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Gutenberg > Pedro Calderón de la Barca >

Der standhafte Prinz

Pedro Calderón de la Barca: Der standhafte Prinz - Kapitel 2
Quellenangabe
typedrama
booktitleCalderons ausgewählte Werke Bd. II
authorPedro Calderón de la Barca
translatorAugust Wilhelm Schlegel
firstpub1803-09
yearca. 1905
publisherJ. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger
addressStuttgart
titleDer standhafte Prinz
pages5-90
created20050604
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Erster Akt.

Königlicher Garten am Meer.

Christensklaven, ein beliebiges Lied singend; zu ihnen Zara.

Zara. Singet hier, weil unsre schöne
Phönix, während sie sich kleidet,
Manchmal gern ihr Ohr geweidet
An dem klagenden Getöne
Eurer Lieder, wenn sie her
Vom Gefängnis drüben hallen.

Erster Christensklav. Kann Musik, wozu das Schallen
Unsrer Ketten, klirrend schwer,
Die Begleitung scheint zu spielen,
Sie erheitert haben?

Zara.                               Ja,
Sie hört zu, so singt nur da.

Zweiter Christensklav. Dieses Leiden, bei so vielen,
Schöne Zara, wär' noch stärker:
Nur der Tiere rohe Zunft,
Ganz entblößt von der Vernunft,
Singt vergnügt in ihrem Kerker.

Zara. Pflegt ihr nicht zu singen?

Dritter Christensklav.               Wenn
Es geschieht, ist's, unsre Leiden,
Aber fremde nicht, zu weiden.

Zara. Sie hört zu, so singet denn.

Gesang.
    Es muß der Last der Jahre
    Das Hohe selbst erliegen,
    Der leichte Gang der Zeiten
    Kennt keine schweren Siege.

Rosa tritt auf.

Rosa. Fort, Gefangne! Nicht mehr Zeit
Ist's nun, des Gesangs zu warten,
Denn es tritt in diesen Garten
Phönix, daß der Fluren Kleid
Stolz von ihrer Schönheit blühe,
Als der jüngeren Aurore. (Die Christensklaven ab.)

Phönix tritt auf, umgeben von den Dienerinnen, die sie ankleiden.

Estrella. Schön erhobst du dich im Flore.

Zara. Prahle nicht die reine Frühe,
Daß dem Garten sie verliehn
Licht und Duft im holden Schoße,
Noch den Purpur auch der Rose,
Noch die Weiße dem Jasmin.

Phönix. Gebt den Spiegel.

Estrella.                             Es bedarf
Nicht, um Flecken ihn befragen,
Nie vom Pinsel aufgetragen,
Der so rein die Zug' entwarf.

(Sie reichen ihr einen Spiegel.)

Phönix. Wozu kann die Schönheit dienen,
Ob es auch die meine wäre,
Wenn ich doch die Luft entbehre,
Wenn das Glück mir nicht erschienen?

Zelima. Was betrübt dich?

Phönix.                               Wenn ich wüßte,
Zelima, was mich betrübt,
Weiß ich auch, daß, gern geübt,
Selbst der Schmerz es lindern müßte.
Doch von meinen Leiden, sieh!
Kenn' ich nicht die Art genauer:
Denn sonst wäre wahre Trauer,
Was nun ist Melancholie.
Nur zu quälen weiß ich mich,
Nicht, warum ich nur mich quäle;
Es sind Täuschungen der Seele.

Zara. Können, zu erheitern dich,
Diese Gärten denn nicht dienen,
Die dem Frühling, hold zu schauen,
Statuen von Rosen bauen,
Ueber Tempeln von Jasminen:
Geh ans Meer, ein kleines Boot
Sei der Sonne goldner Wagen.

Rosa. Wenn er, auf der Flut getragen,
Sieht solch glänzend Abendrot,
Dann ruft, voll Melancholie,
Wohl dem Meer der Garten zu:
Schon versinkt die Sonn' in Ruh,
Kürzer war der Tag noch nie.

Phönix. Nein, es kann mich nicht erfreun
Wettstreit zwischen See und Matten,
Wie sich in verlorne Schatten
Ferne Widerscheine streun,
Wann auf den bestrahlten Räumen,
Prangend wie in Heiligtumen,
Schäume ringen mit den Blumen,
Blumen ringen mit den Schäumen:
Weil der Garten voller Neid,
Wie er sieht des Meeres Wellen,
Nachzuahmen strebt ihr Schwellen;
Und der linde Zephyr leiht
Farb' und Schmelz, dort eingesogen,
Wieder ihm, und so umsäuselt,
Bildet Blum' und Laub, gekräuselt,
Einen Ozean von Wogen.
Wann das Meer, betrübt, zu sehen,
Wie der Garten zierlich pranget
Von Natur, nun auch verlanget,
Ihm an Schmuck nicht nachzustehen,
Muß, vom fremden Schein versucht,
Die gewohnte Pracht es dämpfen;
Und so sieht man lieblich kämpfen
Blaue Flur und grüne Bucht:
Da sie beid' an krausen Säumen
Der gemischten Farben warten,
Wird ein Blumenmeer der Garten
Und das Meer ein Beet von Schäumen.
Groß, gewißlich, ist mein Schmerz,
Da nicht lindern die Beschwerde
Flur und Himmel, Meer und Erde.

Zara. Großes Leid bestürmt dein Herz.

Der König tritt auf, mit einem Bildnisse in der Hand.

König. Gönnt dein Uebel dir einmal,
Das der Schönheit Fieber ist,
Von der Trauer eine Frist!
Dieses schön' Original, –
Denn kein Bildnis ist, was Leben
Hat und Seel', – ist der Infante
Von Marokko, Tarudante;
Seine Krone wünscht ergeben
Er zu Füßen dir zu legen.
Den zum Boten hier ernannt' er,
Und ein stummer Abgesandter
Muß wohl Liebes-Botschaft hegen.
An ihm find' ich einen Streiter,
Meine Plane zu vollenden:
Zur Belagrung Ceutas senden
Will er mir zehntausend Reiter.
Laß die Scham sich nun versöhnen,
Gönne dem, zu lieben dich,
Den in Fez zum König ich
Deiner Schönheit werde krönen.

