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Der Steiger vom David-Richtschacht

Kurt Geucke: Der Steiger vom David-Richtschacht - Kapitel 11
Quellenangabe
authorKurt Geucke
titleDer Steiger vom David-Richtschacht
publisherAugust Scherl G. m. b. H.
printrun6. bis 12. Tausend
year1921
firstpub1921
illustratorWillibald Weingärtner, Martha Jäger
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180715
projectid923d4025
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Zehntes Kapitel.
Miranda und Caliban

Kayo butti oly! Kayo butti oly! riefen die Marktschreier in Makassar. »Der König von Goa ist gekommen: kauft weißes Öl, euer Haupt zu salben!« Die blasse Wunderflüssigkeit, die die Rufer hinter ihren Eselskarren in allerhand bunten, mit Goldpapier verzierten weißen, blauen und zinnoberroten Flaschen und Fläschchen herumboten, verbreitete von allen vier Marktecken her einen betäubenden Wohlgeruch nach Kampfer und Rosmarin. Dröhnende Tamtamschläge, aus einem Winkel kommend, wo malaiische Gaukler ihre Buden aufgeschlagen hatten, schienen in das sonnenbunte Gewühl der Menge, die sich hier aus den verschiedensten Völkern und Rassen wie ein farbiges Spektrum zusammendrängte, eine plötzliche Erregung zu tragen. Es war, als käme in das Durcheinanderwogende der gelben und roten Seidengewänder, der weißen Musseline, der braunen, orangenen, violetten Kalikos und Kattune ein geheimnisvoller Fluß, der die Köpfe lenkte und Tausende von Augen nach einem Ziele bannte, das allen gemeinsam war. Alles Gemurmel verstummte und wich einer lautlosen Stille. Selbst das Affengeschrei und Papageiengetöse ging in ein Zittern über und erstarb. Es war der weiche, schmeichlerische Klang einer Rohrflöte in der Gauklerbudenecke, der seine hypnotische Macht entfaltete. Die Menge staute sich, alles drängte nach dem einen Punkte. Die Lastträger warfen ihre Reis- und Pfeffersäcke hin und stellten sich breit wie Mangrovenbäume; die Rollknechte des Hafens hemmten den Lauf ihrer Zucker- und Rumfässer, um die Hälse nach der Musik zu recken; die Fruchtverkäufer und die Eselskärrner, die das weiße Kajeput ausriefen, deckten ihre Karren zu; die Garköche an den Marktgassenecken unter den flachen farbigen Sonnenschirmen schlossen ihre fliegenden Küchen – sie alle, wie von einer unwiderstehlichen Macht gezogen, folgten der geheimnisvollen Weise, deren spärliche, eigensinnige Töne immer schriller, immer dringender, immer sonderbarer klangen. Ein wütendes Zischen ließ mit einem Male die Menge zurückweichen. Eine lohgelbe große Kobra hatte ihren Kopf erhoben und blähte jetzt ihren aufgerichteten, bläulich schillernden Hals gegen den Flötenbläser zu einem unheimlichen Schilde auf. Es war ein Gefühl im Blute, als wollte die Luft stocken; doch die Gefahr zögerte, sie ging vorüber. Die aufreizenden Gongschläge verstummten; die Flöte klang beruhigend wie ein Wiegenlied, und der starre, unbewegliche Blick des Schlangenbeschwörers ließ von neuem das entsetzliche Tier in seine Gewalt verfallen.

Ein junger Mann in der vordersten Reihe, in der Tracht etwa der Pariser Künstler vom Montmartre, war von dem scheußlichen Anblick dermaßen benommen worden, daß er blaß wie eine Kalkwand stand.

»Gehen wir, Sylvester, es ist keine Zerstreuung für uns!« Die wohlbekannte Stimme von Rust wars, die das lautlose Schweigen der gleich Mauern Stehenden wie einen schwülen Bann brach, während er gleichzeitig Sylvesters Hand ergriff und den halb Betäubten aus dem schlimmsten Gedränge herauszog.

»Ist dir übel geworden, mein Sohn?«

»Mir ist nicht gut. Haben Sie nicht gesehen, daß die Schlange ein einziges Auge hatte – es war das Auge Orangbranis! Und nach mir hat es hingestarrt!«

»Einbildungen, lieber Sylvester. Ich habe die Viper mir genau besehen: sie hatte schwarzbläuliche Pupillen und beide so scharf wie von einem Messer gespalten. Sie standen starr nach einem Punkte hin, den ich allerdings nicht genau gesehen habe, der aber, wie ich glaube, der Blick des Beschwörers war.«

Sylvester sagte hierzu nichts.

»Komm,« mahnte Rust von neuem, »es wird gut sein, wenn wir uns entfernen. Da ich dich auf einige Stunden verlassen muß, so schlag ich vor: sieh dir hier und da ein wenig die Gewölbe und die Auslagen der holländischen Kaufherren an, oder, hast du keine Lust hierzu, nimm dir einen kleinen Malaienführer an und geh ein wenig im chinesischen Kampon herum. Es gibt da viel zu sehen und zu studieren. Volksbelebte Gassen und stille, krumme Gäßchen; menschenbefahrene Wasserkanäle mit ungezählten hölzernen Bogenbrücken; alte Opiumbaracken und Lasterwinkel – nur laß dich nicht verleiten, mein Sohn, in eine dieser Höhlen einzutreten, ich kenne die Gefahren. In zwei Stunden, denke ich, werden meine Geschäfte bei den Mynheeren verrichtet sein, und ich will dann wieder hierherkommen und dich an der Südecke des Marktes – siehst du dort, wo das Männchen im roten Mantel steht – erwarten. Befolg meinen Rat, Sylvester.«

Mit diesen Worten verabschiedete sich Rust und verschwand im Gewühl der Menge. Sylvester, den Rust auf diese Reise mitgenommen hatte, um ihn in seinem Schmerze etwas abzulenken und zu betäuben, war sich nun allein überlassen und schlenderte langsam in eine der breiteren Malaiengassen hinein, in der Absicht, sich hier einen kleinen Führer zu angeln. Als er eine Weile gegangen war, bemerkte er, daß ihm jemand folgte. Es war ein kurzer, trippelnder Schritt, der immer den gleichen Abstand hielt und sich förmlich an ihn heftete. Um den unbequemen Trabanten loszuwerden, blieb Sylvester vor einem der reichen Basare, die sich gerade in dieser Straße drängen, stehen und vertiefte sich in den Anblick der hier ausgelegten Schätze. Was würde Maya gesagt haben, wenn sie diese märchenhafte Herrlichkeit geschaut hätte: diese leuchtenden Seidenzeuge und Musseline; diese Farbenwunder herrlicher Teppiche, Brokate und Sammete aus Brussa; diese Wunderwerke indischer Goldschmiedekunst; diese japanischen Lacksachen, Gläser, Kristalle; die vielschimmernden Perlmutterschalen und Schildpattfächer; die siamesischen Elfenbeinstücke; die Tigerfelle aus Bengalen und alle die tausend schönen Dinge, die es hier zu sehen gab. »O Maya, daß du nicht bei mir bist!«

