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Der steinerne Mann von Hasle

Heinrich Hansjakob: Der steinerne Mann von Hasle - Kapitel 12
Quellenangabe
typenovelette
authorHeinrich Hansjakob
titleDer steinerne Mann von Hasle
publisherVerlag von Adolf Bonz & Comp.
seriesHeinrich Hansjakob ? Ausgewählte Erzählungen
volumeDritter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071209
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12.

Es ist ein schöner Maientag des Jahres 1332. Die Menschen jener Tage, die noch nicht so behaglich wohnten wie wir heute, freuten sich weit mehr über die Frühlings- und Sommerszeit als wir, vorab aber im »holden Maien«. Drum hatte Markgraf Rudolf von Baden seine Nachbarn geladen, eine Maienfahrt zu machen auf seine Burg nach Pforzheim. Diese Nachbarn waren sein Vetter, der Markgraf Hermann auf der Burg zu Baden, Ruprecht, der Pfalzgraf zu Heidelberg, und Graf Ulrich von Württemberg zu Stuttgart.

Die Gäste kamen, und im Garten der Burg, an welcher das Wasser der Ragold vorbeirauschte, hielten sie unter dem ersten Laub des Frühlings und zwischen seinen ersten Blumen ein fröhlich Mahl.

Die Gemahlin des Gastgebers, Maria, Gräfin von Oettingen, saß mit den Herren zu Tische. Diese besprachen während des Mahles allerlei Angelegenheiten.

In Gegenwart aller bedankte sich Graf Ulrich bei seinem Freunde, dem Grafen Rudolf, daß er ihn im vergangenen März von dem Juden Jeckelin in Straßburg und seiner Gesellschaft mit 1200 Pfund Heller gelöst habe.

Einstimmig waren die Grafen der Meinung, daß selten ein adeliger Herr am Oberrhein sitze, der nicht den Juden in Straßburg und Basel schuldig sei.

»Das Geld ist in unseren Tagen schrecklich rar auf den Burgen,« meinte Graf Ulrich. »Es findet sich mehr und mehr in den Städten und hier meist bei den Juden.«

»Und denen wird es am wenigsten abgenommen,« nahm Markgraf Hermann das Wort. »Sie reisen wenig und ohne Geld. Sie machen ihre Geschäfte in den Städten ab, wo sie sicher sind. Und wer von Rittern und Herren Geld von ihnen leihen will, muß in der Regel nach Straßburg oder Basel reiten. Ich hab' schon manch' einen Reisenden niedergeworfen im Oostale, aber noch nie einen Juden erwischt.«

»Da ihr gerade vom Niederwerfen redet,« begann abermals Graf Ulrich, »so möcht' ich bei euch allen heute doch auch anfragen, wie ihr mit dem Grafen Götz von Fürstenberg zu Hasela steht. Dieser läßt mir keinen Stuttgarter Bürger ungerupft von der Straßburger Messe heimziehen. Und wenn sich die Leute auf mich berufen, lacht er sie und mich aus und höhnt noch dazu.«

»Schon oft haben Schultheiß und Rat meiner Stadt mich ersucht, ihnen gegen diesen Grafen beizustehen.«

»Fällt Graf Götz nicht selbst über sie her, so besorgen es seine Dienstmannen im Kinzigtal, und wenn die nicht auf der Lauer liegen, tut's sein Vetter Heinrich, wenn er gelegentlich einmal auf der Burg zu Wolfa haust.«

»Die gleiche Klage gegen die Fürstenberger habe auch ich,« bemerkte Markgraf Hermann. »Und auch mein Nachbar, der Graf Heinrich von Eberstein, hat sich dieser Tage ähnlich über sie ausgelassen.«

»Und bei mir,« sprach der Pfalzgraf, »hat sich erst vor kurzem ein Heidelberger Kaufmann beschwert, der auf die Ledermesse nach Zurzach ziehen wollte und, seiner Barschaft im Kinzigtal beraubt, wieder, weil mittellos, unverrichteter Sache heimkehren mußte.«

