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Der Steiger vom David-Richtschacht

Kurt Geucke: Der Steiger vom David-Richtschacht - Kapitel 3
Quellenangabe
authorKurt Geucke
titleDer Steiger vom David-Richtschacht
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrun6. bis 12. Tausend
year1921
firstpub1921
illustratorWillibald Weingärtner, Martha Jäger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180715
projectid923d4025
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Zweites Kapitel.
In den Hochöfen

Viele Tränen flossen in die Herbst- und Winterwässer um den Verschwundenen. Tagelang, wochenlang haben sie gesucht nach ihm durch den ganzen Zechengrund, aber nichts von ihm ist gefunden worden, auch seine Überreste nicht. Viele Tränen flossen in die Herbst- und Winterwässer, bis es wieder Frühling ward und Lerchengesang um das stille Häuschen draußen vor den Linden. – Wir aber haben jetzt Abschied zu nehmen von dem Schmerz, der dort zurückblieb, und haben Michel Mattheis in ein neues Leben zu begleiten, das er sich aufgerichtet hat.

Nach der Nacht die jenem Tage folgte, fand ihn die grauende Morgenstunde in einer einsamen Gegend zwischen Halden, die um einen alten verlassenen Schacht herumliegen, der jetzt zugedeckt ist. Abergläubischem Volke gilt diese Stätte noch heute als nicht geheuer. Nach einer alten Überlieferung aber sollte dieser Schacht der verfallene Überrest eines uralten Römerbetriebes sein, der schon zu den Zeiten des Drusus hier umgegangen war. Wie dem auch sei, seine Tiefe reichte noch immer hin, um einen Schmerz das Vergessen zu lehren. Ein armes Steinchen, das Mattheis zwischen den Fugen der morschen Überrüstung mit dem Fuße hinabstieß, brauchte lange, bange Zeitspannen, bis daß es ruhig ward und nicht mehr sprang.

Wär doch solch ein Sternchen sein springendes Herz gewesen und läg da unten, daß alles vorüber wäre, dachte Mattheis, indem ihm die Hand nach der Brust fuhr. Als wollt er reißen an ihr und das pulsende Kleinod des Lebens, dieses Lust und Leid der Welt bergende, packen und pressen, bis daß es ganz stille werde. Was war seine Schuld?! Gewiß keine Schlechtigkeit seines Wesens und Charakters, gewiß nicht der Ausdruck einer übel trachtenden Seele, überhaupt keine Tat. Eigentlich ja nur eine Gedankenschuld. Aber dieser Gedanke war so furchtbar gewesen, so namenlos entsetzlich, daß ihn Mattheis in seiner Seele brennen fühlte wie einen Schmerzenspfeil, der eben aus der Glut des Schmiedefeuers kam und in seinem Blute gefrischt wurde. »Die Rache ist mein, spricht der Herr!« Dieses Wort des alten Pfarrers, das ihn schon einmal bewegt hatte in seinen Knabentagen, damals, als ihm in den Wettern des David-Richtschachtes der Vater umkam: jetzt stand es wieder vor ihm und beugte seine Stärke wie den Nacken eines schwachen Kindes herab. Er wollte sühnen. Er wollte seine Seele in einem Stahlbad der Schmerzen reinigen. Und selbst der Tod des Sohnes war ihm nicht genug der Buße. Der Tod des Sohnes nicht, der doch der Hort seines Lebens gewesen und dessen Ende er als eine Vergeltung des Schicksals empfunden und auf sich genommen hatte! Lange kämpfte Mattheis in seinem Herzen den Kampf des Lebens mit dem Tode. Sollte er aller Qual ein Ende bereiten? Ein Sprung in das schwarze Geheimnis hinab, das aller Rätsel letztes barg – dann wars vorbei. Schon bückte er sich, schob und hob den Balken hoch, an dem sein Fuß gerüttelt hatte, als etwas Seltsames geschah. Als vor sein inneres Auge, gleichsam wie aus der Tiefe herauf, ein Angesicht trat, vielleicht nur in einer bloßen Vorstellung, vielleicht aber auch in einer Sinnestäuschung, die ihren Grund in der Überreizung seiner Seele fand. Ein Bild, das nur wie ein Hauch erschien und verschleiert war wie vom Duft der Erde. Und dieses Bildnis, dessen zarte Linie er nicht fassen konnte, trug die wohlvertrauten Züge seiner Frühgeliebten, in aller Holdseligkeit ihrer jungen Jahre. Aber nicht sie selber wars die Vielbeweinte, längst Verblichene, sondern ihrer beider Tochter Bild, seines letzten Kindes in dem sie ihm wiedererstanden war. Und da deuchte ihm wie in einem lebhaften Traume, als bewege die Erscheinung mädchenhaft den Mund zu ihm und riefe: »Bleib, Vater, bleibe bei deinem Kinde!« ...

