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Der steinerne Mann von Hasle

Heinrich Hansjakob: Der steinerne Mann von Hasle - Kapitel 13
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Hansjakob
titleDer steinerne Mann von Hasle
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
seriesHeinrich Hansjakob ? Ausgewählte Erzählungen
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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13.

Der Sommer lag im Lande. Die Reben blühten an den Halden im Kinzigtal, die Halme auf den Feldern am Flusse hin begannen zu gelben, und heiß und gewitterschwül lag die Junisonne über Berg und Tal.

In diesen Tagen sollte sich auch das Gewitter über den Häuptern der Grafen von Hasela zusammenziehen. Es traf sie nicht unvorbereitet. Wirich von Schnellingen und der Jude von Straßburg hatten ihre Aufträge gut besorgt.

Am Montag vor Barnabas (11. Juni) war der Wirich, so schnell er auf seinem alten Hengste es konnte, das Tal herauf geritten gekommen.

In Schweiß gebadet war er im Burghof von Hasela vom Pferd gestiegen, hatte Wehr und Waffen abgelegt und dem Grafen Götz, der in der großen Laube hinter dem »Palas« saß, also berichtet:

»Gnädiger Herr, ich bring' ernste Botschaft. Sie kommen! Auf den Tag nach Sankt Johans zur Sungichten sind sie zusammenbestellt auf die Ebene unter der Burg von Windeck, bei der Kapelle unter den Linden. Dorthin kommen auch die Pfälzer und die Württemberger. Es sollen gegen 300 Ritter und Edelknechte sein.«

»Wirich, jetzt hast du einen neuen Hengst verdient!« rief Graf Götz aus. »Aber sag mir, du Teufelskerl, wie hast du das alles erfahren?«

»Das war nicht leicht, Herr, ich will's euch künden:

»Ihr wißt, daß ich die Staufenburg zu meinem Standquartier gemacht habe, wo mich auf euere Empfehlung hin Reinbold, der Burgherr, gerne aufnahm, und wo sein junger Bruder, der Humbele von Staufenberg, mein Freund ist.«

»Der Humbele und ich ritten nun fast jeden Tag auswärts auf benachbarte Burgen, wo Ritter und Edelknechte sitzen, die dem Markgrafen Hermann oder dem Grafen von Eberstein dienstbar sind.«

»Ueberall ließ ich durchblicken, daß ich mit meinen Herren von Hasela nicht auf bestem Fuße stände, daß wir uns entzweit hätten über einen Fang, den ich getan, da ich einen Krämer aus Horb am Neckar, der von Straßburg kam, niederschlug und meinen Grafen nichts von der Beute gab.«

»So ritten wir zu den Edelknechten Arbogast und Johans die Röder auf Hohenrod, zu Rüdiger von Achern, zu Konrad von Großwir, zu Stöckelin von Kappel, Konrad von Bache und Reinold von Windeck.«

»Ueberall fanden wir willigen Einlaß und große Humpen; überall konnte man hören, daß Graf Götz von Hasela als Gewaltmensch verschrieen ist, aber nirgends in den ersten zwei Wochen was Greifbares erfahren.«

»In der dritten Woche war Jahrmarkt in Bühl; da meinte Freund Humbele, auf den müßten wir reiten. Dahin zögen alle Edelknechte der Umgegend, tanzten und tränken sich voll. In diesem Stadium müßten wir einen oder den anderen anlassen und kämen dann sicher zum Ziel.«

»Und er hatte recht, der Humbele. In Bühl ging's toll her; Buren und Edelknechte tranken, als ob sie einen Durst von zehn Jahren her mit auf den Jahrmarkt gebracht hätten.«

»In der Herberge zum Raben hatten die Edelknechte ihre Niederlage, und dort suchten wir sie auf und fanden sie – es war am Nachmittag – schon ziemlich voll des guten Weines, den man Affentaler heißt und der in riesigen Kannen auf den Tischen stund.«

