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Der Steiger vom David-Richtschacht

Kurt Geucke: Der Steiger vom David-Richtschacht - Kapitel 8
Quellenangabe
authorKurt Geucke
titleDer Steiger vom David-Richtschacht
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrun6. bis 12. Tausend
year1921
firstpub1921
illustratorWillibald Weingärtner, Martha Jäger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180715
projectid923d4025
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Siebentes Kapitel.
Maya

Über dem Morgen nach jener furchtbaren Nacht ging eine Sonne auf, so lachend wie Maya lachte, als sie noch glücklich war. Das schöne Tal von gestern, in das ihre Strahlen verwundert herabfielen, war nicht wiederzuerkennen: eine hier und da noch glimmende, glisternde Hölle, lag es in einem großen Bogen ausgebrannt und halb verglüht. Wunderbarerweise aber hatte der Brand nicht auch die umliegenden Berge und Wälder ergriffen: ihre Rettung war das Werk des Passates gewesen. Dieser treue Freund und Erhalter Siniams wie der ganzen ozeanischen Inselwelt überhaupt, er hatte die Flammen immerzu gerade vor sich hingetrieben, bis sie schließlich an den Felsen ihre Macht zerschellen mußten. So war das Flammenfeld auf der einen Seite vom Wind und Wassergraben, auf der andern vom Flusse, und auf den beiden letzten von hohen, unübersteigbaren Wänden gesperrt worden, und nur die weite Fläche dazwischen mit dem Hofgelände und den Gärten Tutumas war der völligen Vernichtung überlassen geblieben.

Rust und seine eingeborenen Helfer hatten diese günstigen Umstände so gut wie möglich zu nützen gewußt. Sie umgingen das Feuer, bis sie den Wind im Rücken und die ganze Flammenflucht vor sich voraus hatten. Um einem Weitergreifen des Feuers nach den Küstenwäldern vorzubeugen, warfen sie sich dann in der Richtung der Flammengrenze, die hinter dem Graben lief, auf einen langen Wiesenstreifen und rodeten ihn mit ihren Buschmessern. Manche, die kein Messer bei sich hatten, nahmen die Gabeln ihrer Hände oder Muschelschalen dazu, bis alles Gras herunter war, worauf sie dann den Rand des Stehenden nach dem Brande zu anzündeten. So schickten sie mit Hilfe des Windes dem Feuer ein zweites Feuer in die Flanke und gewannen auf diese Weise einen breiten Streifen ausgeglühten Landes, der dann der Hauptmacht des Elementes, wie sie am höchsten heranwogte und schon den Graben zu überspringen drohte, keine Wegzehrung mehr bot. So wurde der Siniamswald gerettet und mit ihm die Ostwälder der ganzen bedrohten Küste.

Von den armen Kindern aber und ihrem greisen Hüter hatte man nicht die kleinste Spur gefunden. Den ganzen Tag und die Nacht dazu und wiederum Tag und Nacht hatte man alle Wälder der Runde nach ihnen abgesucht. Und auf der Brandstätte, die, jedem Fuße unnahbar, noch tagelang glühenden Atem entsandte, konnte man nicht einmal hoffen, auch nur ein Stäubchen noch von ihren Resten zu finden. Wer weiß von den Thränen, die damals geflossen sind.

Erst am dritten Tage gelang es Rust infolge eines günstigen Umstandes, mit Tim und Sylvester an den Herd des Unheils vorzudringen. Zufälligerweise hatte der Aldebaran einen Posten Amiant zurückgelassen, eine gute Asbestsorte, die auch unter dem Namen Bergflachs bekannt ist. Aus diesem unverbrennbaren Erdstoffe ließen sich Rust und seine Freunde jeder ein Paar derbe Schuhe fertigen, die ihnen gestatteten, ungefährdet über das Glühende dahinzuschreiten. Aber nach allen Richtungen schon hatten sie das Aschenfeld mit ihren Stangen und Stöcken umgekehrt und nach einer Reliquie der Liebe durchforscht, die sie Mayas Kummer bringen könnten, ohne daß sich ihr Erwarten erfüllte. So wollten sie schon aller Hoffnung entsagen und kleinmütig werden, als plötzlich ein halblauter Schrei Sylvesters Rust und Tim bis in ihr innerstes Herz betroffen machte. Sie waren mitten im alten Gartenland vor das einzig überbliebene, letzte Wahrzeichen der Stätte gelangt, eine Zisterne, die zum Schutz gegen Sonne und Licht von einem Brunnenhäuschen aus festem Riffsteingewölbe übermauert war. Aus der Tiefe dieses Brunnens herauf glaubte Sylvester ein leises Stöhnen vernommen zu haben. Die steinerne Öffnung war noch heiß und glühend wie ein angefeuerter Backofen: drinnen aber wehte von unten herauf den drei Männern ein kühlender Hauch entgegen. Behutsam stiegen sie geradezu mehrere Stufen hinunter, immer mit den Händen dabei an der feuchten Mauer tastend und fühlend mit den Füßen, ob sie noch nicht an das Wasser kämen. Da hörten sie alle drei ein leises Wimmern zu sich heraufklingen. Ihr Auge, das sich nun schon ganz an das Dämmerlicht gewöhnt hatte, durchdrang das letzte Dunkel und gewahrte auf der untersten Stufe einen alten Mann sitzen, der, ganz in sich zusammengesunken, an der Mauer lehnte. An seine Seite aber geschmiegt, lagen schlafend ihm zu Füßen drei kleine gute Gesellen. Sie waren – weniger vor Angst wohl als vor Hunger – so müde und schwach geworden, daß sie nicht einmal erwachten, als ihre Retter sie aufnahmen.

