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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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21.

Gleich nach ihrer Heimkehr hielt die Bäuerin wieder Zwiesprache mit ihrem Sohn.

»Ich bin in Elsenfeld g'wesen,« sagte sie, »und hab' ein bißl nachg'forscht von wegen dem Mädel.«

»Hab' mir's doch einbild't!« rief er lebhaft. »O Mutter, sag' nur g'schwind, was D' erfahren hast. Aber warum frag' ich? Sicher nur lauter Lieb's und Gut's!«

»Das will ich nicht in Abred' stellen. 's ist wahr, daß mir alle Leut' nur Schön's von ihr erzählt haben. Der Herr Pfarrer hat der Kreszenz sogar das Zeugnis ausg'stellt, sie wär' sein frömmstes und sittsamstes Pfarrkind g'wesen.«

»Nun also!« jubelte Stephan. »Ich hab' ja eh keinen Zweifel g'habt, daß sie 's vortrefflichste Wesen ist auf dem ganzen Erdboden. Jetzt, Mutter, wirst doch keinen Anstand mehr nehmen an ihrer Armut, und daß sie keine vornehme Verwandtschaft hat? Ich tät' sie heiraten und wenn ein Pfannenflicker ihr Vetter wär'. Gelt Mutter, 129 Du bist jetzt auch einverstanden mit der Wahl, die mein Herz 'troffen hat? Du gibst freudig Deinen Segen zu unserem Verspruch?«

»Halt ein bißl,« wehrte die Frau, »und mach' mir den Gaul nicht scheu! So g'schwind, wie Du die ganze Sach' richten möchtest, geht das unmöglich, und was man übers Knie abbricht, das taugt niemals nicht viel. Es gibt da noch allerhand Bedenken.«

»Noch einmal Bedenken und Zweifel?« fragte er enttäuscht. »Was hast denn alsdann schon wieder ausspintisiert?«

»Nicht so, Stephan! So darfst nicht reden zu mir! Alles, was ich überleg' und sag' und tun will, g'schieht ja nur zu deinem Besten. Also merk' auf: Ang'nommen, ich wollt' mich wirklich hinwegsetzen über der Kreszenz ihre Vermögenslosigkeit, – ist denn damit schon alles g'wonnen? Du hast mir g'sagt, zwischen Dir und ihr wär' noch kein Hauch g'red't worden von einer Lieb', und ich glaub' Deinem Wort. Aber alsdann weiß sie nichts nicht davon, daß Du sie heiraten willst, und Du kannst noch nicht wissen, ob sie Dich wirklich mag und auch von Herzen gern hat. Daß sie Dich nimmt, darüber gibt's keinen Zweifel; das steht fest wie Gottes Wort. G'nommen hätt' Dich ja auch die Wiesenbauernlene, obschon ihr der Zorn das G'heimnis ab'druckt hat, daß D' ihr 130 ganz gleichgültig g'wesen bist, und daß sie Dich keine Minuten lang gern g'habt hat. Und jetzt frag' Dich einmal selber: Möchtest Du 'leicht mit der Kreszenz vor dem Altar steh'n, ohne Überzeugung, daß ihre Lieb' zu Dir auch von Herzen kommt, wie die Deinige zu ihr, und mit dem Gedanken, daß s' etwan nur dessentwegen Ja sagt, weil ihr Dein Hof und Deine vielen Äcker und Wiesen in d' Augen stechen?«

»Aber Mutter, da brauch' ich doch der Kreszenz nur meine Lieb' einz'g'steh'n und sie zu fragen, ob sie dieselbige annimmt, und ob sie meine Frau werden will!«

Die Bäuerin lachte leise auf.

»Und alsdann wissen wir gleich im voraus, wie ihre Antwort ausfallen wird,« ergänzte sie seine Rede. »Das Mädel müßt' ja auf's Hirn g'fallen sein, wenn 's nicht mit allen zwei Händen zulangen tät'! Nein, mein Bub, auf die Art kommen wir nicht zum richtigen Ziel.«

»Wie denn sonst?« meinte er kleinlaut.