»Ha, da kommt der Wirich von Schnellingen!« rief, den Humpen mir entgegenhaltend, Berthold von Großwir, der Bruder des Konrad, uns entgegen. »Trink, Wirich, von unserem Gewächs,« fuhr er fort, »bald kommen wir zu euch hinauf und dann wollen wir sehen, was für ein Tropfen über deiner Burg wächst.«

»Ich tat ihm aus seinem Humpen Bescheid und sprach dann: ›Berthold, wenn du meinen Roten versuchen willst, mußt du bald kommen. Mein bestes Faß ist bereits leer‹«

»Das tun wir auch, bald kommen. Wenn Sankt Johans die Sonn wend't, kannst deine Humpen richten,« – gab der Edelknecht von Großwir zurück.«

»Und du darfst froh sein, daß wir kommen, Wirich,« nahm jetzt Reinold von Windeck, der neben dem Berthold saß, das Wort. »Wir machen einmal deinen wilden Grafen klein, mit dem du ja auch nicht grün stehst, wie du auf meiner Burg vorletzte Woche selbst erzählt hast.«

»Hab' nichts dagegen, wenn ihr ihn recht zähmt,« erwiderte ich. »Aber mich und meine Schnellinger Bauern werdet ihr hoffentlich verschonen, wenn ihr die Gegend um Hasela herum unsicher macht.«

»Das versteht sich,« – entgegnete lachend der Windecker, »aber dein Faß vom Besten leeren wir.«

»Das will ich gerne opfern,« gab ich zur Antwort. »Möcht' aber wissen, wann ihr kommt, damit ich auch daheim bin.«

»An Sankt Johanstag, hab's ja schon gesagt,« bekannte nun nochmals Berthold von Großwir, »treffen wir uns beim Tagesgrauen an der Kapelle unserer lieben Frau unter den Linden. Dort liest uns der Leutpriester von Otterswir eine Messe, und dann geht's landauf.«

»Beim Abt in Gengenbach wollen wir nächtigen und am andern Morgen zeitig vor Hasela erscheinen und deinem Grafen Respekt einflößen.«

»Wenn du aber unser Kommen verrätst, so reißen wir deine Burg zu Boden, hängen dich an den nächsten besten Baum und deinen Bauern brennen wir ihre Hütten über dem Kopf zusammen.«

»Was denkst du. Berthold, ich euch verraten!« gab ich zurück. »Der Wirich von Schnellingen ist ja froh, daß ihr kommt. Verschont nur mich und meine Bauern; was ihr sonst mit denen in und um Hasela macht, geht mich nichts an.«

»Und daß ich's ehrlich mit euch meine, darauf hin wollen wir jetzt eins trinken. Wirt, füllt die Humpen vom besten Affentaler!«

»Und ich setzte mich zu ihnen und trank mit ihnen, bis sie heimritten, auf ihren Hengsten schwankend und wankend. Der Humbele und ich aber zogen als die letzten spät in der Nacht noch hinauf auf die Staufenburg.«

»Heute hab' ich in aller Frühe satteln lassen und bin scharf Hasela zu geritten, um zu berichten, was mein gnädiger Herr eben gehört.«

»Hast deine Sache brav gemacht, Wirich,« sprach der Graf, dem Erzähler freudig die Hand schüttelnd. »Und wenn wir den Feinden, die im Anzug sind, keinen schönen Hengst abjagen, so schenk' ich dir einen aus meinem eigenen Stall. Dazu sollst du noch die fünf Höfe in Welschbollenbach ganz in deiner Nachbarschaft als Lehen erhalten. Ihr Schnellinger seid eurer viele, und du kannst es wohl brauchen.«

»Aber jetzt erfrische dich, nimm ein Bad, trink einen Humpen und iß was. Dann gehst du hinüber nach deiner Burg und lassest deinen Bruder Krispin abreiten mit der Botschaft, die ich jetzt schreibe, während du dich erholst, und die hinaufgebracht werden muß nach Wolfa zu meinem Vetter, nach Schiltach zum Herzog von Teck und zu den Grafen von Hohenberg und Nellenburg.«