Die Bürschlein auf den Armen, näherten sich die Männer dem aus tiefem Sommergrün wie ein weißes Schmuckkästchen schimmernden Hause auf der Felsenhöhe, als ihnen schon von weitem ein klagender Mädchenruf entgegenkam: »Tama! Tama! (d. h. Vater! Vater!) Warum bist du von mir gegangen?! Usoï! Usoï! (Brüderchen! Brüderchen!) Warum habt ihr mich verlassen?!«

Wohl niemand, der es nicht mit angesehen und gehört hat, wäre imstande, den Ausbruch der Freude sich auszumalen, der wenige Augenblicke später das Mädchen ergriff. Es war, als wenn Weinen und Lachen miteinander in ihr rängen und sich verschlingen wollten in einem einzigen Krampfe. Sie ergriff die Kleinen, bedeckte die schwarzen Buschköpfchen mit Küssen ohne Ende und zerdrückte sie fast an ihrer Brust vor Glück und Liebe. Und als sie sich endlich einigermaßen wiedergefunden hatte und die Knaben an ihrem bebenden Körper niedergleiten ließ, schien sie alle Kraft ihres Herzens in diesem einzigen Gefühle ausgegeben zu haben. Erglühend stand sie vor den Rettern ihrer Lieblinge fast wie beschämt da und hatte nichts mehr für sie bereit als einen stummen Blick und Händedruck.

Rust gab seinen Freunden ein Zeichen, daß sie vorausgehen möchten; dann legte er seine Rechte auf Mayas Haupt, und mit der Linken umfaßte er die Brüderchen und sprach zu ihr: »Ich war deines Vaters Freund, meine Tochter. Willst du nun mit deinen kleinen Brüdern bei mir bleiben, und wollt ihr mich ansehen, als wär ich euer zweiter Vater?«

Maya senkte den Kopf ein wenig, dann sagte sie mit leiser, aber fester Stimme: »Ja, wir wollen bei dir bleiben!«

Sie gingen mit ihm in das Haus hinein, wo ihnen Rust im Obergeschoß zwei Kammern aufschloß, eine für das Mädchen und eine für die Knaben. Beide Gelasse waren in der landesüblichen Weise mit Schlafmatten eingerichtet und hatten Luft und Licht die Fülle. Eine vorgebaute Laube führte in den Garten hinaus.

Rust hatte es nicht zu bereuen, der Kinder sich angenommen zu haben. Maya namentlich machte ihm bald eine Freude, daß sie ihm immer mehr ans Herz wuchs wie ein wirkliches Kind. Nicht allein, daß sie mit schwesterlicher Zärtlichkeit an ihren verwaisten kleinen Brüdern die Mutterstelle vertrat wie eine gute und richtige Mutter: auch in Garten und Haus wußte die traurige kleine Prinzeß, die sonst so Glut und Feuer blicken konnte, mit Anmut und Geschick ihres selbsterwählten Amtes zu walten, so daß ihr Rust nach wenigen Wochen schon die Leitung und Schlüsselgewalt über Haus und Hof vertrauen konnte.

Dabei, wie sich immer mehr die Schönheit ihrer Seele entfaltete, wurde auch ihr Irdisches schöner und schöner noch alle Tage. Langsam aber nur und selten wollte ihrem jungen Munde das strahlende Lachen zurückkommen; dann freilich, weil es inzwischen durch den Schmerz gewandert und noch wärmer geglüht war, wars wie aus dem Zauber des Herzens geboren.

*

So ging abermals ein Sommer und Winter herum, und es nahte zum zweiten Male der Jahrestag von Rusts Ankunft auf Siniam.

Vieles in diesen zwei Jahren war geschehen, manche seiner Absichten zum Wohle der Inseln inzwischen ausgeführt: allein das meiste harrte noch ungetan der gestaltenden Hand. Rusts vornehmste Sorge hatte natürlich dem Ausbau des Hafens gegolten. Trotz der sicheren Zufahrt durch das Riff herein und des guten Ankergrundes, wenigstens in der inneren Siniamsbucht, die durch die vorgelagerten Hochinseln noch besonders geschützt lag, ließ doch der ganze breite Wassergürtel, der gleichmäßig die »vier Brüder« umschlingt, diese unbedingte Zuverlässigkeit vermissen. Sturmfluten, wie sie regelmäßig um die Zeit der Gleichen sich einstellen, hatten mehr als einmal den unterseeischen Riffwall klipp und klar übersprungen und die ganze Innenlagune in ein kochendes Meer verwandelt. Hier nun hatte Rust mit Hilfe der Insulaner, deren braungebrannte Trägheit aufzufeuern ein Geheimnis seines Wesens blieb, in der erstaunlich kurzen Zeit von achtzehn Monaten ein Werk geschaffen, aller Achtung wert. Wo früher die Brandungsflut über die Bänke der Koralle gebraust war, erhoben sich jetzt bepflanzte mächtige Deiche und schoben seitlich von den Riffinseln aus Basaltblöcken gefügte, stahlgeklammerte Arme als Wellenbrecher in das Meer hinaus. Auch der Leuchtturm, nach dem berühmten Vorbild von Eddystone errichtet, ging immer mehr seiner Vollendung entgegen.

Eines aber fehlte noch dem Hafen – ein Schwimm- oder Trockendock. Am Sperber sowohl wie am Aldebaran hatte sich die Notwendigkeit gezeigt, die Schiffe vor ihrer Rückreise nach Europa in Sydney, dem nächsten Hafen hierzu, docken und säubern zu lassen. Beide waren sie bis an die Wasserlinie herauf mit Muscheln und Algen dermaßen bewachsen und belastet gewesen, daß es die Schiffe sogar am Fahren behinderte. Nun verhehlte sich Rust freilich nicht, daß die für eine kostspielige Dockanlage erforderliche Ausgabe durch die Bedürfnisse seiner eigenen Reederei nicht gedeckt werden würde. Allein er sagte sich: die simsinischen Inseln liegen an der künftigen Weltfahrtstraße zwischen Europa und Ostasien. Die Umschaltung der großen Schlagader des atlantisch-pazifischen Hochverkehrs, die heute noch sparsam durch die Gasse Magellans oder um das Sturmkap des Feuerlandes pulst, in die schon bereiteten Bahnen jener neuen Seefahrtstraße hinüber, sie konnte nur noch eine Frage der herannahenden Zeit sein. Eines Tages über Nacht würde sie die Vollendung des Panamakanals beantwortet haben. Wenn es nun gelänge, sagte er sich weiter, auf seiner Insel einen guten Hafen zu schaffen, einen Hafen ersten Ranges, wie er in der ganzen inneren Südsee noch nicht vorhanden ist, so würde er seinem deutschen Vater-Mutterlande in dem großen Wettbewerb der Völker einen bedeutsamen Stützpunkt und Platz an der Sonne sichern. Eine Zuflucht und Raststelle, eine mittenozeanische Bühne des Weltverkehrs, wo sich die Kontinente, östlich und westlich des Meeres, die Hände reichen und die Kauffahrer aller Länder ein immer gern gesuchtes Stelldichein sich geben könnten.

