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Der Steiger vom David-Richtschacht

Kurt Geucke: Der Steiger vom David-Richtschacht - Kapitel 4
Quellenangabe
authorKurt Geucke
titleDer Steiger vom David-Richtschacht
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrun6. bis 12. Tausend
year1921
firstpub1921
illustratorWillibald Weingärtner, Martha Jäger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180715
projectid923d4025
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Drittes Kapitel.
Haus Wullenweber

Strahlend ging die Frühlingssonne über Hamburg auf und dem Mastenwalde seiner Schiffe. Auf dem breiten Norderarm der Elbe wogte wie Marschenmilch der frische, weiße Wasserdampf. Der Morgen erhob sich aus den Nebelbetten des Stroms und richtete seinen Blick in die erwachende Stadt hinein. Schon reckte sie den Stein- und Wasserleib und schüttelte von hunderttausend Augen, die hier Tag und Nacht in die Welt gerichtet sind, den Schlaf herab. Die Riesin des Nordermeers! – Unten in den Hafengassen bei den Landungsbrücken von St. Pauli rollten die Frachtwagen, ratterten die gelben Postkaleschen, und bald war hier ein Getümmel schon und Gebrause, von St. Pauli Fischmarkt bis hinauf zum Hafentore.

Die siebente Stunde machte gerade ihre Glockenrunde von St. Michaelis über Petri und Nikolai bis hinüber zu St. Katharinen an der Jungfernbrücke, als aus einer verräucherten Hafenschenke, unweit von »London Tavern« am Zollamt, ein Mann trat. Schon ist ein Gedränge auf dem Bollwerk, daß die Leute aller vier, fünf Schritte ausbiegen müssen, um sich nicht an den Stückgütern, Kisten und Fässern zu stoßen, die hier gewuchtet und gerollt werden. Beim Fährhaus am Hafentore wendet sich der Fremde seitwärts und biegt in einen grünenden Baumgang zu den Hügeln hinauf, die hier im Zuge des alten Wallrings die innere Stadt umgürten. Wie einmal ein alter Hamburger gesagt hat, gleich einem rundum festgeschnürten Warenballen. Ein Vergleich, der durch das starke Wasserband, das in den Alsterfleeten auch querüber in die Stadt einschneidet, noch deutlicher wird.

Erst auf der Höhe oben, dem Stintfang, dessen Gipfel die deutsche Seewarte trägt, wendet der Mann den Blick zurück und läßt ihn nun hinab und hinüber gleiten über Staden und Hafen.

Michel Mattheis – denn er war es leibhaftig – war auf seiner Flucht nach einigen Kreuz- und Querfahrten gestern gegen Abend, frischen Mutes und guter Erwartungen voll, in der alten freien Hansestadt glücklich gelandet. Wie wurde die Vorstellung, die seine Einbildungskraft von Hamburg sich entworfen hatte, von dem farbigen Bilde der Wirklichkeit übertroffen, das sich hier, im frischen Wechsel der Erscheinungen, vor seinen Augen ausbreitete. Das war ja die Brandung einer ganzen Welt, die hier zu ihm heraufrauschte! Vom Jonashafen, tief unter seinen Füßen, schweifte sein Blick ostwärts, an den belebten Althäfen am Sandtor und Grasbrook vorüber, das gegenüberliegende Ufer der Norderelbe hinauf, bis zu dem von buntgefärbten Schloten und reich bewimpelten Masten vollgedrängten Indiahafen. Das für die überseeische Segelschiffahrt etwas weiterhin gebreitete Becken am Amerikakai blitzte und blankte in der Frühsonne und schaukelte auf seinen Wellen eine ganze hölzerne Wasserstadt von Schiffen. Hochaufgebaut, weiträumig und wie auf einen kristallklaren, funkelnden Spiegel gestellt, der in tausenden Teilen beweglich war. Das Ganze aber ein Anblick, als wenn die Flaggen und Farben aller Länder und Völker, auf und ab tänzelnd, unter allerhand seltsamen Verneigungen sich hier ein Stelldichein gegeben hätten. – Neben dieser Wasserstadt wie eine Stadt für sich stieg vor ihm das gewaltige, rechtselbisch hochgegiebelte Speicherviertel am Kehrwiederfleet herauf: während eine dritte, wiederum ganz eigene Stadt im Süden, die der Hellinge, Hafenfabriken und Bauwerften mit ihren Schwimm- und Trockendocks, von den Inseln des jenseitigen Ufers geradeaus zu ihm herüberschaute. Und zwischen diesen vier Wasserreichen der Schiffe, der Werften, des Speicherviertels und der an Venedig erinnernden Innenstadt mit dem Netze ihrer Fleeten und Twieten: ein schwärmendes Heer von kleinen Dampfern, flitzenden Barkassen, geschäftigen Ewern, Leichtern, in die gelöscht wurde, Schuten, aus denen geladen ward, Postschiffen, Marktschiffen, und was alles hier zusammenkam, das Leben zu tummeln. Von Hafen zu Hafen, von Kanal zu Kanälen bis in die tiefen Giebelquartiere der wasser- und gassenengen inneren Lagunenstadt. Während die rollende Eisenbahn, die auf lang ausgestreckten Kaizungen in die weiten Wasserflächen des Freihafengebietes hineinleckt, über die Brücken donnerte, um sich hier und drüben, auf der Rückseite der Lösch- und Ladeschuppen, dem Weltverkehr anzuschließen.

Das alles konnte Mattheis von seiner hohen Umschau deutlich beobachten, und der Lärm von fünf Erdteilen, der hier zusammenschlägt – ein ungeheurer Eindruck! – überwältigte ihn fast. Der Schall der Axt auf den Werft- und Zimmerplätzen, der Fall der Hämmer in den Kesselschmieden, die ächzende Weise des Gangspills beim Ankerwinden, das Knarren der Krane und Tuten der Dampfer, das Räderrollen, Rufen der Schifferglocken, Matrosengesang in allen Sprachen: der Zusammenklang aller dieser tausend Geräusche des tätigen Tages – das war so eine Musik, die ihm gefiel! Ein Lied, das vom Leben brauste!

Seine Augen leuchteten, seine Muskeln spannten sich, von Kraft und Freude geschwellt, und eine Liebe zur Arbeit packte ihn, wie er sie in diesem Grade bis dahin noch niemals gefühlt hatte. Er kam sich hier, von allen Adern seiner Zeit umrauscht, noch einmal so lebendig vor, und es war ihm förmlich zumute, als habe er sein Wesen verdoppelt, als ströme aus dieser Erde die Kraft des Bodens in seine Füße, aus dieser Luft der Urodem des Segens in seine Lungen, und er sei sozusagen nun erst der richtige »Kerl« geworden. Er hatte das starke Gefühl, daß hier wieder etwas aus ihm werden könne, etwas Tüchtiges sogar, wenn er auch das Wie und Was noch nicht wußte. Aber dies brauchte ihm auch vorläufig noch keine Schmerzen zu machen. Zunächst zählte er erst einmal seine Barschaft nach, und die war ihm freilich bei dem Meister Schlafbaas unten in der Hafeneinkehr betrüblich zusammengeschmolzen. Allein, was tats: Mangel an Arbeit schien es hier ja nicht gerade zu geben! Nur der eine Gedanke quälte ihn ein wenig, daß er nicht noch einmal wieder jung werden konnte, um von Haus aus sein Leben etwas besser einzurichten. Wie viele kostbare Stunden der Jugend hatte er doch mutwillig vergeudet und wie viele noch mehr aus Unverstand verloren! Im Grunde genommen war er ja freilich zehn Jahre jünger, als seine Jahre waren: aber das unwiederbringlich Verlorene konnte ihm auch das Kraftgefühl dieser Erkenntnis nicht ersetzen. Wenn er hier in den Straßen und Gassen diese frische Jugend ansah: Jünglinge mit blitzenden Augen und der Farbe der Gesundheit, Seeluftfarbe, auf den Wangen, da überkams ihn wie ein edler Neid beinahe. Und mit leisbewegter Stimme brach er in die Worte aus: »Beneidenswerte Jugend, wie glücklich bist du! Das reiche Leben liegt vor dir noch ausgebreitet, und wenn du deine Zeit wahrst, was kannst du erreichen!«

Und er sah auch dieser Jünglinge Schwestern: stolzschreitende Mädchen, in deren blond und golden schweren Flechten der Wind spielte, der vom Sachsenwalde kam. Der auch ihnen einen Hauch vom Geiste des großen Zauberers zutrug, der dort begraben liegt. Jenes hohen, tapferen Geistes, welcher ja auch der ihrer Vorfahren, jener Hansafahrer, gewesen ist, die an die Turmkronen ihrer Stadt den Ruhm Venedigs gegürtet haben.

Es schlug schon Neun von Sankt Katharinen, als Mattheis wieder unten am Elbufer vor dem Fährhaus stand. Gemächlich schlenderte er das Bollwerk entlang, bis er mit einigen Unterbrechungen – Treppensteigen, Bewerbungsgängen einer Stellung wegen – schließlich zum Binnenhafen gelangte. Dort, in der Nähe der Kehrwiederbrücke, fand er ein Fährboot nach dem Steinwärder und den großen linkselbischen Häfen vor, in das er einstieg. Er wollte doch einmal »die Sache da drüben« sich ansehen und bei der Gelegenheit auch gleich wieder Bemühungen um ein Unterkommen aufnehmen. In einigen Kaufmannsstuben am Johannisbollwerk hatte er, wie gesagt, auf gut Glück und da er über eine leidliche Handschrift verfügte, auch einen ordentlichen Brief zu setzen verstand, eben erst nachgefragt. Leider vergeblich. Entweder war kein Platz vorhanden, oder man wies ihn deswegen ab, weil er keine Papiere vorlegen konnte. Daran freilich hatte er bei seinem Abschied vom David-Richtschacht, den er ja mit Todesgedanken im Herzen verließ, am allerletzten gedacht. Und nun konnten ihm die Schreibereien nichts mehr helfen. Sein ehrlicher Name war ihm ja doch verloren, war ihm, wie der Bergmann sagt, zum Erliegen gebracht. Sollte er den Ausweis seiner Schande versuchen? Nein, ein völlig neues Leben wollte er beginnen. Und dazu mußte er vor allem erst den Namen ablegen, der ihm befleckt worden war, unauslöschlich, denn er hatte ja nicht die Macht, sich zu reinigen. So war er schweren Herzens entschlossen, den Namen, den er von Vater und Mutter empfangen, den er wie oft mit Kinderlippen süßem Mutterklange nachgestammelt, nun mit einem neuen Namen zu vertauschen, den er doch wiederum dem Andenken seiner beiden Eltern entnehmen wollte. Und so nannte er sich von jenem Tag an nach dem Mädchennamen seiner Mutter und dem Rufnamen des Vaters: Matthias Rust.

Da wir nicht das Recht haben, diesen Entschluß zu mißbilligen, so wollen wir versuchen unserm alten Freunde auch unter dem neuen Namen treu zu bleiben.

