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Der Steiger vom David-Richtschacht

Kurt Geucke: Der Steiger vom David-Richtschacht - Kapitel 12
Quellenangabe
authorKurt Geucke
titleDer Steiger vom David-Richtschacht
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrun6. bis 12. Tausend
year1921
firstpub1921
illustratorWillibald Weingärtner, Martha Jäger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180715
projectid923d4025
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Elftes Kapitel.
Das Meerbeben

Die Wellen wandern und die Schollen wandern und werden Hügel, einer zum andern. Was bleibt uns noch zu erzählen? Sollen wir mit ihnen, die wir liebgewonnen haben und die nicht schon dahin sind, durch alle die Jahre gehen? Sollen wir fahren und wandern mit Rust durch alle Wechselfälle seines reichen Lebens? Wir sind mit ihm in die Tiefen gestiegen des David-Richtschachtes und haben in seinem Herzen die Schuld und den Schmerz gelesen; wir haben an seiner Seite gestanden an den Hochöfen und Läuterfeuern der Gutehoffnungshütte; haben dann seinen Aufstieg gesehen im alten, meermächtigen Hamburg, wo er sich ein neues Leben getrimmt und gezimmert hat, und wir sind ihm auch noch weiter durch Sonnenbrand und Stürme gefolgt in die Meere der Ferne.

Da stehen wir nun, mit ihm, auf seiner geliebten Insel wieder, und wenn wir im tiefen Frieden, der nun lange wieder diesen glücklichen Ufern gekommen ist, noch die Spuren suchen wollten, die einst Haß und Unverstand gegraben hatten, wir würden sie nicht mehr finden. Wie nicht selten durch einen kleinen Zwist die Liebe erst richtig vertieft wird, so wars auch hier geschehen. Mit der Entfernung der Unruhstifter von der Insel hatte sich die alte Eintracht wiederhergestellt, und die Ergebenheit für Rust und seine Absichten war heute fast noch größer denn zuvor. Man hatte ihn nicht nur gern wie einen alten lieben Freund: man sah zu ihm wie zu einem gütigen Vater auf. Die Eingeborenen waren ihm zugetan als dem Erhöher ihrer Menschlichkeit, als dem Mehrer ihrer Lebensfreude, und sie liebten ihn um seiner selbstlosen Güte und Schlichtheit willen, deren Wert zu innerlich lag, um sich nach außen hervorzuheben. Und die deutschen Landsleute wieder gaben ihm vielleicht auch darum ihr Herz, weil sie den Mann in ihm sahen, der auf diesem vorgeschobenen Posten im äußersten Meere der einzige war, der dem deutschen Vater- und Mutterlande das Banner des Südens hielt. Ein »königlicher Kaufmann«, der, die Meere befahrend, mit seinen Schiffen Länder und Völker verband; ein Freund des Menschen, der ihm die verlorene Mutter Erde zurückgab; ein kluger Sämann, der die Saat der Zukunft in das kindliche Herz schon streute und ihr keine bessere Stätte wußte als dieses: ein Bauender am Hause der Menschheit – das ist sein Bild, wie wir es in unser Herz graben wollen. Und wenn er auch wohl manchmal verkannt worden ist in seinen Tagen und von denen und jenen nicht immer gleich in seinen Absichten verstanden – er durfte hellen Auges hinausschauen. Er ist nicht wie ein Stumpfer und Dumpfer, ein Lebendiger ist er durch sein Leben geschritten – Arbeit und Liebe ist es gewesen, und darum war es gesegnet.

Es bleibt uns noch, ihn durch seinen letzten Schmerz zu begleiten. Jahre sind inzwischen dahingegangen. Jahre des Fleißes und der Fruchtbarkeit – bis jener Tag kam.

