Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Josef Baierlein >

Der Spruchbauer

Josef Baierlein: Der Spruchbauer - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Spruchbauer
authorJosef Baierlein
yearca. 1910
firstpub1907
publisherJosef Habbel
addressRegensburg
titleDer Spruchbauer
pages215
created20141211
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

16.

Die Wiesenbäuerin war freilich sehr nachsichtig gegen Lenes üble Launen; sie half, wo es anging, gerne mit, den Willen ihrer verzogenen Tochter durchzusetzen, aber sie war keine gewissenlose Frau. Deshalb fruchteten auch die Bitten und Bestürmungen Lenes, welche von ihrer Mutter verlangte, sie solle Kreszenz auch aus dem Spruchbauernhof vertreiben helfen, durchaus nichts.

»Aus unserm Hof hab' ich das Mädel fortg'schickt,« begründete sie ihre Weigerung, »weil ich des Glaubens war, ich hätte dazu ein gutes Recht. Und doch bin ich dessentwegen später wieder zweifelhaft 'worden. Wenn ich damit 'leicht eine Sünd' begangen haben sollt' gegen mein Patenkind, wird mir s' ja unser Herrgott verzeihen. Ich hab's 'tan aus Lieb zu Dir, und weil fremde Leut' hinter den eigenen halt allemal z'rucksteh'n müssen. Aber in der Spruchbäuerin ihrigen Haushalt misch' ich mich nicht ein. Dazu hab' ich keine Befugnis nicht, und die Kreszenz da auch noch aussiz'knörren, das tät ich als ein himmelschreiendes Unrecht betrachten.«

92 Von diesem Standpunkt ließ sich die Frau nicht abbringen. Lene, von Leidenschaft verblendet, beschloß daher, die Sache allein durchzusetzen. Schon am nächsten Samstag bot sich Gelegenheit dazu. Stephans Mutter hängte an dem Holzzaun, der ihren Baumgarten von jenem des Wiesenbauern trennte, einige kleine Wäschestücke zum Trocknen auf. Schnell gesellte sich Lene zu ihr.

»Frau Niedermaierin,« begann sie, ohne lange Vorbereitungen und gleichsam mit der Tür ins Haus fallend, über den Zaun hinüber das Gespräch. »Bei Euch tut ja jetzt die Elsenfelder Schullehrerstochter dienen.«

»Ja, Lene, seit ein paar Tagen,« antwortete die Bäuerin.

»Wie ist denn das so schnell 'kommen?«

»Der Stephan hat mir s' halt als Stubenmädel eing'stellt. Und ich bin wirklich recht froh um sie; ich kann s' gut brauchen.«

Lene lachte hart und höhnisch.

»Wenn Ihr's nur nicht einmal bereuen müßt!« sagte sie, fast zischend vor Ingrimm über das der Gehaßten gespendete Lob.

»Warum?« fragte die Frau befremdet.

»Hat s' Euch denn nicht g'offeriert, weshalb sie von meiner Mutter fort'packt worden ist?«

»G'wiß. – Weil s' halt nicht viel von der Bauernarbeit versteht und dessentwegen von 93 keinem großen Nutzen g'wesen ist in Eurer Ökonomie.«

»Und sonst hat s' nichts g'sagt?« forschte das Mädchen angelegentlich weiter.

»Zu mir kein Sterbenswörtl.«

Lene atmete tief auf. Sie hatte heimlich gefürchtet, die Bäuerin werde jetzt alle Klagen auskramen, die Kreszenz etwa wegen der im Wiesenbauernhof erduldeten Kränkungen und Quälereien vorgebracht hätte; doch schien die Magd wenigstens Stephans Mutter gegenüber davon geschwiegen zu haben. Aber nicht einmal dieser großmächtige Zug des verstoßenen Kindes war imstande, Lenes Herz milder zu stimmen. Im Gegenteil, wenn die Bäuerin nichts davon wußte, daß sie das fremde Mädchen vom ersten Augenblick an als Feindin betrachtet und behandelt hatte, dann hielt sie auch viel leichter die Verleumdungen für wahr, welche vorzubringen Lene mehr denn je entschlossen war.