Phönix. Steh mir Allah bei!

König.                                   Du zagst,
Wie bedrängt von großer Not?

Phönix (für sich). Weil beschlossen ist mein Tod.

König. Laß mich hören, was du sagst.

Phönix. Kam ich immer den Befehlen,
Vater, Herr und König, nach – (Beiseite.)
Was nur sag' ich? Muley, ach!
Solchen Anspruch zu verfehlen! –
(Laut.) Tiefste Demut gibt sich kund –
Wehe mir! – in dieser Stille. –
(Beiseite.) Wenn er's denkt, so lügt mein Wille,
Wenn er's sagt, so lügt mein Mund.

König. Nimm das Bildnis.

Phönix (für sich).               Weil ich muß,
Nimmt es meine Rechte hin,
Doch nicht kann es Herz und Sinn.

(Man hört einen Kanonenschuß.)

Zara. Muley'n meldet dieser Schuß,
Der vom Meer heut angekommen.

König. Billig ist's, ihn zu begrüßen.

Muley tritt auf, mit dem Kommandostabe in der Hand.

Muley. Sieh mich, Herr, zu deinen Füßen.

König. Muley, sei mir sehr willkommen.

Muley. Wer sich hat hinaufgedrängt
Zu so lichter Sphären Wonne,
Wen im Hafen solcher Sonne
Kind, Aurora, hier empfängt:
Der muß wohl bewillkommt sein.
Reiche, Fürstin, mir die Hand,
Deiner Gunst erhabnes Pfand
Magst du würdig dem verleihn,
Der in Lieb' und Treu' ergeben
Nach Triumphen für dich ringt,
Dir zu dienen ging und bringt
Nun zurück sein liebend Streben. –
(Beiseite.) Was, o Himmel, muß ich schauen?

Phönix. Muley, du – es drückt mich schwer
Bist willkommen.

Muley (beiseite).           Nicht zu sehr,
Wenn ich darf den Augen trauen.

König. Sag', was gibt's zur See zu thun?

Muley. Du magst die Geduld bereiten,
Schlimm sind meine Neuigkeiten;
Alles ist verschlimmert nun.

König. Was du weißt, verkünde mir:
Denn bei einem festen Mute
Findet Böses wie das Gute
Immer gleiche Mienen. Hier
Setz' dich, Phönix.

Phönix.                         Ich will's thun.

König. Setzt euch alle; laß uns hören
Und dich nichts im Reden stören.

(Der König und die Damen setzen sich.)

