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Der Stern des Glücks

Nataly von Eschstruth: Der Stern des Glücks - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
authorNataly von Eschstruth
titleDer Stern des Glücks
publisherPaul List Verlag
addressLeipzig
year1922
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100401
projectidc9dbc463
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Erstes Kapitel

Es ist das Glück ein flüchtig Ding
Und war's zu allen Tagen,
Und jagtest du um der Erde Ring,
Du könntest es nicht erjagen!
Leg lieber dich ins Gras voll Duft
Und singe deine Lieder –
Urplötzlich, aus der blauen Luft
Fällt es auf dich hernieder!

Geibel.

 

Jean Baptiste Sternberg, der hochbewährte Kammerdiener, räumte in seiner sorgsamen Weise den Schreibtisch Seiner Exzellenz, des ehemaligen Finanzministers auf, wie vor dreißig Jahren, als dieser sich noch im Wirbelsturm der Geschäfte ganz und gar auf seinen getreuen Sternberg verlassen und den Diplomatentisch voll hochgestapelter Papiere, Mappen und Broschüren dem Ordnungssinn seines Kammerdieners überlassen konnte.

Jetzt lagen weder Akten noch Broschüren, noch eilig aufgerissene Briefumschläge auf dem grünen Tuch; die Tinte war längst zu Staub zusammengetrocknet, die Feder verrostet, und die Pendule, von zwei edelsteingeschmückten Mohren getragen, tickte so schläfrig und müde, wie das Herz in der Brust ihres alten, verabschiedeten Herrn.

Die Zeit war abgelaufen für ihn und für sie, – aber Jean Baptiste wollte es nicht Wort haben, er räumte den Schreibtisch auf, – einen Tag wie den andern – obwohl keine, gar keine Unordnung darauf zu sehen war, obwohl kein Federzug mehr aus dem Tintenfaß geschrieben, kein einziger geheimer Brief mehr in die braunlederne Mappe geschoben ward. Exzellenz hatte sich schon lange, lange von Welt und Leben zurückgezogen, hierher in sein stilles, einsames Schloß, das ehemals nur die erquickende kleine Ruheinsel in dem stürmischen Lebensmeer des Ministers gewesen.

Freiherr von Floringhoven zahlte ehemals zu den besten und bevorzugtesten Mitgliedern des Kabinetts. Glückliche, erfolggesegnete Unternehmungen machten seinen Namen bekannt und beliebt, seine äußerst liebenswürdige, geistreiche und repräsentable Persönlichkeit erwarb ihm die Sympathien aller Gesellschaftskreise, und sein hohes Wissen, sowie seine außerordentliche diplomatische Tüchtigkeit sicherten ihm durch lange Jahre hindurch eine hervorragende Stellung unter den leitenden Vertretern des Staates. Ein Leben voll ununterbrochener geistiger Anstrengung zehrt. – Auch Freiherr von Floringhoven empfand die Last der Jahre, und die schnell sich folgenden herben Schicksalsschläge, die seine engste Familie heimsuchten, machten ihn vor der Zeit zum lebensmüden Greis. Seine beiden einzigen Kinder sanken vor ihm in das Grab.

Der Sohn, ein blühender, zu den besten Hoffnungen berechtigender Kavallerieoffizier, verunglückte bei einem Manöverritt in einem Graben, über den das Regiment in scharfem Galopp, eingehüllt von schier undurchsichtigen Staubwolken, hinwegsetzte.

Das Pferd des Leutnants von Floringhoven sprang zu kurz und brach zusammen, und nachstürzende Reiter begruben den jungen Offizier unter sich, dem ein Aufschlag die Brust zermalmte. Wenige Stunden danach erlag der einzige Sohn des Ministers seiner schweren Verletzung.

Und just, als sei das Unheil gekommen, um nicht wieder von der Schwelle des Hauses zu weichen, folgte die Mutter dem Sohn durch einen ebenso jähen Tod. Eine Herzlähmung raffte die immerhin noch rüstige, allgemein verehrte und geliebte Frau von der Seite ihres Gatten.

Schwer gebeugt zog sich Floringhoven in längerem Urlaub von seinem anstrengenden und verantwortlichen Posten zurück, Kraft und Erholung in dem Hause seiner verheirateten Tochter zu suchen. Sie hatte einem Vetter Floringhoven die Hand zum Bunde gereicht, ein seinerzeit viel bejubeltes und von der Familie innig ersehntes Ereignis, das nun doch einen Floringhoven zum Erben und Nachfolger von Schloß Floringhof machte, nachdem der einzige Sohn des Ministers ohne Nachkommen gestorben war.

