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Der Sternsteinhof

Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Anzengruber
titleDer Sternsteinhof
publisherHera Verlag
printrun5. Auflage
year1949
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080717
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17. Kapitel

Mit einbrechender Nacht war der Wagen über die Brücke gedonnert und durch das Dorf gerast, man konnte nicht schnell genug den Kopf nach dem Fenster wenden, vorüber war er.

Vor dem Wirtshause hatte der Wirt gestanden, in dem Fuhrmanne einen Knecht vom Sternsteinhofe erkannt und, in mächtigen Sätzen nebenher rennend, ihn angerufen.

»Wohin, Wastl?«

»In d' Stadt.«

»Was eilt?«

»Der Bäu'rin – 'n Doktor!«

Worauf die Wirtin die Hände zusammengeschlagen. »Uns're liebe Frau steh' der armen Seel' bei!«

Mit frühem Morgen kehrte der Wagen wieder, und als er oben im Gehöfte anhielt, stürzte der junge Bauer stieren Blickes und wirren Haares herbei, den kleinen, vierschrötigen Mann, der abstieg, beim Arme anfassend. »Helft's, helft's, Herr Doktor, ich kann den Jammer nimmer länger anschau'n!«

Der Arzt gelangte, mehr hineingedrängt und geschoben, als selbst steigend, die Treppe hinauf.

Drei Viertelstunden später lagen oben in der dunklen Stube, deren verhangene Fenster Licht und Luft ausschlossen, ein gar schwaches, zartes, gelbsüchtiges Kind und ein sieches Weib.

Als der Doktor, sich fleißig mit dem buntseidenen Taschentuche die Stirne trocknend, vom jungen Bauer geleitet, die Stiege herabkam, wollte eine Magd die folgenden Reden erlauscht haben.

»Herr,« sagte der Bauer, »das wär' dann, als hätt' ich kein Weib.«

»Euch davon zu verständigen,« sagte der Arzt, »war meine Pflicht. Ob ihr sie überhaupt noch lange behalten werdet, weiß ich nicht; wenn ihr sie aber bald los sein wollt, braucht ihr bloß meinen Rat zu überhören.«

Da erblickte der Bauer die Dirne; sie ward von ihm angerufen und mußte eine Flasche Wein, Schinken und Brot für den Doktor nach der Laube schaffen. Die Gefräßigkeit, mit welcher das kleine, runde Männchen darüber herfiel, und dessen schmatzendes Behagen waren für die dermalige Gemütsstimmung Tonis ein so widerspruchsvoller Anblick, daß er sich hastig mit der Andeutung, »oben nachsehen zu müssen«, hinweg begab, was sicher auch dem Doktor sehr gelegen kam, der, allein gelassen, sofort jede beileidige Miene ablegte und unter dem Kauen einem hohen Grade von Wohlbefinden in unartikulierten Lauten Luft machte.

Drei Tage danach war die Taufe. Sie sollte in aller Stille verlaufen, denn die Sternsteinhofbäuerin lag so kraftlos dahin, als ob sie sich Lebens oder Sterbens besönne, und bei jedem aufdringlichen Laut durchrieselte es sie vom Kopfe bis zu den Füßen.

Als der junge Bauer, von nur wenigen Gästen geleitet, mit der Patin, einer der reichsten Bäuerinnen in der Umgegend, und der Hebmutter, welche in einem reichen Taufzeuge ein winziges, mißfarbiges Würmchen trug, die Stufen zur Kirche hinanstieg, lehnte an der Mauerbrüstung dem Portale gegenüber das Weib des Herrgott'machers mit dem derben, pausbäckigen Buben auf dem Arme.

Er starrte Helenen ins Gesicht, sie sah mit leicht gerunzelten Brauen nach ihm, auch das Kind blickte ihn so großäugig und ernst an; da senkte er den Kopf, und sein Blick glitt an der kräftigen Gestalt des Weibes herunter.

Die Taufzeugen traten in die Kirche, die heilige Handlung begann. Nachdem die reiche Bäuerin namens des Täuflings versprochen, alles zu glauben, was die Kirche zu glauben vorschreibt, und dem Teufel und seinen Werken zu entsagen, erhielt das kleine Geschöpf, es war ein Mädchen, zu Ehren der Patin deren Namen Juliana.

