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Der Sternsteinhof

Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Anzengruber
titleDer Sternsteinhof
publisherHera Verlag
printrun5. Auflage
year1949
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080717
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11. Kapitel

Zwei fanden sich in ihren Voraussetzungen getäuscht; der Kleebinder Muckerl, welcher erwartete, daß Helene schon am nächsten Tage an sein Krankenlager eilen, ihn beklagen und sich entschuldigen würde, und der Toni vom Sternsteinhof, der einer Fortsetzung des Streites am Mittagstisch noch für den Abend des gleichen Tages entgegensah. Das Mädchen blieb fern und der Alte stumm.

In der Hütte des Herrgottlmachers sprach die Matzner Sepherl ein, so oft sie Zeit hatte abzukommen, und teilte sich mit der alten Kleebinderin in der Pflege des Kranken. Auf dem Sternsteinhof ging alles seinen gewohnten Gang.

Darüber verflossen Tage und wurden zu Wochen, in der vierten durfte Muckerl das Bett verlassen. Er hatte alle Bezeigungen von Freundlichkeit und Sorge seitens der Sepherl gleichmütig hingenommen und litt es auch jetzt, daß diese seiner Mutter behilflich war, ihn wie ein Kind, das erst das Gehen gewöhnen müsse, nach dem Werktische zu leiten.

Tiefaufatmend saß er dort, Sepherl zog einen Stuhl herzu und setzte sich an seine Seite. Die alte Kleebinderin stand mit gefalteten Händen, sah ihren Buben lange nachdenklich an und nickte mit dem Kopfe wie jemand, der sich in etwas schickt, das nun einmal vorüber sei und weit übler hätte ablaufen können. Dann ging sie aus der Stube und ließ die beiden allein.

Sepherl faßte Muckerls Hand. »Wie froh bin ich,« sagte sie, »daß wir dich wieder so weit haben.«

Er starrte vor sich hin, zog sachte seine Hand zurück und begann unter seinen Schnitzmessern und Werkgeräten zu kramen.

»Schau'« – schwätzte die Dirne weiter – »nun hätt' ich an dich eine große Bitt'. Nämlich, ich hab' ein Gelöbnis getan für den Fall, daß alles gut ablaufen tat; aber dasselbe zu halten, wär' ich allein nit im Stand' und hab' schon zum vorhinein d'rauf gerechnet, daß du das deine dazu tun würd'st, und das is eigentlich 's allermeiste, wie ich dir frei sagen muß. Gelt, ich bin dreist?«

Er blickte auf. »Gar nit,« sagte er, »ich bin dir viel Dank schuldig.«

»Deswegen doch nit; Dank's halber verlang' ich mir nix! Hör' mich an. Ich hab' der allerheiligsten Jungfrau ein Bildnis versprochen für unser' Kirchen; denk' dir, wie ich kindisch bin, schnitzten müßt's freilich du, ledig' 's Aufstellen war' mein' Sach'. In Gedanken hab' ich's g'habt, weißt, als die Allerreinste, af der Weltkugel stehend, die Schlang' untern Füßen; 's Jesuskind tat wegbleib'n, daß dir's weniger Arbeit macht und billiger kommt. Verstehst?«

Sie sah auf ihre Schürze nieder, die sie glatt strich, und flüsterte: »Was d' dafür kriegst, das zahlet ich dir schon kleinweis, so nach und nach, wann d' mer d'Freundschaft erweist.«

»Bist g'scheit?« fragte der Bursche. »Von dir werd' ich noch ein Geld nehmen! Ganz umsonst mach' ich dir's, wie ja auch du umsonst meiner Mutter beig'standen bist in der schweren Zeit.«

»Das geht nit, Muckerl, das darf ich nit annehmen! Ah, wenn ich mir's schenken ließ, da kam' ich freilich leicht davon! Fremde gute Werk' und anderer Eigentum könnt' jeder Narr 'm Himmel geloben, da wär' weiter kein Verdienst dabei! Nein, nein, g'schenkt nehm' ich's nit, das wär' g'rad so viel, als ob ich unserer lieben Frau nit Wort hielt', wenn ich all's ein'm andern zuschieb', und gar nix dazu tun tat'.«

»Is a Unsinn,« brummte der Bursche ärgerlich, dann blinzte er die Dirne von der Seite an und sagte ernst: »No, weißt was, zahl' mir halt d'Farb, die ich für'n Anstrich brauch'.«