*

Es war am 27. August 1883, als Rust in der Morgenfrühe ein weißes Wölkchen wahrnahm, das um die Zacken der Bismarckbraue hing. »Es wird Sturm geben«, sagte er sich und ging wie immer seinen Wegen nach. Sonst war keinerlei Zeichen weder in der Nacht noch am Abend zuvor geschehen. Auch der Tag ging vorüber, ohne daß sich weiter etwas Bemerkenswertes angezeigt hätte. Ja, selbst der Abend noch war von einer Milde und Schönheit, wie man sie auch unter diesem begünstigten Himmelsstriche nicht alltäglich genießt. Oben, vor dem Berghause, saßen Rasmus und Martha im Kreise ihrer Kinder. Sie wollten den Sonnenuntergang schauen. Sie ahnten es nicht in ihrem Herzen, daß die Sonne da hinten, die das Meer in abendliches Feuer tauchte, vieler Menschen letzte Sonne war. Erglühten doch die Wangen des Lebens noch wärmer von ihr, im orangenroten Scheine ihrer letzten verschwimmenden Tinten! Sie waren aufgestanden. Sie gingen an den Wiesen hin, wo der Bienen süßeste Weide lag. Wohin sie blickten, zu ihren Füßen und um sie her, war Segen gebreitet; der tiefste aber erfüllte ihre Herzen, denn der Friede wohnte darin. Mit einem stillen Ausdruck wortlosen Glückes sah Rasmus neben sich sein blühendes Weib an, die Mutter seiner Kinder. Bald dreißig Jahre nun wurde sie ihm, vierzehn Jahre war sie die Seine schon, und noch heute sprach beiden aus den Augen die ganze Innigkeit ihrer jungen Tage, denn sie verstanden sich beide und gingen zusammen durchs Leben als zwei gute Kameraden. Vier Kinder hatte sie ihm geboren und vier dazugenommen – Mayas Brüderchen und Raya, der Mutter zartes Ebenbild: so waren es acht im ganzen, fünf Bürschlein und drei Dirnchen, die sie alle in gleicher Liebe erzog. Da galt es wohl die Hände zu rühren und die Füße umzutun. Aber die Emsigkeit, die täglich die Wangen frischt, hatte ihr Seele und Leib tüchtig und jung erhalten. So stand sie neben dem Gatten unter den Fruchtbäumen ihres Gartens wie ein köstlicher Weinstock in der alten Heimat gewachsen, in sich die süße Herbigkeit.

Die Nacht war hereingebrochen, die Kinder schon schlafen gegangen, als Rasmus die geliebte Frau bei der Hand nahm: »Es wird finster, Herz, die Nacht ist da ...« Verschlungen, wie in den Jugendtagen, gingen sie leise zum Hause hin.

Rust, der in Mayas und Sylvesters Häuschen einsam auf der Windinsel wohnte, hatte im Hafen lange zu tun gehabt und dachte erst spät daran, heimzukehren. Seine Taschenuhr zeigte ein Viertel auf Elf, als er sein Boot entkettete. Es vom Strande zu stoßen, dazu ist er nicht mehr gekommen. Was da nun plötzlich mit ihm vorgegangen, er wußte es später selbst nicht recht zu sagen. Jedenfalls aber, indem er über die Gig gebückt stand, war bei völliger Windstille über das Riff hinweg eine mächtige Flutwelle herangebraust gekommen, hatte ihn erfaßt und weit hinauf auf den Strand geworfen. Ihre Geschwindigkeit mußte so unfaßbar gewesen sein, daß er in dem nämlichen Augenblick, wo er zuerst ihren Donner vernahm und erschrocken aufsah, von den Wassern auch schon ergriffen sich fühlte und weit hinweggeführt. Mit genauer Not nur war es ihm gelungen, sich aus der nassen Umklammerung freizumachen, so daß er vor dem Geschick bewahrt blieb, von der weichenden Flut ins Meer gerissen zu werden. Er hatte sich jedoch kaum erhoben, als ihn ein heftiger Erdstoß von neuem zu Boden warf, diesmal auf das Trockene hin. Die Gewalt dieses Stoßes hatte eine Wirkung, daß fast sämtliche Steingebäude, besonders in dem flachgelegenen Rusthafen, wie Kartenhäuser in sich zusammenfielen und auf der Westspitze der Insel, als wären sie aus Sand gebacken, die Felsen zerrissen. Viele arme Menschen kamen dabei um ihr Leben.

