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Der Steiger vom David-Richtschacht

Kurt Geucke: Der Steiger vom David-Richtschacht - Kapitel 2
Quellenangabe
authorKurt Geucke
titleDer Steiger vom David-Richtschacht
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrun6. bis 12. Tausend
year1921
firstpub1921
illustratorWillibald Weingärtner, Martha Jäger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180715
projectid923d4025
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Erstes Buch.
Aufstieg und Fahrten

Erstes Kapitel.
Der Steiger vom David-Richtschacht

Meine Eltern haben ihn gekannt, als er noch barfuß ging und in den Forsten seiner Heimat auf das Wildzeug streifte. Was im Zwielicht auf Räuberfüßen schlich: Marder, Iltis, Fuchs und wilde Katze, das alles waren seine Freunde nicht. Der Nester aber und der Vögel im Walde und aller Kreatur in ihrer Schwäche und Hilflosigkeit nahm er sich an, wo er konnte. Schon damals, als Knabe, bewies er jenen mutigen Sinn für Kampf und Gerechtigkeit, der in dieser Stärke etwas Seltenes war in seinen Jahren und der, wie bei ihm zum Starrsinn, zum ungebändigten Trotz gesteigert, einem Menschen leicht zum Verderben erwachsen kann. So zeigte sich auch schon früh in seinem Charakter dieser auffallende Zug zur Sonderung von seinesgleichen. Selten traf man ihn im fröhlichen Gewimmel. Aber wer je einmal in den Wäldern drüben in Dickicht und Dämmer sich verloren, der konnt ihm wohl begegnen. Bei Nacht und Nebelluft, in Mittagsglut, bei Wettersturm – kurzum zu allen Zeiten, wo keine Schulbank auf sein Behagen drückte. Auf jungfräulichem, ungeteuftem Lande, droben in der Bergfreiheit unter dem Frühlingsjauchzen der einsamen Hirten, unterm Blöken und Herbstgeläut der heimtreibenden Schafherden ist seine Jugend groß und stark geworden.

Seine Mutter hatte er schon an dem Tage verloren, da er zur Welt kam; sein erster Atemzug war der Mutter letzter Seufzer geworden. So wußte er nicht mehr von ihr als nur das wenige, das ihm in seltenen Stunden sein Vater erzählte. Das erste große Ereignis seines Lebens, das den Knaben traf und erschütterte bis in die Fugen hinein, geschah damals, als man ihm den Vater zerschmettert aus dem Schachte trug. Ein Opfer seines Berufes und der menschlichen Leichtfertigkeit. Denn das Unglück wäre zu vermeiden gewesen, wenn nicht die Zechenverwaltung Sicherheitsmaßnahmen, die unbedingt notwendig waren, für das Werk so sehr wie für die Belegschaft, aus einer falschen Sparsamkeit unterlassen hätte. Damals, als er so den Vater vor sich liegen sah – stumm – starr – hingestreckt –, da regte sich in dem Jungen zum erstenmal ein Gefühl, das ihm sagte, es gehe doch nicht recht auf dieser Welt zu!

Jahre seit diesem Ereignis waren hingegangen. Jahre und was sie alles mit sich bringen, hatten den Knaben zum Jüngling, den Jüngling zum Manne gereift. Als ich ihn um jene Herbstnachtgleiche wiedersah, war er ein Mann in den dreißiger Jahren bereits. Witwer eines geliebten Weibes, das er blutjung gefreit hatte. Seit ihrem Abschied vom Leben war er noch verschlossener geworden. Noch steht er vor mir, wie er an jenem Abend aus seinem Häuschen trat, mit einem Blick zurück auf die niedere Tür, die sein Letztes, Liebstes barg, und wie er hinausschritt in die rauchatmende Nacht, die, purpurn und schwer, lastete auf den feurigen Säulen der brennenden Hochöfen.

Feucht war die Nacht und kühl. Wie eine regendurchrauschte Novembernacht, und es war doch kaum Herbstbeginn. Über die kahlen Haldenstürze strich der Wind und fuhr ums Huthaus auf der Hochhalde. Sprang wie das Füllen am Göpel um den schwarzen Förderturm, daß Haspel und Rundbaum ächzten, und fuhr hinaus in das Land der hundert Feuer. – Michel Mattheis drückte den grauen Schachthut in die Stirn herab, seufzte tief und lauschte einen Augenblick der Windsweise. Wie die das Stöhnen einer wunden Menschenbrust übertönte, so wurde sie selbst überbrüllt und überdonnert von den tausend Riesenstimmen des Werkes, der Nachbarzechen und aller Gruben der Ferne auf Meilenweite. Von allen Seiten her rollte, grollte, zischte, gischtete, tönte, dröhnte es – rundherum. Ein wahrer Hexensabbat. Die unsichtbaren Höllengebläse aller dieser Lungen arbeiteten, keuchten, fauchten, als gelt es heute nacht den kalten Mond zu schmelzen, der hoch über diesem seltsamen Walde aus lauter flammenspeienden Schloten hinter Wolkenfetzen die letzte Schicht wechselte.