»Nimmst einen von meinen Hengsten mit. Den soll der Krispin reiten. Und du setzest die Ritter und Edelknechte meiner Herrschaft in den nächsten Tagen in Kenntnis. Am Vorabend von Sankt Johans zur Sungichten müssen alle hier einreiten. Mein Plan ist schon gemacht; die Herren vom Unterland sollen in eine rechte Mausfalle geraten und ihnen die Lust fortan vergehen, den Grafen Götz von Hasela heimzusuchen.«

»Ehrliche Ritterart ist's, einem erst abzusagen; aber diese Herren wollen mich heimlich überfallen, drum sollen sie nach Gebühr empfangen werden.« –

Am Tage vor Sankt Johans ging reges Leben durchs obere Kinzigtal. In Zwischenräumen ritten größere und kleinere Fähnlein Reisiger talab Hasela zu.

Der erste, welcher zum obern Tor des Städtchens mit seinen Leuten einritt, war der Herzog Lutzmann von Teck, des Grafen Götz bewährter Freund, der letzte Rumo, des Harnaschers Sohn, den der Graf von Hohenberg seinen Vettern nebst 25 reisigen Knechten zusandte.

Als diese vor der Burg anhielten, Rumo abstieg und vor den Burgherrn trat in voller Rüstung, aber mit offenem Visier, und ihm einen Brief übergab vom Grafen Hohenberg, seinem gnädigen Herrn, da schaute ihn Graf Götz erst fest an und sprach dann: »Bist du nicht unser Rumo?«

»Der bin ich, Herr!«

»Donner und Blitz, du hast dich gemacht auf Hohenberg, bist ja ein vollendeter Ritter geworden, groß und stark und kriegerisch dreinschauend. Sei mir willkommen! In der Burg wird alles staunen, wenn sie dich sehen.«

»Und was ich da lese, ist auch nicht schlecht. Mein Vetter schreibt, er sende mir keine Ritter, aber seinen Waffenträger und den edelsten und tapfersten seiner Knechte mit einer Anzahl diesem ergebener Reisigen. Das ist ein großes Kompliment für dich.«

»Jetzt laß deine Leute absteigen. Schau, wo du Unterkunft für sie findest bei den dir bekannten Bürgern – in meiner Burg ist längst alles besetzt – und dann komm wieder. Für dich wird die Gräfin schon noch ein Spannbett haben, wenn du nicht lieber bei deinen Eltern wohnst.«

»Und was du im Waffenhandwerk gelernt hast, kannst nun bald erproben.«

»Wie steht's mit dem Singen? Singst du noch immer viel? Daß du meiner Base die Schwermut weggesungen, weiß ich schon längst. Und ich hab' dich auch drum Jahr und Tag auf Hohenberg gelassen, weil sie dich so gerne haben dort.«

»Aber jetzt, nachdem ich dich wieder gesehen, werd' ich dich bald einheimsen. Solch' stattliche Reisige kann ich auch brauchen. Und wenn wir die Vasallen der Herren vom Unterland heimgeschickt haben, wollen wir zwei auch hier wieder singen.«

»Ich singe immer noch gerne, Herr Graf,« erwiderte bescheiden Rumo, »und mein gnädiger Herr von Hohenberg meint, meine Stimme werde immer kräftiger.« –

Hasela glich an jenem Abend einem Kriegslager. Gegen dreihundert Reisige lagen in seinen Mauern. Ueberall sah man geharnischte Rosse und geharnischte Reiter.

Auch die Bürger rüsteten vor ihren Häusern ihre Wehr und ihre Waffen zu, denn Pater Johannes, der Prediger, hatte sie leicht gewonnen für des Grafen Plan, den sie jetzt alle kannten so gut wie die Bauern ringsum, welche ihre Hellebarden, Morgensterne, Streitäxte und Streitkolben schon parat hielten.

