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Der Sternsteinhof

Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Anzengruber
titleDer Sternsteinhof
publisherHera Verlag
printrun5. Auflage
year1949
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080717
modified20160622
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2. Kapitel

Helene erfüllte die Vorhersagung des Kleebinder Muckerl. Ja, sie übertraf, wie er sich selbst gestehen mußte, seine Erwartungen. Freilich, einige Zeit war darüber vergangen, aber wer fragte nach, wo die hingekommen? Der Muckerl wenigstens tat es nicht, dem war sie kurzweilig genug geschwunden. Was sie gebracht hatte, war gut, was sie noch bringen konnte, wird besser sein, und dem sah er freudig und geduldig entgegen.

Er verstand sich jetzt aufs Holzschnitzen. Er erhielt seine Mutter und kam für das ganze Hauswesen auf. Das erste, was er vornahm, als er seine Hand sicher fühlte, war kein leichtes Stück und bezeugte guten Mut und Selbstvertrauen; ein ganzes »Krippel« stellte er fertig. Die heilige Familie im Stalle zu Bethlehem, Öchslein und Esel fehlten nicht, nur die Hirten ließ er weg, an deren Stelle dachte er sich eben die fromme Gemeinde von Zwischenbühel, denn die war ja da, um anzubeten, und darum schnitzte er keine hölzerne Andacht hinzu. Der Pfarrer stellte, versprochenermaßen, das Bildwerk in der Kirche auf, da er es aber doch nicht für ein Kunstwerk halten mochte, auf dessen Besitz man gegen einen umherstreifenden Touristen, oder sei es auch nur gegen einen Confrater stolz tun konnte, so beschloß er, es der Geschmackseinrichtung seiner Pfarrkinder näher zu bringen, und ließ von einem durchreisenden Künstler, der sich Flächenmaler nannte, weil er Fensterläden, Türbalken und Haustore behandelte, die Figuren mit schreienden Ölfarben anstreichen.

Die Gemeinde fand das über alle Maßen schön, und einige versetzte allein der Geruch des frischen Anstriches in eine andächtige Stimmung. Als Muckerl sein Werk mit Farbe überdeckt fand, geriet er in eine sehr geteilte Stimmung. Die Farbe, ja, die Farbe macht sich ganz gut, es schaut das Ganze wie lebendig her, und der Pfarrer mochte wohl recht haben, als er sie dazutun ließ, aber Fleisch, Gewand und Haare waren immer ein Klecks und da glänzte es an Stellen, wo es nicht gehörig war. Muckerl sah mit Befremden, wie manche Falte, die er geschnitten hatte, unschöne Buckeln machte, und wieder, wie eine andere vom Leibe abstand, wo sie sich schmiegen sollte; womit er es versehen hatte, das trat nun auffällig hervor, dagegen verschwanden die Gesichtszüge seiner Heiligen, von denen er überzeugt war, sie wären ihm aufs beste geraten, ganz unter einem dicht aufgetragenen Anstriche. Wahre Puppenköpfe hatten sie auf den Schultern sitzen. Plötzlich entsann er sich des kleinen, hölzernen, bunten Türken, der ober dem Krämerladen als Zeichen des Tabaksverschleißes angebracht war.

»Der Himmelherrgottssakkermenter,« murmelte er ziemlich laut, »hat mir's Ganze verschänd't.« Erschrocken fuhr er zusammen und bekreuzte sich.

Das war aber doch nicht recht vom hochwürdigen Herrn, daß er einen solchen hat über die Sach' lassen! Hätt' er nit dazu ein' andern finden können? War es nit ganz unaufrichtig, daß er überhaupt gar nit hat verlauten lassen, daß eine Farbe dazu soll, und daß er sie darauf haben will? Die Farb' mag der Muckerl nit verreden, sie mag ja 'm Messer nachhelfen, aber decken darf sie nicht, was das gut gemacht. Wer aber soll das machen? Wer kann sich wohl besser dazu anschicken, als der, dem 's selbe Schnitzwerk von der Hand 'gangen ist? Das Lernen wird keine Hexerei sein, und der Muckerl will's erlernen.