»Ja, ja,« sagte sie deshalb mit heuchlerischer Miene, »sie hat auch Grund dazu, d' Hauptsach' z' verschweigen. Aber mir tät' es das Herz abdrucken, wenn ich eine so gute Frau, wie Ihr seid, Niedermaiermutterl, im unklaren lassen sollt'. Soll ich Euch also reinen Wein einschenken?«

Die Bäuerin wurde von einer dunklen Angst erfaßt.

94 »Mein Gott,« fragte sie bestürzt, »was ist denn vorg'fallen alsdann?«

»Vorg'fallen ist eigentlich noch nichts; da sind meine Mutter und ich dem herg'loffenen Weibsbild doch z'g'scheit g'wesen und haben ihr überall auf'paßt wie die Haftelmacher, damit sie ihrige Ränk' und Schwänk' nicht hat ausführen können. Aber – – na, ich will die G'schicht kurz machen. Also: daß die Kreszenz ein Trampel ist, selbig's ist ja richtig. Nirgends hat man s' brauchen können, und wo man s' zu einer Arbeit hing'stellt hat, dort hat s' mehr Schaden g'stift' als Nutzen. Je dennoch – das hätt' sich 'leicht g'ändert mit der Zeit, denn bei uns wär' s' ja in einer guten Lehr' g'standen. Aber auf einmal bin ich ihr hinter böse Schlich' kommen, und die haben ihr halt alsdann 's Gnack brochen.«

Die Bäuerin war ganz Ohr. Lene aber hatte sich so sehr in Eifer geredt, daß sie einen Moment verschnaufen mußte.

»Unchristen sind wir ja g'wiß nicht,« fuhr sie fort, nachdem sie wieder zu Atem gekommen, »und keinen Stein haben wir auch nicht innenwendig statt einem Herzen. Wir täten ja nicht einmal ein arm's Vogerl fortjagen, g'schweigens einen Menschen, wenn er nur sonst rechtschaffen und weltläufig ist. Jedennoch – sagt einmal selber, 95 Frau Nachbarin, tätet Ihr eine – – eine Hex' in Euerem Haus b'halten?«

»Jesusmaria!« rief die erschrockene Bäuerin, indem sie sich bekreuzte. »Lene, was für Sachen schwatzest jetzt Du daher?«

»Nur solchene, wo wahr sind. Ich muß Euch doch den richtigen Grund sagen, warum die Elsenfelder Schlampen bei uns kein längeres Bleiben g'funden hat.«

»Weil die Kreszenz eine Hex' sein soll? Aber Lene – das ist ja alles Unsinn und eine pure Unmöglichkeit. Nur im ersten Augenblick, wo Du so unversehens 'raus tappt bist mit selbigem Wort, hab ich mich entsetzt. Aber ich bin schon wieder bei g'sundem Verstand und drum weiß ich auch, daß an denen Sachen nichts ist. Bist 'leicht nicht in der Kirchen g'wesen am letzten Sonntag? Da hat der Herr Pfarrer davon 'predigt, daß Hexerei und Zauberei nur blauer Dunst ist. Wer dran glaubt, steckt im Aberglauben, und wer seinen Nebenmenschen eine Heb heißt, der begeht eine schwere Sünd'.«

Doch Lene wollte sich ja nicht belehren lassen, weshalb sie unentwegt bei ihrer wahnwitzigen Beschuldigung beharrte.

