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Der Sternsteinhof

Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Anzengruber
titleDer Sternsteinhof
publisherHera Verlag
printrun5. Auflage
year1949
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080717
modified20160622
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7. Kapitel

Schon einigemale hatte die Sepherl, wenn sie vom oberen Ende nach dem unteren kam, um Helene aufzusuchen, diese nicht daheim getroffen.

Die alte Zinshofer sagte, sie wäre nach dem toten Walde gegangen, und lachte über die närrische Dirn', die jeden andern Tag dahin liefe, Klaubholz sammeln, wobei sie immer für einen gesunden Span hundert mit Wurmmehl heimbrächte; aber besser sei doch, sie tue etwas, wenn sie damit auch nichts richte, als sie möcht' gar faulenzen und etwa auf dumme Gedanken gebracht werden.

Eines Tages aber setzte sich's Sepherl in den Kopf, die Kameradin wieder zu sehen und entschloß sich, selbe auf dem Heimweg oder an Ort und Stelle zu überraschen. Sie ging nach dem toten Walde. Die lange Strecke bis hin hatte sie keine Begegnung, doch als sie vor den Tannen stand und eben beide Hände hohl vor den Mund legte, um durch einen lauten Ruf ihre Anwesenheit und Wartestelle der gesuchten kundzugeben, da krachten im Gehölze dürre Zweige unter nahenden Tritten. Sie ließ erschreckt die Arme sinken, als sie an der Seite Helenens den Toni vom Sternsteinhof herankommen sah. Der Bursche duckte sich allerdings hinter die Stämme, aber es war zu spät, um nicht bemerkt zu werden.

Helene schritt auf Sepherl zu. »Je, du bist da? Grüß' dich Gott!«

»Grüß' dich auch Gott,« antwortete kurz die Angesprochene.

Helene faßte die Dirne an der Rechten, um Hand in Hand mit ihr dahinzuschlendern, aber da Sepherl mit unwilliger Gebärde sich losriß, fragte sie: »Na, was is's denn? Was hast denn?«

»Du warst nit allein!«

»Wer sollt' denn bei mir g'west sein?«

»Für blind müßt's mich nit nehmen, und Verstecken is vor klein' Kindern gut. Ich hab'n ganz gut g'seh'n, 'n Bauerssohn vom Sternsteinhof.«

»Und wann er's war? Kann ich ihm 'n Ort verwehren?«

»Davon is kein' Red', aber heut is nit's erstemal, daß dhertriffst. Er sucht dich da, und du laßt dich finden. Sollt'st dich wohl schämen!«

»Ich wüßt' nit warum. Denkst du von mir Schlecht's?«

»Ich will just nix Schlecht's von dir denken, aber Recht's kann ich doch auch nit, wo du zu noch ein'm halt'st neb'm Muckerl.«

»Du sollt'st dich hüten z'sag'n, daß ich's mit ein' andern halt'. Wo hast denn 'n Beweis? Übrigens schätz' ich, bist du weder zu mein' Richter, noch zu sein' Wachter b'stellt!«

»Trotzig tun steht dem gar wohl an, den man af üblen Weg'n betrifft.«

»Auf üblen Weg'n?!« schrie Helene.

»Ja, af üblen Weg'n,« ereiferte die Sepherl, »ich sag' af üblen Weg'n, weil 's seitab von Ehrlichkeit und Ehrbarkeit führ'n. Von zwei'n muß doch allweil einer der Betrogene sein, nit? Und wer's da wär', is für mich gar kein' Frag'! Was willst denn mit dem reichen Bauerssohn? Vielleicht dein' G'spaß hab'n, weil's doch zu kein Ernst führen kann? 's selbe steht schon ein'm Weibsleut übel g'nug an und is nit ehrlich geg'n den, der's ernst meint; denn ehrlicherweis kann man nur ein'm ang'hör'n für's Leben, oder verlangst du's leicht paarweis für Zeit und Weil'?!«