Als der Zug die Kirche verließ, ging der junge Sternsteinhofer vorgeneigt, wie wenn er vor sich auf dem Boden nach etwas suchte; er wußte, daß Helene noch da war, er fühlte es, daß sie ihn beobachtete, er hätte es auch gewußt und gefühlt, ohne die Fußspitze ihres rechten Fußes zu sehen, die spielend kleine Kiesel wegschnellte.

Vier Wochen mochten seit dieser Begegnung vergangen sein, der zweiten in den anderthalb Jahren seit Tonis Heimkehr, da kam eines Abends ziemlich spät die alte Zinshofer noch herübergelaufen und lud Helene mit wichtig tuenden Gesten und heimlichen Augenwinken ein, in die alte Hütte hinüberzukommen.

Der jungen Kleebinderin war solch' verstecktes und verhehlendes Gebärden zuwider, sie fuhr die Alte mürrisch an, doch gleich am Ort auszusagen, was es gäbe; aber da diese rasch hinaushuschte, so folgte sie ihr verdrossen nach.

Als die beiden drüben eintraten, saß der junge Sternsteinhofer auf der Gewandtruhe, den Rücken an die Wand gelehnt, mit herabhängenden Armen und drehte langsam, wie müde, den Kopf nach der Türe.

Helene blieb an der Schwelle stehen, sie streckte den vollen runden Arm gegen ihn aus und schüttelte mit der Hand.

Schon hatte sie mit der Rechten die Klinke erfaßt, um wegeilend die Türe ins Schloß zu drücken, da stemmte sie plötzlich die Linke gegen die Hüfte und fragte in scharfem, grollendem Tone: »Was willst denn du eigentlich da?«

»Nix,« antwortete der junge Bauer, »gar nix. Dein H'rüberrufen hab' ich nit verlangt, und hätt's auch nit g'litten, wenn ich d'rum g'wußt hätt'; das war ein Einfall von deiner Mutter, zu der bin ich g'kommen, mein' Jammer und Elend klag'n und mich auszureden d'über, wie anders all's hätt' werden können. Dös wird mir doch verlaubt sein, und ihr verüble nur nit ihr Mitleid für mich!«

»Dir kommt nur heim, was du an mir gesündigt,« sagte Helene; damit trat sie hinaus, man hörte das Getrappel einiger eilender Schritte und dann das Scharren der Sohlen auf der Steinstufe vor der Türe des Nachbarhauses.

 

Es war den Leuten einleuchtend, daß es dem jungen Sternsteinhofer hart aufliegen müsse, an Stelle einer rührigen, lebfrischen Bäuerin mit einem Schlag eine nichtsnutze, serbelnde auf dem Anwesen zu haben; und die Klügeren, die nicht jeden nach sich selbst beurteilten, behaupteten auch, sie hätten es vorhersagen können, wie er sein Unglück aufnehmen würde. Gram und Herzleid halten manchen an kurzem Faden fest am Orte, und so einer arbeitet dann oft doppelt soviel wie sonst, um des Leidwesens Herr zu werden, oder das wird der seine; dann sitzt er untätig dahin und verstumpft im fortwährenden Anblicke des Jammers; einen andern jagen sie zum Haus hinaus, daß er wie im Nebel herumläuft, nur vom Heim wegtrachtend, oder gar in allen Wirtsstuben zuspricht und im Trunke Vergessen sucht. Daß der Toni den Sternsteinhof mit dem Rücken ansehen werde, das wollten eben die Klügeren vorausgesehen haben; jene aber, die immer anders täten, als ein anderer getan hat oder tut, die ihm das Überarbeiten und das »Herumknotzen« in der Krankenstube – ein's sein Schad' und kein's der Bäuerin Nutz' – übel genommen haben würden, sie fanden es nun gar nicht schön, daß er auslief und das arme Weib vereinsamen lasse; es war in ihren Augen nicht zu entschuldigen, aber doch begreiflich. Nur über eines schüttelten bald die Bedachtsamen wie die Übelnehmerischen die Köpfe, über den häufigen Zuspruch des jungen Bauern bei der alten Zinshofer. Es vergingen wenige Abende, wo man ihn nicht nach der Hütte der Alten gehen oder des Weges von derselben kommen sah.