Das erste, was Matthias nach seiner Landung auf dem Steinwärder unternahm, war die Fortsetzung seiner Versuche um eine Anstellung. In allen Werften und Docks fragte er nach, in Kistenfabriken und Kaffeeröstereien, in Reis- und Getreidemühlen, in den ostindischen Hanfhäusern und Tauwerkspinnereien, in Kessel- und Kupferschmieden, in Farbewerken. Segelmachereien: kurzum, vier Stunden lang von Tür zu Tür herum, ohne daß er etwas erreichte. »Kein Platz vorhanden!« ... »Bedaure, ohne Papiere!« ... Das war die Antwort, die immer wiederkehrte. So war er schließlich froh, wenigstens etwas Geringes zu finden, und nahm, da ihm nichts weiter übrigblieb, Arbeit auch noch immer keine Schande ist, eine Anwerbung als Kohlentrimmer bei der Hamburg-Amerika-Linie an. Zur Aushilfe für den andern Tag. Mit gutem Humor tröstete er sich, daß er als Schaufler an den Kohlenbunkern doch wenigstens in ein Fahrwasser hier geraten sei, das von dem seines alten, herrlichen Bergmannsberufes nicht allzufern ablag.

Nun wars ihm wieder etwas leichter zumut, und er fühlte einen rechtschaffnen Hunger sich regen. Schon vor einer Stunde etwa, mit dem Schlag Eins der Kirchen, war jenseits des Stroms auf dem Turm des Kaiserspeichers der Zeitball hochgegangen, das Mittagszeichen für alle Schifferuhren. Ermüdet von dem langen Wandern und Treppensteigen, gelangte Matthias endlich am Reiherstieg, einer breiten Wassergasse zwischen den Inseln Steinwärder und Grasbrook, vor eine Kaffeehalle, in die er eintrat.

Lange schon mochte er hier gesessen haben, seinen Gedanken hingegeben, als ein gutgekleideter Mann von etwa fünfzig Jahren hereinkam, den die Bartfräse und der Schnitt des wetterharten Gesichtes auch ohne die Schiffermütze, die er auf hatte, sofort als einen Seemann, und zwar holländischer Flagge, kennzeichnete. Der Fremde sah sich einen Augenblick in dem verqualmten, vollbesetzten Raum prüfend um, ob er nicht noch einen freien Platz ausfinden möchte, und sogleich auch hatte sein scharfes Auge den Tisch entdeckt, an dem sich Matthias noch ganz allein befand. Ohne Gruß und Umstände nahm er Platz, bestellte seinen Kaffee, stopfte die braune Tonpfeife, die er umständlich aus der Westentasche hervorholte, mit einem verdächtig duftenden Knaster und blies eine geschlagene Stunde lang, ohne seinem Nachbar auch nur ein Wörtchen zu gönnen, die blauen Rauchringe steuerbords vor sich hin. Matthias dachte bei sich: »Dem mußt du in seiner Weise kommen!« steckte sich seine letzte Zigarre an, schlug die Beine übereinander und wendete dem unhöflichen Gaste halb und halb die hintere Ansicht zu. So war wieder einige Zeit in beiderseitiger Schweigsamkeit vergangen, und Matthias machte schon Anstalt, seine Zeche zu begleichen, als sich ganz unerwartet das breite Maul seines angenehmen Gegenübers zu einem grimmigen Lächeln verzog und ganz unvermittelt die Worte hervorstieß: »Potselderement! Ihr gefallt mir!«

Matthias lachte. »Ihr mir noch nicht so ganz! – Schwimmt wie ein vollgetakelter Kauffahrteier herein, legt Euch breit mir gegenüber vor Anker und zeigt nicht einmal Eure Flagge! Hol Euch der Wind!«

Der Holländer zuckte mit keiner Miene. »Der hat mich schon geholt, wenigstens mein gutes Schiff, das mir in Euerm verdammten Süder Piep auf den Sand geraten ist.«

»Habt Ihr Schiffbruch erlitten?«

»Alles kieloben – bis auf mich.«

»Dann können wir wohl die Hand unter einem Segel halten,« sagte Matthias, »ich bin auch schiffbrüchig, wenn auch in einem andern Sinne als Ihr.«

»Habt Ihr Euer Geld verloren?«

»Mehr als mein Geld – meine Ehre hab ich verloren.«

»God dorje, das ist auch nicht grade wenig!«

»Ihr habt doch wenigstens Euer Schiff im klaren Meerwasser und auf ehrlichem Grund gelassen; mir aber ist das meine im Schlamm der Lüge und Bosheit steckengeblieben.« – Matthias schwieg, und sein dunkler Kopf neigte sich schwer.

Der holländische Kapitän sagte eine Zeitlang nichts. Dann, indem er sich erhob, brummte er so freundlich, als ihm dies von seiner friesischen Mutter her möglich war: »Laßts Euch nicht anfechten! Glaubt dem alten Tim Rafter, der sein schönes Schiff dreißig Jahre lang geführt hat: in einer Luft wie hier kann der Mensch nicht untergehen. Habt Ihr schon was?«

»O ja, für morgen, aushilfsweise als Trimmer im Kaiser-Wilhelm-Hafen.«

»Immerhin – etwas! ... Also können wir uns erst am Mittwoch wiedersehen. Wann? Wo?«

»Hier vor der Anlegebrücke, um sieben Uhr morgens.«

»Abgemacht. Vaarwel!« –

Sie waren unter diesen Worten vor die Tür gelangt, und der Kapitän hatte sich schon mit einem kurzen Händedruck verabschiedet, als er nochmals sich zurückwendete: »Braucht Ihr –? Braucht Ihr –?«

Matthias wurde rot wie ein kleiner Junge.

»Ich meine, wie wärs hier an der Luvseite mit etwas frischem Wind in die Tasche?«

»Nein, nein,« stotterte Matthias, »ich danke ... also am Mittwoch!« Damit war er um die Ecke verschwunden und ließ den alten Tim stehen wie einen dummen Schulbuben. –

Am Mittwoch morgen hatte es noch nicht Sechs geschlagen, als Matthias schon im Boote die »spanischen Reiter« am Freigatt passierte. Ein zwischen Rammpfählen geführtes schwimmendes Holzgitter im Strome, das die Zollgrenze versichert. Da es bis zur Verabredung mit dem holländischen Kapitän noch eine volle Stunde Zeit hatte, ließ er die Jolle am Kleinen Graasbrook anlegen und ging von hier zu Fuß nach dem Indiahafen. Unter den zahlreichen Schiffen, die hier in langen Reihen vertäut lagen, erweckte seine nähere Aufmerksamkeit ein Neu-Guineafahrer, der, wie man hörte, um neun Uhr morgens nach Kaiser-Wilhelmsland und dem Bismarck-Archipel in See gehen sollte. Ein stattlicher, stolzer Dampfer. Ganz weiß gestrichen und nur oberhalb der Wasserlinie mit einem breiten dunkelblauen Band gestreift. An seinem Fockmast und Heck flatterten lustig im Winde die deutschen Reichsfarben, während die am Mittelmast befestigte Hausflagge der Reederei ein großes weißes W in blauem Felde zeigte. Der Name des Schiffes lautete Aldebaran. Matthias erinnerte sich, diesem weißen lateinischen W im meer- und himmelblauen Grunde gestern und heute schon mehrmals begegnet zu sein, und er dachte gerade bei sich, wer wohl der glückliche Besitzer dieses schönen sauberen Schiffes sein möchte, als er schnell zurückspringen mußte. Auf der Ladebahn, deren eines Gleis am First des Schuppens, das andere unten am Ufer verlief, wo er gerade stand, hatte sich ein torartig gebauter hoher Dampfkran genähert, und Matthias hatte nicht beachtet, wie die nach dem Schuppen ausholende Laufkatze eine Schwenkung machte und auf dem kürzesten Wege war, anstatt der großen Tonne auf der Rampe ihn selber mitzunehmen und im »Raum« des Dampfers mit Haut und Haaren zu verstauen. Glücklicherweise kam er für diesmal mit einer kleinen Schramme und dem Schrecken noch davon. Und er war nicht wenig überrascht, als ihn jemand tröstend auf die Schulter klopfte und er plötzlich in das Gesicht seines neuen Freundes blickte, des Kapitäns. Auf dem Wege nach dem Reiherstieg war er hier vorüber gekommen und nun sichtlich erfreut, Matthias schon eine halbe Stunde früher zu treffen. »Ihr werdet heute morgen zu den Reedern dieses Schiffes gehen«, war die erste Neuigkeit des Tages, die Tim Rafter – jedes Wort mit Nachdruck und Bedacht – zwischen der festgeklemmten Tonpfeife und dem äußersten Winkel seines wohlerhaltenen Zahngeheges durchpassieren ließ.

»Was sollt ich wohl bei denen?« fragte Matthias, in Erinnerung seiner vorgestrigen Erfahrungen ungläubig lächelnd.

Der Kapitän stieß aus der breiten Maulluke einen Fluch hervor und spuckte ihm, mit wütendem Gesichte, nach. Dann drehte er sich Matthias zu und sagte gelassen: »Ihr werdet Herrn Johann Wullenweber begreiflich machen, daß er Euch anzustellen hat.«

»Potz Himmelblau!« wetterte jetzt auch Matthias auf brüderlich Altfränkisch: »Ihr scheint mich für einen ganz gehörigen Draufgänger zu halten oder aber für einen Hexenmeister.«

»Für beides«, kam Tims Antwort ruhig und trocken zurück. »Und damit Ihr für Euern Gang einigermaßen vorbereitet seid, will ich Euch immer mit dem Betrieb des Hauses etwas näher vertraut machen. Also kommt und folgt mir!«

Beide Männer bestiegen das an der Hafeneinfahrt angeschlossene Boot Rafters und ruderten im warmen Glanz der Morgensonne das Elbufer entlang bis zur Insel Steinwärder. Gleich bei der ersten Werft am Reiherstieg legten sie an. Johann Wullenweber stand in steilen Lettern über dem Tore. Ihrem Läuten öffnete sich eine kleine Nebenpforte, und sie traten zunächst in das Häuschen des Pförtners ein, um sich hier in das Meldebuch einzutragen. Auch gab Rafter auf seiner Karte ein paar Zeilen mit. Nach einiger Zeit kam der Torwächter mit dem Bescheid zurück, daß der Eintritt den Herren gestattet sei. Rafter übernahm die Führung und erklärte seinem Freunde alles, was irgend wissenswert war und ihm vielleicht nützlich werden konnte. Er schien übrigens gut Bescheid hier zu wissen und kannte alle Werkmeister.

Auf vier Hellingen wurden gerade für eigene Rechnung der Reederei vier große Kauffahrteier gebaut, während in den Schwimm- und Trockendocks drei fremde Segler und ein großer Ozeandampfer der Hamburg-Amerika-Linie zur Ausbesserung lagen.

Die in verschiedenen Baustufen vorgeschrittenen Kauffahrteier waren zwei noch ziemlich zurückliegende Vollschiffe, mit den schon vorbestimmten Namen Orion und Südstern; sodann eine seefeste, wunderschön gebaute Bark, der Sperber, und eine bei zierlicher Gestalt des Rumpfes doch recht kräftig ausgerüstete Brigg, die Miranda.

Der Bau des Orion lag noch am meisten zurück. Nur sein eisernes Rückgrat, der Kiel war eben gestreckt und zu beiden Seiten die Spanten aufgerichtet, die aus ihm wie Rippen heraufwuchsen. An den beiden Schiffsenden kamen sie zusammen und vereinigten sich zu je einer mächtig aufsteigenden Doppelrippe als Vorder- und Hintersteven.

Ein Stück schon weiter war der Südstern vorgeschritten. Hier sah man doch bereits die Schiffsrippen von Innen- und Außenhaut des Schiffes zugedeckt und die zwischen den Plankenlagen entstandenen Hohlräume von Spant zu Spant mit hölzerner Füllung abgedichtet und verpicht. Der durch eiserne Träger versteifte Doppelboden war hier schon fertig gelegt, und es wurde nun gerade begonnen, bis zum ersten Unterwasserdeck eine Reihe wasserdichter Abteilungen einzubauen. Auch die Lage des nächstoberen Verdecks war durch die von Spant zu Spant querüber gezogenen Deckbalken, das tragende Untergebälk für den noch fehlenden Bohlenbelag, bereits angedeutet.

