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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 23
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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22.

Alles geschah, wie die Bäuerin sich's ausgesonnen hatte. Die Waise siedelte aus dem Spruchbauernhof in das Haus des würdigen Pfarrherrn von Schattendorf über, um von dessen Köchin in den Geheimnissen ihrer Kunst unterwiesen zu werden. Die Ausrede erschien nicht nur plausibel, sondern sogar einwandsfrei. Denn da Kreszenz als ein nur wenig kräftiges Mädchen bekannt war, – die robusten Bauernweiber betrachteten die zierliche biegsame Gestalt derselben ja beinahe wie einen körperlichen Fehler, – so fiel es nicht auf, daß sie kochen lernte, um etwa später in der Stadt einem leichten Dienst vorzustehen. Und wenn jemand sie fragte, warum denn gerade die Spruchbäuerin die Fremde im Pfarrhof untergebracht habe, während ihre Firmpatin nichts für sie tat, so lag immerhin die Vermutung nahe, Stephans als wohltätige Frau bekannte Mutter habe sich auch in diesem Falle wieder einen Gotteslohn erwerben und eine Staffel in den Himmel bauen wollen.

137 So war denn die Angelegenheit, die zuerst auf so viel Schwierigkeiten stieß, vorläufig und wenigstens für die drei Hauptbeteiligten bestens geschlichtet. Viel weniger zufrieden mit der jetzigen Lage der Dinge zeigte sich des Wiesenbauern Lene. Die heimtückischen Pläne, welche sie wegen Kreszenz geschmiedet, waren insgesamt zunichte geworden; die Hoffnung, die sie auf den Aberglauben und die bösen Zungen der Dorfweiber gesetzt, erwies sich als ein Bau ohne festen Grund und zerstob wie ein vom Wind verwehtes Kartenhaus. Denn die Voraussage der Spruchbäuerin erfüllte sich buchstäblich. Vom Augenblick an, da die Waise den Schutz des Pfarrhofs genoß, war sie der dörflichen Schmähsucht entrückt. Wer hätte jetzt noch den Mut gefunden, ein Mädchen, über das der geistliche Herr, indem er es in sein Haus aufnahm, selbst die geweihten Hände breitete, der Zauberei zu beschuldigen? Oder dasselbe des verbotenen Zusammenlebens mit einem Schatz zu bezichtigen? Wäre solches nicht eine offenbare Lüge gewesen?

Das mußte auch Lene begreifen und sie fühlte sich infolgedessen zu Tod unglücklich. Nicht nur, daß sie die Verhaßte in Ruhe lassen mußte, weil sie derselben von keiner Seite mehr beikommen konnte, empfand sie als schwere Kränkung, sondern auch, daß die Schattendorfer Einwohnerschaft 138 laute Schadenfreude über das Mißgeschick zeigte, von welchem ihr Heiratsplan betroffen worden war.

Wie nämlich Lene früher voreilig ausposaunt hatte, daß sie des Spruchbauern Hochzeiterin wäre, so konnte sie jetzt, nachdem es zwischen Stephan und ihr zum unheilbaren Bruch gekommen. auch ihre jammervolle Enttäuschung nicht verheimlichen. Zuerst peinigte sie ihre Mutter mit tränenreichen Klagen; dann weihte sie die Dienstboten in das Geheimnis ein, daß ihr die Elsenfelder Hex' den »Spruchbauernsimpel« abspenstig gemacht habe, und daß die gottlose zaundürre Flankin jetzt der Schatz des »Halbnarren« sei. Von den Dienstboten erfuhren es dann brühwarm die Nachbarsleute, und in ein paar Stunden war es Gemeingut des ganzen Dorfs.

Doch glaubte man die merkwürdige Neuigkeit nur zum Teil. Stephans Charakter und geistige Veranlagung war allgemein zu bekannt, als daß man ihm eine leichtfertige Liebelei zugetraut hätte. Ein ernsthaftes Verhältnis, das zur Ehe des reichsten Grundbesitzers mit einer armen heimatlosen Magd führen sollte, war aber nach bäuerlicher Auffassung absolut undenkbar. Also betrachtete man die Versicherung, Kreszenz wäre die Geliebte des Spruchbauern, für ein von Lene frei erfundenes Beiwerk zur Hauptsache, daß sie ihr 139 angeblicher Hochzeiter hatte sitzen lassen, und man hielt sich desto eifriger an diese das ganze Dorf interessierende Hauptsache selbst.