»Da bin ich freilich überfragt; denn zur Stund' weiß ich das selber nicht. Aber Ehen werden ja im Himmel g'schlossen; und wenn die Kreszenz im himmlischen Heiratsregister als Dein Weib vorg'merkt ist, alsdann wird unser Herrgott schon ein Zeichen geben, woraus wir entnehmen 131 können, ob sie aus aufrichtiger Lieb' Dein werden will oder nur aus Berechnung.«

Stephan seufzte.

»Ach Mutter,« sagte er, »bis ein solchenes Zeichen kommt, kann's aber noch lang' andauern.«

»Pressiert Dir das Heiraten jetzt auf einmal so arg, nachdem D' mich viele Jahr vergeblich hast bitten lassen? – Ich mein', Du dürftest für's erste z'frieden sein, daß ich meinen Widerstand aufgeben hab' – –«

»Ist es wahr? Du willigst ein?« unterbrach sie der junge Mann, unfähig die stürmische Freude zu bemeistern, die bei dieser Versicherung seiner Mutter ihm das Herz in lauten Schlägen klopfen machte. »O Vergeltsgott sag' ich Dir! Tausendmal Vergeltsgott! Bis zu meinem letzten Atemzug vergeß' ich Dir das nicht.«

»Was will denn eine Mutter anders tun, wenn s' ihren Einzigen glücklich sehen will?« erwiderte die von seinem Freudenausbruch tief ergriffene Frau. »Meinetwegen kannst also, wenn nichts Unverhofft's dazwischen kommt, und wenn alles klappt und paßt, die Kreszenz heiraten. Ich hab' auch nichts dagegen, wenn Du s' schon von heunt an als Deine Zukünftige betrachtest, aber – nur im stillen. Denn es bleibt bei meiner Bedingung: vorderhand darfst kein Wörtl mit ihr reden vom Gernhaben und Heiraten, bis D' einmal g'nau 132 weißt, wie's in ihrigem Herzen drin ausschaut. Damit Dir aber die Enthaltsamkeit nicht gar so arg schwer fallen tut, und auch aus anderen Gründen muß das Mädel, je g'schwinder je besser, unser Haus wieder verlassen.«

»Heilige Muttergottes!« rief der jäh aus allen seinen Himmeln gestürzte Spruchbauer, indem er wie entgeistert der alten Frau ins Gesicht starrte.

»Laß mich halt ausreden!« suchte ihn diese zu beschwichtigen. »Ich sag' ja nicht, daß sie fort soll aus dem Dorf; im Gegenteil, sie bleibt schon hier – nur eine andere Loschie muß ich suchen für das Mädel. Denn warum? Weil's aus zwei Ursachen jetzt nimmer länger bei uns bleiben kann, nicht dessentwegen allein, damit Du Dich gegen sie nicht verplapperst und leicht einmal von Deiner Lieb' daherred'st.«

»O!« stöhnte Stephan, der sich umsonst bemühte, seiner Mutter ins Wort zu fallen.

»Denk' dran, was ihr die Lene 'droht hat!« fuhr sie unentwegt fort. »Die Weiber will s' rebellisch machen, weil die Kreszenz ein Hexenbalg und Dein Schatz sein soll, der mit Dir z'sammenwohnt. Das erste ist eine Lug', das andere aber ist jetzt die bittere Wahrheit, wenngleich das Mädel nichts davon weiß. Und da sag' halt ich: Auf der zukünftigen Spruchbäuerin darf kein Schatten 133 von einem Verdacht nicht lasten; die muß makellos dasteh'n vor der ganzen Welt und ohne schlechte Nachred' muß sie ihren Einzug halten können in unsern Bauernhof. Neider und Feind' wird s' eh g'nug kriegen, die ihr die Armut vorschmeißen und hinterrucks über sie loszieh'n und lästern. Aber wenigstens selbiges darf niemals g'schehen, daß d' Leut' das Recht bekommen, die Achseln zu zucken und sich in die Ohren 'nein zu sagen: Die neue Spruchbäuerin, na, – das ist mir auch schon die Richtige. Hat als Magd mit ihrem Dienstherrn z'sammg'lebt im nämlichen Haus und – wie 's halt so geht, – z'letzt hat er sie heiraten müssen, damit s' alle zwei aus der Schand' kommen sind.«

»Mutter!« schrie er entsetzt aus.

