz klar, wenn auch das sonst nicht der Fall war; hier wurde gerauft und ohne sie! Kein Gefühl für Landsmannschaft und Ortskindschaft bewegte ihr starres Herz. Sie holten mit ihren Knütteln so hoch und kräftig aus, daß ein wettsüchtiger Engländer keinen Penny für die härteste Schädeldecke riskiert haben würde, zum Glück aber versagten ihnen die Arme, und die Streiche fielen wuchtig auf Waden und Schienbeine hernieder, noch ein und ein anderes Mal wiederholten sie diese Bedrohung der Köpfe und Schädigung der Beine, dann war die Stube und das Haus leer.

Ein Blick auf die Angreifer hatte auch die Hartnäckigsten bekehrt, daß sie es mit Leuten zu tun hätten, die nicht mit sich reden ließen, und wer bei dem Versuch dazu den zweiten Streich abbekam, der hatte vollauf und nicht Lust, den dritten abzuwarten, und so waren denn alle, fluchend, ärgerlich lachend, und so eilig, als sich dies hüpfend und hinkend tun ließ, hinausgeflüchtet.

Die fünfe blickten sich unter ernstem Kopfnicken an, stützten sich auf ihre Tremmel und verschnauften. Als sie das Haus verließen, war, so weit sie vor und hinter sich sehen konnten, kein Mensch mehr um die Wege; sie schritten in einer Reihe und schweigend dahin, nur wenn zufällig einer an einen anderen taumelte, so wiegte der Angestoßene im Handgelenke den Knittel und fragte leise, aber eindringlich: »«Willst was, willst leicht was, du?« worauf ihn der Angeredete treuherzig beruhigte: »Nein, nix nöt, gar nix nöt.«

So gingen sie mit hallenden Tritten durch die stille Nacht, ernst und wortlos, wie Racheengel, die eine strenge, aber unabweisbare Pflicht erfüllt hatten.

 

Schon bevor die allgemeine Schlägerei losbrach, hatte sich der Toni vom Sternsteinhof mit Helenen entfernt. Er benützte den Augenblick, wo der Wirt vermitteln wollte, und schlüpfte mit der Dirne auf den Flur hinaus. Beide gingen dann durch den Garten und über die Wiese und gewannen den Fußsteig, der hinter dem Orte an den Planken und Umzäunungen der Gärten hinlief.

Während dieses Paar den Weg hoch über der Straße verfolgte, bewegte sich unten auf dieser ein anderes mühselig fort, das einen dritten buchstäblich auf den Händen trug.

Kaum hatte der Wirtshansl die Matzner Sepherl aus dem Fenster gehoben, so bat und beschwor ihn diese, den Kleebinder Muckerl nach Hause schaffen zu helfen. Der Bursche ließ sich dazu bereden; für die Person des Herrgottlmachers empfand er einiges Mitleid, und für seine eigene versprach er sich von dem Geschleppe eine »Hetz« und an Ort und Stelle Dank und Preis als Helfer, Befriedigung seiner Neugierde, wie sich die alte Kleebinderin dazu gehaben werde, vielleicht auch nasse Augen, denn Tränen über fremdes Mißgeschick stehen einem wohl an und werden stets von einem beruhigenden, tröstlichen Gefühle begleitet.

Sepherl und der Wirtshansl hoben den Muckerl von der Stelle, wo er zusammengebrochen war, auf, sie gaben sich die Hände, er mußte sich darauf setzen und seine Arme um die Nacken beider schlingen, und so trugen sie ihn fort.

Sepherl zürnte, schmähte und schalt während des ganzen langen Weges Helenens halber, indes der Wirtssohn aus Widerspruchsgeist diese zu entschuldigen und zu rechtfertigen versuchte, der Kleebinder Muckerl schüttelte gleichermaßen über Anklage und Verteidigung den Kopf.

Toni und Helene kamen von rückwärts an die Zinshofer'sche Hütte heran.