Kriegerische Gesänge ertönten in den Straßen; die reisigen Knechte halfen scherzend den Mägden an den Ziehbrunnen Wasser schöpfen; in den Trinkstuben und Herbergen saßen Bürger und Reisige beisammen, und in der Burg pokulierten die Ritter und Herren und machten daneben Pläne zum Empfang der Feinde. –

Der Wächter vom Turm der Pfarrkirche hatte längst die erste Stunde des anbrechenden Tages gerufen, als es endlich stille wurde über Burg und Stadt.

In der Frühe des kommenden Morgens und bis Mittag schien das mittlere Kinzigtal ausgestorben. Wer von oben her gegen Hasela zog, wurde eingelassen, aber er mußte bleiben und durfte nicht talab. Das untere Tor war und blieb verschlossen. Nur zum Bertor, das in die südlichen Seitentäler führte, ritt bisweilen noch einer der benachbarten Edelknechte hinaus mit Botschaft und Befehlen an die Bauern.

Unterhalb des Städtchens, auf dem alten Burgbühl, der weite Fernsicht gestattet, talauf und talab, stand am Nachmittag spähend Rumo, des Harnaschers Sohn von Hasela und Edelknecht des Grafen von Hohenberg.

Er war aber nicht in kriegerischer, sondern in höfischer Tracht, in kurzem, farbigem Wappenrock und engen Beinkleidern. Den Kopf deckte die Schaprunkappe, und um die Lenden trug er ein kurzes Schwert.

Er machte so noch eine viel elegantere und vornehmere Figur als in Harnisch und Helm, obwohl auch die ihm, wie wir aus des Grafen Götz Mund gehört, gar trefflich anstunden.

Während er so spähte, kam ein armes Weib aus dem Gebüsch. Es hatte Erdbeeren gesucht am Burgberg herauf. Rumo kannte dasselbe alsbald und sprach:

»Was treibst du da oben, Gunde? Weißt du nicht, daß niemand um den Weg sein soll heute, sondern alles hinter den Mauern der Stadt?«

»Ei, wer ist der Herr, der mich beim Namen nennt? Ihr seid mir fremd, ich aber euch scheint's nicht,« meinte höhnisch die Kunigunde, eine in Hasela und Umgegend als Hexe verschrieene Bettlerin.

»Ich brauch' keine Mauern und kein Haus; im Sommer ist der Wald meine Herberge. Da ist's schöner als in einer finsteren Kammer, und da loben alle guten Geister Gott den Herrn.«

»Kennt ihr mich nicht mehr, Gunde?« nahm Rumo wieder das Wort. »Ich hab' euch manchmal ›Hexe‹ nachgerufen, da ich noch ein Knabe war. Ich bin der Sohn des Harnaschers am Bach und heiße Rumo.«

»So, so, ihr seid's?« antwortete die Alte langsam und mit ihren grellen Augen den jungen, schönen Mann von oben bis unten betrachtend.

»Ein Junker geworden des Harnaschers Sohn?« fuhr sie fort. »Ei, ei, die Buben der Handwerker bringen es weit!«

»Aber ihr dauert mich, junger Herr, obwohl ihr als Knabe mich beschimpft habt. Ihr dauert mich,« wiederholte ernst die Gunde.

»Warum?« fragte Rumo hastig und durch die feierlichen Mienen der Bettlerin etwas erschreckt.

»Es ist besser, ich sag's euch nit. In die eigene Zukunft schauen ist selten gut.«

»Ich will's aber wissen, Gunde. Ihr scheint doch eine Hexe zu sein, daß ihr in meine Zukunft schauen könnt!«

»Ja, ich kann's, und wär's eine gute, in die ich schaue, ich wollt' sie gern euch künden.«

»Ich glaub' nicht an euere Hexerei, Gunde, drum sagt's nur keck,« meinte lachend Rumo, der jetzt, obwohl innerlich erregt, den starken Geist spielen wollte. »Ich laß' euch nicht weiter ziehen, eh' ich's weiß.«

Er schaute bei den letzten Worten das Tal hinunter und sah Staubwolken in der Ferne und blinkende Helme.

