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Der steinerne Mann von Hasle

Heinrich Hansjakob: Der steinerne Mann von Hasle - Kapitel 16
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Hansjakob
titleDer steinerne Mann von Hasle
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
seriesHeinrich Hansjakob ? Ausgewählte Erzählungen
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
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16.

Eine schreckliche Zeit lag über den deutschen Landen in den Jahren 1348 und 49. Der schwarze Tod wütete überall, und zu all' dem Elend, das der große »Sterbet« verursachte, kam noch der Kirchenbann, der auf dem Reiche lastete von wegen des toten Kaisers Ludwig und seiner Anhänger.

Trauer und Klage ging durch alle Gaue, und alles rief den Himmel an um Erbarmen durch Werke der Buße. In hellen Scharen zogen die büßenden Geißelbrüder von den Alpen bis zur Nordsee von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf.

An einem Sommertag des Jahres 1349 ging auch durch Hasela der Ruf: »Die Geißler kommen!« Von Straßburg her waren sie im Anzug, den Ländern an der Donau zu.

Alles eilte ans untere Tor, um die Büßer zu empfangen. Und als diese paarweise dem Städtchen nahten, fingen die Glocken der Kirche zu läuten an.

Es war ein Zug, wie ihn die Menschen im Kinzigtal weder vorher noch nachher mehr gesehen. Zuerst kamen die Träger der »gewundenen« Kerzen, der Kreuze und der Fahnen und dann die Büßer, hohläugige, abgehärmte Gestalten mit großen Hüten, in schwarze Mäntel gehüllt, auf denen blutrote Kreuze geheftet waren.

Als die Glocken zu läuten aufhörten, fingen die Geißler ihren LeisGeistlicher Volksgesang im Mittelalter. Das Wort stammt aus einer Verkürzung des kirchlichen Rufes: »Kyrie eleison.« zu singen an:

Nun ist die Betefahrt so hehr,
Christ reit' selber gen Jerusalem,
Er führt' ein Kreuz in seiner Hand;
Nun helfe uns der Heieland!

Nun ist die Betefahrt so gut,
Hilf uns, Herre, durch dein heilig Blut,
Das du am Kreuz vergossen hast;
Hilf uns von der Sünden Last!

Nun ist die Straße so breit,
Die uns zu unserer Fraue trait
In unserer lieben Frauen Land;
Nun helfe uns der Heieland!

Wir sollen die Buße an uns nehmen,
Daß wir Gott desto besser versöhnen
Alldort in seines Vaters Rîch;
Deß' bitten wir dich alle glîch:
So bitten wir den heiligen Christ,
Der der ganzen Welt gewaltig ist.

So singend zogen sie durchs Stadttor der Kirche zu. Hinter ihnen drein die Menge derer von Hasela.

In der Kirche knieten die Büßer nieder und sangen:

Jesus, der ward gelabet mit Gallen,
Drum sollen wir an ein Kreuze fallen.

Jetzt warfen sie sich mit kreuzweis vorgestreckten Armen zur Erde und blieben so, bis der Vorsänger anhub:

Nun hebet auf euere Hände,
Auf daß Gott dies große Sterben wende. –

Dann erhoben sie sich.

Dieser Vorgang in der Kirche wiederholte sich dreimal.

Hierauf verließen die Büßer die Kirche und begaben sich auf den Kirchhof. Hier begann die Geißelung. Sie zogen ihre Mäntel und Oberkleider ab, banden einen Schurz um die Lenden und legten sich in weitem Kreise auf den Boden nieder.

»Der Meister« schritt über die Liegenden weg, berührte jeden mit seiner Geißel und sprach:

Steh auf durch der reinen Marter Ehre
Und hüte dich vor den Sünden mehre!

Jeder der Berührten erhob sich, folgte dem Meister und tat wie er. Nachdem alle sich erhoben, gingen sie paarweise um die Kirche, ihren nackten Rücken blutig schlagend mit ledernen Geißeln, an denen wenigstens drei Riemen mit vier eisernen Stacheln versehen waren.

Während der Geißelung sangen sie wieder ihren Leis:

Nun komme jeder, der büßen welle;
Fliehen wir die heiße Hölle!
Luzifer ist ein bös' Geselle,
Sein Mut ist, wie er uns verfälle.

