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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Der standhafte Prinz

Pedro Calderón de la Barca: Der standhafte Prinz - Kapitel 3
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. II
authorPedro Calderón de la Barca
translatorAugust Wilhelm Schlegel
firstpub1803-09
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer standhafte Prinz
pages5-90
created20050604
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Zweiter Akt.

Gebirgige Waldgegend.

Phönix tritt auf.

Phönix. Zara! Rosa! Zelima!
Gibt mir niemand Antwort?

Muley tritt auf.

Muley.                                         Ich;
Bist du Sonne doch für mich,
Und dein Schatten bin ich ja,
Und er blieb der Sonne nah.
Deiner Stimme süßes Hallen
Hörend, hab' ich dich vor allen
Im Gebirge hier erreicht.
Was ist?

Phönix.         Hör', ob ich vielleicht
Sagen kann, was vorgefallen.
Schmeichlerisch, frei, undankbar,
Süß und schalkhaft, eine Quelle
Strömte hin die sanfte Welle
Aus Kristall und Silber klar:
Schmeichlerisch bot sie sich dar,
Weil sie sprach und nicht empfand;
Süß, weil Täuschung sie erfand;
Frei, weil keinem sie verstummte;
Schalkhaft, weil sie heimlich summte;
Undankbar, weil nichts sie band.
Dorthin kam ich abgemattet,
Als ich lang' mit leichten Tritten
Einem Wilde nachgeschritten,
Wo mir Ruhe ward verstattet
Im Gebirge, kühl umschattet:
Eines Hügels Wände machten,
Wie sie schön gekränzet lachten
So mit Nelken als Jasmin,
Auf ein Feldbett von Karmin
Mir ein Lager von Smaragden.
Kaum nun schwand allmählich da
In dem einsam stillen Düstern
Mir der Sinn, als rauschend Flüstern
In der Bäume Laub geschah.
Horchend fuhr ich auf und sah
Eine afrikan'sche Alte,
Ein Gespenst, das ungestalte
Menschenbildung sich gegeben;
Ein Gerippe nach dem Leben,
Das als Schatten vor mir wallte.
Hohl und runzlicht eingekniffen
Das Gesicht, mit rohem Rumpfe,
Bildwerk war's aus einem Stumpfe,
Dessen Rinde nicht geschliffen.
Von schwermüt'gem Weh ergriffen
Und Betrübnis, die mit Bangen
Immer das Gemüt umfangen,
Faßte sie mir eine Hand,
Und als Baumstamm fest gebannt
Fühlt' ich mich an Wurzeln hangen.
Eis in Adern ließ mir rollen
Die Berührung, Graun der Laut,
Der, von kaltem Gift betaut,
Wie dem Mund die Wort' entquollen
Unvernehmlich fast erschollen,
Mich ließ hören dies allein:
»Armes Weib! ach, welche Pein!
Schrecklich Los, um das ich stöhne!
Muß denn wirklich diese Schöne
Preis für einen Toten sein?«
So sprach sie, nun leb' ich traurig,
Daß ich's eher nenn' ein Sterben;
Auf das gräßliche Verderben,
Was der flücht'ge Stamm so schaurig
Mir verkündigt, immer laur' ich;
Was die Ahnungen mir drohten,
Das Orakel starr geboten
Ueber meines Lebens Schluß:
Weh mir, die ich werden muß
Schnöder Preis für einen Toten! (ab.)

Muley. Dieses Traumbild, dieser Schein
Findet leicht Entzifferung,
Denn es ist die Abbildung
Meiner ungemeßnen Pein.
Tarudante'n mußt du weihn
Dich als Gattin, aber ich
Sterbe, so zu denken dich;
Drum will ich mein Unheil stören,
Du sollst nicht ihm angehören,
Wenn er nicht erst tötet mich.
Dich verlieren kann ich zwar,
Leben nicht nach dem Verlust:
Wenn ich sterben denn gemußt,
Eh' ich's werden sehe wahr,
Kauft mein Leben ja fürwahr –
Himmel! – deiner Liebe Frucht;
Und von Leiden heimgesucht
Wirst du Preis für einen Toten,
Wenn zu sterben mir geboten
Liebe, Neid und Eifersucht.

Don Fernando und drei Christensklaven kommen.

Erster Christensklav. Aus dem Garten sahn wir dich,
Wo wir in der Arbeit stehen,
Auf die Jagd, Fernando, gehen,
Und so wollten alle sich
Werfen hier zu deinen Füßen.

Zweiter Christensklav. Keinen Trost als einzig diesen
Hat der Himmel uns erwiesen.

Dritter Christensklav. Er will unser Leid versüßen.

Fernando. Freunde, kommt, mich zu umarmen!
Und Gott weiß, ob ich die Banden
Die euch hier die Häls' umwanden,
Gern mit diesen meinen Armen
Reißen möchte; denn, fürwahr!
Freiheit sollten sie euch schenken,
Eh'r als mir; doch ihr müßt denken,
Daß es Gunst des Himmels war,
Wenn sein Spruch euch so gebunden.
Bessern wird er euer Los,
Denn ein Unglück, noch so groß,
Wird durch Weisheit überwunden.
Duldet denn zu ihrem Ruhme,
Was die Zeit will und das Glücke!
Wüste Gottheit voller Tücke,
Heute Leich' und gestern Blume,
Kann es nie sich gleich verweilen,
Und so wird es anders wenden
Euren Stand. – Ach Gott! Elenden
Nichts als guten Rat erteilen
Ist nicht weis'; und wie bereit
Ich auch wär', euch zu bedenken,
Hab' ich diesmal nichts zu schenken:
Lieben Freunde, o verzeiht!
Bald aus Portugal gewähret
Wird mir Beistand: trifft er ein,
Soll mein Gut das eure sein;
Nur für euch hab' ich's begehret.
Wenn aus der Gefangenschaft
Man mich löset, auf mein Wort
Nehm' ich all' euch mit mir fort.
Geht mit Gott zur Arbeit! schafft,
Daß euch eure Herrn nicht schelten.