Nachdem er so eine Zeitlang an aller Pracht sein Auge geweidet hatte, konnte er, bevor er weiterging, doch nicht der Versuchung widerstehen, einen Blick nach seinem Verfolger zurückzuwerfen, was inzwischen aus dem geworden sei. Da gewahrte er denn zu seinem Erstaunen, etwa vierzig Schritte von ihm, jenes rotgemäntelte Zwergmännlein, auf das ihn vorhin Rust aufmerksam gemacht hatte. Es stand, wie er, festgewurzelt vor einem Kaufgewölbe und schien so vertieft und versunken in die schaugestellten Wunderdinge, als ob es um gar niemand in der Welt sich bekümmere. Allein, wie nun Sylvester weiterging, da zeigte sichs gleich, daß diese Annahme irrig war: der Zwerg folgte ihm wiederum wie sein Schattenmann. Nun fing Sylvester doch allmählich an, sich beunruhigt zu fühlen. Er ging über den Makadam auf die andere Gassenseite – der Zwerg folgte ihm. Er bog in ein Seitengäßchen ein – hinter ihm der Zwerg. Vor Unmut und Verdruß rief Sylvester jetzt zwei Sänftenträger heran, kupferfarbige Malaien, die eben zufällig des Weges kamen, und befahl ihnen ihr Zeltgestell niederzusetzen und ihn nach der Halle eines berühmten Büchsenschmiedes zu tragen, wie es schon vorher in seiner Absicht gelegen hatte.

Als er in das Gewölbe eintrat, fand er zu seinem maßlosen Erstaunen schon den Zwerg darinnen vor. Mit halblauter Stimme, aus der seine Betretenheit klang, verlangte er auf französisch nach den besten Pistolen am Lager. »Verstehen Sie?« wiederholte er. »Eine Pistole wünsche ich, eine Drehpistole!«

Der Meister Schwertfeger schüttelte mit dem Kopfe und brachte anstatt des Gewünschten verschiedene Damaszenerklingen angeschleppt sowie einen ganzen Kasten persischer Dolche zur Auswahl. Es war offenbar, der Mann verstand Sylvester nicht. Da mischte sich wie von ungefähr der Zwerg in das Gespräch und verdolmetschte es einem jeden in die Sprache seines Landes. Er machte das aber im gleichgültigsten Tone von der Welt, als ob ihm gar nicht so viel daran gelegen wäre, sich gefällig zu erweisen. Indem nun der Büchsenschmied seine Pistolen brachte, langte der Zwerg begierig nach einem langen, ganz weiß polierten Bambusrohre, das oben am elfenbeinernen Mundstück mit einem silbergetriebenen Pfropfen verschlossen war. In der Höhlung dieses Pfropfens befand sich ein gefiederter Stachel.

Sylvester, der sich nunmehr dem sonderbaren Männchen für seinen Dienst verpflichtet fühlte, richtete ein paar verbindliche Worte an den Zwerg und fragte ihn, was er da eigentlich für ein merkwürdiges Rohr besehe.

»Dies ist ein Sumpitan,« erwiderte der Zwerg, »den ich beauftragt bin, für meinen Gebieter zu kaufen.«

»Ein Sumpitan? Was ist das für eine Sache?«

»Herr, man merkt es wohl, daß Ihr fremd seid im Lande! Ihr kennt nicht den Sumpitan? Nun, so will ich wünschen, daß Ihr ihn auch nie möget kennenlernen! Besehet Euch diese unschuldige kleine Öffnung – hihi, ein hübsches, rundes Todespförtchen! Sieht das einer diesem Löchelchen an? Bei Allah! Kein Schlangenbiß, nicht der Giftzahn der todbringenden Schildviper kann grimmiger fassen als unser geflocktes Häkchen hier, dieses Stachelchen aus dem Bambus! 's ist mit einem Pfeilgift bestrichen von einer so entsetzlichen Eigenschaft, daß gleich das Blut steht in den Adern und schon der kleinste Ritz in der Haut genügt, in wenigen Sekunden dem Tode ein Türlein zu öffnen.« Hierbei streichelten die dürren Zwergenfinger Rohr und Pfropfen, den Eindruck einer fast unheimlichen, widerlichen Zärtlichkeit verstärkend, den die eifernde Verkündung dieses mörderischen Geräts auf Sylvester machte.

»Und dieses Rohr, dies Blasrohr, das den tödlichen Pfeil entsendet,« unterbrach er das Männlein, » das ist der Sumpitan?«

»Der Sumpitan!« fuhr der Zwerg fast warnend fort. »Der Sumpitan – schon der Name verbreitet Schrecken! – ist die furchtbarste Kriegswaffe des Malaien. Doch auch den Seeräubern sagt man nach, daß sie sich bisweilen, mit nie fehlender, tödlicher Sicherheit, seiner bedienen. Es mag etwas Wahres daran sein. So erzählt man sich von dem großen Orangbrani, dem einäugigen Augenschießer, dem Herrn des Caliban, dem Gefürchteten aller Gewässer, von dem Ihr genug werdet gehört haben, daß noch nie sein Sumpitan Orangbranis Ziel, das Feindesauge, gefehlt hat!«

»Was weißt du von Orangbrani, Zwerg?« starrte Sylvester erschrocken dem Mißgewachsenen in das schwarze unergründliche Auge, in dem ein seltsames Licht flackerte.

»Kennst du ihn, Fremder?«

»Oh, ob ich ihn kenne! Seine Keule ist hier an meiner Stirn geflogen!«

»Hm ...«, brummte der Zwerg und strich seinen schwarzen Bart: »Dann sei froh und guter Dinge, dann bist du der Erste, der ihm entronnen ist!«

»Oh, ich wünschte, ich wäre ihm nicht entronnen!« seufzte Sylvester aus tiefster Brust, daß man hören konnte, es war ihm Ernst mit diesem Wort.