Michel Mattheisens Schritte stockten. Fünfhundert Lachter unter seinem Herzen hockte der rote Tod. Fünfhundert Lachter unter diesem kleinen Pochwerk seines Lebens, das Michel in der wehen Tiefe seiner Brust hämmern fühlte, kämpfte vielleicht im Augenblick sein einziger Sohn, sein Stolz und sein alles, den letzten, den schwersten Kampf, und mit ihm, zusammengepfercht wie eine Herde von Schlachttieren, noch vierhundert atmende Menschen. Väter und Söhne, Brüder und Getreue – sie alle lebendig Begrabene! Vor einer Stunde erst war es geschehen, das unfaßbar, unausdenkbar Gräßliche! Und jetzt auf einen einzigen Augenblick war er nach seinem Häuschen geeilt, das die Schreckenskunde noch nicht erreicht hatte. Denn noch hielten sie das Unglück geheim da oben, noch hofften sie, wenn keine Rettung mehr war bei Menschenhand und dem Herrn Hüttenraiter Hüttenraiter: ein Rechnungsbeamter. – so hohnlachte Mattheis, die Faust im Kittel geballt, – vielleicht auf ein Wunder Gottes oder des alttestamentlichen Schutzpatrons vom David-Richtschacht. – Nun hatte ers hinter sich. Hatte noch einmal das Köstliche, das ihm geblieben war, sein letztes Kleinod, ans stürmende Herz gedrückt, und nun ging es hinaus, als sei es für immer, denn er wußte nicht, ob er wiederkehren werde. »Bleib«, hatte er seinem Kinde gesagt, und nun folgte ihm noch lange ein zitternd feuchter Blick aus warmen Mädchenaugen nach, bis daß er ganz verschwunden war.

Sein Weg führte an den Koksöfen vorbei durch ein kleines, schmales Tal zwischen Lavabergen und Schlackenhügeln, deren einige mit Grasnarbe gedeckt waren, während die andern, jüngeren Halden nackt und schwarz lagen. Als er aus dem Hohlwege heraustrat, blieb er wiederum stehen und lauschte in die Nacht hinaus. Der Fall der Eisenhämmer prallte auf die schwarze Erde, daß sie schütterte in ihren Grundfesten. Ein Tos, ein Teufelsgetöse, zu dem das Stampfen der Hütten- und Pochwerke den höllischen Grund- und Unterbaß trommelte. Horch! Was aber war das für ein Ton?! Windsgeheul? Nein, das war der kreischende Schrei der Wut, der sich gegen den menschenverschlingenden Moloch erhob, jenes rauchstoßende Ungeheuer, das hier aus hundert feurigen Mäulern Blutströme und Schwefel spie. Das war der Schrei nach Sonne von den Kärgern und Kümmerlingen, der heraufzukommen schien, gellend, wie aus verborgenen Zechen! Oh, wie ihm das wohl erklang! Rache war auch sein Gedanke, sein einziger Gedanke Vergeltung! Vergeltung dem verbrecherischen Gleichmut des Geizes!

Seit der alte Bergherr zur letzten Schicht verfahren, war manches anders geworden auf dem Werke. Eine kalte Rechenseele vom grünen Tische, der Hüttenraiter, ein Kerl und Bergschänder, besaß das Ohr des neuen Herrn. Ihm und ihm allein mußte Mattheis die Schuld geben, daß seine Warnung nicht befolgt worden war. Das Werk war wetternötig, das mußte ein Kind begreifen. Dem ungeheuren Aufschwung des Betriebes in den letzten zehn Jahren konnten die veralteten Einrichtungen nicht mehr genügen. Dreihundert Tonnen Tagesförderung an Kohle verdarben die Grubenluft wohl mehr als die achtzig, neunzig Tönnchen der Zeit vor zwanzig Jahren, da er sein erstes Gedinge schloß. Schon damals, als die Zeche Schwarzenberg zu Bruche ging und fast hundert Menschen dabei um ihr Leben kamen, erhob sich ein Berggeschrei im Lande um das Abteufen von besonderen Wetterschächten. Das Unglück aber ward vergessen, und das Gelärm verhallte, und als Jahre später mit der Erschließung des Güte-Gottes-Ganges neue Reichtümer dem Bergherrn angebrochen wurden, da ward das alte Versprechen aus irgendeiner Rumpelkammer wieder hervorgekramt und eine Besserung der Wetterlosung in Sicht gestellt. Nun waren wiederum acht Jahre hingegangen, ohne daß das Wort wäre eingelöst worden. Erst vor wenigen Tagen noch hatte Mattheis als Vertrauensmann der Belegschaft dem Bergmeister über die Not der Wetterführung, die Gefährdung von Menschenleben und Grube eindringliche Vorstellungen gemacht, aber der Raiter natürlich wußt es und verstand es besser! Ihm hatte das ein Biedermann gesagt, Hennjes, der Gänghäuer Gänghäuer: Aufseher über die Häuer., Mattheisens Mitwerbmann um den freigewordenen Posten des Obersteigers. Was der freilich sagte, wog. War es doch schon durchgesickert von oben, daß er dem Mattheis den Rang abgelaufen. Dieser Windhund, der es in den Füßen hatte und der seine Bissen im Laufen schnappte! Warum konnte der nicht da unten liegen? Warum mußt es, mit all den anderen allen, der Besten einer sein?! Oh! Oh! ...

So bohrten, schürften, wühlten in den heißen Gängen seines Hirns unablässig die Gedanken. Ruhlos, ruhelos! Wie verwundert blickte er auf, als er im Gewimmer des Bergglöckchens seinen Namen hörte. »Der Mattheis kommt, der Mattheis!« so scholl es ihm entgegen wie ein Verkündigungsruf der erwachenden Hoffnung aus dem Herzen von Hunderten. Das Glöckchen verstummte.

»Ja, Brüder, könnt ich euch helfen!« kam es schwer von seiner Seele. »Ist was beschlossen worden? Wird etwas getan?«

»Rauch stößt aus dem Schachte, keiner getraut sich hinein«, scholl es zurück.

»Wo ist der Fahrtmeister?«

»Da kommt er schon mit dem Schichtmeister und dem Hutmann zusammen!«

»Fahrtmeister, 's gilt eine Mannesfahrt! – Wollt Ihr mir, Karst, eine ledige Schicht verschreiben?«

Alle drei, ohne ein Wort zu sagen, sahen sie ihn an. Dann schritten sie zusammen nach dem Förderturm, gefolgt von der Menge.