Verächtlich stieß sein Fuß wider die verwitterte Schwelle des Todes, dann wandte er sich ab, sah der aufgehenden Sonne ins Gesicht und schritt hinein in den leuchtenden Morgen. –

Um Wochen später wars, als vom tannenragenden Nordhang des oberen Harzes ein letzter Wanderer mit der Abenddämmerung hinabstieg in die Täler, die sich zwischen Zellerfeld und Goslar breiten. Aus wilden, sturmdurchfegten Revieren kam sein Weg, wo der Windbruch liegt und Verhack gestürzter Riesenfichten die Stege undurchdringlich macht. Glücklich lag sie hinter ihm, jene Region der Verwüstung, wo der Fall ganzer Waldgeschlechter von Wodans wilden Jagden raunt, wo in den wurzelverschlungenen Kesseln der Eber schnaubt und der rote Hahn seltsam durch die Wipfel braust. Nun atmete er wieder hoch und hurtigte seine Schritte, daß sie wälderwärts ihm voraushallten zum Tale hinab. Unten im Gosengrunde, in einer Waldherberge, machte er seine Rast für heute.

Um die rauchgebeizten Tannentische der geräumigen Schenkstube kumpanierte bei Bier und Branntwein allerhand Volk des Landes. Berg- und Hüttenleute, Erdbrenner, Köhler, Fuhrknechte, Holzschläger und was sich alles da aus Gebirg und Niederung derb zusammenfand. Kaum, daß noch ein übrig Plätzchen in der Schankecke für Michel Mattheis blieb, denn dieser war der letzte Gast, der hier eintrat. Lustig drinnen gings her. »Trink Bescheid, Bruder, oder die Wolfsotter mag dich beißen!«

»Glück auf! Man sieht wohl, hier geht der Bergbau um!«

»Glück auf, Gesell« kams zurück, »bist auch vom Bau?«

»Ich bins, Brüder, und wetternötig geworden. Könnt ihr einen frischen Mann gebrauchen?«

»Ei, wollt Ihr in den Rammelsberg?«

»Hab einen Kameraden im Berg, noch von der Schule her. Kennt ihr den Brennewald?«

»Was giebt es in die Bruderlade? Unser Wettersteiger! Haust hier im Tal unten!«

»Beim Stollenloch, an der Südseite des Bergs, wo der Röschgraben ausbeißt«, ergänzte der Nachbar zur Rechten.

Mattheis hatte den Bescheid, den er brauchte. Bald hiernach begab er sich zur Ruhe und genoß seit langem zum erstenmal wieder in einem ordentlichen Bett eines stärkenden Schlafes. Mit Anbruch des Tages, als vom hohen Gipfel herab das Glöcklein zur Frühschicht in die Täler erklang, da teilte er schon mit rüstigen Schritten das wogende Nebelmeer der Höhe. An Erz- und Silberhütten ging sein Weg vorbei, denn beides gab der Berg: das weltbezwingende Eisenerz und das Menschen zwingende Edelerz. Als er eine Viertelstunde wiederum geschritten war, tauchte schon das Zechengebäude aus den Nebeln hoch, und bald klopfte Mattheisens Rechte an das Tor des Huthauses an, wo er nach dem Wettersteiger verlangte.

Das war eine Freude des Wiedersehens! Brennewald, dieser echte Sohn der Harzer Erde, treu, wurzelhaft und lauter wie das klargewachsene Kristall seiner Berge, konnte sich kaum genug tun in der Fürsorge um den alten Jugendfreund. Nur das eine schmerzte ihn, daß er ihm von vornherein nicht gar viel Hoffnung geben konnte auf eine dauernde Anstellung hier. Denn die wenigen Posten, die für Mattheis in Frage kamen, befanden sich alle in bewährten Händen. Immerhin fand hier Mattheis für das erste eine Unterkunft, die ihn wenigstens vor der Notdurft schützte. Auch hatte Brennewald einen gar nicht übeln Gedanken für die Zukunft. Weit unten im Zechenrevier des Ruhrbeckens zu St. Antoni und Gutehoffnungshütte bei Sterkerade war ein entfernter Vetter von ihm als Werkmeister angestellt. Vielleicht konnte der Mann behilflich sein, in dem Riesenbetrieb dieser Anlage einen geeigneten Platz für Mattheis ausfindig zu machen. Brennewald schrieb dem Vetter ohne Zögern und legte ihm seine Bitte, so warm wie ihm das brieflich möglich war, ans Herz. Nicht gar lange blieb die Antwort aus: Mattheis solle nur kommen; für einen tüchtigen Mann sei in seinem Werke immer Platz.

Wenn auch dieser Brief eine gute Nachricht für Mattheis brachte, so legte sich das Blatt doch wie ein schweres Eisen in seine Hand. In den wenigen Wochen, die er in den alten Gängen des Rammelsberges nun angefahren war, hatte doch schon sein ganzes Wesen, das sich unter diesem trotzig treuen Menschenschlage wohlbefand, neue Wurzeln getrieben. An einem späten Novembertage nahm er Abschied von allen, die er hier liebgewonnen, weil deren Herzen gleich dem seinen waren: hart und milde, wie das Edelherz unter ihren Füßen.

*

Die Gutehoffnungshütte mit dem alten Schwesterwerk Sankt Antoni, das schon im Siebenjährigen Kriege Lütticher Wallonen angelegt hatten, war zur Zeit unsrer Begebenheit bereits einer der größten Betriebe im ganzen rheinländisch-westfälischen Feuergebiet. Nicht weniger als 900 000 Zentner rohes Eisen wurden jährlich aus den elf großen Hochöfen gewonnen, die Tag und Nacht ihre Flammengarben zum Himmel schickten, ein feuriges Wahrzeichen der deutschen Hand.