Der Zwerg zwinkerte freundlich mit den Augenlidern. »Fremdling, du gefällst mir. Kommst du nicht aus Simsinien?«

Sprachlos vor Erstaunen legte Sylvester die nach einiger Prüfung gewählte Pistole auf den Tisch hin und maß den Zwerg vom Scheitel bis zur Sohle: »Woher kommt Euch dieses Wissen von mir?«

»Woher, mein fremder Freund? Nun, man sieht und hört so manches durch die Wände, Schlösser und Mauern, und was man nicht hört oder sieht durch Mauern und Wände, das errät man aus der Luft. Ich will Euch einen Vorschlag machen, Fremdling, damit wir diesen wackern Mann hier nicht länger aufhalten. Bezahlt jetzt Euer Pistölchen, ich begleiche meinen Sumpitan, und nun wollen wir zusammen auf das Schiff meines Herrn und Patrons spazieren, wo Ihr, solange es Euch gefällt, mein willkommener Gast sein mögt. Dort ist der rechte Ort, daß ich Euch von Orangbrani mehr erzähle.«

Unter diesen Worten waren sie aus dem Gewölbe herausgetreten und schlugen durch das Chinesenviertel den kürzesten Weg nach dem Hafen ein.

»Ich bin hier fremd, und wenn es Euch also Vergnügen macht, nehme ich gern noch eine Strecke Weges Eure Gesellschaft an,« sagte Sylvester, »aber auf das Schiff Eures Patrons kann ich Euch nicht begleiten, denn mich erwartet mein Freund.«

»Sieh, sieh, Euer Freund! Ist das nicht jener kurzbärtige große Mann aus dem Abendlande, der heute mit Euch, während der Sultan von Goa einzog und die weißen Elefanten, bei dem Schlangenbeschwörer stand? Ist es nicht ein Schiffsreeder, der im Lande Simsinien wohnt, das mitten im Meere liegt? Und heißt er nicht – wie war doch nur sein Name? – hm, hm, hm, ... richtig, richtig! Heißt er nicht Rust mit Namen, der die schöne Tochter hat? Ist er nicht der Patron des Diamantenschiffes Miranda, das in vergangener Nacht hier eingelaufen ist und jetzt vor Anker liegt? Ich erinnere mich dunkel, ich muß es schon einmal gesehen haben in meinem Leben, das war aber hier nicht, im Hafen von Makassar.«

Sylvester, nahezu fassungslos über die Allwissenheit dieses wildfremden Zwerges, den er hier in der unbekannten, völkerwimmelnden Stadt einer anderen, ihm völlig neuen Welt zum ersten Male sah, wußte gar nicht, was er davon halten sollte. »Kennt Ihr denn Rust? Habt Ihr mit ihm Geschäfte geschlossen? Woher, in aller Welt, wißt Ihr das alles?«

»Ist das so wunderbar, Euern Freund zu kennen?« lenkte jetzt vorsichtig der Zwerg in seine schaugetragene Gleichgültigkeit zurück. »Die Diamanten der Rustinsel sind wohlangesehen bei uns; man sagt sogar, daß sie an Feuer und Reinheit den Diamanten von Golkonda nicht nachständen. Besehet Euch nur, bitte, meinen Dolch und Gürtel gefälligst! Solltet Ihr wirklich noch nicht wahrgenommen haben, daß ich selbst im Besitze eines solchen Steines bin? Dies hier sind die Rubine von Bedaschan, dieses Türkise aus Chorassan, das da Perlen aus Basra, und hier – beim Barte des Propheten! – wenn dies kein Kiesel von Golkonda ist, so ist es sicher ein simsinischer Diamant!«

Die überlegene Ruhe des Zwerges, seine Verschmitztheit und Geistesgegenwart und nicht zuletzt auch die Dreistigkeit, mit der er das Blaue vom Himmel log, verfehlten nicht, Sylvesters Mißtrauen wieder einzuschläfern, und wäre nicht die Zeit nahe gewesen, wo er sich mit Rust wieder treffen sollte, so hätte er sich doch noch vielleicht von dem Männchen beschwatzen lassen.

Als nun aber der Kleine sah, daß alle Liebesmühe, Sylvester auf den Caliban zu locken, vergebens war, änderte er seinen Plan und wollte es damit versuchen, ihn zunächst in eine Opiumhöhle zu verschleppen, in der listigen Hoffnung, ihn dort willenlos zu machen. Allein, auch diese Teufelsrechnung ging in die Brüche, und zwar an der Festigkeit Sylvesters, sein Rust gegebenes Versprechen zu halten.

So waren die beiden unterdessen an den Hafen gelangt, wo schon in den Schiffen und Schenken die Lichter brannten. Den Gongschlägen eines Feuerschiffes auf der Reede draußen antwortete der dumpfe Ton der Bambusrohre in den Wachthäuschen am Bollwerk und verkündete die Hafenzeit. Aus den Weinhäusern erscholl der Klang der Tamburins und der Rohrflöte, und hinter den offenen Türen vorbei sah man schöne Malaienmädchen mit den Matrosen aus aller Herren Ländern tanzen. Es war die Stunde, wo aus den niederen, dumpfen Holzhäusern jung und alt in die Abendkühle strömte und, zum flackernden Schein der Hafenlichter und Windlampen, als ein farbiger Strom warmen Lebens über das Bollwerk flutete. Was junges Blut und hurtige Füße hatte: die Palmenwege hinaus nach den Orangen- und Mangustinengärten des Ostens. Es war die Stunde, wo in den Sümpfen der Kaiman umgeht und der Tiger in den Dschungeln erwacht.

Aus einer Taverne, deren Eindruck schon von außen mehr übel war als einladend, klang ein Saitenspiel. Es drückte mit künstlerischer Vollendung einen Schmerz aus, daß Sylvester aufhorchte und stehenblieb. Er sah auf seine Uhr. Eine Viertelstunde fehlte noch an Neun, dem Zeitpunkt, wo er sich an der Marktecke mit Rust wieder treffen sollte.

»Wie weit ist es von hier bis zum Markt der sieben Türme?« fragte er seinen Begleiter.

In den dunklen Zwergenaugen blitzte etwas: »Drei Bogenschüsse, keinen Schritt weiter und keinen weniger.«

Sylvester zögerte, unentschlossen.

Dieses Haus, eine alte Steinbaracke war es, ein richtiges Mauerloch! Von ungefähr blickte er zum First hinauf, wo an der Dachrinne kupferne Drachenköpfe drohten und mit einem verzerrten Grinsen zu winken schienen.