Während sich dergestalt Rusts Augenmerk vor allem also den Aufgaben zuwendete, die seiner in der neuen Hafenanlage bei Siniam warteten, deren allmählicher Anschluß an Rusthafen hinüber geplant war, so vernachlässigte er doch darüber auch seine anderen Geschäfte nicht. Nur seine außergewöhnliche Arbeitskraft und eine gute Zeiteinteilung ermöglichten es ihm, allen Forderungen des Tages gerecht zu werden. Arbeit gab es auf allen Seiten. Da wollte Land und Garten bestellt sein: in den Bergen oben war es die Diamantgrube, die seines bis in die letzte Tiefe dringenden Auges nicht mehr entraten konnte: und auch das Hamburger Stammhaus brachte mit jedem ankommenden Schiffe Arbeit in Fülle. Man könnte denken, ein solches Übermaß von Beschäftigung habe ihm keine Zeit mehr gelassen, den Bedürfnissen auch seines immer wohlwollenden und menschenfreundlichen Herzens nachzugehen. Das war aber nicht der Fall bei Rust. Und seine deutschen Landsleute, ebenso wie die braunen Kinder der Insel, sie hatten alle zu ihm, jung und alt, ein Zutrauen, das auch niemals enttäuscht wurde. Alle Bitternisse, die sein Leben an den Menschen durchgekostet: sie hatten es nicht fertigbringen können, ihn zu einem Menschenfeinde zu machen, so unverwüstlich blieb sein Glaube an das Gute und Göttliche im Menschen. Freilich, der durchdringende Blick des Seelenkenners, der so manchmal aus seinem klaren Auge blitzte: mitunter auch versagte er ihm. So bisweilen, wenn ein wohlwollendes Empfinden von vornherein sein Herz und Auge heimlich bestochen hatte, oder wenn ein Gefühl der Verpflichtung, der Dankbarkeit (wie z. B. in der Gutehoffnungshütte gegenüber dem Ofenmeister) seine Wachsamkeit eingeschläfert hatte. Davon abgesehen jedoch, war er frei von Vorurteilen, guten sowohl wie schlimmen, und an einen jeden trat er mit einer unbeeinflußbaren Unbefangenheit freundlich heran.

So ward ihm nicht nur Achtung und Vertrauen, auch die Liebe aller zuteil. Am meisten aber in seinem eigenen Hause, wo der Wohlstand blühte und das Glück. Das Glück aus Kinderaugen, die zu ihm aufschauten wie zu einem Vater.

*

Mayo, Rayo und Sayo wuchsen unter der zärtlichen Sorge ihrer Schwester wie drei junge Bäumchen heran in der Morgensonne, und ihr helles Kinderlachen erfüllte den Tag gleich einem immerquellenden Born der Freude. Oh, wie war ihr schönes Schwesterchen am schönsten doch, wenn sie ihr um den Nacken die Ärmchen schlingen konnten und dann der weiße Blitz aus ihrem taufrischen Munde ihnen entgegenlachte. Maya war nun schon ein großes Mädchen geworden und in die Jahre gekommen, wo unter der frühreifenden Sonne des Südens die Jungfrau des Geliebten harret, der sie hinausführe in das Leben. Wie waren sie alle hinter ihr her, die hübschen braungebrannten Jungen, aber an keinem von ihnen, aus Bergen und Tälern, fand ihr Auge Gefallen. Mit warmem Mitgefühl hatte Rust eine scheue, zarte Annäherung Sylvesters an das Mädchen wahrgenommen, ohne aber, daß er mehr Glück bei ihr hatte als alle die anderen.

Eines Abends nun, als Sylvester in Rusts Hause wieder einmal über alle Maßen herrlich und schön auf seiner Geige gespielt hatte und Rust an dem Mädchen eine tiefe Ergriffenheit zu bemerken glaubte, nahm er, gerührt von dem Kummer des armen Jungen, die Stunde wahr und sprach mit ihr, nachdem sich Sylvester entfernt hatte. »Meine liebe Tochter!« sagte er zu ihr. »Hat noch niemals ein Klang, eine Stimme in dir gesprochen, und wüßtest du nicht ganz heimlich einen Guten, Tüchtigen, der dir teuer wäre und den du beglücken könntest mit der Neigung deines Herzens –? Den du auch glücklich machen möchtest –?«

Eine jähe Glut schoß in ihre Wangen. Ihre großen, feuchten, schwarzen Augensterne unverwandt auf Rust geheftet, sah ihn das Mädchen an, solange er sprach. Dann sank ihr Blick. Ein Zittern durchlief ihren Körper, und Scham und Angst – schweratmende Angst vor etwas, das sich Rust nicht deuten konnte – schien in ihr zu kämpfen. Plötzlich aber – ihrer Seele nicht mehr mächtig – warf sie sich leidenschaftlich an seine Brust und brach in einen Strom von Tränen aus.

Rust, im ersten Augenblick betroffen, stand, mit sehenden Augen, hilflos vor diesem Schmerze. Dann faßte er sich, legte die Hand auf das junge Haupt und löste sich sanft aus ihren Armen: »Es ist gut, meine Tochter – es ist gut ... nun gehe, liebes Kind, geh, geh hinauf in deine Kammer ...«

Sie warf noch einen scheuen, tränenverschleierten Blick auf ihren Wohltäter, dann ging sie langsam hinaus.