»Wegen des gefährlichen Weges zur Zurzacher Messe sind auch mir schon oft Beschwerden zugekommen,« nahm jetzt auch Markgraf Rudolf das Wort. »Ich mein', wir wollen den Fürstenbergern einmal den Meister zeigen. Der Graf Götz will ohnedies von uns, seinen Standesgenossen, nicht viel wissen. Mit dem Geroldsecker verkehrt er wegen Verwandtschaft noch und mit dem armen Herzog von Teck in Schiltach, weil auch der ein ganzer Schnapphahn ist. Sonst sitzt er am liebsten bei seinen Edelknechten und bei fahrendem Volk, das mit ihm musiziert und singt.«

»Doch, das muß man ihm lassen, gefürchtet ist er überall, namentlich bei den Bürgern und bei den Juden; von seinen Dienstleuten aber ist er geliebt, denn unter die läßt er einen großen Teil des Geldes kommen, das er andern nimmt.«

»Die Juden in Straßburg geben dem Götz von Hasela den letzten Heller, wenn er Geld will, denn sie meinen, er könnte die Welt aus den Angeln heben und die Kinder Israels mitten in der Stadt überfallen.«

Jetzt ergriff auch die Gräfin, die den Herren bisher stille zugehört hatte, das Wort und sprach: »Was ihr Herren oder euere Bürger gegen den Grafen von Hasela habt, berührt mich nicht weiter. Ich mische mich als Frau nicht in euere Fehden. Doch eines muß ich sagen: Ich bin schon auf vielen Burgen gewesen, aber auf keiner so fein und höfisch aufgenommen und gastiert worden, als auf der von Hasela, wo ich jedesmal ankehre, so oft ich in meine Heimat reite und wieder zurück.«

»Das glaub' ich dir, Marie,« fiel der Markgraf von Pforzheim lachend dazwischen. »Ihr Weiber wollt geschmeichelt sein, hört gerne Minnesang und Saitenspiel, und in all' diesen Dingen ist der Götz ein Meister; aber gegen andere Sterbliche, die keine Frauen und Jungfrauen sind, ist er hart und gewalttätig.«

»Drum müssen wir ihm einmal zeigen, daß es auch noch Gewaltigere gibt als er,« setzte Markgraf Hermann hinzu.

»Und wenn er euch Herren dann ein bißchen auf die Finger klopft,« erwiderte spöttelnd die Gräfin, »so gönn' ich's euch, denn der Götz ist und bleibt in meinen Augen ein ritterlicher Mann, und was das Gewalttätigsein betrifft, so hab' ich unter allen Rittern, Grafen und Herzogen, die ich kennen gelernt, noch keinen gefunden, der sehr zart mit den Bürgern, Bauern und Juden umgegangen wäre. Ich mein' fast, euch Herren beißt der Neid, weil er glücklicher ist im Fang als ihr.«

Die Herren lachten alle von Herzen über der Gräfin Worte, und der Markgraf Hermann sprach: »Wenn ihr, Base, den Grafen Götz gegen uns ausspielt, so wollen wir gegen euch Frauen auch eine von Fürstenberg-Hasela ausspielen. Da hat die Gemahlin Walthers von Geroldseck, Götzens Schwester, in diesen Tagen ein Heldenstück geleistet, das euch Burgfrauen alle beschämt.«

»Ich kenne die Tat,« antwortete die Gräfin, »und sie spricht nur dafür, daß die Fürstenberger in Hasela ritterliche Menschen sind, und die Schwester zeugt hier auch für den Bruder.«

»Aber ich kenne die Sache nicht, ich möchte sie auch wissen,« nahm der Württemberger das Wort.