Erster Christensklav. Durch dein Leben, Herr, wird Heil
Unsrer Sklaverei zu teil.

Zweiter Christensklav. Möge, Herr, dir's zu vergelten,
Deine Zeit mehr Jahr' umfassen,
Als der Phönix lebt. (Sie gehen ab.)

Fernando.                       Die Seele
Ringt, wie sie den Gram verhehle,
Da ich euch muß von mir lassen
Ohne Gabe: daß mir doch
Etwas, euch zu helfen, bliebe!

Muley. Ich steh' hier und seh' die Liebe,
Womit Ihr das harte Joch
Dieser Sklaven sucht zu mildern.

Fernando. Ihr Geschick geht mir zu Herzen,
An dem Stand voll Not und Schmerzen,
Den uns diese Sklaven schildern,
Lern' ich selbst das Unglück tragen;
Auch die Zeit wohl kommen dürfte,
Daß ich ihrer noch bedürfte.

Muley. Kanu dies Eure Hoheit sagen?

Fernando. Als Infant zur Welt gekommen,
Ward ich Sklav: das lehret mich,
Daß aus diesem Zustand ich
Könnt' in tiefres Elend kommen.
Ist ja vom Infantenrechte
Bis zum Knecht viel weiter hin,
Was ich schon geworden bin,
Als vom Knecht zum ärmern Knechte.
Tage rufen andre Tage
Und verketten je und je
Klag' um Klage, Weh um Weh.

Muley. Hätt' ich doch nicht größre Plage!
Morgen steht Eur Hoheit offen,
Ist sie heute schon verbannt,
Rückkehr in das Vaterland:
Aber eitel ist mein Hoffen,
Denn ich weiß, daß nimmermehr
Mich mein falsches Glück verschont,
Wandelbarer als der Mond.

Fernando. Lebt' ich gleich in Fez seither,
Nie hab' ich von jener Liebe,
Die du mir erzähltest, hier
Mehr gehört.

Muley.                 Es fand bei mir
Holde Gunst verschwiegne Triebe.
Nie den Gegenstand zu nennen,
Schwor ich, Freundschaft heißt mich sprechen:
Ohne meinen Schwur zu brechen,
Will ich dir ihn denn bekennen.
Nichts kann meinen Schmerz erreichen
Bei so unerreichtem Triebe:
Denn zur Welt kam meine Liebe
Und der Phönix ohnegleichen.
Phönix ist mein hohes Trachten,
Wenn ich höre, seh' und schweige;
Wenn ich Schmerz und Liebe zeige,
Phönix meiner Seele Schmachten;
Wenn ich leiden muß und beben,
Phönix meiner Zweifel Bangen;
Darf ich werben und verlangen,
Phönix auch der Hoffnung Streben.
Und da ich in ihren Siegen
Lieb' als Phönix dir genannt,
Hab' ich als ein Freund bekannt,
Als ein Liebender geschwiegen. (ab.)

Fernando. Wen er liebt, hat er erklärt,
Zart und mit gefäll'ger List,
Wenn sein Leiden Phönix ist,
Sei der Vorrang ihm gewährt.
Meins ist ein gemeines Leiden,
Keinen Anspruch will ich wagen:
Viele haben es ertragen,
Seine Last wird niemand neiden.

Der König tritt auf mit Muley.

König. Deiner Hoheit folgend komm' ich
An dem Fuße dieser Höhen,
Daß du, eh die Sonn' in Perlen
Und Korallen wird erlöschen,
Dich am Hetzen eines Tigers,
Den soeben meine Förster
Stellen, unterhaltest.

Fernando.                       Herr,
Stündlich sinnst du, neu Ergötzen
Mir zu schaffen: wenn du so
Deine Sklaven feierst, können
Sie ihr Vaterland nicht missen.

König. Kriegsgefangne von der Größe,
Die den Herren ehren, so
Zu bedienen sich gehört es.

Don Juan tritt auf.

Don Juan. Hoher Herr, tritt an die Küste,
Und das herrlichste Geschöpfe
Wirst du sehn, womit die Kunst
Jemals die Natur erhöhte.
Eine christliche Galeere
Wendet von des Meeres Höhe
Sich zum Hafen, obwohl düster
Ganz und schwarz, von solcher Schöne,
Daß man staunt, wenn man sie siehet,
Wie die Traurigkeit so fröhlich.
Von den Schilden Portugals
Ist der Gipfel ihr gekrönet,
Denn, da ihr Infant gefangen,
Legen sie die Trauerflore
An um seine Sklaverei,
Und sie kommen, ihn zu lösen,
Ihren Schmerz also verkündend.

Fernando. Nein, mein Freund Don Juan, wie möchte
Dies der Grund der Trauer sein?
Kämen sie, um mich zu lösen,
Dann, beglaubigend die Freiheit,
Wären auch die Zeichen fröhlich.

Don Enrique in Trauer, mit einem offenen Briefe in der Hand, und Gefolge.

Enrique. Laßt Euch, hoher Herr, umarmen.

