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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 20
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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19.

Wenden wir uns nun von der letzten unerquicklichen Szene ab, um uns an freundlicheren Bildern zu erholen. –

Stephans Mutter hatte sehr große und nur frohe Hoffnungen auf das Gespräch gesetzt, welches ihr Sohn unter vier Augen mit des Wiesenbauern Tochter führen wollte. Nach ihrer Meinung konnte es sich um nichts anderes handeln, als daß der junge Mann sein langes Zögern aufgab und bei Lene endlich die bindende Werbung vorbrachte. Da die Unterredung fast eine halbe Stunde in Anspruch nahm, wurde sie in ihrer Annahme noch bestärkt; denn einer unwichtigen Sache hätte der bedächtige Spruchbauer nicht so viel Zeit geopfert.

Die alte Frau machte daher nicht nur ein enttäuschtes, sondern ein sehr betrübtes Gesicht, als sie den ganzen unerwarteten Verlauf und Ausgang dieser Zwiesprache erfuhr, weil damit die Aussicht, die Bürde des Haushalts recht bald auf die jungen Schultern einer Söhnerin abwälzen zu können, wieder einmal in weite Ferne gerückt schien.

115 Gleichwohl war sie zu vernünftig, als daß sie ihrem Sohn Vorwürfe wegen seiner Handlungsweise gemacht hätte. Insgeheim mußte sie ihm sogar Recht geben, als er ihr erzählte, mit welchen Strömen schmutzigster, rohester Verunglimpfungen ihn das Mädchen überschüttet hatte; sie gestand sich, daß sie an seiner Stelle wahrscheinlich ebenso gesprochen hätte, wie er es getan. Und doch seufzte die Frau, als sie auch diese neue zerstörte Hoffnung zu manchen schon früher begrabenen legte. Es fällt ja jedem schwer, auf einen lang gehegten Wunsch zu verzichten.

Stephan aber wunderte sich ungemein, daß seine Mutter die Wendung der Dinge, insoweit Kreszenz dadurch in Mitleidenschaft gezogen wurde, über die Maßen gleichgültig aufnahm. Er hatte ihr doch alles wahrheitsgetreu berichtet, auch Lenes Drohung nicht verschwiegen, daß sie das fremde Mädchen als Hexenbalg und weil es als sein Schatz mit ihm im nämlichen Hause wohnte, von den Dorfweibern mit Besen fortjagen lassen wolle. Und doch berührte seine Mutter diese Seite der Angelegenheit, die ihm allermeist am Herzen lag, mit keiner Silbe. Sie fand nur Worte des Bedauerns dafür, daß jetzt, so sicher wie das Amen nach dem Vaterunser komme, zwischen den zwei Nachbarsfamilien eine bitterböse Feindschaft 116 entbrennen werde, und beklagte schon im voraus den Verdruß, der ihr daraus erwüchse.

Der Spruchbauer wurde nicht klug aus der alten Frau. Sollte sie alles, was in seiner Erzählung sich auf Kreszenz bezog, überhört haben? Kaum glaublich. Oder wurden ihre Gedanken von dem gescheiterten Heiratsprojekt derart absorbiert, daß neben ihm alles übrige Beiwerk für sie seine Bedeutung verlor? Um seiner Zweifel mit einem Mal los zu werden, beschloß er, die Bäuerin direkt zu fragen.

»Was sagst denn alsdann zu der G'schicht' mit der Kreszenz, Mutterl?« fing er an. »Fast kommt's mir vor, Du hättest nicht g'hört, wie ausg'sucht heimtückisch die Lene sich über sie ausg'lassen hat. Oder hast Du's leicht schon wieder vergessen?«

»Daß sie s' mit Besen aus dem Dorf aussitreiben lassen will?«

»Ja, Mutter, g'rad das mein' ich.«

»Ach, die Dummheit ist ja nicht wert, daß man ein Wort drüber verliert.«

»Aber da kennst Du die Lene schlecht. Die – in ihrem Hassat ist imstand, daß sie Himmel und Höll' in Bewegung setzt, nur damit s' ihren Zweck erreichen tut.«

»In demselbigen Punkten erreicht s' ihn aber niemals nicht.«

117 »Woher weißt D' denn das mit solchener B'stimmtheit?«

»Weil's im ganzen Dorf keine so dummen Weiber mehr gibt, wie im Wiesenbauernhof, daß s' an Hexen glauben täten.«