Quacksalberte vielleicht die Alte, um der Sternsteinhoferin »'n lieben G'sund« wiederzugeben? Schon möglich. Vor Zeiten sagte man ihr nach, daß sie sich auf Kräuter und Tränk' verstehe.

Aber doch wohl nicht. Denn der Bauer ging immer mit leeren Händen von ihr, und Sympathie wird das doch keine gewesen sein, daß er dann, wenn er sich unbelauscht glaubte, in das Vorgärtel des Herrgottlmachers schlüpfte, geraume Weil' vor dem Häuschen stehenblieb und an einer Fensterscheibe fast die Nase platt drückte? Auch ging auf dem Sternsteinhofe die Rede, man wüßte recht gut, welches Weg's der Bauer herkäme; denn sei er bei der alten Hexe gewesen, dann gäbe er der Bäuerin kein gutes Wort.

Zweimal kam es sogar zu lärmenden Auftritten. Der Bauer überhäufte die Bäuerin mit kränkenden Vorwürfen über ihr ungesundes Wesen, von dem sie wohl gewußt haben werde, aber es ihm verheimlicht hätte; und als sie mit tränenden Augen auf die Wiege hinwies, kehrte er derselben, das Kind verschimpfierend, den Rücken. Beide Male war er unter Tages im Dorfe unten gewesen; Helene war eben auswärts, und die alte Zinshofer hatte ihr Enkelkind, den kleinen, kraushaarigen Nepomuk, in ihre Hütte herübergeholt.

Helenen war es wohl in etlichen mondhellen Nächten, wo sie länger wachlag, vorgekommen, als ob etwas vor dem Fenster schattete, aber sie hatte es nicht arg noch acht; erst als man im Dorfe von den nächtlichen Gängen des jungen Sternsteinhofers zu sprechen begann und der kleine Muckerl von einem schönen, freundlichen Bauern schwätzte, der ihm viele schöne Sachen verspräch', da reimte sie sich das Gerede der Leute und das Geplauder des Kindes zusammen.

Noch am selben Abende, nachdem sie sich darüber klar geworden, saß sie inmitten der Stube und machte einen langen Hals nach dem Fenster, und als außen Toni der Straße entlang kam, erhob sie sich kurz darauf und lief nach der Hütte ihrer Mutter.

Sie riß die Türe hastig auf und warf sie schmetternd hinter sich zu, dann trat sie hart an den Bauern heran, die geballte Faust vor seinem Gesichte rüttelnd. »Du bist ein elendiger Kerl! Is 's dir nit g'nug, einmal an mein'm Unglück schuld g'west zu sein? Willst mich hitzt auch noch als Weib in Verruf bringen?«

Die Zinshofer drängte sich zwischen die beiden. »Heb' nur kein' Streit an in meiner Hütten,« sagte sie, Helenens drohende Rechte am Handgelenke anfassend.

»Meng' du dich nit ein,« schrie das junge Weib, sich heftig losreißend. »Du meng' dich nit ein, weder so, – ich rat' dir gut, – noch in and'rer Weis', wozu d' etwa Lust hätt'st! Was ich mit dem da hab', das is allein zwischen uns zwei'n!«

»Freilich wohl –,« grinste die Alte; eine unmutige Bewegung und ein zorniger Blick des Bauern machte sie verstummen.

Toni schob sie zur Seite. Laß' s' nur,« sagte er, »laß' s', Mutter Zinshofer. Sie hat ja recht, wann s' mir 's Vergangene nachtragt, ich hab' schlecht an ihr g'handelt, und 's is mir übel g'nug aus'gangen.«

»Sonst beschweret's dich nit viel,« höhnte Helene.

»Aber Gott is mein Zeug',« fuhr er fort, »und auch du kannst mich nit Lugen strafen, von Anfang war mein Abseh'n a ehrlich's –«

»Und ich jung und dumm g'nug dazu,« unterbrach sie ihn, »af's alleine Absehen was z'geb'n. Aber du irrst, wann du denkst, ich trag' dir deswegen was nach. So ein Betrügen zwischen zwei'n, wobei allzeit 's Betrogene noch mithilft, weil sich's selber betrügt, das witzigt ein'm nur für ein andermal, und damit is 's aus und vorbei. Wann du mir aber hitzt über die Weg' schleich'st, mich als Weib für so schlecht halt'st, wie ich als Dirn unbesinnt war, hitzt, wo's af ein Betrüg'n unter dreien ankäm', 'n dritten dir z'lieb', und wo nur von ein'm unehrlichen Abseh'n die Red' sein könnt' und für dich gar nix af'm Spiel stund und für mich mehr wie all's, hitzt is das ein beleidigend Einbilden, und ein schandbar Zumuten!«