Dieser Teil der Anlage, die sogenannten »Elföfen«, bildete aber schon damals nur erst die eine Hauptabteilung des Werkes, worin das Eisen unmittelbar aus den Erzen bereitet wurde. Das Roheisen durch Verhüttung in den Hochöfen und das Schmiedeeisen im Hüttenbetrieb mit Rennfeuern.

Nun bestand und besteht noch viel großartiger heutigestags ein Bruderbetrieb, worin nur Schmiedeeisen und Stahl erzeugt wird. Aber nicht erster Hand aus den Erzen, wie in den Schachtöfen und Rennfeuern, sondern aus dem dort schon hergestellten, gereinigten Roheisen. Ganze Geschwader rauchender Schornsteine drängten sich in diesem Hochrevier. Hier glüht die Luppe in den Puddel- und Flammöfen, hier leuchten die Herdfrischen, lodern die Schweißfeuer, hier raucht das stahlgewaltige Bessemerhaus und die Siemens-Martinhütte, hier qualmen die Schlote der Eisenhämmer, stößt das große, mächtige Walzwerk seinen Dampfatem in Tag und Nacht hinaus. Vereinigt das alles, verwickelt und ausgebaut zu einem menschenwimmelnden Höllenstock, aus dem beständig Feuersäulen schießen und der Donner der erschütterten Natur an die Festen des Himmels dröhnt. Und darüber – gleichsam wie ewig und undurchdringlich – eine Rauchwolke gelagert, in die hinein die Flammenadern schlagen. Fiebernd in allen Farben. Hier blitzgrün oder bläulich, dort glut- und gültigrot, blutbrennend und orangen, bis hinein in das satte, satanische Schwefelgelb der Farbe der Verdammnis. Michel Mattheis aber sah den feuertreufenden Segen dieser Wolke. Ganz überwältigt war er, als er zum erstenmal diesen Riesenbetrieb überschaute. Diesen schwarzen, ungeheueren Leib, von einem Netze blitzender Bänder umspannt, auf denen unaufhörlich die schwerbeladenen Hüttenzüge rollten, die ihm die Nahrung schleppten: Kohlen- und Erzspeise.

Hochofen Nummer Acht wars, wo Mattheis als einfacher Hüttenmann seine Tätigkeit begann. Der Vetter des braven Brennewald, Hüttenmeister Hollenbusch, ein wohlmeinender Mann, der im Werk eines großen Ansehens genoß und als Betriebsführer der ganzen Hütte – wie man so sagt – die rechte Hand des Direktors war, mußte unsern Freund von der Pike an beginnen lassen. Denn war auch Mattheis ein tüchtiger Bergmann gewesen, so brachte er doch für seinen neuen Beruf verhältnismäßig nur bescheidene Kenntnisse mit und mußte, was ihm an der Schulung abging, nun, in täglicher Erfahrung, durch doppelten Fleiß zu ersetzen trachten.

An einem der ersten Tage im Dezember wars – der hartgebackne Schnee knirschte unter den Schuhen, und helle Wintersonne durchbrach die braunen Schwaden des steigenden Hüttenrauchs – als Michel Mattheis im achten Ofen des Elferwerks seinen Dienst begann. Er traf es gut. Eben sollte der Ofen mit einer Ladung neuen Erzes frisch beschickt werden. Durch das weitgeöffnete Osttor des Werkes dampfte auf dem blanken Stahlband des Elfergleises ein von zwei Lokomotiven geschobener Hüttenzug langsam vor. Vierundvierzig Loren wurden an die Öfen heran von der Maschine abgestoßen und ihre in eiserne Kipper umgestürzte Füllung mit Aufzugen auf die sogenannte Gichtbrücke befördert, die sämtliche Öfen verbindet. Mattheis und der Ofenmeister folgten hinauf. Der Ofen war schon vorgewärmt und die Türen zu der Gicht, das ist das Mundloch in dem Feuerschacht, aufgetan. Fast unglaublich sind die Mengen Erz und Kohlen, die so ein Hochofenmaul verschlucken kann. Gleich hundertzentnerweise wurden sie in den unersättlichen Schlund hinuntergestürzt: immer abwechselnd Erz- und Kohlengichten, Schicht auf Schicht gelagert, bis der Ofen voll war. Jetzt wurde unten der Gebläsewind angelassen, der aus der Winderhitzung kam, und mit ihm der Ofen angeblasen. Wie zweckmäßig war das alles eingerichtet! Nichts außer der Schlacke, die aber auch Verwendung findet, konnte bei dem ganzen Vorgang verlorengehn. Selbst die brennenden Gichtgase nicht, die oben entweichen wollten. Denn auch sie wurden in Röhren abgefangen und zu weiterer Verwendung für den Ofen wieder herabgeleitet. Sie speisten unten wirkende Knallgebläse, die wiederum den Ofen mit einem Dauerstrom gepreßter Heißluft versorgten, so daß ein vollkommen geschlossener Kreislauf entstand.

