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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 31
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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30.

Der Tag des Erntefestes brach an und wurde vom schönsten Wetter begünstigt. Schon vom frühen Morgen an war die Kirche mit Andächtigen gefüllt, die dem Allerbarmer ihre Dankgebete darbrachten für die große Güte, mit welcher er auch in diesem Jahre wieder die Früchte des Feldes gesegnet und geschützt hatte, daß sie, vom verwüstenden Hagelschlag verschont, in überreicher Menge eingeheimst werden konnten. Zu jener Zeit, wo die Hagelversicherung noch nirgends auf dem Lande tiefere Wurzeln geschlagen hatte, war das Gefühl der Abhängigkeit von der Hand des Allmächtigen unter dem frommen Volk viel lebhafter als heutigen Tags, und deshalb, wenn eine Ernte ohne schädliche Elementarereignisse zustande gekommen war, auch das Dankopfer intensiver. Damit soll aber beileibe nicht gesagt sein, daß unsere tüchtige, kernhafte Bauernsame gegenwärtig weniger gottvertrauend wäre. Es soll nur hervorgehoben werden, daß man damals über eine glücklich heimgebrachte Ernte doppelt froh war, 191 weil es im gegenteiligen Falle auch keine Assekuranz-Entschädigung gegeben hätte.

In ganz Schattendorf herrschte also die freudigste Stimmung, welche sich auch auf die fremden Bahnarbeiter mit erstreckte. Denn da heute in allen Häusern gekocht, gebacken und gebraten wurde, und man die bei den Bauern wohnenden Fremden gewissermaßen als zum Haushalt gehörig betrachtete, fiel vom Festmahl auch für diese ein vollgestrichenes Maß ab. Selbst jene an den Baracken gingen nicht ganz leer aus; infolge des ausgiebigen Verdienstes hatten ja alle hinlängliche Barmittel, sich einen guten Tag anzutun, und daß keiner verhungern oder verdursten mußte, dafür hatte der Wirt schon gesorgt. Und zu den Gaumengenüssen, die, wie der Volksmund sich ausdrückt, Leib und Seele zusammenhalten, kam noch überdies die Aussicht auf einen lustigen Tanz!

Denn nachdem man Gott die Ehre gegeben und auch am Nachmittag die Kirche wieder besucht hatte, kam nach beendigter Vesper das Vergnügen gleicherweise zu seinem Recht. In der Voraussicht, daß die Eisenbahner der Lustbarkeit in Scharen zuströmen und die Räumlichkeiten des einzigen Wirtshauses deswegen nicht ausreichen würden, hatte man einen größeren Tanzplatz im Freien aufgeschlagen.

192 Unter der uralten Dorflinde, die vor dem Wirtshaus ihre dichtbelaubten, schattenspendenden Äste weithin ausbreitete, war auf einer Unterlage von Balken, aus starken glatt gehobelten Dielen ein großes kreisrundes Podium hergestellt worden, dessen Centrum der mächtige Lindenstamm bildete. Rings um den letzteren lief ein Gerüst mit Sitzbänken, welche für die Musikanten bestimmt waren. Der so vorbereitete Tanzboden entsprach allen Anforderungen des Augenblicks: er bot hinlänglich Platz für viele, ihn zu gleicher Zeit benützende Paare; er war glatt und gut gefügt, damit die Schuhe der Mädchen leicht darüber glitten, und zudem gab er, weil er hohl auf den Balken lag, für die schweren genagelten Stiefel der Jungmannschaft die nötige Resonanz. Denn die Hauptforce der Dorfburschen bestand ja darin, beim Tanzen mit aller Wucht den Boden zu stampfen, und wenn es da nicht gedröhnt und gedonnert hätte, wie bei einer Kanonade, dann wäre es nicht schön und das Vergnügen nur halb so groß gewesen.

Über dem ganzen Dorf lag also die Freude des Erntefestes, und nach der Vesper umstanden Alt und Jung den improvisierten Tanzplatz in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten. Ihre Geduld wurde auch nicht auf die Folter gespannt. Die Musikanten waren mit ihren Verrichtungen 193 auf dem Kirchenchor fertig und nahmen, nachdem sie sich zuerst mit einem frischen Trunk die Kehlen angefeuchtet, sofort ihre Plätze ein.

Dann gab es einige Minuten lang ein unharmonisches Durcheinanderwogen von Tönen, verursacht durch das Stimmen der Musikinstrumente. Es schien, die Geigen und Trompeten, die Hörner und Klarinetten zankten sich, und eine Partei wolle die andere im wilden Wirrwarr überschreien. Doch das ging bald vorüber.; eine Stille trat ein, daß man das leise Säuseln der Lindenblätter vernahm, – der ländliche Kapellmeister musterte mit einem stummen Feldherrnblick seine Truppen, – fuchtelte einen Moment mit dem Fiedelbogen in der Luft herum, womit er ihnen den Takt zu einem flotten Ländler bezeichnete, und – dann brach's plötzlich los!