König. Eure Hoheit grüß' ich schönstens.

Fernando. Ah, Don Juan, das bringt mir Tod!

König. Ah, Muley, das bringt mir Größe!

Enrique. Da mir Eure Gegenwart
Euer Wohlergehn eröffnet,
Hoher Herr, wollt, meinen Bruder
Zu umarmen, mir vergönnen.
Ah, Fernando! (Sie umarmen sich.)

Fernando.               Mein Enrique,
Welche Tracht ist dies? doch zögre!
Schon genug sagt mir dein Auge,
Laß mich's nicht in Worten hören.
Weine nicht, denn soll's mir sagen,
Ewig müss' ich nun hier frönen:
Dies nur ist's, was ich begehre;
Daß du Glück mir wünschen könntest,
Und statt Schmerz und Trauer, Feste
Froh begehn, in Kleidern köstlich.
Sag', was macht mein Herr und Bruder?
Ist im Wohlsein nur der König,
So betrübt mich nichts. Noch schweigst du?

Enrique. Weil man wiederholte Stöße
Doppelt fühlt und ich nur einmal
Sie dich fühlen lassen möchte.
Du vernimm mich, hoher Herr!
Sind gleich eines Berges Höhen
Ländlicher Palast nur, hier
Bitt' ich, wollest du Gehör mir,
Einem Kriegsgefangnen Freiheit,
Achtung dem Berichte gönnen.
Heimwärts wandte sich die Flotte,
Die zuvor mit eitler Größe
Last der Fluten war gewesen,
Einen ihrer Königssöhne
Hier zurück gefangen lassend,
Nach Lisboa, halb zerstöret.
Von der Stunde nun, wo solchen
Trag'schen Vorfall Eduard hörte,
Ward von einer Traurigkeit
Dergestalt sein Herz umwölket,
Daß er, bald die erste Schwermut
In Ermattung aufgelöst,
Starb und jeden Lügen strafte,
Der da sagt, daß Gram nicht töte.
Eduard starb, lohn' ihm der Himmel!

Fernando. Weh mir! mein Gefängnis, kömmt es
Ihm so hoch zu stehn?

König.                                 Weiß Allah,
Wie mich dieser Fall verstöret.
Fahre fort!

Enrique.           Im Testamente
Gab Befehl mein Herr, der König,
Daß man gleich für die Person
Des Infanten Ceuta böte.
Und so komm' ich mit der Vollmacht
Des Alfonso, den man krönte,
Weil nur solch ein Morgenstern
Mildern kann der Sonn' Erlöschen,
Um die Stadt zu übergeben,
Und demnach –

