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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 28
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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27.

Nun ist es Zeit, daß wir uns auch um Kreszenz ein wenig umschauen.

Die Waise hatte also aus dem Spruchbauernhof in das Pfarrhaus übersiedeln müssen, und das war ihrerseits keineswegs mit frohem Herzen geschehen. Es fiel ihr doch recht schwer, schon wieder den Aufenthalt zu wechseln, nachdem sie kaum eine neue dauernde Unterkunft gefunden zu haben glaubte. Hatte sie denn in Schattendorf gar kein Glück? Verfolgte sie das Mißgeschick von einem Haus ins andere?

Zuerst war sie gezwungen gewesen, im Wiesenbauernhof als verachtetes Aschenbrödel die ihr widerwillig zugeworfenen Brosamen härtester, demütigender Dienstbarkeit aufzulesen; man hatte sie dort gelästert und geschmäht und obwohl sie sich nicht der geringsten Schuld bewußt war, doch erbarmungslos aus dem Hause geworfen. Freilich stellte dann ihr Schutzengel einen braven Mann auf den Weg, welchen sie eingeschlagen hatte, um in ihren Geburtsort zurückzuwandern, und dieser 173 Brave bot ihr sein Haus zur Wohnstätte an und führte sie seiner Mutter zu.

Aber auch dort war ihres Bleibens nicht. Sie sollte, wie ihr die Spruchbäuerin erklärte, sich zur Köchin ausbilden, und mußte deshalb Stephans Haus mit dem Pfarrhof vertauschen. Im Frieden dieser stillen Räume war sie allerdings geborgen vor dem Schmutz, mit welchem die Eifersucht und der Haß Lenes sie hatte besudeln wollen; bis dahin drang kein Hauch der Verleumdung, und Kreszenz hatte, zum Glück für ihre Seelenruhe, nicht einmal eine Idee von den böswilligen Gerüchten, die Lene über sie auszustreuen bereit gewesen war. Jedoch eine Schattenseite – wenn es erlaubt ist, sich so auszudrücken – besaß für sie sogar der Pfarrhof.

Der geistliche Herr und sein Vikar waren nämlich schon sehr alt, die Haushälterin vielleicht noch älter, und sie bildeten trotz aller Güte, mit welcher sie das Mädchen behandelten, doch nicht die für ein blutjunges Ding von achtzehn Jahren ausschließlich passende Gesellschaft. Kreszenz fehlte der Umgang mit gleichalterigen Kamerädinnen, die so dachten und empfanden wie sie selbst. Sie fühlte sich weltabgeschieden und einsam, und dieses Gefühl bedrückte sie, obgleich keine Sehnsucht nach Lärm und geräuschvollen Vergnügungen in ihr lebte. Dann und wann eine kleine Zerstreuung, 174 eine Abwechslung im Einerlei des bescheidenen Tagewerks hätte ihr wohl gut getan.

Hiezu kam noch, daß die Arbeiten, die man ihr im Pfarrhof übertrug, sie nur mäßig in Anspruch nahmen. Kreszenz behielt daher viel freie Zeit übrig und, von äußeren Einflüssen nicht abgelenkt, beschäftigte sie sich in ihren Mußestunden meistens nur mit ihren eigenen Gedanken. Da traten dann die Bilder der verstorbenen Eltern wieder vor ihre Seele und die Erinnerung an alles, was sie während ihres kurzen, entbehrungsreichen Daseins erfahren und erduldet hatte. Darf es uns wundern, daß solche Reminiszenzen das arme Mädchen traurig stimmten? Für wunde Herzen hat auch die friedliche Stille eines Pfarrhofes nicht immer die Wirkung eines heilsamen Balsams.

Aber einige Lichtpunkte hatte ihr freudeloses Leben gleichwohl aufzuweisen, und an diese klammerten sich ihre arbeitenden Gedanken stets wieder und um so inniger, je mehr die Stille und Einsamkeit ringsum sie manchmal belastete. Das war die Erinnerung an zwei einfache Vorfälle, die aber für das verlassene Geschöpf nach und nach die Bedeutung von höchst wichtigen Ereignissen gewannen. Denn sie zeigten, daß es trotz der Selbstsucht und hochmütigen Überhebung, welche schon alle guten Eigenschaften des Menschengeschlechtes 175 überwuchert zu haben scheinen, doch immer noch gute Leute gibt, die für ihren Nächsten ein mitfühlendes Herz besitzen. Wenn es nicht so wäre, fragte sich Kreszenz, hätte dann ihr, der armen Magd, ein junger, reicher Bauer, der ans Befehlen gewöhnt war, wohl freiwillig die schweren Eßkörbe abgenommen und sie eine lange Strecke getragen? Hätte dann der gleiche junge Mann so lieb und gut mit ihr geredet, als sie in die Fremde wandern sollte? Was war sie ihm und was konnte sie ihm sein? Er hatte ja schon genug Mägde, tüchtige und kräftige Dirnen, die sich Liedlohn und Kost rechtschaffen verdienten; er brauchte sich um kein schwächliches Mädchen mehr umzutun, das von der Feldarbeit rein nichts verstand. Und doch hatte er sie zur Umkehr bewogen und als neue Magd seiner Mutter zugeführt! Welch ein Mann! Welch ein lieber, seelenguter, seltener Mann!