Aber die Menschen denken – und Gott lenkt.

Als ob ein unbarmherziges Schicksal dem alten Herrn alles nehmen wollte, woran sein Herz voll Liebe und Zärtlichkeit hing, entriß es ihm auch die Tochter, sein letztes und liebstes Kleinod, das er besaß. Und doch nicht sein letztes!

Ein kleines, rosiges Ebenbild seiner Margarete lächelte ihm durch Tränen aus der Wiege entgegen. Sein Enkelkind, der einzige Überrest von all dem großen, vielbeneideten Glück!

Die Welt war für den ehemaligen, so rastlos tätigen, nimmer müden Staatsmann plötzlich abgestorben. Für wen arbeitete er noch?

Für König und Vaterland.

Er tat's, er wollte nach wie vor sein Bestes geben und leisten, aber das Haar auf seinem Haupte ward schneeweiß, und in seinem Innern ward es ebenfalls Winter.

Wenn eine Glocke einen Sprung bekommen, tönt sie wohl noch, – aber sie klingt nicht mehr.

Und das Herz des alten Mannes glich einer solchen Glocke. Es schlug nach wie vor in pflichttreuem Mühen und Arbeiten, aber was in die Welt hinaushallte, hatte nicht mehr den guten Klang wie früher. Krieg!

Mehr denn je braucht das Vaterland frische, jugendstarke Männerhände an dem Staatsruder, der Freiherr von Floringhoven aber ist ein Greis an Leib und Seele geworden. Er fühlt es, er kann nicht mehr in dem Sturmschritt der Zeit mit fort. Er ist müde geworden. Soll er gehen?

Ja, er muß es. Vor ihm liegt die kurze, entsetzliche Depesche, die die Nachricht bringt, daß seine kleine Enkelin Benedikta eine Waise geworden. Ihr Vater ist vor Metz gefallen.

Nun sind sie beide ganz allein, das kleine, hilflose Würmchen in der Wiege und er, der alte, lebensmüde Mann.

Sie darf aber nicht ganz verlassen sein, und er darf noch nicht sterben – um des Kindes willen.

Da sagte er der Welt und ihrem Leben und Treiben Valet und siedelte über in sein schönes, einsames Schloß Floringhof. Benedikta nahm er zu sich, und gleichsam, als klammere sich das morsche, alte Lebenspflänzlein an dies jungaufblühende Reis, lebte der Minister nur noch den Interessen des Kindes, wieder jung werdend bei dem innigen Zusammenleben mit diesem frischen Blut.

Als habe der Todesengel eingesehen, daß er die Mitglieder der Familie viel zu früh und voreilig abgeholt, schien er nun doppelt lange zu zögern, den alten Herrn mit seinen Lieben zu vereinen. Der Minister sagte oft selbst mit wehmütigem Kopfschütteln: »Man hat mich vergessen droben!« Jahr um Jahr verging, immer älter, immer stumpfer und abständiger ward der alte Mann, aber er starb nicht.

Die Vergangenheit verwischte sich mehr und mehr, und Benediktas jugendschöne Lichtgestalt verklärte einzig sein Dasein, wie eine liebe, goldige Sonne, in deren Glanz sich sein kühles Herz wärmte und erquickte.

Nun dachte er nicht mehr an Sterben und Scheiden. Er lebte so still und behaglich in seinem Schlosse dahin, – der gute Jean Baptiste sorgte für alles, und Benedikta lächelte wie der junge Frühling; wenn sie sang, lauschte er mit gefalteten Händen, als sehe er den Himmel offen, und wenn sie Großväterchen liebkosend um etwas bat, dann hätte eher das ganze Weltall aus den Fugen brechen mögen, ehe er dem Liebling etwas abschlug.

Und die junge Baroneß wuchs immer schöner und imposanter heran, und Jean Baptiste erklärte eines schönen Tages: »Nun ist das Kind groß geworden, Exzellenz, – mit den Gouvernanten taugt's nicht mehr, die letzte ist vor acht Tagen abgereist, jetzt muß eine Dame in das Schloß, die unsre junge Gnädige in die Welt führt!«

Der Minister schaute verblüfft mit seinen matten, ausdruckslosen Augen auf. »Aber Jean – dazu bin ich ja noch da!«

»Das halten Exzellenz nicht mehr aus.«

Der alte Herr wiegte ärgerlich das Haupt mit den spärlichen weißen Löckchen.