Fernando.                 Nicht weiter! Höre
Auf, Enrique! Denn dies sind
Worte, die unwürdig tönen,
Nicht nur eines Kron-Infanten
Portugals und der erhöhet
Ward zu Christus' Ordensmeister,
Nein, sie wären's eines schnöden
Wilden, den der ew'ge Glaube
Nie erleuchtet des Erlösers.
Wenn mein Bruder, jetzt im Himmel,
Auch im Testamente förmlich
Dies bedingt, geschah es nicht,
Daß man demgemäß beschlösse,
Sondern bloß, um zu bezeugen,
Daß er wünsche mich zu lösen.
Und dies suche man durch andre
Weg' und Mittel zu befördern.
Sei'n sie mild nun, oder feindlich.
Denn, wenn er befiehlt, man möge
Ceuta geben, heißt dies nur:
Ringt darnach aufs allerhöchste.
Denn, wie wär's, wie wär's zu denken,
Daß ein echt kathol'scher König
Uebergäb' an einen Mohren
Eine Stadt, um die verströmet
Ward sein Blut, da er der erste
War, der ihrer Zinnen Höhe,
Bloß bewehrt mit Tartsch' und Degen,
Selbst mit den fünf Schildlein krönte?
Und dies ist noch das Geringste:
Eine Stadt, die Gott den Schöpfer
Auf kathol'sche Weis' erkennt,
Die durch Kirchen wird verschönert,
Welche Lieb und Ehrerbietung
Seinem Dienste hat geöffnet:
Wär' es ein katholisch Thun,
Wär' es Eifer für das Frömmste,
Wär' es christliches Erbarmen,
Wär' es portugies'sche Größe,
Daß die Atlasse der Sphären,
Jene Tempel für den Höchsten,
An der Stelle goldner Lichter,
Welche jetzt die Sonne rötet,
Ottoman'sche Schatten sähen
Und daß, sich der Kirch' empörend,
Ihre Monde spielen dürften
Der Verfinsterung Tragödien?
Wär' es gut, daß man zu Ställen
Die Kapellen dort verstörte,
Die Altäre drin zu Krippen?
Und, wenn sie sich dem entzögen,
Daß sie zu Moscheen würden?
Hier versagen mir die Töne,
Hier gebricht es mir an Atem,
Hier beklemmt der Gram mich tödlich;
Denn, wenn ich es denke schon,
Ist's, als ob das Herz mir börste,
Sträubt mein Haar sich auf dem Haupte,
Und es bebt der ganze Körper.
Denn in Ställen und in Krippen,
Nicht zum erstenmal, schon öfter
Hätte Gott als Gast gewohnt;
Aber als Moscheen gewönnen
Wir an ihnen eine Denkschrift,
Zu unsterblichem Erröten,
Lautend so: Hier hatte Gott
Wohnung, und um sie dem Bösen
Einzuräumen, weigern jetzt sie
Ihm die Christen. Nicht erhöret
Ist's ja, menschlich nur zu reden,
Daß man, irgend wen zu höhnen,
Eindringt in sein Haus; wär's billig,
Daß eindränge, Gott zu höhnen,
In sein eignes Haus das Laster
Und daß wir dazu ihm böten
Das Geleit, daß wir sogar
Selber würden seine Pförtner
Und, es drinnen zu bewahren,
Gott verjagten, aus ihn schlössen?
Die Kathol'schen, die dort wohnen
Mit Familien und Vermögen,
Würden leicht dem Glauben untreu,
Nur damit sie's nicht verlören.
Wär' es wohl von uns gethan,
Diese Sünde zu befördern
Durch Gelegenheit? Wär's billig,
Daß der Christen zarte Söhne,
Welche dort erwachsen, zeitig
Von den Mohren zugewöhnet
Ihren Sitten und Gebräuchen,
Ein die falsche Lehre sögen?
In elender Sklaverei,
Wär' es billig, zu ertöten
So manch Leben dort, um eines,
Worauf nichts beruht, zu lösen?
Wer bin ich? mehr als ein Mensch?
Wenn's die Zahl ersetzen könnte,
Ein Infant zu sein: Gefangner
Bin ich jetzt, der Standeshöhe
Ist ein Sklave nicht empfänglich;
Ich bin's, so daß sich betröge,
Wer Infant mich nennen wollte.
Bin ich's nicht, wer wohl geböte,
Daß das Leben eines Sklaven
Solchen hohen Kaufpreis gölte?
Sterben heißt das Sein verlieren,
Ich verlor's im Schlachtgetöse;
Ich verlor das Sein, so starb ich;
Starb, so hieß' es nun ja thöricht
Handeln, wenn um einen Toten
So viel Leben würd' ertötet.
Und so soll die eitle Vollmacht,
Jetzt in Stücke ganz zerbröckelt,
Nur wie Stäubchen in der Sonne,
Nur im Feu'r wie Funken stöbern. (Er zerreißt die Vollmacht.)
Doch nein, ich verschlinge sie,
Daß kein Buchstab bleiben möge,
Der der Welt verrat', es habe
Lusitan'sche Heldengröße
Dies gewollt. Ich bin dein Sklav:
Ueber meine Freiheit, König,
Schalte nun, ich will sie nicht,
Noch auch kann sie mir gehören;
Kehr', Enrique, heim und sage,
Daß mir Afrika Grabhöhle
Sei geworden, denn mein Leben
Will ich, Tod zu scheinen, nöt'gen;
Christen, tot ist euch Fernando;
Mohren, euch als Sklav gehör' ich;
Christensklaven, ein Genosse
Fügt sich heut zu euren Nöten;
Himmel, deine heil'gen Kirchen
Läßt ein Mensch dir wieder öffnen;
Meer, ein Unglückseliger schwellet
Dir mit Thränen deine Ströme;
Berg', ein Trauriger bewohnt euch,
Gleich dem Wild in eurer Oede;
Wind', ein Armer überladet
Eure Region mit Stöhnen;
Erd', ein Leichnam gräbt sich heute
Seine Gruft in deinen Höhlen;
König, Bruder, Mohren, Christen,
Sonne, Mond und Sterngewölbe,
Himmel, Erde, Meer und Winde,
Wild und Berg', ihr alle höret's!
Ein standhafter Prinz befestigt
In Bedrängnissen und Nöten
Heute den kathol'schen Glauben,
Ehret das Gesetz des Höchsten.
Denn, gäb's keinen andern Grund,
Als daß Ceuta ward verschönert
Durch die Weisung einer Kirche
Der Empfängnis, rein und göttlich,
Jener Königin und Herrin,
Die so Erd' als Himmel krönet:
Gern wollt' ich, so wahr sie lebet,
Tausend Leben drum verströmen.

König. Undankbarer und Fühlloser
Für die Herrlichkeit und Größe
Meines Reichs! wie kannst du so
Mir das weigern und mißgönnen,
Was am meisten ich begehre?
Zwar, wenn dir mein Reich gehöret
Mehr als deins, so kannst du leichtlich
Ueber Sklaverei dich trösten.
Aber da zu meinem Sklaven
Du dich selbst bekennst und schwörest,
Will ich dich als Sklaven halten,
Und dein Volk und Bruder mögen
Sehn, wie du mir jetzt die Füße
Küssest, als ein Sklave frönend.

Enrique. Welch ein Unglück!

Muley.                                     Welch ein Schmerz!

Enrique. Welch ein Schicksal!

Don Juan.                                 Welche Nöten!

König. Bist mein Sklav.

Fernando.                     Ich bin's, doch wenig
Kann dies deine Rache fördern.
Wenn der Mensch zu einer Reise
Sich vom Schoß der Erde löste,
Ist's, damit nach manchen Irren
Er zu ihr heimkehren möge.
Dankbar sein muß ich dir mehr,
Als dich schelten, denn du öffnest
Mir Richtsteige, worauf eher
Ich der Ruhe Ziel gewönne.

König. Wenn du Sklav bist, können Titel
Nicht, noch Renten dir gehören;
Ceuta ist in deiner Macht:
Wenn du mich als Herrn und König,
Dich erkennst als meinen Sklaven,
Warum Ceuta mir nicht öffnen?

Fernando. Weil es Gottes ist, nicht mein.

König. Muß dich das Gesetz nicht nöt'gen,
Daß man seinem Herrn gehorche?
So befehl' ich nun dir förmlich,
Uebergib es mir.