Es dauerte nicht lange, bis Mattheis den Betrieb des Hochofens und die Vorgänge dabei erfaßt hatte. Tiefer und tiefer im Ofen sank das schwere, niederschmelzende Erz und tropfte geläutert schließlich in die unterste Zone ab, während oberhalb die leichtere, aufschwimmende Schlacke, glühendflüssig, in die Trift abfloß. So wurden täglich hier von jedem einzelnen Ofen siebzig Tonnen Roheisen erblasen.

An jenem Morgen ahnte es Mattheis noch nicht, daß auch er hier durch die Hochöfen des menschlichen Leidens wandern und noch weiterhin Läuterungen bestehen sollte, so schmerzlich, wie nur je ein Mensch ertragen mußte.

Auch sein nächster Vorgesetzter hatte ihn ganz freundlich aufgenommen und in seiner Beschäftigung eingehend unterwiesen. Schon am ersten Tage erkannte Mattheis, daß Hochofenmeister Duysing sein Fach verstand, und er freute sich seiner Tätigkeit unter einer so einsichtigen Leitung. Wenn Duysing zwar auch manchmal an seine Untergebenen etwas strenge Maße anlegte, gestrenger als gegen sich selber, so hatte dies Mattheis doch weniger für seine Person zu fühlen, da er auf den Punkt seine Pflicht erfüllte. Ja, mehr als das. Auch seine freien Stunden nützte er nach Möglichkeit. Bis in die tiefe Nacht hinein konnte er über Tabellen, Plänen, Karten, Büchern sitzen, um die Lücken seines Wissens auszufüllen und jetzt nachzuholen was er in der Jugend leider versäumt hatte. So mehrte er den Besitz seines Geistes und kam vorwärts auch in seinem Können. Sein freundliches Wesen öffnete ihm aber auch alle Herzen, die mit ihm in Berührung kamen, trotzdem er eigentlich immer mehr für sich war; und so kam es, daß ihn bald alle vom Werk gern leiden mochten, und nicht allein die Männer nur.

Eines Abends einmal, als er unten an der Brust des Ofens mit dem Rengel hantierte und den im Herde gebildeten Ansatz abstieß, damit er nicht die Trift verstopfe, trat zu ihm der Ofenmeister heran. Der glühende Widerschein der im Dunkeln wie ein Feuerband fliehenden Schlackengasse fiel grell und rot in Duysings scharfes Gesicht. »Ich bringe eine gute Nachricht«, begann er, mitteilsamer als sonst. Erstaunt blickte Mattheis auf und hörte nun sein Lob erschallen, daß er ganz verlegen dabei wurde. Aus dem langen Gerede hörte er heraus, daß ihn Duysing dem Direktor empfohlen habe und daß er – auf des Ofenmeisters besondere Befürwortung hin – mit Beginn der neuen Woche in das Walzwerk übernommen werden solle, damit er auch in einem andern Teil des Werkes den Dienst kennen lerne. Sogar Duysings junge Frau, die, wie allabendlich um diese Zeit, ihrem Manne gerade das Vesperbrot gebracht und seine letzten Worte noch gehört hatte, schien über diesen Beweis der Menschenfreundlichkeit und des Wohlwollens ihres Gatten einigermaßen verwundert zu sein. Denn, als Mattheis sich entfernt hatte, sagte sie und wurde ein wenig rot dabei: »Mann, bist du gar nicht gäl auf den?«

In der vierten Woche nach Mattheisens Versetzung ging es im Walzwerk eines Tages ungewöhnlich heiß her. Eine stählerne Riesenwelle für einen Ozeandampfer des Norddeutschen Lloyds – nach Stärke und Länge von Verhältnissen wie niemals zuvor – sollte ausgewalzt werden. Der in Weißglut flimmernde Stahlbaum war schon seit vierundzwanzig Stunden gehitzt worden. Er hatte schon einen Morgenbesuch dem Dampfhammer abgestattet, der sich mit einigen seiner Tausendzentnerschläge um Schliff und Form des Gesellen nach Kräften bereits verdient gemacht. Nun kam er von einem zweiten Besuch aus den stählernen Händen des »Wassermanns«. Das war eine Druckwasserpresse, die mit der hundertfachen Kraft des Dampfhammers, mit einem Hochdruck von hunderttausend Zentnern, den blockigen Burschen so völlig durchgewalkt und geknetet hatte, daß er vor Zorn und Druck lang wie ein Kirchturm und ganz trotzig eckig geworden war. Jetzt fehlte seiner Jugendglut nur noch die gleichmäßige Rundung, und die sollte ihm nunmehr die Dampfwalze geben.

Die beiden ersten Gänge unterm Hammer und der Schmiedepresse hatte der Hüttenmeister selbst geleitet. Den dritten Gang sollte in Vertretung des behinderten Walzmeisters Mattheis anführen.

Ein eiserner Stangenwald in den Faustklammern braungebrannter, nacktbrüstiger Männer senkte sich nieder und unterschob den Stahlbaum. Tausend Muskeln spannten sich und starrten. Tausend Muskeln, strotzend, biegsam, aber hart dabei wie der Schweißstahl in ihren Fäusten. Allein, die von der Welle ausstrahlende Hitze war diesmal doch zu groß! Alles wich zurück. Auch der zuschauende Ofenmeister, der eben erst näher getreten war.