Muley (für sich). Kann ich reden? kann ich ruhn? –
(Laut.) Bloß mit zweien Galeassen
Lief ich aus, wie du geboten,
Um an den barbar'schen Küsten,
Hoher Herr, umher zu forschen.
Dein Befehl war, daß ich nahen
Der berühmten Stadt mich sollte,
Die Elisa hieß vor Zeiten,
Jener, die erbaut am Thore
Des herkul'schen Sundes stehet
Und den Namen hergenommen
Hat von Ceydo, welches, Ceuta
Vom Arabischen verdolmetscht,
Auf hebräisch Schönheit heißet,
Und sie prangt am schönsten Orte;
Jener endlich, die der Himmel
Hat entrissen deiner Krone,
Wohl nach unsers großen Mahoms,
Des Propheten, bill'gem Zorne;
Und zur Schmach für unsre Waffen
Müssen wir nun sehn, daß dorten
Portugiesische Paniere
Auf den Türmen sind erhoben,
Allzeit vor den Augen habend
Eine Schranke, welche spottet
Unsers Ruhmes; einen Zügel,
Der zurückhält unser Trotzen;
Einen Kaukasus, der deiner
Siege Nil in seinem Strome
Aufhält und, dazwischen tretend,
Spaniens Zugang uns verschlossen.
Also hatt' ich den Befehl:
All ihr Bollwerk auszuforschen
Ganz genau, um dir zu melden,
Wie gestaltet und geordnet
Sie es hat und wie du kannst,
Sparend so Gefahr als Kosten,
Diesen Krieg anfangen. Möge
Dir den Sieg des Himmels Sorge
Samt der Herstellung verleihn!
Zwar ein größres Unglück, drohend,
Schafft Verzug; denn ich bezweifle,
Ob dies jetzt wird unternommen,
Da ein andres Unternehmen
Dringender dich ruft und fordert:
Weil das Heer, das wider Ceutas
Große Macht du hast geworben,
Eilen muß zu Tangers Schutz,
Welches wehklagt, schon bedrohet
Von der gleichen Not und Plage,
Gleichem Fall und gleichem Hohne.
Ich erfuhr's, weil ich zur See,
Um die Stund' an einem Morgen,
Wo, die westlich ruhnden Schatten
Scheuchend vor sich her, die Sonne,
Halb im Schlaf noch, blonde Haare
Auf Jasminen und auf Rosen
Breitet, die mit goldnem Tuche
Der Aurora Thränen trocknen,
Welche, Feu'r und Schnee, in Perlen
Vor der Sonne Blick zerronnen,
Fern auf den Gewässern sah
Eine starke Kriegesflotte
Angeschwommen, obwohl damals
Der erstarrte Blick nicht konnte
Sich entscheiden, ob's ihm Felsen
Oder Schiffe scheinen sollten.
Denn, so wie auf Schildereien,
Durch des Pinsels Kunst verschmolzen,
Hintergründe, weite Fernen,
In zweideut'ger Aussicht offen,
Bald wie Berg' erscheinen, bald
Sich wie stolze Städt' erhoben,
Weil der Abstand unerhörte
Wunderdinge allzeit formet:
So auch, auf der blauen Landschaft
Lichter, Schatten, hingeworfen,
Machten, Meer und Himmel mischend,
Mit den Wolken und den Wogen
Tausend Täuschungen dem Blick,
Der, begierig jetzo forschend,
Nur die Massen noch bemerkte
Und nicht unterschied die Formen.
Erstlich schien uns, da wir sahn,
Wie den Himmel ihre obern
Spitzen rührten, Wolken wären's,
Derer, die, aufs Meer gezogen,
In Saphir empfangen Regen
In Kristall gebären wollen;
Und wir dachten so mit Recht,
Denn das Meer schien ja gesonnen,
Einzuschärfen den unzähl'gen
Schwarm bis auf den letzten Tropfen.
Bald von Meeres-Ungeheuern
Schien es eine irr'nde Horde,
Die, Neptunen zu begleiten,
Kam' aus ihren tiefen Grotten:
Denn, wie ihre Segel wallten,
Spielend mit des Windes Odem,
Glaubten wir, sie ließen wallen
Auf den Fluten ihre Flossen.
Nun uns näher schon erschien es
Ein gewalt'ges Babylonien,
Dessen Hangegärten waren
Wimpel, sich dem Wind' entrollend.
Endlich aus dem Trug gerissen,
Hatte das Gesicht als Flotte
Sie erkannt schon, denn wir sahn,
Wie die Schnäbel Furchen zogen,
Wovon die geschlagnen Schäume,
Kräuselnd sich in sich verworren,
Berg' aus Silber aufgeschichtet,
Felsen aus Kristall erschwollen.
Ich, so viele Feind' entdeckend,
Wandte mich vor ihrem Toben:
Denn zu fliehn gehörig wissen
Hat oft auch für Sieg gegolten.
Und so nahm, als der ich dieser
Meere kund'ger war, im Porte
Einer Bucht ich meine Zuflucht,
Wo ich widerstehen konnte,
In der Schutzwehr und dem Schirme
Zweier Hügel, solcher großen
Macht gewalt'gem Ungestüm,
Die Meer, Erd' und Himmel trotzet.
Arglos fuhren sie vorbei;
Und begierig, zu erforschen,
Wie ihr denkt, wo dies Geschwader
Ferner seine Bahn verfolgte,
Lief ich auf das offne Meer
Wieder aus, wo sich gewogen
Meinen Hoffnungen der Himmel
Wies, die diesmal nicht mich trogen.
Denn ich sah, zurückgeblieben
War ein Schiff von jener Flotte,
Welches wehrlos und verlassen
Kaum die See noch halten mochte:
Weil, wie ich nachher erfuhr,
Da sie all' ein Sturm betroffen,
Dieses ihm erliegen mußte,
Schadhaft, leck und halb zerborsten;
So nun, angefüllt mit Wasser,
Daß die Pumpen nicht dem Boden
Zu entschöpfen gnügten, schwankend
Bald nach hier und bald nach dorten,
Schien es dem Versinken nah
Bei dem kleinsten Wellenstoße.
Ich naht' ihm, und Lindrung brachten
Seiner Not wir, obwohl Mohren;
Denn es pflegt sich, wer im Unglück,
Durch Gesellschaft zu erholen
Dergestalt, daß selbst ein Feind
Dann gereicht zu seinem Troste.
Von dem Trieb des Lebens werden
Etliche so fortgezogen,
Daß sie, aus den Tau'n und Seilen
Leitern machend unerschrocken,
Sich gefangen übergeben;
Obwohl andre sie verspotten
Mit dem Wort, daß ewig leben
Leben sei mit Ehr' und Lobe,
Und auch so noch widerstehn:
Portugiesisch eitles Trotzen!
Es berichtet mich ausführlich
Derer, die an Bord gekommen,
Einer nun, daß von Lisboa
Ausgelaufen jene Flotte
Wider Tanger, das sie denke
Zu belagern, mit heroisch
Festem Vorsatz, daß du sehen
Auf den stolzen Zinnen sollest
Die fünf Schildlein, die auf Ceuta
Jeden Tag bescheint die Sonne.
Eduard von Portugal,
Dessen Siegerruhm frohlockend
Auf den Schwingen röm'scher Adler
Fliegen wird durch alle Zonen,
Schickt Enrique und Fernando,
Seiner Brüder Paar, die Glorie
Des Jahrhunderts, das sie siehet
Prangend in des Sieges Kronen.
Sie sind Ordensmeister Christi
Und Avis, mit weißem Borde,
Zieren Kreuze beider Brust,
Dem ein grünes, dem ein rotes.
Vierzehntausend Portugiesen
Sind's, die stehn in ihrem Solde,
Hoher Herr, die nicht gerechnet,
Die mitziehn auf eigne Kosten.
Tausend sind der starken Pferde,
Wohl versehn vom span'schen Stolze
Tigern gleich mit bunten Decken,
Luchsen gleich mit leichten Sohlen.
Angelangt in Tanger müssen
Sie schon sein und diesen Morgen,
Wo nicht seinen Sand betreten,
Wenigstens sein Meer durchwogen.
Ziehn wir aus, es zu verteid'gen,
Waffne, Herr, dich selbst im Zorne,
Daß in deinem tapfern Arme
Mahoms Geißel werd' erhoben,
Und das reichste Blatt von allen
Aus des Todes Buch entrolle.
Denn vielleicht wird heut erfüllt
Jenes Moabiter-Wortes
Heldenmüt'ge Prophezeiung,
Welche sagt, am sand'gen Borde
Afrikas werd' einst zu teile
Ein unglücklich Grab der Krone
Portugals. Sie mögen sehen,
Wie von diesem krumm gebognen
Säbel grün' und blaue Felder
Rot in ihrem Blut geworden.