Die ganze Eleganz ihrer Formen zeigte aber erst die Brigg Miranda. Drei Verdecke übereinander, das Unterdeck, ein Zwischendeck und das Hauptdeck, lagen hier schon fertig langgelegt, während die Back am Buge des Schiffes und die anderen Aufbauten auf Deck noch im Entstehen begriffen waren. Die beiden Masten fehlten noch.

Der bewundernswerte Anblick eines Schiffes in und während seiner letzten Vollendung bot sich den Besuchern auf der vierten Helling. Zu ihrer freudigen Überraschung trafen sie es hier, daß sie gerade noch Zeugen sein konnten, wie dem soeben vom Stapel gelassenen Barkschiff Sperber mit Hilfe des Schwimmkrans die drei Masten gerichtet und die Takelage, Rahen und Stengen, gesetzt wurden. Um das Schiff in seiner Geschwindigkeit auch unterm Äquator durch die Zone der Windstillen zu tragen, hatte man ihm zur Aushilfe noch eine kleine Dampfmaschine eingebaut. Eben nur für Notfälle bestimmt, konnte sie seinen Charakter als Segelschiff nicht weiter berühren. – Dieses herrliche Schiff, von welchem Matthias in jener Stunde noch nicht ahnen konnte, daß es sein Schicksal werden sollte, hatte zu den schon bei der Brigg Miranda genannten Verdecken zwischen Doppelboden und Unterdeck noch ein sogenanntes Orlop oder Tiefdeck erhalten, so daß es – in der Landrattensprache zu reden – aus vier Stockwerken bestand. Zweien über und zweien unter dem Wasser.

Ordentlich schwer wurde es den beiden Männern, von dem prächtigen Schiffe, das auch in seinem innern Bau eine Fülle des Schönen und Sehenswerten bot, sich wieder zu trennen.

Es war mittlerweile elf Uhr geworden, und Rafter erinnerte unsern Freund, im Hause Wullenweber sein Glück zu versuchen.

Matthias aber selber hatte seinen Mut, der ihm nach den Erfahrungen am Montag etwas dürr geworden war, hier erfrischt und zurückgewonnen, und so zögerte er nicht, Rafters Rat zu befolgen. Der Kapitän begleitete ihn in seinem Boot durch Elb- und Hafengewimmel bis in die stillen Fleetzüge der Altstadt zum Hause der Reederei, Herrengraben Nr. 9, gegenüber dem großen Bäckergang. An der Wasserseite des Gebäudes im unteren Bleichenfleet, dort etwa, wo am anderen Ufer das alte Rathaus steht, stoppten sie ihr Boot und verabredeten sich für zwei Uhr nachmittags in ein Speisehaus am Spielbudenplatz.

Das Herz klopfte Matthias doch ein wenig höher, als er unter dem mächtigen, weit ausladenden Dachaufzuge dieses alten Hintergiebel- und Speichergebäudes in das graue, verwitterte Torgewölbe trat. Er kam auf eine tief nach hinten verlaufende geräumige Diele – das ganze Erdgeschoß nahm sie ein –, die mit Warenballen dermaßen vollgepfropft lag, daß hinter Kisten und Körben, Fässern, Säcken und Ballenbergen die Menschen verschwanden, die hier anfaßten. In der Mitte des Raums sah er vier gemauerte Vertiefungen. In jeder war eine Wage aufgestellt, deren Platten in gleicher Ebene wie die Diele lagen. Größere Lasten wurden von einem Fahrkran gewältigt, der auf Schienen durch die ganze Halle vom Wasser- bis zum Hoftor lief. Ein Hausbeflissener, mit einer Schreibtafel in der Hand, ließ sich eben vom Speichermeister mehrere Posten der von gestern bis heute eingelieferten Waren ansagen. Eintönig wie ein Paternosterwerk schnurrte die Stimme des Gewaltigen herunter:

»Von See auf Land: 500 Säcke Kaffee – 400 Säcke Ölkuchen – 400 Guano – Weizen, Reis je 300 – Mais ebensoviel – 400 Gerste – 500 Salpeter – Baumwolle 300.«

»300 Baumwolle«, wiederholte schreibend der Gehilfe. »Alles –? Hm. Und von Land auf See?«

»Wenig heute. 500 Säcke roher Rübenzucker – 80 Fässer Spiritus – 100 Kisten Schiffszwieback.«

»Schiffszwieback ... 100«, kritzelte der Gehilfe. »Und das Staßfurter Salz?«

»Liegt noch im Oberhafen. Wird um Zwölf gelöscht. Um ein Uhr die vier Oberländer Kähne, die im Zollhafen liegen. Die Stahlwaren sind bestätet.«

Während dieses Gesprächs hatte sich Matthias zwischen aufgestauten Säcken und Fässern bis zum Vordertor glücklich durchgewunden und trat nun in den etwas engen, lichtarmen Hof hinaus. Das Geschäftsgebäude war ein neueres Haus. In einem einfach gediegenen und dabei auch edlen Geschmack errichtet, der zu dem Geist nackter Zweckmäßigkeit, wie ihn der alte Speicher atmete, seltsam entgegenstand. Er gelangte in eine saalartige Flurhalle, über deren innerem Hochportal in marmornen goldgemeißelten Lettern folgende Inschrift zu lesen stand:

Venezianer

Kaufmannsvölker erblickte die Welt oftmals und erblickt sie
     Heut noch; aber es sind leidige Sammler des Golds.
Ihr wart Helden und trugt im Gemüt die unsterbliche Großheit,
     Welche das Leben verklärt durch die Gebilde der Kunst.

Minutenlang sann Matthias über diese berühmten Verse nach, ehe er sich entschließen konnte, weiterzugehen. Zwischen attischen Säulenpaaren schimmerten ihm sechs weiße Türen entgegen. Einander zu drei und drei, rechts und links des Eingangs, gegenübergestellt. Fünf von diesen Türen trugen messingene kleine Schilder mit Inschriften, während die sechste Tür keine Aufschrift zeigte. An der ersten las er das Wort Reederei, an der zweiten Schiffsbau, an der dritten Seehandlung, an der vierten Seeversicherung und an der fünften Bodmerei.

Da war er so weise »als wie zuvor«, und die leise Qual der Erwartung, die er schon mitgebracht hatte, mußte er nun verfünffacht fühlen. Zu welcher Tür sollte er hineingehen?! Eine Frage, von der unter Umständen sein Schicksal abhängen konnte!

»Du willst doch erst mal sehen, was hinter der sechsten Türe steckt!« Er pochte ... keine Antwort. Er pochte noch einmal ... tiefe Stille im Haus.

Da öffnete sich unter der Venezianischen Tafel von der Straße her die Flurtüre, und ein alter vornehmer Herr von etwa sechzig Jahren trat herein und gerade auf ihn zu: »Zu wem wünschen Sie hier?«

»Ich wollte nur Herrn Wullenweber sprechen«, erwiderte Matthias mit glühendem Gesicht.

»Da müssen Sie mir schon folgen, hier hinauf«, sagte der alte Herr mit einem feinen Lächeln, indem er sich vorauswandte.

Sie stiegen eine mit Matten belegte marmorne Treppe hinauf und gelangten über einen schmalen Verbindungsgang in einen großen Saal, in dessen abgebarrter Vorderhälfte es von allerhand Leuten wimmelte. Hier stand – etwas abseits – eine Gruppe von Händlern und Großkaufleuten, im lebhaften, halblaut geführten Gespräch begriffen. Dort verhandelten im Flüstertone Schiffsmakler und Gütervermittler mit Angestellten des Hauses, Güterfertiger und Besteder kamen und gingen. Dazwischen das wohlvertraute Bild eines brummenden alten Seebären mit der Kapitänsmütze auf dem Kopfe oder des »schlimmen« Gantmeisters mit dem Zuschlaghämmerchen in der Tasche. Und durch dieses emsige, leise Summen aller Gespräche: ab und zu das geschäftige Ticken einer Uhr vernehmbar oder das scharrende Geräusch von vierzig Federkielen, die hier unablässig über zeichen- und zahlenbedeckte Papiere huschten.

»Warten Sie hier auf mich!« hatte sich Mattheisens Begleiter, auf einen Stuhl weisend, verabschiedet und war, von verschiedenen Herren ehrerbietig begrüßt, hinter dem Tischverschlag in das anstoßende Kabinett verschwunden.

»Da hast du dich ja schön eingeführt!« dachte Matthias, als er nun erkannte, daß sein Führer der Herr des Hauses selber gewesen war.

Es dauerte eine geraume Zeit, bis Herr Lorenz Wullenweber, Chef des Hauses Johann Wullenweber, in den Saal zurückkehrte. »Lieber Thomsen,« wendete er sich am ersten Pult mit gedämpfter Stimme an einen älteren ergrauten Herrn, »wir müssen unter allen Umständen auf 5-6 Monate einen Dampfer chartern, die Fertigstellung des Sperbers ist nicht länger abzuwarten. Fragen Sie doch gleich mal bei Sloman oder bei Godeffroy an. Zur Not könnt es auch ein Schnellsegler sein!«

»Herr Müller,« ging er zu einem Herrn des nächsten Pultes weiter, »schreiben Sie mir sofort einen Bodmerbrief für Suabedissen und Sohn aus. Wie hoch ist der Ladewert des Aldebaran?«

»445 000, Herr Wullenweber, es sind diesmal nur allein Eisen- und Stahlwaren geladen«, antwortete ebenso leise der Befragte, indem er dabei auf die Bücher zeigte.

»Gut, also 45 000 Vorschuß. – Herr Tischer, ist die Versicherung besorgt?«

»Alles in Ordnung, hier sind die Papiere«, gab der Angesprochene zurück.

Befriedigt ging Herr Wullenweber weiter und trat plötzlich an die Barre zu Matthias heran: »Womit kann ich dienen, mein Herr?«

Matthias fühlte unter seinen Füßen den Boden brennen. Ein wenig schüchtern fast, doch frei heraus antwortete er: »Wenn ich die Bitte aussprechen darf – ich möchte hier angestellt sein.«

»Was sind Sie von Beruf?«

»Steiger. Berg- und Hüttenmann.«

»Ja, verehrtester Freund,« lächelte Herr Lorenz mit einem gewissen wohlwollenden Bedauern, »das wird freilich schwer halten. Ohne Fachkenntnisse? Und es ist auch wirklich gar kein Platz bei mir vorhanden!«

»Könnten Sie nicht einen Versuch machen, Herr Wullenweber?«

In diesem Augenblick klingelte im Kabinett der Fernsprecher an, und der Chef des Hauses wurde abgerufen. Matthias hörte, wie er mit einem ärgerlichen Laute das Hörrohr zurückhängte: »Herr Töwes,« rief er, noch unter der Tür stehend, »tun Sie mir den Gefallen und sausen Sie sofort einmal nach der Werft hinüber, wie weit eigentlich die Leute auf dem Sperber gestern gekommen sind.«

»Wenn Sie erlauben, Herr Wullenweber, so könnte ich Ihnen wohl darüber Auskunft geben.« Mit diesen Worten trat Matthias einen Schritt näher an den Verschlag heran.