»Was, Kameraden!« sagte Mattheis. »Hat doch sogar der Hüttenmeister ausgehalten, der nicht alle Tage hier unten ist. Was einer gekonnt, das müssen wir alle können! Also – upp! Noch einmal, Kameraden!«

Abermals griffen sie an, und diesmal gings. Der Baum bewegte sich. Hob sich. Ganz langsam. Indessen fielen von den eisernen Armen eines Drehkrans Ketten herab und umschlangen den Burschen, daß ihm von den blinkenden Lenden die Funken stoben. Jetzt schwebte er in der Luft, drehte sich ein wenig zur Seite und glitt langsam auf die Rollbahn nieder. Das sausende Schwungrad dröhnte. »Uh – upp! ... Uh – upp! ... Uh – upp!« ... da hatten sie ihn, an das Mammutgebiß heran, schon hoch und vorgeschoben! Die Walzen faßten. Zogen ihn, rank und lang wie er war, hinein in die blitzenden Kiefern.

Blank und lauter ging das Werk hervor. Mattheis, als er die helle Freude besah, sann einen Augenblick und sah im Geiste schon das stolze, meerbefahrende Schiff, für das die Welle bestimmt war, als ihn jemand freundlich auf die Schulter klopfte. Hollenbusch wars, der Hüttenmeister. Er sprach Mattheis seine Anerkennung über die heutige Leistung aus und eröffnete ihm, daß er abermals befördert worden sei. Am Montag morgen werde er als Untermeister in das Bessemerwerk übernommen werden. Mattheisens Dank zu wehren, fügte er ablenkend noch ein paar wohlmeinende Worte hinzu: »Wie wir diesen Burschen fertiggekriegt haben,« sagte er lächelnd, »das ist unser Geheimnis und Hunderttausende unter Brüdern wert.«

»Ja,« erwiderte Mattheis, »mit der Erzspeise ist es eben auch nicht anders als wie mit unsrer Magenkost: die Zutaten erst, die Gewürze machen die Güte einer Mischung aus. Was haben wir aber auch herumgattiert, bis wir die richtige Möllerung gefunden haben!«

In diesem Augenblick bemerkte Mattheis, wie sich jemand, der, vom großen Schwungrad verdeckt, hinter ihnen gestanden, durch eine Seitenpforte der Halle entfernte. Er glaubte noch an Gang und Gestalt den Ofenmeister zu erkennen, ohne indessen dieser Wahrnehmung, die er schon im nächsten Augenblick wieder vergessen hatte, die mindeste Bedeutung beizulegen.

Am Sonntag morgen, als die Hütte still lag, ließ sich Mattheis mit Genehmigung der Leitung das Bessemerhaus aufschließen, um vor seiner Einführung am nächsten Tage die etwas vielfältige Einrichtung dieses Betriebes erst einmal bei Stillstand in aller Ruhe zu studieren und so wenigstens schon einen Überblick zu gewinnen. Nachdem er sich dies und das vermerkt, Verschiedenes auch in flüchtigen Linien aufgezeichnet hatte, übergab er die Schlüssel und ging in Gottes freie Natur hinaus, allen Hüttendunst von sich abzubaden.

Andern Tags in aller Frühe pochte es bei Meister Hollenbusch. In der Tür erschien die hagere Gestalt Duysings.

»Guten Morgen, Herr Hüttenmeister.«

»Guten Morgen ...«

Unaufgefordert trat Duysing näher.

»Störe ich, Herr Hollenbusch?«

»Wenns nicht zu lange dauert – was gibts?«

»Eine pei–inliche Sache ... das Interesse des Werks kommt in Frage ... Ich wende mich zuerst an den Herrn Hüttenmeister, weil ich den Direktor damit nicht eher behelligen möchte, als bis ich klare –«

»Zum Teufel, was ist denn los, Duysing?«

»Verstehen Sie mich, bitte, nicht falsch, ich möchte keinen grundlos verdächtigen, aber ich meine, es gilt hier volle Klarheit zu schaffen. – Um den neuen Mann handelt es sich, den Mattheis.«

»Hat er seine Schuldigkeit nicht getan?«

»Oh, im Gegenteil, Herr Hüttenmeister! Das muß ihm wohl der Neid nachsagen, er ist ein tüchtiger Mensch, beinahe – zu tüchtig!«

»Was heißt das?«

»Herr Hollenbusch, ist Ihnen bekannt, wer Herrn Mattheis erlaubt hat, gestern allein die Bessemerhütte zu besuchen?«

»Na, ich selber habs ihm erlaubt. Warum denn auch nicht?«

»Ich sehe, ich werde meine Beobachtungen wohl erst weiter vervollständigen müssen, bevor ich eine Anklage ausspreche.«

»Ich verstehe Sie gar nicht, Duysing. So rücken Sie zum Teufel doch bloß mit der Sprache heraus!«

»Nun – damit Sies wissen, Herr Hollenbusch: Mattheis hat gestern, Sonntag vormittag – ich selbst habe es beobachtet, und noch zwei andere Zeugen! – im Bessemerhause Zeichnungen angefertigt.«

