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Der Sternsteinhof

Ludwig Anzengruber: Der Sternsteinhof - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorLudwig Anzengruber
titleDer Sternsteinhof
publisherHera Verlag
printrun5. Auflage
year1949
firstpub1885
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
created20080717
modified20160622
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10. Kapitel

Am Morgen darauf war im Dorfe von nichts anderem die Rede als von dem Überfall der Schwenkdorfer unter der Führung des Toni vom Sternsteinhof, und die Dirnen, die mit letzterem an einem Tische gesessen, erzählten auch, daß er die Zinshofer Helen' für seine künftige Bäuerin erklärt habe, was viel Spaß gemacht hätte, da die hochnäsige Gredl es für Ernst zu nehmen schien.

Die Schürze voll dieser Neuigkeiten, kam die Matzner Sepherl zur alten Kathel, die sich über das Gehörte bekreuzte und segnete. Knechte und Mägde auf dem Sternsteinhofe, die gestern dabei gewesen, zeigten sich zwar sehr rückhaltig bei der Umfrage, welche die Alte unter ihnen hielt, als sie aber aus deren eigenem Munde hörten, was sie sich auszuschwatzen scheuten, da nickten alle bestätigend und lachten: »Was fragst denn, wann d' eh' alles weißt?!«

Der Bauer stand nachdenklich inmitten des Hofes, als sich die getreue Schaffnerin an ihn heranschlich. Er sann gerade darüber nach, wo wohl der Toni Roß und Wagen gelassen haben mochte, die nirgends zu sehen waren. Es sind das doch keine Gegenständ', die einer wie Pfeife und Tabaksbeutel unter einer Wirtshausbank mag liegen lassen und vergessen.

Die Kathel hatte ihre Meldung kaum beendet, als der alte Müller von Schwenkdorf auf den Hof gefahren kam. Er führte hinter seinem eigenen Wagen das vermißte Gefährt und Gespann mit. »Grüß' Gott, Sternsteinhofbauer,« sagte er.

»Grüß Gott,« murrte der und zog ein finsteres Gesicht. Von allen Menschen, die ihm zuwider waren, war ihm der Alte der zuwiderste.

Der Müller blinzte ihn boshaft an, schnalzte paarmal mit der Peitsche, dann begann er: »Bring' dir da dein Wagerl und dein Rösserl z'ruck, was uns gestern der Toni g'liehen hat, zun einmal h'rüber und wieder umhifahren. Ein Mordsbursch, dein Toni! Wünschet ich mir ein' zweiten, dann wünschet ich mir den. An dem kannst noch dein' Freud' d'erleb'n, Sternsteinhofbauer. Hihi. Kommt der ang'fahr'n, packt 'n ganzen Rudel, dö rarsten Bub'n, z'samm, – heidi – laß'n mer d'Schwenkdorfer Urseln sitzen und fahr'n mer raufen nach Zwischenbühel! Lad't s' af'n Leiterwagen und teufelt mit so davon, 'm Bräunl sein d'Augen aus'm Kopf und d'Zungen aus'm Hals g'hängt. Na, dann war aber auch bei uns d'renten a Verdießlichkeit und ein Erbosen! Der Käsbiermartel hat sein' Sali bei Zeiten aufpackt und is heim, und in sein Stub'n war er mehr mit'm Kopf an die Tram wie mit 'n Füßen af der Erd', so g'sprungen is er wie ein g'reizter Aff im Käfig. Na und da herenten bei eng muß auch nit schlecht g'rauft worden sein. Mein Bub' liegt mit drei Löcher im Kopf, in jed's könnt' mer a Faust stecken. G'schieht ihm recht, dem Sakra. Mer muß nit nur schau'n, wo mer selber hinhaut, sondern auch, wo ein anderer herhau'n könnt'. So hab'n wir's g'halten unserer Zeit. Was? Han? Nit?«

Der Sternsteinhofbauer runzelte die Stirne.