Toni schüttelte den Kopf. »Es is weder ein Einbilden noch ein Zumuten dabei. Was die Leut' erlauern können, wann ich dir gleichwohl über die Weg' schleich', das is nur für mich abträglich; nur mir g'reicht 's zur Unehr', und nur mich macht's zun G'spött, wann ich dir nachlauf und kein G'hör find'.«

»Dös is nit so! Bisher hab' ich's gleich geacht't, ob du am Zaun vorüberstreifst, oder ob sich ein Hund d'ran reibt, und so lang' mer denken mußt', ich merk' nix davon, könnt' mer mir auch nix verübeln, aber hitzt kommt mir zu, daß ich dir verbiet', mir über'n Weg und unter d'Augen z'geh'n, und das wirst d' dir auch g'sagt sein lassen!«

»Nein,« sagte er leise, aber bestimmt.

»Was?« schrie das junge Weib, vor Zorn erglühend. »Mit aller G'walt brächt'st mich in Verdacht? Du wollt'st nit?«

»Ich kann nit.«

»Dann spuck' ich dir auf offener Straßen ins Gesicht wie schon einmal und schrei' es vor allen Leuten aus, daß du pflichtvergeß'ner Lump meiner Ehr' nachstellen willst, trotz ich dir dafür all'n Schimpf und Schand angetan!«

»Tu' 's!«

»Pfui!«

»Hast recht. Ich g'spür' ja selber, daß ich kein' Ehr' im Leib hab', sonst stünd ich nit da, wo mer mich nit mag und bettelt' um ein' Fußtritt, 's einzig Männische, was ich noch an mir hab', worauf ich acht', weil mir 's Nichtachten so a schwer Lehrgeld kost't, 's Worthalten, verbiet' mir eben, daß ich dir verspräch', ich tät' nach dein'm Will'n. Ein' Wochen etwa vermöcht' ich mich fernz'halten, in der nächsten schon zwinget 's mich wieder da her, in deiner Näh' h'rumz'lungern und z'lauern. Jesses und Josef! Ich weiß mich nit aus!«

Die alte Zinshofer drückte die Schürze vor's Gesicht und schlich durch die Hintertüre aus der Stube.

Helene hatte die Augen gesenkt, nun blickte sie auf. »Was bezweck'st denn mit dein'm Raunzen?«

»Bezwecken?« Er lachte schmerzlich auf. »Frag' 'n g'schlagenen Hund, warum er heult. Weil ihm weh is. O, du mein Gott, wann mer sich nur damal besser miteinand' verstanden hätten. Ich stund' hitzt großjährig und frei da; – hätt'st nur du auf mich g'wart't!«

»'leicht gäbst du gar noch mir a Schuld?! Narr du, sollt' ich mich af Jahr' h'naus all'n Anfeindungen von Groß- und Kleinbauern aussetzen und warten, die g'wisse Schand vor 'n Augen, af's Ung'wisse? Bist du denn nit von mir g'rennt, wie der ertappte Dieb vom Rüb'nfeld, und wie der sein Sack hast mich dahinter lassen?«

»Du brauchst mir's nit vorzurupfen! Hätt' ich damal getan, wie recht g'wesen, so blieb' mir hitzt, nach drei Jahr'n in der Fern' und im zweiten daheim, 's Einsehen erspart, daß ich verspielt hätt', was mir allein taugt.«

»So laß' verspielt auch für verloren gelten, trag', was auf dich zu liegen kommt, und sinn' nit, das Unglück, was dich mit deiner Bäu'rin betroffen, durch anderer Leut' Schaden ausz'gleichen! Mir mut' wenigstens nit zu, weil dir d' Weibernarrischkeit einschießt, daß ich dir die Narrin dazu abgäb'. Und hitzt wär' g'nug g'redt über so 'n Unsinn!«

»Leni, ein Wort noch! Nit oft noch auffällig, nur zeit- und randweis verlaub' mir 's Herkommen, ich will ja auch 'm Kind nachschau'n, –«

