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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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5.

»Herein!« rief der Spruchbauer.

Zwei Männer traten über die Schwelle. Beide trugen graue Lodenjoppen, ebensolche Beinkleider und Stiefel mit langen Schäften; die runden Filzhüte hatten sie abgezogen und hielten sie in den Händen. Obwohl also ihr Gewand von der landesüblichen Bauerntracht nur wenig verschieden war, verrieten doch Haltung, Gesichtsausdruck und die weißen geschonten Hände auf den ersten Augenblick, nicht nur daß die Ankömmlinge Städter waren, sondern auch daß sie den gebildeten Ständen angehörten.

»Guten Tag!« begann der eine, der eine goldene Brille trug und dessen scharf gezeichnetes intelligentes Gesicht von einem blonden Vollbart umrahmt wurde, »wie mir scheint, haben wir die Ehre, den Herrn Stephan Niedermaier gleich bei unserm ersten Besuch zu Hause anzutreffen.«

»Ja, ich bin der Bauer Niedermaier,« gab Stephan zur Antwort. »Was wär' den Herren 'leicht g'fällig?«

23 »Vor allem wollen wir uns Ihnen vorstellen. Ich bin der Abteilungs-Ingenieur Pracher und von der K. Regierung beauftragt, die Trassierungsarbeiten für die Bahn von Großenwöhrd über Schattendorf nach Amberg von hier aus vorzunehmen, und mein Begleiter ist mein Assistent, Herr Bauzeichner Strobl.«

»Ah!« rief der Spruchbauer überrascht aus, »wird's endlich doch einmal Ernst mit dem Bau von deriger Eisenbahn? Man hat schon so lang nichts mehr davon g'hört, daß wir Schattendorfer alle miteinander 'glaubt haben, die ganze G'schicht' wär' wieder eing'schlafen.«

»An der Verzögerung waren nur die Großenwöhrder Bauern schuld,« entgegnete der Ingenieur, »weil sie Schwierigkeiten machten wegen der Grundabtretung. Diese sind aber jetzt beseitigt, und deshalb soll sofort mit den Arbeiten begonnen werden.«

»Nun, – da wird's wohl bald auch in Schattendorf recht lebendig zugeh'n.«

»Gewiß, Herr Niedermaier, es wird ein großer Zuzug von fremden Arbeitern stattfinden, um so mehr als Schattendorf zum Sitz der Bausektion bestimmt ist, deren Vorstand ich bin. Und dieser Umstand führt mich auch dazu, Ihnen in Kürze die Ursache unseres Besuches mitzuteilen.«

24 »Wenn ich schön bitten dürft',« erwiderte der Spruchbauer höflich.

»Zur Einrichtung meines Baubureaus und eines großen Zeichensaales habe ich nämlich einige helle geräumige Stuben nötig, die ich allerdings im hiesigen Wirtshaus hätte mieten können. Allein wegen des lauten Verkehrs der Gäste ist es mir dort zu unruhig. Überdies wird es, wenn einmal die Arbeiter zuströmen, im Gasthaus bald noch lärmender werden. Ich habe deshalb mit dem Gemeindevorsteher Rücksprache genommen, und der hat mich an Sie gewiesen, weil nur noch in Ihrem Hause Zimmer, wie ich sie brauche, vorhanden seien. Ich wende mich daher an Sie, Herr Niedermaier, mit der Bitte, mir ein paar passende Räume abzulassen.«

Der Spruchbauer kraute sich hinter den Ohren und sah fragend auf seine Mutter, die der Unterredung mit neugierigem Interesse zugehorcht hatte.

»Mit Verlaub,« ergriff sie statt ihres Sohnes das Wort, »aber das wird sich halt nicht machen lassen.«

»Warum nicht?« fragte der Ingenieur mit enttäuschter Miene.