»Hutmann, folgt mir ein gutes Gezäh Gezäh: bergmännischer Ausdruck für Handwerkszeug. aus.« – Er rückte sich das Bergleder und den Kittel zurecht und entzündete im Wetterkästchen an seinem Gurte das Grubenlicht.

Bim-bam gab das Glockenzeichen: die Förderschale schwebte herauf, wie getragen von leichten Rauchwölkchen, und legte an die Hängebank Hängebank: Schachtmündung.. Die Fahrung stand.

»Ganz langsam, Meister, ganz langsam«, sagte Mattheis und trat, indem er mit der Hand über seinen schwarzen Vollbart strich, an den Schachtkranz heran, »Hutmann, gebt eine Tute mit, was hilft mir im Korb das Klopfgestänge!« Klopfgestänge: Stangenleitung im Förderschacht, um Signale zu geben. Er nahm das Horn und betrat die Schale, ein eisernes Gittergestell, das mit einem starken Schutzdache gedeckt war.

Bim-bam gab das Glockenzeichen. Und der eiserne Käfig sank ab in die schwarze Tiefe.

Ein Schauer überrieselte Mattheis. Ein Gefühl überkam ihn, das er nie bisher gekannt hatte. Zwanzig Jahre war er nun schon angefahren, aber immer war es in der Gemeinsamkeit mit Brüdern geschehen und mitatmenden Menschen. Heut aber fuhr er alleine, allein in einem Reiche, von dem der Tod Besitz ergriffen hatte, und er wußte nicht, wohin es ging. Ins Ungewisse, ins Grenzenlose, vielleicht ins Ewige! – Zum ersten Male in seinem Leben fühlte er unter seinen Füßen die klafternde Ungeheuerlichkeit dieser Tiefe, von der ihn doch nur ein Blättchen dünnes Blech trennte, noch keine Fingerbreite dick: die Grenze zwischen Leben und Tod! Fünfhundert Lachter und fünfzig unter ihm lag erst der Sumpf des Schachtes. Bräche jetzt das Förderseil über seinem Eisengebauer, so würde er einen Sturz tun, der siebenmal tiefer ginge als die Turmhöhe des Kölner Domes. Kein lumpiger Beinbruch fürwahr, ein Fall, wie ihn nur Könige tun. Er mußte plötzlich lachen, daß es widerhallte wie aus Klüften der Hölle. Wer hörte ihn hier? Er lauschte hinauf, er horchte hinunter – nichts regte sich. Nur das Rauschen der Tagewässer im Rotschönberger Stollen, den er eben durchsunken hatte, rauschte geheimnisvoll noch über ihm und spülte in seine Seele, leise, leise, wie ein fernes Lied aus der Jugendzeit. Immer tiefer sank die Schale, immer tiefer. Schon hatte er die erste, die zweite und dritte Gezeugstrecke Gezeug: Wasserhebungsmaschine. Gezeugstrecke, soviel wie Sohle: eine Strecke unter dem Stolln, von welcher die zufallenden Wässer heraufgehoben werden müssen. durchfahren, die immer je hundert Lachter untereinander lagen. Vor jeder Sohle horchte er auf das Schnarchen der Wasserlosung, ob auch das Hebewerk für die Aufgewältigung der Grubenwässer noch im Gange sei. Alles schien beim Rechten zu sein. Schon näherte er sich der fünften Strecke, dem letzten Gestock über der Teufe, als die Luft so dick und übel wurde, daß sie kaum noch atembar war. Der Rauch legte sich schwer auf seine Brust und beizte ihm das Augenwasser heraus.

Ein säuerlicher Geruch biß ihm scharf in die Nase. Hupp! Da gab es einen Ruck. Die Schale hatte den Schachtstoß Schachtstoß: Wand des Schachtes. gestreift und schwankte. Durch die jähe Hemmung schlug das Förderseil sein Ende auf das Dach des Kastens auf, daß es polterte wie Schollen auf einem Sarge, nur tausendfältig schrecklicher zu hören und ins Furchtbare gesteigert von dem rollenden, hohlhallenden Echo aus Klüften und Schlünden.

Mattheis nahm die Blende hoch und leuchtete durch das Gitter. Die Schachtwand über und unter ihm zeigte eine Verdrückung. Zwischen drei Gevieren der Zimmerung waren die Bolzenschrote gebrochen wie Stroh und Rohr, und das Joch hatte sich verschoben. Hier also hatte zweifellos aus der Tiefe herauf eine Entladung gewirkt, und er sank jetzt in die Zone der schlagenden Wetter ab! ...

Nun auf zutage! Aber kaum, daß er noch Zeit gehabt, die letzte Kraft seiner Lunge in das Horn zu stoßen, als plötzlich in seinem Wetterkasten das Grubenlicht erlosch. Die Nacht des Grabes war um ihn. Das Verlöschen der Berglampe war das untrügliche Zeichen für die Gegenwart von matten Schwaden, den Vorboten der fürchterlichen Brandwetter: des »Roten Todes«. Wäre nicht die Fahrung auf »langsam« gestellt gewesen, hätte der Bruch des Einbaus an dieser Stelle die Abwärtsbewegung der Förderschale nicht noch mehr verlangsamt, er wär ein bergfertiger Mann gewesen: schon hob sich aus den aufsteigenden Nachschwaden das grausende Antlitz des Höhlentauchers vor ihm – der graue Blick! ...

Einen Augenblick schien er in seiner Schale unbeweglich zu schweben zwischen den Finsternissen. Dann fühlte er, wie die Bewegung der Seilfahrt rückläufig wurde und ihn empor zutage trug.

Der erste Gruß von oben, der sein Auge traf, kam von anderen Welten. Es war der Sternenschein der Nacht, die sich geklärt hatte, und die mit ihrem milden Dämmer die Bergstube erfüllte. An sein Ohr aber schlug betäubend ein Getöse, als tobe Meeresbrandung wider die alte Erde. Uferlos.