In den nächsten Tagen vermied es Rust nach Möglichkeit, Maya zu begegnen. Aber auch das Mädchen war wie unsichtbar geworden. Einmal, eines Morgens, folgte ihr Rust von ferne, um einmal zu sehen, wo sie bleibe. Da sah er denn, wie sie unten in der Wasserschlucht, dort, wo der Fluß auf die Waldwiese hinaustritt, ein kleines Boot vom Ufer löste, das einzige Andenken, das ihr aus dem großen Brande vor einem Jahre von ihres Vaters Gut und Erbe geblieben war. Längst wieder hatte sich inzwischen der Talgrund mit frischem Grün ausgekleidet und selbst aus den Felsenwänden sproßten wie verjüngt die vorwitzigen Stämmchen junger Palmen auf. Langsam ruderte Maya den Fluß hinab. Erst durch die Wiese, dann durch den Wald und endlich über die Lagune hinüber. Rust, der im Tale ging, konnte auf dem verwurzelten Waldwege mit dem gleitenden Kanu nicht Schritt halten, und als er an den Strand gelangte, befand sich Maya schon jenseits des Gewässers. Sie fuhr drüben am Riffe das Ufer jenes niederen Eilandes entlang, das, nördlich der singenden Winde, über der Einfahrt liegt und die Insel der letzten Rätsel heißt. Dieser verlassene Streifen Erde, die Toteninsel der Simsinier, barg die Hügelstätte mit den irdischen Resten des erschlagenen Königs. Und seit Tutumas Tode war wohl keine Sonne mehr siebenmal auf- und untergegangen, ohne daß sie nicht einmal wenigstens die weite Fahrt gewagt und den Hügel des Vaters mit ihren Tränen betaut hätte. Seit der Stunde jedoch der schmerzlichen Mahnung des geliebten Beschützers, da war kein Tag mehr gewesen, wo sie nicht dem Zuge ihrer Seele folgen mußte.

Unweit jener schwermütigen Insel ragt draußen im offenen Meere ein einsamer Fels aus der Flut, zu dem Maya, wenn es Wind und Wellen zuließen, manchmal ihr Kanu zu rudern pflegte. Was sie dort suchte, wußte man nicht. Eine Blume, sagte man, die sich auf allen Inseln des Landes sonst nicht wiederfinde, wachse auf dem weißen Felsen oben, und diese Blume, die eine besondere Schönheit an sich habe, pflücke sie ab, um sie dem Vater auf das Grab zu legen. So zog auch heute wieder die rätselhafte Macht jener Blume Maya auf das Meer hinaus.

Rust hatte inzwischen die Anlegestelle erreicht und hier sein eigenes Boot bestiegen, eine flitzende kleine Dingy mit Naphthadampf, die kaum in zwei Minuten klar war und ihm fast täglich auf seinen Hafenfahrten diente. Als der Dampf in den Kessel zu strömen begann und langsam die Schraube anhob, gemahnend, das Steuer zu stellen, war es ihm zumute, als würde er sich erst in diesem Augenblicke einer unerklärlichen Unruhe bewußt, die doch schon in ihm war. Er schwankte, wohin er halten sollte. Dann entschloß er sich, nicht weiter dem Mädchen zu folgen und richtete seinen Kurs auf den Feuerturm. Da er schon einige Tage nicht mehr nachgesehen hatte, war es ganz gut, sich wieder einmal von dem Fortgang der Arbeit zu überzeugen.

Unterdessen hatte Maya schon die Durchfahrt zwischen den Inseln gewonnen und verschwand bald hinter den Buhnen. Wie immer bisher gedachte sie auch heute, die Fahrt nach dem Felsen zu einem Bade wahrzunehmen, das ihr, ganz köstlich hier und vor jedem Auge verborgen, mitten in der Brandung des Ozeans bereitet war. Zwischen herabgestürzte Felstrümmer und Klippen genistet, lag die Stelle, die ihr erst kürzlich ein glücklicher Zufall entdeckt hatte, wie ein abgesteckter Lustplatz der Wellen. Es war eine vom Südsturm gewaschene Brandungshöhle, die ein östliches Joch des Felsens durchbrochen hatte, so daß das Meerwasser ungehinderten Durchzug fand. Ein Umstand, der auch sehr zur Sicherheit beitrug, weil die Badende durch kein zurückfließendes Wasser ein Herausspülen zu befürchten brauchte. Nach dem hinteren, westlichen Ausgange aber lag ruhiger Grund im Windschatten. Wenn in diese Felsenbadekammer tropfenvergoldend die Sonne schien und die Flimmerwände, wie aus Alabaster gestochen, über dem blanken, glasklaren Grunde den Azur des Ozeans und die Amethyste des Himmels magisch widerspielten, dann – wie im Märchengelaß einer schönen Melusine – war es köstlich darin. Heute aber, wo die Sonne hinter den Wolken zögerte und das wogende graue Wasserfeld nicht glitzerte noch glühte, schien keine Meerfee zum Bade einzuladen. Maya, um sich zu vergewissern, ob sie auch von keinem Fischerkahne, keinem Perlentaucher beobachtet sei, ruderte, wie sie es immer zu tun pflegte, einmal erst um den ganzen Felsen herum. Deutlich hob sich ihre braune Wohlgestalt von dem blendenden Kalk der Klippe. Wer malt sich ihr Erstaunen aus, als sie, um die Westecke biegend, fast versteckt in den Geblöcken ein Boot gewahrte, von einer Bauweise und Beschaffenheit, wie es ihr in ihrem ganzen Leben noch niemals vorgekommen war. Ganz aus dem Rohen eines einzigen riesenhaften Stammes gehöhlt und mit einem Mast versehen, der aussah wie aus der Wildnis gerissen, führte es ein Mattensegel an Bord, das augenblicklich heruntergelassen über die Ducht lag und von einer ersichtlich unbeholfenen Hand aus frischgeflochtenen Pandanenblättern und wilder grüner Rinde grob zusammengestückt war. Die Seile, die es regierten, schienen Luftwurzeln zu sein und schlingende Lianen des Urwaldes.

Noch war Maya ihrer Verwunderung nicht Herr geworden, als ein gräßlicher Schrei, wie sie ihn schon einmal in ihrem Leben gehört und nie mehr vergessen hatte, die Luft erschütterte und ihr junges Herz mit der Angst des Todes erfüllte.