»Wird dös wohl viel ausmachen?« fragte die Dirne rasch. Muckerl hielt die Hand vor den Mund und hustete, dann antwortete er kurz: »Für ein's, was so wenig hat wie du, allweil noch g'nug.«

»Ich dank' dir aber schon recht vielmal, Muckerl.« Sepherl blickte ihn dabei zärtlich an. »Ich kann sagen, da hast mir wohl ein' schweren Stein vom Herzen g'nommen! Und weißt, aufstellen wollen wir dann das Bild nach der Zeit, wo du von der Stellung heimkommst, denn ich denk', dich werden s' doch nit zum Soldaten nehmen.«

Der Bursche schüttelte den Kopf und sah wehmütig lächelnd an seinem abgezehrten Körper hinab. Dann begann er mit der Dirne zu akkordieren, – gleich als hätte er es mit einer 'häbigen Bäuerin zu tun, – wie hoch, welcher Weis' sie wohl das Bildnis haben wolle, und schmunzelte nur verstohlen über ihre redseligen Erklärungen. Zuletzt hieß er sie aus dem Vorrate einen ziemlich schweren Block auf den Arbeitstisch schaffen. Die Figur sollte aber ein Drittel Lebensgröße haben. Von dem Tage an beschäftigte er sich mit dieser Arbeit.

 

An einem Abende der sechsten Woche war es, daß in der letzten Hütte des Ortes zwei Gesichter sich anstarrten, aus denen jeder Tropfen Blutes gewichen war.

Nach langem peinlichen Schweigen löste sich der Krampf des einen, und wie unter Fieberfrostschütteln fielen die Worte: »Du darfst mich nit in der Schand' lassen.«

Das löste auch die andere Zunge, sie mochte am trockenen Gaumen geklebt haben, so heiser klang es: »Ich weiß mir da kein' Rat, als ihr müßt's h'nauf af'n Hof, 'm Alten unter die Augen.«

Nun folgte erst ein verstörtes, zielloses Hin- und Widerreden und zuletzt eine in angstvoller Hast sich überstürzende Einigung.

Eine bange Nacht ging dem kommenden Morgen vorauf. Der Reif lag noch auf den jungen Gräsern und Blättern, als sich zwei Frauenzimmer durch das Dorf schlichen, sachte, als scheuten sie den Hall ihrer eigenen Tritte, über die Brücke huschten und den Weg nach dem Sternsteinhofe einschlugen.

Das Gesinde machte große Augen, als es so in aller Früh' morgens die Zinshofer mit ihrer Dirn' heransteigen sah. Die Junge schritt aufrecht an Knechten und Mägden vorüber und gab ihnen nicht Gruß, noch Wort; die Alte folgte duchsig nach, sie nickte jedem und jeder zu und grüßte mit einschmeichelnder Freundlichkeit.

Man achselzuckte und lachte hinter den beiden her. Was der Aufzug wohl zu bedeuten hatte?

Der Sternsteinhofbauer saß mit Toni beim Frühstück. Er blickte verwundert auf, als es an der Türe pochte. Toni schrak zusammen, er legte seine Pfeife auf den Tisch, erhob sich und öffnete die Türe.

»Vader,« sagte er bedeutsam.

Die beiden Hereintretenden stammelten ihren Gruß und blieben an der Schwelle stehen. Hier senkte das Mädchen tief den Kopf, während es die Alte für passend hielt, eine so steife Haltung anzunehmen, als sich mit dem Respekte vor dem großen Bauern und ihren müden Knochen vertrug. Sie fand es da ganz am Platze, die beleidigte Mutter hervorzukehren, beileibe aber nicht die in ihrem Kinde, sondern die durch dasselbe beleidigte; sie fixierte mit finstern Blicken den Aufsteckkamm und die zusammengerollten Zöpfe ihrer Tochter; eine strenge Mutter, die gewillt ist, ihre Verzeihung von der Nachsicht und Verzeihung anderer abhängig zu machen.