»'m Kind? Das geht dich doch gar nichts an und mich nur so weit, daß 's sein Leben b'halt und sein Pfleg' hat; 's is af ein's andern Duldung ang'wiesen, einer ledigen Dirn' Kind und hat kein' Vadern.«

»Wer weiß, was d'Zeit bringt! Es könnt' 'n ja noch krieg'n. –«

»Dir is wohl 's Geblüt in Kopf g'stiegen?«

»Nein, Leni, nein, ich red' nit unüberlegt. Wie lang' kann 's denn mit meiner Bäuerin währen? Vielleicht nimmt s' unser Herrgott bald zu ihm, wär' ja auch 's Beste für sie, denn heil und nütz' wird s' doch nimmer.«

»Schon dein'm Reden nach wär' der arme Hascher wohl besser im Himmel aufg'hoben. Aber ob sie fortlebt oder wegstirbt, das hat kein' Bezug; ich hab kein' Anlaß, mein'm Mon 'n Tod z'wünschen, der is nit siech und steht in dein'n Jahr'n.«

»Er lebt auch nit ewig.«

»Toni! – Unser Herrgott verzeih' dir die Sünd' und mir, daß ich solch's anhör'!«

Toni hielt sie an der Hand zurück. »Er muß 's, Leni, er kann gar nit anders; sonst ließ er mich meiner Gedanken Herr werd'n, sonst ließ er mich an dein'm Trutz vertrutzen, sonst ließ er's nit zu, daß ich dir nachtracht', als wär'n wir die zwei alleinigen Leut' af der Welt und uns b'stimmt! Und wär's a Sünd', Leni, dir könnt' er nit an! Ich nimm alle af mich, – für dich nähm' ich jede Sünd' af mich, – für dich, was a himmelschreiende wär'! – für dich – Leni –«

Sie stieß ihn kräftig von sich und eilte hinaus.

Als die alte Zinshofer den Kopf zur rückwärtigen Türe hereinsteckte, lehnte der Bauer an einem Pfosten der vorderen, beide Handflächen an die Stirne gepreßt.

 

Der Mond schien in die Schlafstube des Holzschnitzers. Helene ruhte und träumte. Es war ein verworrenes Träumen.


Sie stand in der Stube ihrer Mutter vor der blanken Spiegelscherbe, die dort im Fensterwinkel lehnte, sie hatte das stillvergnügte Gefühl einer frohen Erwartung; das kleine Gemach war gedrängt voll von Leuten, unter denen ihr welche, die sie täglich sah, wie fremd vorkamen, und andere, die sie gesehen zu haben sich nicht erinnerte, wie längst bekannt; zu dem Fenster guckten der Muckerl und die alte Kleebinderin herein und schlugen wundernd die Hände zusammen; und hinter ihr stand Toni und zupfte sie an den Zöpfen und kitzelte sie unter den Armen und fragte: Bist bald fertig? Und sie schrie ungehalten, aber doch lachend: Gleich, gleich!

Dann lief sie an den Leuten vorüber, – die eine Gasse bildeten, – unmittelbar in den Flur des Sternsteinhofes und die Treppe hinauf. In den schönen Stuben standen alle Schränke offen, nicht nur die mit Leinen- oder Gewandzeug, auch der Silberschrank, aus dem es funkelte und leuchtete, und der Geldschrank, aus dem Papier- und Bargeld fast herausquoll. Von unten hörte man das Geblök der Rinder, das Getreibe des Geflügelhofes, das Pfauchen der Maschinen, dann Raketenprasseln, Musik, jenen Hochzeitslärm, und plötzlich fand sie sich unter Tanzenden und Singenden und tanzte mit und sang.


Darüber wachte sie auf.

Es war alles ruhig. Doch nein, von der nächsten Ecke schallte es her, der Mann dort im Bette mochte wohl auf der Nase liegen, denn er vollbrachte ein wundersames Geschnarche, und zu dieser Musik hatte sie im Schlafe zu singen versucht.

Tief aufseufzend erhob sich Helene mit halbem Leibe, da machte der Schläfer eine Wendung, und das Geräusch verstummte. Sie lauschte, nach einer Weile erst vernahm sie seine ruhigen, regelmäßigen Atemzüge.

Helles Mondlicht erfüllte den Raum der Stube, tiefschwarz lagen die Schatten der Fensterbalken wie gespenstische Grabkreuze breit über der Diele.