König. Schweig! nicht weiter rede fort!
Denn, erfüllt von wüt'gem Grimme
Ist ein Gift mir deine Stimme,
Gibt den Tod mir jedes Wort.
Afrika zum Grabmal schaffen
Will ich ihren trotz'gen Horden,
Nahn die Meister ihrer Orden,
Die Infanten, schon in Waffen.
Muley, du brich schleunig auf
Mit dem Reitervolk der Küste,
Während ich zum Kampf mich rüste;
Wenn du in behendem Lauf
Mit Scharmützeln ihnen wehrest,
Daß sie dort kein Land gewinnen
Allzuschnell, und mir hierinnen
Dein geerbtes Blut bewährest:
Dann, so schnell wie du, ins Feld
Rück' ich, unsre Macht zu paaren,
Mit dem Rest der trotz'gen Scharen,
Die das Lager hier enthält.
Und so soll von den Beschwerden
Uns ein blut'ger Tag befrein:
Ceuta muß nun wieder mein,
Tanger nicht das ihre werden. (ab.)

Muley. Phönix dir sei nicht verhehlt,
Obwohl im Vorübereilen,
Da ich doch nicht bin zu heilen,
Welche Krankheit mich entseelt.
Ob mein Wahn auch überschritte
Schuld'ger Ehrerbietung Zucht:
Meine Qual ist Eifersucht,
Und die kennt ja keine Sitte.
Welches Bildnis, Feindin, ach!
Sah in weißen Händen ich?
Wer ist der Beglückte? sprich!
Wer – doch halt! eh solche Schmach
Deine Zunge mir bekenne:
Schon genug, daß unbekannt
Ich ihn sah in deiner Hand,
Ohne daß dein Mund ihn nenne.

Phönix. Muley, mein Verlangen wollte
Freiheit dir zum Lieben schenken,
Aber nicht zum Schmähn und Kränken.

Muley. Phönix ja, ich fühl', ich sollte
Nicht so ungeziemend sprechen.
Doch der Himmel mag mir zeugen,
Eifersucht läßt sich nicht beugen,
Muß durch alle Schranken brechen.
Schüchtern und in scheuer Zucht
Warb ich, liebt' ich, ganz dein eigen:
Aber konnt' ich liebend schweigen,
Kann ich's nicht mit Eifersucht.
Nein, ich kann's nicht!
Phönix
.                       Nicht verdienet
Deine Schuld Genugtuung;
Doch es ist mir Grund genung,
Daß sie meiner Ehre dienet.
Ein Vergehn will ich verschonen
Unter uns, und so erteil' ich
Dir sie.

Muley.         Gibt es eine?

Phönix.                             Freilich.

Muley. Möge Gott dich wohl belohnen!

Phönix. Dies Bild sandte –

Muley.                                 Wer?

Phönix.                                         Infant
Tarudante.

Muley.             Und weswegen?

Phönix. Weil mein Vater, mit dem Hegen
Meiner Neigung unbekannt, –

Muley. Wohl!

Phönix.           Verlangt, daß die zwei Kronen –

Muley. Sprich nicht weiter: schon genung!
Gibst du so Genugtuung?
Möge Gott dich schlimm belohnen!

Phönix. Daß mein Vater dies bedacht,
Hab' ich daran Schuld begangen?

Muley. Daß du dieses Bild empfangen,
Hätt' er auch dich umgebracht.

Phönix. Konnt' ich's meiden?

Muley.                                   Sicherlich.

Phönix. Wie?

Muley.           Du mußtest was ersinnen.

Phönix. Sag', was konnt' ich nur beginnen?

Muley. Sterben, wie ich's thät' für dich.

Phönix. Dies war not.

Muley.                         Nein, Wankelmut.

Phönix. War Gewalt.

Muley.                       Gewalt gibt's keine.

Phönix. Nun, was war es also?

Muley.                                       Meine
Trennung, sie begrub mein Gut.
Und bevor noch besser ich,
Wie du wechselst, müßte lernen,
Will ich wieder mich entfernen:
Töte, Phönix, wieder mich.

Phönix. Scheiden ist nicht abzuwenden.

Muley. Schied die Seele doch von mir.

Phönix. Zieh nach Tanger! Wieder hier,
Magst du dann die Klagen enden.

Muley. Wohl, läßt nur mein Leid mich leben.

Phönix. Lebe wohl, wir müssen scheiden.

Muley. Höre! willst du so mich meiden,
Ohne mir das Bild zu geben?

Phönix. Ja, der König würd' es missen.

Muley. Laß es los! mit vollen Rechten
Reiß' ich den aus deiner Rechten,
Der mich deiner Brust entrissen. (Beide ab.)

 


 
Seeküste bei Tanger.

Es wird eine Zinke geblasen, man hört Geräusch vorn Ausschiffen, Don Fernando, Don Enrique, Don Juan Coutinho und Soldaten steigen ans Land.

Fernando. Ich muß der erste sein, die sand'gen Fluren,
Du schönes Afrika, dir zu berühren,
Auf daß, gedrückt von meiner Tritte Spuren,
Die starke Macht dein Nacken möge spüren,
Die dich soll zähmen.

Enrique.                             Meinen edlen Sohlen
Mög' auf dem afrikan'schen Grund gebühren
Die zweite Stelle: – (er fällt) Gottes Schutz befohlen!
Stets müssen üble Zeichen mich begleiten.

Fernando. Du mußt, Enrique, dich vom Schreck erholen:
Dein Fallen ist vielmehr daher zu leiten,
Daß selbst die Erd', um sie als Herr zu fassen,
Dich lud, die Arme gegen sie zu breiten.

Enrique. Dies Feld und dies Gebirge stehn verlassen
Von den Alarben, wie sie uns gesehen.

Don Juan. Tanger verschließt die Thore seiner Gassen.

Fernando. In ihrer Freistatt woll'n sie uns entgehen.
Don Juan Coutinho, Graf Miralvas, eilend
Geht, um das Land mit Sorgfalt zu erspähen;
Bevor die Sonn', ihr Morgenrot ereilend,
Uns ungestümer treffend mag verletzen,
Der Stadt von uns den ersten Gruß erteilend.
Sagt ihr, sie solle nicht sich widersetzen,
Sonst müss' ich sie mit Schwert und Feuer stürmen,
In Blut das Feld, in Brand die Häuser setzen.