Der Bauer schmauchte seine Pfeife ruhig fort, tat einen flüchtigen Blick nach den beiden Frauenzimmern, sah dann eine gute Weile seinem Sohne boshaft in das Gesicht, ehe er ihn barsch fragte: »Was soll denn dös?«

»Das is sie, Vader,« begann der Bursche mit stockendem Atem. »Ich wollt', – daß du sie seh'n sollt'st, – weil du sie ja gar noch nit kenn'st. –«

»War ein ganz unnötig Herbemühen,« murrte der Bauer. »Dö Katz' kauf' ich auch nit außer'm Sack.«

»Hab' doch ein Erbarmnis mit den armen, verschreckten Weibsleuten,« bat Toni. »Hör' eher an, was sie zu sagen haben; du weißt gar nit, wie du dich versündigst, wann d' jetzt noch alles im Vorhinein verred'st.«

Der Alte zog die Brauen in die Höhe. »Oho! Willst du mich vor einer Versündigung fürchten machen? Von einer mein' kann da kein' Red' sein, und für a fremde hab' doch ich nit aufz'kommen! Übrigens mög'n d'Weibsleut' sag'n, was s' z'sagen haben, aber du meng' dich mit kein' Wörtl d'rein, das beding' ich mir aus, sonst sein wir gleich fertig!«

»Gut, Vader, ich werd' mich mit kein' Wörtl einmengen,« beteuerte Toni. »Bei allem, was d' angibst und tust, will ich an mich halten! Aber das laß' dir auch g'sagt sein und merk' dir's gut, wie du dich heut' nimmst und gibst, das entscheid't zwischen uns zwei für alle künftige Zeit, –«

»Schau, Bub', droh'n mußt nit,« fiel ihm der Bauer mit anscheinender Gutmütigkeit in die Rede, »'s Drohen führt zu nix; d'rum hab' ich mir's auch geg'n dich ganz abg'wöhnt. Laß' du dö Weibsleut' ihnen Sach' vorbringen, wer weiß, vielleicht komm ich mit ihnen besser auseinander, wie d' denkst.« Er wandte sich nach der Türe. »Na, so redt's.« Als die so geradezu Aufgeforderten lange keine Worte zu finden vermochten, trat er ganz nahe an die Dirne heran. »Dich hätt' ich wohl für kecker gehalten, wo du doch da aufm Sternsteinhof Bäu'rin werd'n willst!«

»Dein Sohn hat mir's so versprochen,« sprach leise die Dirne und unter der Rede räuspernd, »und du wirst ihm wohl daraus kein Vorwurf machen, Sternsteinhofbauer, daß er auf Ehr' halt't!«

»Gar nit, 's Versprechen is recht ehrbar, aber was's Halten angeht, da hab' ich eb'n auch ein Word d'rein z'reden, –«

»Das is vor Gott und Menschen dein Recht.«

»Daran hätt' er eben denken soll'n, bevor er verspricht.«

»Ich hätt' mich nit hergetraut, wenn ich mir nit gewiß wär, daß ich dir einmal da herob'n kein' Schand' machen würd'; weil ich mir aber des' g'wiß bin, daß ich dir in kein'm Weg eine machen tät', so bin ich gekommen, dich mit aufgehobenen Händen zu bitten, laß du ihn sein Wort halten!«

Der Bauer kniff die Augen zusammen.

Dreister werdend, fuhr die Dirne fort: »All's Vertrauen hab' ich zu dir. Schau', was ich schriftlich von ihm hab', –«

»'s hat kein' Giltigkeit,« schaltete der Alte ein.

»Du sag'st's, und dir muß ich glauben. Aber in deine Hand' leg' ich's z'rück,« sie drückte ihm das zerknitterte Papier in die Rechte, welche sie dabei mit beiden Händen anfaßte und nicht mehr losließ. »Sein mündlich' Wort auch, mein ganz's Glück und Leben, mein' Ehr' und Hoffen leg' ich in deine Hand, von dir allein erwart' ich's wieder!« Sie sah ihn mit großen, flehenden Augen an, die sich langsam mit Tränen füllten, so daß jetzt Tropfen auf Tropfen über ihr Wangen rollte.

Der Bauer trat einen Schritt zurück und sagte, die Achsel lüpfend, zur Alten: »Zinshoferin, du wirst einseh'n, all' das sein Kindereien, das kann nit sein und geht nit an! Mich dauert's junge Blut, aber das ganze jammerige Getu' wär' uns allz'samm erspart 'blieben, hätt'st du, wie sich's g'hört, dein' Dirn bewacht.«

Die Alte blickte mit verdrehten Augen nach der Stubendecke auf, die sollte Zeuge sein, wie hart und ungerecht sie da angeklagt wurde.