Dieser Schrei, dessen Hall wie Wetterdonner über das Meer rollte, erreichte Rusts Ohr in dem Augenblicke, als er die Leuchtturmstreppe herabstieg und schon im Begriffe stand, mit den beiden Bau- und Hafenwächtern zu Mayas Rettung die Dingy zu besteigen. Das war so gekommen. Der Hafenmeister (ein Deutscher namens Schmidt aus Ellerbek) und der Turmwächter Pulu (ein eingeborener Simsine), hatten beide übereinstimmend um die dritte Morgenstunde eine Wahrnehmung gemacht, deren Meldung soeben Rust in einen Zustand der höchsten Erregung versetzte. Was sie gesehen, war folgendes. Aus der nördlichen Lagune hatte sich bald nach Untergang des Mondes der Riffpassage ein sonderbares Fahrzeug genähert, dessen buchtiges Riesensegel wie die gespenstische Fledermausschwinge eines ungeheuerlichen Kalongs durch die Nacht glitt. Sowie es die offene See gewonnen hatte, hielt es auf den einsamen Felsen hin, hinter dessen Klippen es verschwand.

»Das ist der Malaie!« hatte Rust gesagt. »Er will dort draußen den Sonnenuntergang abwarten und die Landbrise, die ihn auf immer von hier forttragen soll. Laßt uns ihm nachsetzen, ehe ein Unglück geschieht – Maya ist draußen!«

Die Wächter langten nach ihren Flinten, die in einer Mauerecke an der Treppe lehnten, und dann ging die Fahrt vorwärts.

Maya war vor Schrecken außerstande gewesen, weder zu fliehen noch auch nur den leisesten Laut hervorzubringen. Das gelbe Tier, als das ihr damals, an dem Tage des Entsetzens, der Einäugige erschienen war: da stand es in satanischer Gestalt wieder vor ihr, wie die leibgewordene Vernichtung. Sie schloß die Augen; sie sah nicht, hörte kaum mehr: wie ein Opfer, das in sein Schicksal zitternd ergeben ist. Ach, im nächsten Augenblicke schon fühlte sie sich von dem Ungeheuer ergriffen, von seinen wie Zangen packenden Armen aus ihrem Kanu gerissen und in wilden Sätzen über drei, vier Klippen hinüber in den Einbaum getragen, wo sie das Scheusal mit Wurzeln festzubinden suchte. Schon wollten ihr die Sinne schwinden, als ein nahendes Geräusch auf dem Wasser den Malaien veranlaßte, von dem Mädchen abzulassen und sein Fahrzeug eilend aus den Klippen hinaus in die offene See zu stoßen. Maya, die sich mit ihrer letzten Kraft des Bedrängers erwehrt hatte, benutzte diesen Augenblick, ihre Arme aus den Fesseln zu ziehen. Sie versuchte sich in das Meer zu stürzen. Der Gelbe jedoch erfaßte sie am Gürtel und band sie an den Mast an. Dann zog er das Segel auf.

Inzwischen hatte auch die Dingy ein Segel gesetzt und war auf eine Viertelmeile herangekommen. Schon erkannten deutlich die drei Männer die in Schlingen liegende Mädchengestalt, wie sie aufrecht in Schmerzen stand und ihr das reiche, schwarze Haar wie Seide im Winde flog. Gern hätten die Wächter dem frechen Räuber einen guten Gruß aus ihren Flinten zugeschickt, aber sie wagten es nicht, um das Mädchen nicht zu treffen.

Wie ein Vampir strich das klafternde Fledermaussegel des Malaien lautlos über die Meeresfläche. Allein die besser genährte Dingy hatte einen heißeren Atem, und so verringerte sich der Abstand zwischen dem Entführer und seinen Verfolgern bald mehr. Kaum zwei Bootslängen noch trennten sie voneinander, als Orangbrani, der sich hinter dem Mädchen in vorsichtiger Deckung hielt, blitzgeschwind nach einem Gegenstand auf dem Boden des Kanus langte und ihn wütend in der Luft schwang. Im nächsten Augenblick kam ein Baumstück geflogen. Rusts wachsamem Auge indessen war die verdächtige Bewegung des Halunken nicht entgangen, und so hatte er durch einen scharfen Ruck des Steuers das Boot noch rechtzeitig vor dem fallenden Klotze herumgeworfen. Gleichzeitig aber krachten auch die Feuerrohre der beiden Wächter los, freilich, infolge der heftigen Wendung, ebenfalls ohne zu treffen. Immerhin mochte jetzt Orangbrani von der Wehrhaftigkeit seiner Gegner eine Vorstellung bekommen und sich angesichts der eigenen Entblößung von Waffen von der Aussichtslosigkeit seiner Lage überzeugt haben. Genug, um die Verfolger von sich abzulenken, griff er zu einem Mittel, das noch teuflischer als verzweifelt war. Mit einem schnellen Schnitt seines Messers trennte er Mayas Fesseln entzwei, erfaßte die zarte Gestalt mit seinen ungeschlachten Händen an der Hüfte und schleuderte sie hinunter in den tiefen, grünkristallenen Garten der roten Korallblumen, die in der unglaublichen Durchsichtigkeit des Meerwassers, fast zum Greifen hier, wie gefahrlos und verlockend standen.

Maya, sonst eine behende Schwimmerin, wäre unfehlbar untengeblieben, wenn sich nicht Rust ihr nachgestürzt und sie im letzten Augenblicke, da sie eben noch einmal auftauchte, zu fassen bekommen hätte. Er legte ihr Haupt auf seine Brust und versuchte auf dem Rücken schwimmend das ihm von der Dingy zugeworfene Tau zu erhaschen, an dem er sich dann auch glücklich mit ihr heranzog. An Bord erst wurde er von den beiden Gefährten darauf aufmerksam gemacht, daß er aus einer Wunde im Rücken blutete. Der tückische Mordgeselle hatte ihm, als er dem Einbaum zu nahe gekommen war, einen Stich versetzt, dessen Gewalt glücklicherweise keinen edleren Teil verletzt zu haben schien, doch immerhin jetzt anfing, sich schmerzhaft bemerkbar zu machen. Nur den Bemühungen der Wächter um das besinnungslose Mädchen und dann um Rust, den sie verbinden mußten, hatte es der enteilende Schuft zu verdanken, daß man ihm nicht noch zum Abschied einen Denkzettel auf den Pelz brannte.