Er erlernte es. Bald wunderte sich das ganze Dorf über die bunten Holzstatuetten, die er zwischen den Fenstern zur Schau stellte, kein Heiliger des Kalenders brachte ihn in Verlegenheit, denn da er mit der himmlischen Familie fertig geworden, wird er doch Aposteln, Nothelfern, Märtyrern, heiligen Frauen und Jungfrauen beizukommen wissen.

Nicht lang', so hatte man es auch in der Umgegend Rede, was für ein Geschickter da drüben in Zwischenbühel sitze, und wenn einer ein' Herrgott, eine Gnadenmutter oder ein' Heiligen brauche, so dürfe er nur zu dem gehen. Aber nur wenige kamen, und die feilschten rechtschaffen, am meisten ängstigten den Muckerl die sogenannten Herrgottlkramer, die mit solcher frommen Ware das Land abliefen, sie dachten ihn als billige Bezugsquelle auszunützen und verhielten sich ihm gegenüber wie Kunsthändler in einer Großstadt gegen einen talentierten Anfänger in der Malerei.

Schwere Sorge beschlich oft den Muckerl. Selten, gar selten war es, daß ein Bäuerlein, ein altes Mütterchen, eine junge Dirne Nachfrage hielt, noch seltener, daß er nach stundenlangem Feilschen einen Herrgott, der nicht genug blutig sein konnte, einen Namenspatron, der nie »andächtig« genug schien, verkaufte; die Herrgottlkrämer bekam er öfter zu Gesichte, die aber machten ihn mit ihren Ausstellungen schwitzen, mit ihren Angeboten ganz verzagt, und oft rief er sie unter Tränen in den Augen zurück, wenn sie an der Türe in wegwerfendster Weise fragten: »Na, gibst mir's diesmal mit oder nit? Noch ein' Gang her, is mir der ganze« – folgte ein sehr derber Ausdruck – »nit wert!«

Aber da fand sich mit einmal ein Absatz. Eines Abends trat ein Mann in Muckerl's Hütte, nannte sich einen Handels-Agenten für religiösen Hausrat, hätte das Beste sagen hören über den Heiligenschnitzer zu Zwischenbühel und wäre gekommen, dessen Ware zu sehen. Er äußerte sich über die vorgelegten Proben sehr freundlich, lächelte mitleidig, als er den Preis erfuhr, um den bisher diese Arbeiten abgegeben wurden, bot sofort das Fünffache, gab Vorschuß und bestellte nach Dutzenden. In der Stadt, beteuerte der Herr Agent, hätte man derlei nötiger als im Lande, dort wäre mehr Geld, aber auch mehr Gottlosigkeit. Darum gehe man jetzt daran, den religiösen Sinn zu heben, was am Besten durch massenhaften Umsatz von billigem und gefälligem religiösen Hausrat zu bewerkstelligen sein dürfte, wofür denn eine Handelsgesellschaft aufkommen wolle. Der Herr Kleebinder möge nur darauf achten, immer gleich gute Ware zu liefern, so würde ein lohnender Absatz für längere Zeit gewiß sein.

Muckerl schwamm in Seligkeit, fast hätte er sich vergessen und wäre dem kleinen, säbelbeinigen Männlein um den Hals gefallen, aber ein leider in den unteren Volkskreisen eingewurzeltes Vorurteil ließ ihn davon abstehen, denn der Mann, der sich mit der Hebung des christlich-religiösen Sinnes befaßte, war, beschämenderweise, ein Jude.

Nun rückte gute Zeit in's Haus, mit ihr aber auch manches, das die alte Kleebinderin derselben nicht recht froh werden ließ und sie ihr endlich gar verleidete.

Es war an einem Samstagsabende, als Muckerl den Hügel hinter den Hütten herabkam. Er trug seine kurze Jacke mit blanken Knöpfen, seinen saubern Brustfleck, seine guten Schuhe, kurz, sein Feiertagsgewand, seine bestaubten Füße, sein erhitztes Gesicht ließen schließen, daß er nicht von nah, wohl gar von der Kreisstadt, heimkehrte.

Er trug ein kleines Päckchen, es war in sein rotes geblümtes Taschentuch eingeschlagen und kam in keiner seiner Hände, noch sonst zur Ruhe; er faßte es bald in die Rechte, bald in die Linke, drückte es gegen seine Brust, barg es im Rücken, schob es unter die eine oder die andere Achsel und holte es sofort wieder hervor.