»Es hat sich erst zugetragen, und du kannst noch nichts davon gehört haben,« erwiderte ihm Markgraf Hermann, »Ich will dir's kurz erzählen: Die Städte Basel, Bern, Luzern und Straßburg haben in diesen Jahren einen langwierigen Krieg gefühlt mit dem freien Herrn Walther von Geroldseck und ihn auf seiner Burg Schwanau beim Städtchen Erstein im Elsaß lange belagert. Walther widerstand, bis ihm der Proviant ausging. Jetzt mußte er sich auf Gnad' und Ungnad' mit all' seinen Leuten und seiner Habe ergeben; ausgenommen ward nur die Frau von Geroldseck.«

»Außerdem sollte alles, was zu ihrem Leib gehöre und sie über die Fallbrücke trage, gesichert sein. Da nahm die Frau ihren Herrn Gemahl auf den Rücken, den kleinen Sohn auf den Arm und trug sie über die Brücke, denn, so sagte sie, die zwei gehörten zu ihrem Leib.«

»Die Städte wollten deß nicht recht haben und meinten, sie hätten nur Geld, Kleinodien und Geschmeide gemeint. Doch da der Adel das Regiment in den Städten, vorab in Basel und Straßburg, führt, und adelige Herren jenes Versprechen der Frau von Geroldseck gemacht hatten, traten sie auf Seiten der Frau Anna und gaben ihr, ihrem Mann und ihrem Sohn das Geleite über den Rhein bis auf die Burg Geroldseck. Vier andere Herren von Geroldseck und fünfzig vom Adel wurden aber im Schloß ergriffen und enthauptet.«

»So erzählte mir vor Wochen Hans von Pappenheim, ein Domherr von Straßburg, der in Baden-Baden die Kur gebrauchte.«

»Das ist nichts Neues,« meinte Graf Ulrich, »das haben 1140 in meinen Landen die Bürgersweiber von Weinsberg auch getan. Also beruhigt euch, Frau Gräfin, der Trumpf ist, gegen euch ausgespielt, nicht allzu viel wert. Aber dem Grafen Götz müssen wir doch mehr Respekt einflößen.«

»Das müssen wir!« riefen die anderen.

»Aber wie?« fuhr der Württemberger fort. »Wir können uns nicht selbst engagieren. Es wäre eine Schande, wenn wir, lauter Leute von altem Adel, die an Macht denen von Fürstenberg meist weit überlegen sind, ihnen den Krieg ansagten. Und dann dürfen wir nicht selbst für unsere Untertanen zum Schwert und zur Lanze greifen; es könnte ihnen zu wohl werden.«

»Ich will euch aber sagen, wie wir's machen. Jeder von uns hat unter seinen Dienstleuten Ritter und Edelknechte, die gerne eine Fehde tun, welche Hoffnung auf Beute gibt. Drum schickt jeder einen reisigen Knecht zu seinen Ministerialen, von denen er weiß, daß sie gerne auf derartige Abenteuer ausreiten, und lädt sie ein, im Verein mit den Dienstmannen der andern Herren eine Fahrt ins Kinzigtal zu machen. Für Schaden stehen wir ein, die Beute aber soll ihnen sein.«

»Vortrefflich,« meinten die andern, »so soll's geschehen.« »Die Fäden und Meldungen müssen alle in der Burg zu Baden einlaufen, und dort soll Tag und Stunde des Abmarsches bestimmt werden,« setzte Graf Ulrich hinzu.

So gingen die Herren am andern Tage auseinander, im Herzen den festen Entschluß, dem Grafen Götz in Bälde die Hölle heiß zu machen. –

Zwei Wochen später kam der rote David, ein jüdischer Roßhändler von Strasburg, in die Burg nach Hasela, und es entspann sich zwischen ihm und dem Grafen Götz das folgende Gespräch:

»Nun, David,« begann der Graf, nachdem er dem Juden für seinen Gruß gedankt hatte, »was führt dich nach Hasela bei der Hitze?«