So beschäftigten sich Kreszenz' Gedanken fast immer mit den wenigen frohen Augenblicken, die ihr in Schattendorf beschieden waren, und da sie von den kurzen, aber für sie inhaltsreichen Momenten die Person dessen, dem sie diese Lichtpunkte verdankte, unmöglich trennen konnte, auch mit dem Spruchbauer. Ihre rege Phantasie umkleidete den gütigen Mann mit allen erdenklichen Vorzügen und Tugenden; sie wob eine Art 176 Gloriole um ihn, sie erhob ihn in schwärmerischer Ekstase gleichsam zu ihrem Schutzheiligen, welchem sie alle geheimnisvoll süßen, noch unverstandenen Gefühle weihte, welche, wenn sein Bild vor ihrem geistigen Auge auftauchte, in ihrem unschuldigen Herzen erwachten. So stieg der Spruchbauer für sie bald zum Inbegriff aller leiblichen und geistigen Vollkommenheit empor.

Ob das, was sie für Stephan fühlte, jene Liebe sei, von der auch sie schon manchmal hatte reden hören, hatte sie sich noch nicht gefragt. Eine solche Frage wäre ihr als Profanierung ihrer heiligsten Empfindungen erschienen. Sie wußte nur, daß sie für den jungen Mann gerne gestorben wäre, wenn er es verlangt hätte, oder wenn ihm damit ein Gefallen hätte geschehen können.

Es kamen noch einige besondere Umstände dazu, welche mithalfen, Öl ins Feuer zu gießen. Da war vor allem ihre Verweisung aus dem Wiesenbauernhof. Am Tage, wo sie ihn verlassen mußte, hatte sie aus Lenes hämischen Worten die Überzeugung geschöpft, daß sie nur wegen Rücksichten auf Stephan fortgejagt wurde und daß sie seinetwegen diese Ungerechtigkeit auf sich nehmen mußte. Sie hatte also für den Spruchbauer schon etwas zu leiden gehabt. Zu Personen aber, für welche man leidet und Schmerzliches erträgt, tritt man in einen eigentümlichen geistigen Rapport: 177 um die Seele des Duldenden und dessen, für den er sich opfern muß, schlingt sich ein unsichtbares, zwar zartes, aber starkes Band, welches in vielen Fällen auch in den schwersten Lebensstürmen nicht zerreißt.

Auch ein anderes Moment gab Kreszenz viel zu denken und versenkte sie in tiefe Grübelei. Das waren die Beweggründe, warum Stephan sie in sein Haus aufgenommen und weshalb seine Mutter sie so schnell wieder daraus entfernt hatte. Für ihre Aufnahme konnte sie als Ursache wohl das Mitleid gelten lassen, welches der Bauer mit ihrer traurigen Lage gehabt hatte; er war ja stets gutherzig und voller Erbarmen. Zum Beweis hiefür brauchte sie sich nur die zwei Eßkörbe ins Gedächtnis zurückzurufen. Für ihr eilige, gleichsam über das Knie abgebrochene Unterbringung im Pfarrhof konnte sie dagegen keinen befriedigenden Grund ausfinden. Daß die Angabe, man wolle sie in der feineren Kochkunst ausbilden lassen, nur ein Vorwand war, begriff sogar sie mit ihrer Taubeneinfalt. Aber weshalb man zu einem – wenigstens für sie – so durchsichtigen Vorwand griff, blieb ihr ein Rätsel. Denn daß sie nur deswegen das Pfarrhaus aufsuchen mußte, um unter seinem Dache vor den gehässigen Verleumdungen Lenes sicher zu sein, hatten ihr der Spruchbauer und seine Mutter wohlweislich verschwiegen. So 178 grübelte denn Kreszenz oft stundenlang, kam aber zu keinem Resultat, sondern blieb, von der Analogie der Verhältnisse darauf hingeleitet, immer nur vor einer und derselben Erwägung und vor einer zweifelnden Frage stehen. Aus dem Wiesenbauernhof war sie weggewiesen worden, weil sie Stephan aus den Augen kommen sollte. Wurde die Spruchbäuerin vielleicht von der nämlichen Absicht dazu gebracht, ihr im Pfarrhaus eine Stelle zu verschaffen? Lag wirklich etwas vor, wodurch sich ihr Zusammenleben mit Stephan von selbst verbot? – Gerade die Ungewißheit, in welcher sie sich befand, führte sie zu allerlei Vermutungen, als deren Mittelpunkt stets wieder der Spruchbauer erschien, und die deshalb keineswegs geeignet waren, ihr intensives Interesse für den jungen Mann nach einer anderen Richtung abzulenken.

Noch ein dritter Faktor kräftigte ihre heimliche, von Stunde zu Stunde wachsende Neigung. Das waren die täglichen kurzen Besuche, die sie im Spruchbauernhof machte, um die Amtsräume der Bausektion in Ordnung zu bringen. Dieses einzige Geschäft hatte ihr die Bäuerin noch übertragen, und ihr war es das liebste des ganzen Tagewerks. Denn dabei fand sie Gelegenheit, Stephan zu sehen, sowie hier und da ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Und so gleichgültig 179 die wenigen Worte auch waren, – denn der Spruchbauer hielt das seiner Mutter gegebene Versprechen und verriet dem Mädchen mit keiner Silbe, mit keinem Hauch seine tiefe Liebe, – so redeten seine Augen eine so deutliche, seelenvolle Sprache, daß Kreszenz unter dem Eindruck dieser Blicke stets süß erschauerte.

Alles in allem genommen befand sich also die Waise in einem Zustand, daß sie mit des Grafen Egmont liebendem Klärchen hätte sagen können: »Freudvoll und leidvoll, gedankenvoll sein; hangen und bangen in schwebender Pein«. Wenn ihre Seele noch nicht himmelhoch jauchzte und gleich darauf zum Tode betrübt war, so kam das nur davon, weil das unschuldige Kind selbst nicht wußte, daß auch es, wie Klärchen, bis über die Ohren verliebt war.

Und der Spruchbauer wartete noch immer auf ein Zeichen vom Himmel. – – 180

 


 

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