Don Juan. Ich will hinan bis unter ihren Türmen,
Mag, ein Vulkan, sie Blitz und Flammen speien
Und graue Wolken um die Sonne türmen. (ab.)

Brito kommt.

Brito. Gottlob, da bin ich im Revier des Maien
Und kann zu Land' umhergehn nach Belieben,
Von Schaukeln, Angst und Schwindel mich befreien.
Nicht mehr im Meere werd' ich umgetrieben,
Wo, bis sie erst ein hölzern Untier fragen, –
Das doch ein Klotz, – der Flinkste muß verschieben,
Mit raschem Lauf aus der Gefahr zu jagen.
Mein liebes Land! ach, laß mich nicht verderben
Im Wasser, noch bis zu den letzten Tagen
Laß auch auf festem Lande je mich sterben!

Enrique. Daß du den Narren anhörst!

Fernando.                                           Daß dein Bangen
Auf keine Weise Trost weiß zu erwerben!
Ihm grundlos, unwillkürlich nachzuhangen,
Bist du dem eignen Mut ganz abgefallen.

Enrique. In Aengsten ist die Seele mir befangen,
Ich wähne wider mich das Los gefallen,
Seit, eben von Lisboa nur gewichen,
Ich um mich sah des Todes Bilder wallen.
Kaum daß zu den barbar'schen Himmelsstrichen
Der Fahrt Beschluß uns beiden sich erfüllte,
Als selbst Apollo, wie im Krampf erblichen,
Ins Leichentuch der Wolken tief verhüllte
Sein goldnes Antlitz und das Meer mit Brausen
Zertrümmernd wider unsre Flotte brüllte.
Blick' ich aufs Meer, so deckt es dunkles Grausen;
Zum Himmel auf, so scheint mit Blut getränket
Sein blauer Schleier; in die Luft, so hausen
Nur nächt'ge Vögel drin; den Blick gelenket
Zur Erde, seh ich Grüfte dar sich stellen,
Worein mich Armen bald mein Fall versenket.

Fernando. Wohlan, so soll dir meine Lieb' erhellen,
Was dieser schwermutsvolle Schein bedeute.
Daß uns ein Schiff verschluckt die stürm'schen Wellen,
Sagt uns, entbehrlich waren diese Leute,
Um zu vollbringen, was wir unternommen;
Daß der durchsicht'ge Himmel Purpur streute,
War Schmuck, nicht Graun; und sind uns vorgekommen
In Lüften Vögel, Ungeheur im Meere:
Wir haben nicht hieher sie mitgenommen.
Wenn sie denn hier sind, muß es nicht bewähren,
Daß sie dies Land, worin sie greulich nisten,
Von seinem blut'gen Ende vorbelehren?
Dergleichen schnöde Zeichen überlisten
Mit leerem Schreck die Mohren, die draus bauen,
Nicht irre machen wollen sie die Christen.
Wir beide sind's: kein eitles Selbstvertrauen
Lockt uns, hier unsre Waffen zu erproben,
Damit der Menschen Augen mögen schauen
Den großen Sieg im Buch des Ruhms erhoben.
Wir kommen, Gottes Glauben zu verbreiten;
Ihn preisen müssen wir, ihn einzig loben,
Wenn triumphierend diesen Kampf wir streiten.
Doch soll uns nicht des Sieges Lohn erfreuen,
So werden wir beglückt zum Tode schreiten.
Die Strafe Gottes ist es recht zu scheuen,
Sie pflegt sich nicht mit leerem Schreck zu fristen.
Nicht frevelnd kommen wir, als seine Treuen:
Christen ja seid ihr, wohl, so thut wie Christen! –
Doch was ist dies?

Don Juan tritt auf.

Don Juan.                     Herr, zur Mauer,
Deinem Wort gehorsam, gehend,
Sah ich leichter Pferde Scharen
An dem Fuße dieser Berge,
Die von dort hinaus gen Fez
Sich so schnell hieherwärts wenden,
Daß dem Blick sie Vögel scheinen,
Nicht vierfüßigen Geschlechtes.
Zwar vom Winde nicht getragen,
Fühlet doch sie kaum die Erde,
Und so weiß nicht Erd' und Luft,
Ob sie fliegen oder schweben.

Fernando. Ziehn wir aus, sie zu empfangen!
Sich zuerst in Reihen stellen
Laßt die Bogenschützen, dann,
Die mit Pferden sind versehen,
Ebenfalls, nach ihrer Weise,
Mit den Harnischen und Speeren.
Auf, Enrique! Guten Anfang
Will uns dieser Anlaß schenken:
Sei getrost!

Enrique.             Ich bin dein Bruder,
Nicht erschreckt der Zeiten Wechsel
Jemals mich, noch würde selbst
Mich des Todes Antlitz schrecken. (Alle ab außer Brito.)

Brito. Mir kommt stets die Wache zu
Bei dem Troß im Hintertreffen.
O welch braves Scharmutzieren!
Schon sind sie im Handgemenge:
Ein gar herrlich Spiel mit Röhren!
Ich muß nur mich sicher stellen. (ab.)

 


 
Schlachtfeld.

Getümmel. Don Juan und Don Enrique und Truppen kommen im Gefecht mit den Mohren.

Enrique. Auf sie ein! ihr seht die Mohren
Schon besiegt den Rücken kehren.

Don Juan. Und sie räumen, voll von Beute,
Voll von ihrem Volk und Pferden,
Dieses Feld.

Enrique.               Wo Don Fernando
Sein mag, daß wir ihn nicht sehen?

Don Juan. Er ist so weit eingedrungen,
Daß das Aug' ihn nicht entdecket.

Enrique. Auf, Coutinho, ihn zu suchen!

Don Juan. Stets an deiner Seite steh' ich. (Alle ab.)

Don Fernando mit Muleys Säbel und Muley bloß mit seiner Tartsche treten auf.