»Purr! Hast du ein Maul! Kann mich aber von dir nix beleidigen. Ich weiß ja, geg'n eine, die bei mehr Mannleuten Anwert find't, da red't der Neid aus euch, bei denen sich der eine einzige für's Leben ewig nit einstell'n will! Überhaupt versteh' ich nit, wie du da so aufbegehr'n magst! Dir kann ja recht sein, wenn ich mich mit'm Muckerl entzwei, vielleicht wirst du dann eins mit ihm.«

»Laß' dir sagen,« schrie zornrot Sepherl, »laß' dir sagen, du bist'n gar nit wert, du grauslich's Ding, du! Und daß d' es weißt, mit dir geh' ich auch gar nimmer.« Sie lief etliche Schritte voraus.

»Geh' zum Teuxel, wann d' willst! Wer bist denn du, daß ich mir a Gnad' aus deiner Freundschaft machen müßt'?!«

Schweigend rannten die beiden auf der Straße dahin, eine voran, die andere hinterher.

Helene biß sich auf die Lippen. Nach einer Weile rief sie: »Du, Sepherl!«

»Was gibt's?« fragte die Angerufene, ohne stehenzubleiben oder den Kopf zu wenden.

»Du wirst doch von dem heutigen nix weiter verlauten lassen? Gelt nein?«

»Wenn ich nit darnach g'fragt werd', nit!« lautete die trockene Antwort.

Sepherl wurde aber gar bald darnach gefragt, die Entfremdung zwischen ihr und Helenen fiel zuerst der alten Matzner Resl auf, und diese machte das in Erfahrung gebrachte der Kleebinderin zu wissen, welche den Muckerl davon in Kenntnis setzte und am Schlusse einer sehr eindringlichen Rede fragte: ob er nach allem, was er sich schon habe gefallen lassen, sich auch das noch gefallen lassen wolle. Muckerl erklärte mit aller Entschiedenheit, die ihm zu Gebote stand, daß er das nicht gesonnen sei und die Dirne rechtschaffen zur Rede stellen werde. Er machte sich auch denselben Abend noch auf den Weg nach dem toten Walde; doch als er des Gehölzes ansichtig wurde, stand er von dem Gedanken ab, es zu betreten. Scheute er ein Zusammentreffen mit dem Burschen, oder fürchtete er, bei einer Überraschung vielleicht mehr zu sehen, als ihm lieb sein möchte? Darüber gab er sich keine Rechenschaft, meinte nur, daß er es eigentlich ja doch nur mit der Dirne allein zu tun habe, und setzte sich unweit des Tanns auf einen Geröllhaufen, um die Heimkehrende zu erwarten; als er sie endlich herankommen sah, erhob er sich und ging ihr entgegen.

Als er vor ihr stehenblieb, tat sie noch einen Schritt auf ihn zu und stand so hart an ihm, daß er hätte aufblicken müssen, um ihr in die Augen zu sehen, aber er hob den Kopf nicht und sagte leise:

»Ich hätt' mit dir z'reden.«

»So red'!«

»Ich weiß, wo du herkommst.«

»Das is kein' Kunst, es weiß jeder, woher der Weg führt.«

»Ich mein', von wem du herkommst, mit wem du warst, weiß ich.«

»Nun?«

»Mit'm Sternsteinhoferbub'n treibst d' dich da herum.«

»Was weiter?«

»Das brauch' ich mir nit g'fallen z'lassen!«

»Wann d' dich überhaupt d'rum z'bekümmern hätt'st, freilich nit!«

»Was sagst du?« fragte, durch die kurzen Reden der Dirne erregt, der kleine Bursche mit erhobener Stimme. »Was sagst du? Ich hätt' mich da d'rum nit zu bekümmern? Ich mich nit? Mußt ich nit dasteh'n, wie aus'n Wolken g'fall'n, wie d'Mutter davon z'reden ang'hob'n hat?!«