»Ah, ja richtig! Nix für ungut!« fuhr der Alte fort. »Fallt mer g'rad bei, du warst ja ein schwacher Raufer; wie oft hab' ich dich selber wo in ein'm Winkerl g'habt und abtöllnt, daß's a Freud' war. Viel Schur hab' ich dir antan, bei dö Dirndeln auch. Jesses, wie lang dös schon her ist! Wenn mer bedenkt, wie die Zeit vergeht! Na 's hat mich g'freut, daß ich dich bei derer G'legenheit wieder einmal g'sehen hab', weil d' mer ja sonst völlig überall ausweichet. Also b'hüt' Gott! Aber ein's noch, daß ich nit vergiß. Er schlaft wohl noch dein Bub? Könnt'st ihm's ausrichten, wann d' so gut sein möcht'st. Mein Bub' laßt dein' Bub' schön grüßen, und wann der Toni wieder einmal Kameraden sucht, dö d'Schläg af ihnere Buckeln nehmen, während er sich mit einer saubern Dirn' wegschleicht, so soll er nur ja nit af'n Simerl vergessen; laßt der ihm sagen! A feine muß dö aber wohl sein! Drei Löcher im Kopf von mein'm Bub'n sein mir lieber, als der setzet sich so was d'rein! Ja, so zwei, dö d' nit z'sammgibst und nit auseinandkrieg'st, können dir viel Ung'legenheit machen. Hihi.«

Er riß sein Wägelchen herum und jagte davon.

Der Sternsteinhofbauer mußte zur Seite springen, wollte er nicht die Räder über die Zehen haben. Er schickte einen schweren Fluch dem »alten Lump« nach, dann wandte er sich an die alte Kathel und hieß sie, das Mittagessen auftragen.

Er selbst begab sich hinauf nach der Schlafkammer seines Sohnes. Er pochte an die Türe. »Schon wach?« fragte er barsch.

»Ja,« tönte es von innen.

»So komm', essen.«

»Ich mag nix.«

»Du könnt'st ein'm wohl auch'n Appetit verderben,« murrte der Alte, dann sagte er laut: »Paar Löffel Suppen werd'n dein'm wüsten Magen ganz zuträglich sein. Komm nur!«

Als die beiden einander bei Tische gegenübersaßen, tat der Junge, über den Teller weg, einen raschen Blick nach dem Alten, der mit zusammengezogenen Brauen vor sich hinstarrte.

Sicher, der wußte genug. Mag er –! Vielleicht alles, was die wußten, die dabei waren, und auch nichts, wovon keiner! – Noch einmal blickte der Bursche auf wie ein Schalk, dann senkte er den Kopf und legte den Löffel weg.

»Schon abg'speist?« begann der Alte.

»Ja.«

»Ich hör', du hast dich gestert nit lang in Schwenkdorf verhalten?«

»Gar nit. Wir hab'n d'Langweil' g'fürcht', ich und d'andern.«

»Dann seid's h'rüber?«

»Dann sein wir h'rüber.«

»Habt's euch gut unterhalten?«

»So ziemlich.«

»Sollst ja auch g'rauft hab'n?«

»Ja, 'n Herrgottlmacher hab' ich wohl hing'legt, daß er af's Aufsteh'n vergessen hat.«

»Rar dös! Wann der klagbar wird, kann mer noch 'n Bader zahl'n. Weg'n was is 's denn her'gangen?«

»Er wollt' sein Dirn nit an unsern Tisch sitzen lassen.«

»Und da muß'st du dich d'rum annehmen? Versteht sich. Bist wohl in die seine verschameriert?«

»Kann's nit leugnen.«

»Is dö gar so sauber?«

»Kein so Saubere hast du noch gar nit g'sehn'n, nit mal d'Mutter.«

»Dös is wenig g'sagt, dein' Mutter war nit sauber, aber zubracht hat s' brav. Wie heißt denn dieselbe?«

»Zinshofer Helen'.«

»Zinshofer? Da is ja die Alte, die unter den Hungerleidern da unten am allermeisten nix hat?«

»Hab'n tun s' nix, das is wohl wahr.«

»Trotzdem hör' ich, daß d' hätt'st verlauten lassen, du nahmst die Dirn' zur Bäu'rin?«

»So hab' ich g'sagt.«

»Ein schlechter G'spaß, dös.«

»Kein G'spaß! 's is mir völlig ernst.«

»Du bist a Narr!«

»Kann sein, man sagt ja, Verliebte wär'n närrische Leut'. Ich hab' mir nur denkt, weil mer doch eh' 's mehrste haben von alle da in der Gegend, so möcht' 's just nit so dumm sein, wann af'n reichsten Hof auch d'schönste Bäu'rin z'sitzen käm'!«