»Warum soll ich es nicht mehr aushalten? Ich habe mehr auf diesen schwachen Schultern zu tragen, als ein paar schlaflose Ballnächte!«

Jean Baptiste sah streng aus; sein hageres Gesicht mit den intelligenten Augen unter den weißbuschigen Brauen schien aus Stein gemeißelt.

»Bei ein paar Nächten allein bleibt es nicht, Exzellenz; das gnädige Fräulein muß regelrecht ausgeführt werden, und dahin, wo solch junge, behende Füßchen springen, können wir Grauköpfe nicht mit. – Wenn Gäste hierher zu uns kommen, müssen sich Exzellenz selbstverständlich zeigen, denn das erfordert die Repräsentation und Reputation, – und wenn ein Diner in der Nachbarschaft abgehalten wird, bei Standespersonen oder hohem Adel, dann müssen Exzellenz auch hin, – das sind wir der eignen Stellung und dem guten Namen schuldig. Da werden keine übermäßigen Anforderungen an Ew. Exzellenz gestellt – Essen, Trinken, ein Täßchen Kaffee, und dann bin ich schon wieder zur Stelle und melde den Wagen.«

Freiherr von Floringhoven nickte apathisch vor sich hin. Seine angeregte Stimmung hielt nie mehr lange an und machte bald einer wortkargen Stumpfheit wieder Platz: »Gut, gut – ganz wie du meinst, Jean. Was für das Kind notwendig ist, muß selbstverständlich geschehen. – Richte es nur alles ein.«

»Und die Repräsentationsdame, Exzellenz?«

Der Minister starrte nachdenklich vor sich hin. Wie hilfeflehend schlang er die welken Hände ineinander. »Ja, du lieber Gott! Ich weiß keine, gar keine.«

»Ich werde mit Baronesse sprechen, und dann fahren wir zusammen zur Frau Gräfin Borken nach Kerptow hinüber, – es wäre gut, wenn eine Dame, wie die Frau Gräfin, diese Angelegenheit in die Hand nähme!«

Wie erlöst atmete der alte Herr auf: »Gut ... sehr gut ... Du weißt doch immer Rat, Jean ... und nun ... nun lies mir nochmal den Zeitungsartikel über die neuen Zollgesetze vor, lieber Jean!... Ich habe das vorhin doch nicht so ganz erfaßt –«

»Darf ich zuvor noch melden, Exzellenz, daß wir soeben eine Einladung zum Jagddiner erhalten haben. Morgen mittag fünf Uhr im Jagdschloß Altenfähre.«

Floringhoven hörte nur mit halbem Ohre. »So, so ... zu wem denn?« – fragte er gleichgültig, seine Pelzdecke fester um die Knie ziehend.

»Zu dem Herrn Herzog Hans Friedrich, Königliche Hoheit. Hochderselbe hat wieder für vierzehn Tage Aufenthalt in Altenfähre genommen, um, wie alljährlich, die Sauhatzen in den königlichen Forsten abzuhalten.«

»So, so ... und du meinst, Jean ... daß ich zusagen muß?«

»Fraglos, Exzellenz; das erfordert der Respekt und unsre Achtung vor uns selbst.«

»Hm ... hm ... du weißt ja Bescheid, Jean: – wer kommt denn da?«

»Ich bin's, Exzellenz, – bringe eine Tasse Bouillon. Bei dem kalten Wetter ist's zu brauchen.«

»Hm, hm, die Jungfer Riekchen! ... Gut ... sehr schön ... ah – so etwas Warmes tut gut.«

Die alte Haushälterin rührte sorglich in der großen, silbernen Tasse und fischte noch ein letztes Fettauge ab. Ihre kleine, zusammengeschrumpfte Gestalt trug ein winziges Köpfchen, das eine riesige Haube umrahmte. Silberweiße Haarsträhne lagen glatt an den eingesunkenen Schläfen, und die zahllosen Runen und Fältchen in der pergamentfarbenen Haut ließen auf eine hohe, sehr hohe Zahl schließen, wollte man das Alter der Jungfer Riekchen angeben.

Dennoch war sie rüstig, flink und behende wie ein kleines Wiesel, lief treppauf und treppab wie ein Backfisch, und jede ihrer Bewegungen zeugte von ungeschwächter Energie und Lebendigkeit.

Und dieweil Mamsell die Fleischbrühe mundgerecht machte und Jean in den Zeitungen stöberte, öffnete sich die Tür abermals.

Ein uraltes Männchen in der Uniform der Leibjäger stand auf der Schwelle.