»Wenn Dich nur nicht irrst! Jedennoch – es handelt sich auch noch um etwas anders.« Seine Stimme wurde unsicher, als er fortfuhr: »Die Lene hat noch beig'setzt, schon dessentwegen müßt' die Kreszenz aus der G'meind' fort, weil s' mein Schatz wär' und doch im nämlichen Haus mit mir lebt.«

»Das ist ja noch viel lachhafter,« machte seine Mutter leichthin. »Das glaubt dem Wiesenbauernmädel auf der Welt kein Mensch nicht, der seine g'sunden fünf Sinn beieinander hat. Deriger Behauptung sieht man schon von weitem an, daß s' erlogen ist.«

Stephan zitterte vor Erregung.

»Wenn's aber keine Lug ist,« stieß er rauh hervor, »sondern die pure, reine Wahrheit?«

Verblüfft hob die Frau die Augen vom Strickzeug, auf welchem sie bisher gehaftet, zum Angesicht ihres Sohnes empor, das von dunkler Röte wie von Blut gefärbt, in gespannter Erwartung auf sie niederschaute. Plötzlich flog ein Beben durch ihre Gestalt; schwerfällig – wie körperlich und geistig gebrochen, – erhob sie sich vom 118 Sorgenstuhl, in dem sie gesessen, und stützte die Hand müde auf ein Eck der Tischplatte. Auf ihren Zügen lag ein Ausdruck des Schreckens, verbunden mit jenem äußerster Hilflosigkeit.

»Jesus, mein Gott und alle Heiligen!« stammelte sie tonlos. »Wie ist mir denn? – Hab' ich recht g'hört, oder hab' ich Deine Frag' falsch verstanden? – Stephan – mein Kind – mein lieber Bub'! Hast Du wirklich g'sagt, die Kreszenz wär' Dein Schatz? Gelt, das ist ja nicht wahr. Das Unmögliche kann ja niemals nicht wahr sein. Oder hab' ich das Schreckliche nur 'träumt? So sag' doch ein Wort – ein armselig's klein's Wörtl! Bestätig's mir halt, daß ich 'träumt hab', und reiß' mich aus meinem Schrecken!«

Stephan war tief erschüttert. Der offenbare Schmerz seiner Mutter schnitt ihm in die Seele und belastete ihn schwerer als wenn sie ihm Vorwürfe gemacht hätte. Aber das Härteste, welchem er wirklich mit einiger Bangigkeit entgegengesehen, war überstanden. Er hatte der alten Frau das Geständnis abgelegt, daß er Kreszenz liebte und daß sie in purer lauterer Wahrheit sein Schatz sei. Er erblickte auch in dem Umstand, daß das Gespräch mit seiner Mutter geradeweg zu dieser Eröffnung führte, ein Zeichen, daß der Himmel auf seiner Seite stünde, was wiederum seinen Vorsatz kräftigte, sich um keines Fingers 119 Breite von seiner Liebe abdrängen zu lassen. Von diesen Gefühlen geleitet, beugte er sich nieder zu der bekümmerten Frau, die ihm bisher das Liebste auf der Welt gewesen, blickte ihr zärtlich in die Augen und sagte:

»Kränkt's Dich denn gar so arg, gut's Mutterl, daß ich endlich einmal dasselbige Mädel g'funden hab, das ich einzig und allein auf Gottes Erdboden so gern haben kann, wie ein Ehemann sein Weib haben soll? Mit dem ich Freud' und Leid tragen will, bis der Tod uns scheid't? Schau, Mutter, mit der Lene wär' das eine recht bedenkliche Sach' 'worden. Wär' die Kreszenz nicht dazwischen 'kommen, alsdann hätt' ich 'leicht, nur Dir z'lieb, mit todtraurigem Herzen doch zug'langt und die Wiesenbauerntochter zu meiner Bäuerin g'macht. Aber das sag' ich Dir für g'wiß: Kreuzunglücklich wär' ich mit ihr g'wesen mein ganzes Leben lang. Hättest Du das lieber g'seh'n, als wenn ich mit der Kreszenz glücklich werd'? Denk' z'ruck an dasselbige G'spräch, das wir am Pfingstmontag g'habt haben miteinander. Damals hab ich g'sagt zu Dir, ich wollt' Deinen Wünschen nachgeben und heiraten; aber z'erst müßt' ich eine Hochzeiterin g'funden haben, die mir g'fällt und die ich mit Freuden als Bäuerin in meinen Hof einführen kann. Und wenn's auch ein ganz armes Ding wär', tät' ich's doch ohne 120 B'sinnen heiraten, wenn's nur sonst zu mir den rechten Z'sammenstand hat. Nun – das alles trifft zu bei der Kreszenz. Und drum frag' ich Dich jetzt, Mutter: Willst Du Dich 'leicht meinem Glück, – meinem höchsten Lebensglück in den Weg stellen?«