Fernando. Auf dem Felde, das verlassen
Ein gemeinsam Grab darstellet
All der Leichen, wenn man's nicht
Will des Todes Bühne nennen,
Bist du, Mohr, allein geblieben,
Weil dein Kriegsheer überwältigt
Sich zurückzog und dein Roß,
Welchem Meere Bluts entquellen,
Eingehüllt von Staub und Schaum,
Den es selbst erregt und schwellet,
Dich verließ als eine Beute
Meiner kühnen starken Rechten,
Mitten unter der besiegten
Reiterscharen led'gen Pferden.
Ich nun, froh solch eines Sieges,
Der mich stolz macht und verherrlicht,
Mehr, als daß ich dies Gefilde
Sehe ganz bekränzt mit Nelken:
Denn so viel ist des vergoßnen
Bluts, womit es sich verbrämet,
Daß den Augen ein Erbarmen
Ward erregt, so groß und heftig,
Doch nicht Jammer stets zu schauen,
Nicht Verheerung stets zu sehen,
Daß sie unter all dem Roten
Spähten nach dem Grün des Feldes, –
Da nun endlich meiner Kraft
Unterlegen dein beherzter
Mut, griff ich ein herrenloses
Aus so viel verlornen Pferden:
Solch ein Wunder, daß, des Windes
Kind, es Anspruch am Geschlechte
Macht des Feuers, welche beide
Lügen straft, sie nicht erkennend,
Seine Farbe; da sie weiß ist,
Sagt das Wasser: Meiner Sphäre
Zeugung ist es, ich allein
Ließ gerinnen es von Schnee.
Wie der Blitz im hohen Schwunge,
Wie der Wind in seiner Schnelle,
War es nach der Weiße Schwan,
Schlange nach den blut'gen Flecken,
Stolz in seiner Schönheit Prangen,
In dem raschen Mut verwegen,
Freudevoll in seinem Wiehern,
In den Fersenbüscheln kräftig.
Auf den Sattel und die Kroppe
Uns zusammen beide setzend,
Brachen wir durch Meere Blutes,
Wo, in deren furchtbarn Wellen,
Dies beseelte Schiff, die Stirne
Wie zum Vorderteil verkehret,
Brechend durch die Purpurmasse,
Von dem Schweif zum Busch der Mähne,
Zwischen Schaum und Blut erschien –
Da ich's einmal Schiff genennet, –
Von vier Spornen nun verwundet,
Als ob es vier Winde drängten.
Es erlag zuletzt, wenn's Bürden
Gibt, die solchen Atlas lähmen;
Wiewohl die des Unglücks fühlen
Unvernünft'ge Tiere selber;
Oder sei's, daß es gerührt
Zu sich sprach im innern Regen:
»Traurig reiset der Alarbe,
Da der Spanier froh sich wendet;
Bin ich meinem Vaterlande
Denn nicht treulos und Verräter?
Hier will ich nicht weiter fort.« –
Und da du so traurig stehest,
Daß dein Herz, wiewohl, so sehr
Es vermag, es sich verstellet,
Durch den Mund und durch die Augen,
Als Vulkan' im Busen brennend,
Heiße Seufzer schickt zum Himmel
Und vergießet inn'ge Zähren:
So erstaunt mein Mut, zu sehen
Jedesmal, wann ich mich wende,
Daß ein Streich des Glücks den deinen
Konnte ganz danieder werfen.
Darum denk' ich, muß ein andrer
Grund es sein, was dich bedränget,
Weil der Freiheit wegen bloß
Es nicht recht noch schicklich wäre,
Daß so weichlich sollte weinen,
Wer so männlich weiß zu fechten.
Wenn der Uebel Mitteilung
Also Lindrung kann gewähren
Den Gefühlen, laß derweile,
Bis wir meinem Heer uns nähern,
Mein Verlangen deinem Kummer,
Wenn so großer Gunst es wert ist,
Diese Frage thun, verbindlich
Und mit freundschaftlichen Reden:
Was dich quält? denn nicht mehr dünkt mich,
Daß Gefangensein dich quäle.
Mitgeteilet, wird der Schmerz
Sanfter, wo nicht ganz gezähmet;
Und ich nun, als der am meisten
Teil gehabt an diesem Wechsel
Deines Glücks, will ebenfalls
Der sein, welcher tröstend hebet,
Was die Ursach deiner Seufzer,
Wenn es sonst zu heben stehet.