»Gnädiger Herr, ich wollt' anfragen, ob ihr keine Hengste braucht. Hab' schöne Ware erst in der letzten Zeit aus dem Welschland gebracht. Und Kredit geb' ich auch, so lange der Herr von Hasela es wünscht.«

»Ich brauch' keine Hengste, David,« entgegnete kurz der Graf, »und keinen Kredit. Ich bin euch Straßburger Juden lange genug schuldig gewesen – doch, ich muß euch loben, ihr habt mich nie gedrängt – aber seit Jahr und Tag hab' ich Geld genug. Das weißt du wohl, David, und auch deine Glaubensgenossen wissen es. Ihr wißt überall, wo Geld ist und wo keins.«

»Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn ihr wüßtet, was ich weiß, würdet ihr vielleicht doch einige Hengste kaufen.«

»Was weißt du denn, David?« fragte überrascht Graf Götz, »Deiner Sorte Leute haben oft bessere Ohren als unsereiner, also laß hören!«

»Gnädiger Herr, nur euch zu lieb breche ich das Versprechen, zu schweigen. Denn ihr habt uns Juden schon so viel zu verdienen gegeben, daß ich euch was verraten will.«

»Du machst mich neugierig. Es soll dein Schaden nicht sein, wenn du mir beichtest, David.«

»Letzte Woche,« so begann der Jude, »waren zwei Edelknechte aus dem Murgtal bei mir in Straßburg, Siegfried von Michelbach und Otto von Selbach, Dienstleute des Grafen Heinrich von Eberstein. Sie kauften Hengste auf Borgs, hatten aber einen Brief von ihrem Grafen, worin er sich für sie verbürgt. Ich gab ihnen die Rosse, und da ich keine schlechten Geschäfte gemacht hatte, ging ich mit ihnen in die Taberne zum Storchen und ließ guten Elsässer auffahren, so viel sie wollten.«

»Es werden wohl noch mehr Edelknechte und Ritter kommen und Hengste holen,« fing während des Trinkens der von Michelbach an. »Merkeli von Bühl und Konrad von Bache, die am Fuß der Iburg sitzen, brauchen auch noch Rosse. Sie wollten gleich mit uns reiten, haben aber noch keinen Kreditbrief vom Markgrafen zu Baden.«

»Wie kommt es,« fragte ich neugierig, »daß die Herren auf einmal so viel Rosse brauchen? Ist was los, gibt's Krieg oder Fehde? Wär' den Herren dankbar, wenn ich was erfahren könnte, denn unsereiner muß sich darnach richten, ob weit weg oder in der Nähe das Land unsicher ist.«

»Los ist was, David,« meinte nun der Edelknecht von Michelbach, »los im ganzen Unterland. Die Herren von Baden, Pforzheim, Heidelberg und Stuttgart machen auch mit. Und nicht weit von hier wird's losgehen; aber ich habe keinen Auftrag, euch zu beichten, Roßhändler.«

»Du wirst schweigen, Siegfried,« rief ihm der Edelknecht Otto von Selbach zu, »sonst schlägt dir unser Graf seinen Streitkolben auf den Schädel, wenn er's erfährt.«

Der Michelbacher schwieg und ich auch. Ich ließ aber noch einige Kannen vom besten Kaysersberger auffahren, und nachdem dieser seine Wirkung getan, fing ich wieder an:

»Es nimmt mich halt doch wunder, wo die Herren diesmal hinreiten. Hab' ich weit oder nahe, um die Beute an Rossen und Rüstungen zu kaufen?«

»Weit habt ihr nicht, David,« lallte der Siegfried, »und ich seh' nicht ein, Selbacher, warum wir dem Juden nicht beichten sollten; der kann schweigen, wenn dabei ein Profit für ihn herausschaut. Und wenn er noch einige Kannen Wein bezahlt und zu schweigen verspricht, so soll er's wissen. Es kann nichts schaden, wenn er um den Weg ist, so wir droben an der Kinzichen die Beute verteilen.«