Wer unserer Buße will pflegen,
Der soll vergelten und widerwägen,
Der beichte recht, laß' Sünde fahren,
So will sich Gott über ihn erbaren,
Der beichte recht, laß' Sünden reuen,
Dann will Gott sich in ihm erneuen.

Jesus Christ, der ward gefangen,
An ein Kreuz ward er gehangen;
Das Kreuze ward von Blute rot,
Wir klagen sein Martel und sein Tod.

Durch Gott vergießen wir unser Blut,
Das sei uns für die Sünden gut.
Deß' hilf uns lieber Herre Gott,
Deß' bitten wir durch deinen Tod.

Sünder, womit willst du mir lohnen
Die Nägel und ein dürnin Kronen,
Des Kreuzes Frône, eines Speeres Stich?
Sünder, das leid' ich durch dich!
Was willst du leiden nun für mich?

So rufen wir aus lautem Tone:
Unsern Dienst geben wir dir zum Lohne.
Durch dich vergießen wir unser Blut,
Das sei uns für die Sünden gut.
Deß' hilf uns lieber Herre Gott,
Deß' bitten wir durch deinen Tod.

Nach diesem Leis knieten sie, blutend aus vielen Wunden, wieder nieder und sangen abermals:

Jesus, der ward gelabet mit Gallen,
Drum sollen wir an ein Kreuze fallen.

Mit kreuzweis ausgebreiteten Armen blieben sie wieder liegen, bis der Vorsänger begann:

Nun hebet auf die euren Hände,
Daß Gott dies große Sterben wende!
Nun hebet auf die euren Arme,
Daß Gott sich über uns erbarme!

Jesus, durch deine Namen drei
Du mach' uns, Herr, von Sünden frei!
Jesus, durch deine Wunden rot
Behüt' uns vor dem jähen Tod!

Jetzt schlugen alle an ihre Brust und sangen:

Nun schlagt euch sehr zu Christi Ehre,
Durch Gott so laßt die Sünden mehre!
Durch Gott so laßt die Hoffart fahren,
So will sich Gott über uns erbaren!

Damit schloß der erste Umgang der Geißelung. Ihm folgte ein zweiter und ein dritter unter anderen Gesängen. Namentlich ward beim zweiten Umgang Maria um ihre Fürbitte angerufen.

Schauernd stand das Volk von Hasela um den Kirchhof und verfolgte tief ergriffen das ungewohnte Schauspiel. Die meisten weinten und schlugen mit den Büßern an an ihre Brust.

Nach der dritten Geißelung legten die Büßer die Kleider wieder an über ihre blutenden Leiber. Die Bürger und Bürgerinnen traten nun auf sie zu und luden sie ein zu einem Imbiß in ihre Häuser oder brachten ihnen Wein und Speisen vor die Kirche. –

Aus der kleinen Pforte, welche durch die Burgmauer zur Kirche führte und wenige Schritte von dieser sich öffnete, trat, da die Geißelung eben zu Ende war, eine hohe Frauengestalt, gefolgt von zwei Mägden, die Wein, Brot und Fleisch trugen zur Erquickung der Büßer.

Die Leute von Hasela grüßten ehrerbietig die Dame, welche freundlich ernst durch sie hindurchschritt und schaute, wo sie noch Geißler finden möchte, denen es an Trunk und Imbiß fehlte.

Aber alle, so weit sie sich im Umkreis der Kirche umsah, hatten zu essen und zu trinken.

»Sind keine mehr da, die noch nichts haben?« fragte sie einen alten Geißler, der auf einer der Kirchenstaffeln saß und sich gütlich tat.

»Einer,« antwortete der Alte, mit Essen aufhörend und zu der Fragenden aufschauend, »einer hat sicher noch nichts, unser Vorsänger. Der kniet drunten in der Kapelle unter dem Chor der Kirche, wo die Gebeine der Toten sind. Ich hab' mir vorhin die Kirche angesehen und ihn dort knieend, betend und weinend gefunden.«

»Aber er hat es so, unser Vorsänger; er schleicht sich meist weg, wenn Essen und Trinken kommt, und fastet. Doch so weinen und seufzen wie heute, sah ich ihn noch nicht oft, obwohl er einer der eifrigsten Büßer unserer Schar ist. Und singen tut er so schön und so ergreifend, daß die Engel im Himmel weinen. Keine Geißlerfahrt hat solch einen Vorsänger wie die unsrige.«