»So, dein' Mutter hetzt dich also geg'n mich auf? Gut, daß ich's weiß.«

»Sag' du nur nix geg'n mein' Mutter, damit kommst du nit auf; mein' Mutter is ein Ehrenweib –«

»Mag sie zehnmal ein Ehrenweib sein,« schrie jetzt Helene, »deßtwegen bin doch ich auch noch keine schlechte Dirn'! Kein einzig's find' mer auf im ganzen Ort, das mir a Schlechtigkeit nachsagen kann!«

»So? Und zeigt das von einer Ehrlichkeit und Rechtschaffenheit und Bravheit, wenn du mit ein'm andern gehst?«

»Wann ich ging – ich sag wann – so ging ich allweil nur mit ein'm, von ein' andern weiß ich nix!«

»Von ein' andern weißt nix? Wer war' denn nachher ich, wenn ich nit der eine bin, mit dem d' zu geh'n hast?«

»Mit dem ich zu geh'n hab'? No hörst, Muckerl, jetzt seh' ich wohl, du willst eifern, und dazu hast du noch gar kein Recht.«

»Bin ich nit dein Schatz?«

»Warst's vielleicht, kannst's noch sein, oder bist's gar niemals g'wesen. Schatz nennt auch der Fuhrmann d'Kellnerin vom Wirtshaus, wo er alle heilige Zeit einmal einkehrt. Das Wörtl Schatz wird viel beredt, aber sagt nix.«

»Und du red'st jetzt auch nur, weil d' nix z'sagen weißt! Ich hab's vom Anfang nit anders g'meint, als daß du mein Weib werden sollt'st, und ich dürft' nach dein'm Bezeig'n wohl auch voraussetzen, daß du dazu 'n Willen hast; und daß du mein Bewerben gar nit oder anders verstanden hätt'st, das glaub' ich nit, denn vor der Zeit, wo s' n' ersten Schuh selber an d'Füß bringt, is jede Dirn so g'scheit, daß sie sich in denen Sachen auskennt; und wann du meinst, es könnt' dir kein einzig's im ganzen Ort a Schlechtigkeit nachweisen, so irrst dich! Ein'm einzigen fragt freilich 's ganze Ort wenig nach, und wie d'Sach' zwischen uns zwei'n steht, so bringt's dich just auch nit in's G'schrei; schlecht handelst aber trotzdem gegen mich, wann du mir hinter'm Rücken mein' ehrlich' Meinung so übel vergiltst!«

»Tu' jetzt dein Maul zu und d'Ohren auf, damit ich dir beibring, wie wir eigentlich zueinand' stehen. Davon, daß ich dein Weib werden sollt', war zwischen uns, wann d' dich recht b'sinnen willst, niemal die Red'! Präsent' hast mir g'macht, eing'laden hast mich zu euch h'nüber, das war alles! Das hast du freiwillig; ich hab dir nix nit abgebettelt und mich euch auch nit aufdrängt. Daß ich 's g'schenkte G'wand nit z'ruckg'wiesen und af gute Bissen an eurem Tisch kein Spott g'legt hab', das kann mir auch nur verübeln, wer mich nit bloß und hungrig hat herumrennen g'seh'n. Da d'raufhin könnt' ich mich aber doch nit unfreundlich geg'n dich bezeigen? Kein Hund knurrt die Hand an, die'n streichelt und füttert. Ich könnt' mir wohl denken, daß dir nit alleinig d'rum sein würd', an mir ein gut' Werk z'tun, aber ich braucht's auch nicht anders aufz'nehmen, denn bis af'n heutigen Tag hast du mich ung'fragt neben dir herlaufen lassen. Reut dich jetzt dein Wegg'schenkt's, so schick' ich dir z'ruck, was ich davon noch im B'sitz hab', aber das Recht räum' ich dir nit ein, mit mir z'eifern und mich z'Red z'stellen! So steht die Sach' zwischen uns zwei, und damit hab'n wir ausg'redt!«