»Wollte gehorsamst anfragen, ob Exzellenz bei diesem Schneesturm befehlen spazierenzufahren?«

»Nein, Konrad ... es ist bitterkalt. Solches Wetter taugt nicht für uns alte Garde.«

»Befehl, Exzellenz.«

Wunderlich – in dem behaglichen »Arbeitszimmer« des ehemaligen Ministers trafen sich in diesem Augenblick ein paar Jahrhunderte zusammen.

Vier Menschen mit weißem Haar, alte, greisenhaft alte Menschen: und die, die in Küche und Keller zu ihnen gehörten, waren nicht viel jünger, waren alle Überbleibsel aus schöner, vergangener Zeit, treuer, dauerhafter Efeu von Fleisch und Blut, der unlöslich mit Schloß Floringhof verwachsen war.

Was Wunder, wenn die heitere, jugendliche Außenwelt ihre Betrachtungen darüber anstellte und scherzweise nicht vom Schloß Floringhof – sondern von dem »Petrefaktenhof« sprach?

Versteinert und verknöchert!

So unrecht hatten die Schelmenzungen nicht. Das ganze Schloß, mit allem, was darinnen war, glich trotz seiner tadellos stolzen Mauern doch nur einer Ruine, in der versteinerte, uralte Wesen hausten, wie die Bewohner jener Gespensterburg, die um Mitternacht von ihren Marmorpostamenten niedersteigen und als steinerne Gäste durch die Hallen schreiten.

Ja, Floringhof war ein Trümmerhaufen wandelnder Grabdenkmäler, und Benedikta das einzig neue Leben, das dieser Ruine entsproß, – und dennoch gab es kein gemütlicheres, fröhlicheres Völkchen, wie diese »Petrefakten« im Hofstaate des alten Ministers. –

Der Schnee wirbelte durch die kalte Winterluft, höher und höher deckte er die froststarre Erde, und der Nordwind pfiff um die Türme und Giebelchen, als ärgere er sich des rosigen Lebens hinter den hohen Spiegelscheiben, das er trotz all seines Grimmes noch nicht hatte zu Tode frieren können.

Ihm zum Hohne hallten und schallten die jugendfrischen Stimmen durch das hohe Gemach, und je glückseliger die Frühlings- und Liebeslieder zu ihm herausjubelten, je zorniger rüttelte er an dem Turmbau, als wolle der König Winter die holden Melodien zerfetzen, die das liebliche Regiment des Lenzes priesen.

Wo das Feuer im Kamin lodert und die altmodische, aber kostbare und geschmackvolle Pracht des Turmzimmers sich in trauliche Wärme hüllt, sah Baroneß Benedikta am Flügel, mit freudestrahlenden Augen von ihrer liebenswürdigen, jungen Lehrerin zu lernen.

Sie sangen, – Duette, Soli, Lieder und Arien, alles, was die unerschöpfliche Notenmappe der Marga Daja zutage förderte.

»Marga Daja«, stand in goldnen Lettern auf der rotjuchtenen, sehr eleganten Musikmappe gedruckt, und die Trägerin dieses absonderlichen Namens lehnte, ebenso absonderlich und geschmackvoll anzuschauen, neben dem Instrument, just eine neue Arie leidenschaftlichen Empfindens in die winterliche, tief verschneite Einsamkeit hinauszujubeln.

Marga Daja war ein Rätsel, seine Auflösung hieß Margarete Dallberg. Aber die Welt kannte diese Lösung nicht, sie wußte nur von einer Marga Daja, deren Namen sie mit besonderer Freude in der Residenz auf dem Theaterzettel las, – vorerst nur hinter den kleinern Nebenrollen, denn Marga Daja war eine Anfängerin, eine junge Sängerin, die es nur der Protektion des ehemaligen Ministers Floringhoven verdankte, daß sie ihr erstes Engagement bereits an der Hofoper gefunden.

Die frische, klangvolle Stimme der jungen Sängerin entzückte das Publikum ebensosehr, wie ihre äußerst anmutige, graziöse und madonnenhafte Schönheit, deren einziger Fehler es war, daß sie nicht recht zu den übermütigen Pagen- und Soubrettenrollen voll Pikanterie und Schalk passen wollte, die man einsichtslos der Künstlerin zugeteilt hatte.

Marga Daja war die Verkörperung lyrischer Zartheit und poesievoller Schwärmerei.