Vorsichtig lugte er durch die Zweige des lebenden Zaunes in seinen Garten, und als er seine Mutter nicht um die Wege sah, war er mit einem Sprunge auf Nachbarboden und trat durch die rückwärtige Tür in die Zinshofer'sche Hütte.

Er fand Helene mit der Alten zusammensitzen, Rüben schälen und in einen Topf schneiden.

»Guten Abend, miteinander,« sagte er.

»Guten Abend,« sagten die beiden.

»Wie geht's?« fragte er. »Wie geht's? So weit ich's euch abzusehen vermag, nit übel, denk' ich. In der Stadt bin ich g'wesen. Halt ja. Müd' bin ich, erlaubt's schon, daß ich mich setz'.«

Das Mädchen wies mit der Hand, in der es das Messer hielt, nach der Gewandtruhe, die in der nahen Ecke stand.

Muckerl setzte sich. Er hielt das Paket an beiden Enden angefaßt und drehte es zwischen den zehn Fingern fortwährend herum.

Nach einer Weile sah die Alte auf, wobei ein finsterer Blick die Tochter streifte, und sagte: »Na, wie schaut's denn aus in der Stadt?«

»Ich dank' der Nachfrag',« entgegnete Muckerl, »es ist völlig schön dort und so gangbare Wege haben's, ganze Steinplatten. Ja, Helen', wie ich da drauf gleichen Schritt's getrabt bin, hab' ich an dich gedacht.«

»An mich? Ich wüßt' nit, was ich mit'm Stadtleuten ihren Pflaster zu schaffen hätt'.«

»Dort tritt sich nit leicht ein's ein' Scherbe, ein' Nagel oder solch's Teufelszeug' ein, wie da bei uns schnell g'schehen is und erst neulich dir.«

»Ach, ja so. Das ist längst wieder heil. Schau mal.« Die Dirne streckte vom niedern Schemel, auf dem sie saß, den rechten Fuß dem Burschen hin.

»Mein Seel',« sagte der, »ganz sauber verheilt. War auch schad' um die fein' Füß', wann's ein' Narbe verschandeln möcht'.«

»Is dir Leid d'rum, so breit' mir halt, wo ich geh' und steh', eine Strohdecken d'runter.«

»Da weiß ich mir eine bessere Abhilf'. Ich gib ein Futteral d'rüber.« Der Bursche sagte das mit kurzem, wie Husten klingendem Lachen und ward darnach rot bis unter die Haare. »Das heißt,« fuhr er stotternd fort, »das heißt, wenn halt d'Zinshofer Mutter damit einverstanden wär', so wären da ein Paar Schuh'.«

Die Dirne blickte ihn von der Seite an. »Nur der Mutter Einverständnis braucht's, meinst du? Ich denk', es ist die Frag', ob ich's tragen will?«

»Du wollt'st sie nit?« stammelte Muckerl.

»Dir, seh' ich, muß mer schon z'Hilf kommen,« sagte die Alte. »Du mußt auch erst bei jungen Weibsleuten aufhorchen lernen, die verreden oft, wonach ihnen Herz und Hand giert.«

»Was du alles weißt,« höhnte die Dirne, dann wandte sie sich an Muckerl. »Wirst wohl auch was recht's eingekauft haben? Laß' mal schau'n, daß ich ein' Ung'schickten auslach'. Werd dir wohl für'n guten Willen danken müssen, passen werd'ns mer eh' nit.«

»Wird sich ja weisen,« schrie Muckerl, der plötzlich wieder in scherzhafte Laune geriet, in hochgehobener Hand das Bündel schwang, als ziele er in bedrohlicher Weise nach dem Kopfe der Dirne. »Gleich kommt's.«

»Na, sei so gut,« kreischte Helene, fuhr vom Sitze empor und entrang ihm das Tuch. Nachdem sie dasselbe aufgeknüpft hatte, betrachtete sie die Schuhe. Sie stützte das rechte Bein auf den Schemel und hielt die Sohle des Schuhs an die des Fußes. »Schau',« sagte sie, »wahrhaftig, die könnten mir recht sein und schön sein's auch, recht schön.« Sie drehte sie eine Weile in den Händen, bot sie ihm dann zurück. »Da nimm's wieder,« seufzte sie.