»Wohlan, so treten wir ein.«

Sie kamen in eine niedere, rauchgeschwärzte Stube, die in einem sehr gewöhnlichen chinesischen Geschmack mit einem riesenhaften Schenktisch ausgestattet war und etwa einem Dutzend unsauberen Tischen und Schemeln. Von der Mitte der mit blauen, verblichenen Sternen tapezierten Decke hing aus einer messingenen Mondsichel eine große, buntgeschirmte Lampe herunter und verbreitete bis an die Fenster hin, die durch einmal weiß gewesene Läden fest verschlossen waren, ein gedämpftes Licht. Es machte die drückende Schwüle noch fühlbarer. Mit Ausnahme eines einzigen noch leeren Tisches waren sämtliche Plätze im Raum mit allerhand, Tee oder Reiswein trinkenden Matrosen, Chinesen, Malaien, Indiern vollbesetzt. Der Wirt der Spelunke, wie man ihm gleich ansehen konnte, war ein Mischling, alt und weißhaarig schon, aus Kanton oder irgendwoherum in dieser Gegend; und der Musikant ein eingeborener zwölfjähriger blinder Knabe, der aus den Reisfeldern kam und diesem Galgenschelm Abend für Abend mit seinem Spiele als Lockvogel diente. Ein unschuldiges, armes Teufelchen, dessen Los Sylvester bald zu rühren begann.

Mit einem schnellen Blick hatte der Zwerg die Sitzgelegenheit herausgefunden; allein er trippelte vorbei an dem Tische und lud mit einer hastigen Handbewegung Sylvester ein, ihm in eine Nebenkammer zu folgen, die durch eine offene Tür mit halb zurückgeschlagenen gelben Kalikovorhängen mit dem Hauptraum verbunden war.

Sie bestellten sich jeder ein Glas warmen Gewürzwein, wobei der Zwerg unvermerkt durch einen Blick, den eine bedeutungsvolle Handbewegung begleitete, dem bezopften Pintenwirt ein geheimes Zeichen gab. Dabei murmelten die dünnen Pergamentlippen des Männchens, wie als wenn es mit sich selber spräche, das Wort » Catjupong« vor sich hin. Der Halbchinese, ein alter ergrauter Sünder (der übrigens kurze Zeit nach diesen Ereignissen als geheimer Helfershelfer der Seeräuber entlarvt worden ist), verstand, wie sein unzweideutiges Grinsen zeigte, diese Zeichensprache ebenso vortrefflich wie die Gauner hierzulande das Rotwelsch.

Sylvester, ganz in sich versunken, horchte nur schweigend auf den Knaben. Er bemerkte gar nicht, als der Unglückliche geendet hatte, wie der Wirt, nach einem dem Zwerg gegebenen Winke, schnell und geräuschlos die Tür schloß. Diesen Augenblick ergriff der Mißgeschaffene. Er zog ein Täschchen von rotem Marokkoleder aus seinem Mantel und entnahm ihm zwei lange, dünngezogene Rauchstangen, die eine von der rechten und die andere von der linken Seite. Die erste Zigarre bot er Sylvester an, die andere legte er vor sich hin.

»Echtes Manilakraut, nehmt sie getrost.«

Allein Sylvester dankte, er hatte keine Lust zu rauchen.

Das Männlein meckerte irgendwas in seinen schwarzen Bart und verschüttete dabei von seinem Punsche auf den Tisch hin. Dann nahm er die erste Zigarre, die er Sylvester angeboten hatte, und steckte sich mit einer Bedachtsamkeit, als gelte es etwas ganz Absonderliches zu verrichten, den Marabustengel an. In dem Augenblick nun, als das Kraut Feuer fing, beugte er sich über den Tisch zu Sylvester hin und blies ihm den vollen Rauch der Manila mitten ins Gesicht hinein, worauf er schnell zurücksprang, mit verhaltenem Atem die Zigarre in der Punschlache löschte, Laden und Fenster aufriß und den Tabaksaft in seinem Munde hinaus auf die Gasse spie.

Sylvester war augenblicklich wie tot über den Tisch gesunken. Der Zwerg öffnete die Tür und jammerte in die Schankstube dem Wirt entgegen: »Jungu, helft, er ist krank geworden! Er ist ohnmächtig, er wird mir unter den Händen sterben! Jungu, springt bei, Jungu, helft, helft! Habt Ihr nicht ein paar Leute zur Hand, die ihn mir nach dem Schiffsboot bringen? Gebt sie, gebt sie, fünf holländische Gulden sind Euer!«

Man war gerade dabei, Sylvester hinauszutragen, als ein Zufall im Augenblicke der höchsten Not und Gefahr den Plan des Zwerges, der vermutlich wieder auf ein großes Lösegeld hinauslief, noch zum Scheitern brachte.

Drei Matrosen von der Miranda traten herein und hinter ihnen noch der zweite Steuermann und der Hochbootsmann des Schiffes. Sofort erkannten sie Sylvester und nahmen ihn in Empfang, wobei sie sich bei dem Halunken von einem Wirt (der Zwerg hatte sich sogleich aus dem Staube gemacht) auch noch sehr höflich für seine vermeintliche Menschenfreundlichkeit und Mühe bedankten. Als sie mit dem völlig Besinnungslosen an Bord des Schiffes anlangten, fanden sie Rust schon zugegen und in der größten Besorgnis. Wie sah er Sylvester wieder! Aus weit geöffneten Pupillen starrte sein Blick, und ein krampfhaftes Schlingen schien ihn ersticken zu wollen, seine Pulse flogen. Der Schiffsarzt stellte eine Vergiftung von dem Kraute Catjupong fest, einer Pflanze aus dem Belladonnageschlechte. »Catjupong«, das war das Wort, welches der Zwerg dem Tavernenwirt zugeraunt hatte! Der Doktor meinte sofort, man habe den Kranken wahrscheinlich mit dem Dampfe einer mit Catjupong gewickelten Zigarre betäubt, wie es in diesen Gegenden unter den Verbrechern ein bekannter Brauch sei. Er verordnete heiße Fußbäder und ließ Milch und Essig geben. Nach einigen Stunden brach Sylvester in einen starken Schweiß aus, die Erscheinungen begannen darauf nachzulassen, und der tiefe, totenähnliche Schlaf ging in einen ruhigen Schlummer über, aus dem er erst am späten Morgen des andern Tages wieder zum klaren Bewußtsein erwachte. Er erzählte nun, so ausführlich als es seine Kräfte zuließen, sein ganzes Abenteuer, und aus allem erkannte Rust, daß jener Zwerg kein anderer sein konnte als jener vom Caliban, mit dem er vor drei Jahren das bekannte Zusammentreffen in der Molukkensee erlebt hatte. Er zögerte nunmehr nicht, der holländischen Hafenpolizei von den Vorgängen der Nacht Mitteilung zu machen, allein, es war leider schon zu spät. Die Piraten hatten Wind bekommen und im Grauen des Morgens das Weite gesucht. Nicht ohne zuvor ihr Schiff (das schon vorsichtshalber auf der äußersten Reede lag) nach bewährter Methode abermals durch einen veränderten Anstrich über Nacht verwandelt zu haben.