Verwünschungen, Flüche stiegen zum Himmel auf, und Menschenjammer, unsagbar. »Gebt uns unsere Väter wieder, gebt uns unsre Brüder und Söhne wieder, gebt uns Brot, Brot, Brot, ihr Mörder ... Mörder!«

Mattheisens Erscheinen und Gruß: »Glück auf, liebe Brüder!« wirkte auf die erregte Masse, die das Berggebäude umwogte, fast wundertätig beruhigend. Alles ließ ab von den Unseligen, die dieses Unglück mitverschuldet hatten, alles drängte zu Mattheis hin und bestürmte ihn mit Fragen. Auch Hennjes kam zuletzt und beglückwünschte ihn zu seiner Wiederkehr. Er sprach sein Bedauern aus, daß ihm Mattheis eigentlich zuvorgekommen sei, und bat um Nachsicht, daß er, als künftiger Obersteiger, die Führung der Rettungsarbeiten jetzt selbst übernehmen werde. Die Herren der Leitung hätten soeben den Beschluß gefaßt, zur Beruhigung der Leute unter seiner Führung anzufahren und, wenn möglich, zur Unglücksstätte vorzudringen. »Was macht mir«, meinte er leichthin, »die Mütze voll Feuer aus!« Dabei reichte gerade sein Atem noch, die Frage anzufügen, ob der Schacht auch fahrbar sei.

In Mattheisens Augen zuckte ein Schein. »Fahrbar ...?« wiederholte er und dehnte das Wort so lang, als wollt er etwas damit umwickeln. Kurz und trocken dann: »Nun, man sieht mich wohl!« Damit ließ er ihn stehen. –

Die Frage des Hennjes hatte Mattheisen wie ein kalter Schlag getroffen, hatte in ihm blitzartig Gründe der Seele aufgerissen, in die noch niemals ein Schauer seines Bewußtseins hinabgesunken war. Er fühlte bis ins Mark hinunter das Entsetzliche, das plötzlich von ihm Besitz ergriff, er fühlte bluthaft und körperlich förmlich den Gedanken, als kröche er in sein Hirn hinein und nistete eine Höhle in sein Leben! »Fahrbar! Fahrbar!« klang es unaufhörlich in den Aufruhr seiner Seele wie ein Gelächter der Hölle. »Fahrbar wie die Wege des letzten Schichtgesellen alle! Möge sie der Erwürger fahren! Recht soll ihnen werden und mir die Rache! Die Schuldigen und der Schleicher! Die Mörder meines Sohnes, sie alle, alle zusammen, sie alle! Und meine Rache ist Schweigen – nichts als Schweigen ...«

Hennjes hatte das seltsame Flirren in seines Nebenbuhlers Blicke wohl bemerkt, und als sein Auge niederglitt an ihm, war ihm nicht entgangen, daß Mattheisens Grubenlicht nicht mehr brannte. Er entfernte sich, ohne ein Wort zu sagen.

Als die Herren kamen, war der Gängsteiger nicht mit ihnen. Der Hüttenraiter hüstelte etwas verlegen, als er an Mattheis die Bitte richtete, für Hennjes, der eben wieder einen Anfall seines alten Herzübels bestehe, die Führung zu übernehmen.

Mattheis stand wie betäubt und starrte die Herren abwechselnd an, daß sie gar nicht wußten, was sie davon halten sollten. Was lag seiner Rache an denen, wenn der Schlimmste von ihnen ihr entging und verschont ward! Da raffte er sich und faßte einen Entschluß. Die Gefahr bestehe unvermindert fort, erklärte er, und so werde er unter allen Umständen die Fahrt allein antreten. Er wolle es nochmals versuchen, zu den Verunglückten vorzudringen. Er allein. Niemand widersprach ihm, denn im Grunde genommen war jeder recht froh über sein Erbieten. Gegen die Vorstellung der Herren, wenigstens einen Begleiter mitzunehmen, hatte Mattheis, wo es sich um Hunderte von Menschenleben handelte, schließlich kein weiteres Bedenken – Drei meldeten sich unaufgefordert. Darunter ein junger Lehrhäuer, der Mattheisens Herzen näher stand als all die anderen, die hier herandrängten. »Bleib, mein Sohn,« flüsterte Mattheis ihm zu, »ich weiß nicht, ob ich wiederkomme, und wer dann in mein Häuschen – etwas –« er brach ab und wandte sich zum Hutmann, daß er ihm Licht reiche.

Der junge Rasmus aber ließ es sich nicht nehmen, und so fuhren die beiden miteinander. Schon an der dritten Gezeugstrecke ließen sie die Schale halten und stiegen heraus. Ihr Ziel war die Teufe der fünften Sohle, denn von dort war keiner wiedergekommen.

Am Füllort und auf der Hauptstrecke des Geschosses, die sie eine Weile entlang hielten, bis sie zur Wasserkunst in die Radstube gelangten, war nichts Verdächtiges zu bemerken. Gezimmer und Dächerung zeigten sich unversehrt, und in den Pferdeställen fanden sie noch alle Tiere lebend. Das Werk aber war inzwischen still geworden, nur, weil ihm die Nahrung ausgegangen war. »Wir müssen das Gezeug im Schnarchen halten, damit wir nicht unten versaufen im Bau«, brummte Mattheis und schlug frisches Wasser auf das Rad, daß die langen Mooszotten an den Schaufeln trieften. Dann schritten sie, beim Scheine ihrer Lichterchen, weiter ins Dunkle hinein. Ab und zu noch von einer Fledermaus begleitet, die mit ungewissem Fluge über ihren Köpfen dahinstrich. Sie gelangten durch ein Gewirr unzähliger Gänge, Schläge, Stollen und Treppen, meist durch Felsgestein, manchmal auch durch die schiere, schwarze Kohle geschlagen, immer tiefer hinab, und schließlich kamen sie an einen Schacht, dessen ziemlich schrägfallendes Gesenke unmittelbar zur nächsten Sohle führte. Es war ein sogenannter Bremsberg Brems: Hemmung. Bremsberg: »Hemmberg«, ein flacher Schrägschacht, worin die Fördergefäße nach abwärts an einer Seilführung durch das eigene Gewicht laufen., der nur für Förderung bestimmt war, bei seiner nicht besonders steilen Neigung aber – hier im Notfalle – wohl auch einmal von Menschen konnte befahren werden. Sie zögerten nicht lange und beschlossen das Wagnis zu unternehmen. Mattheis war der erste. Mit beiden Händen ergriff er die Seilführung, während er die Füße gegen den Felsen stemmte. Rasmus folgte ihm. So ging es in die Tiefe hinab. Nach etwa drittelstündiger Kletterung fanden ihre Füße Grund, sie hatten die Sohle erreicht.