»Na – und? Der Mann studiert das Werk!«

»Hm.«

»Was wollen Sie denn, Duysing? Wessen eigentlich beschuldigen Sie den Mann?«

»Um es kurz herauszusagen – der Spionage! Des geplanten Verrates geschäftlicher Geheimnisse!«

»Unsinn! Unsinn!« wurde Hollenbusch jetzt ärgerlich. »Als ob die Einrichtung eines Bessemerbetriebes nicht jedermann zugänglich wäre, der dafür ein Interesse hat.«

»Sicher, Herr Hollenbusch. Aber nicht auch die Verbesserungen unsrer Werkmacher!«

»Also verschonen Sie mich mit Hochofenphantasien!« Damit wandte sich Hollenbusch ungeduldig ab und sah in seine Arbeit.

Nur einen Augenblick lang glitt ein spöttisches Lächeln um den Mund des Ofenmeisters. »Ich möchte Ihnen wünschen, Herr Hüttenmeister, daß Ihnen nicht vielleicht noch eines Tages Ihre Vertrauensseligkeit leid wird! Mir scheint doch sehr, daß Ihr Schützling Ihnen keineswegs so freundlich gesinnt ist, wie Sie selber wohl glauben!«

Hollenbusch blickte auf: »Bitte, heraus mit der Sprache!«

»Nun! War es wohl eine Freundlichkeit von dem Manne, daß er sich neulich beim Auswalzen der Welle vor den Leuten, als sie über die Hitze stöhnten, über sie, die kaum noch halten konnten, und seine Vorgesetzten groß gemacht hat? Daß er sich brüstete, was Sie gekonnt hätten, Herr Hollenbusch, das könne er zur Not auch noch verrichten!«

Hollenbusch rückte in seinem Sessel.

»Und das vor allen Leuten! Alle haben sich geärgert! ... Ich kann Ihnen nur raten, Herr Hollenbusch, seien Sie auf der Hut vor dem! Seien Sie auf der Hut!«

»Wer kann mir etwas anhaben!« blitzte es jetzt aus dem Auge des Hüttenmeisters.

»Oh, sagen Sie das nicht!« meinte Duysing lächelnd. »Wenn er Pech haben soll, so kann ein Goliath über einen Maulwurf stolpern. Übrigens – ich habe Sie gar nicht etwa ohne Grund gewarnt!« ...

»Haben Sie noch mehr auf der Pfanne?«

»Ja.«

»Also, bitte.« Hollenbusch lehnte sich in seinen Stuhl zurück.

»Es tut mir ja leid, Herr Hollenbusch, Ihnen nichts Besseres bringen zu können: Herr Mattheis rühmt sich bereits Ihrer Freundschaft! So soll er unter anderm erzählt haben, daß Sie sehr vertraulich über das Geheimnis unsrer Stahlbereitung mit ihm gesprochen und dabei mit einem ›eigentümlichen Lächeln‹ betont hätten, dieses Geheimnis sei Hunderttausende – ›unter Brüdern‹ wert!«

»Was wollen Sie damit sagen?« sprang Hollenbusch auf und trat hart an Duysing heran, seinen Blick in das Auge des Sprechers bohrend.

» Ich will gar nichts damit gesagt haben«, erwiderte Duysing kühl, indem er einen Schritt zurücktrat. »Vielleicht aber hat damit Herr Mattheis etwas sagen wollen!« Es zuckte bei diesen Worten ein wenig um seine Mundwinkel.

»Von wem haben Sie diese Geschichte?«

»Ich habe sie gestern abend, als ich noch spät an den Öfen vorbeikam, in der Dunkelheit von zwei Arbeitern mit angehört, die, als ich sie anrief, hinter einer Schlackenhalde verschwanden.«

»Kommen Sie sofort mit mir zum Direktor!« Mit diesen Worten verließ Hollenbusch, von Duysing gefolgt, schnellen Schrittes das Zimmer. –

So wurde aus drei entstellten Nichtigkeiten für unsern Freund ein dicker Strick gedreht.

Wie anders als bisher war Mattheisens Aufnahme im Bessemerhaus! Eine Kälte empfing ihn hier von den Menschen, die in einem merkwürdigen Gegensatze zu der infernalischen Siedehitze stand, die in diesem Raume herrschte. Verwirrt und geblendet blickte Mattheis in das tobende Flammenmeer, das, wie Flut und Ebbe wechselnd, zeitweise die ganze Halle erfüllte und dessen Brandung bis ans oberste Gewölbe schlug. Wild flatternde Glutsträhne, ganze mächtige Garben, die aus dem Eisenbade kamen, wurden hier von gischenden Strömen wütender Gebläseluft hinauf- und hinausgerissen zum Feuerfang, daß die Funken sprühten wie die Sterne um Laurentius. Funkelnde Schwärme! Ein Bild so grausender Schönheit voll, als wäre es aus der Phantasie des Wahnsinns gezeugt oder eines Höllenbreughel!