Der holländische Resident der Stadt schickte noch am selben Tage zur Verfolgung des Korsaren das gerade vor Anker liegende niederländische Kriegsschiff Piet Hein aus, das auch tatsächlich, mit Kurs auf Ternate, schon nach wenigen Stunden das Raubschiff sichtete. Und zwar noch auf der Höhe vor Makassar klabasternd klabastern: hin und her kreuzen.. Ein sehr verdächtiger Umstand, der mit Wahrscheinlichkeit auf ein schlimmes Vorhaben des Flibustiers hindeutete. Leider fing die Luft an diesig zu werden, und bald darauf fiel ein Nebel auf das Wasser, in welchem die Verfolgten entkamen.

*

Die Miranda verweilte sich in Makassar nur noch vierundzwanzig Stunden, um dann den Kurs auf Lombok und Batavia zu richten, ihr letztes Reiseziel. Sie übernahm hier aus China eingetroffene Zuchten des Seidenspinners an Bord und hatte einen Aufenthalt von acht Tagen. Hierauf trat das Schiff durch die Sundastraße die Heimreise an.

An den Südküsten der malaiischen Inseln vorüberschiffend, gelangte die Brigg in die Gewässer zurück, aus denen sie gekommen war. Ein günstiger Wind trieb sie auf dem gleichmäßig schwankenden Meere immerzu ostsüdostwärts. Es war zur Rückfahrt die geeignete Zeit gerade, wo der Passat an den Nordwestmonsun die Herrschaft überlassen hat. Wochenlang begegnete man keinem Segel mehr, keiner ziehenden Rauchhaube eines Schornsteins. Rust, der viel in seiner Kajüte arbeitete, kam seltener zum Vorschein als sonst, und auch Sylvester, nachdem er von seiner Erkrankung völlig genesen war, hielt sich meist abseits. Nachts, auf mancher stillen Wache aber, wenn er sich in einer entlegenen Gegend des Verdecks allein fand und das leise Weh über ihn kam, da konnte er heimlich die Arme breiten, und er wußte sich kaum zu halten, daß er nicht laut hinausschrie in das brausende Schweigen –« Maya! ... Maya! ... Wo bist du mir?

Es war an einem wunderbaren Morgen, das Meer blitzte und flimmerte, als aus den Marsen der Ruf erscholl: »Schiff in Sicht!«

Ein schwarzer Punkt an der Kimm schien unter dem stetigen Mitwind mit einer Schnelligkeit heranzuwachsen, daß selbst des Kapitäns, unseres Tim Rafters scharfes Auge eine Zeitlang im Zweifel blieb, ob es ein klafternder Raubvogel sei oder ein Rahenschiff. Erst gegen Mittag hin ward es im Fernrohr allmählich klarer, daß das Nahende ein ungewöhnlich großer Dreidecker war, der höchst auffälligerweise schwarze Segel führte. Auch die Farbe des Schiffes samt der Flagge, die es zeigte, war schwarz wie ein Rabe, der in der Nacht fliegt. Dieser Entdeckung folgte ein bedrückendes Schweigen, das die gesamte Besatzung ergriff. Man brauchte sichs nicht erst zu sagen, jedermann wußte es aus tausend Erzählungen und Berichten, die er gehört hatte: Dies war die Bekennerfarbe des gefürchteten Caliban!

Tim Rafter gab kaltblütig seine Anweisungen. Seinem verwetterten Gesicht war keine Erregung anzumerken. Nicht weniger beherrschte sich Rust, obwohl er genau wußte, daß der märchenhaften Schnelligkeit des Caliban selbst eine Miranda nicht gewachsen war, und jeder Fluchtversuch von vornherein als aussichtslos gelten mußte. So blieb also nichts übrig, als sich auf den Kampf einzurichten.

»Wir müssens einmal versuchen,« sagte Rust mit einem Lächeln, das ihm wohl nicht ganz vom Herzen kam, »ob es nicht möglich ist, eine Kauffahrtei in ein Kriegsschiff umzuwandeln. Eine gute Kanone haben wir ja schon. Es fehlt nur noch der Panzer dazu. Und den uns zu verschaffen, mache ich einen Vorschlag. Meister Baas! Laßt mir sofort das gesamte Kettengut aus den Gatts vorn auf Deck schleifen und hängt es doppelt und dreifach – vierfach, wenn es zureicht! – vorn über die Bugspitze aus! Dies ist die einzige Stelle, die wir den Kanonen des Feindes zeigen dürfen. Dies ist der gefährdete Punkt, den wir schützen müssen!«

Mit größtem Eifer wurde dieser Befehl Rusts ausgeführt. Es dauerte nicht lange, da waren Kabel- und Kettengatt geräumt und das äußerste Vorderteil des Schiffes mit einem vierfachen eisernen Schleier verhängt, dessen elastische Nachgiebigkeit vielleicht noch einen wirksameren Schutz gewährte als eine starre Panzerhaut.

Unterdessen setzte die Brigg mit einem Preß von Segeln und angefeuerten Kesseln noch immer ihren Kurs fort. Dennoch verringerte sich der Abstand zwischen den beiden Schiffen zusehends von Meile zu Meile.

Gegen Sonnenuntergang war der Korsar etwa auf einen Flintenschuß herangekommen, und bald konnte man nun auch schon mit dem bloßen Auge die schwarze Flagge unterscheiden, die im einzigen Felde einen weißen Schädel zeigte.

Das elektrische Läutewerk ertönte und rief die Mannschaften der Verschlußrolle, der Bootsrolle und der Feuerrolle auf ihre Posten. Im ganzen Schiffe fielen grüne Leuchtscheiben: alle wasserdichten Türen, Luken und Schotten schlossen sich oder wurden geschlossen. Alle Lichter, die schon brannten, wurden wieder gelöscht oder abgeblendet. Die Flagge mit dem Totenkopf war jetzt kaum noch drei Kabellängen entfernt.