Ihre kleine, elfenhafte Gestalt schwebte wie ein Hauch durch das Leben, und die großen lichtblauen Augen blickten so verklärt und »überirdisch« aus dem blassen Gesichtchen, wie bei einem kranken Kind, dem man liebe Märchen erzählt.

Goldblonde Haare lockten sich um das Köpfchen, mit Vorliebe offen und lang niederwallend getragen, mit den weißen Kleidern harmonierend, die Marga Daja, voll eigenartigen Geschmacks, stets in der Babyfasson einer Bettina von Arnim trug.

Auch sie hieß in der Künstlerwelt der Residenz »das Kind!«, und ihr kindlicher Zauber fand viel Anbetung, wie auch eines ihrer meist ausgestellten Bilder durch seine rührende Naivität Aufsehen erregte.

Das lockenumwallte Köpfchen mit den großen, träumerisch zum Himmel blickenden Augen, das weiche Kinn auf die gefalteten Hände gestützt: Eine berückende Mignon – eine undenkbare Susanne – ein geradezu unmögliches «lustiges Weib von Windsor!« – Die Zahl der für sie geeigneten Opernpartien blieb klein, und das war ein großer Stein im Wege ihrer Bühnenkarriere.

Margarete Dallberg war die Nichte des Gutspächters von Floringhof.

Jahrelang verlebte sie, eine Waise, all ihre Ferien und spätere Urlaubszeit bei den Verwandten, und da die Jugend sich noch schneller und widerstandsloser anzieht als Eisen und Magnet, so hatten sich die beiden einzig jungen Lebewesen des Schlosses schnell gefunden und durch gemeinsame Gesangstudien den Grund für eine treue und aufrichtige Zuneigung und Freundschaft gelegt.

Keine größern Gegensätze konnte man verkörpert sehen als in diesen beiden Freundinnen.

Marga Dajas sylphenhaftes Figürchen verschwand neben der wundervollen, junonisch stolzen Erscheinung Benediktas. Stolz, selbstbewußt, vom Scheitel bis zur Zehe die distinguiert vornehme Gestalt der Aristokratin, überragte Baronesse Floringhoven »das Kind«, wie eine Edeltanne über das schmiegsame Schilf emporwächst.

Ihr schönes, regelmäßiges Antlitz kannte keinen Ausdruck schwärmerischer Sentimentalität, im Gegenteil, ein Zug herber Resignation ließ es älter als gerechtfertigt erscheinen. Große, leuchtend schwarze Augen, unvergeßlich jedem, der hineingeschaut, belebten als größte und auffallendste Schönheit das zartfarbene Antlitz, und wenn man vor Benedikta von Floringhoven stand und den Blick über die schlanke Gestalt in dem dunklen Trauergewand gleiten ließ, so schlich ein Gefühl ehrfurchtsvoller Bewunderung in das Herz, wie es empfindsame Seelen bei dem Anblick einer geliebten und idealisierten Prinzessin oder Königin empfinden.

In der Erscheinung des jungen Mädchens lag eine hoheitsvolle Würde, die nie ihre Wirkung auf die Umgebung verfehlte. Eine unbewußte Hoheit, eine ahnungslose Würde. Sie prägte sich ungesucht und ungeübt in jeder Bewegung aus.

Marga Daja hatte oft geseufzt: »Was gäbe ich darum, könnte ich ein einziges Mal so über die Bühne schreiten, wie Sie tagtäglich und stündlich durch Schloß und Park gehen, – könnte ich meine Hände bewegen wie Sie! – Könnte ich das Haupt so königlich auf dem Nacken tragen wie Baroneß! Wie machen Sie das? – Lehren Sie es mich!«

Aber es ließ sich nicht lehren, – es lag im Blut, es war ein angeborenes »Genie des Vornehmen«, das unbewußt zutage tritt und eine Person durch das Leben geleitet, wie der Blumenduft dem Blütenkelche der Königin Rose anhaftet.

Marga Daja sang, – sang mit strahlenden Augen und herzaufquellender Innigkeit die Arie aus der Gazza Cadra: »Was ich oft im Traume sah – wird nun in Erfüllung gehn – Vater und Geliebter nah – Himmelstochter – Wiedersehn! Hold wie das Morgenlicht lächelt die Ferne, – glückliche Sterne – täuschet mich nicht!«

Nachdenklich glitten die schlanken Finger Benediktas von den Tasten, ihr großer, ernster Blick haftete wie in fragendem Staunen auf der Sängerin.

