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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 7
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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6.

Die Nachricht vom endlichen Beginn des lange verschobenen Eisenbahnbaus sowie von der Bestimmung Schattendorfs zum Sitz einer Bausektion hatte sich schnell durch die ganze Ortschaft verbreitet. Auch die hartnäckigsten, infolge mehrfacher Verzögerungen einigermaßen gerechtfertigten Zweifel mußten verstummen vor der Tatsache, daß sich der Sektionsingenieur und sein Assistent bereits in Schattendorf befanden, im Wirtshaus ihr Quartier aufgeschlagen und im Spruchbauernhof die Bureauräume gemietet hatten.

Und das lang erwartete Ereignis wurde in jedem Hause ohne Ausnahme mit ungemischter Freude begrüßt. Wurden dadurch doch alle Interessen der Einwohnerschaft günstig beeinflußt. Denn nicht nur, daß Schattendorf nach vollendetem Bau an dem Nutzen teilnahm, der ihm durch den Anschluß an das Bahnnetz aus dem gesteigerten Verkehr resultierte, auch schon in der 30 Gegenwart erwuchsen der Dorfbevölkerung aus dem Bau sehr erhebliche Vorteile.

Da nämlich kein Mensch, mag er auch wohlhabend sein, es verschmäht, Geld zu verdienen, so konnten die Großbauern auf lohnende Fuhren für ihr Zugvieh rechnen, auch stiegen ihre in der Nähe der Linie befindlichen Sandgruben und Steinbrüche bedeutend im Wert. Die Kleingütler und Leerhäusler sodann hofften auf Erwerb im Taglohn und sogar solche Leute, die nur ein überzähliges Bett und eine unbewohnte Kammer besaßen, gedachten durch Überlassung derselben an die ortsfremden Arbeiter recht großen Profit einzuheimsen; von jenem, den der Wirt, die Bäcker und Metzger machen wollten, gar nicht zu reden.

So kam es, daß der jetzt seiner Verwirklichung entgegengehende Bau im Dorf und der ganzen Umgegend das fast ausschließliche Gesprächsthema bildete; sogar auf des Wiesenbauern Grundstück unterhielten sich die Leute nur von dem willkommenen Ereignis, während sie im Schweiße ihres Angesichts das Grummet mit dem Rechen umkehrten, damit es schneller dürr wurde, oder die trockenen Schwaden häufelten, um sie mit den Heugabeln aufzuspießen und auf die Leiterwagen verladen zu können. Das Heumachen gilt für keine schwere Arbeit; der Landmann muß sich beim Ackern und Ernten, im Feld und auf der 31 Flur meistens viel mehr anstrengen. Aber die Sonne brannte heute so stechend heiß und die vor Hitze zitternde und flimmernde Luft war so schwül, daß selbst der leichte Rechen in den Händen der fleißigen Heuer zum Bleigewicht wurde.

Unter den Leuten des Wiesenbauern befand sich auch Stephan; er hatte sein Wort gehalten und sich nicht nur persönlich, sondern auch mit zwei vollständigen Gespannen zur Mithilfe eingestellt. Weil nun in seinem Hof das Baubureau eingerichtet wurde, bestürmten ihn der Wiesenbauer sowie jeder, der beim Grummetrechen in seiner Nähe kam, mit allen möglichen neugierigen Fragen. Das war ihm aber sehr unlieb; denn einesteils konnte er auf das, worüber er gefragt wurde, meistens keinen Bescheid geben, weil die Dinge ihm selbst unbekannt waren; andrerseits widersprach das viele unnütze Reden seinen Gepflogenheiten. Er hätte lieber seinen Gedanken Audienz gegeben und wie er es auch bei fleißiger, aber nur mechanischer Arbeit gewöhnt war, still sinnend vor sich hingedämmert. Seine Antworten fielen deshalb nur sehr wortkarg aus.

Am meisten quälte ihn des Wiesenbauern Lene mit ihrer unersättlichen Neugier. Wie er es vorausgesagt, hatte sie sich, um ihm zu gefallen, wieder in einen Staat geworfen, der zu der staubigen Verrichtung des Heuens nicht im geringsten paßte; 32 dabei verstand sie es, ihren Platz so auszusuchen, daß sie entweder stundenlang an seiner Seite blieb, oder beim Auf- und Abschreiten der Wiese ihm doch immer wieder begegnete. Und während der ganzen Zeit stand ihr flinkes Zünglein fast niemals still.