Muley. Tapfer bist du und so höflich,
Spanier, wie beherzt in Kämpfen;
Weißt zu siegen mit der Zunge,
Wie du siegtest mit dem Schwerte.
Dein war schon mein Leben, da du
Mich hast unter meinem Heere
Mit dem Schwert besiegt; doch jetzo,
Da mich deine Zunge fesselt,
Ist die Seele dein: so muß
Seel' und Leben sich bekennen
Dein, du bist der Herr von beiden,
Da du grausam bald, bald gnädig,
In der Sitt' und in den Waffen,
Zwiefach mich gefangen legest.
Von Erbarmen tief bewegt,
Mich zu hören und zu sehen,
Fragst du, Spanier, nach der Ursach
Meiner Seufzer, die so brennend.
Zwar bekenn' ich, daß das Leid,
Wiederholt, gesprochen, pfleget
Sich zu mäß'gen, doch nicht minder,
Daß, wer's wiederholt, begehret,
Es zu lindern; und mein Leid
Ist so meiner Freuden Herrscher,
Um nicht ihnen willzufahren
Und mir Lindrung zuzuwenden,
Möcht' ich nicht sie wiederholen;
Doch du kannst mir jetzt befehlen,
Und dir sagen will ich sie,
Meiner selbst und deinetwegen.
Muley Scheik heiß' ich mit Namen,
Bin in Fez des Königs Neffe,
Mein Geschlecht von vielen Paschas
Und von Beglerbeien glänzend.
So sehr war ich Sohn des Unglücks
Seit des Tages erstem Dämmern,
Daß ich in des Todes Armen
Lag schon an des Lebens Schwelle.
Ein verödetes Gefilde,
Das von Spaniern ein mächt'ges
Grabmal war, hatt' ich zur Wiege:
Gelves, damit du's erkennest,
Sah mich in dem Jahr geboren,
Wo ihr untergingt in Gelves.
Jung kam ich zum Dienst des Königs,
Meines Oheims; doch es trete
Gleich das Unglück auf und Leiden!
Ende jedes Glücks nur, ende!
Nach Fez kam ich; eine Schönheit,
Die ich allzeit angebetet,
Lebte dicht bei meinem Hause,
Daß ich stürb' um desto näher;
Und seit meinen ersten Jahren,
Daß sie würd' um so beständ'ger,
Diese Lieb', und mehr unmöglich,
Sie zu end'gen und zu brechen,
Wurden wir vereint erzogen.
Nicht als Blitz den Kinderseelen
Wies die Liebe sich: sie traf,
Was unmündig, schwach und zärtlich,
Mit mehr Kraft, als sie gekonnt
Das Erhabne, Hohe, Mächt'ge;
Ja, sie mußt', um zu beweisen
Ihre Macht und ihre Stärke,
Mit verschieden Widerhaken
Unsre beiden Herzen treffen.
Aber wie des Wassers Drang
Pflegt den Steinen einzuprägen
Seine Spur, durch die Gewalt
Nicht, nur weil es fällt beständig:
Durch ein ewiges Beharren
Haben so auch meine Thränen
Sich in ihres Herzens Stein,
Dem der Demant weicht an Härte,
Eingegraben, und mit nichten
Durch Gewalt vollkommnen Wertes;
Bloß durch meine große Liebe
Ließ sie sich erweichen endlich.
In dem Zustand lebt' ich dann
Ein'ge Zeit, die kurz nur währte,
Wo um mich in milden Lüften
Tausend Liebeswonnen wehten.
Ich entfernte mich zum Unglück;
Alles sagt dir dies Entfernen:
Denn indessen kam ein andrer
Freier, mir den Tod zu geben.
Er beglückt und ich unglücklich,
Ich entfernt, er gegenwärtig,
Ich gefangen und er frei,
Wird er mir mein Los entwenden,
Da ich dein Gefangner wurde:
Sieh, ob ich mit Recht mich quäle.

Fernando. Tapfrer und gewandter Mohr,
Wenn du, wie du sagst, anbetest,
So vergötterst, wie du schilderst,
Wenn du liebst, wie du's erhebest,
Wenn du eiferst, wie du seufzest,
Wenn du fürchtest, wie du wähnest,
Und so, wie du trauerst, liebest:
Wohl, so leidest du glückselig.
Keinen Preis für deine Lösung
Will ich, als daß du sie nehmest.
Kehre heim, sag' deiner Dame:
Ihr zum eignen Sklaven sende
Dich ein portugies'scher Ritter;
Und wenn dankbar sie begehret,
Mir den Preis für dich zu zahlen,
Sei mein Lohn dir abgetreten:
Nimm die Schuld in Lieb' ersetzt
Und um ihre Zinsen werbe.
Scheint es doch, als ob das Roß,
Das erliegend fiel zur Erde,
Durch die Ruh und die Erholung
Wiederum zu Kräften käme.
Weil ich weiß, was Lieben heißt,
Und was Zögrung bei Entfernten,
Halt' ich dich nicht länger auf;
Schwing dich auf dein Pferd und gehe.

Muley. Nichts erwidert meine Stimme,
Denn man kann dem freien Geber
Einzig durch Empfangen schmeicheln.
Sag', wer bist du? Laß dich kennen.

Fernando. Nur ein Edler und nichts weiter.

Muley. Wer du sein magst, du bewährst es.
So in gut als übler Zeit
Hast du mich zum ew'gen Knechte.

Fernando. Nimm das Pferd, es ist schon spät.

Muley. Wenn es dir so scheint, wie fänd' es
Der wohl, der, zuvor gefangen,
Frei zu seiner Dame kehret?

Fernando. Geben, mehr noch Leben schaffen,
Ist ein edles Thun.

Muley (hinter der Szene). Beherzter
Portugiese!

Fernando.         Noch vom Rosse
Spricht er: – Was ist dein Begehren?

Muley (hinter der Szene). Einst noch hoff' ich dir in Zukunft
So viel Gutes zu vergelten.

Fernando. Mög' es dich erfreun.

Muley.                                         Denn Wohlthun
Fällt ja wahrlich nie zur Erde.
Allah woll' dich schützen, Spanier.

Fernando. Dir, wenn Allah Gott ist, helf' er.

(Trommeln und Trompeten hinter der Szene.)

Doch welch Trompetenschmettern
Bestürmt die Gegend, trübt die Luft mit Wettern?
Und von der andern Seite
Vernehm' ich Trommeln: die Musik zum Streite
Ist beides.

Enrique tritt auf.

Enrique.           O mit Keuchen
Komm' ich, Fernando, um dich zu erreichen!

Fernando. Enrique, was fiel vor?

Enrique.                                         Der Töne Hader,
Von Fez und von Marokko die Geschwader
Stiften ihn; Tarudante
Steht bei dem Herrn von Fez, und der entbrannte
König kommt mit den seinen:
Dies Doppelheer will sich um uns vereinen,
So daß wir, ganz umlagert,
Zugleich hier sind Belagrer und belagert.
Wenn wir den Rücken kehren
Dem einen, können wir uns nicht erwehren
Des andern, denn von hier und dort geblendet
Stehn wir in Blitzen, die der Kriegsgott sendet.
Was soll'n wir thun, da so viel Stürm' uns trafen?

Fernando. Was? Sterben wie die Braven,
Als unerschrockne Geister.
Sind wir Infanten nicht, sind Ordensmeister?
Es wär' genug, daß wir zwei Portugiesen
Vom Volke wären, um nicht Furcht zu kennen
Von Angesicht: Avis und Christus nennen
Laßt uns mit lautem Schallen
Und für den Glauben fallen,
Da wir zum Sterben kommen.

Don Juan tritt auf.

Don Juan. Die Landung ward zum Unheil unternommen.