Die Bäuerin hatte ihren Sohn ausreden lassen, ohne ihn zu unterbrechen. Sie hatte mittlerweile Zeit gefunden, sich wenigstens einigermaßen zu fassen. Doch war die peinliche Entdeckung, daß Stephan im Sinne hatte, ein fremdes, unbekanntes Mädchen, von dem man nichts wußte, als daß es schön, bedauernswert arm und ohne Heimat war, als Gebieterin über den Spruchbauernhof zu setzen, viel zu überraschend über sie gekommen, als daß sie eine direkte Antwort auf seine inhaltsreiche Frage hätte geben können. Sie begnügte sich daher, ihrerseits zu fragen:

»Glaubst D' denn wirklich, ein Mutterherz wär' imstand', sich dem Glück von ihrem einzigen Kind entgegenz'stemmen?«

»Ach!« rief er in freudigster Aufwallung, »Du bist also einverstanden? Dir ist's recht, daß ich die Kreszenz heirat'?«

»Das hab' ich nicht g'sagt',« erwiderte sie mit Entschiedenheit, indem sie die infolge ihrer seelischen Erregung noch immer zitternde Hand abwehrend erhob. »Im Gegenteil – ich kann mich 121 gar nicht' neindenken d'rein, daß in unser Haus, in das, seit es b'steht, nur immer vermögliche Bauerntöchter als Weiber aufg'nommen worden sind, zum erstenmal eine wie aus den Wolken 'runterg'fallene Dienstmagd einheiraten soll, von der ihrem Leben niemand nichts weiß, und die keine ang'sehene Familie hat und keine Verwandtschaft, mit der man Staat machen könnt'. Aber ich bin halt heunt überhaupt zu keinem g'sunden Gedanken mehr aufg'legt – die G'schicht' hat mir einen Treff 'geben. Nur ein's möcht' ich noch wissen: Hast D' also mit der Kreszenz schon g'red't und hast ihr's Heiraten versprochen?«

»Mit keinem Wörtl, Mutter, – mit keinem Hauch!« beteuerte der Bauer. »Die Kreszenz hat noch keine Ahnung davon, daß ich sie so von Herzen gern hab', und daß ich ihr vor lauter Lieb' die Händ' unter ihrige Füß' legen möcht'.«

Die Frau sann einen Augenblick nach.

»Das ist recht,« sagte sie dann. »Versprich mir, daß D' vorderhand auch nichts von Lieb' und Heirat und dergleichen mit ihr plauderst, ehe wir die ganzen Sachen noch einmal ernsthaft miteinander besprochen haben.«

»Gern – kein Laut soll über meine Lippen kommen. – Aber, 'leicht bist D' mir jetzt bös, Mutterl?«

122 Es war ein herzerhebender, ergreifender Anblick, ein Anblick, über den die Engel sich freuen mußten, wenn sie sahen, wie der große starke Mann bei den letzten Worten in kindlicher Demut die welken Wangen der Frau streichelte, und wie diese die Hand gleichsam segnend auf seinen Scheitel legte.

»Warum sollt' ich bös sein auf Dich?« flüsterte sie, während ihre Augen von Tränen feucht wurden, die gleichwohl den daraus hervorleuchtenden Strahl von Mutter-Stolz und -Liebe nicht zu verlöschen vermochten. »Kannst Du 'was für Dein Herz? Und bist Du nicht mein Einziger, mein Bub? – Aber mir ist jetzt wahrhaftig ganz sturm um Kopf. Ruf' mir halt die Kreszenz; sie soll mich ins Bett bringen. Dort will ich ratschlagen mit unserm Herrgott, was anz'fangen ist in derer verwickelten Sachen.« – – 123

 


 

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