»Geht, hohe Frau, hinab in die Gruftkapelle und redet ihm zu, daß er komme und esse und trinke. Es ist uns Büßern allen daran gelegen, daß er dies tue. Denn er kränkelt vor lauter Kasteiung, und wir fürchten, unsern Vorsänger bald zu verlieren.«

»Einer so edlen Frau, wie ihr, schlägt er es sicher nicht ab, wenn ihr ihm zusprecht, auch seines leiblichen Lebens zu gedenken. Denn er war, so heißt's unter uns, einst ein stolzer Ritter und gegen Frauen höfisch und fein.«

»Ich will gerne ihn aufsuchen, den großen Büßer, und ihm zureden, daß er heraufkomme und etwas genieße,« sprach die Dame und trat in die Kirche, nachdem sie ihren Mägden befohlen hatte, auf sie zu warten und indes auszuteilen, wo noch etwas fehle.

Leise schritt sie die steinernen Treppen hinab in die feuchte Gruftkapelle, in der ein einfacher, steinerner Altar mit einem alten Bild des Gekreuzigten sich befand. An den Wänden hin lagen, wie Holz aufgebeugt, die Schädel und Gebeine, welche der Totengräber beim Umgraben des Friedhofs gefunden. In der Mitte standen einige Bänke für stille Beter.

Auf der untersten Altarstufe kniete der Geißler. Er hatte eben erst sein Unterkleid angelegt und offenbar hier unten sich nochmals gegeißelt. Die Geißel lag neben ihm, sein Oberkleid und sein Mantel auf einer der alten Bänke.

Er hielt beide Hände vor das Gesicht und weinte und stöhnte so, daß er es nicht hörte, wie jemand die Treppe herabkam und erschrocken stehen blieb, erfaßt vom Jammer des fremden Mannes.

»Endet eure Tränen und haltet ein mit eurem Weh, büßender Mann!« hub die Frauengestalt nach einigen Sekunden zu reden an. »Kommt hinauf ans Tageslicht und nehmt einen Trunk und einen Imbiß, den ich euch gebracht.«

Er, der sich allein gewähnt, hatte beim ersten Klang der Stimme rasch umgeschaut. Sie hatte aber in dem dunkeln Raume nicht bemerkt, wie er beim Anblick der Sprecherin innerlich und äußerlich zusammenfuhr.

Sie sah in dem düstern Lichte nur einen bärtigen, abgezehrten Mann mit hohlen, dunklen Augen kurz auf sie hinblicken, sich wieder abwenden dem Altare zu und hörte dann die Worte:

»Edle Frau, habt Dank für euere Güte, aber ich hungere und dürste hier nach Reue und nach Buße und will und kann nicht essen und nicht trinken.«

»Wer büßen will, muß leben; drum kommt, frommer Mann, und esset und trinket, was ich euch gebracht habe,« antwortete die hohe weibliche Gestalt und näherte sich dem Geißler.

In diesem Augenblick fällt draußen vom Kirchhof ein Sonnenstrahl durch die kleinen Fenster der Kapelle und beleuchtet das Gesicht des Büßers, der ohne aufzuschauen erwidert:

»Leben will ich nimmer. Ich such' schon lang den Tod. Wer selbst gemordet, der soll sterben, und sterben will ich, aber, bis der Tod kommt, noch büßen, so viel ich kann.«

»Seid ihr denn ein Mörder, armer Mann?« so fragt die Dame, hastig auf ihn zuschreitend und mit Eifer in seinen Zügen forschend, als suche sie Bekanntes in denselben zu lesen.

»Ein Mörder bin ich, ein doppelter,« seufzt der Büßer und schlägt die Augen auf zu der, die nun vor ihm stand, und – »Rumo!« ruft sie, »Rumo!« und sinkt neben ihm nieder auf des Altares Stufen.

Der Büßer schnellt auf und will davon. Sie hält ihn am Arme fest und spricht:

»Rumo, du bist es! Bleibe! Ich laß' dich nimmer los, bis du derjenigen, die seit Jahren jede Stunde an dich gedacht und so lange schon um dich gelitten, erzählt hast, wie es dir ergangen ist und wie du hierher kommst. Wie oft hab' ich mich gesehnt, von dir zu hören! Du warst und bliebst verschollen, und ich war nach Jahr und Tag wohl die einzige Seele, die dich nie vergessen hat. Und jetzt muß ich dich heute treffen in dieser Gruft, ein Büßer und ein Geißler! Sprich, rede, erzähle, denn ich bin Herzeleide, um deretwillen du Heimat und alles verlassen mußtest!«

Er hatte sich an einen der alten Betstühle gelehnt, während Herzeleide, ihn am Arm festhaltend, diese Worte sprach, und er blickte vor sich hin wie ein schwer Kranker, der nach langer Umnachtung wieder zum Bewußtsein zurückkehrt.