Der Bauer hatte das Heiratsversprechen Tonis entfaltet.

Helenen zuckten die Finger, es wieder an sich zu nehmen.

Der Alte sagte, über die Achsel hinweg, rauh zu Toni. »Da sieht man, was dabei h'rauskommt, wenn Bub'n, kaum aus der Schul', sich in solche Sachen einlassen. Laß' dir dein Lehrgeld z'ruckgeb'n. Schreibst da ›seinzeit‹ und sollt'st doch wissen, daß's nach der Schrift ›seiner Zeit‹ heißen muß.« Er zerriß das Blatt in kleine Stücke, die auf die Diele niederstoben.

Da warf sich Helene vor ihm auf die Knie. »Sternsteinhofbauer,« kreischte sie, »so wahr du af a glückselige Sterbstund' hoffst, beug' nit aus, red' nit herum, erbarm' dich meiner Not! Ich hab' ganz af'm Toni sein Wort vertraut, – sei du nit dawider, daß er mir gibt, was er mir g'nommen, mein' Ehr'!« Sie rang, laut aufschluchzend, die Hände.

»Lump, elendiger!« schrie der Alte. »So weit is's schon mit dir, daß d'r kein G'wissen d'raus machst, eine in's Elend z'bringen?! – Steh auf, Dirn'! Steh' auf, sag' ich!«

»Nit eher, Sternsteinhofbauer, um die Welt nit eher und müßt' ich ein' Ewigkeit dalieg'n, bis du verzeihst und mich mit ihm z'sammengibst!«

»No, no, fein g'scheit! Weil du unvernünftig warst, kannst nit verlangen, daß's andere auch sein sollen! 's G'schehene laßt sich – leider Gott's – nimmer ung'schehen machen, aber was mir in dem Fall z'tun obliegt, das werd' ich auch tun, vielleicht über Erwarten, denn Kargerei und Schmutzerei laßt sich der Sternsteinhofbauer nit nachsagen.« – Er kehrte sich ab und ging nach einem Schrank, an welchem er eine Lade herauszog.

Helene sah ihm mit glühenden, nun trockenen Augen nach, und hinter den geöffneten Lippen schlugen ihr die Zähne zusammen.

Der Alte fuhr fort: »Wie sich's weiter schicken wird, das is dermal nur Gott allein bewußt, aber wann's nottut, so will ich auch für künftighin meine Hand nit von dir abzieh'n. Für's erste, nimm das!« Er drückte dem Mädchen einen Pack Banknoten in die Hand.

Mit einem Ruck stand Helene aufrecht und warf ihm das Geld vor die Füße. »Geld? Geld biet'st du mir?« schrie sie. »Geld für meine Ehr'?! Für die reicht mer just dein Sternsteinhof – weniger nit! –« Sie preßte beide Hände gegen die Brust, und die Sprache versagte ihr.

Der Bauer zog den Mund breit und starrte ihr mit pfiffigem Blinzeln in die zornsprühenden Augen. »Und auf'n Hof war's alleinig abg'seh'n, wie ich hitzt wohl merk',« höhnte er. »Bist a Überschlaue, du! Wär' der Bub' nit der Toni vom Sternsteinhof g'west, er hätt' dir nie in d'Näh' kommen dürfen; find's auch begreiflich, wüßt nit, wie sich eine sonst in ihn verschauen könnt'. Aber fein hast's eing'fädelt, das muß mer sagen! Nit umsonst hast dir Wort und Schrift geben lassen, und auch dein Leichtsinn war nit unüberlegt; denn hitzt schaut's völlig darnach aus, als wär' von deiner Seit' der Handel ehrlich und die War' echt, während mer dir vorenthalten tät', was mer nur versprochen hat, um dich d'ran z'kriegen! Du siehst, ich kenn' mich aus. Es is eb'n leichter ein' jungen Gimpel fangen, als ein'm alten Fuchs Eisen stellen. Sei lieber fein vernünftig,« – er wies nach den auf dem Boden liegenden Bankzetteln, – »und laß' nit liegen, was allein für dich da z'holen is, um das, was d' nie kriegst.«