In der Wasserschlucht unterhalb Rusts Hause hatte die Dingy angelegt. Maya, die inzwischen zu sich gekommen war, und auch Rust, obwohl er sich durch den reichlichen Blutverlust etwas ermattet fühlte, konnten beide ohne Unterstützung ihrer Begleiter den steilen Felsenweg zurücklegen. Noch am Abend kam dann der Schiffsarzt eines im Hafen liegenden fremden Dreimasters herauf und stellte bei Rust eine oberflächliche Verletzung des linken hinteren Brustfelles fest. Es war also immerhin eine Wunde von ziemlicher Tiefe. Der anfänglich nicht besonders Leidende hatte gemeint, seine Tätigkeit nicht unterbrechen zu müssen, und kaum das Gefühl seines Zustandes am andern Morgen konnte ihn von der Unausführbarkeit dieses Wunsches überzeugen.

Am Abend des dritten Tages jedoch stellte sich Wundfieber ein. Maya pflegte ihren Retter mit der rührenden Hingebung einer zärtlichen Tochter. Sie ließ ihm in ihrem Lächeln nicht die Sorge ansehen, die hinter der scheinbaren Heiterkeit ihrer reinen Stirn um den geliebten Beschützer trauerte. Täglich brachte sie ihm schöne Blumen des Waldes. In der Morgenfrühe schon, wenn der Tau noch lag, und des Abends, ehe die Sonne ging, wiederum. Weiße und rote Blüten, seiner Seele wohlzutun, und alle prangenden Früchte des Sommers, ihm Lippen und Gaumen zu erquicken, wenn er verschmachten wollte im Fieberdurst.

Eines Morgens kam der arme Sylvester. Schon mehrere Tage hatte er sich nicht mehr sehen lassen, und er wäre wohl auch heute ferngeblieben, hätte ihn nicht die Sorge um Rust geführt. Vor einer Stunde erst waren ihm die Ereignisse der vergangenen Woche zu Ohren gekommen. Rein zufällig, denn seit einiger Zeit schon hatte er angefangen, den Menschen aus dem Wege zu gehen. So fand ihn auch Rust heute in einem Zustande der tiefsten Niedergeschlagenheit. Nur die aufrichtige Freude, daß er seinen Wohltäter auf dem Wege der Besserung sah, lenkte ihn für Augenblicke von den eigenen Schmerzen und erhellte seine Züge mit einem Lächeln.

»Guter Junge,« drückte ihm Rust die Hand, »was betrübt dich einmal wieder?«

Ein stummer Blick, in dem sich feucht erglänzend hilfloses Leid ausdrückte, war die ganze Antwort.

»Ich bitte dich, was hast du, mein Sohn? Komm, setz dich hierher!«

»Ach, mein teuerster Beschützer, mein bester, mein einziger Freund, wenn ich Sie nicht besäße, diese gütige Hand nicht, die mich immer und immer wieder hält und richtet, ich wüßte nicht! Wo mein Fuß auch wandelt in der Welt – ich bin verflucht, ich bin geächtet, ein Verfemter bin ich, ein Verlorener!« so stammelte der Jüngling fassungslos.

Ruhig und mild fiel der Blick des Freundes auf den Unglücklichen. »Was ist es, Sylvester?«

»Ich muß fort von hier – weit, weit von hier, wo mich gar niemand kennt – ich weiß nicht, wohin! ...«

Lange dauerte es, bis ihn Rusts liebevoller Zuspruch soweit beruhigt hatte, daß er erzählen konnte, was vorgefallen war. Das ganze Unglück war daher gekommen, daß der ehemalige Schiffskoch der Kleopatra, der jetzt eine Matrosenwirtschaft in Rusthafen betrieb, sein Rust gegebenes Versprechen, über das Geheimnis von Sylvester Schweigen zu bewahren, gebrochen hatte. Als in jener Hafenschenke unlängst die Rede einmal auf den fremden Jüngling gekommen war, hatte der geschwätzige Wirt, der sich gern ein bißchen tat vor seinen Gästen, den Aufhorchenden zum besten gegeben, was es eigentlich sei mit dem Schweizer. Er selber, er mit eigenen Augen, habe es gesehen, wie dieser welsche Hahn, ein halbes Nestputt noch, wie ein schwerer Galeerensträfling auf dem holländischen Kriegsschiff nach der Freiheit geschmachtet habe. Ohne mit diesen Reden gerade eine niederträchtige Absicht verfolgt zu haben, hatte die gedankenlose Unvorsichtigkeit des Wirtes doch die allerübelsten Folgen für den armen Menschen heraufgeführt und die wohlwollenden Gefühle, die man bis dahin Sylvester entgegengebracht, nun in Mißtrauen und Abneigung verwandelt. Und da niemand wußte, was sein Verbrechen gewesen, so witterte man schon alles mögliche, und bald gab es kaum noch eine Todsünde, die man argwöhnend ihm nicht zugetraut hätte. Nur die Kinder allein, die Tiere und die braunen Menschen, mit denen allen Sylvester immer gut Freund gewesen, bewahrten ihm ihre Liebe.

»So kämpfe ich mit Schattengebilden,« hatte Sylvester seine Leidensklage geschlossen, »mit wesenlosen Schatten, die man nicht fassen kann! Einen Meuchler hab ich umgebracht, dessen Giftwaffe die Zunge war, und konnte doch nicht diese Zunge mit ihm töten! O diese verruchte Zunge, die mit heimlichem Geifer mein Leben zerstörte, die, aus dem Grabe sich noch erhebend, ihren mörderischen Hauch mir nachschickt. Javelin hat meine Seele getötet, ich nur seinen Leib, ich weiß nicht, wer schlechter war.«

Erschöpft sank Sylvester auf die Felsenbank zurück, die sich neben Rusts Lager unter dem Wasserfalle befand. Der Freund ergriff seine Hand und hielt sie fest. »Oh, ich kenne das Mißtrauen,« sagte er nach langem Schweigen nachdenklich, mit leiser und bewegter Stimme, »wer hätte es nicht erfahren in seinem Leben! Selbst kein Eichbaum hat Wurzeln, die so stark wären wie dieses Kraut Unausrottbar des Mißtrauens. Das Auge eines mißtrauenden Menschen ist wie mit einer trüben Glashaut überzogen, die nun immer den Gegenstand ihrer Betrachtung in ihrer Färbung sieht, jede Handlung, jede Äußerung eines Menschen, und sei sie noch so edel, ja erhaben sogar, immer in die trübe Milch ihres Lichtes taucht und umdeutet. Kein Mittel giebt es gegen das Mißtrauen, wenn es erst eingewurzelt ist.«

»Und darum muß ich fort von hier!« seufzte Sylvester aus tiefster Brust herauf.