»Ich glaubte,« so begann er, »unbeschrieen durch Hasela kommen zu können. Ihr aber, edle Herrin, habt mich hier gefunden und erkannt. So sei es denn und ich gestehe: Ich bin Rumo, des Harnaschers Sohn, einst eures Vaters Edelknecht. Alles andere wißt ihr – bis zu dem Tage, da euer Edelmut mich aus dem Burgverließ befreite und ich, euer Bild im Herzen, hinausirrte in die weite Welt.«

Herzeleide ließ jetzt seinen Arm los, nahm seine Rechte in die ihrige, setzte sich, zu ihm aufschauend, auf die Bank, an der er stand, und bat: »Erzähle, Rumo, erzähle!«

»Ich zog,« so fuhr er fort, »über die Berge und dann über den Rhein ins Welschland und wanderte, um mein Leben zu fristen, als fahrender Sänger von Burg zu Burg. Ich habe, Leid im Herzen, gesungen von Lust und Liebe, aber auch von Weh und Schmerz und manche Träne entlockt den Augen edler Damen und Herren, die nicht ahnten, wie wehe es mir selbst ums Herz war.«

»Ich ward gut belohnt und konnte leben wie ein Herr, konnte mir Reitpferde halten und Diener, die mich, meine Laute und meine Harfe trugen; aber glücklich war ich keine Stunde, weil fern der Heimat und all' dem, was ich in ihr war und besaß.«

»So vergingen mir zehn Jahre in welschen Landen, bis das Heimweh mich wieder heraustrieb in den Wasgau. Auf dieses Gaues Burgen sang ich und sang auch eines Tages bei dem freien Herrn Ulrich von Rappoltstein.«

»Ich mußte ihm alles vortragen, was unsere Minnesänger zu sagen wissen von der Liebe Leid, ihm allein in dem weiten Rittersaale seiner obersten Burg.«

»Einst sah ich ihn in eures Vaters Palas, jung, frisch und fröhlich. Jetzt fand ich ihn welk und lebensmüde und vereinsamt inmitten seiner drei herrlichen Burgen, die weit hinausschauen in herrliche Lande.«

»Er kannte mich natürlich nimmer; denn in dem bärtigen, blassen, hageren, fahrenden Mann hätte er eher alles vermuten können, als den Edelknecht Rumo, der einst in seiner Gegenwart den ersten Sängerpreis erhielt.«

»Doch über mein Herkommen und meine Heimat mußt' ich ihn täuschen, da wir am Abend beisammen saßen und er mich ausfrug.«

»Meine Diener, die bei des Herrn Ulrichs Gesinde hausten, erzählten mir am anderen Tage, da wir weiter zogen, seine Knechte hätten gesagt, daß ihr Herr stets so traurig sei, wie ich ihn gefunden. Einsam schlage er auf dem Söller seine Laute und singe melancholische Lieder oder schaue träumend hinüber nach dem Schwarzwald, wo eine Gräfin von Fürstenberg-Hasela wohne, die er liebe und nicht bekommen könne.«

»Na schlug's mir in die Seele, daß ich wohl schuld trüge an seinem Leid, und dieser Gedanke ließ mich fortan nimmer los. Tag und Nacht plagte er mich.«

»In dieser Stimmung trafen mich die Schrecken des schwarzen Todes, der überall einkehrte und überall Minne, Lied und Laute verstummen ließ. Ueberall, wo ich hinkam, gab's nur Leichen, Bußgesänge, Wehklagen und Angst.«

»Im Kloster Murbach, wo ich ein lieber Gast des Abtes war, da er gerne fahrende Sänger um sich sieht, fand ich eines Abends, als ich dort rasten wollte, in der Kirche zwölf von der Pest hingeraffte Mönche aufgebahrt und auf der Kanzel einen Prediger, der das Volk und seine Mitbrüder mit gewaltigen Worten zur Buße rief. Wie die Posaunen des Gerichts gingen seine Worte in die Herzen der Zuhörer und auch in das meinige. Alle Sündentaten der Menschen sprach er durch und stellte sie hin als die Ursachen der Pest.«