Immer verzerrter war das Gesicht der Dirne geworden, immer krampfhafter arbeiteten ihre Züge, jetzt ballte sie die Faust gegen den Alten und taumelte zur Türe hinaus. Sie hatte keinen Blick für Toni, der trotzig beistimmend ihrem Abgange zunickte, keinen für die Mutter, die nicht ermüdete, stumm die Hände gegen den Bauern auszustrecken und dann beteuernd an die Brust zu legen; nur ein Gefühl beherrschte ihr Sinne und Seele, das des erbittertsten Hasses, verschärft durch die quälende Empfindung ihrer Ohnmacht, und während sie Stufe um Stufe, Fuß vor Fuß die Treppe hinunterwankte, tat sie das Stoßgebet: Gott möge sie den Tag erleben lassen, an dem sie dem protzigen Bauern all' das Heutige heimzahlen könne!

»Was willst du noch?« herrschte der Alte die Zinshofer an, die noch immer an der Türe stand.

Sie blickte verlegen und begehrlich nach den auf der Diele liegenden Scheinen.

»Ah, dir tut's Geld leid?« lachte er. »No, so nimm's! Aber sorg' dafür, daß die Dirn' Dummheiten und Aufhebensmachen sein laßt! Je weniger davon unter d'Leut kommt, desto g'scheiter is's für sie selber.« Er schob ihr die Banknoten mit dem Fuße zu.

Das Weib lächelte dankbar, raffte das Geld auf und schlich mit einem »Vergelt's Gott« davon.

»Vader,« sagte Toni, ganz nahe an den Bauern herantretend, »ich hab' mein Wort g'halten, ich hab' mich nit eing'mengt, aber jetzt reden wir zwei miteinander.«

Der Alte maß ihn mit einem geringschätzigen Blicke. »Na, so red zu.«

»Solang' ich noch minderjährig bin, darf ich ohne dein' Einwilligung nit heiraten, –«

»Das steht.«

»Darum werd' ich halt d'Großjährigkeit abwarten. Bis dahin aber zieh' ich mich mit der Dirn' zusamm'.«

»Wohin denn?«

»Das weiß ich selber noch nit. Kommt drauf an, wo ich ein' Platz find'. Von morgen an verding' ich mich als Knecht.«

»'s wird dich niemand nehmen.«

»Oho! Da d'rauf hoff du nur nit. Ich kann arbeiten.«

»Dummer Bub', wie d' daherred'st! Was is da meinseits z'hoffen oder z'fürchten? Dich wird kein Bauer nehmen: weil d' Stellung vor der Tür is.«

»D'Stellung?«

»No ja. Mer nimmt doch kein' Knecht, der ein'm etwa in vierzehn Tag'n mit'm Sträußel af'm Hut von der Arbeit davongeht.«

»Du ließ'st mich zu'n Soldaten?«

»G'wiß.

»Du willst mich nur schrecken. Ich hör' ja schon lang' von ein'm Abreden mit'm Käsbiermartel, –«

»Da war noch a andere Abred' dabei, und is hitzt die eine mit der andern hinfällig word'n.«

»Vader, da d'rein schick' ich mich niemal, so unter wildfremde Leut' in ein' anderm Weltteil! Da mach's kürzer, schlag' mich lieber gleich tot.«

»Dös werd' ich mir überleg'n; kein' Schad' wär wohl nit um dich, aber ich müßt' dich für ein' Guten zahl'n.«

»Tu' ich mir halt selber was an!«

»Larifari, Dö's tut, sag'ns nit, und dö's sag'n, tun's nit!«

»No und wann ich auf und davon renn'?!«

»So bringen s' dich halt ein, und du kannst in Handschell'n, 'n Schandarm hinter deiner, durch ein paar Ortschaften spazier'n.«

»Und just nit gib ich mich! Allz'samm Verderb' ich euch 's Spiel! Was denn nachher, wann ich mir zufällig ein' Finger von der Hand hack'?!«

»Dös tu'! Dann nehmen s' dich erst recht, stecken dich af a Festung wohin zu einer Strafkompanie, und da kannst dir karren und schaufeln g'nug. Jo, mein Bürschel!«

»Vader, möcht'st g'scheiterweis' mit dir reden lassen. Was ich da vor'bracht hab', war ja lauter Unsinn. Wann d' etwa meinst, ich sollt mer doch nochmal all's reiflich überleg'n, so könnt' ja sein, daß ich mich ganz anders b'sinn, nit?«

