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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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23.

Die Arbeiten an der neuen Bahnlinie machten rasche Fortschritte. Die Beamten der Bausektion hatten sich bald ebenso im Dorfe eingelebt, wie die vielen Bediensteten und die übrigen Fremden, welche beim Bau Beschäftigung fanden. Die Beamten wohnten mit voller Verpflegung im Wirtshaus, die höheren Angestellten und einige Aufseher waren von den Bauern einquartiert worden, während das Gros der Arbeiterschaft, wie schon früher gesagt, außerhalb des Dorfes in Holzbaracken kampierte.

Zwischen den Fremden, die bei Bauern logierten, und den Familien der letzteren hatten sich schon in kurzer Zeit freundschaftliche Verhältnisse herausgebildet. Man verkehrte miteinander auf dem Fuße der Gleichberechtigung und die Dörfler behandelten die bei ihnen wohnenden Eisenbahner wie Angehörige des Hauses.

Manche Aufseher, namentlich unter den italienischen, brachten es zu sehr hohem Verdienst. Das waren diejenigen, welche den Bau eines Teiles 144 der Bahnstrecke im Akkord übernommen hatten und dadurch zu kleinen Unternehmern aufrückten. Sie beschäftigten auf eigene Rechnung eine Anzahl ihrer Landsleute im Taglohn, wogegen die Bausektion nur mit ihnen allein verhandelte und abrechnete, und sie auch nach Maßgabe der geleisteten Arbeiten bezahlte. Daß sie dabei auf ihren Nutzen kamen, geht schon daraus hervor, daß einige von ihnen, die solche Akkordgeschäfte seit längerer Zeit ausführten, beträchtliche Summen erspart hatten, welche hinreichten, sich in ihrer Heimat selbständig zu machen. Es war auch schon mehrfach vorgekommen, daß von besonderem Glück begünstigte italienische Bahnbau-Akkordanten ganz auf die Heimkehr verzichteten, weil sie deutsche Frauen gefunden und deshalb fern von ihrem Lande eine Familie gegründet hatten.

Unter den im Dorfe wohnenden Akkordanten tat sich vornehmlich einer namens Bartolo Bonatesta hervor. Er hatte gegen zwanzig Maurer und Steinmetzen und ebensoviele Handlanger angeworben, mit welchen er auf der Schattendorf-Amberger Strecke die Bahnbrücke über den Nabfluß baute. Bonatesta galt nicht nur unter seinen Landsleuten, sondern allgemein für einen Unternehmer, der sein Schäfchen eigentlich schon im Trocknen hatte und nur deshalb weiter arbeitete, weil er nicht müßig gehen wollte. Es mußte auch 145 etwas Wahres sein an diesem Renommee; sonst hätte er die ziemlich hohe Kaution nicht hinterlegen können, welche zur Übernahme des Brückenbaues erforderlich war.

Herr Bartolo Bonatesta war daher schon als vermöglicher Bauakkordant in Schattendorf eine Art von Respektsperson. Hiezu gesellten sich aber auch andere Vorzüge. Er stand erst anfangs der Dreißiger, besaß eine tadellos gewachsene Figur, ein hübsches braunes Gesicht, große, funkelnde Augen, die an den Schmelz des schwarzen Achats erinnerten, und einen kleinen, von einem gut gepflegten Schnurrbart beschatteten Mund mit zwei Reihen gesunder, blendend weißer Zähne. Alles in allem war Bonatesta somit ein Mann, wie ihn die Mädchen gerne sehen, namentlich wenn derselbe noch lebhaften Geistes und recht maulfertig ist, um ihnen mit süßen Schmeichelworten den Hof machen zu können.

Und auch das traf bei dem Bauakkordanten zu. Denn er war ein lustiger Patron von quecksilberner Behendigkeit in allen Bewegungen. Im Courschneiden aber machte er selbst den jüngsten Burschen den Rang streitig. Es kam ihm hier sehr zu statten, daß er geläufig deutsch sprach und daß man ihm nur an einem leichten fremdländischen Akzent und gelegentlich an einer fehlerhaften Redewendung den Italiener anmerkte. Herr 146 Bonatesta rühmte sich infolge seines fünfzehnjährigen Aufenthalts in Bayern Deutschland so lieb gewonnen zu haben, daß es seine zweite Heimat geworden sei, welche er nicht mehr zu verlassen gedenke. Dabei ließ er einfließen, daß er in seinem zweiten Vaterland nur noch nach einer reichen Frau suche, deren Vermögen, mit seinem eigenen vereinigt, ihn in den Stand setzen sollte, künftighin auch Bauakkorde großen Stils zu übernehmen.

Selbstverständlich konnte er aber, da ihm wegen seiner inferioren Stellung und höchst mangelhaften Bildung der Zutritt in die Kreise der Beamten und besser situierten Bürger verwehrt war, im günstigsten Falle nur etwa auf eine Bauerntochter als Lebensgefährtin rechnen. Es unterliegt auch keinem Zweifel, daß schon mehr als eine ländliche Schöne dem stattlichen Mann verheißungsvolle Blicke zugeworfen hatte. Doch war ihm bisher noch keine einzige begegnet, deren Vermögen seinen ziemlich hochgespannten Ansprüchen genügt hätte.

Ob er wohl in Schattendorf finden sollte, was er suchte? Unmöglich schien dies keineswegs. Denn der Unternehmer war eifrig hinter den vermöglichen Töchtern her und die ganze Einwohnerschaft, vor allem auch die dortige weibliche Welt betrachtete ihn mit sehr wohlwollenden Augen. 147 Freilich fällten jene von seinen Landsleuten, die ihn und sein Vorleben genauer kannten, ein desto absprechenderes Urteil über den italienischen Akkordanten. Sie bezeichneten Bonatesta in ihren vertraulichen Gesprächen als einen durch und durch selbstsüchtigen, von krasser Geldgier beherrschten und überdies hinterlistigen, sowie gewalttätigen Patron, der die Hand schon gegen manchen Christenmenschen erhoben und nur deshalb noch keine Bekanntschaft mit den deutschen Gefängnissen gemacht hätte, weil es seiner Verschlagenheit bisher stets gelungen sei, jede Spur seiner lichtscheuen Handlungen zu verwischen.

Auf welcher Seite die Wahrheit lag, – ob auf Seite der Schattendorfer, welche den Akkordanten für einen Ehrenmann hielten, oder auf jener seiner Landsleute, die ihn einen schlauen Heimtücker nannten, – wird der weitere Verlauf dieser Geschichte ergeben. Denn im Rate der Vorsehung war es beschlossen, daß auch Herr Bartolo Bonatesta eine zwar nur kurze, aber um so wichtigere Rolle darin spielen sollte. – – 148

 


 

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