»Es ist keine junge Frau im Haus, die nach den Herren sehen und ihnen die Kost richten und alle Arbeit b'sorgen könnt'. Ich bin nur die Mutter 25 vom Bauern und hab' bei meinem Alter eh schon g'nug z'tun mit uns'rer großen Wirtschaft und mit der Kocherei für so viele Dienstboten. Da können wir nicht auch noch zwei fremde Herren in d'Loschie nehmen.«

»Sie irren sich, gute Frau,« wandte der Ingenieur ein. »Wir wollen weder bei Ihnen logieren noch beanspruchen wir irgendwelche Verpflegung. Zum Wohnen, Essen und Schlafen haben wir uns nämlich schon im Gasthaus eingemietet. Von Ihnen und Ihrem Herrn Sohn erbitte ich nur die Abtretung einiger heller Stuben zu Bureauzwecken. Wir werden uns nur bei Tage darin aufhalten und Ihnen so wenig Mühe machen wie möglich. Die tägliche Reinigung der Bureauräume kann ja leicht eine von Ihren Mägden besorgen.«

»Wenn die Sach' so steht, Mutter, alsdann glaub' ich doch, daß wir die Herren nicht fortweisen dürfen,« meinte der Spruchbauer. »Platz haben wir ja g'nug, und zum Reinmachen von denen Stuben wird sich leicht auch noch wer auftreiben lassen.«

»Meinetwegen denn auch!« stimmte die Bäuerin schließlich bei.

Stephan lud die zwei Herren, nachdem die Unterhandlungen soweit gediehen waren, zu einem Gang durchs Haus ein, um die von ihnen 26 gewünschten und für ihre Absichten geeigneten Zimmer auszusuchen. Das war bald geschehen und eben so schnell war man über den Mietpreis einig geworden; denn die Fremden knauserten nicht. Mit einem Händedruck verabschiedeten sie sich nach dem zu ihrer Befriedigung abgeschlossenen Geschäft vom Spruchbauer.

Als dieser in die Wohnstube zurückkehrte, wurde er von seiner Mutter mit gelinden Vorwürfen empfangen, die übrigens nicht so böse gemeint waren. Sie ergriff nur die günstige Gelegenheit, um ihm wieder einmal wie schon so oft die baldige Erfüllung ihres Lieblingswunsches ans Herz zu legen.

»Stephan! Stephan!« begann sie zu schmälen, »machst Du Dir denn gar kein G'wissen draus? Jetzt lad'st Deiner alten Muttern noch mehr Arbeit auf, als ich schon hab'. Jetzt muß ich die fremden Stadtleut' auch noch bedienen.«

»Aber Mutter!« verteidigte sich der Bauer, »Dir ist's doch selber recht g'wesen, daß ich die Herren nicht abg'wiesen hab'. Und das bißl Stubenauskehren und Fegen wird unsere Mägd' auch nimmer umbringen.«

»Recht soll mir's g'wesen sein, daß D' denen Fremden nachgeben hast? Nein, – ich hab Dir nur nicht widersprechen mögen, weil ich g'merkt 27 hab, daß Du sie doch gern ins Haus nehmen tätst. Und mit den Mägden ist es auch so eine Sach'. Die tollpatschigen Dinger können nur den Stall ausräumen, aber wie man eine feine Stuben instand halten muß, davon wissen s' einen Pfifferling. Da muß halt ich wieder die Arbeit tun, wenn ich mir nicht extra ein Zimmermädel einstellen will für die Herren Eisenbahner. – Ja, wenn eine junge Frau im Haus wär', die mir auch eine Sorg' abnehmen tät' und eine von meinen vielen Plagen! Aber so vergeht eine Zeit um die andere, Du rührst Dich nicht und reibst Dich nicht, und kein Mensch hört ein Sterbenswörtl davon, daß D' endlich einmal heiraten willst!«

»Aha! Bist also glücklich wieder an'kommen bei dem bewußten Punkt? Sogar die neue Eisenbahn muß Dir Grund und Ursach' dazu geben. O Du schlaues, gut's Mutterl! Aber da hilft Dir all Deine Schlauheit nichts. Solang ich keine Hochzeiterin find', die mir durch und durch g'fallt, heirat' ich nicht. Dabei bleib' ich steh'n.«

»Wo willst denn jetzt hin?« fragte die Bäuerin, da Stephan seinen Hut vom Kleiderrechen nahm und sich anschickte, aus der Stube zu gehen.

»Wo ich vorhin schon hing'wollt hab, wie die fremden Herren dazwischen 'kommen sind. Ich 28 schau' nach, ob der Michl schon eing'spannt hat, um aufs Feld z'fahren.«

»Sag' mir doch z'erst, was ich dem Wiesenbauer für eine Post ausrichten soll. Hilfst ihm morgen bei seinem Grummet oder nicht?«

»Sag' ihm halt: ja, ich will helfen dabei. – Ich weiß ja doch, daß ich Dir damit einen größeren G'fallen tu als ihm selber.« – – 29

 


 

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