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Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 18
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
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17.

Daß Lene, die im dicksten Aberglauben steckte, von der unverhofften Erscheinung des Spruchbauern zurücktaumelte und an ein bei lichtem Tage wandelndes Gespenst dachte, ist ihr nicht gerade schlimm anzurechnen. Stephan sah wirklich abenteuerlich aus. Er hatte sein Bienengewand über die anderen Kleider angezogen, einen Sack aus dicker Leinwand mit einem engen Drahtgitter vor dem Gesicht, das zu sehen ermöglichte und zugleich vor dem Stacheln der Insekten schützte. Der Sack war mit einem Strick um die Hüften gegürtet und in der Höhe der Schultern mit zwei Ausschnitten versehen, durch welche man die Arme stecken und so diese und die mit Pelzhandschuhen bewehrten Hände frei bewegen konnte. Schön und salonfähig sah Stephan also nicht aus; aber wenn man bei den Bienen etwas zu verrichten hat, zieht man eben keine Feiertagskleider an.

Der Spruchbauer war gezwungen gewesen, die ganze Unterredung zwischen Lene und seiner Mutter, von diesen ungesehen, mit anzuhören. Ein 100 dichtbelaubter Hollunderstrauch mit weitausladenden Zweigen hatte ihn den Blicken der in ihr Gespräch versunkenen Frauen vollständig verborgen und da er, um die ohnehin unruhigen Bienen nicht zu reizen, sich ganz stille verhielt, konnte niemand seine Anwesenheit im Garten vermuten.

Was er aus der unfreiwillig erlauschten Unterhaltung vernahm, erfüllte ihn mit wechselnden Empfindungen. Heiliger Zorn über die unsinnigen Verleumdungen, welche Lene dem Gegenstand seiner ersten heißen Liebe anzudichten versuchte, machte einer wohltuenden Befriedigung Platz, daß seine Mutter so tapfer das Wort zur Verteidigung der verlästerten Unschuld ergriff. Er würde es auch sicher der alten Frau allein überlassen haben, die geschmähte Magd in Schutz zu nehmen, wäre nicht plötzlich sein eigener Namen an sein Ohr gedrungen. Da hielt er es an der Zeit, sein Versteck zu verlassen und persönlich auf dem Schauplatz des Wortgefechts zu erscheinen.

Mit zwei großen schnellen Schritten hatte er die Deckung des Hollunderstrauches aufgegeben und stand nun mit einemmal neben seiner Mutter am Gartenzaun so jäh und unverhofft, daß Lene in namenloser Bestürzung alle guten Geister anrief. Das Mädchen war zwar sofort von seiner Überraschung zurückgekommen und hatte sich schon in der ersten Sekunde vergewissert, daß da kein 101 Gespenst sein Wesen trieb, sondern daß der Spruchbauer, leibhaftig wie er ging und stand, vor dem Holzzaun aufgetaucht war. Gleichwohl schlug ihr das Gewissen so heftig, daß sie eilends Fersengeld geben und in ihr Elternhaus zurücklaufen wollte. Eine Bitte Stephans, welche jedoch wie ein Befehl klang, bannte sie indessen an Ort und Stelle.

»Halt, Lene!« rief er, während er sich des verunstaltenden Sackes entledigte, dem wegeilenden Mädchen zu; »sei so gut und bleib noch ein bißl da, ich möchte gern was wissen von Dir.«

Nur zögernd gehorchte sie; aber sie gehorchte, indem sie langsam wieder zum Gartenzaun herankam. Es mußte ihr etwas nicht gefallen in des jungen Mannes Gesichtsausdruck; denn ihre Lippen bebten, als sie begann:

»Hast Du mich erschreckt! Du bist ja auf einmal dag'standen, aggerad wie der Niggloh, wenn er vor Weihnachten die bösen Kinder fürchtig machen will.«

Statt ihr zu antworten, wandte Stephan sich zuerst an seine Mutter.