»Nix, gar nix verschlägt's, sag' ich dir,« sprach eifrig der Bursche, »und was ich dir sag', das wirst du mir doch glauben? Gelt du?« Er hatte seinen Arm' um die Hüfte der Dirne gelegt, jetzt zog er sie an sich, daß sie stille stehen mußte, und suchte ihre Lippen mit den seinen. »Bist mein, wirst mein und bleibst mein! Verlaß' dich! Nur bis zun Hals h'nauf hab' ich's schon g'habt, die Heimlichtuerei, mich selb'n hat's schon redscheu g'macht und wann ich vor'm Vadern damit hab' h'rausrucken woll'n, war mir, als könnt' ich an'm ersten Wort erwürgen; das hat's jetzt Rat, auf's Heutige fahrt er schon morgen über mich los. Soll sich nur ausreden. Was will er denn machen? Offen hab' ich Farb' bekennt und 'n Käsbiermartel hab' ich ihm verfeind't, das halt't! Ich kenn' die zwei Alten, is einer wie der andere dickkopfet; der Langnasete kann mir sein' Dirn' nimmer nachwerfen, er muß beleidigt tun, und mein Vader is' z'stolz, sie ihm abz'fordern, so bleibt s' vom Sternsteinhof weg und kommt ein' vieltausendmal Liebere und Schönere d'rauf! Gelt?« – Er zog sie wieder an sich. – »Nur kein' Angst! Auf morg'n hab' ich mich vorg'seh'n und stell' mein' Mann, wie ich'n heut' g'stellt hab'. Bist nit schlecht d'rüber erschrocken, was? Ja, hätt'st mer's Streitigmachen nit nah' legen dürfen, wo du hätt'st wissen können, daß ich dich 'm Teufel streitig mach, wann's d'rauf ankäm'. Morgen laß' ich 'n Sternsteinhofbauer austoben, und dann, schön fürsichtig, daß nix bricht, bieg' ich mir mein' Sach', wie mir taugt.«

Beide traten durch die rückwärtige Türe in die Hütte. Helen' machte sich von dem Burschen los und lief auf die Mutter zu. »Denk' dir,« rief sie aufgeregt, »was der Toni heut' ang'stellt hat!«

Aber sie hatte kaum Zeit, in fliegender Hast das Vorgefallene zu berichten, da wurden außen Tritte hörbar, und es pochte an der vordern Türe; Toni und Helene eilten zur rückwärtigen hinaus, und die alte Zinshofer öffnete.

Die Kleebinderin stürzte herein. »Ist sie da?« schrie sie.

Die Zinshofer trat einen Schritt vor, um den Ausblick nach der halboffenstehenden Türe im Rücken zu decken, dann sagte sie: »Nein, wie d' siehst.«

»O, das schlechte, heillose Mensch!« zeterte die Kleebinderin. »Nit umsonst hat mir's schon von allem Anfang' an geahnt, daß kein Glück und kein Segen dabei sein kann, mit der zu gehen! Nun liegt er dahin wie ein Hund und verlangt noch nach ihr, der Narr! Jetzt soll er's nur auch gleich zu hören kriegen, daß sie nit einmal da is, und wie recht ich hab'! Aber du, Zinshoferin, du komm' und schau' dir an, wohin's mit einem kommt, der's mit so 'ner Schanddirn' ehrlich meint, wie die deine eine is!«

Sie zerrte die Zinshofer an der Hand nach sich aus der Hütte.

Helene hatte sich zitternd an Toni geschmiegt, jetzt löste sie die Arme von seinem Halse und sagte: »Jetzt geh'.«

»Nit, wann jetzt gleich af'm Fleck die Welt unterging',« stammelte er, sie an sich pressend. »Heut' spiel'n wir alles gegen alles, halt auch du 'n Einsatz.«

Sie erschauerte, wollte reden, ihn zurückdrängen, aber sie öffnete nur den Mund, um mit lächelnden Lippen tief aufzuseufzen, und ihre Arme sanken kraftlos herab.

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