Tim Rafter gab den Befehl, beizudrehen. Die Miranda wendete noch, als auf dem Raubschiffe ein Blitz aufflammte, ein donnerähnlicher Krach erfolgte, eine glühende Eisenmasse die Luft durchsauste und kaum drei Bootslängen von der Miranda herabfiel. Das Meer kochte auf und gischte. Eine zweite Kugel, die unmittelbar folgte, fand bereits ihre Zielfläche auf die Geringfügigkeit des schmalen Streifs, den die Schiffsspitze darbietet, zusammengerückt und fehlte auch dieses, nun gepanzerte Vorwerk. Die Miranda hatte ihre einzige Kanone in die vordere Stückpforte rechts vom Klüver eingefahren; sie zögerte nicht mit der Antwort, und die Drehbasse, vom alten Tim selber bedient, hatte sogar das Glück, einen kleinen Treffer zu machen: die Kugel riß dem Caliban ein Stück der Verschanzung fort. Jetzt ward es drüben lebendig an Bord. Die Räuber setzten ihre ganze Geschicklichkeit und Kühnheit daran, die Miranda zu überflügeln und ihr längs beizukommen, um ihr mit acht Kanonen zugleich eine Breitseite geben zu können. Allein, der Kapitän merkte ihre Absicht, und er hätte nicht Tim heißen müssen, wenn er sie nicht vereitelt hätte. Er schien gleichzeitig überall zu sein, wo es not tat, oder doch wenigstens dreimal seine Arme zu haben, die überallhin reichten. Eben noch an der Drehbasse, die er abgefeuert hatte, stand er nun schon wieder mit dem Ersten Steuermann am Ruder und regierte das Rad, daß das Schiff tanzen mußte, wie sein kleiner Finger wollte. Ihm war nicht beizukommen. Wollte der Caliban nach Luv Luv: die Seite, von der der Wind kommt., so ging die Miranda nach Lee Lee: die dem Winde abgekehrte Seite. herum, und fiel der Caliban ab vom Winde, so drehte die Miranda durch den Wind, bis sie ihn raumschots raumschots: wenn der Wind schräg von hinten, also günstig kommt. hatte, so daß sich die Schiffe umeinander im Kreise bewegten und immer wieder Stirn gegen Stirn zu stehen kamen.

So war mittlerweile die Nacht hereingebrochen. Es war ziemlich finster. Nur das Glimmen verdeckter Lunten gab hin und wieder einen schwachen Aufschein. Der Caliban hatte zweimal einen Kettentreffer gemacht, der keinen Schaden anrichtete, und mit einem dritten, einem Hochschusse, hatte er der Miranda die obere Bramstenge zerschmettert: eine Aufmerksamkeit, welche diesmal der Hochbootsmann der Brigg mit einem Vollschusse in die Backskajüte des Caliban quittierte.

Da erschien in einer Schießluke unterm Klüverbaum des Seeräuberschiffes ein Riese von einem Menschen, schwarzbärtig, dunkel wie der Thanatos, dessen Tracht im Gegensatze zu der übrigen Besatzung des Caliban halb abendländisch war: so trug er anstatt des Turbans einen breitkrempigen Brigantenhut auf dem Kopfe. Dieser Mann (von dem die Schiffsleute der Miranda aus tausend wüsten Mordgeschichten, die sie gehört hatten, hinterher wissen wollten, daß es der Erste Steuermann des Caliban gewesen sei) schwenkte in der Rechten ein weißes Tuch, während seine linke Hand an den bärtigen Mund ein langes Sprachrohr setzte. Im Dämmer der nur spärlich gestirnten Nacht noch riesenhafter erscheinend, als er in Wirklichkeit war, kam er jetzt den Matrosen der Brigg wie ein Herold der Hölle vor.

In englischer Sprache rief er den Kapitän an: »Orangbrani, der Herr des Caliban, der zwischen Ost und West, unter Steinbock und Wassermann die Meere beherrscht, läßt dir durch meinen Mund das Folgende sagen. Binnen jetzt und zehn Minuten wirst du deine Karacke mit allem, was darauf ist und lebt, an ihn, den Herrn der Gewässer, übergeben haben. Solltest du aber diesem Befehle zu trotzen wagen, Kapitän, so sollst du mit deiner ganzen Besatzung in der Morgenfrühe am Großmast des Caliban als die Fahne des Siegers die Bram- und Marsrahen verzieren!«

»Großmäuliger Halunke!« rief Tim Rafter. »Ich will dich das Flattern lehren!« Dabei hob er die Pistole hoch. Allein Rust fiel ihm in den Arm, daß er ihn wieder sinken ließ:

»Geduld, Tim, er hat freie Flagge!«

Das weiße Tuch des Piraten hatte viele Matrosen der Miranda veranlaßt, aus ihren Deckungen sich hervorzuwagen und in Begier, was da sich entspinnen werde, mehr nach vorn gelockt. Unter ihnen auch Rust mit Sylvester, der nicht von seiner Seite wich.

Tim Rafter, sei es, um Kugeln für die Not zu sparen, sei es, um die Feuerwirkung wechseln zu lassen, gab Befehl, die Drehbasse mit gehacktem Blei, Glasstücken und Nägeln zu laden.

Der Unterhändler war soeben wieder hinter die Geschützpforte in die Deckung getreten, als ein neuer Vorfall unter der Mannschaft der Brigg Entsetzen hervorrief. Wie aus dem Boden geschossen stand mit einem Male an derselben Stelle, wo der Schwarzbärtige gestanden, eine Gestalt vor Augen, noch furchtbarer. Man konnte im Zweifel sein, ob man das Afterbild Gottes sah oder eines Kakodämons. Der riesenhafte Körper hatte Menschenmäßiges; das scheußliche Antlitz aber schien zur Hälfte einem Pavian entwendet zu sein, während der glühende Blick einer Schlange gehörte und das zornrote prunkende Gewand, das er trug, das eines eitlen Papageien war. Und dies alles schien sich wie in einer Grimasse zu einem Eindruck zu vereinigen, dessen Ungeheuerlichkeit allein schon hinreichte, lähmenden Schauder zu verbreiten. Indessen, schon der wie aus dem feinsten Zinnober gewebte Kriegsrock des Malaien zeigte seinen hohen Rang unter den Menschen an. So auch der Gürtel, der golden um seinen Leib sprang und der das kurze malaiische Schwert, den Kris des Fürsten, trug; dies zeigte die geflammte Klinge und einen Griff, der selbst im matten Scheine der Nacht von edlen Steinen blinkte. Gleich den Goldgehängen, die von seinen Ohren fielen.

Einen Augenblick lang hatte es den Anschein, als wolle er seine Stimme erheben. Die vorstehenden Backenknochen traten noch mehr heraus: die Mundwinkel verzogen sich und ließen, von einem Scheinwerferblitz der Miranda getroffen, die schwarzgebeizten Zähne sehen; unter dem Turban aber, der seine Stirn beschattete, drohte gleich dem Blicke jener Viper vor dem Schlangenbeschwörer in Makassar – sein eines Auge. Keiner auf der Miranda, der ihn nicht erkannt hätte – das war Orangbrani!