»Nein, nein, müh' dich nit! Frei h'raus, dir trau ich nimmer. Freilich, um losz'kommen, wär' dir kein Versprechen z'heilig; aber du erspar' dir dös und ich mir d'Reu hint'nach. Unter den Griff, unter dem ich dich hitzt hab', krieget ich dich dann kein zweit's Mal wieder, und du wärst ganz der Kerl darnach, der mich leicht nachher noch einz'schüchtern versuchet, durch's Drohen, daß d' mer z'weg'n der Befreiung bei G'richt Anstand' machest! Ah, nein. Ehrlich währt am längsten. Ich tu' mein Pflicht, tu' du d'deine, dien' deine drei Jahr'ln, 's wird dich nit umbringen.«

»Und könnt' dös etwa nit sein?! Bedenk' dös, eh' d' so geg'n dein eigen Fleisch und Blut handelst!«

»Sorg' nit, es is bedacht. Ich handel' da nach bestem Wissen und G'wissen. War dir der Vader z'g'ring, daß d' ihm g'horchst und folgst, nun, so kriegst hitzt ein' andern Herrn; der Kaiser der is mehr, vielleicht macht der dich zu ein'm ord'ntlichen Menschen. Ich will's wünschen.« Er schlug dem Burschen auf die Achsel. »Halt' dich auch brav dazu!«

Dann fiel die Türe hinter dem Alten in's Schloß, und Toni blickte verstört um sich. – Darum also hatte der Bauer den Streit nach jener Fasdüngsnacht nimmer Rede gehabt, weil er es nicht der Mühe wert gehalten, weil alles schon zuvor bei ihm aus- und abgemacht war? Und wie er damal auf seinem letzten Wort bestanden, so wird er's wohl auch diesmal! Da ändert kein's mehr 'was, und je mehr sich ein's dabei vergab', je weniger richtet' 's!

Der Bursche schlug sich mit der Faust vor die Stirne; dann löste er mählich die Finger und fuhr sich damit durch die Haare. Lange stand er so, trübe vor sich hinstarrend und hastig durch die geschwellten Nüstern atmend. Plötzlich fuhr er auf, lief zur Stube hinaus, die Treppe hinab, über den Hof und des Weges nach dem Dorfe entlang.

Wohin? Zur Helen'? Ei, Herrgott, um der ihren Jammer anzuhören und sein Teil noch hinzu zu tragen? Damit ist doch weder ihm noch ihr geholfen und, wahrlich, 's Elend's hat er für heute schon überg'nug. Morgen ist auch ein Tag. Bis dahin mag jedes zusehen, wie es mit dem seinen allein zurechtkommt. Lieber in's Wirtshaus!

Er kam spät in der Nacht heim. Beim Ausziehen schleuderte er einen Stiefel nach dem andern an die Türe, daß es durch das stille Haus dröhnte, dann öffnete er leise und lauschte; ihm war, als hörte er in der Kammer am Ende des Ganges den Alten fluchen, da reckte er den Arm in die Finsternis vor ihm, schüttelte die Faust und schrie: »Schinder!« Hierauf klinkte er zu und fiel auf das Bett.

Am nächsten Morgen entfernte er sich früh. Wieder machte er auf der Brücke halt und überlegte, ob er der Dirne einen Morgengruß zum Fenster hineinrufen solle? Hm, verweinte Augen sehen so unlustig und welch' Geplärr', – mußte er fürchten, – das sich erst dann anhöbe, wann so ein Wort das andere gab' und er mit allem herausgerückt käm'?! Nein, es steht übel g'nug um sie, was soll sie sich auch noch darüber kränken, wie arg es um ihn stände? Wenigstens hat's Zeit damit; auf das, was mit derselben sich hätt' glücklich schicken können, wollt' sie nit warten, aber ein neu' Pack Unheil auf's alte obenh'nauf wird sie wohl erwarten können! So denkt er; auch, daß sich der Tag mit den Schwenkdorfer Kameraden angenehmer totschlagen ließe. Er ging zum Dorfe hinaus.