»Nein, mein Sohn, darum mußt du nicht fort, hast du nicht auch väterliches Verstehen und Liebe hier gefunden? Was aber deine weniger guten Erfahrungen mit den Menschen anbelangt, so laß es dich nicht weiter anfechten. Gegen die Lästerer besonders giebt es eine gute und vornehme Rache, und das ist die, ihre geheime Achtung zu erzwingen.«

Mit der zähen Beharrung, die dem Trotze der Leidenschaft eigentümlich ist und die nach tausend guten Gründen und Einwänden der Vernunft doch immer und immer wieder auf den einen Punkt zurückkommt, wiederholte Sylvester mit einer durch nichts zu erschütternden Festigkeit seinen einmal gefaßten Entschluß. »Und doch – und doch,« sagte er, »meines Bleibens hier ist nicht mehr ... es liegt auch tiefer noch –«

Er hatte bei diesen Worten einen flammend roten Kopf bekommen und brach mitten im Satze seine Rede ab.

Rust sah ihn aufmerksam an. Dann sagte er: »Ich sehe, Sylvester, daß ich dich nicht halten kann, so will ich auch keinen unnützen Versuch weiter machen, dich umzustimmen. Wohin gedenkst du nun dein Lebensschifflein zu lenken, und was willst du beginnen in der Welt?«

»Das ›Wohin‹, das weiß ich noch nicht,« antwortete Sylvester, »das ›Was‹ macht mir wenig Kummer. Mit meiner Kunst schlag ich mich schließlich durch das bißchen Ende Welt, was mir noch freigegeben ist, schon durch.«

»Daran zweifle ich nicht,« entgegnete Rust. »Allein ich erinnere mich, du sagtest mir einmal, wie sehr du es bedauertest, so wenig von der Kunst des Tonsatzes zu verstehen, und daß dem musikalischen Schöpferdrange in dir infolge dieses Mangels die rechte Flugkraft unterbunden sei. Was meinst du nun, Sylvester, wenn wir dich erst einmal auf ein, zwei Jahre auf die hohe Schule der Musik nach Brüssel schickten, dort den Kontrapunkt und Generalbaß zu studieren? Ich denke, dann müßte doch ein ›Kerl‹ aus dir werden, an dem man seine Freude doppelt haben könnte!«

Mit aufgetanen, glänzenden Augen wie ein erstauntes Kind sah Sylvester auf Rust und wußte keinen Ton zu sagen. Und als er schließlich ein paar einfache dankbare Worte erglühend fand, wehrte ihm Rust lächelnd: »Siehst du, mein Lieber, wenn einer einen Diamantberg gefunden hat, da begreift es ein jeder und findet es selbstverständlich, daß man nach dem Schatz erst schürfen muß. Warum nicht auch, wenn mal einer die demantene Ader im Kopfe hat? Du wirst, dessen bin ich gewiß, noch vielen Freude bringen und dir selber den Frieden!«

Bald nach diesem Gespräch verabschiedete sich Sylvester mit einem so glücklichen Gesicht, wie sich Rust kaum erinnerte, schon einmal an ihm bemerkt zu haben. Auch in sein eigenes betrübtes Herz hatte das Bewußtsein, einem guten Menschen wohlgetan zu haben, ein Tröpflein Balsam fallen lassen.

Dagegen hatte sich Mayas eine noch tiefere Traurigkeit bemächtigt. Sie war an diesem entscheidungsvollen Morgen aus der Ferne unfreiwilliger Zeuge der Begegnung zwischen Rust und Sylvester geworden, und sie hatte, ohne auch nur ein einziges Wort von dem, was gesprochen wurde, verstehen zu können, doch an den verzweifelten Gebärden Sylvesters einen Kummer gelesen, der entsetzlich sein mußte, Ihr ja schon im bloßen Anblick so unerträglich, daß sie es nicht erleiden mochte und sich abwendete. Weichgeschaffen, wie ihr gutes Herz war, fühlte sie innigstes Mitleid mit dem Unglücklichen, und sie konnte eine Träne ihres Mitgefühls ihm nicht versagen. Als sie dann am Abend wie immer ihrem geliebten Kranken einen duftenden Strauß weißer Blüten brachte, sah ihr Auge, das geweint hatte, hernieder. Doch sie fragte nicht und verbarg ihre Bewegung im Herzen.

Wenige Wochen hierauf nahte der Tag heran, da es für Sylvester von allen, die ihn lieb hatten, Lebewohl zu nehmen galt. Schon wiegte sich der wiedergekehrte Sperber, der in unserm alten Tim Rafter einen neuen Kapitän erhalten hatte, aus den blauen Wassern der Lagune, klar zur Abfahrt. Rust, der inzwischen völlig genesen war, hatte zur Feier des Abschiedes von den beiden lieben Freunden, dem alten und dem jungen, am Abend zuvor im Berghause ein kleines Fest veranstaltet, zu dem auch noch ein paar vertrautere Bekannte aus Rusthafen mit ihren Frauen und Töchtern geladen waren und von Mayas Freundinnen zwei der angenehmsten und vornehmsten Mädchen von Siniam.

Dieser Abend, der wohl manchem unvergessen ist, war übrigens nicht nur einem wehmütigen Abschied geweiht: er hatte zugleich auch den heiteren Glanz eines Freudenfestes erhalten und galt einer Glücksbotschaft, die diesmal, ganz unerwartet, der Sperber mitgebracht hatte. Die Nachricht nämlich von der bevorstehenden Ankunft von Rusts Kindern Rasmus und Martha! Die Erfüllung einer jahrelangen Sehnsucht, leider erkauft freilich mit einem Tröpflein Wermut auch, da Rasmussens alter Vater das Glück seiner Kinder im fernen Meere nicht mehr teilen konnte: er hatte schon sein Ziel gefunden. Das Schiff, das sie alle, die Geliebten, bringen sollte, die schnellsegelnde Miranda, war nur drei Wochen später als der Sperber von Hamburg abgefahren, so daß schon mit dem nächsten Vollmonde, frühestens aber Ende April, seine Ankunft zu erwarten stand.