»Mutterl,« sagte er, »Du bist nicht nötig bei dem, was ich jetzt mit der Lene z'reden hab. Ich möcht eine Frag' an sie stellen.«

102 Die in ernstem Ton gesprochenen Worte brachten die alte Frau auf eine ganz falsche Fährte, weshalb sie freudig erwiderte:

»Ich hab schon verstanden, Stephan, was D' im Sinn hast, und wünsch' Dir Glück dazu. B'hüt euch Gott miteinander.«

Und im Fortgehen murmelte sie noch vor sich hin:

»Endlich hat er sich doch entschlossen! Lang hat's dauert, bis er an'bissen hat, aber jetzt beißt er doch an. Denn was sollt er das Mädel z' fragen haben unter vier Augen, als ob's sein Weib werden will? Und die Lene müßt' 's Hirn vernagelt haben, wenn s' nein sagen tät.«

Während die Frau sich derart in Hoffnungen wiegte, wartete der Spruchbauer nur ab, bis sie außer Gehörweite war; dann richtete er die Augen streng auf das jenseits des Zauns in unbehaglichster Stimmung von einem Fuß auf den andern trippelnde Mädchen.

»Daß ich dahinten bei meinen Bienenstöcken 's ganze Geplausch hab' anhören müssen, das D' mit meiner Muttern g'führt hast, wirst Dir schon selber einbilden können, Lene! Ihr habt's ja nicht leis' g'wischpert oder verstohlen 'plaudert, sondern so laut g'red't, daß ich jedes Wörtl verstanden hab'. Und drum frag' ich Dich: Wer und wo sind die 103 Mannsbilder, die von der Elsenfelder Kreszenz verhext worden sind, daß s' ihr jetzt nachlaufen müssen, ob s' wollen oder nicht.«

Bestürzt merkte Lene, daß sie von ihrer Ahnung, der Spruchbauer werde sie wegen ihrer Verleumdungen zur Rechenschaft ziehen, nicht getäuscht worden war. Der junge Mann ging ja geraden Wegs auf sein Ziel zu. Da sie nun absolut keine Namen zu nennen wußte und ebenso wenig eingestehen wollte, daß ihre Beschuldigung nur ein von Haß und Neid eingegebenes Märchen war, tat sie, was in ähnlichen Fällen rohe, ungebildete Gemüter fast ausnahmslos zu tun pflegen. Sie stellte sich auf die Hinterfüße und suchte sich mit Grobheit aus der selbstgestellten Falle herauszuhelfen.

»Was geht das Dich an?« fragte sie deshalb barsch zurück. »Das brauch' ich Dir nicht zu sagen. Oder bist wirklich ein ganzer Narr, wie die Leut' b'haupten, und nicht nur ein Halbscheck, weil Dich um ein landfremd's G'ripp' kümmern willst?«

Doch Lenes Beleidigungen verfingen bei Stephan nicht im geringsten. Mit unveränderter, gleich strenger Miene fuhr er fort:

»Das landfremde G'ripp' g'hört jetzt zu meinen Dienstboten und lebt in meinem Haus. Ich hab' also das allerbeste Recht, und 's ist sogar 104 meine Schuldigkeit, daß ich mich annehmen tu' um das Mädel. Aber g'wußt hab' ich's schon im voraus, daß ich keine Antwort krieg' von Dir. Warum? Weil D' mir keine Mannsleut' zeigen kannst, die der Kreszenz nachlaufen täten. Die Kreszenz ist drei Wochen in Euerm Haus g'wesen und unter deriger Zeit ist s' nicht über d' Straß kommen und auch in kein' Kirchen ist s' 'gangen, weil s' kein richtiges Sonntagsg'wand g'habt hat, die blutarme Dingin. Erst meine Mutter hat ihr ein's machen lassen, damit s' morgen wieder einmal ins Hochamt kommt und in eine Predigt. Die Kreszenz hat also in unserm Dorf noch keine andern Mannsbilder g'sehen, als Euere zwei alten Knecht' und Deinen Vatern. Und die soll s' verliebt g'macht haben in sie? Scham' Dich, Lene!«

»Warum sagst mir das alles?« fragte sie bissig.