Drei Nächte blieb er fort, in der vierten kam er auf der Zwischenbüheler Straße dahergetaumelt, er stolperte an der Brücke vorüber und besann sich erst, als er schon ein gutes Stück von derselben entfernt war. Er begann albern zu lachen und schalt seine Beine liederliche Gasselgeher, dann ging er die Strecke zurück. Am unteren Ende des Ortes hatte er nichts zu suchen. Die Dirn', die leidige Dirn' mit ihrer Ungeduldsamkeit ist eigentlich doch an all' seinem Unglücke schuld! An ihr wär's gewesen, gescheiter zu sein, das ist den Weibsleuten ihr' Sach', wenn den Mann der Verstand verläßt, dazu werden sie ja auferzogen und bewacht! Von heut' auf morgen wollte sie das Zusammenkommen erzwingen, und nun ist ein Auseinandermüssen daraus geworden auf grimm'ge Zeit und Weil' und alle Weit' und Fern'! Nun haben sie's alle beide! Recht bedacht, ist es nur billig, wo ihm das Fortgehen das Herz abdrücken will, daß ihr das Dableiben Leidwesen macht! Nur recht und billig, weil sie so hat sein können, und das müßt' er ihr in's Gesicht sagen, wenn sie gleich jetzt vor ihm stünd', aber das tät' so unfein und streitig klingen, und darum will er ihr lieber gar nit unter die Augen, bis ihm wieder anders um's Gemüt ist und er ihr gute Worte geben kann, – die ist er ihr wohl schuldig, – aber früher nit, bis ihm anders um's Gemüt ist, bis dahin wird sie warten müssen.

Toni's Gemütszustand schien sich aber nicht zu bessern, denn Helene erwartete den Burschen Tag für Tag vergebens. Erst an dem Abende, wo die Zwischenbüheler Buben von der Stellung heimkehrten, sah sie ihn zum ersten Male wieder; er stand, ferne von ihr, mitten in der lärmenden Schar, den Hut mit dem Sträußchen weit aus der Stirne gerückt und schrie als einer der lautesten. Ein Bursche mochte ihn auf die Anwesenheit der Dirne aufmerksam gemacht und zu necken begonnen haben, denn plötzlich klatschte er sich auf das rechte Bein und drehte sich auf dem linken herum und kehrte ihr den Rücken zu.

Früh am Morgen darauf holten die Schwenkdorfer Buben den Toni vom Sternsteinhof ein, um gemeinsam nach der Stadt zu ziehen, wo sie einkaserniert werden sollten.

Wenn anders eine ganz unvernünftige Anstrengung der Stimmbänder durch Schreien, Jauchzen und Singen auf eine frohe Seelenstimmung schließen läßt, so waren die jungen Leute, welche da den Ort verließen, die zufriedensten, glücklichsten Menschen. Den Müller Simerl von Schwenkdorf riß vermutlich nur die Fröhlichkeit seiner Kameraden mit, der Anlaß, den diese zur selben hatten, fehlte ihm, seinen Hut zierte kein Sträußchen, denn der Arme hatte sich vier Wochen vor der Stellung auf einer Hochzeit beim Freudenschießen den Daumen der rechten Hand zerschmettert. »So kommt mancher oft um's Schönste,« klagte er seinen scheidenden Freunden.

Als der Zug eine Strecke weit außer Ort war, erhob sich unter einem Busche am Wege eine Dirne und erwartete das Herankommen der Rekruten.

Toni erkannte Helene.

»Du,« sein Nachbar stieß ihn mit dem Ellbogen an. »Mir scheint, da kriegst was mit af'n Weg, ich glaub' aber nit, daß's a Bußl sein wird.«

Toni zog den Mund breit und blinzte pfiffig dazu. »Ah, was!« sagte er. »Geht's nur voran, ich hol' euch bald ein.« Er blieb ein paar Schritte zurück.

Die Voranschreitenden streckten unter Scherzreden die Arme gegen die Dirne, sie am Kinn oder um die Hüfte zu fassen, aber sie lief, an ihnen vorüber, auf Toni zu.

Als dieser sie herankommen sah, da fiel ihm doch ihre Schönheit in's Auge und ihr Verlust auf's Herz. Nur die verweinten Augen, das vergrämte Gesicht, das Gejammer und Geklage hatte er gefürchtet und gemieden; wie sie aber jetzt sich ihm näherte, zwar mit bösem Geschau und zornroten Wangen, doch so stramm und entschlossen, da zuckte es ihm in den Händen, diese ihr entgegenzustrecken, sie an den ihren festzuhalten, zu fragen, ob sie ihm treu bleiben wolle, dieweil er ferne sei, ihr zu sagen, daß nichts vermöge, ihn von ihr abwendig zu machen, und wie dann ja alles doch noch gut werden würde!