Fernando. Jetzt ist nicht Zeit zu Mitteln,
Die Arme müssen einzig es vermitteln,
Da beide Heer' uns in die Mitte raffen.
Wohlan: Avis und Christus!

Don Juan.                                     Waffen! Waffen!

Alle mit gezogenen Degen ab, die Schlacht wird geliefert, und Brito kommt.

Brito. In beider Heere Mitten
Sind wir gefangen, und da hilft kein Bitten:
Was für hundsfött'sche Worte!
Ließ doch das ew'ge Schloß der Himmelspforte
Nur eine Klinze offen,
Wo Zuflucht vor Gefahren könnte hoffen,
Wer mit herkam in Eile
Und weiß nicht wie, warum; doch eine Weile
Will ich zum Schein mich tot zu sein bequemen
Und will das für den Tod in Zukunft nehmen. (Er wirft sich an die Erde.)

Ein Mohr kommt im Gefecht mit Enrique.

Mohr. Wer setzt sich so zur Wehre,
Obschon mein Arm, ein Strahl der vierten Sphäre,
Ihn zückend will verderben?

Enrique. Nun wohl! muß ich auch straucheln, fallen, sterben
Auf lauter Christenleichen,
Dennoch soll nicht der Hände Kraft entweichen:
Sie mag des Namens Stelle dir vertreten.

Brito. Gotts Sakrament, wie gut der weiß zu treten!

(Sie treten über ihn weg und ab.)

Muley und Don Juan kommen im Gefecht.

Muley. Ja, tapfrer Portugiese,
Ob deine Stärke noch so groß sich wiese,
Verdrießt's nicht meinen Mut: an diesem Tage
Möcht' ich den Sieg euch gönnen.

Don Juan.                                             Grimm'ge Plage!
Daß, taumelnd und erblindet,
Mein Fußtritt nichts als Christenleichen findet!

Brito. Was ihm geschenkt sein sollte,
Mein bester Herr, wenn er nicht treten wollte.

(Sie treten über ihn weg und ab.)

Fernando kommt, indem er sich vor dem Könige und andern Mohren zurückzieht.

König. Gib, stolzer Portugiese, deinen Degen!
Kann ich dich lebend hegen
In meiner Macht, verheiß' ich
Dein Freund zu sein. Wer bist du? rede! sage!

Fernando. Ein Ritter bin ich, frage
Nicht mehr, gib mir den Tod.

Don Juan kommt und stellt sich neben ihn.

Don Juan. Erst, hoher Herr, sei meine Brust bedroht!
Als diamantne Mauer
Soll sie beschirmen deines Lebens Dauer,
Fernando, mir so teuer!
Auf, zeige jetzt das angestammte Feuer!

König. Warum noch zögr' ich lange,
Da ich dies höre? Haltet! ich verlange
Nicht höhern Preis vom Kriege:
Dieser Gefangne gnügt zu meinem Siege.
Und weil denn vom Verhängnis
Dein Tod beschlossen oder dein Gefängnis,
Fernando, gib den Degen
Dem Herrn von Fez.

Muley kommt.

Muley.                             Wobei bin ich zugegen?

Fernando. Ihn einem König geben
Will ich; Verzweiflung wär's, noch widerstreben.

Enrique kommt.

Enrique. Mein Bruder hier gefangen?

Fernando. Enrique, hemme dein wehklagend Bangen,
Denn in des Zufalls Reiche
Sind dies des Glückes widerwärtige Streiche.

König. Enrique, in die Hände
Fiel Don Fernando mir: wie leicht ich's fände,
Die Uebermacht zu zeigen
Durch euren Tod, so will ich, was mein eigen,
Für heute nur beschützen;
Denn euer Blut kann nicht so viel mir nützen
Zu weltberühmten Ehren,
Als euer Leben dient, sie mir zu mehren.
Und daß vom Lösegelde
Man um so pünktlicher dem König melde,
Kehr' du zurück; zum Pfande
Bleibt hier Fernando, bis aus diesem Stande
Du kommst ihn zu erlösen.
Doch sag' dem Eduard, daß, ihn auszulösen
Er nur vergeblich sende,
Gibt er mir Ceuta nicht durch seine Hände.
Und Eure Hoheit wolle,
Damit ich Dank für so viel Ruhm ihr zolle,
Mich nun nach Fez begleiten.

Fernando. Mich soll'n die Strahlen meiner Sphäre leiten.

Muley (beiseite). Daß mich noch mehr in Engen,
O Himmel! Eifersucht und Freundschaft drängen.

Fernando. Enrique, hier gefangen
Macht weder Uebel mich, noch Glück erbangen.
Doch unserm Bruder sage,
Daß er sich wie ein christlich Haupt betrage
Bei meinem Unglücksfalle.

Enrique. Wie? kennen wir nicht seine Großmut alle?

Fernando. Dies heiß' ich dich betreiben:
Er handle wie ein Christ.

Enrique.                                   Nicht außen bleiben
Will ich, so wahr ich's bin.

Fernando.                                   Laß dich umschlingen.

Enrique. Du bist Gefangner und legst mich in Schlingen!

Fernando. Don Juan, leb wohl!

Don Juan.                                   Ich bleibe dir vereinet,
Schick' mich nicht von dir.

Fernando.                                   Freund, der's redlich meinet!

Enrique. Weh diesem Unglückstage!

Fernando. Sag' du dem König, – aber nichts ihm sage:
In tiefem Schweigen bringt das bange Wähnen
Dem König, meinem Bruder, diese Thränen. (Alle ab.)

Zwei Mohren kommen und sehen den Brito als tot liegen.

Erster Mohr. Ein Christen-Leichnam ist's, den ich hier sehe.

Zweiter Mohr. Daß keine Pest entstehe,
Werft nur ins Meer die Toten.

Brito. Wenn ich euch erst, die Köpfe wohl zerschroten,
Auf Hieb und Stich bewiesen,
Auch noch gestorben, sein wir Portugiesen. (Er verfolgt sie mit Degenstichen.)

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