»Der Pfarrer,« entgegnete sie schnippisch. »kann meinetwegen predigen, was er will. Der plaudert gar viel, wenn er nicht schlaft und der 96 Tag lang ist. Aber ich weiß, was ich weiß, und was meine Augen g'seh'n haben, das betrügt mein Herz nicht. Und drum behaupt' ich's noch einmal,. daß dieselbige Fuchtel, die eh nur auf der Wassersuppen nach Schattendorf herg'schwommen ist, 's Zaubern g'lernt hat; und dessentwegen ist sie eine Hex.«

Die Frau schüttelte den Kopf.

»Das begreif' ich nicht,« sagte sie. »Hab' ich doch nirgends nichts g'hört, daß die Küh' in einem Haus blutige Milch 'geben hätten. Auch ist kein Hagelschlag nieder'gangen in der Schattendorfer Flur, und 's Wetter könnt' man sich nicht anders wünschen vor Schönheit.«

»Die schlechte Kreatur kann 'was noch viel G'fährlicheres.«

»So sag's endlich! Warum soll die Kreszenz eine Hex sein? Was hast Unrechtes g'sehen von ihr?«

»Sie macht alle Mannsbilder verruckt,« lautete die gleichsam nur scheu und mit innerlichem Grausen gegebene Antwort. »Jedes Mannsbild, das ihr nahkommt, so daß sie's anglotzen kann mit ihren scheinheiligen Augen, das verliebt sich in das Elsenfelder Laster und muß ihr nachlaufen, ob es will oder nicht.«

Die Bäuerin brach in ein überlautes Gelächter aus.

97 »Jetzt hab' ich schon alleweil 'glaubt, ich werd' Wunder was vernehmen von der Kreszenz,« rief sie. »Ja, einen Augenblick hab' ich g'fürcht', ihr hättet sie über einer Unredlichkeit oder einem anderen schlechten Stückl ertappt und ihr dessentwegen den Laufpaß' geben. Derweil kommst mir mit solchenen lachhaften Sachen daher! Lene, Kind – – Du bist doch nicht hintersinnig 'worden? Da müßten ja alle Weibetser, in die sich ein Mann verliebt, 's Hexen g'lernt haben. Und Du selber auch, wenn Dir einmal ein junger Bursch auf Schritt und Tritt nachlauft und nimmer lassen will von Dir. Nein, nein – die Kreszenz ist halt ein brav's und noch dazu ein bildsauberes Mädel, und in ihriger Schönheit drinn' da liegt ihre ganze Zauberei.«

Das war zu viel für Lene; einen solchen Mißerfolg hatte sie nicht erwartet. Auf ihren Versuch, den in vielen Gegenden des platten Landes leider noch immer grassierenden Aberglauben auszunützen und der Bäuerin Angst vor einer vermeintlichen Hexe einzuflößen, hatte die vernünftige Frau nicht einmal reagiert. Dagegen hatte sie sogar die Bravheit und Schönheit der verlästerten Waise gelobt! Lene drohte zu bersten vor Neid und schickte sich mit boshaft funkelnden Augen an, nunmehr ihren gewichtigsten Trumpf auszuspielen.

98 »Daß Ihr mich auslachen tut,« sagte sie hochmütig, »selbiges ist nicht schön. Frau Nachbarin! Mein guter Willen hätt' schon einen anderen Lohn verdient. Denn daß Ihr 's nur wißt: ich hab Euch halt warnen wollen, damit Ihr die g'fährliche Dingin g'schwind wieder aus dem Haus schafft. Sonst wenn s' Euerm Sohn etwan heimlich auch noch ein Trankl kochen tut, alsdann ist er ganz verlor'n. An'bandelt hat s' ja schon mit ihm und der Stephan – – – Alle guten Geister! –« schrie sie, zu Tod erschrocken, plötzlich auf und prallte ein paar Schritte vom Gartenzaun zurück.

Denn neben seiner Mutter stand, wie aus dem Boden herausgewachsen, der, von welchem sie soeben gesprochen, der Spruchbauer, und sagte ruhig jedoch mit starker Stimme:

»Darf ich 'leicht auch hören, was da von mir g'red't wird?« – – 99

 


 

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.