Sofort merkten sie den Wetterwechsel. Hier war die Luft nicht mehr gut. Einen Augenblick horchten sie und hielten den Atem an, ob sich etwas regen würde ... Nichts. Die Totenstille eines Grabes. Nur ganz von oben, wie aus weiter Ferne her, vernahmen sie das Rauschen der Aufschlagwässer, die sie selbst soeben von den Schützen auf das große Schaufelrad der Wasserhebung geschlagen hatten.

Wieder ging es durch Gänge und Schläge. Eben hatten sie einen alten verlassenen Hoffnungsbau Hoffnungsbau: der nur erst in der Hoffnung auf Funde getrieben wird. durchfahren, der schon seit undenklichen Jahren tot geschrieben tot geschrieben: aufgegeben. war, als die Luft jäh und merklich sich verschlechterte. Nicht allein, daß sie dies am Geruch wahrnahmen: schlimmer und die höchste Gefahr verkündend war das Zeichen, daß die Flammen ihrer Lichter urplötzlich sich vergrößerten. Ohne Besinnen, und wie sie verabredet hatten, warfen sie sich platt auf die Erde nieder und löschten die Blenden aus. Nun lagen sie da wie in der Nacht einer ägyptischen Grabkammer, in pechschwarze Finsternis gebettet. Zwar waren ihre Lampen mit Davys Drahtnetz gegen Schlagwetter gesichert gewesen, aber eine einzige Masche, die durch Druck oder Stoß verbogen war, hätte genügt, den schlüpfenden Tod hereinzulassen. Jetzt mußten sie wie Ratten auf allen Vieren wandern, damit sie in den Schwaden, die über ihren Köpfen hinzogen, nicht noch erstickten. So auf dem Bauche rutschend, mit Händen tappend, tastend, bewegten sie sich vorwärts. »Halt dich hart an mir«, flüsterte Mattheis, als fürchte er, den roten Verderber zu reizen. »Es sind Spalten und Klüfte hier, die nicht überrüstet sind!«

Über eine Spalte, wo sich der Bau schluchtartig zu verengen schien, war nur ein schmales Brett gelegt, schwank und schlüpfrig. Hier mußten sie hinüberkriechen: Mattheis voran; Rasmus, von seiner Hand gezogen, hinter ihm. Da wurde dem Zweiten schlecht zuwege. Wie er so mitten über dem Abgrund hing und sein Auge hinunterbohrte in das Urdunkle, da war es ihm, als hebe sich vom Grund der Finsternis das graue Gesicht der Ewigkeit herauf, und er fühlte den Anhauch des Todes. Giftige Nebel stiegen aus der Tiefe herauf und betäubten ihn, daß sein Körper schwach wurde und die Fahrt verlor. Hätte ihn jetzt nicht eine starke Hand festgehalten und mit einer Kraft von fast übermenschlicher Gewalt emporgezogen, er wäre hinabgerollt in die ewige Teufe. So war es nur das Brett, das, von den Füßen des schweren Körpers verschoben, hinunterdonnerte in die Tiefe. Mattheis zählte die Tropfen der Zeit, bis es still ward da unten. Er kam bis dreihundertundzweiunddreißig! ... War es in Wirklichkeit oder war es nur in seiner rasenden Einbildung –? Gleichviel, die Minuten, die er gezählt hatte, waren ihm vergangen wie dreihundertunddreißig Jahre. Er fühlte, sein Haar war weiß geworden. Nun wußte er, die Kluft unter der Spalte war grundlos wie der Acheron. Sie war ein Bruchtrichter und war von einem alten Schachte untersunken, von dem noch keiner von ihnen je gehört hatte. Sie befanden sich also in einem Teile der Grube, der ihnen völlig fremd war ...

Ein lähmender Schrecken preßte dem Retter des halb Ohnmächtigen die Luft aus der Lunge heraus. Sie wußten nicht mehr, wo sie sich befanden, ob es noch das Reich der Lebendigen war oder schon der Toten. Denn sollten sie in der Finsternis in einen Sack geraten sein, so waren sie rettungslos abgeschlossen von der Welt der Atmenden. Sie konnten nicht mehr zurück, das war ihnen gewiß – wohl ihnen, wenn sie weiter konnten, hinein in das Ungewisse!

Und sie mußten weiter, mußten es wenigstens versuchen, mit Aufbietung aller Sehnen- und Willenskraft. Hier also hatten sie die Durchbruchsstelle der Wetter! Mattheis löste seine Bergtasche vom Rücken und benetzte des Gefährten Angesicht mit Essig und frischem Wasser. Gab ihm auch zu trinken davon, so daß er sich bald erholte.