Hei! Wie kreischten die Geigen und jubelten die Flöten! Die Hörner jauchzten, eine Trompete schmetterte dazwischen und das Klarinett kletterte so verwegen auf der Leiter der schrillsten allerhöchsten Töne herum, daß man Angst bekam, es könnte einmal schwindlig werden und in die tiefste Tiefe des Bombardons hinabpurzeln. Auch der Brummbaß schnurrte ein kräftiges Wort und hielt die anderen Instrumente, wenn sie, zu Unfug geneigt, nicht parieren wollten, mit überlegener Ruhe im Takt.

194 Schon drehten sich auch die ersten Paare im wirbelnden Reigen; Knechte und Mägde waren es und allen voran einige flinke Eisenbahner, die sich aus dem Schwarm der Zuschauer die nächsten besten Mädel herausholten und mit den nur wenig widerstrebenden auf das Podium sprangen. Und in kürzester Zeit war der geräumige Tanzplatz fast überfüllt. Die Burschen schrien Juhu und trommelten mit den nägelbeschlagenen Stiefelsohlen auf den Brettern, daß es krachte, und die Mädchen glichen Kreiseln; sie schwangen sich so behend um sich selbst, daß die Röcke flogen und dicke Schweißtropfen über ihre rotglühenden Gesichter rannen. Das war eine Lust, das war ein Vergnügen! –

Es ist in der Oberpfalz nicht wie anderswo in Ackerbau treibenden Gegenden Deutschlands Brauch und Sitte, daß beim Erntetanz die Herrschaft sich unter die Dienstboten mischt, und daß die Gutsfrau wohl selbst mit dem Großknecht den Reigen anführt. Der ländliche Ball beim Erntefest ist ausschließlich für die Dienstboten bestimmt; der Bauer und seine Familienangehörigen halten sich ferne davon. Dagegen hat sich in einigen Teilen des südlichen und südöstlichen Stiftlands ein anderes altes Herkommen eingebürgert und bis auf den heutigen Tag erhalten. Wenn nämlich eine ledige Bauerntochter gleichwohl zum 195 Erntetanz geht, so geschieht dies nur in Gesellschaft ihres erklärten Bräutigams oder Liebhabers, mit welchem sie dann auch die ersten drei Runden macht. Eine Bauerntochter, die unter den Ehehalten mittanzt, gibt also dadurch zu erkennen, daß sich zwischen ihr und ihrem Begleiter etwas Ernsthaftes angesponnen hat, – daß dieser Bursch ihr richtiger Schatz ist. Und meistens folgt darauf schon bald die eigentliche Verlobung mit dem so Ausgezeichneten.

Auf diesen auch in Schattendorf geltenden Brauch, der beinahe der Wirkung eines Eheversprechens gleichkam, hatte der italienische Unternehmer seine Spekulation aufgebaut. Wenn es ihm gelang, Lene zur Teilnahme an der Belustigung der Ehehalten zu bewegen, und wenn sie ihm dabei den ersten Tanz gewährte, dann hatte er gewonnenes Spiel. Denn vom gleichen Augenblick an wurde er im Dorf als der begünstigte Bewerber um Lenes Hand betrachtet, und es wäre wohl auch dem alten Wiesenbauern schwer gefallen, ihm seine Tochter und ihr Vermögen zu verweigern. Er hätte dadurch mit einem aus Urväterzeiten überlieferten lokalen Herkommen gebrochen, und so etwas tut der Bauer nur äußerst selten und ungern. Auch wäre Lene damit ein neuer Makel angehängt worden: zuerst ging schon ihre Heirat 196 mit dem Spruchbauer in die Brüche, und mit Herrn Bonatesta sollte es ebenso gehen? Welch ein gefundenes Fressen wäre das gewesen für die Lästermäuler im Dorf!

Deswegen war der Italiener auch so erpicht, die Bedingungen zu erfüllen, unter welcher allein das Mädchen sein Erscheinen beim Erntetanz zugesagt hatte. Den ganzen Tag über war er nicht aus dem Haus gegangen, und als gegen Abend die ersten Klänge der Musik an sein Ohr drangen, da zitterte er vor Ungeduld. Wenn nur schon die Zeit zum Rosenkranz da wäre! Wenn er statt des Gefiedels und Getutes lieber das Glockenzeichen zu dieser letzten kirchlichen Andacht hören würde! Dann könnte es höchstens noch eine halbe Stunde dauern, bis das Gebet zu Ende und die Kirche versperrt wurde. Und dann – ein häßlicher Zug breitete sich über sein braunes Gesicht – trug er den Knotenstock hoffentlich nicht mehr umsonst herum. –

So langsam es dem Italiener auch bedünken mochte, die Minuten verstrichen doch und wurden zu Stunden, und endlich läutete vom Turm herab ein Glöcklein mit zart vibrierender Stimme.

Beim ersten Ton desselben schlüpfte Bartolo Bonatesta in seine Samtjacke und setzte den 197 schwarzen Kalabreserhut auf. Dann griff er nach dem Stock, wog ihn mit grimmigem Lächeln in der Hand, und verließ hierauf das Haus. Als er hinaus auf die Gasse trat, benützte er jedoch nicht diese, sondern er schlug einen Feldweg ein, auf welchem er, anscheinend ruhig und doch mit heftig klopfenden Pulsen um das Dorf herumschlenderte, – der Kirche, dem Pfarrhof zu. – – 198

 


 

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