»Wie Gespenster standen während seiner Predigt auf einmal vor mir der Zwerg und der Knecht, die ich getötet in jener Nacht, da ich aus eures Vaters Burg floh, und eine Stimme in mir rief: Sühne, sühne, auch du hast zu Gottes Strafgericht, das jetzt über die Welt ergeht, beigetragen!«

»Am andern Morgen, nach qualvoller Nacht, schenkte ich mein Hab und Gut meinen welschen Knechten und ward ein dienender Bruder im Kloster; aber Ruhe fand ich keine.«

»Da zogen die Geißler durch die Lande; sie kamen auch gen Murbach, und mit ihnen verließ ich das Kloster und ward ein fahrender Büßer.«

»Die Geißelung gibt mir jeweils wieder Trost für kurze Stunden durch das Bewußtsein, daß ich büße und blute.«

»So ziehe ich seit Monden mit den Geißelbrüdern und singe, bete und büße. Ich hoffe zu Gott, daß meine Geißelfahrt mir Sühne bringe und meine Lebensfahrt bald zu Ende gehe.«

»Ihr seht, edle Herrin, daß der Tod schon aus meinen hohlen Augen schaut, und bald werd' ich sein wie die Schädel, die in dieser Gruft aufgebahrt sind und uns lehrend und mahnend angrinsen.« –

Schon lange hatten die Mägde Herzeleidens draußen auf die Herrin gewartet. Besorgt, warum diese so lange nicht wiederkomme, war eine derselben in die Kirche geschlichen und hatte hinabgeschaut in die Gruftkapelle.

Hier sah sie ihre Dame mit Tränen in den Augen vor dem Geißler sitzen und aufmerksam zuhören. Sie ging hinaus und meldete es der andern und dem Büßer auf der Steintreppe. Der meinte:

»O, stört sie nicht, eure Herrin. Unser Vorsänger wird ihr erzählen aus seinem Leben und ihr vielleicht Geheimnisse enthüllen, die wir Geißler alle nicht wissen.«

»Ich hab' euch ja schon gesagt, er ist wohl bewandert in höfischen Sitten und weiß, wie man reden muß mit Frauen, die in Burgen daheim sind.«

Indes fuhr drunten Rumo zu reden fort: »Darf ich nun fragen, edle Herrin, da ich doch einmal erkannt bin: Leben meine Eltern noch? und auch die eurigen? Ich habe bis zur Stunde von Hasela nichts mehr gesehen und gehört.«

»Meine Eltern,« so begann Herzeleide, die unter steten Tränen dem Geißler zugehört hatte, »meine Eltern sind tot.«

»Droben in der Kirche ruhen sie. Der Vater starb schon vor acht Jahren und die Mutter wenige Monate zuvor.Graf Götz starb im Juni 1341 und seine Gemahlin im Januar des gleichen Jahres. Auch deine Eltern, armer Rumo, – ich kann nicht ihr zu dir sagen – hat man draußen vor der Kirche begraben, den Vater vor drei Jahren, und die Mutter fiel vor kurzem der Pest zum Opfer. Ich habe beide zur letzten Ruhe geleiten helfen und deine Mutter oft besucht und getröstet. Sie hoffte immer, dich noch einmal im Leben zu sehen. Ihre einzige Freude war, daß ich für sie sorgte, als wär' sie meine eigene Mutter gewesen, und daß ich ihr unumwunden gestand, was du mir warst und was du gelitten hast um meinetwillen. So redeten wir beide denn gar oft von dir in Liebe und aus Liebe, und die Tränen der einen waren der Trost der andern.«

»Dein Bruder Ulin lebt noch und ist Harnascher an des Vaters Statt.«

»Wie ging es euch, edle Herrin, da ihr mir zur Flucht verholfen?« fragte Rumo und fügte bei: »Keine Stunde in den zwölf Jahren, die ich fern der Heimat war, ist vergangen, ohne daß ich mich nicht gegrämt und daran gedacht hatte, was ihr wohl möchtet damals gelitten haben um meiner Befreiung willen.«