»Stephan,« fing sie nach einer kurzen Pause wieder einmal an, »ist so ein Sezzionsinschinier ein großes Tier?«

»Wie meinst denn das?«

»Ob er halt ein hoher Beamter ist.«

»Ich weiß nicht, was für einen Rang er einnimmt.«

»Bist Du so dumm? Du hast doch studiert, bist in Rengsburg g'wesen, sagen d' Leut', und weißt nie nichts, wenn man Dich um 'was fragen tut. Scham' Dich! Ich möcht' ja nur wissen, wer mehr ist, so ein Sezzionsinschinier – bald hätt ich g'sagt: Sezzionsschinder, hahaha! – oder der G'richtsdiener, der allemal aus der Stadt ausserkommt und den armen Leuten 's Vieh wegpfänd't, wenn s' nicht zahlen können.«

»Ich glaub', der Herr Ingenieur wird halt so 'was sein in seiner Art wie ein Landrichter oder ein Assessor drinn beim G'richt.«

»Dunnerschlag! Da wär' er ja besser dran wie der Herr Oberschreiber, der dem Wirt von Schalkenbach seine bucklige Tochter g'heirat' hat. Das 33 schieche Luder schaut unsereins gar nimmer an, seit s' einen Mann derwischt hat, der beim Rentamt ein Platzl hat. Die Botenchristl sagt, am Sonntag tät s' allemal mit einem seidenen Kleid in d' Kirchen steigen. So ein Hoffartsnarr! So ein grasgrüner Aff'! Dessentwegen ist und bleibt sie ja doch nur die bucklige Wirtsgret von Schalkenbach. – Was hat denn der Sezzionsinschinier für einen Lohn?«

»Das weiß ich nicht.«

»Schon wieder nicht? Er hat sich doch eing'stift in Deinen Hof.«

»Nur drei Stuben hat er gemietet, worin er sein Bureau einrichtet. Aber deshalb werd' ich ihn doch nicht fragen, wie hoch sein Gehalt ist?«

»Weil D' halt ein Lapp bist, der sein Maul nicht aufmachen mag. Dir muß man ja jedwedes Wörtl abkaufen. Wenn die Fremden wo anders eing'stift' hätten, alsdann wüßt' jetzt sicher schon 's ganze Dorf, wie und was und woran man wär'. Aber von Dir kann kein seliger Mensch 'was G'scheits ausserbringen. Scham' Dich noch einmal! Leicht weißt auch nicht, wie der Inschinier heißen tut.«

»Ja, doch!«

»Nun so sag's!«

»Pracher heißt er.«

»Und sein Schreiber?«

34 »Der Herr Strobl ist kein Schreiber, sondern Bauzeichner und dem Ingenieur sein Assistent.«

»Ist so ein Ansistent auch ein großes Tier?« –

Man wird mir zustimmen müssen, daß des Wiesenbauern Lene eine recht sonderbare Art hatte, dem jungen Gutsbesitzer, den sie sich zum Mann einfangen wollte, um den Bart zu streichen. So ging das Geplapper eine geschlagene Glockenstunde in einem Saus fort, ohne daß das Mundwerk des Mädchens zu Ruhe kam. Stephan stand dabei wie auf Kohlen; er fühlte sich vom Wesen der ihm zugedachten künftigen Hausfrau innerlich je länger desto mehr abgestoßen und gelobte im stillen sich selbst, das Mädchen niemals – nein, unter keinen Umständen als Bäuerin in seinen Hof einzuführen. Während er sich aber heimlich sehnte, nur bald wieder wenigstens eine Zeitlang aus Lenes ihm unsympathischer Nähe zu kommen, beobachtete der Wiesenbauer schmunzelnd das Paar aus der Ferne und freute sich, als er seine Tochter so unausgesetzt plaudern sah, über den Fortschritt, den seine und der Spruchbäuerin Pläne zu machen schienen.

Da nahte für Stephan endlich der Moment der Erlösung. Aber freilich wuchs sich die Veranlassung dazu zu einer sehr widerwärtigen Szene aus. – 35

 


 

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