»Ja, warum denn?« fragte ganz ratlos der Bursche. »Warum denn, Helen'?«

»Nein, Muckerl, ich muß dir danken, wirklich muß ich dir recht schön danken. Ich sag's, wie's wahr is. Da dazu g'hören Zwickelstrümpf, die hab' ich nit, und mit bloßen Füßen tret' ich lieber auch auf d' bloße Erd' als auf Leder. Auslachen mag ich mich nit lassen.«

»Du Närrisch,« sagte mit triumphierender Miene der Bursche, »meinst du, ich denk nur vom Gründonnerstag auf Karfreitag? Ah, mein', nein.« Er zerrte ein kleines Päckchen hervor, das er in eine Jackentasche gezwängt hatte. »Da schau', was da d'rein is.«

Es waren Zwickelstrümpfe und hochrote Strumpfbänder mit Seidenbandschleifen.

»Muckerl,« schrie die Dirne, vor Freude die Hände zusammenschlagend. »Du bist doch ein guter Bub'.«

»Ja, gut is er, der Muckerl,« sagte die Alte.

Helen' setzte sich neben den Burschen. »Na, därfst auch zuschau'n, wie ich's anleg'.« Ohne sich im mindesten durch seine Nähe beirrt zu fühlen, probierte sie Strümpfe und Schuhe an. »Wie das paßt,« lachte sie, »du dürft'st von mein' Füßen 's Maß g'nommen haben.«

»Das hab' ich auch mit'n Augen; drauf muß ich mich ja verstehen, von welcher Größ' Hand, Fuß und Kopf zu eines Menschen sein'm Leib paßt.«

Die Dirne hielt den Saum des Rockes in der Höhe, wo die Strumpfbänder saßen, um die Beine geschlagen und betrachtete selbstgefällig ihre Füße. »Bis daher,« sagte sie lächelnd, »ist die Prinzessin fertig, von da ab fangt 's Bettelweib an, und das ist weitaus 's größere Stück.«

Muckerl erhob sich. »Nur nit verzagt. Kommt Zeit, kommt Rat. Noch is nit aller Tage Abend. Gut' Nacht, 's ist jetzt Zeit, daß ich geh', sonst ängstet sich d'Mutter oder schilt gar. Gute Nacht, miteinander.«

Schon am andern Morgen hatte er Ursache, zu bereuen, daß er an seine Gutmütigkeit so gar keinen Vorbehalt geknüpft. Helene kam vorbeigelaufen, als sie aber ihn und die alte Kleebinderin in der Küche stehen sah, verweilte sie sich ein wenig. »Guten Morgen,« rief sie und rasch einen Fuß nach dem andern vorstreckend, fuhr sie fort, »eine närrische Freud' hab' ich mit den Schuhen und Strümpfen, 's is gleich ein anderes Gehen. Dank' dir schön dafür, Muckerl.«

Die alte Frau sah ihren Sohn mit einem Blicke an, vor dem er sich verlegen zur Seite krümmte.

Die Dirne wies die glänzenden Zähne, warf beiden einen boshaft lachenden Blick zu und lief weiter.

Die Kleebinderin faltete die Hände ineinander und ließ sie in den Schoß fallen. »Muckerl!« Mehr war sie außerstande hervorzubringen, die Überraschung verschlug ihr die Rede, über welchen Umstand der gewissenhafte Bursche sich jedes heuchlerischen Bedauerns enthielt, dagegen fand er es sehr unbehaglich, daß sie diesen Tag über, so oft sie seiner ansichtig wurde, mit dem Kopfe schüttelte.

Etwa eine Woche darnach kam Muckerl wieder einmal aus der Stadt zurück, aber diesmal umging er das Dorf nicht, er hielt sich auf der geraden Straße und schlenkerte auffällig mit den Armen, als wollte er die Leute, die eben um die Wege waren, sehen lassen, daß er mit leeren Händen käme.