Erstaunt blickte der Angerufene auf den Sprecher: » Sie wissen, mein Herr?«

»Ja, ich habe heute früh die Werft besichtigt und war auch gerade zugegen, wie auf dem Sperber die Mastbäume in ihre Spuren gelassen und gefestigt wurden. Auch der vierte, liegende Mast –«

»Das Bugspriet meinen Sie?«

»Richtig, ja! Das Bugspriet mit dem Klüverbaume! Ist auch schon untergepropft und verankert und vornaus über den Bug geladen. Und die Welle wird noch heute mittag gezogen und das Ruder gesetzt; es war schon alles fertig dazu.«

»Bitte, kommen Sie mit in mein Kabinett!«

Unerwartet sah sich Matthias in das innerste Heiligtum des Hauses versetzt, und er wußte selber nicht, wie ihm geschah.

Herr Wullenweber schloß die Tür. »So – nehmen Sie hier Platz, und nun erzählen Sie mir zunächst einmal ein weniges von Ihrem Leben. Sie mißfallen mir nicht, und ich bin nicht abgeneigt, Ihnen in meinem Hause einen Platz zu geben.«

Fast eine Stunde lang blieb Matthias mit Herrn Lorenz Wullenweber allein, und als er dann mit glühendem, glücklichem Gesicht aus dem Kabinett herauskam, da war er ein Angestellter des großen Hauses und hatte in dessen ehrwürdigem Herrn und Haupte einen väterlichen Freund gewonnen, der ihm gütig gesonnen war und wohlwollte. Das Geheimnis seines Namens hatte er natürlich Herrn Wullenweber anvertrauen müssen, und so wurde er sämtlichen Angestellten – dem alten braven Thomsen an der Spitze – als Herr Rust vorgestellt.

Auch den stillen Teilhaber der Firma, Niels Stövesand, lernte Matthias zufällig in derselben Stunde kennen. Als er die Treppe wieder hinunterkam, eigentlich mehr flog, als daß er ging, hätte er beinahe einen kleinen, beweglichen Herrn umgestoßen, mit einem goldnen Kneifer auf der Nase und einem gutmütigen, roten Burgundergesichte. Das war Herr Stövesand, der sich mit äußerster Pünktlichkeit immer nur dann einzustellen pflegte, wenn er Geld brauchte. Hierauf – allerdings um so eifriger auch! – beschränkte er seine Mitarbeit. So kam es, daß sich Herr Wullenweber manchmal, wenn er sich sicher wußte, durch den Stoßseufzer erleichterte: »Kompagnie ist Lumperie!« Da regte sich das selbstherrliche Wullenweberblut in ihm. War der alte Senator der »Freien und Hansestadt Hamburg« doch ein Nachkomme jenes berühmten Jürgen seines Namens, Bürgermeisters von Lübeck, der für die Mächtigung der deutschen Hansa – Deutschlands Ehre und Größe! – sein Haupt auf den Richtblock legen mußte. –

Es war mittlerweile drei Uhr geworden, eine Stunde später, wie mit Tim verabredet, als Matthias vor dem »Westindienfahrer« stand, dem ihm bezeichneten Speisehause am Spielbudenplatz. Mit klopfendem Herzen, das die Ungeduld regte, seine Freude mit einem mitfühlenden Menschen teilen zu können, trat er ein. Aber, ach – kein Tim Rafter zu blicken! Wie betrübt war Matthias, als ihm der Wirt mit der Frage, ob er die Ehre habe mit Herrn Rust zu sprechen, einen Brief überreichte, worin ihm Rafter mitteilte, daß er durch eine Depesche seines hochbetagten Vaters plötzlich nach Amsterdam gerufen sei. Er müsse schon bis drei Uhr nachmittags an Bord des fälligen Hollandfahrers sein. Er werde aber genau übers Jahr, um dieselbe Stunde, wie es heute verabredet sei, in der Wirtsstube des Westindienfahrers anzutreffen sein.

So war in den süßen Becher der Stunde ein Tröpflein Wermut gemischt, das ihm doch die Freude bitterte. Beglückt und betrübt, beides in einem suchte er sich nun in nächster Nähe seiner künftigen Tätigkeit, in einem Eckhaus am Brauerknechtgraben, ein über Dächer und Wasserzüge freundlich hinblickendes Mansardenstübchen aus und bezog es noch am selben Abend mit seinen geringen Habseligkeiten, die er beim Schlafbaas in der Hafenherberge zurückgelassen hatte. –

Es kam nun eine Zeit für Rust, wie er sie, so heiß und reich, noch nicht gekostet, und die Speise seines Lebens war doch immer Mühe und Arbeit gewesen. Allein, was es heißt unermüdlich sein – hier erst in Hamburg lernte er das! Wir wollen nicht von seinen Tagen reden, die er in Pflicht ausfüllte wie jeder andere auch. Aber was der Tag nicht zwingen konnte, das mußte eben die Nacht hergeben. In den stillen, tiefen Nächten seines einsamen Dachstübchens trieb sein Genius die Wurzel, die seinen ausgreifenden Geist in die große Aufgabe seines Lebens langsam, aber unaufhaltsam hineinwachsen ließ. Seine ungewöhnliche Arbeitsleistung, sein Gedächtnis, sein Fleiß, seine Umsicht, vor allem aber – sein Wille: das waren die Triebe, aus denen er heraufgewachsen ist.

*

Elf Monate seit jenem Tage waren vergangen. Matthias hatte sich in dieser Zeit das volle Vertrauen seines Chefs erworben und eine geachtete Stellung auch unter seinen Mitarbeitern errungen. Da geschah es eines Tages, daß zuerst der alte Thomsen und dann auch er in das verschlossene Kabinett des Chefs gerufen wurden. Herr Wullenweber sah ernst, ja bekümmert aus. Eine auf seiner Stirn seit Wochen schon leise hervorgetretene Sorgenfurche war heute noch schärfer ausgeprägt, und sein ganzes Wesen, so sehr es beherrscht war von einem starken Willen, litt unverkennbar unter einer schweren Bedrückung. Er sagte:

»Mein lieber Thomsen und Rust, ich möchte Ihnen – es bleibt unter uns! – eine Eröffnung machen, die mir nicht leicht fällt, und die Sie beide, dessen bin ich tief überzeugt, schmerzlich berühren wird. Um kurz zu sein – ich bin in Schwierigkeiten. Ich will nicht gerade sagen, daß die Fundamente des Hauses erschüttert sind, aber es steht auch nicht gut mit uns. Der Zusammenbruch von Suabedissen und Sohn und der andern Häuser in Barcelona, in Petersburg, Konstantinopel, wie Sie ja wissen; dann die Wirtschaftskrise in Amerika und der Ostasiatische Krieg – das alles zieht mich in Mitleidenschaft. Und dazu kommt nun noch das Unglück mit meinem Herrn Teilhaber! Ein liebenswürdiger, prächtiger Mensch! Aber – er trinkt, er lebt, er spielt! Ja, und das nicht nur am Spieltisch und Totalisator etwa, nein, nun fängt er auch noch an der Börse an und unglücklich! Das kann keine Tasche aushalten. Dreimal schon bin ich für ihn eingetreten, dem Namen des Hauses zuliebe, und habe – wohl oder übel! – seine Schulden bezahlen müssen, und nun macht ers mir wieder so! 90 000 muß ich herausnehmen, auf einem Brett! Noch eine solche Schlappe, und ich selber kann – betteln gehn!«

Mit diesen Worten lehnte sich der alte Herr in den Stuhl zurück und sah vor sich hin, während seine linke Hand unruhig die Armlehne trommelte.

Thomsen war ganz fassungslos: »Was machen wir, lieber Rust?!«

»Ja, was machen wir?« wiederholte Herr Wullenweber. »Mein Rat ist am Ende.«

»Und doch muß man die Hoffnung nicht sinken lassen!« tröstete Thomsen, nur um etwas zu sagen.

»Darf ich einen Vorschlag machen?« gab Matthias dazu, in seiner ruhigen Weise.

»Sprechen Sie, lieber Rust!«

»Ich habe lange darüber nachgedacht, ob wir nicht einmal den Versuch machen könnten, uns im fernen Weltmeere, wo noch Land zu haben ist – also in der Südsee etwa – für billiges Geld eine Kohlenstation zu sichern. Die wir natürlich mit einer Faktorei verbinden würden!«

»Um die billig zu haben,« wendete Wullenweber ein, »müßten wir sie freilich erst entdecken, lieber Rust!«

»Ich könnte mir das – in dieser Weltgegend, wo das Meer mit Eilanden übersät ist – gar nicht so schwer denken«, erwiderte Matthias. »Erst gestern habe ich zufällig von Kapitän Thuissen gehört, daß man z. B. auf Neuseeland Gold, Kupfer und Kohlen gefunden hat. Soviel ich nun weiß, sind von den Inseln des Stillen Ozeans, soweit sie nicht ihre Entstehung Korallenbauten verdanken, manche auch vulkanischen Ursprungs. Und andere wiederum sollen die Reste eines alten Festlandes sein, das einst in die Südsee hinabgesunken ist. Das wären die Eilande, wo man auf Kohlen zu muten berechtigt wäre. Ich meine nun, ob man nicht wenigstens den Versuch machen könnte, in Weltgegenden, wo der Tisch für den gedeckt ist, der zugreift, den oder jenen Zipfel der Erddecke einmal ein wenig zu lüften, um zu sehen, was darunter steckt. Etwas schließlich wird ja wohl zu finden sein, so daß sich wenigstens der Abbau verlohnt. Wenns nicht rotes Gold ist, so wirds vielleicht Kupfer sein, und ist es auch nicht Kupfer noch sonst ein Erz – nun, dann sinds vielleicht schwarze Diamanten, womit wir unsere Schiffe füttern. Dann könnten wir von der Art des Sperbers noch mehr solcher Wasservögel bauen – nur noch Segeldampfer! – und wo uns durch die Stillen nicht der Passat hilft oder die braven Westwinde, da fahren wir heißer und schneller mit dem Atem des Dampfgezeugs und des schwarzen Diamanten.«

»Ich glaube, Herr Wullenweber, das ist ein Vorschlag, der sich erwägen ließe. Geben Sie unserm Rust ein gutes Schiff – er ist der Mann und wirds schon gut machen, denn er versteht seine Sache!« So der alte Thomsen.

»Es wäre ja ein großes Unternehmen«, meinte nach einigem Nachdenken Wullenweber. – »Das wäre es ja«, erwiderte Matthias. »Aber ich hoffe und denke, der Wille ist der halbe Weg.«

»Nun, jedenfalls werde ich mir die Sache durch den Kopf gehen lassen«, gab Wullenweber zurück. »Der Gedanke ist nicht übel. Wir gewännen auch einen Stützpunkt für unsern Handel da draußen.« –

Kaum drei Wochen nach dieser Unterredung, in der Frühe eines schönen Märztages, schritten drei Herren den Petersenkai entlang. Nahe vor dem äußersten Ende des Hafens mäßigten sie ihre Schritte und standen schließlich vor einem Schiff still, das als das erste hinter dem Höft am Kai vor Anker lag. Eine stolze, hochbemastete Bark, die, wie der weißgestrichene Schlot zwischen Groß- und Besanmast anzeigte, auch mit Dampf vorgesehen war. Eben nahm sie ihre letzte beschleunigte Ladung ein. Mittschiffs an Backbord war auf der Hafenbahn eine Kohlenlore herangefahren, deren schwarze Hügel über ausgelegte Sputen hinweg eben noch in die Bunkerluken des Schiffes verstürzt wurden. Die Winden stöhnten. Zwei Uferkräne und die Ladebäume der Bark gaben und nahmen die letzten Kisten und Kästen auf und versenkten sie durch die Deckluken in den Raum hinunter. Auch an Steuerbord wurde noch aus Leichtern und Schuten Ballengut geladen, während ein Wasserboot die Tanks im Doppelboden des Schiffs mit Frischwasser versorgte. Schon war zum Zeichen »Alle Mann an Bord!« der blaue Peter aufgezogen, und die Schiffsglocke am Galgen ließ ihr erstes Geläut zur Abfahrt hören. Da ward dem einen der drei Herren doch etwas weh ums Herz, aber er ließ es sich nicht merken und tat wie ein Fröhlicher. Der andere Herr im schneeweißen Haar umarmte ihn jetzt tränenden Blicks und küßte ihn auf die Wange, als wenn er sein lieber Sohn wäre. Und nun schüttelte der wackre Thomsen seine Hand, auch ihm war das Auge nicht trocken geblieben. Seinen alten Bergmannsgruß rief er ihm zu: »Glück auf und frohes Wiedersehen!«

Ein Kommandoruf des Kapitäns. Die Laufbrücke wurde eingezogen, die Ankerketten rasselten. An den Wanten kletterten Matrosen zu den Rahehölzern und Stengen hinauf und entrollten unter Gesängen dem frischen Nordost die Segel. Prall gingen sie auf, ihre weißen Brüste geschwellt vom Heimatwind. Ruhig und erhaben glitt das königliche Schiff hinaus in die unbekannte Ferne. Das war die erste große Fahrt des Sperbers.