»Gelt, das tut weh? Ja; es gibt aber g'nug böse Leut', die so reden täten, ob's Dir g'fällig wär' oder nicht, und wenn's gleich erlogen wär'. Dessentwegen bitt' ich Dich, nimm' Deine ganze Kuraschi z'sammen, damit Dich mit dem Gedanken vertraut machst, daß das Mädel im Spruchbauernhof wenigstens vorderhand keinen längeren Aufenthalt mehr haben kann.«

»Wo willst Du's denn alsdann hinschaffen, das gute, überall verstoßene Ding?« fragte er in halber Verzweiflung.

»Wie ich nächst Rat g'halten hab mit mir selber und dem himmlischen Vater ist mir auch 134 darüber ein Licht aufg'gangen. Hätt' ich in Elsenfeld erfahren, daß der Kreszenz ein böses Klamperl anhängt, durch das sie unwert g'worden wär, einmal mit Dir als Deine Hochzeiterin in die Kirchen zu geh'n, alsdann wär' ja an und für sich alles ausg'wesen und vorbei. Denn über eine schlechte Dirn hätt' ich meine Hand niemals nicht g'halten und sie nie in meinen Schutz g'nommen. Jedennoch jetzt ist es 'was anderes. Sie ist brav und gottesfürchtig und soll auch im Gottes Namen Deine Bäuerin werden. Drum ist es aber auch notwendig, sie schon von allem Anfang an vor jeder übeln Nachred' sicher z'stellen. Ich will deshalb diese ganze Sach unserm Herrn Pfarrer anvertrauen; von dem erfahrt kein fremder Mensch auch nur einen Schnaufer; denn der ist verschwiegen wie das Grab. Und wenn er in den Vorschlag einwilligt, den ich ihm machen will, alsdann ist uns allen miteinander g'holfen.«

»Was wär' denn das für ein Vorschlag?«

»Daß er die Kreszenz einstweilen in seinem Pfarrhof aufnimmt.«

»In – seinen – Pfarrhof?« fragte der junge Mann gedehnt. Er verstand die Absicht seiner Mutter durchaus nicht.

»Ja, Stephan; g'rad so hab ich's im Sinn. Und weil unser geistlicher Herr selber nicht viel z' verschenken hat, dessentwegen soll es mir auf ein 135 Stück Geld auch nicht ankommen, damit er das Mädel desto lieber aufnimmt. Wir gebrauchen dabei den Nachbarn gegenüber die erlaubte Ausred', daß die Kreszenz von seiner Hauserin das Kochen lernt. Daneben kann sie ja alle Tage in der Fruh' noch zu uns kommen und den Herren Eisenbahnern ihrige Stuben richten. – Siehst Du's, mein Bub, so hat sich Deine Mutter nur Dir z'lieb die Sachen z'rechtg'legt. Damit treffen wir aber auch noch zwei Fliegen auf ein' Schlag. Wenn die Kreszenz beim geistlichen Herrn eine Aufnahm' find't, wer wird sie alsdann noch für einen Hexenbalg halten? Da fallt der Wiesenbauernlene ihre Bosheit ins Wasser. – Und wenn s' aus dem Herrn Pfarrer seinem Haus als Bäuerin in unsern Hof kommt, wer traut sich in dem Fall noch z' lästern? Da müssen alle bösen Mäuler still steh'n. – Nun, was sagst jetzt zu meinem Vorschlag? Bist einverstanden mit dem, wie ich's ausdividiert hab'?«

»Du bist halt das beste und auch das g'scheiteste Mutterl auf dem ganzen weiten Erdboden. Aber – ob mich die Kreszenz auch mag und von Herzen gern hat, selbiges weiß ich damit halt immer noch nicht.«

»Wart's ab mit Geduld! Wenn sie Dir b'stimmt ist, wird unser Herrgott schon ein Zeichen senden.« – – 136

 


 

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