Wie man später erfahren hat, sind die einzelnen Erscheinungen dieses Naturereignisses Ausläufer jener beispiellosen Krakataua-Katastrophe in der Sundastraße gewesen, deren Ausbruch an diesem Tage drei Städte und fünfzig Dörfer verschlang, und die zahlreiche Inseln, darunter auch die Krakataua-Insel selber mit ihrem 2000 Fuß hohen Rakata-Vulkan, in die Luft blies, als wären sie Zunder und Schwefel gewesen. Die turmhohe Flutwelle, die nach Einbruch des Meeres in den unterseeischen Feuerkessel aus dem einstürzenden Krakatau kochend hervorbrach und in vierundzwanzig Stunden die ganze Erde umrollte, hatte mit ihrem verlaufenden Schwalle auch die simsinischen Inseln gestreift. Von der Ungeheuerlichkeit dieses in der geschichtlichen Zeit der Erde völlig ohnegleichen stehenden Ereignisses wird man sich vielleicht noch am besten eine Vorstellung machen, wenn man vernimmt, daß sein Knall von Java her in einem Umkreise gehört worden ist, der durch China, Indien und Australien lief!

Als sich Rust von der bebenden Erde erhoben hatte, erfaßte ihn eine maßlose Angst um die Seinen, und er stürzte an den Hütten des verlassenen Dorfes vorüber, dessen Bewohner er in die Wälder flüchten sah, hinauf in die Berge. Unterdessen zog ein Gewitter über die Inseln, wie sich eines ähnlichen selbst die allerältesten Leute nicht zu erinnern wußten. Es war von einem unterirdischen Getöse begleitet, das alle Herzen verzagen ließ. Donner und Blitz der rasenden Lüfte erblaßten vor ihm. Als Rust vor dem Berghause stand, sah er, es war unversehrt. Als er eintrat und an die Kammern pochte, wie erstaunte er, seine Lieben schlafend zu finden! Nur das Gewitter hatten sie gehört, von dem Erdbeben aber nicht das geringste wahrgenommen. Vielleicht, weil wieder die Müdigkeit ihre gesunde Natur übermannt hatte; vielleicht auch, weil die Erschütterungen mehr in den tieferen Regionen verliefen und bis in diese Berghöhe überhaupt sich nicht verbreiteten. Trotzdem drang Rust darauf, daß sich Eltern und Kinder ankleideten und ihre vorläufige Unterkunft in einer Rindenhütte des Gartens nahmen. Nachdem auch er trockene Kleider angelegt hatte, nahm er Abschied von den Seinen und stieg weiter in die Zechenberge hinauf, um die Frühschicht vor dem Einfahren in den Schacht zu warnen. Wenn auch der alte Krater, in dem er absank, seit undenklichen Zeiten als erloschen galt, so mußte doch mit der Gefahr gerechnet werden.

Wie ein gepeitschter Gaul, den Donner unter seinen Füßen, jagte Rust den bekannten Pfad durch den Urwald hinauf, konnte doch das Leben von Hunderten an einer Minute hängen, und die Stunde nahte! Schon glaubte er das mahnende Glöckchen zu hören, das zur Schicht läutete, als er einsah, er konnte die Einfahrt nicht mehr verhindern: eine halbe Wegstunde allerwenigstens hatte er noch bis zum Schacht, wenn er so weiter rannte, und bis dahin war es zu spät. Je näher er seinem Ziele kam, je unruhiger wurde er. Mit jedem Schritt höher schlug ihm eine unerklärliche Glut entgegen, und ein schwefelheller Feuerschein am Himmel, ohne daß in den Wäldern unter und über ihm der Herd des Brandes zu entdecken war, erfüllte sein Herz mit wachsender Besorgnis. Die Hitze war schon ganz unerträglich geworden, als er endlich auf der äußersten Höhe der Bismarckbraue den Kraterrand erreichte. Wie prallte er vor dem grauenhaften Anblick zurück, der sich hier seinem entsetzten Auge darbot! An der Stelle, wo vielleicht vor einer Stunde noch die Zeche Kaiser-Wilhelm-Weißbart geheimnisvoll ihre grauen Mauern erhoben hatte, wogte jetzt die glühende Vernichtung. Das Bergwerk, mit allem Lebendigen darin, ruhte versunken auf dem Grunde eines Feuersees, der bis obenhin den alten Krater erfüllte, und aus seiner Mitte, wo sonst der Schacht abgesunken war, stieg eine feurige Säule zum schwarzen Gewitterhimmel. An mehreren Stellen des ausgefressenen Kraterrandes brachen glühende Flüsse hervor und stürzten sich als leuchtende Feuerfälle in die noch nächtigen Täler hinab. Aus den Tiefen grollte ein dumpfes Rollen.