*

Schon fegte der Herbstwind durch Hamburgs Mauern und jagte das welke Laub durch die Stein- und Wassergassen der Hundertbrückenstadt, als an einem späten Nachmittage ein Fahrradbote der Post die marmorne Wendeltreppe zur Reederei Johann Wullenweber hinaufstieg und aus dem roten Ledertäschchen ein Telegramm abgab. Der greise Chef des Hauses, der gerade in Thomsens Gegenwart eine Besprechung mit seinem Teilhaber hatte, nahm es in Empfang. Unmerklich zitterte seine Hand, als er oben in der Ecke den Vermerk »Telegramm aus Sydney« las. Die Depesche lautete:

»Gesuchtes gefunden. Brauche sofort 60 000. Englische Bank Sydney.

Aldebaran.«

Die seltsame Unterschrift war das verabredete Geheimzeichen, so daß an der Echtheit der Kabelung kein Zweifel bestehen konnte.

»Da ist mir eine Last vom Herzen, so ist er doch glücklich am Ziele!« Mit diesen Worten erhob sich Wullenweber und nahm vom Tische das Hörrohr auf, um sich mit der Bank zu verbinden.

»Ich glaube wirklich, lieber Wullenweber, Sie haben die Absicht, das bescheidene Verlangen zu erfüllen!« unterbrach ihn Herr Stövesand. »Einem Manne, den Sie kaum seit einem Jahr erst kennen, und gleich 60 000 so in die blaue Ferne hinaus! Sind Sie so sicher, daß nicht alles ein australischer Dunst ist?«

Wullenweber antwortete: »Ich kenne Herrn Rust hinlänglich, und, so sauer es mir gerade jetzt fällt, denn es ist nahezu der Rest, der mir noch geblieben ist – so muß es doch sein, ohne Augenzucken! Es ist unsre letzte Rettung! Also – Thomsen, besorgen Sie diesen Scheck vor sechs Uhr auf die Bank und sorgen Sie für telegraphische Erledigung.«

Vierundzwanzig Stunden später schon traf eine zweite Depesche ein, die nur drei Worte enthielt:

»60 000 erhalten.

Aldebaran.«

Seitdem hörte man nichts wieder von Rust.

*

Herbst und Winter waren vergangen, wieder stand der Sommer vor der Tür. Im Hause Wullenweber ging alles scheinbar den gewohnten Gang. Pünktlich jeden Morgen um neun Uhr traf der greise Chef der Handlung aus Blankenese ein, wo er, hoch oben auf der elbüberschauenden Höhe des Süllbergs, in herrlichster Lage über Gärten und Hügeln, ein Weinberghäuschen besaß. Seit dem Tode der Gattin und des einzigen Sohnes teilte ers – ebenso wie wintersüber die große Hamburger Wohnung am Jungfernstieg – ganz allein mit einer betagten Haushälterin. Die erste Geschäftshandlung, die der alte Herr einen Tag wie alle vornahm, wenn nicht gerade gewisse überseeische Briefe seine Aufmerksamkeit ablenkten, war das eingehende Studium der Schiffsbewegungen. Kein Tag wohl verging, wo er nicht von Stürmen, Strandungen gelesen hätte, von Schiffen, die überfällig waren oder solchen, die als verschollen galten. Nur den einen Namen, den die Augen suchten, konnte er nicht finden, den Sperber.

Kürzer und kürzer wurden die Tage, immer weißer, schneeweißer das ehrwürdige Haupt, das über die Ehre seines Hauses wachte, oft bis in die tiefe Nacht hinein. Und die hohe Wullenweberstirn, die ernste, die vom Gram gestreifte, wurde je länger je mehr auch von Sorgen gefurcht. Nun flockte schon der weiße Winter um Giebel und Türme, und in alten, urväterischen Kaminen prasselte die rote Flamme.

An einem späten Abend, als schon alle Angestellten das Haus verlassen hatten, saß oben in seinem Kabinett noch allein der alte Wullenweber. Sogar seinen Thomsen hatte er fortgeschickt. Vor ihm lag ein Dutzend Briefe, alle von seiner Hand geschrieben. Nur noch die Unterschriften fehlten. Eben tauchte die Feder in das goldumbänderte Kristallfaß, und dieselbe Hand, die sonst mit spielender Kraft und Festigkeit Millionen regiert hatte, erzitterte jetzt, als sie einen arm gewordenen Namen zeichnen sollte.

Dann wars geschehen.

Elf-, zwölfmal etwa. – Ein tiefer Seufzer hob die Brust des Mannes, der »ein königlicher Kaufmann« auch noch in der Tiefe seines Sturzes blieb. Er griff zu Hut und Pelz und barg die Briefe an sich. Dann ging er einen Gang seines Lebens hinaus, der fast so schwer war wie damals, da er hinter seinem Sohne schritt und seinem toten Weibe. –

Um zwei, drei Wochen nach diesem Abend wars, als sich in einem von Baldachinlampen gedämpft erleuchteten Prachtgemache eines vornehmen Hauses am Alten Jungfernstieg eine ernstgestimmte Versammlung von Männern zusammenfand. Der letzte, der aus dem anstoßenden Nebenzimmer erschien und die Herren mit einer stummen Verneigung begrüßte, war der Hausherr. Auf dem Tische vor dem Platz des alten Thomsen, den noch keiner so betrübt gesehen hatte wie heute, lagen die Handelsbücher des Hauses Johann Wullenweber. Fünfundsechzig vom Hundert wurde den Gläubigern geboten, der Rest unverbindlich, auf den Handschlag eines ehrlichen Mannes, in besseren Tagen.

Der Erste, der das Wort nahm, sagte mit bewegter Stimme: »Und blieben mir nur Fünfundzwanzig vom Hundert, meine Zustimmung, lieber Wullenweber, haben Sie!«

Der Zweite sprach: » Ihnen gefällig zu sein, mein alter, verehrter Freund, ist mir geradezu eine Freude, so aufrichtig und tief auch meine Teilnahme und mein Schmerz an Ihrem Unglück ist!«

Der Dritte sagte: »Sollten die Herren, die nicht erschienen sind, wirklich ernstere Schwierigkeiten machen, woran ich aber nicht glauben kann, so kommen wir andern für das Fehlende einfach zusammen auf. Das trifft den einzelnen nur ein wenig mehr, jedenfalls nicht sehr fühlbar, und das Haus Johann Wullenweber muß uns erhalten bleiben, Hamburg und uns allen zur Ehre!«

Dieser Vorschlag fand den einmütigen Beifall sämtlicher Herren, und sie drängten sich um die Hand des verehrten Mannes. Da fielen vor seinen Augen die Schützen der Festigkeit, die so lange in diesem starken Charakter Schmerz und Verzweiflung zurückgedämmt hatten, und statt ihrer nun ging ihm die Freude über in heißen, lösenden Tropfen. Noch war er seiner nicht mächtig, der alte Herr, als draußen die elektrische Klingel schnurrte und gleich darauf unter der Tür die alte Hausdame, Frau Möbius, erschien. Sie hatte ein silbernes Tablett in der Hand, auf dem eine Depesche lag.

»Da kommt noch eine Zustimmung,« meinte einer der Herren, »das Gute wie das Üble geht immer gleich doppelt ein!«

»Danke, liebe Möbius,« sagte Wullenweber, indem er das Telegramm öffnete. »Hoffentlich bringts auch Gutes!« Er las ...

»Amt Ritzebüttel, 4 Uhr 50 Minuten nachmittags. Passiere soeben Cuxhaven Feuerturm. 11 Uhr mit Hochwasser Petersenkai. Glück auf!

Aldebaran.«

An diesem Tage vergoß Herr Wullenweber keine Träne mehr, und die Herren, die zu einer schmerzlichen Beratung zusammengekommen waren, gingen festlich auseinander. –

Es hatte von den Türmen der Runde Elf zur Nacht noch nicht ausgeschlagen, als sich der Einfahrt des Baakenhafens im Licht des vollen Mondes ein hoher Segler näherte. Alle Rahen waren vierkant gebraßt und im Kessel Dampf aufgemacht.

»Halbe Kraft! ... Langsam!« schollen die Kommandorufe von der Brücke. Dann, gleich darauf schon: »Langsam rückwärts ... stopp!« Und ruhig hielt der große Holzfisch an der Kaimauer.

Die Laufbrücke wurde vorgeschoben. Im nächsten Augenblick lagen sich zwei Männer in den Armen, ein alter und ein junger, und ein dritter, dem das Haar auch schon grau ward, stand mit feuchtem Auge hinter ihnen.

In einem kleinen Zimmer des Hauses am Jungfernstieg prasselte im Kamin ein lustiges Feuer, und auf dem Tisch, mit vier Gedecken um die helle Lampe herum, harrten schon einige Flaschen edelsten Rheinweins der Kommenden. Und als dann die Gläser klangen und die Herzen noch wärmer wurden, als sie schon waren, da fühlten diese vier Menschen, daß sie eine Stunde Glückes genossen, wie sie nur selten sind. Die klugen Augen des wackern Thomsen leuchteten ordentlich jung vor Freude. Und nun gar erst Frau Möbius! Sie war überhaupt stumm vor Entzücken. Nein, wie dieser Rust aber auch erzählen konnte! Und wie dabei in dem kurzgeschnittnen schwarzen Vollbart, der ihm das braungebrannte Gesicht so hübsch umrahmte, die weißen Zähne blitzten, weißer als Zuckerstücke aus den Märchenländern da unten! Die alte Dame schwärmte wortlos! Aber auch den andern ward es ordentlich heiß zumut, als wären sie eben dabei auf seinen Fahrten und als geschähe alles ihnen selber.

Die ganze Südsee war er durchgefahren, bis er endlich das glückliche Eiland gefunden hatte. Zwischen dem 10. und 20. Grad südlicher Breite tauchte es einsam inmitten einer Inselwelt auf, die es in der blauen Unabsehbarkeit wie ein grünender Smaragdkranz fern umgürtete. Ein Edelsteinband, an dessen schimmernde Schnüre im weiten Sonnenbogen die Freundschafts- und Schifferinseln gereiht waren, die Lagunen- und Santa Cruz-Inseln bis wieder hinunter zu den hohen Fidschis. Da war es mitten drin gelegen. Also auf der Wasserlinie etwa zwischen den Inselgruppen Melanesiens und Polynesiens, vielleicht als der letzte östliche Pfeiler jenes alten sagenhaften Festlandes der Südsee, das dort versunken sein soll.