Muckerl begann sich hinter dem Ohr zu krauen. »Mein G'schenkt's nimm ich nimmer z'ruck,« stotterte er, »und was 'es Fragen anlangt, so hab' ich's nur unterlassen, weil ich g'meint hab', es verstund' sich doch alles von selber. Wann d' aber g'fragt sein willst, so könnt' ich dös doch gleich hitzt an der Stell'.«

»Nach dem, was d' heut' schon all's g'redt hast, verlang' ich mir nix mehr von dir z'hören. Wann überhaupt, so dürft's a ziemliche Weil' dauern, bis ich dir das Gered'te vergiß!«

»Aber schau', Helen', – wann 's noch bös g'meint g'west wär'! – Aber, geh' zu – du wirst doch nit so sein?«

»Eingedenk deiner Gutheit geg'n mich, will ich dir was sag'n. Wann dir anständig is, mit mir zu verkehren wie bisher und anders nit, wie ich dir vorhin ausdeut' hab', so will ich's weiter mit dir versuchen und dir dein dumm' Aufbegehren verzeih'n.«

»Da d'rauf gib mir d'Hand!«

»Da hast's.«

»Gelt ja, es gilt aber auch dafür, daß d' 's mit kein' andern halt'st?«

Sie zog die Hand zurück, »'s kann dir wohl g'nügen, wenn ich sag', daß ich's mit kein'm and'rerweis halt', wie mit dir!«

»No zürn' dich nit! 's machet mich völlig unglücklich, wann ich dich bös' af mich wüßt'. Werd' mir nur bald wieder ganz gut, daß ich dir abfragen mag, was ich gern höret.«

»Vor all'm lass' nur du dich nit wieder aufhetzen und wär's auch von ein'm Ehr'nweib, wie dein' Mutter is! Wann der Sau 's Ohr fehlt, faßt's kein Hund d'ran, und wann a G'red kein' Grund hat, so sucht mer ihm vergebens ein' Anhalt.«

Muckerl begann nun, seine Mutter zu entschuldigen. Sie hätte, nur aus Sorg' um ihn, verlogenen Bescheid für wahr genommen; es also im Grunde niemandem übel gemeint, auch nicht der Helen', die sie ja bislang, eh' sie durch das unb'schaffene Gered' irr' gemacht wurde, alles Gute gegönnt habe und wieder gönnen werde, nachdem sich jetzt all' das Nachgesagte als falsch herausgestellt. Doch, über das hartnäckige Schweigen und die trotzigen Gesichter der Dirne sich mehr und mehr ereifernd, gelangte er mählich dahin, seiner Mutter immer weniger Dank für ihre Sorge zu wissen, schließlich es ganz ungerechtfertigt zu finden, daß sie sich überhaupt da eingemengt habe, und als er sich von der Dirne bei deren Hütte verabschiedete, war er der alten Frau ernstlich böse geworden.

Die Kleebinderin hatte alle Mühe, dem verdrossenen Burschen das Vorgefallene abzufragen, dann schlug sie darüber im Geiste die Hände über den Kopf zusammen. Sie beschloß, Helene nun öfter in's Haus zu laden und jed'mal, so lange es anginge, daselbst zu verhalten; für die rauhe Jahrzeit sollte Muckerl an Kleidern nicht mehr schenken, als notwendig, sich aus der Türe zu wagen, damit die Dirne, auch ungeladen, den warmen Ofen aufsuchen käme und sich gewöhne, in der Stube zu sitzen, und schon mit dem nächsten Fasching sollte dann alles zu gutem Ende gebracht und Hochzeit sein. Ein verheiratet' Weib hat weniger Anfechtung und mehr Furcht vor üblem Ruf; welch's sich nit dazu verstünd', Ungebühr dem Haus fernz'halten und derselb'n außerhalb auszuweichen, das müßt' schon gar ein schlecht's Geschöpf sein – und für ein solches mochte die Kleebinderin ihre künftige, wenn auch unwillkommene Schwiegertochter doch nicht halten.

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