»Sputet euch, Gunde,« rief er jetzt, »mir wahrzusagen, ich muß fort, und ihr müßt mit; denn ich laß' euch nimmer da oben, ihr möchtet sonst unsere Stadt und Herrschaft an den Feind verraten, der dort unten heraufkommt und keine menschliche Seele treffen darf, die ihm Kundschaft geben könnte.«

»Ich weiß zwar, was drunten im Städtle vorgeht, und hab' mich zeitig noch aus dem Tor geschlichen, aber Verrat übt die Gunde nimmermehr,« sprach ernst die Alte. »Viele Leute spotten meiner zwar dort, aber viele sind auch gut gegen mich. Und um der Guten willen werd' ich nichts verraten. Es wird mich auch kein fremder Reiter sehen, denn ich gehe jetzt da den Wald hinauf, wo ich nur Füchse und bisweilen einen Wolf treffe, aber keinen Menschen.«

»Aber sagt mir, was ihr von meiner Zukunft wißt,« forderte aufgeregt Rumo. »Ich hab' Eile, muß Botschaft bringen ins Städtle, ehe die Reiter dort drunten angerückt sind. Redet, sonst ziehe ich euch den Berg hinab und ihr müßt mit hinter die Mauern!« Bei diesen Worten faßte Rumo die Alte am Arme.

»So wisset denn,« sprach die Gunde, »ihr seid jetzt ein Edelknecht und überall gerne gesehen und gehört und werdet noch höher steigen – aber – denkt an mich – ihr müßt als ruheloser – Bettler sterben!«

»Und wenn die Stunde kommt, dann denkt an die Gunde und an diese Stunde. Behüt' euch Gott, und er geb' euch Kraft in schlimmen Tagen.«

Rumo ließ die Bettlerin los, die wie eine Seherin vor ihm stand. »Es wird schon anders kommen,« sprach er, »denn wenn alte Weiber die Zukunft wüßten, wär' es schlecht bestellt in der Welt. Geht rasch in den Wald, Gunde, und ich lauf' dem Städtchen zu!«

Er eilte, so gut er konnte, bergab; die Gunde aber schritt bedächtig in das Dickicht und murmelte vor sich hin: »Der junge Mensch wird an mich denken und an die alten Weiber. – Wehe dem, der unsereins verspottet!« –

Rumo, der Edelknecht, war noch nicht lange mit seiner Meldung im Städtle angekommen, als die geharnischten Reiter, einige Hundert an der Zahl, beim untern Tor sichtbar wurden.

Einer von ihnen, es war Konrad von Bache, ritt vor das Tor und schlug mit seiner Streitaxt an dasselbe.

Als der Turmwächter auf der Zinne erschien und nach ihrem Begehr fragte, sprach der Edelknecht: »Dreihundert Ritter, Edelknechte und Reisige widersagen von Stund' an dem Grafen Götz von Hasela. Gehe hin und melde unsere Absage!«

Der Wächter ging, und bald darauf erschien Klein-Künlin von Bärenbach auf der Zinne und verkündete höhnisch: »Mein Herr, der Graf Götz von Hasela, nimmt euere Absage an und ersucht die Herren, sich's einstweilen vor ben Toren bequem zu machen, bis sie ein besseres Quartier finden.«

Der Hohn des gräflichen Herolds und die unheimliche Stille ringsum machte die feindliche Schar stutzig.

»Wir besetzen jetzt einstweilen die Tore,« riet ein alter Edelknecht des Pfalzgrafen bei Rhein, Räfeli von Menzingen, »und dann schlagen wir dort in jener Waldecke ein Lager; die Karren mit den Zelten werden ja bald nachkommen. So sitzen wir dem Vogel vor das Nest, bis er ausfliegt, und indes brandschatzen wir seine Bauern und verwüsten das Land.«

Der Rat ward angenommen. Zwischen zwei Wäldern lag gen Westen, unweit des Städtchens, eine Wiesenfläche. Diese wurde zum Lager gewählt und dasselbe, so gut es ging, durch Verhaue verschanzt.