»Als diese Insel vor meinem entzückten Blicke, wie die schaumgeborene Göttin, leuchtend und ragend schön, aus der dunklen Flut des Meeres hochtauchte, da erkannte ich sofort,« sprach Matthias, »daß ich hier das begehrte schwarze Gut nicht finden würde. Denn das war kein vom Wasser gebautes Ablagerungsgebirge, wie ichs auf größeren Eilanden, Festlandresten, weiter südlich und östlich angetroffen hatte – dort nur uns nicht mehr zugänglich! – sondern ein Gebirgsstock, der, in Urzeiten von unterirdischer Macht gehoben, den Meeresgrund durchbrochen hatte.

»Ich säumte nicht, Bohrungen anzustellen. Lange vergebens. Eines Tages aber, nachdem wochenlang nichts als Mehl und Schmant gekommen war, fördert mein Täucher ein blaues Magma heraus, das ich als vulkanischen Blaugrund erkenne. Hier also mußte »Kohle« gefunden werden, nur anders freilich, als ich es solange gehofft hatte! Und wirklich, ich fand Kohle – fand die glitzernde, wasserklare Kristallkohle, die wir Diamant nennen. Da hab ich Ihnen, Herr Wullenweber, schon eine Handvoll mitgebracht. Es lohnt sich schon. Für ein kleines Säckchen davon, das ich zur Hälfte in Adelaide, zu den andern Teilen in Singapur und Kalkutta losschlug, bringe ich Ihnen 12 000 Pfund Sterling in Banknoten mit. Hier! ... Dazu noch 4000 Pfund in Goldstücken für das köstliche Linnen und die Tuche, die Sie mir mitgaben. Vier straffe, pralle Beutel, da sind sie! ... Aus den Leder- und Rauchwaren konnt ich leider nicht soviel herausschlagen, als wir gerechnet hatten. Immerhin erhielt ich 3000 Guineen dafür, die ich für die Rückladung gut und billig wieder angelegt habe. Ich bringe dafür 400 Säcke aromatischen schwarzen Pekkotee und 100 Ballen chinesische Seide mit. Aus Ceylon ein Kästchen Perlen, weißes Elfenbein und Gewürze. Indische Schals –«

Wie der heimkehrende Rust im Hamburger Hafen vom alten Wullenweber empfangen wird

»Für Frau Thomsen etwas und unsre liebe Hauswirtin!« unterbrach hier lächelnd Wullenweber.

»... aus Madras und Kalikut«, fuhr Matthias fort. »Aus der Straße Bab el Mandeb arabische Tränen vom Mimosenbaum und köstliche Balsame. Und außerdem noch etwas! Als ein schwarzes Gegenstück zu der Diamanteninsel, die uns nichts gekostet hat und auf der heute die deutsche Flagge weht, weil wir einmal die Ersten waren, bringe ich Ihnen doch noch – hier ists verbrieft und besiegelt (hierbei holte er eine Urkunde aus der Tasche) – eine kleine Kohlenstation mit! Ich habe sie für die 60 000 Mark, die Sie mir nach Sydney schickten, billig auf Kaiser-Wilhelmsland erstanden. Sie ist auf einem weitstreichenden Flözlager angelegt, das in mächtigen Bänken zur Tiefe fällt, und die Vorarbeiten zur Erschließung sind im Gange.

Daß Sie leider meine beiden Briefe nicht erhielten – die Schiffe sind wohl verloren gegangen! – und daß Sie all diese lange Zeit in der Ungewißheit geschwebt haben, das tut mir vom Herzen leid. Hoffentlich aber bin ich doch noch nicht zu spät gekommen! Darauf wollen wir jetzt unsere Gläser anklingen lassen!« ...

*

Ein Jahr nach diesen Ereignissen stand das Haus Johann Wullenweber gefestigter da, denn je. Nur mit dem greisen Haupt des Hauses ging es nicht mehr so recht. Man konnt es dem alten Herrn wohl ansehen, er war müde geworden! So geschah es denn eines Tages, daß das, was kommen mußte, nachdem es sich schon so lange vorbereitet, nun wirklich eintrat.

An einem der feuchten, schwermütigen Herbstabende, wie sie der Wasserkante eigentümlich sind, rief Herr Wullenweber Thomsen und Rust in sein Kabinett zu sich. Draußen tickte der rinnende Regen Tropfen auf Tropfen an die Fensterscheiben. Mit einer müden, lässigen Handbewegung lud der Alte die Herren zum Sitzen ein. Dann, nach einer kleinen Pause, begann er.

»Mein lieber Thomsen! Mein lieber Herr Rust! Ich habe Ihnen eine Mitteilung zu machen. Ich bin alt und müde geworden. Nun fühle ich das Bedürfnis, mir die Ruhe zu gönnen, die ich nach einem Leben das Arbeit und Mühe gewesen, wohl verdient haben mag. Weib und Kind besitze ich nicht mehr. Auch sonst ist mir vom Schicksal kein Wesen beschieden worden, das ich mein nennen könnte, so daß ich, wenn meine Stunde kommen wird, als ein armer Mann aus der Welt gehen werde. Von den Gütern, die ich zu hinterlassen habe – ich war lange im Zweifel für wen! – ist das Teuerste, das ich besitze, mein guter alter, ehrlicher Name. Ich wüßte nun niemand auf Erden, in dessen Hände ich dieses köstliche Gut so gern und überzeugt vertrauen möchte wie in Ihre Hand, mein lieber, getreuer alter Thomsen und dann in die Ihre, bester, lieber Rust! So habe ich denn beschlossen, da ich mein Geld und Gut ja doch nicht verbrauchen und noch viel weniger mit mir nehmen kann, Euch beide schon heute in die Verwaltung meines Besitzes einzusetzen, und ich bitte Sie, meine Nachfolger zu werden!«

Herrn Thomsen und Matthias waren bei diesen Worten, ebenso wie dem alten Wullenweber, die Tränen ins Auge getreten, und sie wußten lange nicht, was sie dazu sagen sollten. Das Mitgefühl über die Tragik eines guten und großen Menschen, dessen Sonne zur Rüste geht, war noch zu frisch und brennend in ihnen, als daß schon eine starke Freude über diese wunderbare Fügung ihres eigenen Loses hätte aufkommen können. Und Stunden später noch, als die Glockenuhr vom Petriturme schon die Mitternacht angeschlagen hatte und Matthias oben am Dachfenster seiner kleinen bescheidenen Stube stand und noch einmal im Geiste die seltsamen Wege seines Lebens zurückging, da war ihm das Wunderbare der heutigen Wendung der schmerzlichen Verwirrung und Erregung seiner Gefühle immer noch gar nicht recht zum Bewußtsein gekommen. Ja, hinter der Betrübnis, die ihn noch ganz erfüllte, schien sich beinahe ein Empfinden zu verbergen, als ob das Ereignis des Tages unter den Verhältnissen, wie sie nun einmal lagen, eigentlich etwas ganz Selbstverständliches sei, was so kommen mußte, wie es eben kam. In seinem schlichten, starken Gefühle erschien es ihm einfach als das Ergebnis seiner Existenz, die sich aus der ihr innewohnenden Triebkraft und mit Wahrnehmung der Umstände, die ihr Luft und Wasser gaben, ausgebreitet hatte. Und wenn ihm das Ungewöhnliche dieses Aufstiegs, der ihn aus tiefen Abgründen der Verzweiflung, der Verkennung und der Erniedrigung in Schmach und Schande auf eine so beneidenswerte Höhe menschlicher Tätigkeit geführt hatte, auch immer mehr zur Erkenntnis kam, so fand er sich doch sehr bald in seine neue Lage und lernte sie meistern. –

Es war wiederum noch kein Jahr vergangen, bis sich Rust mit sämtlichen Zweigen des Geschäftes so vertraut gemacht hatte, als wäre er von klein auf darin aufgewachsen. Und dennoch, die rechte, die wirklich tiefergehende Befriedigung hatte sich in seinem Innersten nicht eingestellt! Vielleicht spielte hierbei ein ihm selber nicht ganz klares und mehr unbewußtes Empfinden mit, daß hier doch nicht sein Platz unter allen Umständen unersetzbar sei. Einrichtung und Gefüge des Geschäftes befand sich noch vom alten Herrn her in einem so wohldurchdachten vortrefflichen Zustande, daß in diesem treibenden Rädergetrieb eigentlich alles ganz von selber ging. Ein Rad faßte in das andere ein, Welt und Menschen mitergreifend. Nun kam hinzu, daß sich Rust in dem alterfahrenen Thomsen, der seit nahezu dreißig Jahren Wullenwebers rechte Hand gewesen, eines Teilhabers erfreute, wie er ihn gar nicht besser sich hätte wünschen können. So mochte es sich wohl erklären, daß er seine Anwesenheit gerade an dieser Stelle, wo sie weniger nötig war, nahezu als eine Kraftverschwendung empfinden mußte, während seine starke, kundige Hand unten in der fernen Südsee, in den von ihm neu erworbenen Bergbetrieben, an allen Ecken und Enden fehlte. Und doch war dieses, wie gesagt, mehr unbewußt wirkende Gefühl keineswegs die Hauptursache, die Matthias zu seinem folgenreichen Entschlusse bewegte. Der eigentliche und tiefere Grund war die Liebe zu seinem Kinde.

Lange Zeit hatte er nichts mehr gehört von Martha. Allerdings, er hatte ja auch nicht gefragt nach ihr, und so konnte sie nicht einmal wissen, daß ihr Vater am Leben war. Es ist wohl Menschenart, daß wir im Unglück am liebsten allein sind und uns verbergen möchten, wie sich die Kreatur versteckt, wenn sie ans Sterben kommt. In Tagen des Glücks dagegen will der Gute an seinem Leben teilnehmen lassen und Freude schenken, um sie doppelt dann von geliebten Wesen wiederzuempfangen. So ging es Rust jetzt. Die Sehnsucht nach seinem Kinde packte ihn allmächtig, und er hätte lieber heute als morgen seinen Koffer geschnürt, um ein Wiedersehen herbeizuführen. Aber das ging nicht so schnell. Noch immer war ihm seine Schuld im Wege! Und wars auch nur eine Gedankenschuld gewesen, die so jäh, wie sie an ihn gekommen, von seiner Seele gefallen war, so wußten doch die Leute darum. Und die Leute sind nicht immer Menschen, die in ihre eigene Brust fühlen, wo sie dann vielleicht für ihre Brüder und Schwestern ein Vergeben finden würden. Und nun hatte er ja auch die Brücken hinter sich abgebrochen. Er war nicht Mattheis mehr, er war Rust geworden. Sollte er sein neues Leben, sollte er seinen Wohltäter, der ihm die Hand dazu gereicht, Lügen strafen? Nein, es war nicht möglich, nach Hamburg konnte er sein Kind nicht kommen lassen. Er hätte damit vor zudringlichen Augen die Decke seiner beweinten, begrabenen Jahre gehoben, und wohl am schwersten darunter würde das zarte Gemüt Marthas gelitten haben. So ward er mit sich einig, daß er von Hamburg, wo er heute schon bekannt war und wo viele Augen auf ihn gerichtet standen, fort mußte. Weiter, weiter in die Welt hinaus, wo ihn niemand kannte und auch keiner ihm begegnen konnte, der um das Geheimnis seines Namens wußte. Dort konnte er seine Tochter zu sich nehmen und ihr den Vater wiedergeben. Dort konnte er sie, die nun in ihr neunzehntes Jahr ging, vielleicht als junge Gattin mit dem geliebten Freunde ihrer Jugend beglücken; denn wie wäre seinem Vaterauge verborgen geblieben, daß Rasmus und Martha sich teuer waren. Und dort auch, auf seiner geliebten Südseeinsel, deren Schönheit er nicht vergessen konnte, fand er eine Aufgabe vor, die zu lösen seinen lebhaften Geist reizte, die durchzuführen heute eine Forderung des Hauses war.