»Aha,« rief ich, »jetzt weiß ich, wo der Zug hingeht; an die Kinzichen, nach Hasela gegen den Grafen Götz von Fürstenberg, der nicht besonders beliebt ist bei den andern adeligen Herren!«

»Erraten, David,« lallte mit schwerer Zunge der Siegfried. »Siehst du, Selbacher, ich hab's ihm nit verraten, er ist von selbst daraufgekommen.«

»Aber jetzt wird er nichts bezahlen wollen, weil er's selbst erraten hat,« meinte Otto von Selbach, dem der Wein auch den gesunden Sinn zu umnebeln anfing.

»Doch, ihr Herren,« gab ich zurück, »ich bezahle gerne und ihr seid meine Gäste, bis ihr morgen abreitet. Aber sagt mir, was ist denn los gegen den Fürstenberger, den ich, wie seinen seit einiger Zeit kranken Bruder Johans, gut kenne. Beide haben mir schon manchen Hengst abgekauft.«

»Was los ist?« nahm der Edelknecht von Michelbach wieder das Wort, »die zwei Markgrafen von Baden, der Pfalzgraf am Rhein, der Graf Ulrich von Württemberg und unser Herr, der von Eberstein, wollen dem Grafen Götz von Fürstenberg einmal den Meister zeigen durch ihre Ritter und Edelknechte, weil er ihre Bürger niederwirft und nichts nach ihnen selbst fragt.«

»So, jetzt weißt alles, David, aber nun bezahle morgen unsere Zeche, laß uns in Ruh und halt dein Maul.«

»Am andern Morgen ritten die Edelknechte ab; ich aber eilte als alter Geschäftsmann der gnädigen Herren von Hasela, sobald ich Zeit fand, hierher, um das zu berichten, was ich eben gesagt habe.« –

Mit Spannung hatte Graf Götz dem Juden zugehört und, als er zu Ende war, seine Hand ergriffen mit den Worten:

»David, das hast du gut gemacht. Es soll dir lohnen. Und Hengste brauch' ich jetzt auch, du kannst gleich Geschäfte machen. Aber du mußt mir erst noch einige Gänge tun, die nur du ausführen kannst. Ihr Juden kommt in alle Burgen, ohne daß es jemanden auffällt; reisige Knechte als Boten machen mehr Aufsehen als ihr. Und die Herren in Baden, Heidelberg, Stuttgart und Pforzheim sollen nicht erfahren, daß ich ihre Leute erwarte und weiß, daß sie kommen.«

»Schade, daß die Herren nicht selbst gegen mich ziehen,« fuhr Graf Götz weiter fort. »Aber es soll wahrscheinlich nicht aussehen, als ob sie dahinter steckten, drum schicken sie ihre Dienstleute.«

»Aber du, David, mußt jetzt mit einem Brief, der dich beglaubigt, alle meine guten Freunde einladen, daß sie sich rüsten und mir zuziehen, sobald ich merk', daß sie sich regen zwischen der Acher und dem Neckar. Ich sende heute noch den Wirich von Schnellingen zum Ritter Reinbold von Staufenberg. Von dessen Burg aus muß er spionieren, bis er weiß, wann die braven Leute drunten im Land aufbrechen, mich zu besuchen.«

»Du mußt mir zunächst zu meinem Vetter Heinrich von Fürstenberg, der eben in Wolfa sitzt, von da zum Herzog Lutzmann auf der Burg Schiltach, dann zu den Grafen von Hohenberg und Nellenburg. Denen erzählst du, was du gehört, und bittest sie, für mich Reisige bereit zu halten.«

»Aber paß auf, wenn du einmal übers Kinzigtal hinauskommst. Drüben über dem Kniebutz wohnen Dienstleute des Grafen Ulrich von Württemberg, damit der keinen Wind bekommt. Die Herren müssen in dem Wahn bleiben, mich wehrlos zu überfallen.«