Fernando.                 Was recht ist,
Sagt der Himmel, darin möge
Seinem Herrn der Sklav gehorchen;
Aber wenn der Herr beföhle
Seinem Sklaven Böses thun,
Wär' er nicht durch Pflicht genöt'get,
Zu gehorchen, denn wenn jener
Böses fordert, thut er Böses.

König. Tod sei dein.

Fernando.                 Das ist mir Leben.

König. Daß er's dir nicht werden möge,
Lebe sterbend! Ich kann wüten.

Fernando. Ich zum Dulden mich gewöhnen.

König. Wohl, so wirst du nicht befreit.

Fernando. Und dir Ceuta nicht geöffnet.

König. He da!

Selim kommt.

Selim.             Herr?

König.                     Sei dieser Sklav
All den andern ohne Zögern
Völlig gleich gestellt: legt Ketten
Um den Hals ihm und die Knöchel,
In den Ställen soll er dienen
Und im Garten und den Höfen,
So wie alle schlecht gehalten;
Nicht mehr trag' er seidne Röcke,
Sondern dürft'ge grobe Zeuge,
Sei mit schwarzem Brot beköst'get
Und zum Trunk mit salz'gem Wasser,
Schlaf' in feuchten dunkeln Löchern;
Welcher Spruch auch seine Diener
Und Vasallen gelten möge.
Schafft sie alle fort.

Enrique.                         Welch Unglück!

Muley. Welcher Jammer!

Don Juan.                         Welche Stöße!

König. Ich will sehn, Barbar, will sehn,
Ob dein Dulden mehr wird können,
Als mein Wüten.

Fernando.                 Ja, das sollst du,
Jenes wird sich nie erschöpfen. (Man führt ihn fort.)

König. Dir, Enrique, dem Geleit
Meines Worts gemäß, vergönn' ich,
Nach Lisboa heim zu segeln
Von den afrikan'schen Höhen.
Ihr Infant, ihr Ordensmeister
Von Avis, so laß sie hören,
Warte jetzt hier meine Pferde,
Daß sie kommen, ihn zu lösen.

Enrique. Ja, sie werden's; denn verlass' ich
Ihn in seinen traur'gen Nöten,
Kann ich's bringen übers Herz,
Nicht ihn als Gefährt' zu trösten,
So geschieht's, weil ich hieher
Wieder kommen will mit größrer
Stärk' und Macht, ihn zu befrein.

König. Du thust wohl, wie du wirst können.

Muley (beiseite). Jetzo ist der Anlaß da,
Darzuthun, was Treu vermöge:
Leben dank' ich dem Fernando,
Meine Schuld will ich ihm lösen. (ab.)

 

Garten.

Selim und Fernando in Sklavenkleidern und mit Ketten.

Selim. Dich heißt in diesem Garten
Des Königs Wille der Bestellung warten
Und keinen Widerstand hiebei verschulden.

Fernando. Noch weiter als sein Wüten reicht mein Dulden.

(Selim ab.)

Es kommen Christensklaven, und einer singt, während die übrigen im Garten graben.

Erster Christensklav (singt).
    Zur Erobrung Tangers sandte
    Wider den Tyrann von Fez
    Den Infanten Don Fernando
    Der König sein Bruder her.

Fernando. Daß mir zu allen Stunden
Mein Unfall das Gedächtnis muß verwunden?
Ich bin gebeugt, bekümmert.

Zweiter Christensklav. Was steht Ihr, Kamerad, so unbekümmert?
Weint doch nicht! tröstet Euch! Der Ordensmeister
Hat uns gesagt, wir sollen
Bald wieder heim und frei sein, wie wir wollen.
Nicht einer soll in diesem Lande bleiben.

Fernando. Wie kurze Zeit wird euch den Trost vertreiben!

Zweiter Christensklav. Laßt Euch nicht so bedrängen
Und helft mir, diese Blumen zu besprengen.
Nehmt da die Eimer und geht Wasser holen
Aus jenem Teich.

Fernando.                   Ich will's, wie mir befohlen.
Daß ich euch Wasser trage,
Habt ihr wohl recht bedacht, denn meine Klage,
Trübsale säend, Kränkungen bestellend,
Gießt Ström' aus meinen Augen überschwellend. (ab.)

Dritter Christensklav. Noch mehr Gefangne brachten
Sie in dies Haus.

Don Juan mit einem andern Christensklaven tritt auf.

Don Juan.                   Laß uns genau beachten,
Ob dies die Gärten waren,
Wohin er kam, ob diese nichts erfahren.
Denn minder würden werden
In seiner Näh' die Leiden und Beschwerden
Und tröstlicher die Lage.
Mein Freund, so Gott dich mag behüten, sage:
Sahst du nicht diesen Garten
Den Ordensmeister Don Fernando warten?

Zweiter Christensklav. Den hab' ich nicht gesehen.

Don Juan. Kann ich dem Schmerz, den Thränen widerstehen?

Dritter Christensklav. Das Haus ward aufgeschlossen,
Sag' ich, man bracht' uns neue Mitgenossen.

Fernando kommt zurück mit zwei gefüllten Wassereimern.

Fernando. Erstaunt nicht, Menschen-Geister,
Zu sehn, wie ein Infant, ein Ordensmeister
In Schmach so elend ringet;
Denn dies sind Spiele, die die Zeit vollbringet.

Don Juan. In so elendem Stande,
Herr, Eure Hoheit? Reißen will die Bande
Die enge Brust vor Schmerzen.