Als sie etwa hundert Ellen wiederum gekrochen waren, wagte er sich aufzurichten, und sieh, die Luft war frisch! Sonach hatten sie bei jener Spalte die Wetterscheide überfahren und konnten nunmehr auch die Wetterströmung bestimmen. Jetzt durften sie unbedenklich ihre Lampen wieder anzünden. Sie entnahmen der Tasche den mitgebrachten Magnetschlüssel und gaben sich das Licht wieder. Ein Blick auf den Bergkompaß zeigte ihnen, daß sie sich in einem Mitternachtsgang Mitternachtsgang: der von Süd nach Norden streicht. befanden: es mußten also die Wetter in der Mittagslinie streichen. Als sie ein Stück zurückgingen, bis zur Nähe der Spalte wieder, sahen sie, daß sich das Gewölbe darüber zu einer natürlichen Berghöhle erweiterte, in der sich die Schwaden zu verfangen schienen.

Jetzt hatten sie keine Wahl mehr, und der Weg war ihnen gewiesen. Sie schienen sich in jener verlassenen Region zu befinden, die sie noch niemals zwar betreten, von der sie aber schon hatten erzählen hören, und so wagten sie sich denn auf gut Glück in die Mitternachtsgänge tiefer hinein. Durch einen abzweigenden, doch in gleicher Richtung streichenden Nebengang kamen sie hinter kleineren Abbauen in einen Querschlag ein und gelangten schließlich in das Irrgekämmer eines alten verfallenen Stockwerksbaues Stockwerksbau: unregelmäßiger Abbau in Stockwerken., wo vor vielen, vielen Jahren und Jahrhunderten einmal auf Erze war getrieben worden.

Ein Grauen überkam sie. Kein Zweifel mehr. Das war die geheimnisvolle Region, die gefährliche, von deren Tücken unerschöpfliche Geschichten und Überlieferungen der Vorzeit so oft die Ohren horchen machten! Hier, und zwar genau an der Stelle, wo tausend Klafter über Tage die mitternächtige Wurzel eines Alräunchens stehe – hier sollte, von den Venedigermännlein verschlossen, in einer unnahbaren goldnen Kammer die Bergfrau thronen, die das Spieglein Silberblick verwahrt und das wetterfeiende Kraut Allemannsharnisch. Hier, sagte man, wäre die Seele des Berges, in einem weißen Nebel verborgen.

Hier ging die Sage auch von einer vergessenen und verlorenen Kristallhöhle, darin ungeheuere Schätze sollten verschlossen sein. Etwas Wahres mußte wohl dem Gerücht zugrunde liegen. Funkelnde Nester und Nieren, Strahlbänder und blitzende Drusen schimmerten, flimmerten, wo man blickte.

So war auch Mattheisens Seele durchnestert, aber diese Stufen und Gesteine, die da bedrückten, die leuchteten nicht!

Sie setzten sich, einen Augenblick zu rasten.

»Horch!« sagte Rasmus. »Hörst du nichts, Mattheis?«

Sie lauschten mit verhaltenem Atem.

Tief, tief unter ihnen hörten sie ein Wasser verfallen, das nie mehr zutage kam.

Berggeheimnis! ...

»So sein Gewissen und seiner Seele Schuld verlieren«, stöhnte Mattheis schwer. Da fühlte er die warme Hand des Getreuen auf seine Schulter sich legen: »Was hast du? ... Was ist mit dir?« ...

»Laß sein, Rasmus.«

»Kommt, Mattheis, wir wollen das Glück versuchen!« Damit nahm Rasmus sein Gezäh und schlug die Haue in die Mächtigkeit hinein, daß es widerhallte in den Schallhöhlen der Tiefe und splitternd wilder Strahl zur Erde sprühte. »So hineinschlagen oben in das Genester dieser Krummhälsersippe –«, und er holte noch einmal aus, daß die Funken stiebten.

»Wir wollen fort von hier,« sprach Mattheis, » meine Mutung, Rasmus, geht auf andere Funde!«

Sie erhoben sich. Wohin nun weiter? Ohne Kompaß und Stundenkreis hätten sie sich aus den verwickelten Gängen dieses verwünschten Baues wohl nicht so bald mehr herausgefunden.

Aufwärts und abwärts, kreuz und quer, bald gehend, bald rutschend, bald kriechend, bald kletternd, gelangten sie schließlich an einen Teich, der wie ein Wasser der Vergessenheit die Tiefe einer geräumigen Höhle erfüllte ... schwarz und unergründlich. Am Rande lag ein ganz alter Kahn, der schon halb vermorscht war. Sie bestiegen ihn aber und ruderten hinüber. Am anderen Ufer ging ein Stollen aus, in den sie hineinfuhren. Er war mit Ziegeln ausgemauert, aber so niedrig gewölbt, daß sie sich in ihrem Charonsnachen nicht aufrecht setzen und das Ruder nur in liegender Stellung gebrauchen konnten. Und das ging so etwa zweitausend Lachter lang. Nach fünfviertelstündiger Fahrt erst erreichten sie einen Abbau, an dessen eigenartiger Vertonnung Vertonnung: die Auskleidung eines Förderschachtes usw. mit Holz. sie erkannten, daß sie sich wieder in einer menschenbefahrenen Gegend befanden. Schon nach wenigen Augenblicken konnten sie anlegen: sie fühlten wieder festen Boden unter den Füßen und traten in einen Raum ein, wo sie zu ihrer größten Überraschung die Wahrnehmung machten, daß sie sich im Kreise bewegt hatten. Sie standen – nur hundert Klafter tiefer – fast genau an dem Punkte der Mittagslinie, von dem aus sie ihre Wanderung angetreten hatten. Über und unter ihnen gähnte der Schacht. Nicht der Hauptschacht für die Seilfahrung und Förderung, sondern das Nebentrumm Trumm: Schachtabteilung. für die Kunst, die noch im Gange war, und die sie jetzt, nach der fünften Sohle hinunter, benutzen wollten.