»Laß mich aus mit der Schönheit! 's erst' Kindsbett nimmt dö oft mit fort; dann hast'n Schleppsack af'n Hals, aber 'n leeren. Kein Kind bist nimmer. Dö G'schichten, was wir als klein ang'hört hab'n, wo Betteldirn'n von Kaisern und Königen heimg'führt word'n sein, dö hab'n sich im Fabelland zutrag'n; daß aber der Sternsteinhof weit außerthalb 'n von selb'm liegt, das brauch' ich dir wohl nit erst z'sag'n!« Er erhob sich und strich mit der flachen Hand über das Tischtuch. »Nun is 's g'nug! Schlag' dir die Dummheit aus'm Kopf.«

»Das geht nit an,« sagte der Bursche. »Ich muß dir noch was eing'steh'n.« Er spreitete die Beine auf dem Sitze auseinander, beugte sich vor und sah starr nach dem Salzfasse, während er langsam sprach: »Wann ich auch die Dirn' sitzen lassen möcht', was mir nit einfallt, so braucht sie's nit z'leiden. Sie hat's schriftlich.«

»Was, schriftlich?«

»Mein Ehversprechen.«

»Dein Ehversprechen?« lachte höhnisch der Alte. »Ja, bist denn du in Jahr'n, wo d' ohne mein' Einwilligung ein's geben kannst? Wär'st d'rein, ich jaget dich jetzt af der Stell' vom Hof! So aber hat a Schriftlich's von dir noch gar kein Gültigkeit. Hat dir die Dirn' d'rauf Glauben g'schenkt, dumm g'nug von ihr, dann kannst du dir in d'Faust lachen, und sie muß sich g'fall'n lassen, wann s' noch hinterher d'Leut verspotten.«

»Ich geb' denen kein' Anlaß dazu. Schriftlich oder mündlich, ich halt' mein Wort.«

»Du Himmelherrgottssakkerments-Lotter du!« brüllte der Sternsteinhofbauer, mit der Faust in den Tisch schlagend. »Trau'st du dich, mir in's G'sicht z'trutzen, mir in's G'sicht? Wo du dasitz'st und Wörtl für Wörtl zugeb'n mußt, daß mir nit um ein's z'viel bericht't word'n is über dein gestrig' Stückel?!«

Der Bursche fuhr vom Stuhle empor und schrie dazwischen: »Dös is 's erste nit, aber wann d' dich dreinschickst, so könnt's wohl 's letzte sein!«

»Daß 's letzte sein wird, dafür laß' nur mich sorgen, aber 's Dreinschicken das is dein' Sach'. Bisher hab ich dir allein Unb'sonnenheiten und dumme Streich' nachziehen g'habt, gestert aber hast dich offen geg'n mein' Will'n – geg'n dein's leiblichen Vaders Willen – aufg'lehnt! Ich denk', du hast noch z'wollen wie ich will, und d'rum frag' ich dich kurz, und mein' dir's gut: Heirat'st du seinzeit, dö ich dir bestimm' und gibst von heut' all'n Verkehr mit der Dirn' da unten auf?«

»Da d'rauf sag' ich dir eb'n so kurz, daß ich kein' andere heirat' und 'n Verkehr mit derer Dirn' nit laß'! Verhalt' mich dazu, wann d' kannst! Sperr' mich ein, so brech' ich dir aus. Tu', was d' willst, so find' ich mein' Weg zu ihr und dort mein Bleiben.«

Der Sternsteinhofbauer fuhr mit beiden Fäusten nach der Brust und schüttelte sich an der Jacke. Nachdem er eine Weile nach Atem gerungen, sagte er langsam und leise, doch dröhnte jedes Wort halblaut nach: »Merk dir's gut, was d' mer g'sagt hast: du nahmst kein' andere und vom Verkehr mit derer Betteldirn' vermocht' ich dich nit abz'bringen!«

Toni nickte trotzig mit dem Kopfe.

»Du hast mir damit,« fuhr der Alte fort, »'n kindlichen Gehorsam auf'künd't. Versteh' mich wohl! Es darf dich daher gar nit wundern, wann ich mein' Hand von dir abzieh'. Da drauf mach' dich nur g'faßt.«

Er ging aus der Stube.

Der Bursche blickte ihm verblüfft nach. Wie war das diesmal doch ganz anders gegen sonst alle Male, wo der Alte, wenn er ausgescholten hatte, begütigt davonging? Freilich, die Sache war gewichtiger wie noch keine, und gleich, so auf das erste Wort hin, mochte der wohl nicht nachgeben! Doch, was er gesprochen, war sicher auch nicht sein letztes! Bald, vielleicht morgen schon, kommt er wieder angerückt und dann so oft, bis er es müde werden wird. Da heißt's eben, sich mehrmal mit ihm herumbeißen, und heute, für's erste Mal, war es ja ganz gut abgelaufen. Ein blinder Schuß mag Spatzen und Diebe scheuchen und ein leeres Drohen Kinder und Narren!