So bestellte er sein Haus und bereitete allmählich, ohne Hast und Sturz, seine Übersiedlung nach Ozeanien vor. Inzwischen aber hatte er sich an seinen alten Freund Brennewald gewendet und durch dessen Vermittlung in vorsichtiger Weise an Martha einen Brief gelangen lassen. Wie erbangte sein Herz vor Freude, als er eines Tages vor sich in seiner Hand die Schriftzüge des geliebten Kindes erkannte. Nur etwas ausgeschriebener als damals, nicht ganz so kindlich mehr. Und wie verdoppelte sich diese Freude noch, als er den Brief gelesen hatte. Hier freilich waren die Ereignisse den väterlichen Wünschen vorausgeeilt. Mit der Ungeduld der Jugend. Seit zwei Jahren war Martha die glückliche junge Frau des Erwählten – Rasmus hieß er! – und nun war sie auch schon Mutter geworden! »Begnadet«, wie sie schrieb, »mit einem holden Knäblein, einem kleinen Ebenbilde ihres unvergeßlichen Vaters ...« Sie wohnten in dem hübschen Häuschen, das er der Tochter zu dem kleinen, bescheidenen Vermögen, das er besessen, hinterlassen hatte. Und ihr Erstgeborener hieß Matthias Michel Ud, nach Vater und Vätern genannt.

Von diesem Tage an verdoppelte Matthias seine Anstrengungen, die Übersiedlung zur Ausführung zu bringen. Blieb doch immerhin noch manches zu tun in Hamburg, wie man dies bei dem Weltbetrieb des Hauses sich ja leicht vorstellen wird. Vor allem aber mußten noch zuvor gewaltige Mittel flüssig gemacht werden, um Herrn Stövesand abzufinden, der nach gütlicher Vereinbarung mit dem alten Wullenweber zum neuen Jahre aus dem Geschäft ausscheiden sollte. Nur unter dieser Bedingung hatte Wullenweber, kurz vor seinem Rücktritt, noch einmal, zum letztenmal, die Schulden seines Teilhabers gedeckt. Wenn nun auch natürlich alle diese Gelder Herrn Stövesand angerechnet wurden, so blieb doch immerhin noch eine recht ansehnliche Summe übrig, die ihm bis Neujahr auf sein Anlagekapital herausgezahlt werden mußte. Arbeit galt es da, doppelte, dreifache Arbeit, aber sie blieb auch nicht vergebens.

Da sollte fast noch in letzter Stunde vor Rusts Abreise ein Ereignis eintreten, das seinen Plänen verhängnisvoll ward und ihm selber mit. Um es ganz zu verstehen in seiner vollen Seltsamkeit und Zufallstücke müssen wir ein wenig zurückgreifen. Noch in der letzten Zeit des alten Herrn waren Aufträge auf Schiffswellen nach Sterkerade an die Gutehoffnungshütte vergeben worden. Bei einer dieser Gelegenheiten hatte nun Rust, in dem erklärlichen Bestreben, seine Ehre dort wiederhergestellt zu sehen, unvorsichtigerweise ein paar Zeilen an Hollenbusch angefügt. Sie wurden auch sehr bald freundlich beantwortet, natürlich, so wie er geschrieben hatte, unter seinem richtigen Namen. Schon dadurch hatte er sich seinen Mitangestellten gegenüber, die ihn nur als »Herrn Rust« kannten, in die Gefahr begeben, Mißdeutungen herauszufordern. Glücklicherweise gelangte der Brief zuerst in die Hände des Chefs, der dafür sorgte, daß er nicht weiter bekannt wurde. In Gutehoffnungshütte dagegen sprach es sich natürlich sehr bald herum, daß Herr Mattheis Glück gehabt und als Angestellter eines großen Hamburger Hauses – auch der Name wurde genannt – heute »ein gutes Leben führe«. Nun traf es sich um dieselbe Zeit, daß Duysing neuer Machenschaften wegen, die zutage gekommen waren – der Krug geht eben so lange zu Wasser, bis er bricht – aus seiner Stellung entlassen wurde. Was lag näher, als daß dieser niedrigdenkende unselige Mensch, der das Fädenspinnen nicht lassen konnte, so wars ihm schon zur andern Natur geworden, diese beiden Ereignisse, den großen Auftrag aus Hamburg und seine bald darauf folgende Ablohnung, in Zusammenhang brachte. »Selbstverständlich«, so dachte Duysing, »habe man ihm die Stelle nur deswegen aufgekündigt, weil man für Hamburg den Einfluß des Herrn Mattheis befürchte, mit dem mans, des lieben Geldbeutels wegen, nicht verderben wolle.« Man wird sich vorstellen können, wie unter diesem Verdachte der alte Haß des Ofenmeisters wieder Nahrung fand und von frischem emporloderte. Da seines Bleibens in Gutehoffnungshütte nun einmal nicht mehr war, faßte er den Entschluß, sein Glück ebenfalls wie der verhaßte Mattheis in Hamburg zu versuchen. Vielleicht gelangs auch ihm dort Wurzel zu fassen, und es bot sich dazu noch die Möglichkeit dort, seine Rachelust zu befriedigen. Kurz und gut, eines schönen Tages finden wir Duysing mit Kind und Kegel in Hamburg wieder. Und er stieg jetzt eben die Treppe zu Johann Wullenweber hinauf.

Da stand er nun vor derselben Türe, durch die einst Rust gegangen war. Und kurz entschlossen trat er ein. In Gedanken hatte er sich schon das erschrockene Gesicht ausgemalt, das Herr Mattheis diesmal zeigen würde, wohl anders als damals bei der Heidebegegnung! So sehr er aber auch sein scharfes Späherauge durch den Saal gleiten ließ, das gesuchte, verhaßte Antlitz war nicht zu entdecken. Am ersten Pult gleich brachte er sein Anliegen vor. Es war kein Platz vorhanden. Kühl, höflich abweisend, wurde ihm dieser Bescheid von einem älteren Herrn zuteil, so daß er schneller wieder draußen auf der Treppe stand, als er es wohl erwartet hatte. Das war kein guter Anfang. Da – zu seinem Erstaunen – öffnet sich hinter ihm nochmals die Tür, und er wird zurückgerufen ... »Bitte, links in das Kabinett hinein!«

Rust, der sich allein im Zimmer befand, hatte durch die halb geöffnete Tür das Gespräch mitangehört und Duysing sofort an der Stimme erkannt. Und – er ließ ihn rufen! In einer gütigen, später freilich noch viel bedauerten Anwandlung seiner schnell entschlossenen, großmütigen Seele, der alles Kleinliche fernlag und die auch nicht nachtragen konnte, am wenigsten, wo sie Reue oder Not zu sehen glaubte. Er ließ ihn zurückrufen und verschloß hinter ihm die Tür. Es dauerte nur wenige Minuten, bis Duysing wieder herauskam. »Also – geben Sie am dritten Pult Ihre Adresse ab.« Diese Worte wurden ihm noch von Rust nachgeschickt.

Im nächsten Augenblick ging im Kabinett der Fernsprecher.

»Guten Morgen, Herr Stövesand! ... Danke, danke! Wie Ihnen? ... Ja? ... Ja? ... Ich hätte eine Bitte ... Wie? Nein, o nein! Durchaus versehen, ich bin schon froh, wenn Sie keins wollen ... Nein! ... Nein, ich wollte nur fragen, ob in Ihrer neuen Fabrik drüben die Werkmeisterstelle noch frei ist ... Ja? Ja? ... Ja, ich habe hier jemand. Der Mann war bis vor kurzem Ofenmeister in Gutehoffnungshütte und sehr, sehr tüchtig in seinem Fach ... hm ... ja. Ich darf Ihnen allerdings nicht verschweigen, daß sein Mundwerk nicht gerade das beste von der Welt ist und daß er auch ein wenig zu Winkelzügen neigt. Aber ich denke, da kann man sich schließlich wohl durch etwas Vorsicht schützen, und in unsrer scharfen hamburgischen Luft gedeiht auch dergleichen nicht. Der Mann hat seine alte Mutter hier und Frau und Kinder – Gut ... schön. Ja, ich werds ihm mitteilen. Schluß.« –

Am andern Morgen trat Duysing eine Werkmeisterstelle in der von Niels Stövesand neubegründeten Schiffskesselschmiede auf dem Kleinen Grasbrook an.

Vier Wochen später lief bei der Hamburgischen Polizei eine unterschriftlose Anzeige ein, wonach sich Herr Rust, Inhaber der Firma Johann Wullenweber, eines falschen Namens bediene. Nur durch einen Zufall erfuhr es Rust vom Revierleutnant seines Viertels. Da ihm die Namensänderung auf seine ausführliche freimütige Begründung und die warme Befürwortung des alten Senators hin von der Behörde gestattet worden war, blieb diese erste Dankesquittung Duysings ohne weitere Folgen.

Rust zerbrach sich auch nicht lange den Kopf darüber, wer der tapfere Angeber gewesen sein könne: er sah andere Aufgaben vor sich. Seine Vorbereitungen waren nun so weit fortgeschritten, daß er in wenigen Tagen an Bord gehen konnte. Das wohlbefrachtete Schiff lag schon seeklar im Hafen, und es wartete nur noch auf ihn. Leider aber wars diesmal nicht sein alter Südseefahrer wieder, der Sperber, der ihn vor drei Jahren in die Welt geführt hatte, sondern ein älterer Dampfer, die Kleopatra, deren Seetüchtigkeit nicht mehr ganz auf der Höhe stand. Sie sollte nun mit ihm ihre letzte große Fahrt antreten und sollte dann nach ihrer Rückkehr künftighin nur noch zur Küstenschiffahrt für kleine Nord- und Ostseefahrten Verwendung finden. So wenigstens war es über diese alte Königin aus Ägyptenland beschlossen worden. Die jüngern und glücklicheren Schiffe des Hauses schwammen sämtlich, über die ganze Welt verstreut, auf hohen Meeren. Die beiden Westindienfahrer, Orion und Gemma, kreuzten in den südlichen Antillen oder Inseln unter dem Winde; der Aldebaran schluckte Sonnenglut an der Gold- und Sklavenküste; der Südstern schwamm in indischen Gewässern, irgendwoferne, und die Miranda träumte Mondenschein im Hafen von Sansibar. Der Sperber aber, der, auf der östlichen Rundfahrt, von Neuguinea und Kaiser-Wilhelmsland kam und um diese Zeit Kap Horn passieren mußte, sollte in Pernambuco an der brasilianischen Küste mit der Kleopatra zusammentreffen, dort mit ihr die Ladung auswechseln und dann seinen neuen Herrn und Reeder zurück in die Südsee führen. Der Tag der Abreise war nunmehr festgesetzt auf Freitag, den 3. September vormittags 11 Uhr, Hochwasserzeit.

Am Donnerstag abend, drei Viertel vor Neun, klingelte es an der Wohnungstür des Herrn Stövesand, Glockengießerwall Nr. 16, eine Treppe.