»Da hast du dich umsonst gegrämt, guter Rumo,« entgegnete Herzeleide. »Ich gestand dem Vater alles, was ich getan; ich nahm alle Schuld auf mich, auch die Verführung des Weibes unseres Turmwächters, und dann sprach ich zu ihm: ›Jetzt kannst du mich in das Verließ legen, in welchem Rumo schmachtete. Da der fort ist, an dem mein Herz hängt, wohl für immer fort, liegt mir nichts mehr am Leben!‹«

Rumo durchzitterte bei den letzten Worten Herzeleidens eine innere Aufregung. Sie aber sprach weiter: »Ich hab' nicht gelitten unter der Tat deiner Befreiung – der Vater ließ mich fortan schweigend gewähren – wohl aber litt ich unter dem Gedanken, daß du um meinetwillen umherirrtest in fremden Landen und fern der Heimat ein hartes Brot essen müßtest.«

»Und heute muß ich dich so treffen, treffen unter Büßern und Geißlern, unter Mördern und Räubern!«

»Du bist aber kein Mörder, Rumo. Man hat dich schuldlos, für eine edle Tat, in den schrecklichsten Kerker geworfen, und es war Notwehr von deiner Seite, nicht mehr in jenes Verließ zurückgebracht zu werden, denn es handelte sich um dein eigen Leben und um einen qualvollen Tod.«

»Du bist ein Märtyrer, Rumo, ein unschuldig Verleumdeter um meinetwillen! Du hast gelitten um der Liebe willen, die ich dir verriet, ohne daß du sie gesucht hast. Ich habe drum, obwohl hoffnungslos, dir treu mein Herz bewahrt bis zur Stunde.«

»Doch heute, da ich dich, wenn auch im Bilde eines abgehärmten und gemarterten Büßers, wiedersehe, heute geht noch ein letzter Hoffnungsstern mir auf.«

»Höre, Rumo, was ich dir sage: Verlaß die Geißlerschar und bleibe hier. Folge mir in unsere Burg. Heile deinen Leib, den du in Marter und Buße hast verkümmern lassen. Herren in der Burg meines Vaters sind jetzt meine zwei Brüder – der jüngste, Johans, ist tot – Heinrich und Hug, die dir zugetan waren von ihrer Knabenzeit her und es geblieben sind bis heute. Sie wissen längst, um wen ich leide und warum ich eine Jungfrau geblieben bin. Oft sprechen wir von dir, und selbst der Vater hat es in seinen kranken Tagen bereut, gegen dich so hart gewesen zu sein.«

»Bereut hat er's, der gewaltige Mann?« – fragte lebhaft Rumo. »Und verziehen hat er mir den Mord?«

»Gewiß hat er's,« antwortete Herzeleide. »Er war bisweilen ein harter, strenger Mann, der Vater, aber in seiner letzten Krankheit siegte sein gutes Herz und sein gläubiger Sinn. Er ließ mich nimmer von seiner Seite und sprach oft sein Bedauern aus, dich und mich nicht glücklich gemacht zu haben. Und daß du den Zwerg und den Knecht niedergestoßen, hat er nur zu gut begriffen in deiner Lage.«

»Das schönste Lehen mit der schönsten Burg gäb' ich euch,« so sprach er manchmal, »wenn der Rumo noch lebte und da wäre.«

»Und der Pater Johannes, der ihn oft besuchte und dem er seine Sünden bekannte, hat uns wiederholt gesagt, so christlich wie unsern Vater hab' er noch keinen Ritter sterben sehen.«

»Also bleib' hier! Mein Vater wird in seiner Gruft, droben in der Kirche, sich freuen, wenn du bei seiner Herzeleide bleibst.«

»Edle Herrin,« nahm Rumo die Rede, »mein Leben ist zu Ende. Ich fühle es. Schaut mich nur an. Aus meinen hohlen Augen blickt der Tod so gewiß, als aus den Schädeln, die hier unsere stummen Zeugen sind.«

»Daß ich auch heute noch als eine wandelnde Leiche bei euch was gelte, verklärt mir meine Wanderjahre in fremden Landen und versüßt mir den Tod.«

»Aber hier bleiben kann ich nicht. Hier sterben will ich nicht, so wonnig mir auch der Gedanke wäre, hier zu modern neben meinen Eltern und zu wissen, daß ihr bisweilen auf meinem Grabe stündet und betetet für meine Ruhe. Ich habe mich den Geißlern zugeschworen, und mit ihnen will ich und muß ich ziehen und mich geißeln, bis ich zum Sterben niedersinke.«