Zwei, just zwei, lagen da.

Helene klammerte sich an den Bettrand und beugte sich über denselben hinaus. So war es ihr möglich, die letzten Fenster des Sternsteinhofes zu erblicken; ein schwaches Licht blinkte von dorther, es leuchtete in der Krankenstube der Bäuerin.

Wie lang' wird's mit der währen?

Wenn sie auch jetzt wieder auf die Füß' kommt, so schlimmer für sie, wenn wahr ist, was die Leut' sag'n, daß die Magd behauptet, es hätt' es der Doktor gesagt.

Der Bauer hat heißes Blut.

Ließe sich eines darauf ein, ihn unsinnig zu machen und heimzu zu jagen, er ertrotzte dort sein Recht und –

Tu' 's flüsterte eine Stimme in ihrem Inneren.

Davon ließe sich nichts austragen, noch erweisen, –

Tu' 's, flüsterte es wieder, aber diesmal war es, als spräche es ganz nah' von außen auf sie ein.

Herr du, mein Jesus, was sind das für Gedanken?! Was will mir da an? – Dummheiten! – So sündhaft, wie dumm! – Blieb' doch der andere –

Der lebt auch nit ewig.

»Lebt auch nit ewig,« murmelte sie, als wiederhole sie Worte, die ihr vorgesagt worden.

Da besann sie sich plötzlich, daß sie gesprochen habe nach niemand und nirgend hin; sie sah mit scheuen Blicken um sich, dann streckte sie sich rasch aus, zog die Decke über sich und schloß die Augen. Aber während sie den Kopf in das Kissen drückte, dachte sie trotzig: Unsinn! Ewig lebt keiner, doch überlang' mancher. Was g'schäh' dann?

Das find't sich! flüsterte es in ihrem Inneren.

Kalter Schweiß troff ihr aus allen Poren, dann schauerte sie wieder wie im Fieber zusammen.

Das find't sich! klang es ihr, wie von außen, unmittelbar an dem Ohre.

In diesem Augenblicke tat der Mann drüben einen schweren Atemzug mit weit offenem Munde, es klang wie Geröchel.

Mit Anstrengung unterdrückte Helene einen lauten Aufschrei. Nun begannen ihre Pulse zu hämmern, sie unterschied jeden einzelnen Schlag dem Gefühle nach, sie empfand es auch, ohne zu zählen, daß in einer genau wiederkehrenden Frist das regelmäßige Klopfen wie durch rasendeDoppelschläge unterbrochen wurde, und dann flüsterte, wisperte und raunte es ihr zu: Tu 's – tu 's – tu 's – es find't sich – es find't sich! Und das kehrte wieder und wieder, sie wußte es genau, wann; und trotzdem sie sich die Ohren mit den Händen zuhielt und den Kopf im Kissen und unter der Decke vergrub, es klang immer verwirrender, drängender, gebietender: Tu 's – tu 's – tu 's – es find't sich – es find't sich!

Da warf sie sich aus dem Bette zur Erde und kroch auf den Knien in den Winkel hinter ihrer Liegestatt; sie stieß den Kopf hart gegen die kalte Mauer und blieb mit der Stirne auf derselben lehnen, ihre Hände falteten sich krampfhaft, sie krümmte sich zusammen aus Furcht vor sich selbst oder vor dem, was aus ihr heraus wie leibhaft sie anzufassen und zu bewältigen drohte. Sie begann zu beten, erst im stillen, dann mit halblauter Stimme; ohne auf den Sinn zu achten, murmelte sie eifrig die Worte, um ihre Gedanken zu verscheuchen und die unheimlichen Rufe zu übertäuben. Manchmal erhob sie die Stimme, als wollte sie etwas zurückschrecken, das nach ihr fasse; dann ward ihr Gemurmel mählich eintöniger, und gegen Morgen brach sie kraftlos in der Ecke zusammen und schlummerte ein.

So fand sie der Herrgottlmacher. Unter seiner Berührung schrak sie auf.

»Um Jesu Willen,« sagte er, »was is 's denn mit dir?«

»Schlecht is mir g'west,« antwortete sie, »mein Leb'n hab' ich kein' so schlechte Nacht g'habt.«

»No, wär' nit aus,« meinte er kopfschüttelnd.

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