Ein Mädchen öffnete und führte den späten Besucher, der sich schriftlich angemeldet hatte, in das Zimmer des Herrn. »Nun, wo brennt es, Duysing?« begann Herr Stövesand das Gespräch.

»Es ist mir durch einen komischen Zufall bekannt geworden, Herr Stövesand, daß Sie sich in Schwierigkeiten befinden –«

»So–so? Woher haben Sie denn das?« versuchte Herr Stövesand, dessen Gesicht wie ein Krebs kochte und in dessen Atmosphäre ein dunkler, schwerer Duft von Weingeist schwamm, ein Gähnen zu bezwingen.

»Und ich glaube in der Lage zu sein – Sie verzeihen, wenn ich so frei bin! – Ihren Verlegenheiten abhelfen zu können.«

»Herr Duysing, Sie fangen an mir interessant zu werden! Bitte, weiter, und ohne Zwang!« Herr Stövesand lehnte sich tief in den Sessel zurück.

»Es wird Ihnen ja wohl bekannt sein, sicher ebensogut wie mir, Herr Stövesand, daß Ihr Ausscheiden aus dem Hause Johann Wullenweber Ihren beiden Herren Teilhabern sehr erwünscht kommt, mehr erwünscht, als es eigentlich von früheren Untergebenen anständig ist.«

»Lassen wir das!«

»Sie sind wahrscheinlich ganz ahnungslos, daß der ursprüngliche und hauptsächliche Verursacher dieser Sachlage Herr Rust ist, der hier, wie man erzählt, als gewöhnlicher Kohlentrimmer begonnen haben soll und heute, Herr eines Welthauses, auf einem Posten steht, der von Rechts wegen –«

»Bitte, zur Sache!« unterbrach ihn Stövesand, unangenehm berührt.

»Sie kennen die Assekuranzhöhe der Kleopatra?«

»Warum?«

»Es ist ein altes Schiff – ich hörte, mit 600 000 sei es versichert, oder noch etwas mehr.«

»Was kann das für ein Interesse für Sie haben? Und aus welchem Grunde erzählen Sie mir das alles?«

»Wäre das ein Glück für Sie, wenn diese alte baufällige Kiste Havarie erleiden sollte! Und wenn es noch vor Neujahr passierte, ehe Sie aus dem Geschäfte ausgeschieden sind ... ehe der alte Vertrag erlischt! ... Es wäre ja eine hübsche Hälfte, die Sie noch herausbezahlt bekämen!«

»Seien Sie unbesorgt, es passiert nichts«, antwortete Stövesand und versuchte dabei zu lächeln.

»Passen Sie mal auf, Herr Stövesand, ich glaube sogar, es wird etwas passieren – ich habe so meine Ahnungen – es wird sicher etwas passieren ...«

» Meinen Sie –???« starrte Stövesand den Mann an, der ihm gegenüberstand.

Dieser, indem er einen vertraulichen Ton anschlug: »Darf ich sicher sein, daß etwas, was ich Ihnen jetzt anvertrauen möchte, unter uns beiden bleibt?«

»Sprechen Sie.«

»Ich habe einen Bekannten auf dem Schiffe, der als Matrose die Fahrt mitmacht, d. h. vielleicht nur bis Portsmouth, der vorletzten europäischen Anlegestelle, wo er das Schiff – verlassen könnte ... Dieser Mann, den ich kenne wie meinen Rock und der mir vollständig ergeben ist, hat Zutritt zu den Unterwasserventilen im Doppelboden des Schiffs und weiß ihre genaue Lage ...«

»Herr Duysing! Wofür halten Sie mich?!«

»Für einen Ehrenmann, Herr Stövesand! Denken Sie, ich möchte ein Verbrechen wider das Leben eines Menschen auf mich laden? Nicht eine Fliege könnt ich umbringen, geschweige so viele Menschen, und wäre mein grimmigster Feind darunter! Aber ich sagte Ihnen schon, Portsmouth, wo der Matrose das Schiff verlassen soll, ist die vorletzte Haltestelle, die letzte wäre Cherbourg. Wir haben morgen den 3. September. Das Wetter ist schön und beständig. Die deutsche Seewarte kündet sogar für die nächsten Tage noch ein weiteres Steigen des Barometers an. Die Entfernung Portsmouth – Cherbourg beträgt kaum 90 Seemeilen. Sechs Boote sind an Bord für etwa 40 Menschen, und das Meer ist ruhig wie eine Schlafrobbe, kein Seegang, kaum daß sich ein Lüftchen regt! ... Ich habe mir nun überlegt, es brauchten die Ventile ja nur um ein winziges Nichts in Portsmouth gelockert werden, um den alten Kasten, der seine 600 000 Mark erst dann wert sein wird, wenn er nicht mehr ist, auf der Höhe des Kanals, etwa zwischen Insel Wight und Cherbourg, zum Sinken zu bringen. So langsam und gefahrlos, daß der Schiffsmannschaft genügend Zeit bleibt, um in aller Seelenruhe die Boote auszusetzen und nach Portsmouth zurückzukehren oder, wenn es den Herrschaften besser gefällt, ihren Abendtee in Cherbourg zu trinken, meinetwegen auch dorthin zu rudern.«

Niels Stövesand seufzte schwer aus tiefster Brust herauf.

Duysing lächelte. »Sie brauchen sich nach keiner Richtung hin Skrupel zu machen, Herr Stövesand, auch nicht der Konkurrenz wegen. Die Gesellschaften haben an Ihnen schon so viel verdient, daß ihnen noch immer bleibt, und sie an Ihnen keinen Schaden erleiden!«

»Sind Sie des Menschen wirklich sicher?« sagte Niels Stövesand, ohne Duysing dabei anzublicken.

»Wie meiner selber.«

»Und der Preis?«

»Zehntausend für mich, zehntausend für den Matrosen. Die Hälfte sofort, die andere Hälfte zahlbar nach Vollbringen.«

Niels Stövesand stand unentschlossen. Man sahs, wie er kämpfte!

»Denken Sie nicht an das Geld, Herr Stövesand, denken Sie an den elenden Menschen, der Sie hinausgebissen hat aus Ihrem schönen Geschäfte!«

Niels Stövesand schritt zum Geldschrank hin und entnahm ihm ein Bündel Reichsbankscheine.

»Hier!« –

»Soll ich quittieren?«

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« –

In dieser Nacht tat Niels Stövesand kein Auge zu. – – –

*

Die Sonne des 3. Septembers zögerte hinter Westgewölken, die ihre grauen Ballen langsam nach Osten weiterschoben. Ein kühler Wind ging in den Gassen um, der erste Bote des Wetterumschlags, der sich vorbereitete. Von Sankt Katharinen schlug es schon Dreiviertel herüber, als sich vom Bremer Ufer her mehrere Herren dem von Schiffen erfüllten Indiahafen näherten. Am Australiakai bestieg der jüngste von ihnen – seine vierzig Jahre sah ihm keiner an – die bereitgehaltene Gig, die ihn hinüber zum Schiff bringen sollte. Mitten im Hafen lag es noch sicher, an der ersten Pfahlgruppe der Dukdalbenreihe verankert und vertäut. Die andern Herren, unter denen wir zur Rechten des getreuen Thomsen den alten Wullenweber erkennen, der sichs nicht hatte nehmen lassen; aus Blankenese zu kommen, blieben auf dem Kai zurück.

»Also, lieber Rust, befolgen Sie meinen Rat«, rief ihm Wullenweber noch ins Boot nach. »Verlieren Sie nicht einen kostbaren Tag in diesem langweiligen Portsmouth, sondern suchen Sie lieber so schnell als nur möglich die hohe See zu gewinnen. Cherbourg können Sie sich ganz schenken! Das barometrische Wettertief, das heute die deutsche Seewarte meldet, kommt von Neu-Fundland herüber, und es könnte Ihnen verhängnisvoll werden, wenn es Sie noch im Kanal träfe. Also – lebe wohl – lebe wohl! Vielleicht – so Gott will – auf Wiedersehen!« ...

Nach einer abermals schlaflosen, stürmischen Nacht klingelte am Morgen des 5. Septembers – es war ein Sonntag – Niels Stövesand dem Diener. »Bringen Sie sofort die Depesche zur Post. Antwort bezahlt.« Das Blatt lautete:

»Mr. Rust an Bord der Kleopatra, Portsmouth, Hafen. Nicht weiter fahren! Ereignisse halber erst Nachrichten abwarten.

Johann Wullenweber.«

Bereits drei Stunden später brachte ein fahrender Bote das Telegramm zurück mit dem englischen Postvermerk:

»Unbestellbar, da Empfänger vor zwei Stunden Hafen mit Schiff verlassen hat.«

Stövesand ließ das Blatt zur Erde fallen und starrte den Diener an, so daß der gar nicht wußte, was er davon halten sollte. – »Hafen ... Schiff verlassen ...« wiederholte er murmelnd und starrte ...

Als auch die Nacht zum Montag vergangen war, sturmdurchfegt und qualendurchrüttelt, die furchtbarste seines Lebens, da wußte Niels Stövesand, daß, wenn der Tag seiner Hölle und Angst keine Lösung bringe, er noch eine Nacht wie diese nicht mehr überstehen werde.

Der ganze Tag verging. Stunde um Stunde verrann – jede Stunde wie tausend Jahre der Ewigkeit – und noch immer, noch immer keine Nachricht!

Da endlich – um 9 Uhr abends – wird die Klingel gerissen, und herein kommt Thomsen gestürzt, ein Bild völliger Verstörung. Er hatte von der Telefunkenstation der deutschen Seewarte soeben diesen Rohrpostbrief erhalten. »Lesen Sie selbst!« stammelte er.

Mit zitternden Händen fingerte Niels Stövesand an dem Blatte herum und las:

» Herrn Johann Wullenweber, hier.

Auf seiner Rückreise von New York wurde heute nachmittag gegen 6 Uhr von einem Ozeandampfer des Norddeutschen Lloyd, dem nach Bremen fälligen Kronprinz Friedrich Wilhelm, in der Nähe der Scilly-Inseln eine für Sie bestimmte Flaschenpost gesichtet. Trotz bewegter See gelang es die Flasche aufzufischen. Sie enthielt einen mit Bleistift beschriebenen Zettel, der diesen Inhalt hat:

Kleopatra, Schiff Johann Wullenwebers aus Hamburg, unterm 12. Grad westlicher Länge in schwerem Wetter sinkend. Anscheinend verbrecherischer Anschlag durch Lockerung der Unterwasserverschlüsse. Matrose Cordus seit Portsmouth vom Schiffe verschwunden. Wir empfehlen unsere Seelen Gott.

Matthias Rust

Hierzu hatte das Amt noch folgende Nachschrift gefügt:

»Wir erhielten diese Nachricht gegen 7 Uhr durch ›tönende Funken‹ von der Signalwarte des Schiffes. Durch einen zweiten Funkenspruch vom Schiffe aus wurde gleichzeitig die Hafenpolizei von Portsmouth verständigt. Wie wir durch eine englische Depesche von dort erfahren, ist es bereits gelungen, den Matrosen Cordus zu verhaften. Man fand ihn in einer übelberüchtigten Wirtschaft.

(Gez.) Die deutsche Seewarte

Die beiden Männer sahen sich wortlos in die Augen. Dann – ging Herr Thomsen – – – – – – – – –

*

Noch in derselben Stunde entnahm Niels Stövesand dem Geheimfache seines Schreibtisches einen lederverhüllten schweren Gegenstand und schlich damit hinaus in die stürmende Nacht ...

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