Zum Lauf der Welt gehört es aber, daß die mitleidigen Menschen, welche mit ihrem ins Unglück geratenen Nächsten trauern und weinen, viel dünner gesäet sind, als jene erbarmungslosen, die über ihn spotten und lachen. Als es daher bekannt wurde, daß Lenes Spekulation auf den Spruchbauernhof gescheitert war, da gab es nur wenige, welche sie wegen ihre Mißerfolgs bedauerten, dagegen ungemein viele, welche sie verhöhnten und verlachten. Leider muß konstatiert werden, daß unter den letzteren die zartbesaitete Bevölkerung von Schattendorf die Mehrzahl ausmachte, nämlich alle Mütter von heiratsfähigen Töchtern und diese selbst, insoferne sie sich durch Lenes Projekt benachteiligt und zurückgesetzt gehalten hatten. Sie alle verliehen jetzt ihrem lange zurückgedämmten Groll und heimlichen Neid den bittersten Ausdruck und der Wiesenbauerntochter mußten die Ohren wohl stundenlang klingen, so viel wurde über sie geklatscht, getuschelt und gelacht. Man konnte da die schnödesten Urteile über Lene vernehmen. Meistens aber hieß es: Ja, der Spruchbauer! Wer den für einen Dummian kauft, der hat sein Geld umsonst 'nausg'schmissen. Der hat's faustdick dort, wo dem Schafhammel sein meistes 140 Unschlitt steckt; und wenn er auch ein bißl langsam schaut, – dafür schaut er desto gründlicher. Drum hat der Stephan auch gleich g'merkt, daß für ihn etwan auch noch andere Mädeln g'wachsen sein könnten, als die Wiesenbauernlene mit ihrem Spitzmausg'sicht und ihrer Vogelnasen. Ihre Haar' werden eh bald fuchsig, so viel Pomadi schmiert sie sich d'rauf, und mit ihrem Geld ist's auch nicht so weit her. Erstens hat's noch niemand nicht 'zählt, und zweitens – unsere Kronentaler sind alsdann auch nicht von Blei.

Da dienstbeflissene Freundinnen nichts Besseres zu tun wußten, als solche Äußerungen mit mehr oder weniger eigenen Zutaten der Lene schnellstens zuzutragen, verging keine Woche, bis sie ein Dutzend Feindschaften im allerschönsten Gang hatte. Sie kam aus dem Ärger und Verdruß, aus dem Flennen und Jammern gar nicht mehr heraus, ließ sich nicht mehr außerhalb des Hauses blicken und geisterte innerhalb desselben mit rotgeweinten Augen von einer Stube in die andere, vom Keller in den Speicher und wieder zurück, ohne Ziel und Zweck, wie ein zum Wandeln bei Tage verurteiltes, ruheloses Gespenst.

Daß ihre Gefühle gegen Kreszenz infolge der fortwährenden Aufregung keineswegs eine mildere Form annahmen, braucht nicht eigens 141 hervorgehoben zu werden. Aber die Waise war jetzt dem Machtkreis ihres glühenden Hasses entrückt und deshalb übertrug sie denselben auf den Spruchbauer. O, wie haßte sie den jungen Mann, dem sie die Schuld an allen ihr widerfahrenen Kränkungen und Demütigungen zuschrieb! Früher war er ihr nur im höchsten Grade gleichgültig gewesen; weil es nicht anders ging, hätte sie sich den heimlich über die Achsel angesehenen Bauern als Dreingabe zu seinem schönen Gut dessenungeachtet gefallen lassen, wenn auch mit innerem Widerstreben und stillem Naserümpfen. Da war das Unerwartete geschehen: er hatte ihr deutliches Entgegenkommen, ihre Ermunterungen und sie selbst zurückgewiesen, hatte mit dürren Worten gesagt, daß sie gegenseitig ganz frei und ungebunden seien, und daß sie beide nicht zusammenpaßten, – nicht auf tausend Stunden Wegs!

Von diesem Augenblick an hatte sich ihre Gleichgültigkeit in wirkliche Abneigung verwandelt und nach und nach unter dem Eindruck täglich sich wiederholender Widerwärtigkeiten, die sie alle dem Spruchbauer zur Last schrieb, bis zum leidenschaftlichen Haß gesteigert, zu einem Haß, der darnach drängt, sich durch rücksichtslose Bosheit in Wort und Handlung zu betätigen, sei es auch auf Kosten des eigenen Seelenheils, – zu solch einem jede Schranke der göttlichen und menschlichen 142 Gesetze durchbrechenden, diabolischen Haß, wie er nur in der Brust eines verschmähten Weibes zu brennen vermag. Um Stephan einen recht abscheulichen Possen zu spielen, hätte sie mit Freuden ein halbes Vermögen, und um ihn tatsächlich so unglücklich zu machen, wie sie zu sein wähnte, ohne Bedenken ihren Anteil an den ewigen Freuden geopfert.

Stephan hatte keine Ahnung davon, daß er Gegenstand eines so grimmigen, rachsüchtigen Hasses war. Er legte seinen Beziehungen zu Lene umsoweniger irgendwelche Bedeutung mehr bei, als er ja das Verhältnis mit ihr, das nach seinen Dafürhalten überhaupt noch niemals geknüpft war, unmißverständlich und für alle Zukunft gelöst hatte. Er dachte im Wachen und Träumen nur mehr an Kreszenz und seine Liebe und wartete in stiller Ergebung auf das ihm von seiner Mutter in Aussicht gestellte Zeichen des Himmels, woraus er schließen könnte, ob das junge Mädchen auch ihm mit aufrichtiger Liebe zugetan sei. 143

 


 

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