»Diese Arie würde ich niemals auch nur annähernd so singen können wie Sie, liebe Marga!«

Überrascht lieh die so jählings Unterbrochene das Notenblatt sinken: »So! Und warum nicht?«

Eine herbe Falte senkte sich um Benediktas Lippen. »Weil ich nie der Zukunft derart zujubeln, weil ich nie an ein Glück glauben könnte, das sie mir zu bringen vermöchte!«

Marga warf die Noten beiseite und trat näher, sie legte leis die Hand auf die Schulter der Sprecherin.

»Welch eine absonderliche Grille! Wem möchte die Zukunft so heiter, so wolkenlos glücklich lächeln wie Ihnen, Sie Glückskind! ›Schön, reich und klug genug, in der Welt zu glänzen‹ – wahrlich, Benedikta, Sie brauchen doch nur die marmorweißen Händchen auszustrecken, um das Glück in jeder – selbst in der vollkommensten Gestalt zu greifen.«

»Glauben Sie es? Ich nicht!« Ein schwermütiger Blick schweifte in den Schneesturm hinaus. »Zwar weiß ich selber nicht recht, womit ich mein trübes Zweifeln an allem Glück motivieren soll, aber ich empfinde es wie in düsterer Vorahnung, daß ich das Glück so, wie es einzig für mich ein wahres Glück sein würde, nie und nimmer finden werde!«

»Und was deucht Ihnen die wahre Seligkeit?«

»Die Liebe! Die echte, durch alles unbeeinflußte, große, heilige Liebe!« Benedikta preßte wie in jäher Leidenschaft die Hände gegen die Brust. »Und gerade das, was Sie mir soeben als Glück auslegen wollten, – ›klug und reich genug‹ – das wird zur Klippe werden, an der das einzige Schifflein scheitert, das mich in ein irdisches Paradies zu bringen vermöchte!«

»Ich verstehe Sie nicht, Sie liebe Pessimistin!«

Marga Daja zog sich ein kleines Taburett herzu und ließ sich an der Sprecherin Seite nieder, ihre Hände mit innigem Druck zu umschließen. Forschend blickte sie in das schöne Antlitz empor, das sie mit den leis zuckenden Lippen noch nie so erregt gesehen hatte wie in dieser Stunde. »Haben Sie etwa eine unglückliche Liebe, Benedikta?« flüsterte sie weich.

Fräulein von Floringhoven schüttelte beinahe heftig das Haupt. »Noch nicht!« stieß sie kurz hervor.

Marga lachte. »Mein Gott, das klingt ja, als hätten Sie sich ganz bestimmt und expreß eine solche für die Zukunft bestellt?«

»O nein. Aber die dreizehnte Fee erscheint zumeist ungerufen, um Gevatterin bei einem armen Unglückskind zu stehen.«

»Benedikta! Welch unbegreifliches Schwarzsehen! Ohne Grund und Ursache kommt man nicht auf so ketzerische Gedanken! Wie können Sie – Sie – die alles besitzt, was Männerherzen entzückt und gewinnt, derartige Hirngespinste nähren!«

»Ich habe alles! – Ganz recht, ich habe zuviel!«

»Ein Überschuß ist nie ein Übel!«

»In manchem Sinne doch.«

»Beweise! Ich verlange Beweise!«

»Ich bin reich. – Gott sei es geklagt! Wissen Sie nicht, Marga, daß die reichsten Mädchen im Grunde genommen die ärmsten sind? Ich habe es erfahren. Vergangenen Sommer nahm mich Gräfin Borken mit nach Norderney. Ich war anfangs wenig beachtet; während einer ersten Privatreunion tanzte ich so gut wie gar nicht. ›Es ist Herrenmangel, wir sind noch gar nicht bekannt in der Gesellschaft‹, tröstete mich die Gräfin, mich, die keines Trostes bedurfte, denn ich verlangte nicht nach Tänzern und amüsierte mich sehr gut mit den ältern Herren, die es nicht an Liebenswürdigkeiten fehlen ließen. Wenige Tage darauf war ich der umlagerte, angeschwärmte, ausgezeichnete Anziehungspunkt für die Herrenwelt. Ich begriff diesen Wechsel nicht, aber ich freute mich all der Artigkeiten, die man mir erwies. Die Gräfin forschte eifrig, welcher meiner Verehrer mir am besten gefalle, welcher die meisten Chancen habe. – Keiner; sollte es vielleicht mit der Zeit sich ändern, war wohl ein junger Gutsbesitzer der sympathischste, in dessen Augen ich mehr, viel, viel mehr aufrichtige Gefühle zu lesen glaubte, wie in denen der andern Herren.