Fernando. Verzeih dir's Gott! du kränktest mich von Herzen,
Don Juan, durch dein Entdecken.
Ich wollte mich verbergen und verstecken
Vor meines Volkes Blicken
Und zu elendem, armem Dienst mich schicken.

Zweiter Christensklav. Ach, Herr! ich bitt' Euch sehr, verzeiht in Gnaden,
Daß ich so blind Euch Arbeit aufgeladen.

Erster Christensklav. Vergönn' uns, Herr, die Knie vor dir zu beugen.

Fernando. Steh auf, mein Freund! Nicht mehr solch Ehrbezeugen!

Don Juan. Eur Hoheit –

Fernando.                       Welche Hoheit kann der haben,
Der lebt in solcher Niedrigkeit begraben?
Seht mich geringem Leben,
Als einen Sklaven unter euch, ergeben;
Wenn wer sich an mich wendet,
So sei's auf gleichen Fuß.

Don Juan.                               Weswegen sendet
Der Himmel keinen Blitz, um mich zu töten?

Fernando. Don Juan, nicht so muß klagen in den Nöten
Ein Edler: laß uns auf den Himmel bauen!
Der Mut, die Weisheit, kühnes Selbstvertrauen
Muß jetzt sich lassen sehen.

Zara kommt mit einem Körbchen.

Zara. Meine Prinzessin will im Garten gehen,
Und sie befiehlt, mit seiner Blumen Prangen
Und Farbenschmelz dies Körbchen zu umfangen.

Fernando. Ich hoff', ihn ihr zu bringen,
Denn jeder Dienst soll mir zuerst gelingen.

Erster Christensklav. Wohl, laßt danach uns gehen.

Zara. Ich will, indes ihr pflückt, hier wartend stehen.

Fernando. Erweist mir keine Ehren,
Da gleiche Leiden euch und mich beschweren:
Und weil doch unsre Sachen,
Wo heut nicht, morgen gleich der Tod wird machen,
So wäre wohl geborgen,
Wer heut nichts übrig ließ' zu thun für morgen.

(Fernando ab mit den Christensklaven, die ihm den Vortritt lassen wollen.)

Phönix tritt auf mit Rosa.

Phönix. Hast du, Blumen mir zu bringen,
Hier bestellt?

Zara.                     Es ist geschehn.

Phönix. Ihre Farben wollt' ich sehn,
Um den Trübsinn zu verdringen.

Rosa. Wie, Gebietrin, nur befingen
Dich, getäuscht von Phantasien,
Drückende Melancholien?

Zara. Sage, was mit dir geschahe?

Phönix. Nicht ein Traum war, was ich sahe,
Da mein Unglück mir erschien.
Wenn des Unglücksel'gen Mut
Träumend einen Schatz besessen,
Dann läßt, Zara, sich ermessen,
Dies war ein erträumtes Gut.
Doch, wenn kund der Traum ihm thut,
Während falsch sein Glück verschwindet,
Welch ein. Mißgeschick ihn bindet,
Sieht er es mit eignen Augen,
Da, was auch sein Traum mag taugen,
Er erwachend Uebles findet.
Zu gewiß ist – wehe mir! –
Was die Ahnungen mir drohten.

Zara. Und was bleibt für jenen Toten,
Trauerst du so über dir?

Phönix. Schon dünkt mich mein Unglück hier:
Eines Toten Preis! Wie wich
Alle Lust von mir! was glich
Je des ärmsten Weibes Pein?
Eines Toten muß ich sein?
Wer ist dieser Tote?

Fernando kommt zurück mit den Blumen.

Fernando.                         Ich –

Phönix. Was, o Himmel, muß ich schauen?

Fernando. So verstört?

Phönix.                         Gleich sehr verstören
Muß es mich, dich sehn und hören.

Fernando. Ohne Schwur will ich dir trauen.
Ich, bestrebt, als meiner Frauen,
Phönix, dir zu dienen, trage
Blumen her, für meine Lage
Hieroglyphen: denn geboren
Sind sie, Herrin, mit Auroren
Und gestorben mit dem Tage.

Phönix. Führt der Wunderblume Pracht
Diesen Namen doch zum Ruhme.

Fernando. Ist nicht Wunder jede Blume,
Die ich dienend dir gebracht?

Phönix. Es ist wahr; wer hat gemacht
Diese Umwandlung?

Fernando.                         Mein Los.

Phönix. Traf's dich schwer?

Fernando.                             Mit hartem Stoß.

Phönix. Du gibst Weh.

Fernando.                     Laß dir nicht bangen.

Phönix. Warum?

Fernando.           Weil der Mensch empfangen
Wird in Glücks und Todes Schoß.

Phönix. Bist du nicht Fernando?

Fernando.                                     Ja.

Phönix. Wozu diese Tracht?

Fernando.                             So frön' ich
Dem Gesetz.

Phönix.               Wer gab's?

Fernando.                             Der König.

Phönix. Und warum?

Fernando.                   Sein bin ich ja.

Phönix. Warst du nicht noch heut ihm nah?

Fernando. Und auch heut von ihm geschieden.

Phönix. Konnt' ein einz'ger Tag den Frieden
Zweier Sterne so vernichten?