Schaudernd wendete sich Rust von dem erschütternden Anblick ab und stieg unterm Schutze des Gewitterwindes, der den glühenden Aschenregen nach Westen trieb, so schnell als er konnte, zum Berghaus hinunter. Unterwegs, indem er wahrnahm, wie die Erscheinungen immer bedrohender wurden: selbst die Berge nun zu zittern begannen; die Erde unter seinen Füßen wankte; vom Himmel Feuer und Schwefel fiel; und die Maulwurfsfäuste dumpfer unterirdischer Gewalten immer unheimlicher an die alte Erdrinde pochten; da sah er ein, daß die einzige Rettung in der Flucht lag, in der schleunigen Flucht auf das Meer hinaus. Fünf fremde und vier seiner eigenen Schiffe: der Orion, der Aldebaran, die Miranda und der auf der Werft in Hamburg neugebaute Sirius, eine Zwölfhundertregisterbark, lagen seefertig im Hafen. Auf diesen neun Schiffen konnte er zur Not, wenn es sich nur um Tage handelte, die gesamte Bevölkerung des Inselreiches unterbringen, und er säumte nicht, sein Vorhaben auszuführen.

Wohlbehalten traf er Kinder und Enkel in der Hütte an und nahm sie mit sich. Die Einschiffung wurde durch die anhaltende Finsternis, die noch den ganzen Tag über und den folgenden Tag Wasser und Land bedeckte, ziemlich erschwert; bis sechs Uhr nachmittags aber, wo, als das letzte Schiff, die Miranda in See stach, war alles glücklich beendet. Zuerst hatte man die Kinder und Frauen, die Greise, die Gebrechlichen an Bord gebracht, sodann die männlichen übrigen Bewohner Rusthafens und der drei Dörfer, bis auf etwa hundert Menschen noch, für die schlechterdings kein Platz mehr zu beschaffen war. Sie blieben mit Rust zurück. Als die allerletzten waren Rasmus und Martha mit den Kindern an Bord der Miranda gegangen; sie wußten sich dort in guten Händen: Tim Rafter führte sie!

Rusts Abschied von den Seinen war kurz aber schmerzlich. Sonderbarerweise überfiel ihn ein Angstgefühl erst in dem Augenblicke, wo er sie als gerettet ansehen konnte; er wußte sich darüber keine Rechenschaft zu geben.

Drei Tage, drei Jahrhunderte, vergingen den Zurückgebliebenen in Furcht und Zagen um ihr Leben, in Hangen und Bangen auch um die glückliche Wiederkehr ihrer Freunde und Lieben auf den Schiffen. Am dritten Tage morgens endlich fingen die Gewalten an, sich zu beruhigen. Die Erde ward stille, der Donner verstummte, das erregte Meer sänftigte sich, und der Feuerregen begann nachzulassen, bis er zuletzt wieder in den flammenfließenden See zurückfiel. Der glühende Spiegel im Zechenkrater fing an zu sinken.

Am Morgen des vierten Tages sichtete Rust vom Leuchtturm aus, der wie durch ein Wunder unerschüttert geblieben war, drei Schiffe. Gegen zehn Uhr trafen sie ein, um Mittag zwei weitere und am Abend abermals zwei Schiffe, mit allen Menschen an Bord wohlbehalten. Nur der Orion fehlte noch und die Miranda. Die Nacht verging, das Leuchtfeuer brannte, aber kein Schiff zeigte sich. In der Frühe des fünften Tages endlich tauchte am Horizonte der Orion auf. Er kam allein. Das Schiff hatte noch nicht die äußere Reede erreicht, als Rust eine Entdeckung machte, die ihm das Herz schlagen ließ. Die Menschenmenge an Bord schien sich verdoppelt zu haben. Kopf an Kopf gedrängt sah man sie auf Deck stehen, bis hinauf in die Marsen und Webeleinen; sogar die Rettungsboote an Bord waren überfüllt. Rust mochte es nur nicht aussprechen, aber er sagte es sich sofort: »Da ist ein Unglück mit der Miranda geschehen!«

»Wo ist die Miranda?« war seine erste, heiser hervorgestoßene Frage, die er an den Ersten richtete, der über die Laufplanke vom Orion kam.