Es war eine köstliche Mondscheinnacht. Sehr spät noch begleitete ich die Gräfin an die Dünen. Im Schatten eines Strandkorbes saßen wir, schweigsam die wunderbare Schönheit des lichtbeglänzten Meeres genießend. – Schritte, lautes, weinseliges Sprechen. ›Nein, nein, cher père – kannst Gift drauf nehmen! Ich bin meiner Sache ganz gewiß! Die Kleine ist ja auf Brautschau hierhergeführt ... haha ... Kein Mensch ahnte anfangs, daß hinter der stolzen Juno ein dukatenfunkelnder Kometenschweif rausche – aber die alte Borken flüsterte selber ein paar alten Herren in das Ohr, daß Benedikta die Erbin des alten Floringhoven ist. Na – das Wettrennen, das nun begann: Jeder wollte natürlich der zu dieser Juno gehörige Zeus werden, und da man in dieser Beziehung zum Heiden wurde und die Mythologie zur Modereligion machte, florierte der Tanz um das goldne Kalb in einer Art und Weise, die den Kampf um den Sieg verteufelt heiß machte.‹«

»Empörend! Wer konnte es wagen, derart frivol und herzlos zu reden, Benedikta?«

»Wer? – Ich sah seine elegante Gestalt scharf gegen den Himmel abgezeichnet, ich erkannte jede Linie seines hübschen, sonst so ganz anders dreinschauenden Gesichtes, und ich merkte es auch an dem jähen Zusammenzucken der Gräfin, daß sie genau wußte, wer der Sprecher war. ›Na, dann in Gottes Namen los, lieber Junge! Wenn du glaubst, Chancen zu haben, wäre ja diese Verbindung eine leidlich passende Partie für dich. Vor allen Dingen vergaloppiere dich aber nicht, sondern ziehe noch einmal genaue Erkundigungen über die Höhe ihres Vermögens ein. Wenn du um dieser Erbin willen Alice vergessen und aus Vernunftgründen eine Konvenienzehe eingehen willst, muß wenigstens eine sehr glänzende Mitgift das Opfer aufwiegen. Dein altes Familiengut vor dem Ruin zu retten, ist immerhin keine Bagatelle. Man sagt aber, Benedikta sei nebenbei recht hübsch?‹

›Hm ... etwas frostige Schönheit, – mehr Statue als Fleisch und Blut. – Man liebt das im allgemeinen nicht sehr an dem Ewigweiblichen. – Aber ... ein paar hunderttausend Talerscheine decken ja manches zu ...‹

Die Stimmen entfernten sich langsam, und die einzelnen Worte wurden von der stärker anschwellenden Meeresbrandung übertönt. – Es ward still, sehr, sehr still am Strande. Tränen rinnen lautlos, und ein Herz verblutet unhörbar an solch moralischem Todesstoß. Endlich erhob sich die Gräfin, legte jählings den Arm um mich und flüsterte erbittert: ›Armes, beklagenswertes Kind! – Ich denke, jener Freier wird sich einen Korb bei dir holen!‹

›Er wird nicht dazu kommen, anzuhalten!‹ antwortete ich.

Die Sterne funkelten über uns wie Augen der Liebe, die zornig aufblitzen, weil man einem Herzen wehe getan, – und das Meer rauschte näher und näher, lockend und schmeichlerisch seine weißen Wellenarme nach mir ausbreitend, als wollte es sagen: ›Komm herab zu mir, du armes, reiches Kind, dessen Geld ja doch für ewig der Liebe den Weg zu deinem Herzen versperren wird!‹«

»Oh, Benedikta, welch unglücklicher Wahn! Weil ein einziger sein frevles, selbstsüchtiges Spiel mit Ihnen getrieben, wollen Sie an dem Glück Ihrer ganzen Zukunft verzagen? Noch hat Ihnen die Liebe ja durchaus keine Wunde geschlagen, – oder ... oder –« die Stimme Margas sank zu bangem Flüsterlaut herab – »oder liebten Sie jenen Falschen etwa doch?«