»Bis du zurückkommst, weiß ich, ob ein oder der andere meiner Dienstleute in der Nähe einen Hengst braucht; den kauf' ich dir dann ab, David, und du schlägst mir deine Reisekosten drauf.«

»Ich werd's besorgen, euer Gnaden,« entgegnete der Hebräer: »ich bin überall da bekannt, wo ich hin soll, nur beim Herrn Grafen von Nellenburg nicht; aber 's ist mir gerade recht, daß ich einmal dort hinauf komme, 's gibt vielleicht auch ein Geschäftchen.«

»Du bleibst heute hier, David, in der Burg, kannst bei meinen Leuten im äußern Hof schlafen, und morgen in aller Frühe machst dich auf die Beine!« ,–

Als die Grafen Götz und Johans, wie's jedem Ritter damals geziemte, am andern Morgen zur Messe gingen hinüber zur Pfarrkirche, fragte Götz, da er den äußern Burghof durchschritt, ob der Jude fort sei.

»Schon ehe der Wächter vom Turm die vierte Morgenstunde rief, ist er zum Tor hinaus,« antwortete der Bertschi, ein alter, reisiger Knecht des Hauses.

Da die zwei Grafen durchs Gartentörle der Kirche zuschritten, sprach Götz zum Bruder Johans: »Du kannst nach der Messe allein heim, ich will ins Pfarrhaus und den Pater Johannes sprechen.«

Johannes ab Hasela, eines Bürgers Sohn aus dem Städtle, war Dominikanervater in Freiburg und unter diesem Namen in seinem Orden berühmt ob seiner Gottesgelahrtheit und seiner Schriften, deren Originale die Stadt Freiburg heute noch besitzt.

Graf Konrad von Fürstenberg-Fürstenberg, Domherr zu Straßburg, war Pfarrer von Hasela, ließ aber als seine Vikare Dominikaner von Freiburg pastorieren.

Gerne kam Johannes ab Hasela selbst oft in seine Heimat, wo er gar angesehen war wegen seiner Gelehrsamkeit, seiner Freimütigkeit und seiner Predigergabe. Er schonte selbst die regierenden Grafen nicht in seinen Predigten.

Still und eifrig saß er an jenem Morgen über einem Folianten in seiner Stube, als Graf Götz zu ihm eintrat mit den Worten: »Gott zum Gruß, Pater, ich muß euch stören an eurer frommen Arbeit!«

»Es ist keine Störung, gnädiger Herr, sondern eine Ehre, wenn der Graf von Hasela zu einem armen Dominikanerbruder kommt,« antwortete, sich rasch erhebend, demütigen Sinnes Pater Johannes, geleitete den Besuch zu einer Sitzbank und fuhr dann fort: »Was verschafft mir die Ehre, Herr Graf, womit kann ich dienen?«

»Ja, dienen könnt ihr mir diesmal, Bruder,« nahm der Graf das Wort, sein Schwert zwischen die Füße stellend. »Ihr habt mir mit eueren Predigten schon manchen Stein in den Garten geworfen. Aber Respekt davor, das Wort Gottes muß frei sein. Ich kann die Wahrheit vertragen, wenn ich sie auch nicht immer befolge.«

»Die Zeit ist hart und wild, und nur der Stärkste wird Meister; zu den Schwachen aber will Graf Götz von Hasela nicht zählen.«

»Doch setzt euch neben mich und hört, Pater, was ich von euch will. Ihr nehmt euch ja immer der Unschuldigen an und schimpft auf der Kanzel über die Gewalttätigen. Diesmal bin aber ich der Unschuldige, und ihr müßt auf meiner Seite stehen. Nicht mehr und nicht weniger als fünf Herren vom Adel, die zwei von Baden, der Württemberger, der Pfälzer und der Ebersteiner haben einen Anschlag vor auf mich und damit auch auf meine gute Stadt Hasela.«