Denkend, wie das die Dirne überraschen müsse, die ihm jetzt ganz erregt und wild nahe trat, öffnete er lächelnd die Lippen.

Da stand sie hart an ihm. »Schuft!« schrie sie und spuckte ihm in's Gesicht.

Aufstöhnend holte er mit der Faust aus, aber das Mädchen wich flink zurück und lief eilig gegen das Dorf.

Er hörte das laute Gelächter seiner Kameraden, die in einiger Entfernung stehengeblieben waren, da fuhr er sich mit dem Ärmel der Jacke über das Gesicht und begann vor Zorn zu weinen, daß es ihn schütterte; aber bald ermannte er sich und eilte auf die Wartenden zu. »Vorwärts!« schrie er. »Das wär' überstanden! Lacht's nit! Was will mer denn machen geg'n ein Weibsbild? Das muß mer sich g'fallen lassen, und jeder von euch leidet gern, daß so a Saubere ihm darum bös' würd', weil's ihm vorher z'gut g'wesen war!«

»Recht hast, Toni, neiden tun s' dir's, weiter nix!« rief der Müller Simerl und stimmte an:

»Ei meingerl – sagts Dirndel – bin ich dir hitzt z'schlecht?
    Hoiöh, hoiöh, hodero!
Und früher, du Rauber, da war ich dir recht!
    Hoiöh, hoiöh, hodero!
Der Bub', der sagt d'rauf: 's liegt mehr hitzt nix mer dran,
    Hoiöh, hoiöh, hodero!
Weil ich dich, mein Schatzerl, schon auswendig kann!
    Hoiöh, hoiöh, hodero!«

Der Sänger begann nun, sich über die Freuden der Liebe in jener naiven Anschaulichkeit auszulassen, welche man heutzutage nur noch dem unverdorbenen Volke oder einem alttestamentarischen Könige nachsieht. Unter diesem zarten, sinnigen Liede, dessen Jodler die Bursche begeistert unisono gröhlten und fistelierten, ging es des Weges weiter.

Helene war in fliegender Hast durch das ganze Dorf gerannt, bei ihrer Hütte angelangt, warf sie sich auf die Schwelle nieder und lag, unter krampfigem, stoßendem Geschluchze, laut heulend.

Die Türe hinter ihr öffnete sich, und die alte Zinshofer flüsterte: »Dumm's Ding, komm' h'rein, komm' h'rein, mach' kein Aufsehen.«

Helene schüttelte heftig den Kopf und wehrte mit den Armen ab. Lange lag sie, gerüttelt, das Herz wie unter einem furchtbaren Drucke, angstvoll hämmernd, ihrer selbst nicht Herr; dann setzte sie sich auf und starrte vor sich hin, über den Bach, wo hinter den Weiden die grüne Matte aufstieg. Sie hielt den Blick, unter gesenkten Lidern, nach dem Fuße des Hügels gerichtet, keine Wimper zuckte empor, um verstohlen nach dem Kamme zu sehen, ob dort noch das Gehöft stünde.

Sie kehrte sich seufzend ab. Flüchtig streifte ihr Auge die Nachbarhütte, dann beschattete es die Hand, mit der sie sich über die Stirne strich. Nachdem sie eine geraume Weile nachsinnend gesessen, hob sie den Kopf und blickte unbefangen wie ein Kind, das eine Züchtigung vom vorigen Tage überschlafen. Sie zog das rechte Bein an sich, lockerte den Schuh und nahm ihn ab. Mit dem Absätze scharrte sie kleine Kiesel aus der Erde und schnellte sie mit der Spitze der Sohle gegen das Vorgärtchen der Nachbarhütte. Sie trieb dieses Spiel mit Eifer und sah jedem Steinchen nach, wie nah es fiel, oder wie weit es traf, bis es ihr zuletzt gelang, paarmal hintereinander Steine in des Nachbars Garten zu werfen, die sie raschelnd durch die Büsche gleiten hörte; da paßte sie sich den Schuh wieder an, erhob sich und trat in die Hütte.

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