Baroneß Floringhoven lehnte das schöne Haupt zurück und starrte mit weitoffenen Augen in den wirbelnden Schnee hinaus. »Nein, – ich liebte ihn nicht, – Gott sei Lob und Dank dafür!« antwortete sie mit fester Stimme: »ich werde mich überhaupt nicht langsam, allmählich, nach und nach in einen Mann verlieben, – niemals. Das nenne ich überhaupt keine Liebe, das ist lediglich ein ›Sich-aneinander-Gewöhnen‹. Sollte aber der Liebe wahrer, heiliger Götterfunken jemals in mein Herz fallen, so ist's ein Blitz, – schnell, ungeahnt, plötzlich, wie ein Stern jählings erstrahlend die Wolken durchbricht, – der Stern des Glückes! Ein einziger Blick, ein einziges tiefes Lesen in dem Antlitz des Betreffenden – und mein Herz wird aufflammen in einer Liebe, die über Grab und Zeit währt. Ich ahne das – und ich fürchte mich davor. Glücklich kann und wird eine solche Liebe niemals sein, jede Regung der Vernunft spricht dagegen.«

Marga nickte betroffen: »Ich würde es wenigstens auch für äußerst gefährlich und riskiert halten, sich lediglich in ein schönes Gesicht – in die trügerische Hülle einer vielleicht sehr wenig edlen Seele zu verlieben!«

Benedikta wandte jählings das Haupt, ein flammender Blick senkte sich in der Sprecherin Auge. Dann lächelte sie, ein beinahe schmerzliches Lächeln. »Sich für ein schönes Gesicht begeistern – ja, das kann man; sich in das schöne Gesicht einer fremden Person verlieben – das kann man meiner Ansicht nach nicht. Sie haben mich mißverstanden, liebe Marga. Eine solch sinnlose Schwärmerin vermuten Sie wohl selber nicht in mir. Schönheit und äußere Vorzüge würden mein Herz niemals allein gewinnen, wenn nicht jenes gewisse, namenlose, nie erklärte Etwas damit verbunden wäre, das man schlechtweg Sympathie nennt. Ein Männerantlitz, das mir sympathisch, so sympathisch sein würde, daß es beim ersten Sehen mein ganzes Ich zu eigen nehmen könnte, das muß so viel Tiefinneres ausdrücken, daß man alles, vielleicht das häßlichste Äußere darüber vergißt. Der Ausdruck eines Gesichts würde diese geheimnisvolle Gewalt auf mich ausüben – ein Ausdruck, der sich nicht mit Worten beschreiben läßt. Er wird mein Verhängnis sein – und weil ich Fatalistin bin und daran glaube, fürchte ich mich davor, ihn in einem Menschengesicht zu schauen.«

»Wenn es der liebe Gott verhütet, daß es das Antlitz eines verheirateten Mannes oder eines solchen ist, der durch unüberwindliche Hindernisse andrer Art von Ihnen geschieden sein muß, so wäre wohl der Augenblick eines solchen Begegnens der Anfang und Inbegriff alles Glückes für Sie! – Wunderlich, wie verschieden wir Mädchen doch beanlagt sind! Als ich meinen Herzlieben zuerst sah ...«

»Marga!«

Die Sprecherin verstummte jäh erschrocken und sprang empor, ihr heiß erglühendes Gesichtchen abzuwenden. Benedikta aber ergriff stürmisch ihre beiden Hände und erzwang sich mit einem strahlenden Lächeln einen Blick in die ausweichenden Blauaugen.

»Das nenne ich Verrat an sich selber!« jubelte sie. »Marga! liebe Marga – nun lassen Sie mich, bitte, alles wissen!«

Die junge Sängerin strich tief aufatmend die Locken aus dem heißen Antlitz. Sie lachte auf wie ein eigensinniges und doch glückseliges Kind. »Gewiß sollen Sie es wissen, Benedikta! Wenn Sie mich nur danach fragen wollen! – Wie er heißt? – Roman Ermönyi! – Was er ist? Komponist einer vielgenannten Oper! Ob ich ihn liebe? Nachdem ich ihn haßte bis auf Gift und Dolch – nachdem ich ihm am liebsten die Augen ausgekratzt, die schwarzen Locken einzeln ausgerauft hätte – ja – da liebte ich ihn bis zur Raserei. – Ob er mich wiederliebt? Er tut so. – Er schwört es. – Er überschüttet mich mit Blumen, er küßt meine Füße – er ist wie von Sinnen. Noch eine Oper will er schreiben, – die Titelrolle für mich, – und dann heiraten wir. – Er sagt es, – ob es geschehen wird? ...« Und Marga Daja griff mit bebenden Händen zu dem Notenblatt zurück und jauchzte mit ihrer silberhellen Stimme aufs neue die Worte, die Benedikta soeben unterbrochen:

»Hold wie das Morgenlicht
Lächelt die Ferne.
Glückliche Sterne –
Täuschet mich nicht!«

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