Die farbigen Lichter der Papierlaternen, die die Dämmerungen des Gartens mit mildem Schimmer füllten, begannen schon tiefer zu brennen, als aus dem Hause Maya trat, mit Sylvesters Geige in der Hand. Sie überreichte mit einem bittenden Blicke das tönende Kästlein mit dem Wunderbogen dem Scheidenden.

Sylvester seufzte und griff in die Saiten. Im Osten draußen, auf einer Silbersee, schwamm die südliche Mondsichel. Kam, mit den beiden Hörnern nach oben gehoben, wie ein offener Nachen herauf und streute ihre Lichtkörnerfracht über Welt und Menschen herab. Ein leiser Ton erzitterte und vermischte sich mit den Wohlgerüchen unsichtbarer Blumen dem lauen Westwind, der von den Wäldern herab nach dem Meere strich.

Die Lampen waren schon niedergebrannt und die Gäste gegangen, als noch einmal Sylvester zu seiner Geige griff.

Das Mondlicht floß auf ihren Saiten.

»Beethoven!« hatte Rust gesagt.

»Beethoven!« Sylvester geantwortet.

Und er spielte Beethoven! Spielte ihn wie in seinem ganzen Leben niemals noch, denn der Einsatz, um den er spielte, war die heimlich Geliebte! Mit dem Nachtgesang des Windes, mit dem Brandungsdonner des Meeres, als der Sehnsucht Unterstimmen, sang die Geigenseele – Maya! ...

Tief erschüttert stand Rust.

»Ein Mensch,« sagte er, als Sylvester geendet hatte, »ein Mensch, dessen Seele so Unsterbliches geboren wie dieser Töne Macht – der selber könnte endlich sein? Niemals! Niemals! – So klingt im Schmerze die Erlösung schon! So trägt mancher Mensch in der Tiefe seiner Brust schwer an Steinen, die vielleicht kaum für schlechte, schwarze Kohlen angesehen werden und doch Diamanten sind. Kristallene Tränen seiner Seele.«

Aus der Tiefe mußt dus holen! –

Und Maya? ...

An Sylvesters Wange hatte ein Duft geweht von dunklem Mädchengelock. Sie war hinter ihn getreten und hatte die Töne mit ihrem Herzen aufgetrunken. Der tiefe Zwiespalt in ihr drohte ihre Brust zu sprengen. Sehnsucht füllte ihren Busen, Tränen ihre Augen – ach, sie wußte nicht, wie ihr geschehen war ... in dieser Stunde war ihre Seele erwacht!

Und dann ging Sylvester.

Wer es wüßte, auf wie lange hin! Oh, wer es wüßte, ob auf immerdar!

Als er zu ihr kam und herantrat zu ihr, Lebewohl zu sagen, zitterte sie. Ihre ergriffene Stimme bebte, und sie konnte weiter nichts hervorbringen als das eine gestammelte Wort: Aloha oe! Das heißt: Ich denke dein! ...

*

In der Morgenfrühe, ehe noch die Sonne ihr gläsernes Haus verließ, hatte der Sperber den Anker hochgezogen. Bis zum Leuchtturm gab ihm Rust das Geleit noch. Lange vorher schon aber war Maya hinausgerudert zu dem einsamen Felsen im Meere. Unter der Palme auf seiner Höhe stehend, wartete sie, bis das Schiff vorübergeglitten und die letzte Mastspitze von ihm hinter dem großen Wasserberge versunken war. Lange noch sah sie den Geliebten winken und gab ihm mit ihrem Tüchlein das gleiche Zeichen, bis nichts mehr übrig war von ihm als die letzte Spur des Schiffes auf der grauen Meeresfläche. Dann fuhr sie heimwärts. –

In der dritten Nacht hiernach brach ein furchtbarer Sturm los, der Rust mit Sorge erfüllte um das Schicksal seiner Kinder auf dem Meere und seiner Freunde draußen. In jener Nacht – keine Seele wachte mehr, es brannte kein Augenlicht – wanderte er lange noch in den Wäldern und Bergen herum. Sein Weg führte ihn nach Norden hinauf, nach Süden herab, bis er endlich in die Nähe des Weihers kam. Dort, oberhalb der Terrasse hinter seinem Haufe, erhebt sich über dem Wasserfalle eine Felsenhöhe, deren Rücken und Fortsetzung am Flüßchen entlang an die Kesselwände anschließt, die den Waldsee umgeben. Auf dieser mit schönen Mangobäumen und Palmen bestandenen Höhe, von der herab das Auge des Beschauers eine fast unbegrenzte Fernsicht über das Meer genießt, hatte Rust an manchen schönen Abenden mit den Kindern gesessen, die Kühlung der Nacht zu erwarten und den Schimmer der Gestirne. Heute suchte er den Weg, um auszuschauen, ob in der monderhellten Wasserwildnis draußen kein Schiff zu sehen wäre. Bis auf hundert Schritt etwa hatte er sich dem Gipfel genähert, da kam ihm eine weibliche Gestalt entgegen, die, wie er bald erkannte, Maya war. Als sie ihn wahrnahm, wollte sie sich verbergen, denn sie schämte sich der Stunde. Doch er rief sie bei ihrem Namen an. »Komm, meine liebe Tochter und fürchte dich nicht. Du gehst nach deines Vaters Hause, wo bist du besser geborgen als bei mir?«

Schluchzend nahm das Mädchen seine Hand und ließ sich von ihm führen bis an die Tür. Das war das einzige Mal, daß sich ihre Schmerzen begegneten. Schweigend. Noch in mancher Nacht aber, wenn die Dunkelheit kam und die Menschen stille wurden, ging durch die Täler der Sehnsucht ein klagender Mädchenruf ... Sylvester ... Sylvester! ...

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