Toni eilte hinab nach Zwischenbühel. Er hielt den Kopf hoch, als er rasch an den Hütten vorüberschritt, und wenn er merkte, daß er beobachtet wurde, so sah er mit herausfordernden Blicken hinter sich.

Als er in der Zinshofer'schen Hütte die Dirne, die auf seinem Schoße saß, in den Armen hielt, da vergaß er ganz, warum er eigentlich gekommen, und erst auf die Nachfrage Helenens erzählte er, was vorgefallen war; da die beiden Frauenzimmer doch etwas ängstlich dareinsahen, so beruhigte er sie, es stünde ja alles ganz gut, würde nur immer besser werden, anders könne er es selber nicht sagen.

Während er unten im Dorfe saß, fand sich der Käsbiermartel oben auf dem Sternsteinhofe ein.

»Ich komm' mich über dein' Bub'n beklagen,« war sein erstes Wort, als er den Bauer erblickte.

»Ich weiß eh' alles,« murrte der.

»Wann d' eh' alles weißt,« fuhr der Käsbiermartel fort, »so weißt auch, daß 's hitzt mit unserer Verschwiegerung nix mehr sein kann.«

»Warum nit?« brauste der Sternsteinhofbauer auf. »Ist dir mein Bub' etwa mit einmal z'schlecht, oder dein' Dirn zu rar?!«

Der Käsbiermartel sah ihn groß an, dann sprach er langsam, die verkniffenen Lippen mehr als sonst bewegend, als spräche er Brocken, die er vorher noch ein wenig glätten wolle: »Wann d' mer so kommst, dann, frei h'raus, ja!«

»Käsbiermartel!«

»Sternsteinhofer! Was willst? Is mer gleich dein Bub' z'schlecht, so bleibst doch du mir recht. Davon is der Beweis, daß ich heut' schon da bin. D'Verschwiegerung aufsag'n, hätt' Zeit g'habt, das geht mir nit so nah', wie ich auch siech, daß 's dir nit nah'geht. Aber wann d' dein' Sohn von d' Soldaten frei kriegen willst, so wär' jetzt d'höchst' Zeit, daß ich geh' a gut Wort einleg'n und du . . .« Er machte eine allgemein verständliche Bewegung mit Daumen und Zeigefinger.

»Spar' du dir d' guten Wort', ich spar's andere.«

»Was meinst?«

»Daß ich mich für dein' Freundlichkeit bedank', aber kein' Gebrauch davon mach'.«

»Aber dann nehmen s' dir 'n heilig.«

»Soll'n s' 'n.«

»So red'st hitzt, hint'nach aber reut's dich.«

»Gott bewahr', niemal, sag' ich dir, Käsbiermartel! Er soll nur 'm Kalbsfell folgen, oder neuzeit der Blechblasen. Dös is ihm g'sund, dös is 's einzige Mittel, um ihm d'Unbotmäßigkeit ausz'treiben, mit der er mir zug'stiegen käm'; 's is nit erhört, denk' dir, ein'm Bettelmensch weg'n!«

»Na siehst, das kimmt von ewig'm Zuwarten. Hätt'st ihn gleich z'sammengeb'n mit der Sali, wär' ihm d'andere gar nit in' Sinn kämma.«

»Verlaß dich d'rauf, dö exerzieren s' und manövrieren s' ihm schon wieder h'raus. Das geht hitzt in ein'm! Eigentlich wär' ja für dein' Dirn dabei gar nix verlor'n.«

»Drei Jahr'.«

»Drei Jahr'! Was sein drei Jahr? Drei Jahr'n frag' ich nit nach, so alt ich bin! Und wann bis dahin dein' Sali noch nit unter der Hauben wär' . . .«

»Dein'm Bub'n weg'n werd ich s' nit in d'Selchkuchel hängen!«

»Dös brauchst nit, sie erhalt' sich wohl auch so frisch. Ich sag' ja nur, wann der Fall wär', dann –!«

»Na ja, dann, wann! Da is noch allweil Zeit z'reden, bis d'Zeit sein wird.«

»Hast recht. Hitzt davon reden, hat wirklich kein' Schick und kein Abseh'n und möcht' uns nur allzwei'n d'Gall riegeln.«

»Wohl, is eh' a so.«

Sie schüttelten sich die Hände und schieden.

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