»Ihr wißt nun, daß die, so das Wort führen im Rat der Stadt, die Geschlechter, nit ganz gut auf mich zu sprechen sind. Teils sind sie selbst Kaufleute, teils ihre Söhne und Verwandten, und alle werden, wenn sie auf Geschäftsreisen sind, nicht mit seidenen Handschuhen angegriffen von den freien Herren und Grafen und ihren Edelknechten und Rittern landab und landauf. Es heißt, ich, der Graf Götz, sei schuld, weil ich bisweilen auch einen fremden Krämer rupfe oder von meinen Edelknechten und Dienstmannen niederwerfen lasse.«

»Hören nun die Herren vom Rat in Hasela von dem Anschlag gegen mich, so werden sie sagen: Es geschieht ihm recht, er soll andere auch in Ruhe lassen, und man wird mir nicht so helfen wollen, wie ich's brauche.«

»Drum geht meine Bitte an euch, Bruder, und die besteht darin: Ihr seid bei der Bürgerschaft beliebt, vorab bei den Zünften, weil ihr allzeit um den gemeinen, arbeitsamen Mann euch annehmt und namentlich, weil ihr den Herren offen die Wahrheit sagt. Auch die Bauern mögen euch, sie stürmen ja förmlich die Kirche, wenn ihr predigt, und ihre Weiber bringen die beste Butter ins Pfarrhaus.«

»Aus alle dem geht hervor, daß ihr Einfluß habt auf die Kleinbürger und Bauern, die mir jetzt helfen sollen, nicht aus Zwang, den ich ausüben könnte, sondern aus Lust und Liebe, weil's auch um ihre Sache geht. Denn die Feinde werden, wenn sie kommen, damit beginnen, die Felder zu verwüsten und die Ernte in Brand zu stecken.«

»Ich möchte aber die Gesellschaft, wenn sie anrückt, mit blutigen Köpfen heimschicken und so den Stiel umkehren. Mein Plan ist gemacht, meine Freunde sind auch bestellt, und ihr, Pater, sollt mir, was man so heißt, Stimmung machen bei Bauern und Bürgern, die mir in letzter Zeit nicht mehr recht hold sind, vorab, wie gesagt, die Geschlechter und die im Rat.«

»Das ist mein Begehr, Pater Johannes ab Hasela, und nun will ich hören, wie ihr gesinnt seid.«

»Gut bin ich gesinnt, Herr Graf,« erwiderte der Dominikaner; »denn wenn das Vaterland in Gefahr ist, muß jeder abwehren helfen, auch der Prediger auf der Kanzel.«

»Ihr wißt, Herr, daß Bürger und Bauern es büßen, wenn die Herren Krieg führen. So ginge es auch, wenn die von euch genannten Herren kommen. Feld und Flur würden, wie ihr schon selbst erwähnt habt, verwüstet, dem Bauer, der unbeschützt von Mauern auf dem Lande wohnt, dazu noch der rote Hahn aufs Dach gesetzt und er selbst geschunden und geplagt werden.«

»Drum helf' ich euch um der Bauern willen und den Kleinbürgern zu lieb, die rings um Hasela auch ihr Feld bauen. Wie ich's mache, ob auf der Kanzel oder von Haus zu Haus, das könnt ihr mir überlassen. Ich besorg's, Herr Graf, hier meine Hand darauf.«

»Das will ich euch nie vergessen,« rief dieser, lachend dem Pater die Hand schüttelnd. »Ein Fuder Wein soll nach Freiburg in euer Kloster geführt werden, wenn ich die Kerle geklopft habe. Und wenn ihr was braucht, so bin ich stets zu Händen.«

»Ein armer Bettelmönch muß alles nehmen, was man ihm schenkt um Gottes willen,« meinte dankend der Dominikaner. »Aber lieber, als ein Fuder Wein für mein Kloster, wäre es mir, wenn ihr, Herr Graf, keine Kaufleute mehr niederwerfen, plündern und einsperren wolltet, damit Handel und Wandel ihren Weg gingen. Ihr wißt, das Gebot: ›Du sollst nicht stehlen‹, gilt allen Menschen, und die Grafen, Ritter und Edelleute sind nicht ausgenommen davon.«