Aber Mattheis hatte heute kein Auge hierfür, sein Blick sah schwer und bekümmert. Diesem Manne, dessen Hand fest wie das gehärtete Erz war, schlug in seiner Brust doch nur ein armes Kinderherz. So litt Mattheis unter jeder Unbill viel mehr, als er zeigte. Nachts, da er nicht schlafen konnte, grübelte er und quälte sich, was die Menschen gegen ihn haben möchten, die doch sonst alle zu ihm freundlich gewesen waren. Es war ein unerträglicher Zustand, der sich noch dazu von Tag zu Tag verschlimmerte. Denn wohin ihn sein Weg auch führte, mit wem er auch zu tun und zu sprechen hatte: die Menschen waren wie verwandelt zu ihm. Wie oft stieg ihm da nicht das Blut hoch und trieb ihm Zorn und Scham herauf! Aber da auch nicht einer war, der den Mut finden konnte, ihm Rede zu stehen, da vielmehr seinem Verlangen nach Aufklärung immer und überall ausgewichen wurde, so blieb ihm eben nichts übrig, als die Kränkungen hinunterzuschlucken. Denn der Direktor des Werks, der ebensowenig wie Hollenbusch an Mattheisens Schuld glaubte, hatte zunächst erst, ehe er einen schimpflichen Verdacht aussprechen wollte, eine unauffällige Beobachtung des Beschuldigten angeordnet. So aber gewann der Ofenmeister Zeit. Durch diese fortgesetzte seelische Folterung brachte er Mattheis völlig zur Verzweiflung und beschleunigte die Entscheidung, die er im geheimen wünschte.

Bis zu jenem Tage war Mattheis noch ahnungslos gewesen, daß Duysing sein Feind war. Wie hätte er auch auf den Gedanken kommen können, da er doch dem Ofenmeister nichts in den Weg gelegt hatte und sich auch sonst keiner Ursache, die eine so feindselige Abneigung hätte rechtfertigen können, bewußt war. Erst am letzten Tage, als er sich nicht mehr zu helfen wußte und sich seinem bisherigen Vorgesetzten, dem er glaubte verpflichtet zu sein, offen anvertraute, fiel es ihm von den Augen, wie es Duysing mit ihm meinte. Natürlich wich ihm der Ofenmeister erst recht aus und erklärte alle Besorgnisse Mattheisens für Gespinste. Aber wie er das tat, das offenbarte ihm den Charakter Duysings blitzartig. Als er nur das Lachen des Mannes sah, erschrak er. Und er hatte zum ersten Male ein Gefühl, daß ihm dieses scharfe Gesicht wehe tat und erbarmungslos in die Seele schnitt. In diesem Augenblick erkannte Mattheis seinen Feind, seinen tödlichen Feind, und er fragte sich schaudernd, wie ein Mensch doch so schändlich sein könne, einen Nebenmenschen, der ihm nicht im Wege war, der ihm nicht Luft noch Sonne nahm und der ihm nichts, nichts zugefügt hatte, völlig auslöschen und vernichten zu wollen! Wie ein Mann so handeln konnte, der doch Vorzüge genug besaß, um seinen Platz auszufüllen! Mattheis stand vor einem völligen Rätsel.

Nun war sein letzter Versuch der Hüttenmeister, von dem er wußte, daß ers gut mit ihm meinte. Allein, auch der wich ihm aus, mußte ihm ausweichen, weil es so der Anordnung des Direktors entsprach.

Damit war Mattheis am Ende seiner Kraft angelangt. Er fühlte es, daß er diesen ununterbrochenen Anstürmen auf seine Seelenruhe nicht länger gewachsen war. Er konnte nicht eine Stunde mehr atmen unter dem Schatten eines solchen Mißtrauens, er mußte fort von hier – nur fort – fort – fort ... gleichviel wohin.

Noch am späten Abend schnürte er sein Bündel und ging hinaus in die frühlingsbrausende Nacht. Ein paar an den Hüttenmeister gerichtete Zeilen hatte er zur Erklärung seines Schrittes zurückgelassen. Sein letzter Abschiedsblick fiel auf den Wandkalender, und er las da einen Spruch, den er mitnahm als seine Wegzehrung. Er lautete:

»Der Staub, wie hoch der Wind ihn auch erhebt,
      Bleibt doch gemein.
Der Edelstein, den man im Staub begräbt,
      Bleibt Edelstein.«