Gleichen Weges war eine gute Weile zuvor Helene mit flinken Füßen durch das Dorf gerannt, sie hielt dabei ein schweres Bündel mit beiden Armen gegen die Brust gepreßt. Jetzt kniete sie inmitten ihrer Stube, vor ihr auf dem Boden lagen Wäschestücke, Latzschürzen, Röcke und ein Sammetspenser ausgebreitet, und sie sah unter den langen Wimpern auf all' die Herrlichkeiten herab, ein Lächeln innerster Zufriedenheit in den Winkeln der aufeinandergepreßten Lippen.

Die alte Zinshoferin schlug ein über das andere Mal die Hände zusammen. Endlich fragte sie: »Vom Muckerl?«

Das Mädchen nickte.

»Wofür hat er dir's gegeben?« fragte die Alte mit scharfem Tone, der jedoch bei ihrem lauernden Blick und gemeinen Lächeln nicht nach mütterlicher Strenge klang, sondern nach rüder Neugierde, die zu wissen verlangt, woran man sei, und Herrischkeit, die bestimmen will, wohin es weiter solle.

Die Dirne sah stirnrunzelnd empor. »Wofür? Dafür, daß ich ihm auf der Straßen nit 'n Weg und daheim nit d'Tür weis'. Für weiter nix.« Sie lachte höhnisch auf. »Du mußt wohl dein' Zeit a dankbar's Gemüt g'habt haben, weil d' so fragen magst!«

Als Muckerl der weit außerm Ort, im Busche, ihn erwartenden Dirne das Bündel einhändigte, ließ er sich von ihr zwei Dinge in die Hand versprechen, daß sie in ihrem neuen Putz seiner Mutter nicht unter die Augen gehe und daß sie sich nächsten Sonntag von ihm in's Wirtshaus führen lasse. Ob er auch nur einen Augenblick daran dachte, wie ungereimt es war, der Mutter verheimlichen zu wollen, was sonntags jeder als Neuigkeit von der Schenke mit heimtragen wird? Ach, der Bursche dachte wohl an gar nichts, als wie schön, wie gar aus der Weis' schön, die Dirne war!

In der Samstag-Nacht, vor dem Einschlafen, drehte sich Helen' im Bette nach der Mutter um. »Hörst? Ich hab vergessen dir zu sagen, morgen führt mich der Muckerl in's Wirtshaus.«

»Und du geh'st?«

»Warum nit? Wozu hätt' ich mein' Putz? Jetzt, wo ich unter d'Leut gehen kann, hab' ich kein' Ursach' mehr, ihnen fern z'bleiben.«

»Na, da heißt d' aber auch schon vom Montag 's Kleebinder Muckerls sein Schatz.«

»Mein'twegen, mir schadt's nit, und ihm macht's ein' Freud', und die gönn' ich ihm.«

»Die gönnst ihm?« murrte die Alte. »Spiel du dich nit auf die Erkenntliche hinaus! Wär' dir so um's Herz, so ging wohl dein' Mutter allen andern voraus! Nit? Aber wann nur du dich z'zammstatzen kannst, so mag ich nebenherrennen wie ein' Hadernkönigin. Der Muckerl würd' mich auch bedenken, wenn du ihm nur ein gut' Wort gäbest.«

»Ich hab' um mein' Sach' keins an ihn verlor'n, werd' ich doch nit um fremde betteln.«

»Ja, das stund' dir nit an, du hochfahrig's Ding? Halt'st dich 'leicht schon vor'm Bettelngehen sicher? Nimm nur dein' Holzschneider. Fahrt ihm einmal unversehens der Schnitzer in d'Hand und bleiben ihm die Finger verkrümmt, is 's mit der ganzen Herrlichkeit vorbei. Hätt'st wohl auch auf was G'scheiter's warten können.«

In selbstgefälliger Eitelkeit, die Worte dehnend und singend, entgegnete die Dirne: »Zuwarten und aufdringen ist nit mein' Sach'.« Sie befühlte ihre vollen Arme, die sie vor sich über der Bettdecke liegen hatte, den einen mit dem andern. »Mit solche Arm' braucht mer nur festz'halten, was einem taugt, unter dö, was darnach greifen.«

»Freilich wohl, dalkete Gredl! Aber laßt mer sich einmal d'rauf ein, dann halt't mer nit nur, mer wird auch g'halten und mag nit loskommen.«

Das Mädchen kehrte sich gegen die Wand und gähnte. »Pah, wär' mir d'rum, riskieret ich halt ein blaues Fleckel.«

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