»Die Miranda –? Herr – fragt einen andern lieber!« kam niedergeschlagen die Antwort zurück.

Rust wußte genug, er fragte nicht weiter. Unstet irrten seine brennenden Augen von Haupt zu Haupt der Heimkehrenden, die sich auf dem Stege drängten, aber keine Martha, kein Rasmus, keiner seiner Lieblinge befand sich unter ihnen. So wartete er eine halbe Stunde lang, bis die allerletzten kamen, und das waren – an der Hand des alten Tim – die Kinder wenigstens!

Mit tiefgesenktem Haupt trat Tim Rafter unter seine Augen. Rust atmete schwer.

»Nun, Tim –?«

»Da sind wir wieder, ich – leider auch.«

»Warum ›leider‹, Tim? Glaubst du, wir freuen uns nicht, dich zu sehen?«

Es wetterte bitter um den alten Mund, der antwortete nicht. Auch Rust konnte nicht gleich das Wort finden. Schwer und langsam rang es sich von seinen Lippen:

»Und wo ist die Miranda geblieben –?«

Tim sah ihm fest ins Auge: »Die Miranda, Rust, liegt auf dem Meeresgrunde.«

»Auf – dem – Meeresgrunde ... ich dachte es mir! – Und – meine beiden Kinder –?«

»Matthias! Sie beide sind vereinigt und haben nicht mehr an der Welt zu leiden: sie sind – wo die Miranda ist.«

»Ja ...«, sagte Rust leise.

Das war das einzige, was er hervorbringen konnte. Er fuhr im Boot nach Hause, ging in seine Stube hinauf und schloß sich ein. – Den ganzen Tag und den andern Tag sah man ihn nicht. Erst am dritten Abend kam er wieder zum Vorschein und ließ sich nun alles von Tim erzählen.

Mit feuchtem Auge – er konnte es nicht verbergen! – begann Rafter. »Matthias!« sagte er. »Wir wollens kurz machen; ein langes Garn zu spinnen, was taugt es noch!

Es war eine Nacht, ich will sie nicht zum zweitenmal erleben! Das Meer öffnete sich, und das Feuer kam heraus. Vier Elemente standen auf gegen das Menschenwerk. Wind, Wasser, Erde und die Flamme. Ein Blitz vom Himmel fuhr, und der Feuerruf hallte durch unser Schiff. Wir haben alles getan, das magst du uns glauben Matthias; aber ich sah, Menschenkraft war vergebens. Das Feuer griff um sich, es war nichts mehr zu retten als das nackte Leben. Wir ließen die Boote herab und gingen über eine schreckliche See an den Orion über, wunderbarerweise ohne den Verlust eines einzigen Hauptes zu beklagen. Die letzten noch auf der Miranda waren Martha, Rasmus und ich. Eben noch hatte ich auf der Fallreepstreppe von ihnen die Kinder empfangen, eines nach dem andern, und sie ins Boot verstaut, als die Flamme zwischen uns sprang und uns trennte. Ich konnte nicht aufs Schiff zurück und sie nicht zu uns herunter. Gegen meinen Willen zogen sie mich in die Pinasse hinein, und so lebe ich denn als ein entehrter Kapitän, der sein sinkendes Schiff verlassen hat, solange darauf noch Menschen waren.«