»Ha, ha,« lachte der Graf, sich erhebend und auf sein Schwert stützend, »fangt ihr wieder das Predigen an, Pater? Wenn wir Leute vom Adel und unsere Dienstmannen nicht bisweilen einen Krämer rupften, würden die besseren Bürger gar zu üppig. Sie zwacken uns Herren so wie so schon ein altes Recht um das andere weg, wozu der jetzige König Ludwig noch hilft.«

»Und ihr Klosterherren solltet gar nicht gegen das Raubrittertum predigen, denn dem verdankt ihr vielfach euere Klöster und Stifte. Alt geworden, reut's manchen, daß er so viel weggeschnappt hat in seinen jungen Jahren, und dann erstattet er das sogenannte ungerechte Gut dreifach, indem er Mönchen ein Asyl baut.«

»Die Grafen Egino und Konrad zu Freiburg, die euch dort das schöne Kloster gebaut, die taten's nur zur Sühne für ihre vielen Raubrittereien im Höllental droben, wo noch eine viel bessere Mausfalle ist, um Kaufleute zu fangen, als bei uns an der Kinzig.«

»Also gebt euch zufrieden, geistlicher Herr, nehmt das Fuder Wein und bearbeitet mir meine Untertanen, daß sie freudig zu Schild und Speer greifen, das Schwert umgürten und losgehen, wenn ich dazu Befehl gebe.«

»Ihr seid nicht zu bekehren, Herr Graf,« gab Pater Johannes zurück, »und auch mit Ausreden nicht verlegen. Aber Unrecht bleibt Unrecht, und daß es ein Unrecht ist, andern ihr Eigentum wegzunehmen, zeigt gerade die Reue, so euch Herren im Alter manchmal überkommt.«

»Lieber Johannes ab Hasela!« antwortete spöttisch Graf Götz, »heut' und morgen reut's mich noch nicht; wenn's mich aber einmal reut, so bau' ich euch Predigermönchen ein Klösterlein innerhalb der Mauern von Hasela, Also lassen wir's einstweilen beim alten und verderbt mir den guten Humor nicht, den ihr mir gemacht.«

»Ich will euch zum Abschied ein Liedlein singen, das ein welscher Troubadour, Arnaut von Monteuc, vor mehr als hundert Jahren gesungen, und das soll jetzt mein Kriegslied sein.«

Der Graf schritt nun in der Stube auf, und ab und sang:

Roß in Panzerwehr,
Lanze, hochgetragen,
Harnisch, Schwert und Speer,
Kämpfen, streiten, schlagen.
Traun, das heiße mehr »
Ich als Jagd willkommen
Oder Friedenspracht,
Wo man brustbeklommen
Mürb' und matt mich macht!

»Und nun, Gott befohlen, Pater Johannes. Besorgt mir die Sache und betet für den Sieg des Grafen Götz von Hasela!«

»Ja, beten will ich,« sprach mit heiterem Ernst der Pater, »daß Gott euch erleuchte, Herr, und euch Reue sende und dann erst den Sieg.«

»Damit ihr Prediger bald das Klösterlein bekommt zu Hasela,« lachte Graf Götz.

»Wenn wir Prediger-Mönche lauter so unbekehrbare Zuhörer hätten, wie euch, Herr Graf, könnten wir unser Amt aufgeben,« erwiderte Pater Johannes. »Und doch wünsch' ich euch diesmal den Sieg um eurer armen Untertanen willen.«

»Das ist vernünftig gedacht, Dominikaner,« schloß der Graf, reichte dem Mönch die Hand und verließ, von diesem bis zum Ausgang geleitet, das Pfarrhäuschen am Bertor zu Hasela.

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