Die Fahrkunst im David-Richtschachte war damals noch eine eintrümmige nach der alten Harzer Art. Sie bestand aus einem mächtigen Schachtgestänge von immer je zwei gefährtig gefährtig: parallel, gleichlaufend. stehenden Bäumen, die zwischen festen Bühnen in Wassergezeugen hingen. Mit dem Gange des Gezeuges hob und senkte sich auch das Gestänge abwechselnd auf und nieder im Schacht. Wenn der eine Baum zur nächstoberen Bühne einen Ruck hochgezogen wurde, so sank der Nebenbaum um ebensoviel hinab zur tieferen Bühne. Der kurze Augenblick nun, wo die Bewegung rückläufig wurde und das Gestänge stillstand, mußte immer wahrgenommen werden, um von dem einen Schachtbaume auf den anderen hinüberzutreten und so allmählich, wie man gerade wollte, tiefer oder höher zu kommen. Wer einen der Handgriffe oder Tritte verfehlte, die in den entsprechenden Abständen an dem Gestänge angebracht waren, und deren von der Bergnässe schlüpfrige Sicherheit nicht immer Vertrauen erweckte, der konnte leicht die Fahrt verlieren und hinunter in den Schacht stürzen, der ihn von allen Seiten umdrohte. Mattheis aber war schwindelfrei. Seine Hand faßte fest die wettermorsche Klammer, die ihm Halt geben sollte, und sein Fuß hatte kaum den schmalen Tritt gefunden, als ihn auch schon der erste Hub um einige Klafter hinabförderte. Schnell trat er auf den Gegenbaum über, der eben rückläufig wurde und ihn wiederum – während der erstere Baum nunmehr nach oben ging – um eine klafternde Hublänge zum nächsten Tritte tiefer trug. So kam er, mitten im Schachte auf Hölzern gehend, die nicht größer waren, als gerade seine Füße bedeckten, nach und nach hundert Klafter in die Tiefe hinab. Als er einmal aufschaute, sah er hoch über sich ein gelbes Sternchen flimmern, so winzig wie ein weltenfernes Himmelsgestirn. Es war das Grubenlicht von Rasmus, der einige Male den Augenblick der Rückbewegung versäumt hatte und nun so weit zurückgeblieben war. Nach einer Zeit, die tatsächlich vielleicht kaum eine Viertelstunde betrug, die in der Wirklichkeit ihres Empfindens aber die Gefahren dieses Weges um Unendlichkeiten länger dehnte, hatten beide Männer endlich die fünfte Sohle erreicht.

Hier oder wenig tiefer mußten die Verschütteten gefunden werden. Die Luft war wieder atembar, nur daß hier unten eine furchtbare Hitze drückte.

Sie achteten auf alle Wetterlutten und Wettertüren, damit der Zug der Wetter richtig abgeblendet und geführt werde. In der Nähe eines blinden Schachtes, der zwischen den beiden Tiefsohlen in einen Mittenbau durchfuhr, stießen sie auf einen zertrümmerten Hund. Nun konnte die Unheilstätte nicht mehr fernab liegen. Entlang den Rieselröhren, die immer mehr verbogen, immer mehr zersplissen lagen, ging die Richtung der Gewalt. Dicht bei einem alten Verhau, der wieder mit Bergen Berge: unhaltiges Gestein. versetzt und hinterfüttert war, traten sie in einen Strossenbau Strossenbau: treppenartiger Abbau, von oben nach unten getrieben. ein, der ein Bild der entsetzlichsten Verwüstung bot. Gebälk und Werk aus Grund und Boden gefetzt, die Fördergefähre ineinander, übereinander, vertürmt und verfahren, die Querschläge verschüttet und selbst die Felsenwände auseinandergespalten und zerrissen, als wären sie schwimmendes Gebirge gewesen! Ein Anblick der letzten Zerrüttung, grauenhaft!

Zwischen Geblöck und Geklufte gähnte ihnen ein Schlund entgegen, aus dem noch leichte, fast unsichtbare Wölkchen stiegen. Hier wohl war die Höhle des Roten Todes! Sein Wappen flammte rot und fahlblau in schwarzem, unergründlichem Felde. Und hier, hinter einer weißglühenden Türe, lag auch sein Tanzgemach! Als sie die Tür, eine eiserne Wetterblende, mit ihrem Gezäh öffneten, bot sich ihnen das Höllenfest eines brennenden Berges dar. In Kammern und Klüften brandete ein Flammenmeer und tanzte die Weise des Todes. Wolkenwülste von rotdurchfeuertem Qualm wälzten sich an den Firsten entlang von einem Bau in den anderen hinein und suchten einen Ausgang, den sie nicht finden konnten. In verlorenen Gängen, die durch Querschläge mit Gefährtengängen verbunden, doch alle feuerfest verblendet waren, jagte die rote Wut ihre Ohnmacht und fraß sich selber.

Die beiden Männer stießen die glühende Tür in ihr Schloß zurück und wendeten sich zu einem Durchschlag hin, wo sie das Entsetzen anrühren sollte ... Da, in einem Wetterkessel, da ... da lag was – sah wie ein menschlicher Körper aus – das Angesicht, wie im Krampf, in die Erde verbissen ... ihr Fuß hatte an einen Leichnam getroffen, das erste Opfer des Todes!

*

Als Mattheis wieder aufstand und sein Grubenlicht in den Gürtel hing und die Sprache zurückfand, da war sie von einer seltsamen Ruhe.