Es ist hier mehr Zeit gebraucht worden, mit dürftigen Strichen noch einmal sein äußeres Bild nachzuführen, das noch keine Sekunde den Schrecken vermittelte, als dieser mit dem Kainsmal Gezeichnete brauchte, wie ein Blitz in das Leben zu fahren und es fünfmal zu vernichten. Das alles ging so schnell vor sich wie ein Wetterleuchten in der Nacht. Ein weißer Stab war es gewesen, den der Einäugige in der Hand geschwungen, ein hohles Bambusrohr, das er wie ein Pestbläser an seinen Mund geführt hatte. Fünfmal – blitzschnell hintereinander – hatte er seinen Atem hineingestoßen, den Tod herausgeblasen und war, als hätte ihn die Luft, die ihn ausgespien, wieder verschlungen, verschwunden. Wie vom Skorpion getroffen waren sie, die Unglücklichen auf der Miranda, einer nach dem andern niedergestürzt und hatten ihr Leben unter schrecklichen Zufällen, die ein wohltätiges Schweigen bedecke, verröchelt. Einem aber wie dem andern von ihnen steckte der Todesstachel merkwürdigerweise jedesmal im rechten Auge, als hätte ihn ein höllischer Zauberer oder der Verderber, der niemals fehlt, selber entsandt. Mord gewordene Gauklerkunst! Von den Lebenden, vor Schreck Erstarrten, hatte es ein einziger vermocht, seine Zunge zu lösen und hatte geschrien: »Der Sumpitan!« ...

Tim Rafter brach den Bann und kommandierte:

»Kraut in die Zündgaten!

Faßt den Kuhfuß!

Richtet!

Blast die Lunte ab!

Feuer!«

Ein Hagelwetter prasselte auf das Verdeck des Caliban herab. Der Rauch wallte über das Schiff hin und zerteilte sich. Die Wirkung des Schusses, der auf die Piraten einen Regen von Glas und Blei verschüttet hatte, mußte verheerend gewesen sein: wenigstens sprach ihr Wutgeschrei dafür, das sie alsbald erhoben, und – Orangbranis Rache. Noch einmal – wiederum nur eine tausendstel Sekunde, die aber des Todes Ewigkeiten wog! – fuhr er heraus und schwang aus einer Schießluke den Sumpitan Rust entgegen, der wieder ohne Deckung stand.

Da geschah es.

Im Augenblicke der höchsten Gefahr – ob aus Zufall oder Absicht, das hat man nicht erfahren – sah man Sylvester hervorspringen und mit dem eigenen Leibe den Körper des väterlichen Freundes decken – er sank getroffen nieder.

»O du hinterrückischer Hund!« rief der alte Tim und feuerte seine Pistole auf den Mörder ab. Allein, die Gehorsame, die Verlässige, die sonst nie versagte und fehlte, sie mußte ein wenig gezittert haben – Orangbrani lebte. Nur die mörderische Hand blutete, zerschmettert, und das unheimliche Werkzeug seiner Tücke, der Sumpitan, war ihm über Bord in das Meer entfallen. Mit einem Wut- und Schmerzensgeheul, das die Luft erfüllte, sprang der Malaie hinter die Verschanzung zurück.

Indessen war Rust um den unglücklichen Sylvester beschäftigt. Der Stachel war ihm, soviel als er kleiner war als Rust, höher oben in die Stirn gedrungen und saß genau eine Fingerbreite über dem rechten Auge. Nachdem ihn Rust behutsam entfernt hatte, kniete er an dem wie Erstickenden nieder und versuchte ihm die Wunde auszusaugen. Darauf brachten sie ihn in die Kajüte hinunter, wo ihm der Schiffsarzt die kaum wahrnehmbare kleine Schramme, die mehr die Schwellung sichtbar machte als die Verletzung selber, erst schnitt und dann brannte, doch alles nur mit dem betrübenden Erfolge, die Qualen des Ärmsten zu verlängern.

Während so unten auf dem letzten Schmerzenslager Sylvester mit dem Tode rang, flogen oben auf den Verdecken der Miranda und des Caliban die Kugeln hin und wider, doch ohne in der Dunkelheit sonderlichen Schaden anzurichten. So war bereits die Mitternacht heran, als in weiter Meeresferne ein roter Schein aufleuchtete.

Rust und der sterbende Sylvester

»Ein Dampfer!« flüsterte Tim. »Er fährt mindestens seine 18 Knoten!«

»Sollte es ein Kriegsschiff sein?« erwiderte halblaut Rust, der soeben von unten kam, nach dem Arzt zu rufen. »Vielleicht ein Deutschlandfahrer; ab und zu trifft man sie hier!«

»Ich will eine Blindrahe heißen, wenn es nicht der Piet Hein ist!«

»Meinst du, Tim?«

»Eine Jütte will ich heißen, eine taube Jütte, wenn ich nicht schon den Gang seiner Griffith höre!« brummte der alte Bär, die behaarte Hand am Ohre.

»Es ist unmöglich, Tim ... nein, es ist richtig, Tim: wahrhaftig, jetzt höre ich es auch – es geht ein hellerer Ton über dem dumpfen Wogendonner!«

»Caliban, jetzt Schotten dicht!« drohte ingrimmig Rafter hinüber. »Jetzt für Piet Hein Licht gemacht, es setzt Labsalben!« In der nächsten Sekunde flog auf der Miranda ein Raketensignal hoch, und der Scheinwerfer vergoß seine volle Lichtflut über den Caliban.

Der Holländer verstand den Wink. Kein Blitz, kein Donner erst verriet ihn, aber ein höllisches Krachen, das unmittelbar hierauf das schwarze Schiff zu zerreißen schien, sagte genug: es war von einem Zitterfisch, einem Torpedo, ins Heck getroffen worden; sein Hintersteven und Ruder, alles in Stücken und Trümmern, und die Achterschotten, wie sich alsbald am Sacken des Schiffes zeigte, voll Wasser geschlagen.

Mit diesem Meisterschusse Piet Heins schien das Schicksal des Caliban besiegelt zu sein. Ein Schiff ohne Ruder – ein Fisch ohne Schwanz: da gab es kein Entrinnen mehr. Nachdem noch ein letzter, verzweifelter Versuch der Piraten, auf die Miranda überzuentern blutig abgeschlagen war, sah man sie jetzt auf Deck unter dem verheerenden Kreuzfeuer des Panzers und des Kauffahrteiers, der sich wieder mit seiner Drehbasse nach Kräften beteiligte, zu einer eiligen Beratung zusammentreten. Keiner, der diese Menschen nicht besser kannte, zweifelte an dem Ergebnis: jeder erwartete das Streichen der schwarzen Flagge. Besaßen sie drüben doch nicht ein einziges heiles Boot mehr, worin sich auch nur wenige von ihnen hätten retten können.