Reinold von Windeck aber und Berthold von Großwir ritten durch die Kinzig hinüber an die Berghalde von Schnellingen, von wo die Burg des Wirich im Abendsonnenschein herüberblinkte. Sie hatten Durst, die zwei Ritter, und freuten sich auf Wirichs Roten.

Doch, da sie an die Feste kamen, war die Zugbrücke aufgezogen, und der Wächter verkündete ihnen, die Herren von Schnellingen seien nicht zu Hause, und er habe Befehl, niemanden, wer er auch sei, einzulassen.

Ob sie wollten oder nicht, die beiden mußten durstig abziehen, und sie taten es, fluchend und drohend. –

Während dies draußen geschah vor den Mauern von Hasela, ging's drinnen auch nicht müßig zu. Graf Götz und seine Ritter beichteten, wie es üblich war in jener Zeit, noch am Abend und machten ihren Frieden mit dem Himmel.

Dann wurden die Harnische geprüft, die Pferde und ihr Beschlag, die Waffen und die Helmzier untersucht; denn, so hatte es der Graf verabredet, morgen in aller Frühe sollten die Feinde überfallen werden. Graf Johans sollte nicht mit; er kränkelte seit einiger Zeit, und sein Bruder empfahl ihm Schonung.Er starb am 7. November 1332.

Wirich von Schnellingen und Fritsche von Sulzbach, ebenso Töbelin, der Jung, von Bischerbach hatten sich schon am frühen Nachmittag aus den Toren gemacht, um den Bauern die Losung zu bringen. –

Der Morgen graut und es wird lebendig in ganz Hasela. Zum Gotteshaus ziehen alle Männer und empfangen das hl. Sakrament. Das Wetter ist hell, der Himmel blau. Alles rüstet sich zum Kampf. Die Scharen der Bürger rücken vor die Burg. Die Knechte satteln die Streithengste der Ritter und Herren.

Auf ein Glockenzeichen regt sich's in den Wäldern im Rücken des Feindes, in dessen Lager sich die Knechte eben erst die Augen ausreiben, um dann für die Pferde zu sorgen.

In hellen Haufen stürmen Bauern, mit Spießen und Hellebarden bewaffnet, aus dem Wald dem Lager zu. Im selben Augenblick ertönen die Hörner vom Städtle her; das Tor hat sich geöffnet, die feindlichen Wächter vor demselben staunen über die dichten Scharen, die ihm entströmen, und fliehen.

Zuerst rücken die Bürger zu Fuß aus, hinter ihnen die Reiterscharen in gedrängten Zügen. Weithin leuchtet unter den Kriegern das weiße Gewand eines Dominikaner-Mönchs. Es ist Johannes ab Hasela, der die Streiter vor das Tor begleitet und noch einmal, wie es Sitte der Zeit war, ein kurzes Stoßgebet spricht: »Sankt Marie, Mutter und Maid, all' unsere Not sei dir gesait!«

Dann stimmen alle den Schlachtruf an: »In Gottes Namen fahren wir. Kyrie eleyson!« Und los geht's auf das unferne Lager des Feindes.

»Wir sind verloren!« ruft hier ein alter Ritter, Künlin von Oewisheim, ein Dienstmann des Grafen Rudolf von Baden, als er so viele Feinde von allen Seiten anrücken sieht.

Im Nu sitzen er und seine Genossen auf ihren Hengsten und bilden eine Schlachtordnung, gegen welche Bauern und Bürger vergeblich anstürmen.

Erst als Graf Götz seine Reiterschar mit eingelegten Lanzen vorsprengen ließ, wurde der Kampf ernstlicher, und Feuer sprühte von den getroffenen Helmen und Rüstungen.

Der Schlachtruf hallte, die ehernen Hörner schmetterten. Rosse stürzten, Ritter fielen. Aber immer noch stand die Phalanx der feindlichen Reiter wie eine Mauer, sich immer wieder schließend, wenn einer sattellos geworden.

Da sprengt aus Götzens Reihen ein geharnischter Mann vor, wirft mit Riesenkraft einen der Gegner aus dem Sattel, dringt an dessen Stelle in die Ordnung des Feindes ein, die andern ihm nach.