»Ja, ich bin ein sterbender Mann, und Sterbenden versagt man eine Bitte nicht: eine Bitte aber hätt' ich noch auf dem Herzen, ehe ich scheide, eine Bitte, die mir einige Ruhe brächte und die ihr, edle Herrin, allein mir gewähren könnet.«

»Rumo, ich soll dir eine Bitte erfüllen in dem gleichen Augenblick, da du mir meinen einzigen Wunsch, daß du hier bliebest, abschlägst!« rief Herzeleide.

»Ich hab' euch, edle Herrin, eure Bitte abgeschlagen, weil ich sie nicht erfüllen kann. Ihr wollt, daß ich zum Leben zurückkehre, während ich dem Tode viel näher stehe als dem Leben.«

»Ihr wollt ferner, daß ich das Gelübde breche, welches ich Gott gemacht habe – zu büßen, bis ich sterbe. Ihr verlangt, daß ich Gott ungetreu werde, und das will euer frommer Sinn selber nicht.«

»Wenn du sterben mußt, Rumo, und es fühlst, so stirb wenigstens hier! Ich will dich pflegen auf unserer Burg und dir im Sterben vergelten, was du um meinetwillen im Leben erduldet hast!« antwortete erregt Herzeleide.

»Auf Burgen, edle Herrin, sterben selten Büßer, und ein Doppelmörder, wie ich, ist's nicht wert, so wohl verpflegt zu sterben,« gab Rumo hastig zurück, und seine Augen leuchteten unheimlich.

»Seht, wie die Totenschädel grinsen,« fuhr er fort, »und mich mahnen an meine Schuld! Doch, die ich gemordet, kann ich nimmer zum Leben rufen; aber dem freien Herrn Ulrich von Rappoltstein kann ich die Schuld noch zahlen, wenn ihr, edle Herrin, meine Bitte erfüllt und euere Hand ihm reicht.«

Er ließ sich bei diesen Worten auf ein Knie nieder, faßte die rechte Hand Herzeleidens und flehte: »Erfüllet den Wunsch eines Sterbenden und macht den Tod ihm leichter! Dann will er im Frieden scheiden und dankbaren Herzens der edlen Herrin gedenken, der er allzeit treu gedient und deren Bild ihn begleitet hat in die weite, weite Welt bis zu dem Tage, da der Geist der Buße über ihn kam und ihn zu den Geißlern trieb, bei denen er leben und sterben will!«

»Ihr, edle Herrin, strahlt noch von Frauenschönheit. Ihr könnt noch jenen Mann beglücken, der seit Jahren auf seinen stolzen Burgen um euch trauert, und würdet dadurch mir, dem armen Sünder und Büßer, dem die Welt vergällt ist für ewig, die eine meiner Geistesplagen abnehmen, dem freien Herrn von Rappoltstein sein Leben verbittert zu haben. Erfüllt mein Flehen, vergeßt mich und gedenkt, was unsere Liebe betrifft, der Worte im Liede der Nibelungen, ›daß immer allerletzt zu Leid sich Liebe wende!‹«

»Armer Rumo,« so begann Herzeleide, »ich sehe, du bist nicht zu bekehren. Du bist krank am Leibe und krank am Geiste. Du wardst erfaßt von dem allgemeinen Ruf nach Buße dem großen Sterben gegenüber. Die Angst, welche in die Menschen fuhr ob der vielen Toten, hat, wie eine Geisteskrankheit, nicht bloß Sünder erfaßt, sie hat auch Unschuldige verwirrt, so daß sie sich für große Frevler halten. Und zu diesen gehörst auch du.«

»In diesem Wahn hast du, edler, braver, getreuer Rumo, deinen Leib gepeinigt, so daß jetzt der Tod aus deinen Augen schaut, während dein Geist immer elender und verwirrter wird.«

»Du hast meinetwegen viel gelitten, meinetwegen die Verbannung getragen, meinetwegen die Geißelfahrten unternommen; ich will auch deinetwegen dem Herrn Ulrich von Rappoltstein, den ich hochachte, das Jawort geben, wenn er, wie alljährlich seit 12 Jahren, wieder anfragt, ob ich seine Hausfrau werden wolle.«