Doch es kam anders. Eine unheimliche Ruhe schien mit einem Male den gewaltigen Bau des Caliban befallen zu haben. Das Feuer seiner Kanonen verstummte, das Schnattern seiner Flinten und Pistolen ging in Schweigen über, und es war eine Schwüle wie die Stille vor dem Sturm.

»Was tun sie da drüben?« flüsterte Rust.

»Hm ...«, raunte Tim zurück, »mich dünkt, sie rollen Pulverfässer heran – was wollen sie damit?«

»Sie schlagen im Vorderschiff eine Deckluke mit Beilen und Äxten ein, nehmen sich die Zeit nicht, sie aufzuschließen!«

»Vier Mann steigen in den Schacht hinunter!«

»Ist das nicht der Ort, wo die Pulverkammer liegt?«

Tim schien die Frage überhört zu haben. »Ein Fünfter«, flüsterte er, »schlägt von einer Pulvertonne den Oberboden!«

»Alle treten zurück!«

»Bis auf den Patron des Schiffes!«

»Orangbrani!«

»Seine Rechte ist verbunden, was hält er in der Linken?«

»Eine Lunte erkenne ich!«

»Ja, es ist eine Lunte – sie brennt!«

»Er hält sie hoch – er nähert sich dem Pulverschachte – er scheint mit sich zu schwanken – soll er sie hinunter in die Kammer schleudern? Oder in die Tonne hinein –?!«

»Er ist entschlossen – er tritt hart an den Schacht heran – hält die brennende Lunte über das Loch hin – sie glimmert, sie glüht ... sie brennt wie Orangbranis Auge ... jetzt –«

In diesem Augenblick schrie eine Stimme auf der Miranda aus der Kajüte herauf: » Sylvester stirbt!« ...

*

Die folgenden Sekunden fanden Rust an Sylvesters Lager. Er hatte das Bewußtsein nicht wieder erlangt. Einige Male noch hatte man ihn mit leiser, mühsamer Stimme » Maya! Maya!« rufen hören, aber das war nur noch in seinem Unterbewußtsein oder in den Fieberträumen gewesen. Rust kam gerade noch zur Zeit, den Sterbenden in seinem letzten Ringen nach Luft hochzurichten und in seine Arme zu schließen, in denen er verschied.

In Brüten versunken, schien Rust von dem, was um ihn vorging, nichts wahrzunehmen. Nicht den dumpfen Knall, der aus der untersten Hölle zu kommen schien oder aus den Eingeweiden der Erde; nicht die Erschütterung, die die starkgefügte Miranda wie ein zitterndes Kind ergriff. Und als er, von oben gerufen, sich trennte von dem toten Freunde und wieder hinaufkam auf Deck, da war vom Caliban nichts mehr zu sehen. Einige Turbane trieben noch auf dem dunklen Wasser zwischen Fässern und Hölzern hin – die letzten Reste seiner Herrlichkeit. Der Piet Hein, der jetzt dicht neben der Miranda lag, hatte ebenso wie die Brigg eine Anzahl Boote ausgesetzt, um die etwa noch Überlebenden des versunkenen Flibustiers aufzufischen; doch nicht ein einziger von ihnen ist aus dem nassen Grab gerettet worden. Das war das Schicksal Orangbranis und seiner Gesellen vom untersten Schiffsjungen an bis hinauf zu dem mächtigen Zwerge, die ihrem Gebieter gefolgt sind ohne zu murren. Das war das Schicksal des Caliban.

*

In derselben Nacht noch, eine Stunde ungefähr nach Sylvesters Tode, begab sich Rust in seine Kajüte und schloß sich darin ein. Er hatte einem Schranke in Sylvesters Kabine jenes geheimnisvolle Kästchen entnommen, das ihm vor Jahren einmal, damals auf dem Sperber, der junge Freund anvertraut hatte. Nach seiner Wiederkehr von Brüssel, wo es ihm Rust zurückgab, hatte sich Sylvester nicht mehr davon getrennt, auf jeder Reise führte er es mit sich. Vorsichtig löste Rust die schwarzen Wachssiegel ab, öffnete die unversehrten Hüllen, eine nach der anderen, bis er zu dem ursprünglichen und letzten Umschlage mit der Aufschrift gelangte:

Nach meinem Tode zu öffnen.

Sylvester Unbekannt.

Auf dem letzten Umschlag obenauf lag auch das Schlüsselchen dazu. Rust öffnete und entnahm dem Kästchen einen Pack engbeschriebener Blätter. Als er die in einfachen, schlichten Worten niedergelegte Geschichte des Unglücklichen zu Ende gelesen hatte, senkte er sein Haupt über den Tisch und weinte bitterlich ...

*

Draußen auf den Gängen und Treppen aber ging der Frieden durch das Schiff. Es war die Backbordwache, die nach einem jener uralten Schifferbräuche, die auch heute noch geheiligt sind, ihren Quartiervers absang:

»Gott wil dit gute Schip bewahren,
Mit alle jenen, de dar mit fahren,
Mast, Rahen, Stengen, Stag und Want,
Bewahr uns Herr durch dine Hand!«

Am andern Tage, als Rust auf Deck kam, sah man, daß sein Auge matt war. Sein Wunsch, den toten Freund, der ihm nicht anders wie ein lieber Sohn gewesen, nach der neuen Heimat mitzunehmen, um ihm dort die letzte Ruhestätte an der Seite der Gattin zu geben, war wegen der weiten Entfernung bis zu den Inseln nicht erfüllbar. Und so wurden denn mit Sonnenuntergang Sylvesters irdische Reste feierlich im Meere versenkt, wie man in derselben Weise die übrigen Gefallenen schon am Morgen bestattet hatte. Etwa hundert Seemeilen östlich vom gesunkenen Caliban, ungefähr auf dem Punkte, wo sich der 14. Grad südlicher Breite mit dem 160. Grad der östlichen Länge schneidet, liegt Sylvesters Grab im Ozean. In einer Tiefe, in die kein Haß reicht und die von einem Herzen vieles Wehe wäscht. Mit ihm aber und seinen Schmerzen mitversenkt, ruht auf dem Meeresgrund in jenem Kästchen das versiegelte Rätsel seines Lebens – das Geheimnis des Stradivarius.

Als sich die Meeresfläche wieder geschlossen hatte über Sylvester Unbekannt, konnte sichs Rust nicht versagen, an der Stelle ein Gefäß mit Wasser zu schöpfen, um es daheim über die Blumen zu gießen, auf Mayas Hügel.

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