Fernando. Laß die Blumen dir berichten,
Was von jenen ward beschieden.
Diese, die, wann empor der Morgen dringet,
    Erwachend sich zu Pomp und Lust erheben,
    Sind abends eitler Trauer hingegeben,
    Wann die Entschlafnen kalte Nacht umschlinget.
Dies Farbenspiel, das mit dem Himmel ringet,
    Das Purpur, Schnee und Gold zur Iris weben,
    Wird warnend Vorbild sein dem Menschenleben;
    So viel ist's, was ein Tag zum Ziele bringet.
Zum Blühn sind früh die Rosen aufgestanden,
    Zum Altern haben sie die Blüt' entbunden,
    Die Wieg' und Grab in einer Knospe fanden.
So haben Menschen auch ihr Los befunden,
    An einem Tage kamen sie und schwanden;
    Verflossen sind Jahrhunderte nur Stunden.

Phönix. Wie dein Wort mich so bescheidet,
Muß mich Graun und Angst verstören;
Ich will dich nicht sehn noch hören.
Sei der erste, welcher leidet,
Den ein Leidender vermeidet.

Fernando. Und die Blumen?

Phönix.                                   Wenn in ihnen
Hieroglyphen dir erschienen,
Tilgt sie meine Ungeduld.

Fernando. Welches ist der Blumen Schuld?

Phönix. Zu der Sterne Bild zu dienen.

Fernando. Weisest du sie nun zurücke?

Phönix. All ihr Glanz ist mir entstellt.

Fernando. Wie?

Phönix.               Es kommt das Weib zur Welt,
Unterthan dem Tod und Glücke,
Und in dieses Sternes Tücke
Sah erklärt mein Leben ich.

Fernando. Stern' und Blumen glichen sich?

Phönix. Ja.

Fernando.  Dies kann ich nicht entfalten,
Klag' ich schon ihr feindlich Walten.

Phönix. Hör', du sollst es wissen.

Fernando.                                     Sprich.

Phönix. Die hellen Funken, welche dem Beschauer,
    Genährt von Strahlen, die der Sonn' entsprühten,
    Wann sie versank, des Lichtes Blick vergüten,
    Sie leben selbst nur eine Blumentrauer.
Nächtliche Blüten sind's: in krankem Schauer
    Ermattet bald der Glanz, von dem sie glühten:
    Denn wenn ein Tag das Alter ist der Blüten,
    Ist eine Nacht der Sterne Lebensdauer.
Nach dieser Lenze schnell verwelktem Prangen
    Muß unser Wohl, muß unser Weh sich färben,
    Ob Sonnen unter- oder aufgegangen.
Was könnte dauerhaft der Mensch erwerben?
    Was wandelbar von Sternen nicht empfangen,
    Die jede Nacht, geboren, wieder sterben? (ab.)

Muley tritt auf.

Muley. Hier erwartet' ich verborgen,
Bis sich Phönix hätt' entfernt:
Noch so liebend, will der Adler
Manchmal doch dem Licht entgehn. –
Sind wir nun allein?

Fernando.                       Ja.

Muley.                                 Höre.

Fernando. Edler Muley, dein Begehr?

Muley. Daß du mögst in eines Mohren
Busen Treu' und Glauben sehn.
Ich weiß nicht, worüber ich
Mich erklären soll zuerst,
Noch, ob ich dir sagen soll,
Wie so tief mich hat geschmerzt
Dieser Wankelmut der Zeiten,
Diese Wut des Ungefährs,
Dieser Sturm des Glücks, dies bittre
Beispiel von dem Lauf der Welt.
Aber ich bin in Gefahr,
Wenn sie hier uns reden sehn;
Denn, dich achtlos zu behandeln,
Ist Befehl des Königs jetzt.
Und so, frei die Stimme lassend
Meinem Schmerz, weil er als Knecht
Besser sich wird äußern können,
Eil' ich dir zu Füßen her.
Deiner bin ich, und so komm' ich
Nicht, Infant, der Gunst Geschenk
Anzubieten, abzutragen
Eine Schuld, mir vorgestreckt:
Das mir erst gegebne Leben
Komm' ich dir zu geben, denn
Wohlthun ist ein Schatz, der immer
In der Not sich echt bewährt.
Und weil Furcht in der Beklemmung
Fesseln meine Füße hält
Und mein Hals und meine Brust
Zwischen Strang und Messer schwebt,
Sei, die Reden zu ersparen,
Alles schleunig dir erklärt.
Und so sag' ich, diese Nacht
Will ich dir ein Schiff im Meer
Fertig halten: in den Luken
Eurer Kerker soll versteckt
Werkzeug sich befinden, welches
Ab die Bande fallen läßt.
Dann will ich die Schlösser sprengen
Von der Außenseite her:
Du mit allen den Gefangnen,
Die Fez in sich schließet, kehr'
In dem Schiff zur Heimat, sicher,
Daß auch ich es bleib' in Fez,
Weil man leicht ja sagen kann,
Daß sie das Gefängnis selbst
Aufgebrochen, und so können
Beide wir gerettet sehn,
Ich die Ehr' und du das Leben;
Denn es ist gewiß, erfährt
Dies der König und bestraft mich
Als Verräter nach dem Recht,
So wird mich der Tod nicht kümmern.
Und weil man, zu solchem Zweck
Fremden Willen zu gewinnen,
Geld bedarf, sieh umgesetzt
Hier in eine Zahl Juwelen
Unermeßlich hohen Wert.
Dies, Fernando, ist für meine
Freilassung das Lösegeld,
Die Verpflichtung, die ich habe:
Denn ein treu und edler Knecht
Mußte einmal doch vergelten,
Was so Großes ihm geschehn.

Fernando. Danken wollt' ich dir die Freiheit,
Doch der König kommt hieher
Durch den Garten.

Muley.                           Sah er dich
Schon bei mir?

Fernando.               Nein.

Muley.                               So erreg'
Ihm nicht Argwohn.