... »Rasmus und Martha – ja, Rust, stolz darfst du sein! Als sie sahen, daß sie durch undurchdringliche Flammenwände von jeder Rettungsmöglichkeit abgeschnitten waren, zogen sie sich auf die Brücke zurück, den letzten Platz im Schiffe, wo sie noch atmen konnten. Wir sahens, wie sie sich dort mit einem Tauende fest zusammenbanden und so, umschlungen, das Ende erwarteten. Es war ein Ende – bei meiner alten Seemannsehre: schön ists gewesen, Rust! Das Schiff sank weg mit ihnen, ehe noch die Flamme ihren Stand erreicht, auch nur ein Haar ihres Hauptes ihnen gesengt hatte. › Rasmus! ... Martha!‹ waren ihre letzten Rufe, die wir vernahmen. Dann schlugen über ihren Häuptern die Wellen des ewigen Ozeans zusammen – mir war, als hörte ich Orgelton!«

*

Als es Abend wurde, fuhr Rust in seinem Boote zum einsamen Felsen hinaus. In das goldene Braun der scheidenden Sonne getaucht, hob er sich aus dem Meere wie ein Runenstein, ewiger Rätsel voll. Die ernstschöne Wächterin über Mayas Grabe neigte sich im Abendwind und bewegte das träumende Palmenhaupt, als möchte es lächeln zu ihm und grüßen. Die Blitze, die Donner, die Stürme waren vorübergegangen an ihr und hatten ihr nichts getan. Die Nacht senkte sich schon über die Stätte herab, als Rust von seiner Verzweiflung übermannt wurde. »Martha!« rief er – »draußen in der Tiefe! Rasmus – in der Tiefe! Sylvester – in der Tiefe! In der frühen Tiefe, du, mein lieber Sohn auch – und nicht ein Erdbröslein von euerm Grab einmal! Nun habe ich dich allein noch – Maya!« ... Erschüttert sank er an ihrem Hügel hin und grub seine Hände in die Erde. So verschlang der Gram in ihm die Erinnerung an die armen Waisen und Enkel selbst, die er doch so lieb hatte und deren Zukunft und Schicksal seinem Leben jetzt ein neues Ziel geben sollte.

Als nach der langen Verfinsterung zum erstenmal wieder in ihrem alten Glanze die Sonne aufging und ihre belebenden Strahlen auf die Trümmerfelder und Stätten der Verwüstung entsandte, da glaubten ihr die Menschen nicht mehr und gingen trübselig. Auch Tim Rafter kam des Weges schweren Herzens.

»Ich suche dich, Rust, Abschied zu nehmen. Der Orion liegt segelfertig, in einer Stunde lichten wir.«

»Und so ist es dein letztes Wort, Tim, du willst uns für immer verlassen?«

Tim strich sich die eisgraue Bartfräse. Er brummte etwas Unverständliches und sah schief über Backbord weg. Dann konnte man verstehen: »Was soll ich alte Hulk mit meiner Schlagseite noch! Nein, Rust – wirf mich los. Wo meine Jugend fuhr – ich will die alte Seehundstraße ziehen. Vielleicht, daß mir dort noch einmal ein ehrliches Matrosengrab wird. Also – alter Freund! Guten Wind fürs Weitere, und damit Gott befohlen!«

Tim ging. Rust hat nie wieder von ihm gehört.

*

Am andern Tage war ein großer Zusammenlauf in Rusthafen. Die Menschen, die ihre Häuser, ihre Hütten, ihre Fruchtfelder, ihre Arbeitsstätten verloren hatten und – was das schmerzlichste war – auch treue Hände, die ihnen sonst Helfer gewesen, die wollten nun beraten, was weiter zu tun sei. Rust war unter ihnen. Sie warteten auf sein Wort. Es war nur weniges, was er ihnen sagte, aber seine Stimme, die anfangs gezittert hatte, als ständen Tränen dahinter, wurde stark dabei.

»Laßt uns, meine Freunde, nicht der Mutter zürnen, der ewig gütigen Natur, daß sie sich einmal im gewaltigen dumpfen Schlafe gereckt und uns dabei wehe getan hat. Auch wir sind ihres Wesens, denn wir sind ja ihre Kinder. Und so wollen wirs denn zeigen, daß wir uns des Höheren und Besseren in uns, des ewig Göttlichen, bewußt sind – wir wollen sehen und trachten, wie wir der Zerstörung um uns wieder Herr werden und ihr neue, grünende Fesseln des Segens anlegen. Wir leben, wir sind jung noch – wir wollen arbeiten!«

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