*

Nordwärts des Hüttengeländes, wo sich unabsehbar das große Rheinländisch-westfälische Venn ausdehnt, in die Gräseröde der Sterkerader Heide, verlor sich der Weg des Flüchtigen. Hier sang kein Vogel, hier blühte keine Blume, als sommers an verrufenen Wegstellen giftige Nachtschattengewächse und im Herbste das tödliche Bilsenkraut. Hier, wo Hüttenrauch und Heideruch die der Gegend eigentümliche Luft mischen, irrten seine Schritte unstet, ruhelos, wie damals, und das Kainsmal brannte ihm von frischem auf der Stirn. Oben über den Hügeln wandte er noch einmal den Blick zurück. Da flammten sie noch, die Öfen und Stätten seiner Qual! Die von der Nachtluft bewegten Feuer auf dem schwarz ragenden Wald der Essen, der sich düster vom Horizonte hob, erschienen ihm wie rote Male seiner Schande, und ihr Widerschein ging noch lange mit ihm. Schon blinkten neue Lichter stundenweiter Gehöfte und Glashütten vor ihm auf, als erst seine Schritte sich ruhigten. Am Rande eines Hochmoors, zwischen dürren Binsen und Wacholderbusch, suchte er sich sein Schlaflager für die Nacht aus und bettete seinen Schmerz auf Stein. Hier ward ihm wohl. Hier konnte ers nicht hören mehr, das nimmerstille Räderwerk da unten, und er brauchte nur dem Windsgeräusch der wetterleuchtenden Ferne zu horchen oder dem Klageruf der Wasservögel. Was konnten die Schleier jener Ferne ihm verheißen?! Seinem zerbrochenen, entehrten Leben! Oh, wie fiel doch heute das Dichterwort auf seine Seele: »Wer den guten Namen mir entwendet, der raubt mir das, was ihn nicht reicher macht, mich aber bettelarm!« ...

Da quoll es ihm heiß aus der Brust herauf und feuchtete seine Augen. »Martha,« rief er, »Martha, mein armes Kind! Weißt du noch das Lied, das einstmals deine Mutter sang?« ...

Ein Wind geht über die Heide,
Voll Unruh steht sein Sinn:
Kein Hügel, kein Wasser und Weide
Erfragen – woher, wohin.

Ein Blümlein auf der Heide,
Das lauscht, weiß nicht warum,
Dem Nachtwind aus weiter Weite,
Verzitternd, still und stumm.

Der Wind fährt über die Heide
Und bläst eine Melodei ...
Lenzglöcklein – wohl voll Leide! –
Erklingt – vorbei ... vorbei! ...

Michel Mattheis scheidet von der Gutehoffnungshütte

In tiefes Sinnen versunken, saß er, er wußte nicht wie lange, als ihn aus seinen Träumen ein greller Schein weckte, dem fast unmittelbar darauf ein starker Donnerschlag folgte. Ein Gewitter war heraufgezogen, ohne daß er dessen Kommen bemerkt hatte. Dichter hüllte er sich in seinen Mantel ein, denn schon prasselten ihm die ersten Regentropfen auf die Schulter, während nun Blitz auf Blitz, Donner auf Donnerschlag ihren mitternächtigen Heidetanz begannen. Wohl keiner Kreatur außer ihm selber hätte er gegönnt, diesem Ausbruch der entzweiten Natur beizuwohnen. Und doch mußte noch ein menschliches Wesen außer ihm nahe sein! Er täuschte sich nicht. In der Richtung von Norden her, dort etwa, wo nach seiner Rechnung die Hühsinger Schmelzhütte lag, bewegte sich etwas Leuchtendes heran. Wenn es nicht ein irrendes Licht über den Sümpfen war, was ihm nicht wahrscheinlich dünkte, so konnte es nur der Schein einer Laterne sein, die in der Hand eines Menschen hin und her schwankte. Bis auf vierhundert Schritt etwa mochte sich die Lichterscheinung genähert haben, als sich wirklich aus den feuchten Schleiern der Nacht eine menschliche Gestalt zu lösen begann, die geradeswegs auf ihn zu kam. Nun war sie wiederum um hundert Schritte näher heran, als durch Mattheisens Körper eine Bewegung ging und sein Auge plötzlich starrte. War das, was er da sah, ein Gedankending? War es ein wirklicher Mensch? Jener Mensch, den er da vor sich sah?! Ach – jetzt erinnerte er sich! Den hatte man ja heute morgen nach der Waldschmiede geschickt, die, nahe bei den Glashütten, am nördlichen Heiderande ein paar Wolfsöfen betreibt. Und nun – auf dem Rückweg – war er da – war da – ihm fast zum Greifen nahe!

Was in der Ewigkeitsspanne dieses Augenblickes zwischen Blitz und Donner in den Tiefen der Brust dieser zwei Menschen vor sich ging – wer möchte es ergründen!

Auch der andere hatte Mattheis erkannt. Sein Zittern zeigte es. Wie ein Schüttelfieber überfiel es ihn plötzlich und durchrüttelte seinen Körper, daß ihm Schritt und Atem stockten und er einem wankenden Bilde des Erbarmens glich. Er hätte fliehen mögen, so weit ihn nur die Erde trug, aber er konnte nicht. Wie von einer magnetischen Gewalt gehalten und näher gezogen, mußte er seinem Wege folgen – mußte es!

Mattheis stand unbeweglich. Stumm und steinern wie ein ragendes Heidemal. Nur sein Auge hatte Leben. Und ein Blick daraus, in dem sich das Licht aller Blitze dieser Nacht zu sammeln schien, bohrte sich in die flackernde Angst des anderen. So sahen sie sich ins Auge – keiner sagte ein Wort. Dann erhob Mattheis schweigend die Rechte und wies mit einem gebieterischen Ausdruck in die Richtung nach Süden, dort, wo Gutehoffnungshütte lag. Als der Mann im strömenden Regen verschwunden war, nahm Mattheis Stock und Bündel auf und ging. Irgendwohin – heidewärts. In die blitzdurchleuchtete Finsternis, dahinter die Morgenröte lag.

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