Fernando.                       Dies Gebüsche
Halt als ländliches Gezelt
Mich versteckt, bis er vorüber. (Er verbirgt sich.)

Der König tritt auf.

König (beiseite). Muley und Fernando stehn
So geheim, es geht der eine,
Gleich wie sie mich kommen sehn,
Und verstellt erscheint der andre?
Sicher ist hier was nicht recht.
Aber sei dem, wie ihm wolle,
Sicher vor Gefahr zu gehn,
Will ich suchen. (Laut.) Mir ist's lieb –

Muley. Sei gegrüßt, mein hoher Herr.

König. Dich zu finden.

Muley.                         Was befiehlst du?

König. Ceuta nicht als mein zu sehn,
Hat mich sehr gekränkt.

Muley.                                   Erobre,
Schon mit Lorbeer ja bekränzt,
Seine Mauern: deinem Mut
Beut es schwache Gegenwehr.

König. Nein, durch friedlicheres Kriegen
Sei's zu Füßen mir gelegt.

Muley. Wie meinst du?

König.                           Auf diese Weise:
Daß Fernando sei beschwert
Und zu solchem Stand erniedrigt
Bis er Ceuta bietet selbst.
Nun, Freund Muley, sollst du wissen,
Daß mir manches Furcht erregt,
Die Person des Ordensmeisters
Sei nicht sicher hier in Fez.
Denn die Christensklaven jammert's,
Ihn so unterdrückt zu sehn,
Und ich sorg', um seinetwillen
Möchte Meuterei entstehn.
Mächtig war der Eigennutz
Außerdem von je und je,
Und man bahnt durch alle Wachen
Leicht mit Gold sich einen Weg.

Muley (beiseite). Ich will ihn darin bestärken,
Daß sich alles so verhält,
Nur damit er keinen Argwohn
Auf mich faßt. – (Laut.) Du sorgst mit Recht,
Man wird ihn befreien wollen.

König. Nur ein Mittel fand ich denn,
Auf daß niemand sich vermesse,
Meine Macht zu hintergehn.

Muley. Und das wäre, Herr?

König.                                     Daß du,
Muley, ihn bewachst und stehst
Ein für ihn, weil weder Furcht
Dich, noch Eigennutz beherrscht.
Du bist Schließer des Infanten.
Sorge ja, daß du ihn recht
Mir bewachst; auf alle Fälle
Mußt du für ihn Rede stehn. (ab.)

Muley. Ohne Zweifel, daß der König
Hörte, was wir abgeredt.
Helf' mir Allah!

Fernando kommt zurück.

Fernando.                 Was betrübt dich?

Muley. Hörtest du?

Fernando.               Nur allzu sehr.

Muley. Und du fragst, was mich betrübe?
Da du hier mich siehest stehn
In der blindesten Verwirrung
Und der Ehr' und Freundschaft Recht
Zwischen meinem Freund' und König
Heute sich in mir bekämpft?
Zeig' ich treu mich gegen dich,
So verrat' ich meinen Herrn;
Undankbar bin ich an dir,
Halt' ich gegen ihn mich echt.
Was nur soll ich thun? hilf, Himmel!
Da er so mir eben den,
Dem ich Freiheit kam zu bringen,
Anvertraut, in der Gewähr
Meiner Sorgfalt ihn zu sichern?
Was nur, da der König selbst
Zum Geheimnis führt den Schlüssel?
Doch, damit ich's treffe recht,
Bitt' ich dich, daß du mir ratest:
Sag', was muß von mir geschehn?

Fernando. Muley, Lieb' und Freundschaft muß
Immer nach an Würde stehn
Gegen Pflicht und Ehre; niemand
Wird dem König gleich gestellt,
Er allein ist seinesgleichen,
Und es ist mein Rat daher,
Ihm zu dienen, mich zu lassen.
Dein Freund bin ich: um Gewähr
Deiner Ehr' hinfort zu leisten,
Will ich mich bewachen selbst.
Und käm' auch ein andrer, Freiheit
Mir zu bieten, sein Geschenk
Nähm' ich nicht, daß deine Ehre
Bleibe von mir unverletzt.

Muley. Nicht so redlich als gefällig
Ist, Fernando, was du rätst.
Ich verdanke dir das Leben,
Dir's vergelten acht' ich recht,
Und so, was wir abgesprochen,
Richt' ich diese Nacht ins Werk.
Mache du dich frei, mein Leben
Bleibt zurück, um auszustehn
Deinen Tod: mach' du dich frei,
Und ich fürchte nichts nachher.

Fernando. Und wär's recht, daß ich so hart
Wär' und grausam wider den,
Der sich mein erbarmt, und grausam
Mordete die Ehre des,
Der mir Leben strebt zu geben?
Nein, und also sei bestellt
Richter über meine Sache
Und mein Leben: rate selbst!
Soll ich von dem Freiheit nehmen,
Der, um für mich auszustehn,
Dann zurückbleibt? Soll ich dulden,
Daß an seiner Ehre wer
Grausam handle, mir zu gunsten?
Was rätst du?

Muley.                   Ich weiß nicht mehr;
Denn Ja oder Nein zu sagen,
Beides fällt mir allzu schwer.
Nein, weil es mich kränken würde;
Ja, weil ich doch eingesehn,
Wenn ich mich zum Ja entscheide,
Daß ich dir nicht rate recht.

Fernando. Ja, das thust du, denn es soll
Mich mein Gott und mein Gesetz
Als standhaften Prinzen kennen
In der Sklaverei zu Fez.

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