»Bin ich nicht ein Fundgrübner, der Glück hat?« sagte er. »Siehe – es ist mein Sohn!« – – – »Lieber Junge, du, deiner Mutter Ebenbild, ich weiß einen Gesellenbau für uns beide und will uns eine Stätte erbbereiten, daraus uns kein Schleicher treibt! – Glaub mir, Rasmus, sie ist bauwürdig!«

Der Angerufene, erschüttert bis in die Fugen des Lebens hinein, konnte nur stammeln: »Noch bist du nicht einsam auf Erden!« – Er setzte sich nieder auf einen zertrümmerten Laufkarren, er konnte nicht weiter: er sah in seiner Einbildung Hunderte schwarzgedunsener Leichen, die Leiber zu Knäueln ineinanderverschlungen und die sturen Häupter mit gequollenen, lebensgierig herausgetriebenen Augen ... Entsetzen schüttelte ihn, und ein Zittern durchlief seinen Körper. Mattheis aber, der den Leichnam auf einen Schleppwagen gebettet hatte, war unerbittlich und sagte nur noch das eine Wort. »Komm!«

Wie der Steiger vom David-Richtschacht seinen Sohn findet

Wiederum ging es Treppen hoch und Treppen nieder, Leitern hinauf, Leitern herunter, Strecken hin und Strecken her, ohne daß ihnen begegnet wäre, was sie suchten. Von Menschen, lebenden weder noch gewesenen, keine Spur zu finden!

»Doch – Rasmus – was ist das?« ...

Durch einen langen, langen Gang herunter, der in eine Felsenkammer fuhr, hörten sie ein unendlich feines Stimmchen, das fast wie das Zirpen eines Vögleins klang. Und, gütiger Himmel, wahrhaftig, als der Hall ihrer Schritte in das Gewölbe hineinschlug, da hub ein Vöglein in seiner Freude wirklich zu singen an! Der erste Lebenslaut in der Gruft des Todes! ... In einem kleinen Holzkäfig ein blindes Rotkehlchen war es, das schon in hundertundfünfzig Wochen hier seine Weise gesungen hatte, und hatte doch nicht mehr das Licht der Sonne gesehen. Es war der kleine Kamerad eines Althäuers, der es als seiner Tage Freude vor drei Jahren einmal miteingefahren hatte. Ein singendes kleines Seelchen, fünfhundert Klafter unter der Erde, und bergblind geworden. Fröhlich aber, wenn es Menschen vernahm. In diesen Irrgewinden und Gekämmern der Verlassenheit eines Wesens Herzkämmerchen, darin die Liebe sang und das Leben tickte. So irdisch-unterirdisch, wie alle Lust und Schmerzen sind. Und dieses Tierchen, das nur ein Hauch des Lebens war, hatte der große Würger Tod vergessen hier! Oder hatte er es nicht gefunden? ...

Hier war es, wo Mattheis sein Angesicht in Händen barg.

Sie waren wieder auf der Wanderung, als sie in einen tiefstreichenden Stollen gelangten, der der Dichter- oder Kortumsgang heißt, und der rechtfallend unter der Sohle, auf eine Nachbargrube richtet, die Zeche Nina.

In diesem Gange wurde das Dürsten ihrer Seelen gestillt. Was keine Heinzenkunst hätte löschen können, das tat hier ein Menschenlaut. Ihr Ohr sog ihn ein und schlürfte ihn wie betrunken vor Freude. Sie eilten, als trügen sie geflügelte Winde. Aber Schall und Widerhall mußten sie getäuscht haben: der Ton war weiterhin zu Haus. Sie fanden ihn, wo sie ihn nicht vermutet hatten, in der tiefsten Teufe der Grube. In einer Grotte, die ihnen wie der Kessel der Hölle erschien. Von den Försten sinterte Sickerwasser und tropfte jeden Tropfen der rinnenden Zeit auf die nackten, glühenden Leiber der Verschütteten herab. Sekunden um Sekunden, Minuten um Minuten. Ewigkeit um Ewigkeiten. Die Unglücklichen, die in dumpfem Brüten hier lagen, hatten das Gefühl für die Zeit verloren, denn jeder Blick, der ihre Verzweiflung ansah, währte für sie die Unendlichkeit. Sie wußten nicht, ob sie in Tages- oder Nachtschicht lagen, und wie Süchtige nach dem wechselnden Monde, harrten sie nur und hofften auf die letzte, große Wechselstunde, die sie von ihrer Qual erlösen werde. In der dumpfen Erwartung des Todes erkannten sie auch nicht, daß jene, die gekommen, ihre Retter waren. Und sie lebten alle ... bis auf Mattheisens Sohn! – –

*

Es war ein Begräbnis, wie es das schwarze Land noch nicht gesehen hatte. Von allen Zechen rund herum waren die Bergvölker zusammengeströmt. Achttausend Menschen – Männer, Frauen, Kinder, folgten dem Sarge dieses jungen Mannes: eine Ehrung, die dem Vater galt und wie sie kaum einem Könige noch geworden. Hinter dem Wagen schritten Mattheis und, Hand in Hand verschlungen, ein junges Gesellenpaar fürs Leben. –

Das letzte ist schnell erzählt. Andern Tages wurde Mattheis in das Berghaus gerufen. Hier, vor versammelter Belegschaft, ward ihm seine Erhebung zum Obersteiger eröffnet.

Mattheis antwortete rauh und schlicht: »Was ich getan, hab ich aus Pflicht getan und aus Liebe zu meinem Sohne. Für den späten Gnadengroschen muß ich leider Dank sagen, ich brauche ihn nicht mehr. Euer Lob aber verdien ich nicht um euch, da müßt ihr euch bei Hennjes bedanken, daß der das Herzklopfen bekam! Das hat mich rückisch gemacht. Denn meine Rache – wär euer Tod gewesen!« ...

Es war, als wiche die Atemluft aus dem Saale hinaus und es liefe darin ein Zittern hindurch, lautlos wie die Unruh in einem tickenden Uhrgehäuse. – So hatte Mattheis seine Selbstanklage hinausgesprochen vor allen, so stand er überragend über die Schadenfreude seiner Widersacher und über die eigene Schuld der Seele. Er schritt hinaus, unbehelligt von allen, keiner hat ihn wieder gesehen.

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