»Du aber, einziger Rumo, ziehe mit Gott von dannen, wohin dein kranker Geist dich treibt in dieser schrecklichen Zeit, nie vergessen von Herzeleide, der Gräfin von Fürstenberg-Hasela, die nur einmal im Leben geliebt hat – dich, den Sohn des armen Harnaschers!«

Nun nahm sie das bleiche Haupt Rumos und seine grauen Haarlocken in ihre beiden Hände und küßte mit aller Kraft ihres Mundes und ihres Herzens das Marterbild des geliebten Mannes, der sich ihr aber rasch entwand und, als hätte er zu einer neuen Sünde geholfen, – die Treppe hinauf ans Licht des Tages floh.

Herzeleide sank vor dem Altar auf ihre Kniee und ließ den Tränen ihres Schmerzes vollen Lauf. –

Draußen auf dem Kirchhof, den Rumo jetzt verwirrten Sinnes betrat, ordnete sich die Geißlerfahrt bereits zum Abzug. Einer der Büßer las den ehrbaren Leuten von Hasela, wie überall, wo die Geißler hinkamen, zum Abschied den Brief des Herrn Jesu Christi vor, den dieser durch einen Engel auf den Altar des hl. Petrus zu Jerusalem hatte niederlegen lassen und in welchem er die Menschen zur Buße und Geißelung aufforderte.

Zwei Männer meldeten sich, da der Brief verlesen war, in die Gesellschaft der Büßer an. Der eine von ihnen war Wirich, der Edelknecht von Schnellingen, und die Bürger von Hasela meinten, der dürfe schon mit, denn er habe manches abzubüßen.

Die Geißler erhielten alsdann von den frommen Frauen des Städtchens reichlich Beisteuer an Geld und geweihten Kerzen.

Jetzt gab der Meister denen, die auf dem Kirchturm seines Winkes harrten, ein Zeichen. Alle Glocken begannen zu läuten, die Büßer hefteten ihre Geißeln um den Leib, warfen ihre Mäntel um, nahmen in die Linke eine brennende Kerze und in die Rechte den Wanderstab und ordneten sich zur Prozession.

Der Vorsänger stimmte den beim Fortziehen üblichen Leis an, und alle sangen:

O Herre Vater, Jesu Christ,
Da du allein ein Herre bist.
Der uns die Sünden mag vergeben,
Nun gefrist uns unser Leben,
Daß wir beweinen deinen Tod
Und dir klagen, Herre, uns're Not!

Beim Läuten der Glocken hatte Herzeleide die Gruftkapelle verlassen und ihre Tränen, so gut es ging, getrocknet. Zu ihren Mägden, die befremdend an ihr hinaufschauten, als sie aus der Kirchentüre trat, sprach sie: »Der arme Büßer, der mir sein Leben erzählt, hat mich zu Tränen gerührt.«

»Und von uns,« so erzählten die Mägde, »nahm er einen Trunk, da wir ihm sagten, der Wein komme aus der Burg. Aber die Tränen rannen ihm in den Krug, und auch uns erfaßte großes Mitleid mit dem bleichen, abgehärmten Mann, der einen anschaut wie das große Kruzifix in der Gruftkapelle.«

»Seht, Herrin!« rief eine der Mägde, die Ursula, »dort kommt er mit der Prozession, die, ehe sie fortzieht, noch einen Umgang um die Kirche tut.«

Der Zug kam eben unter dem Kirchturm durch, um sich nun der Stadt und dem obern Tore zuzuwenden, Herzeleide schaute mit ganzer Seele auf den Vorsänger, der neben dem Meister unverwandten Blickes dahinschritt, eine brennende Kerze in der Hand und unter Tränen singend.

»Seht, Herrin, er weint noch!« rief die Ursula wieder.

»Laß ihn weinen, ich weine auch,« sprach leise Herzeleide, und schaute dem Vorsänger nach, bis er ihren Blicken entschwand.

In ihrem Innern aber sprach's: »Er muß es doch noch fühlen, was er mir war. Diese Tränen sahen nicht wie Bußtränen aus, sondern wie Tränen der Liebe.«

»Ihr könnt dem Zug noch folgen bis zum obern Tor,« sagte sie den Mägden und schickte sie fort. Sie selbst aber ging nochmal in die Kapelle hinab, mutterseelenallein, und weinte, weinte und betete bis zum Abend. –

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