Jetzt ergreift Verwirrung und Schrecken die feindlichen Reiter. Ihre Schlachtordnung löst sich auf, aber die Mannen wehren sich noch wie Löwen, denn feige sein war die höchste Schmach jener Zeit.

Die Einzelkämpfe beginnen. Manch einer fliegt vom Sattel, wird übermannt, seines Helmes und seines Herseniers entkleidet und hat keine andere Wahl, als sich zu ergeben oder zu sterben.

Manch einer wird im Sattel wehrlos gemacht und dann samt seinem Streitroß gefangen genommen.

Bald blieb, wenn sie nicht alle gefangen werden wollten, den feindlichen Reitern nichts anderes übrig, als nach tapferster Gegenwehr sich durchzuschlagen.

»Laßt laufen, was nicht gefangen ist!« rief Graf Götz. »Es muß auch noch eine Anzahl heimkommen, auf daß sie in Heidelberg, Pforzheim, Baden und Stuttgart melden können, wie der Graf Götz sie empfangen hat.« –

Der Sieg war groß und gründlich. Nicht weniger als vierzig Ritter und Edelknechte waren gefangen. Die gleiche Zahl deckte die Walstatt.

Aus all der Herren Länder, die in Pforzheim sich gegen die Herren von Hasela verschworen, waren Vertreter unter den Gefangenen, so die Edelknechte Konrad von Bache, Rafan der Göler von Rafansberg, Gerlach von Dürrmenz, Konrad der Smögerer von Mönsheim, Ulrich von Oewisheim, Ulrich von Gemmingen, Eberhard von Flehingen, Fritsche von Tiefenau, Konrad der Pfau von Rüppur, Merkeli von Bühl, Siegfried von Michelbach, Otto von Selbach, Berthold von Großwir, Albrecht von Bosenstein und andere.

Das Gepäck und die Wagenburg fielen ganz in die Hände der Bürger und Bauern des Grafen von Fürstenberg, der ihnen alles ließ, was sie als Beute nehmen wollten.

Drinnen aber in der Burg von Hasela, in deren Verließen die Gefangenen untergebracht wurden, ward der Sieg am Abend gefeiert mit aller Fröhlichkeit. Bis tief in die Nacht wurde bei Kerzenlicht getafelt, getrunken und gesungen.

Draußen auf den Straßen und Plätzen der Stadt tranken und sangen die Bürger und die Bauern, denen der Graf seinen Weinkeller auch zur Verfügung gestellt hatte.

Den Preis des Helden aber gestand der Feldhauptmann dem Edelknecht des Grafen Rudolf von Hohenberg, Rumo, des Harnaschers Sohn von Hasela, zu.

Er war's gewesen, der das Treffen der feindlichen Reiter gesprengt und nicht weniger als zehn Reisige vom Sattel geworfen und gefangen genommen hatte.

»Dich, Rumo,« so sprach Graf Götz, »laß' ich keinen Tag langer auf Burg Hohenberg. Solch einen Kerl, wie du, muß ich hier haben. Wer weiß, ob nicht die Herren selber kommen, deren Diener ich jetzt heimgeschickt, und dann kann ich Leute, wie dich, gut brauchen.«

»Du bist jetzt noch zu jung, aber noch eine solche Tat, und ich schlage dich trotzdem zum Ritter!« –

Graf Götz von Hasela hatte fortan Ruhe. Die Gefangenen lagen mit zeitweiligem Urlaub fast drei Jahre lang in seinen Burgverliesen, bis alle das Lösegeld erlegt hatten. Aber sie alle und ihre Herren mit ihnen schworen schließlich Urfehde, d. h. sie gelobten, sich weder am Grafen von Hasela, noch an seinem Vetter, dem Grafen Heinrich von Fürstenberg, und ihren Söhnen zu rächen wegen ausgestandener Gefangenschaft.

Die kleine Ebene aber, auf der Graf Götz seine Feinde im Sommer 1332 niederschlug, heißt bis zur Stunde »die Kampfäcker«.

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