»Weil Deine ganze G'schicht erstunken ist vom Anfang bis zum End'. Weil g'logen hast, wie ein aus'pichter Lugenbeutel. Kein Schelmenstückl hast dem Mädel nicht andichten können; denn die Kreszenz ist goldtreu, und da hätt' Dir jeder Beweis g'fehlt. Was anderes Schlecht's auch nicht; denn sie ist unschuldig wie ein neugebor'nes Kind. Drum hast Dir halt denkt: hilf, was helfen mag, und hast die dickst' aber dabei die allerdümmst' Lug aus'studiert, die man kaum in einem 105 schweren Traum aussinnen kann. Das brave und fromme Mädel soll eine Hex' sein!! Ja, Lene, bist 'leicht gar überg'schnappt vor Gram, weil die Kreszenz so fein und sauber ist? Aber gelt, meine Mutter hat Dich heim'geigt mit Deinem unsinnigen G'wäsch! Solche Dummheiten sind ja rein zum Haarausraufen herg'richt'. Und wegen was hast so schandbar 'naufg'logen auf das Mädel? Weil Du gern sehen tätest, daß meine Mutter sie auch wieder fortschicket. Weil's Dir nur d'rum ist, daß Du sie 'nausbeißen könntest auch aus meinem Haus. Dessentwegen sag' ich noch einmal: Scham' Dich, Lene!«

Unter der Wucht so vieler Vorwürfe, von denen jeder den Nagel auf den Kopf traf, und die der gewöhnlich wortkarge, lässige Spruchbauer diesmal ausnahmsweise mit einem gewissen rednerischen Schwung in Lenes Gesicht schleuderte, glaubte diese, innerlich zusammenbrechen zu müssen. Äußerlich konnte man ihr aber keine Zerknirschung anmerken.

»Bist bald fertig mit Deinem Sermon?« höhnte sie. »G'wiß hast heunt Dein Maul mit Butterschmalz g'schmiert, weil's klappert und plappert ärger als ein Mühlwerk. Jedennoch mich kriegst nicht leicht unter; ich laß' mich nicht bodigen von Dir. Das macht, weil ich 106 keine ungläubige Christin nicht bin, wie Deine Mutter und Du. Ich glaub' noch an Hexen, und 's ganze Dorf glaubt dran, soweit die Leut' keine Halbnarren sind, wie Deinesgleichen. Dessentwegen b'haupt ich auch steif und fest, daß es bei dem Elsenfelder Trampel nicht mit rechten Dingen zugeht. Und Dich hat s' auch schon eing'fangen! Verstell' Dich nur nicht und widersprich mir mit keinem einzigen Schnaufer! Z'erst hast D' ihr nur die Körb' tragen und den Tag drauf stellst Du s' gar als Magd ein. Das ist ein deutlicher Beweis, daß Du ihr auch schon nachlaufst. Aber das sag' ich Dir,« schrie sie in plötzlichem wahnsinnigen Zorn, »wenn Du das gottvergessene Weibsbild nicht augenblicklich wieder fortschaffst aus dem Haus, das bald auch das meinige werden soll, alsdann brauchst Du Dir keine Hoffnung nicht z'machen auf meine Perschon und auf mein Heiratsgut. Alsdann ist alles aus und vorbei zwischen uns. So; – jetzt kannst wählen zwischen mir und einer landfremden Dirn'. Wenn D' lang brauchst, um Dich z' besinnen, bist wirklich der Gischpel, für den die Schattendorfer Dich anschauen.«

Der Spruchbauer hatte während der langfädigen Expektoration des Mädchens seine völlige Ruhe wiedergefunden.

107 »Schau, schau,« sagte er trocken, »jetzt war's doch gut, daß ich hinter den Bienenstöcken vor'kommen bin, um ein bißl z' dischkerieren. Denn Du hast g'rad einen Punkten ang'rührt, über den ich schon lang gern mit Dir ins klare 'kommen wär'. Hab' nur ein klein's wengl Geduld, alsdann kommt meine Antwort, wie der Herr Pfarrer sagt, im zweiten Teil.« – – 108

 


 

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